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Band 5 - Das Amulett der Lady Arden

Plymouth, England, September 1620
»Es funktioniert!« John Hubbarts Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. »Es funktioniert tatsächlich!«, wiederholte er gleich darauf mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Erregung und Angst.
»Still!«, verlangte Amos Cooper scharf und warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
Hubbart nahm sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf das Ritual, das er und seine vier Ordensbrüder durchführten. Sie taten das mit gemischten Gefühlen, denn natürlich war ihnen klar, dass sie alle fünf endgültig ihr Seelenheil verlieren würden, falls sie Erfolg hatten. Bis jetzt waren sie nur Gefahr gelaufen, bei ihren unheiligen Zusammenkünften – und Orgien – entdeckt und als Hexenmeister der Inquisition übergeben und hingerichtet zu werden. Aber das Gelingen dieses Rituals änderte alles. Dennoch war die Verlockung und die Verheißung der Macht, die sie erhielten, wenn es ihnen gelang, das Tor zur Hölle zu öffnen, so übermächtig, dass sie dafür wahrhaft alles aufs Spiel setzten.
Hubbart beobachtete gebannt, wie die Nebelschleier in dem inneren magischen Kreis waberten, den er und die anderen um den im Dickicht des Waldes verborgenen, halb verwitterten Teufelsstein gezogen hatten. Er verdichtete sich zu einem weißen Tuch, das in Wallung geriet, als wäre es ein lebendiges Wesen oder als würde sich dahinter jemand – oder etwas – seinen Weg heraus bahnen. Eine eisige Kälte durchdrang den Schleier, der die Männer frösteln ließ und Hubbart mit einer bösen Vorahnung erfüllte.
Zwar waren sie alle als Diener Luzifers daran gewöhnt, dass um den Herrn der Unterwelt herum die Luft immer etwas kühler war als in der Umgebung, aber sie hatten noch nie eine derart bittere Frostigkeit gespürt, die nicht nur die Luft um sie herum in Eis zu verwandeln schien, sondern auch das Blut in ihren Adern langsam gefror und sogar bis in ihre Seele hinein kroch. Es war grauenhaft.
Ein Laut drang aus dem Nebel, der den Männern die Haare zu Berge stehen ließ und ihnen dermaßen in die Glieder fuhr, dass jede Faser ihrer Körper schmerzhaft zu vibrieren begann. Es war ein tiefes Brüllen, das die Erde erzittern ließ und gleichzeitig ein hohes Kreischen beinhaltete, das alles durchdrang und das man bestimmt bis in die Stadt hinein hören konnte.
Neben Hubbart stöhnte Thomas Carmichael und presste die Hände an die Ohren, um das Geräusch abzublocken. Aus seiner Nase rann Blut, und auch Hubbart fühlte, dass seine Nase blutete. Den anderen erging es nicht besser, doch Amos Cooper war der Einzige, den das nicht zu stören schien.
Er breitete die Arme aus und sprach das Wort, das das Ritual vollendete: »Ma’ishureek!«
Hubbart erschauerte. Er hatte schon manches Wort der Macht gehört, aber noch keines, das derart kraftvoll gewesen war wie dieses, das aus einer unheiligen Sprache stammte, die noch nie von eines Menschen Zunge ausgesprochen worden war. Daraus konnte nur Unheil entstehen, und zwar eines, das, wie er jetzt zu ahnen begann, von Menschen nicht mehr gebannt werden konnte.
Seine anfängliche Begeisterung wandelte sich zu tiefer Furcht, die sich beinahe zur Panik steigerte, als der Nebel schlagartig in der Erde verschwand, als wäre er davon eingesogen worden und den Blick auf das Ergebnis des Rituals freigab.
Der Teufelsstein hatte sich geöffnet, und ein breiter Spalt gab den Blick auf einen eisigen Höllenschlund frei. Riesige Eiszapfen stachen wie Titanenfinger in einen blutroten Himmel, und heftige Stürme fegten jaulend über die Landschaft. Doch diese unwirtliche Gegend war nicht der Grund für das Entsetzen, das sich jetzt unter den Dienern Luzifers ausbreitete. Das Höllenland war bevölkert von grauenvollen Wesen: Skelette, über deren Knochen sich nur noch lederartige Haut spannte und deren beinahe faustgroße Augen in einem bösartigen Höllenrot glühten. Sie alle wandten jetzt die Gesichter dem Höllentor zu und begannen, als sie die Menschen davor stehen sahen, mit einem Ausdruck hungriger Gier auf sie zu zu gehen …
Hubbart stieß einen erstickten Schrei aus und versuchte zu fliehen, aber irgendetwas hielt ihn unwiderstehlich an seinem Platz. Dieses Etwas schob sich wenige Augenblicke später in sein Blickfeld. Hatten ihn die lebenden Skelette schon in Panik versetzt, so verursachte ihm der Anblick dieses Wesens – dieses Dämons – die schlimmste Furcht seines Lebens. Sein Herz setzte mehrere Schläge aus, ehe es sich überschlagend weiterpolterte.
Der Dämon überragte jeden Menschen um mindestens das Doppelte, sodass er Mühe hatte, sich durch den Spalt im Teufelsstein zu quetschen. Er sah aus wie ein Riese, dessen Gliedmaßen grob aus Stein gehauen waren – nein: aus Eis. Seine großen Augen glühten gelb, und scharfe Reißzähne wuchsen aus seinem Maul. Als er seinen Blick über die Diener Luzifers schweifen ließ, entrang sich ein tiefes Grollen seiner Kehle. Mit einer überraschend schnellen Bewegung packte er Joshua Carter, der nicht einmal mehr dazu kam zu schreien, und riss ihm den Kopf vom Körper. Eine Fontäne von Blut spritzte aus dem Halsstumpf und besudelte die Diener Luzifers.
Selbst Amos Cooper empfand jetzt nur noch nacktes Entsetzen. »Weiche, Satan!«, brüllte er ihm entgegen.
Doch das hatte nicht die geringste Wirkung auf den Eisriesen. Es machte ihn im Gegenteil wütend. Er warf Joshuas Leiche über die Schulter in den Höllenschlund hinter sich, ballte eine seiner Pranken zur Faust und drosch damit von oben auf Cooper ein. Es gab ein sehr hässliches Geräusch, als dessen Körper unter der schieren Gewalt dieses Schlages förmlich zerquetscht wurde. Alle seine Knochen zersplitterten mit einer solchen Macht, dass sie teilweise wie kleine Pfeile durch das Fleisch nach außen schossen.
Der Dämon ließ von der unförmigen, blutigen Masse ab, die einmal Amos Cooper gewesen war, und wandte sich Hubbart zu, während die Skelettwesen sich geifernd auf die beiden Toten stürzten, ihre Überreste in Stücke rissen und sie gierig verschlagen. Hubbart schloss mit seinem Leben ab.
Die Luft flimmerte unmittelbar vor ihm, und aus dem Nichts heraus tauchte eine hochgewachsene, schwarzhaarige Frau auf. Sie machte eine kurze Bewegung mit der Hand, und eine Salve von Flammenkugeln traf den Eisriesen. Eine weitere Salve fuhr in die Skelettwesen, die kreischend Feuer fingen und innerhalb weniger Augenblicke zu Asche verbrannten.
»Pikánee al shóporu! Ígan ríguni! Ríguni! Ríguni!" (1)
Ihre Stimme hallte wie das Grollen eines Donners, und ein solcher folgte ihren Worten auf dem Fuß. Der Eisdämon brüllte auf und wurde von der unheiligen Magie des Zaubers regelrecht von den Füßen gerissen. Sie stieß ihn in den Höllenschlund zurück, dessen Tor sich hinter ihm mit demselben unerträglichen Geräusch wieder schloss, mit dem es sich geöffnet hatte. Danach war alles still.
Die Frau trat an den Teufelsstein und entfernte einen handtellergroßen schwarzen Diamanten von seiner Oberfläche, der in einer genau für seine Form geschaffenen Vertiefung steckte. Sie zog eine goldene Kette mit einem filigranen Geflecht aus Golddraht aus dem Ausschnitt ihres Kleides, klappte es auf und bettete den schwarzen Diamanten in seine Halterung. Anschließend wandte sie sich mit vor Wut funkelnden grünen Augen zu den Männern um.
»Ihr Narren!«, fuhr sie Hubbart an, der als einziger noch aufrecht stand. »Ist euch eigentlich bewusst, was ihr getan habt?«
John Hubbart war unfähig, ihr zu antworten oder sich überhaupt zu rühren. Joshua Carter und Amos Cooper waren dem Eisdämon zum Opfer gefallen, und Thomas Carmichael lag ohnmächtig am Boden. Der Fünfte in ihrem Bunde lag zwar äußerlich unverletzt am Boden, doch er war dennoch tot. Das Entsetzliche, das hier geschehen war, hatte sein Herz stillstehen lassen, und John Hubbart begann ihn in diesem Moment zu beneiden.
Er zitterte am ganzen Körper vor Grauen, so stark, dass seine Zähne hörbar aufeinander schlugen. Die Frau war mit wenigen Schritten bei ihm und schlug ihn mit einer Kraft ins Gesicht, die keine normale Frau besitzen konnte. Der Schmerz erzielte immerhin die erwünschte Wirkung, und er kam wieder zu sich. Sein Blick richtete sich auf das Blutbad vor dem Teufelsstein und er übergab sich stöhnend, bis sein Magen vollkommen leer war.
Die schwarzhaarige Schöne verzog das Gesicht zu einer Grimasse der Verachtung. »Ich erwarte eine Antwort!«, zischte sie Hubbart an, und der Blick ihrer Augen war derart zwingend, dass er nicht anders konnte, als ihr die Wahrheit zu sagen.
»Amos war überzeugt, dass Ihr uns niemals den Schlüssel zum Teufelsstein geben würdet, Mylady. Er fürchtete, dass Ihr Eure Macht nicht mit uns teilen würdet. Deshalb hat er ihn Euch gestohlen, um das Ritual heimlich durchzuführen.«
»Natürlich teile ich meine Macht nicht mit euch Dummköpfen!«, fuhr sie Hubbart an. »Sie ist nichts für sterbliche Menschen.« Sie warf die Arme in die Luft. »Ihr ahnt ja gar nicht, was ihr getan habt!«
Hubbart kroch vor ihrem Zorn in sich zusammen und wagte nicht, ihr in die Augen zu sehen.
Lady Arden Seton, Countess of Winton, war eine überirdisch schöne Frau, und sie verfügte über mehr magische Macht als die fünf Männer zusammen. Sie hatte den Magischen Zirkel der Diener Luzifers vor ein paar Monaten gegründet, und Hubbart vermutete schon seit Langem, dass sie nicht nur eine mächtige Hexe, sondern möglicherweise selbst ein Höllengeschöpf war. Immerhin hatte sie es nach ihrem Auftauchen aus dem Nichts innerhalb nur weniger Tage geschafft, dass James Seton, Earl of Winton ihren Reizen derart verfallen war, dass er sie gegen den Widerstand seiner Familie so schnell heiratete, wie es die Gesetze erlaubten. Und jeder, der danach noch gewagt hatte, etwas gegen die neue Lady Seton zu sagen, war schon bald darauf auf mysteriöse Weise gestorben.
»W-was sollen wir jetzt tun, Mylady?«, wagte Hubbart schließlich zu fragen und fürchtete schon, dass sie ihn in ihrem durchaus berechtigten Zorn auch töten würde. »Wir wollten doch nur …«
»Schweig! Oder ich vergesse mich!«, zischte sie aufgebracht. Sie zögerte kurz, und Hubbart hatte fast den Eindruck, als würde sie sich ebenfalls fürchten. Doch das war natürlich Einbildung. Ein so mächtiges Wesen, das sogar den furchtbaren Eisdämon zurück in die Hölle schicken konnte und noch dazu in Luzifers Gunst stand, fürchtete niemanden.
»Ihr zwei«, sie deutete auf Hubbart und Thomas Carmichael, der immer noch bewusstlos war, »werdet das Land verlassen. Heute noch. In zwei Tagen läuft die Mayflower zu den neuen Kolonien in Übersee aus. Ihr werdet mit ihr segeln und niemals zurückkehren, solange ihr lebt.«
»Aber ...«, hob Hubbart an zu protestieren, doch der eisige Blick aus ihren katzenhaften grünen Augen brachte ihn augenblicklich zum Schweigen. »Ihr werdet gehorchen!«, befahl sie scharf und hielt das Amulett hoch. »Ich habe das hier an mich gebracht, damit dieses Tor niemals geöffnet werden kann. Und ihr Narren habt genau das getan, was ich aus gutem Grund verhindern wollte. Ich sollte euch beide auf der Stelle dafür töten.« Sie schüttelte den Kopf. »Doch davon wird das Unheil weder aufgehalten noch ungeschehen gemacht.«
Lady Arden nahm das Amulett vom Hals, hielt es mit beiden Händen von sich weg und begann einen Zauber in jener unheiligen Sprache zu singen, mit der sie die Höllengeschöpfe zurückgetrieben hatte. Hubbart konnte erkennen, wie sich ein grünlicher Schimmer über den schwarzen Diamanten legte, der schließlich auf den Teufelsstein übergriff und ihn vollständig einhüllte. Lady Arden erhob die Stimme und rief:
»Len’ríguni uméy su númak!«
Darauf folgte ein so heftiger Donner, dass die Erde erzitterte und John Hubbart sich unwillkürlich zu Boden warf und seinen Kopf in seinen Armen verbarg. Er sah erst wieder auf, als er fühlte, dass Lady Arden neben ihm stand. Sie hielt ihm das Amulett hin.
»Nimm es«, befahl sie. »Bring es in die Neue Welt und hüte es gut. Es ist ein Erbstück deiner Familie. Du und Thomas, ihr werdet euch den Puritanern anschließen, die mit der Mayflower das Land verlassen und drüben in der Neuen Welt unser Werk fortsetzen.«
Hubbart nickte ergeben. Lady Arden gab ihm noch eine Reihe weiterer Anweisungen, und mit jedem ihrer Worte wurde sein Wunsch, zusammen mit Thomas in die Neue Welt zu reisen und niemals zurückzukehren, drängender, bis er an nichts anderes mehr denken konnte.
Als er wieder zu sich kam, befand er sich mit Thomas Carmichael am Hafen von Plymouth und bezahlte seine Passage auf der Mayflower. Lady Ardens Amulett, das er in einem an die Innenseite seines Gürtels genähten kleinen Ledertäschchen verborgen trug, hatte er ebenso vollkommen vergessen wie seine Bedeutung. Wenn er es irgendwann wieder entdeckte, so würde er sich nur noch daran erinnern, dass es schon seit vier Generationen ein Erbstück seiner Familie war ...

Lady Arden war sich nur allzu bewusst, dass sie die Katastrophe, die Amos Cooper und die anderen Mitglieder der Diener Luzifers verursacht hatten, nicht mehr aufhalten konnte. Dabei war es so brillant gewesen, den Schlüssel zum Portalstein als Schmuckanhänger zu tarnen – und ein schwerwiegender Fehler, ihn jemals abzulegen. Doch sie konnte ihn unmöglich mit all der Magie, die in ihm wohnte, bei einem Beschwörungsritual tragen. Sie hatte den Stein in der geheimen Schmuckschatulle in ihrem Schlafzimmer versteckt und nicht bemerkt, dass sie dabei beobachtet worden war von einem Diener, den Amos bestochen hatte, damit er ihm den Schlüsselstein brachte, sobald Arden ihn ablegte.
Sie hatte die Gier der Menschen nach Macht ebenso unterschätzt wie deren Dummheit, die sie dazu verleitete, sich mit Kräften einzulassen, von denen sie nicht einmal träumen konnten, sie jemals auch nur annähernd zu beherrschen. Und natürlich hätte sie ihnen niemals ein paar Zaubersprüche in Unadru, der Sprache der Dämonen, beibringen dürfen, die viel zu mächtig waren für schwache Sterbliche.
Arden war sich vollkommen darüber im Klaren, dass diese Fehler sie das Leben kosten würden, und am liebsten hätte sie Hubbart und Carmichael zur Strafe dafür getötet, hätte sie so grausam und qualvoll umgebracht, wie sie selbst sterben würde. Doch sie brauchte diese Narren, um den Schlüsselstein in Sicherheit zu bringen. Niemand durfte erfahren, wohin er gebracht wurde. Ja, nicht einmal sie selbst durfte es wissen.
Dieser Schlüssel öffnete in jedem Portalstein zur Unterwelt – ganz gleich, wo es sich befand – die Dimension der Eisdämonen, jener abgeschiedenen »Tasche« im Gefüge der Unterwelt, die selbst Luzifer ausschließlich mit Hilfe dieses Schlüsselsteins und eines Portals erreichen konnte. Und wer den Schlüsselstein besaß, hielt auch die Macht über die Eisdimension und seine schrecklichen Bewohner in den Händen ...
Doch Arden hatte den Schlüssel ihrem Meister Luzifer nicht deswegen gestohlen und ihn mit einem Zauber so geschützt, dass nicht einmal der Herr der Unterwelt ihn wieder aufspüren konnte – solange er nicht benutzt wurde. Und dank der bodenlosen Dummheit von Amos und seinem Gefolge wusste Luzifer nun, wo sich der Stein befand, denn er musste die Erschütterung unweigerlich gefühlt haben, die das Öffnen der Eisdimension verursacht hatte. Es war nur eine Frage der Zeit – sehr kurzer Zeit, keine Frage! – bis er kam, um sich zurückzuholen, was rechtmäßig ihm gehörte.
Aber Nerinor, der Herr der Eisdämonen, hatte Arden ein Angebot gemacht, das sie unmöglich ablehnen konnte. Er wollte allein über sein Reich herrschen und nicht mehr ein Vasall Luzifers sein, nach dessen Wünschen er zu springen hatte, solange der den Portalstein zur Eisdimension besaß. Deshalb hatte er mit dem gegenwärtigen Lieblings-Sukkubus des Herrn der Unterwelt – Tai’Ardenia – einen Handel geschlossen. Sie besorgte ihm den Schlüsselstein, und er verlieh ihr dafür eine größere magische Macht, als ein einfacher Sukkubus jemals träumen konnte zu erlangen.
Ardenia war sich natürlich bewusst, dass es ein fataler Fehler wäre, Nerinor den Stein zu geben, denn damit hätte sie ihm auch ungehinderten Zugang zur Welt der Menschen gewährt. Schon sein letztes Wirken auf der Erde hatte zu einer Eiszeit geführt, während der Unmengen von Spezies unwiederbringlich ausgelöscht worden waren. Und es war nicht auszudenken, was in dieser Zeit mit all den Menschen passierte, die jetzt auf der Erde lebten.
Aber das Verlangen nach der von Nerinor versprochenen Macht war überaus groß gewesen, und so hatte Ardenia zwar den Stein gestohlen und dem Eisdämon gebracht; doch kaum hatte er ihr die Magie übertragen, war sie mit dem Schlüsselstein geflohen und hatte die Eisdimension versiegelt, um Nerinor und die Seinen für immer darin einzuschließen.
Doch sie hatte sich eine Hintertür offen halten wollen und deshalb den Schlüssel nicht mit dem endgültigen Bann versehen, mit dem sie ihn jetzt – viel zu spät – versiegelt hatte. Ein weiterer fataler Fehler, der sich nun rächte. Das Einzige, was ihr noch zu tun übrig blieb, war zu verhindern, dass Luzifer den Schlüssel zurückbekam. Zwar machte das nun keinen Unterschied mehr, denn auch er konnte damit nichts mehr anfangen; aber sie wollte ihm den Triumph nicht gönnen, dass Ardenia gescheitert war. Mochte er sie bestrafen, wie es ihm gefiel, den Stein würde er nicht finden.
Sie traf ihre letzten Vorkehrungen und kehrte danach zum Schloss der Grafen von Winton zurück, um es hinter sich zu bringen.
Sie wusste, dass ER da war, im selben Moment da sie das Schloss betrat, noch ehe er wie aus dem Nichts heraus vor ihr stand. Im Gegensatz zum Erscheinen bei seinen letzten Besuchen – zu denen er nichts getragen hatte als nackte Haut – trug er diesmal seine bevorzugte Kleidung: eine eng anliegende, schwarze Seidenhose und ein weites, schwarzes Rüschenhemd aus glänzender Seide, das bis zum Nabel offen stand und die perfekten Muskeln seines perfekten Körpers zeigten.
Obwohl seine schwarzen Augen sie drohend anblickten, empfand Lady Arden ein so heftiges sinnliches Begehren, dass sie sich beherrschen musste, um sich nicht die Kleider vom Leib zu reißen und sich diesem Wesen mit der überirdisch schönen Gestalt anzubieten. Sie sank auf ein Knie und beugte demütig das Haupt.
»Meister«, murmelte sie ehrfürchtig.
Er packte sie brutal am Hals und riss sie hoch. »Wie schön, dass du dich noch daran erinnerst, wer dein Meister ist, Ardenia«, zischte er wütend. »Dachtest du, du könntest mich ungestraft hintergehen? Mich – Luzifer, den Herren der Unterwelt?«
Er schleuderte sie wie eine Puppe zur Seite. Sie prallte mit einem hässlichen Geräusch und einer solchen Gewalt gegen die steinerne Wand des Raums, dass es einem Menschen sämtliche Knochen gebrochen hätte. Doch ein Sukkubus spürte solche Schmerzen kaum. Ardenia erhielt allerdings keine Gelegenheit, aus eigener Kraft wieder aufzustehen, denn schon war Luzifer bei ihr und drückte ihr erneut die Kehle zu.
»Wo ist der Schlüsselstein, den du mir gestohlen hast?«, verlangte er zu wissen.
Die Dämonin brachte es fertig zu lächeln, obwohl sie kaum noch Luft bekam. »Das wirst du nie erfahren.«
Luzifer quittierte das mit einem bösen Lächeln und wirkte einen Zauber, dessen Macht sich in ihren Geist bohrte und dort überaus schmerzhaft nach der Antwort suchte, die er haben wollte. Und diesmal spürte Ardenia das volle Ausmaß des Schmerzes. Sie sackte stöhnend zu Boden, und Luzifer blickte mitleidlos auf sie herab.
»Nicht schlecht, Ardenia«, stellte er fest, und in seiner Stimme schwang ein Hauch von Anerkennung. »Du hast einen Vergessenszauber über dich selbst gewirkt. Aber du denkst doch nicht ernsthaft, dass mich das aufhält. Ich werde den Schlüssel schon finden. Aber du«, er lächelte boshaft, »wirst für deinen Frevel büßen, wie nur ich dich büßen lassen kann. Hast du ernsthaft geglaubt, dich mir widersetzen zu können?«
Die Dämonin wusste, dass sie dem Tod geweiht war und gönnte Luzifer nicht den Spaß, sie vor ihm betteln zu sehen. Sie lächelte ihm kalt ins Gesicht.
»Und hast du ernsthaft geglaubt, dass du so unwiderstehlich bist, dass ich mich deshalb mit dir abgegeben habe?« Sie lachte. »Es war schön, eine Zeitlang deine Gunst zu genießen. Aber Nerinor hat mir ein besseres Angebot gemacht.«
Luzifers Augen flammten vor Wut, und er gab eine gereiztes Knurren von sich. Mit einer gebieterischen Geste streckte er ihr die Hand entgegen und warf einen neuen Zauber über sie. Ardenia verspürte das unwiderstehliche Verlangen, sich ihm in die Arme zu werfen und von ihm genommen zu werden. Sie riss sich die Kleider vom Leib, ließ sich auf allen Vieren nieder und bot sich ihm an, wie er es liebte, sie zu nehmen. Doch als er gleich darauf mit seinem harten Glied in sie eindrang, hatte sie keine Freude daran, denn Luzifer belegte sie mit einem weiteren Zauber, der ihr in jeder Faser ihres Körpers unglaubliche Schmerzen verursachte.
»Und glaube nicht, dass dies alles ist, was du zu erleiden hast, Ardenia«, teilte er ihr beiläufig mit, während er immer wieder in sie stieß. »Der Narr, der glaubt, dein Ehemann zu sein, wird in wenigen Augenblicken hier erscheinen. Jemand hat ihm zugetragen, dass seine Frau eine Hexe ist. Und ich werde dich ganz seiner Gnade überlassen.«
Ardenia war sogar das in diesem Moment gleichgültig. Sie wollte nur, dass dieser Schmerz endlich aufhörte. Doch ihr Körper gehorchte nicht ihr, sondern Luzifer, und so kam es, dass ihr Leib sich gerade in dem Moment äußerlich lustvoll unter ihm wand, als die Tür aufgerissen wurde und der Earl of Winton eintrat. Doch Luzifer beließ es nicht dabei, Ardenia in dieser kompromittierenden Situation zu präsentieren, wie sie auf allen vieren am Boden hockte und wie ein Tier von hinten penetriert wurde.
Luzifer wandelte seine Gestalt und zeigte sich dem Earl und den Männern, die bei ihm waren, in der Gestalt, die die Menschen dem Teufel zuschrieben: einen menschenähnlichen Ziegenbock mit rotglühenden Augen im Ziegenkopf, behaarten Ziegenbeinen und Hufen als Füße. Er wandte den Kopf den Menschen zu, bleckte das Ziegengesicht zu einem bösartigen Grinsen, streckte seine lange Zunge heraus und leckte Ardenia damit mit einer lasziven Bewegung über den Rücken, worauf sie einen Schrei höchster Lust ausstieß und ihren Körper unter ihm in ekstatischen Zuckungen wand, die sogar noch anhielten, als Luzifer sich längst mit einem spöttischen Lachen vor den Augen der Männer in Luft aufgelöst hatte.
James Seton Earl of Winton starrte entsetzt auf das Bild, das sich ihm bot und bekreuzigte sich mehrfach, ehe er seine nackte Frau mit einem Ausdruck von Abscheu musterte.
»Es ist also wahr, was man mir zugetragen hat. Ihr seid eine Hexe! Eine verfluchte schwarze Zauberin! Eine Teufelsbuhlin! Sagt an: Mit was für einer Hexerei habt Ihr mich betört, dass ich Euch heiratete?« Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern brüllte nach seinen Wachen.
Ardenia hielt es für geraten, schnellstens zu verschwinden. Doch zu ihrem Entsetzen schlug ihr Versuch, durch die Dimensionen zu springen, vollkommen fehl. Ebenso versagte ihre Lockmagie, mit der sie bisher jeden Mann unwiderstehlich betört hatte. Fassungslos begriff sie, dass Luzifer sie ihrer gesamten magischen Kräfte beraubt hatte. Und mehr noch: Er hatte sie ganz bewusst der Willkür der Menschen preisgegeben.
Sie sprang auf und versuchte zu fliehen, doch Setons Wachen hatten sie schnell eingeholt, zu Boden geworfen, gefesselt und sperrten sie, nackt wie sie war, ins Verlies des Schlosses, wo man sie nur wenige Tage später der Inquisition und ihrer Folterknechte auslieferte. Und Ardenia erlebte deren virtuose »Kunst« mit der Schmerzempfindlichkeit eines neugeborenen Menschenkindes, eine Qual, von der sie nicht geahnt hatte, dass sie existieren könnte. Luzifer stand während der ganzen Zeit unsichtbar neben ihr, verhöhnte sie und flüsterte den Folterknechten immer neue Methoden ins Ohr, mit denen sie sie wirkungsvoll martern konnten.
Zwei Wochen später wurde das geschundene Bündel blutigen Fleisches, das einmal für die Menschen Lady Arden Seton, Countess of Winton gewesen und jetzt kaum noch am Leben war, als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wo das Feuer sie gnädig von den Qualen erlöste.

Cleveland, Ohio, September 2008
Samantha »Sam« Tyler begrüßte ihren neuen Klienten, Tom Johnson und seine Frau Sandra mit einem festen Händedruck und einem Lächeln. Die Familie, die sie engagiert hatte, um ihr Haus am 8031 Lake Shore Boulevard in Plainesville, einem Vorort von Cleveland, sicherheitstechnisch auf den neuesten Stand zu bringen, war offensichtlich mit ihren Nerven am Ende, was sich nicht nur in den Sorgenfalten der Eltern ausdrückte, sondern vor allem auch in den überaus ängstlichen Gesichtern der beiden kleinen Mädchen, die sich furchtsam an ihre Mutter pressten. Sam lächelte den Kindern gewinnend zu und hoffte, dass sie das von ihrer Harmlosigkeit überzeugte, denn das jüngste Mädchen war gerade vier Jahre und damit in einem Alter, in dem Kinder Geister und andere nichtmenschliche Wesen wie zum Beispiel einen Sukkubus sehr deutlich wahrnehmen konnten.
Das traf offenbar auch auf die Kleine zu. Doch was immer sie in Sam sah, war wohl nichts Böses, denn sie fragte sie mit großen Augen hoffnungsvoll: »Kannst du bitte den bösen Geist vertreiben, der hier wohnt?«
»Aber Mary«, versuchte Maggie Johnson verlegen, ihre Tochter zum Schweigen zu bringen. »Wir haben euch doch erklärt, dass ein Einbrecher der böse Mann ist. Es gibt keine Geister.«
»Gibt es doch!«, beharrte die Kleine.
»Schon gut, Mrs. Johnson«, beschwichtigte Sam und beugte sich zu dem Mädchen hinab. »Mary, wenn ich mit meiner Arbeit hier fertig bin, wird sich nie wieder ein Geist oder ein anderes böses Wesen in euer Haus trauen. Großes Ehrenwort.«
»Sie sollten Mary nicht auch noch in solchen Hirngespinsten bestärken, Miss Tyler«, mahnte Tom Johnson.
»Ach, in dem Alter ist es völlig normal, an Geister zu glauben«, beruhigte Sam ihn. »Das gibt sich, sobald sie älter ist.«
Und Sam hatte nicht vor, dem Mann zu erklären, dass die Einschätzung seiner kleinen Tochter akkurat korrekt war. Im Haus der Johnsons gab es einen Geist oder ein anderes Wesen aus der Unterwelt, ein ziemlich bösartiges noch dazu, das die Familie terrorisierte und die Ursache für den zunehmenden nächtlichen Vandalismus, Maggie Johnsons zerfetzte Kleider und die grausam getöteten Haustiere war. Andernfalls hätten sie wahrscheinlich nicht Sam engagiert, sondern eine Sicherheitsfirma, die weiter vorn in den Gelben Seiten zu finden war. Aber Sam hatte ihren Eintrag ins Branchenbuch mit einem Zauber versehen, dass alle Leute, die die Hilfe ihrer ganz speziellen Fähigkeiten brauchten, automatisch ihre Detektei auswählten, nachdem sie erst einmal so weit waren, dass sie das Engagieren eines Sicherheitsexperten, Privatdetektivs oder Bodyguards in Betracht zogen.
Die Johnsons verdächtigten einen missgünstigen Nachbarn und ahnten nicht, dass die Ursache ihres Ungemachs in der eigenen Familie lag, und Sam musste nicht lange danach suchen. Jessie, Tom Johnsons Tochter aus seiner ersten Ehe, stand im Hintergrund und strahlte eine unglaubliche Wut aus. Das Mädchen war ungefähr fünfzehn, befand sich mitten in der Pubertät und verfügte außerdem über erst kürzlich erwachte magische Fähigkeiten.
Wahrscheinlich hatten die sich mit einer geschärften Wahrnehmung für das Okkulte oder Visionen bemerkbar gemacht, aufgrund derer Jessie wohl ein bisschen nachgeforscht hatte. Jugendliche in ihrem Alter waren schnell von der geheimnisvollen Welt des Okkulten fasziniert. Da es auf dem Markt leider eine Unzahl von »Fachbüchern« gab, die sich mit »Magie« beschäftigten, in der Regel aber nicht das Papier taugten, auf dem sie geschrieben standen, war es für junge Menschen wie Jessie unmöglich zu erkennen, welche Bücher tatsächlich korrekte Informationen enthielten. Offensichtlich war sie bei ihrer Suche aber zufällig auf eins gestoßen, das zumindest einen wirksamen Zauber enthielt, nämlich den, wie man einen Geist oder Dämon beschwor. Sam konnte dessen faulige Ausstrahlung an ihr förmlich riechen.
Vielleicht war sich Jessie gar nicht dessen bewusst, aber dadurch, dass sie sich mit einem bösen Geist eingelassen hatte, war sie bereits auf dem besten Weg, ihre magischen Kräfte zu missbrauchen. Wenn ihr niemand Einhalt gebot, würde dieser Weg sie geradewegs ins Verderben führen und noch unzählige Menschen mit ihr, angefangen bei ihrer Familie.
»Ich werde mich erst mal im ganzen Haus umsehen«, erklärte Sam jetzt Tom und Maggie Johnson, »und mal sehen, ob ich herausfinde, wie Ihr missgünstiger Stalker es angestellt hat, unbemerkt ins Haus zu kommen. Danach versiegele ich diesen Eingang und werde Ihr ganzes Haus mit Sicherheitsequipment ausstatten. Alarmanlagen an den Fenstern und Türen, Kameras für das Grundstück und so weiter.«
»Ich hoffe, wir können uns das alles leisten, Miss Tyler. Ich bin kein reicher Mann, müssen Sie wissen.«
»Über den Preis einigen wir uns schon, Mr. Johnson«, beruhigte Sam ihn. »Ich pflege mein Honorar und sonstige Gebühren dem Geldbeutel meiner Klienten anzupassen und habe auch nichts gegen Ratenzahlung einzuwenden.«
»Vielen Dank!«
»Keine Ursache. Wenn Sie erlauben, sehe ich mich allein überall um. Ich möchte im Keller anfangen, weil sich dort in der Regel die meisten Sicherheitslücken bei Häusern wie Ihrem befinden. Tun Sie einfach so, als wäre ich nicht da. Ich melde mich, sobald ich etwas entdecke.« Und das würde sie mit Hilfe von ein bisschen Magie überaus glaubhaft und zweifelsfrei bewerkstelligen.
Bereits eine halbe Stunde später konnte sie den Johnsons eine hinter einem leeren Schrank verborgene Tür präsentieren, die durch einen kurzen unterirdischen Gang zu einer unter einem Haufen Reisig verborgenen Falltür hinter dem Haus führte und vor wenigen Minuten noch nicht vorhanden gewesen war. Ebenso fabrizierte sie die Spuren eines Mannes, die von der Straße her auf die Falltür zu führten und eindeutig nicht von dem verdächtigten Nachbarn oder seinem Grundstück stammten. Tom Johnson rief sofort eine Baufirma an, um diesen Eingang schnellstmöglich zuschütten zu lassen.
Sam machte sich inzwischen an den zweiten Teil ihrer Aufgabe und versah die Fenster und Außentüren des Hauses mit den modernsten Alarmanlagen, die völlig drahtlos funktionierten. Obwohl der Hersteller versicherte, dass die Geräte gegen Störimpulse von außen gesichert waren, fügte Sam ihnen noch einen entsprechenden Zauber hinzu, der das auch tatsächlich garantierte.
Als sie die Anlage in Jessies Zimmer anbringen wollte, hockte das Mädchen mürrisch auf dem Bett und starrte Sam finster an. In ihrem Zimmer war die Ausstrahlung der negativen Magie am stärksten, was auch kein Wunder war. Zwar hatte Jessie alle sichtbaren Spuren ihrer Beschwörungsrituale verwischt, doch deren Signaturen waren immer noch da und für magische Sinne durchaus sichtbar. An denen erkannte Sam, dass sie keinen Geist, sondern einen Dämon beschworen hatte, der zwar einer niederen Ordnung angehörte und über nicht allzu viel Macht verfügte, der aber durchaus in der Lage war, die ganze Familie umzubringen.
Allerdings war Jessies eigene Ausstrahlung nicht vollkommen böse, sondern eher indifferent, obwohl sie sich der dunklen Seite bereits erheblich zugeneigt hatte. Sam setzte schon zu einem Zauber an, der ihr die magischen Kräfte für immer nehmen würde; doch eine seltsame Vorahnung hinderte sie daran. Es war keine Vision oder Hellsichtigkeit wie die, über die ihre Cousine Aliada verfügte, aber ein so starker Impuls, dass sie sich entschied, die Sache auf eine andere Art zu handhaben.
Während sie Jessies Ausstrahlung in sich aufnahm, stellte sie fest, dass es sich bei diesem Mädchen nicht nur um einen fehlgeleiteten Teenager handelte, dessen weiteres Schicksal völlig unbedeutend war. Sie hatte das intensive Gefühl, dass Jessie Johnson zu Höherem bestimmt war und ihre Entscheidung für das Gute oder das Böse noch weitreichende Konsequenzen haben konnte, ebenso wie das Auslöschen ihrer magischen Kräfte. Zwar hatte Sam nicht die leiseste Ahnung, woher diese Eingebung kam, aber sie war sich sicher, dass sie damit richtig lag. Deshalb setzte sie sich jetzt Jessie gegenüber auf einen Stuhl, bevor sie sich an die Arbeit machte, und blickte das Mädchen ernst an.
»Was ist dein Problem, Jessie?«, fragte sie rundheraus.
»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, brummte das Mädchen missmutig. »Tun Sie einfach Ihre Arbeit und dann verschwinden Sie.«
»Kann ich nicht«, antwortete Sam. »Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass du deiner Familie weiterhin schadest.«
Ein misstrauischer Ausdruck trat in Jessies Augen. »Ich habe keine Ahnung, wovon Sie eigentlich reden«, wich sie aus.
Sam schnaufte ironisch. »Kindchen, glaubst du etwa, du bist die Einzige, die magische Kräfte besitzt? Ich kann die Ausdünstung des Dämons riechen, den du auf deine Familie losgelassen hast. Er klebt an dir wie das sprichwörtliche Pech und Schwefel. Und du hast nicht die leiseste Ahnung, auf was für eine verdammt gefährliche Sache du dich da eingelassen hast. Eine, die du gar nicht im Griff hast. Du darfst niemals irgendwelche Dämonen oder andere Wesen beschwören und sie auf andere Menschen hetzen.«
»Die haben es doch verdient!«, fauchte Jessie wütend und explodierte fast vor Empörung. »Seit Maggie da ist, bin ich nur noch Luft für meinen Dad. Seit ihre kostbaren kleinen Bälger geboren wurden, hackt er nur noch auf mir herum. Für Maggie war ich von Anfang an ein Störfaktor, und die Kleinen hassen mich sowieso, weil Maggie sie gegen mich aufhetzt. Ich gebe ihnen allen nur zurück, was sie mir angetan haben!«
Sam schüttelte den Kopf. »Das ist nicht wahr«, korrigierte sie. »Keiner von ihnen hat deine Sachen zerstört, wie du es mit Maggies getan hast. Keiner von ihnen hat deine geliebten Haustiere umgebracht. Du gibst ihnen nichts zurück, du tust ihnen willkürlich und völlig unangemessenes Leid an. Und das ist durch nichts zu rechtfertigen. Außerdem gibst du dem Dämon mit deiner Wut immer mehr Macht, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er sich deiner Kontrolle vollkommen entzieht. Und dann wird er erst deine Familie töten, einschließlich deines Daddys und zuletzt dich.«
Jessie verzog höhnisch das Gesicht. »Das ist doch gar nicht wahr! Und jetzt verschwinden Sie besser, sonst lasse ich den Dämon auf Sie los.«
Sam grinste wölfisch. »Nur zu! Das erspart es mir, ihn hierher zu locken, um ihn zu vernichten.«
Man sah es Jessie an, dass sie zwischen dem Bedürfnis schwankte, es Sam so richtig zu zeigen und der Vorsicht, zu der ihr Verstand ihr riet. Doch ihre Wut gewann. Sie breitete die Arme aus und sprach einen Zauber. Sam erkannte schon an den ersten Worten, dass sie den aus einem Buch mit dem bezeichnenden Titel »Witchcraft and Black Magic« (2) hatte, das Sam zufällig kannte. Sie tat nichts, um Jessie aufzuhalten, und im nächsten Moment war der Dämon zur Stelle, ein gnomartiges Wesen, dessen körperliche und magische Kraft ein Mensch aber nicht unterschätzen durfte.
Der Dämon starrte erst Sam und danach Jessie aus bösartigen gelben Augen an und wich einen Schritt vor Sam zurück. Ganz offensichtlich spürte er ihre Macht.
Jessie deutete auf Sam. »Schaff sie mir vom Hals!«, befahl sie triumphierend.
Doch der dämonische Gnom dachte nicht im Traum daran. Da er Sams Macht wahrnahm, fürchtete er zu recht um sein Leben, falls er sie angriff. Deshalb tat er das, was alle Dämonen seiner Art in solchen Situationen zu tun pflegten – und Jessie erfuhr Sekunden später am eigenen Leib, in welche Gefahr sie sich begeben hatte. Da der Dämon seinen Auftrag nicht ausführen konnte, ohne vernichtet zu werden, wandte er sich gegen sie, weil sie leichtsinnigerweise nicht von einem magischen Kreis geschützt wurde.
Mit einem knurrenden Laut stürzte er sich auf das Mädchen, die Krallen ausgefahren und die Zähne zum tödlichen Biss gebleckt. Jessie schrie entsetzt auf und warf sich zur Seite, doch ein Entkommen war unmöglich. Sam zerpulverte den Dämon mit einem magischen Levin-Pfeil zu Staub in genau dem Moment, als er bereits über Jessie schwebte. Seine Überreste rieselten auf sie nieder, und sie sprang angeekelt auf und wischte sie mit hysterischen Bewegungen von ihrem Körper ab.
Sam blickte sie ernst an. »Hast du es jetzt begriffen, Jessie?«, fragte sie eindringlich. »Magie und besonders das Beschwören von Dämonen ist nichts, womit man leichtfertig spielen darf. Ist dir eigentlich klar, dass du, wenn ich mich nicht verdammt gut zu wehren wüsste, gerade einen Mord begehen wolltest?«
»Das ... das wollte ich doch gar nicht!«, stotterte das Mädchen und machte jetzt einen reichlich ernüchterten Eindruck. »Ich wollte doch nur, dass Sie verschwinden und mich in Ruhe lassen.«
»Aber das konnte der Dämon nicht ahnen. Entweder Dämonen nehmen alles allzu wörtlich oder sie interpretieren es in der Weise, die ihnen am besten in den Kram passt. Dein kleiner Spielgefährte wollte mich töten, aber er hat meine Macht gespürt und wusste, dass er sich nur in sein Grab befördert, wenn er mich angreift. Und weil du ihn durch deinen Befehl in diese Gefahr gebracht hast und dich nicht in einem magischen Kreis befandest, hat er sich gegen dich gewandt. Verdammt, Jessie, ein Dämon ist kein Spielzeug! Und er hätte nicht nur dich, sondern auch deinen Vater und den Rest deiner Familie umgebracht. Und das nur, weil du eifersüchtig auf deine Stiefmutter und Halbgeschwister bist.«
Jessie war zu schockiert und verängstigt, um Sam zu widersprechen. Sie starrte sie nur aus großen Augen unsicher an.
»Ich werde einen Schutzzauber um das ganze Haus legen, der verhindert, dass innerhalb seiner Mauern jemals wieder Magie gewirkt werden kann. Und ich werde dafür sorgen, dass du deine magischen Kräfte nicht wieder missbrauchst.«
Jessie wich angstvoll zurück und drückte sich in eine ihr Halt gebende Ecke ihres Zimmers. »Wer sind Sie? Was sind Sie? Und was haben Sie mit mir vor?«
»Nicht mal annähernd das, was der Dämon mit dir getan hätte«, knurrte Sam und schüttelte den Kopf. »Also, Jessie, wie ich schon sagte, bist du nicht die Einzige, die magische Kräfte besitzt. Wir Magiebegabte sind eine kleine, aber feine Gemeinschaft, die sich in zwei Lager spaltet und in der es strenge Regeln gibt. Das eine Lager besteht aus den Leuten, die ihre Magie zum Guten benutzen, das andere ist das derer, die sie so wie du missbrauchen, um damit Schaden anzurichten und sogar andere Menschen und Tiere umzubringen.« Ihre Stimme klang jetzt eisig. »Die wichtigste Regel ist, dass jede Magie ihren Preis hat, und der ist umso höher, je negativer sie ist. Was hat der Dämon als Preis für seine Dienste von dir verlangt?«
Jessie presste die Lippen zusammen und schwieg.
»Kindchen«, sagte Sam ungebrochen kalt, »es gibt einen Wahrheitszauber, mit dem ich die Information gewaltsam aus dir herausholen kann. Aber das würde ich nur ungern tun, weil ich auf der Seite der Guten stehe. Aber ich muss es wissen. Zwar ist dieser Dämon jetzt vernichtet, aber unter Umständen bleibt die Schuld immer noch bestehen, je nachdem worum es sich handelt. Also noch einmal: Welchen Preis hat er von dir verlangt?«
Jessie zuckte mit den Schultern. »Er wollte bloß ein paar Haare und ein paar Tropfen Blut von mir.«
»Múshka!« (3), fluchte Sam heftig in Unadru und bedachte das Mädchen mit einem bitterbösen Blick. Menschen waren doch manchmal derart dämliche Idioten, dass es einem beinahe weh tat. »Herzlichen Glückwunsch!«, sagte sie ironisch. »Du hast dem Dämon damit Macht über dich und alle gegeben, die dein Blut teilen. Toll!«
»Aber er ist doch jetzt tot«, wandte Jessie zaghaft ein, die von Sams heftiger Reaktion Angst bekommen hatte.
»Ja, aber wenn du Pech hast, hat er deine Haare und dein Blut nicht in einem entsprechenden Ritual verbrannt, um dich und vor allem deine Lebenskraft an sich zu binden. Und das bedeutet, dass, falls sie noch existieren, die Macht auf jeden übergeht, der sie an sich bringt. Und in dem Fall ist dein Leben und das deines geliebten Daddys wie auch deiner gehassten Stiefmutter und Halbgeschwister keinen Pfifferling mehr wert.«
Jessie begriff jetzt vollends, in welchen Schlamassel sie sich manövriert hatte. Sie begann zu weinen und blickte Sam flehentlich an. »Können Sie nichts tun?«
»Ich?«, fragte Sam zurück und schüttelte den Kopf. »Jessie, es ist höchste Zeit, dass du dir darüber klar wirst, was du getan hast. Du hast einen Dämon auf deine Familie gehetzt, hast deinen Geschwistern grausame seelische Schmerzen zugefügt, indem du ihren Hund, ihre Meerschweinchen und ihr Kaninchen von ihm töten ließest und die kleine Mary in Todesangst versetzt, weil sie in der Lage ist, Wesen wie ihn zu sehen. Du hast deine Stiefmutter und deinen Vater in Angst und Schrecken versetzt, wobei ihre größte Angst war, dass der unbekannte Täter euch Kindern etwas antun könnte. Vor allem aber hast du sie alle in Lebensgefahr gebracht. Und du hast das so richtig genossen. Hast du ernsthaft geglaubt, nur weil du diese Dinge mit Magie bewirkt hast statt mit deinen eigenen Händen, dass du für diese Verbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen wirst?«
Jessies Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte Sam den Nagel auf den Kopf getroffen. »Es tut mir leid!«, jammerte sie. »Ehrlich!«
»Ja«, stellte Sam mitleidlos fest, »weil du jetzt selbst in Gefahr bist. Jessie, deine Tat war absolut verwerflich. Und sie hat Konsequenzen, denn im magischen Bereich steht man immer für das gerade, was man getan hat, selbst wenn es aus Versehen passiert ist. Welche Konsequenzen das in deinem Fall sein werden, hängt davon ab, wofür du dich jetzt entscheidest.«
»W-was heißt das?«, fragte das Mädchen ängstlich.
»Ob du dich für die Seite des Guten oder des Bösen entscheidest. Entscheidest du dich für das Gute, sorge ich dafür, dass deine magischen Kräfte vernünftig ausgebildet werden und du lernst, sie weise einzusetzen. Entscheidest du dich dafür, den Weg weiterzugehen, den du schon eingeschlagen hast, werde ich dafür sorgen, dass du nie wieder einem Menschen Schaden zufügen kannst. Also entscheide dich.«
Sam sah es Jessie an, dass sie jetzt richtig Angst hatte – vor Sam, und das war ihr nur recht.
»Wollen Sie mich sonst – umbringen?«, fragte sie entsetzt.
Sam schnaufte verächtlich. »Natürlich nicht, denn das vereinbart sich nicht mit dem Weg, den ich gehe. Nein, ich werde dir deine magischen Kräfte für alle Zeiten nehmen. Du hast die Wahl.«
»Das ist doch keine richtige Wahl«, jammerte Jessie. Doch da sie nicht bereit war, freiwillig auf ihre magischen Kräfte zu verzichten, nachdem sie deren Macht kennengelernt hatte, sagte sie nur: »Also gut, ich will lernen, meine Magie, eh, positiv anzuwenden.«
»Eine weise Entscheidung«, fand Sam. Doch sie spürte, dass Jessie es nicht aufrichtig meinte und nur zustimmte, um ihre Kräfte behalten zu können. Sam fragte sich, weshalb sie sich überhaupt mit diesem Mädchen abgab und nicht einfach kurzen Prozess mit ihren Kräften machte. Aber Jessie Johnsons magische Kräfte mochten in nicht allzu ferner Zukunft noch eine wichtige Rolle spielen, auch wenn Sam nicht erkennen konnte, welcher Art die sein könnte. In jedem Fall sollte das Mädchen die Chance haben, sich zu bessern und ihre Kräfte sinnvoll zu gebrauchen.
»Und was jetzt?«, wollte Jessie wissen.
»Jetzt sorge ich dafür, dass du bis auf Weiteres nicht mehr mit Magie herumspielst.«
»Aber Sie haben versprochen ...«
Sam schnitt ihr das Wort ab. »Und ich halte mein Versprechen. Du wirst in den nächsten Tagen Post bekommen von einer Eliteschule in Denver, die dir ein Stipendium anbietet. Du wirst es annehmen und deinen Vater davon überzeugen, dass du unter allen Umständen dorthin willst.«
Jessie blickte sie misstrauisch an. »Was ist das für eine Schule?«
»Eine, auf der magisch begabten Menschen beigebracht wird, ihre Kräfte zu kontrollieren. Du bist dort unter Leuten, die ähnliche Fähigkeiten haben wie du und wirst bei ihnen lernen, wie du es anstellst, dass keiner von den magisch Unbegabten merkt, was du kannst. Ich denke mal, dir ist bewusst, dass es in diesem Land immer noch eine Menge Menschen gibt, die eine Gabe wie deine für Teufelswerk halten und dich am liebsten auf dem nächsten Scheiterhaufen verbrennen würden. Und außerdem«, fügte sie hinzu, »hat es den Vorteil, dass du ein bisschen Abstand von deiner Familie bekommst. Das wird euch helfen, euer Verhältnis zu einander zu normalisieren.«
Jessie senkte den Kopf. »Die sind bestimmt froh, wenn sie mich los sind«, war sie überzeugt.
»Das glaube ich nicht. Ich denke eher, wenn du ihnen eine Chance geben würdest, so würdest du feststellen, dass ihr alle ganz gut mit einander auskommt. Aber wäre es nicht toll, wenn du mit Menschen zusammensein kannst, vor denen du nicht so tun musst, als wärst du ein ganz normaler Mensch?«
Jessie nickte zögernd und schien sich langsam mit dem Gedanken anzufreunden. »Aber wenn Dad damit nicht einverstanden ist?«
»Oh, er wird einverstanden sein, glaube mir. Und nun werde ich mal meine Arbeit beenden.«
Sie erhob sich und überließ Jessie ihren Gedanken. Natürlich würde Sam dafür sorgen, dass Jessie bis zu ihrer Aufnahme in die »Eliteschule« nicht mehr in der Lage sein würde, Magie anzuwenden, indem sie ihre Fähigkeiten vorübergehend blockierte. Und sobald sie hier fertig war, würde sie den Geheimbund der Wächter benachrichtigen, jene Organisation von Menschen und anderen Lichtkämpfern, dessen magisch begabte Mitglieder ihre Fähigkeiten einsetzten, um die Menschen vor den Mächten des Bösen zu beschützen. Zu diesem Zweck besaßen sie auch ihre Schule in Denver, die nach außen hin eine ganz normale Privatschule war, intern aber ähnlich magisch begabte Menschen ausbildete. Die würden schon dafür sorgen, dass Jessie nicht auf die dunkle Seite abdriftete.
Und vor allem würde Sam noch heute herausfinden, ob das Blut und die Haare, die Jessie dem Dämon gegeben hatte, noch irgendwo existierten und sie vernichten, falls dem so war, damit Jessie dadurch nicht beeinflusst oder gar getötet werden konnte.
Nachdem sie ihre Arbeit zwei Stunden später beendet und einen großzügigen Scheck von Tom Johnson erhalten hatte, konnte sie sich ihrem nächsten Auftrag zuwenden.
Seit ihr Lebensgefährte und Beinahe-Verlobter Scott Parker vor ein paar Tagen herausgefunden hatte, dass Sam kein Mensch, sondern ein Sukkubus war – eine Dämonin, die sich vom Sex ernährte – hatte er sich Knall auf Fall von ihr getrennt, und Sam erlebte gerade eine überaus menschliche und höchst unangenehme Phase von Trennungsschmerz und Liebeskummer. Nachdem sie vor einem halben Jahr von einem Geist die Fähigkeit zu lieben geschenkt bekommen hatte, konnte sie leider auch alle dazugehörigen Nebenwirkungen spüren. Sukkubi und Inkubi waren von Natur aus nicht dafür vorgesehen, solche menschlichen Gefühle empfinden zu können, weshalb Sam nicht die leiseste Ahnung hatte, wie sie damit umgehen sollte. Gemäß dem Rat ihrer wenigen menschlichen Freunde, die sie konsultiert hatte, versuchte sie, sich durch Arbeit abzulenken. Bisher zeigte das allerdings nicht den geringsten Erfolg. Vielleicht funktionierte dieses Gegenmittel ja tatsächlich nur bei Menschen.
Sie verspürte einen beginnenden Hunger der besonderen Art und wünschte sich, ihn mit Scott stillen zu können, denn der Sex mit ihm war auch ohne die für sie notwendige Nahrungsaufnahme ein ausgesprochenes Vergnügen. Doch Scott wollte gerade in dieser Beziehung nichts mehr von ihr wissen. Dass Sam eine Dämonin war und über magische Kräfte verfügte, hätte er nach einer gewissen Gewöhnungszeit durchaus verkraften können, nicht aber die Notwendigkeit, auch noch mit anderen Männern als nur mit ihm schlafen zu müssen, da er allein ihren natürlichen Energiebedarf auf die Dauer nicht decken konnte.
Obwohl es nicht nur in Cleveland mehr als genug Männer gab, von deren Energie sie sich hätte ernähren können, hatte Sam heute keinen Appetit auf einen Menschen. Sie fuhr in die Stadt zurück, kaufte in einem Weinshop drei Kisten besten Weins und noch ein kleines Fass dazu. Anschließend kehrte sie zu ihrem Büro zurück, in dem sie zurzeit auch wohnte. Nachdem sie ihren Wagen in der Garage geparkt hatte, transportierte sie alles und sich selbst dazu mit einem Sprung durch die Dimensionen zu einer verborgenen Höhle tief im Gebiet des Yosemite Nationalparks, wohin sich kein Mensch je verirrte.
Zwar war der Bewohner dieses Domizils gerade nicht zu Hause, doch Sam musste nicht lange warten, bis nahender Hufschlag sein Erscheinen ankündigte, ehe er sich auf seinen beiden Ziegenbeinen durch den schmalen Eingang zwängte. Sam hatte es sich schon bequem gemacht, ihre Kleidung ausgezogen und sich nackt auf das weiche Lager aus duftenden Tannenzweigen und Wiesenheu gelegt, das mit mehreren Decken aus Kaninchenfellen bedeckt war.
Seine schwarzen Augen leuchteten bei ihrem Anblick auf, und sein prächtiges Glied versteifte sich augenblicklich. Im Vorbeigehen schnappte er sich eine der Weinflaschen, entkorkte sie und ließ sich den Inhalt durstig mit einer Hand in den Mund laufen, während er sich vor Sam hinkniete und mit der anderen Hand ihre Schenkel öffnete. Im nächsten Moment war er über ihr, warf die leere Flasche zur Seite, führte seinen Schaft sanft in ihren Schoß ein und begann ihren Körper mit heftigen Küssen zu bedecken.
»Wie schön dich zu sehen, Samala«, sagte der Satyr, ohne in seinen Liebkosungen innezuhalten.
»Gleichfalls, Nyros«, murmelte sie und vergrub ihre Finger in seinem lockigen schwarzen Haar, aus dem zwei Ziegenhörner keck hervorragten.
Sie musste den Satyr nicht stimulieren, um ihn in Ekstase zu versetzen, denn Nyros befand sich wie alle Wesen seiner Art in einem Zustand beinahe permanenter Wollust. Er brauchte nur ein weibliches Wesen wahrzunehmen – sei es Mensch, Tier oder Dämonin –, und schon verspürte er das unbändige Verlangen nach Sex. Sam kannte ihn seit gut dreißig Jahren und suchte ihn immer auf, wenn sie besonders gehaltvollen Sex brauchte oder einen weisen Rat oder so wie heute einfach keine Lust auf einen Menschen hatte. Nyros war es gleich, warum sie zu ihm kam, solange er nur sein Vergnügen mit ihr hatte.
Das allerdings beruhte auf Gegenseitigkeit, und so bekam sie jetzt ein regelrechtes Festmahl von Energie, das sie für mindestens zwei Tage sättigen würde. Denn Nyros beließ es niemals nur bei einem einzigen Liebesspiel. Ein Dutzend Kopulationen, von denen jede von einem Samenerguss gekrönt wurde, war für einen Satyr ein Leichtes. Und so dauerte es auch fast drei Stunden, ehe sie endlich von einander abließen und sich Arm in Arm auf dem jetzt zerwühlten Lager ausruhten.
»Danke für die überaus leckere Mahlzeit, Nyros.«
»Die Freude war ganz meinerseits, Samala«, versicherte er ihr mit einem leisen Lachen. »Du kannst gern öfter vorbei kommen. Von mir aus jeden Tag.«
»Das hört sich so an, als wärst du einsam hier in deiner selbst gewählten Abgeschiedenheit.«
»Nein. Ich habe diesen Ort gewählt, gerade weil er so tief in der Natur liegt. Sie ist ein Teil von mir, und ich fühle mich wohl hier. Ich habe alles, was mein Herz begehrt. Ruhe, Wälder, klares Wasser, keine Menschen, dafür jede Menge Hirschkühe, Rehe und Bergziegen, um mehrmals täglich mit ihnen meine Lust zu stillen. Und ab und zu kommt ein kleiner, geiler Sukkubus vorbei, um sich auszutoben, mit dem ich mich dann vergnügen kann und der auch noch hervorragenden Wein mitbringt. Ich bin glücklich und zufrieden mit meinem Leben.«
»Wie schön für dich.« Obwohl es leicht ironisch klang, meinte sie das doch vollkommen ernst. »Vielleicht sollte ich zu dir ziehen und der Welt der Menschen den Rücken kehren.«
»Probleme?«, fragte Nyros mitfühlend.
Sam nickte seufzend und erzählte ihm von ihrem Zerwürfnis mit Scott.
»Mach dir nichts draus, Samala«, riet er ihr pragmatisch. »Ich kenne die Menschen seit über zweitausend Jahren, aber ich verstehe sie immer noch nicht. Für Wesen wie uns sind sie als angenehmer Zeitvertreib eine Weile ganz lustig, aber dauerhaftes Glück finden wir nur mit unseresgleichen. Und oft genug nicht einmal das.«
»Wahrscheinlich hast du Recht«, stimmte Sam ihm zu und versuchte, die Gedanken an Scott und die emotionale Sehnsucht nach ihm zu verdrängen. Es gelang ihr nicht. »Sag mal, Nyros«, probierte sie es mit einer anderen Taktik der Ablenkung, »was weißt du von einem Ereignis, das ungefähr alle paarhundert Jahre stattfindet und einen Kampf der Mächte des Chaos und der Ordnung darstellt? Ein Ereignis, das durch fünf Zeichen angekündigt wird.«
Der Satyr nickte. »Du meinst das Ritual der Entscheidung. Es findet alle 999 Jahre statt und regelt, welche der beiden Kräfte für die nächsten 999 Jahre die Vorherrschaft im Gefüge der Macht erhält.«
»Ein Ritual?«
»Mehr ein ritueller Zweikampf. Jede der beiden Mächte wählt einen Champion aus, der oder die für sie am Tag der Entscheidung in dem Kampf für sie antritt. Die Seite des Siegers bekommt von den Allerhöchsten Wesen die Macht und damit die Möglichkeit, ihr Werk verstärkt fortzusetzen. Für die Welt der Menschen bedeutet das entweder, dass sie einer friedlicheren oder einer kriegerischeren Zeit entgegen sehen. Das letzte Mal siegten die Mächte des Chaos, und die erste unmittelbare Auswirkung waren die Kreuzzüge mit all ihren unbeschreiblichen Grausamkeiten.« Er dachte einen Moment nach. »Und wenn mich nicht alles täuscht, müsste das nächste Ritual in zwei oder drei Jahren stattfinden. Oder schon im nächsten. Das heißt nein, so weit ist es noch nicht. Die fünf Zeichen sind noch nicht erschienen. Warum fragst du?«
»Weil ich spüre, dass sich etwas zusammenbraut und ich von diesem Ritual der Entscheidung andeutungsweise gehört habe. Die Kräfte der Welten verschieben sich, und ich möchte, ehrlich gesagt, nicht mitten drin stehen, wenn die beiden Champions ihren Entscheidungskampf austragen.«
»Die Bewohner der Welten bekommen von dem Ritual selbst in der Regel nichts mit, da es an einem besonderen Ort stattfindet, der in einer Zwischendimension liegt, die extra dafür geschaffen wurde«, beruhigte Nyros sie. »Sie spüren nur die Auswirkungen des Ausgangs. Und das dürfte für dich doch kein Problem sein.«
Bevor Sam darauf antworten konnte, bemerkte sie, dass ein bunter Schmetterling sich in die Höhle verirrt hatte und jetzt zielstrebig auf ihre Nasenspitze zuflog. Sie stieß einen erschrockenen Fluch aus und schlug wild um sich, um das Tier zu vertreiben. Nyros lachte amüsiert, und hörte erst auf, als Sam ihn heftig in die Seite knuffte, nachdem sie den Schmetterling erschlagen hatte.
»Ich hasse Schmetterlinge!«, stieß sie vehement hervor, erhob sich und griff nach ihrer Kleidung. »Ich muss jetzt gehen. Vielen Dank für ein paar wundervolle Stunden, Nyros.«
»Oh, gern geschehen«, antwortete er schmunzelnd, griff nach ihr und zog sie wieder zu sich herab. »Aber diese Stunden sind noch lange nicht vorbei, Samala. Ich habe dir lediglich eine kleine Pause gegönnt, um dich nicht zu überanstrengen. Ich bin noch lange nicht satt.« Er grinste sie an. »Und du ja wohl erst recht nicht ...«

»Er hat es gefunden!«, platzte David Carmichael unangemeldet in das Büro seines Großmeisters Jonathan Hubbart, der ihm einen verweisenden Blick zuwarf. David errötete verlegen, räusperte sich und wiederholte ruhiger: »Der junge Student hat das Amulett gefunden. Zumindest konnte er in Erfahrung bringen, wer es in den letzten dreißig Jahren in Besitz hatte: Christopher Dwayne. Er hatte es die ganze Zeit über in seiner Sammlung.«
»Dieser verdammte Hurensohn.« Jonathans Stimme klang vollkommen ruhig, aber eiskalt und drohend.
Christopher Dwayne gehörte ebenso wie Jonathan Hubbart und David Carmichael zu den Dienern des Schwarzen Feuers, die sich dem Dienst an Luzifer verschrieben hatten, wenn Dwayne auch in Cleveland lebte und wirkte und der Zirkel seinen Hauptsitz in New Orleans hatte.
Im 17. Jahrhundert war ihre Gemeinschaft als Magischer Zirkel der Diener Luzifers in England gegründet worden. Doch die Hexenjäger hatten Jonathans und Davids Vorfahren in die Neue Welt getrieben, wo sie einige Zeit im Verborgenen gewirkt hatten, bis sie sich Anfang des 19. Jahrhunderts in New Orleans als Diener des Schwarzen Feuers neu etabliert hatten. Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts firmierten sie unter dem Deckmantel »Freundeskreis der kreolischen Geschichte«, und niemand hatte ihre wahre Identität bisher herausgefunden. Zumindest keine Behörde oder sonstige weltliche Macht.
Vor ein paar Monaten hatte der Zirkel allerdings einen herben Rückschlag erlebt bei dem Versuch, das Grimoire der größten menschlichen Zauberin aller Zeiten an sich zu bringen, das sich in Privatbesitz befand (4). Der Eigentümer, ein gewisser Henry Bellamy, hatte sich der Dienste eines mächtigen Magiers versichert, um sich und das Buch zu schützen. Wer oder was immer dieser Magier war, er hatte Bellamy und sein Haus mit wahrhaft starken Schutzzaubern versehen, sodass etliche Diener des Schwarzen Feuers ihren Versuch, Bellamy zu töten, um an das Grimoire zu kommen, mit dem Leben oder dem völligen Verlust ihres Verstandes bezahlt hatten.
Bellamy hatte wenige Wochen später die »Privatbibliothek okkulter Literatur von New Orleans und Umgebung« in seinem Haus eröffnet und seine Sammlung okkulter Werke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – aber natürlich nicht Marie Laveaus Grimoire, das er stattdessen vernichtet hatte. Und natürlich hatte er seine Bücher gut gegen die Übergriffe unliebsamer Besucher gesichert. Die Diener des Schwarzen Feuers hatten sehr schnell gemerkt, dass es keinem von ihnen möglich war, das Haus zu betreten. Bereits an der Grundstücksgrenze stießen sie auf einen magischen Schutzschild, den sie nicht zu durchbrechen vermochten. Also hatten sie einen jungen Studenten dafür bezahlt, jeden Tag Bellamys Bibliothek aufzusuchen und in den dortigen Werken nach den Hinweisen zu forschen, die sie suchten, um das Hexenamulett zu finden. Und endlich hatte der junge Mann Erfolg gehabt.
Das Amulett war seit Generationen ein Familienerbstück der Hubbarts, das allerdings Jonathans Urgroßvater, ein leidenschaftlicher Spieler, eines Tages aus Geldnot verkauft hatte. Jonathan kannte das Schmuckstück nur von einem alten Foto, doch bereits bei seinem ersten Blick darauf hatte er erkannt, dass es sich dabei nicht um ein normales Schmuckstück handelte, sondern um ein mächtiges magisches Instrument: einen Schlüssel zu einem Portalstein, der ein Tor zur Unterwelt öffnete. Und der verfluchte Narr von Urgroßvater hatte diese Kostbarkeit verkauft, um seine Spielsucht zu finanzieren! Wenn er nicht bereits tot gewesen wäre, Jonathan hätte ihn für diesen Frevel eigenhändig umgebracht.
Doch so blieb ihm nichts anderes übrig, als Nachforschungen anzustellen und versuchen herauszufinden, wo das Schmuckstück abgeblieben war. Ein mühsames Unterfangen, das Zeit kostete und in mehrere Sackgassen führte, ehe endlich ein Hinweis den Weg zu einem alten Tagebuch eines modernen Hexenmeisters wies, der das Schmuckstück genau beschrieben hatte. Und dieses Tagebuch befand sich in Henry Bellamys Bibliothek.
David Carmichael reichte Jonathan jetzt ein Blatt mit handschriftlichen Notizen. Darauf hatte der mit der Recherche beauftragte Student die relevanten Eintragungen abgeschrieben. Demnach hatte auch jener Hexenmeister nichts mit dem Schlüsselstein anzufangen gewusst, den er für ein ganz normales magisches Amulett hielt und ihn deshalb vor rund dreißig Jahren an Christopher Dwayne verkaufte. Und Dwayne, obwohl er wusste, dass Jonathan seit Jahren nach dem Stein suchte, hatte geschwiegen und ihn für sich behalten.
»Wir werden unverzüglich nach Cleveland fliegen und Mr. Dwayne besuchen«, entschied er.
»Das dürfte wenig Zweck haben«, wiedersprach David. »Ich habe mich schon erkundigt. Er ist vor knapp einem halben Jahr gestorben und hat seine gesamte Sammlung dem Cleveland Museum of Art vermacht. Das Amulett befindet sich also im Museum, und da es einen gewissen materiellen Wert hat, dürfte es schwer gesichert und bewacht sein.«
Jonathan schnaufte verächtlich. »Ich bitte dich, David! Wir sind die Diener des Schwarzen Feuers, Gefolgsleute Luzifers, und nicht irgendein Teenie-Hexenzirkel, der ein bisschen Volksmagie praktiziert. Uns stehen ganz andere Mittel und Wege zur Verfügung, um das Amulett an uns zu bringen. Wir fliegen nach Cleveland, und zwar wir alle. Wenn mich nicht alles täuscht, befindet sich in der Nähe ein alter Portalstein. Dort werden wir ausprobieren, ob es sich wirklich um einen Schlüssel zu einem Tor in die Unterwelt handelt. Und wenn dem so ist, David, dann stehen uns ganz andere Möglichkeiten offen als bisher. Dann können wir direkt zu unserem Meister Luzifer gehen, um ihm zu dienen und müssen ihn nicht herbitten.« Sein Gesicht nahm einen beinahe verzückten Ausdruck an. »Na los, steh hier nicht rum! Buche unseren Flug.«

»Es funktioniert!« David Carmichaels Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. »Es funktioniert tatsächlich!«, wiederholte er gleich darauf mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Erregung und Angst und ahnte nicht, dass vor fast vierhundert Jahren ein anderer aus demselben Anlass genau das gleiche gesagt hatte.
Er, Jonathan Hubbart und vier andere Diener des Schwarzen Feuers standen im Cuyahoga Valley National Park bei Cleveland um einen großen Findling, der vor Jahrhunderten wohl einmal die Größe eines Menhirs gehabt haben musste. Inzwischen war er im Boden eingesunken, teilweise verwittert und mit Moos überwuchert, aber unter dem Bewuchs war die Vertiefung, das »Schlüsselloch«, in das der Schlüsselstein passte, immer noch vorhanden.
Das Amulett aus dem Museum zu entwenden war mithilfe von ein bisschen Magie gar nicht schwer gewesen, und Jonathan und die anderen wollten ihn sofort ausprobieren. Schon auf dem Flug nach Cleveland hatte Jonathan aus den internen Überlieferungen der Dienerschaft des Schwarzen Feuers das Ritual recherchiert, das das Tor zur Unterwelt öffnete, und sie hatten keine Zeit verloren. Kaum dass sie das Amulett endlich in den Händen hielten, fuhren sie in den Nationalpark und suchten via GPS den Portalstein. Da es bereits kurz vor Einbruch der Dunkelheit war, konnten sie sich relativ sicher sein, dass sie bei ihrem Vorhaben von niemandem gestört werden würden.
Sie nahmen den schwarzen Diamanten aus dem filigranen »Korsett« aus Goldfäden und platzierten ihn in dem dafür bestimmten Loch im Findling. Danach stellten sie sich im Kreis darum herum auf, entzündeten die Fackeln und Kerzen, die sie mitgebracht hatten und sprachen den Zauber, der das Höllentor öffnete.
Und es funktionierte!
Der Stein gab einen nervtötenden, knirschenden Laut von sich, als er sich langsam in der Mitte öffnete und auseinander klaffte. Ein Schwall eisiger Luft strömte aus dem Spalt und hüllte die Umgebung in dichten Nebel, doch das störte die drei Männer und drei Frauen nicht, die freudig erregt das Schauspiel beobachteten. Sobald sich der Nebel gelegt haben würde, würden sie das Tor durchschreiten und sich dem Herrn der Unterwelt zu Füßen werfen als seine treuen Diener und Gefolgsleute, um im Gegenzug dafür mit einer noch größeren Macht belohnt zu werden.
Ihre Freude verwandelte sich allerdings langsam in Besorgnis, als die Kälte aus dem Loch zunahm und nicht nur die unmittelbare Umgebung mit Raureif bedeckte.
»Bist du dir sicher, dass das wirklich die richtige Stelle ist?«, fragte David Carmichael zweifelnd, und seine Zähne klapperten aufeinander. »Die Hölle soll doch heiß sein, aber wohin auch immer dieses Loch führt, es ist dort eisig kalt.«
»Das mit der heißen Hölle sind doch Ammenmärchen«, widersprach Jonathan Hubbart, doch auch seine Stimme zitterte, und zwar nicht nur vor Kälte. »Das Amulett öffnet in jedem Portalstein den richtigen Ort in der Unterwelt, für den es bestimmt wurde.«
»Und wenn dieser Schlüsselstein nun gar nicht das Tor öffnet, das wir brauchen?«, gab David seiner wachsenden Sorge Ausdruck. »Was wenn ...«
Ein brüllender Sog riss ihm die Worte förmlich von den Lippen, als das Portal sich jetzt vollends geöffnet hatte. Er wurde davon regelrecht nach vorn gerissen und stolperte direkt in den Höllenschlund hinein. Den anderen erging es ebenso. Die schiere Gewalt des eisigen Sogs zog sie mit der Kraft eines Tornados durch das Portal und warf sie dort auf den Boden. Hinter ihnen schloss sich mit einem ohrenbetäubenden Krachen das Portal. Schlagartig erstarb der Sog und ließ die sechs Menschen wieder zu Atem kommen.
Jonathan rappelte sich fluchend vom Boden hoch, als die Kälte durch seine Kleidung drang und seine Haut schmerzhaft verbrannte. Auch die anderen kamen wieder auf die Beine, drängten sich instinktiv dicht an einander und blickten sich mit wachsendem Entsetzen um. Sie befanden sich in einer Landschaft, die am Nordpol hätte liegen können. Riesige Eiszapfen wuchsen vom Boden in die Höhe und reckten sich einem roten, sonnenlosen Himmel entgegen. Dazwischen fegten eisige Sturmböen über spiegelblanke, im Licht des Himmels rosafarben glitzernde Eisflächen.
»W-wo s-s-sind w-wir?«, stotterte David Carmichael vor Kälte schlotternd.
»In der Hölle«, antwortete Jonathan tonlos und begann zu begreifen, dass sie gerade einen fatalen Fehler begangen hatten, der sie alle das Leben kosten würde, wenn sie nicht schnellstens einen Ausweg fanden. Er sah sich um. Unmittelbar hinter ihnen befand sich der Portalstein, durch den sie herein gekommen waren. In dieser Welt war er nicht eingesunken, verwittert oder überwuchert, sondern stand aufrecht in seiner ursprünglichen Pracht. Doch das Portal darin war vollkommen geschlossen, und nichts in seiner Struktur ließ erkennen, dass sich dort ein Tor befand.
Jonathan kämpfte sich über rutschiges Eis, das ihn mehr schlittern und stolpern als gehen ließ und gegen den starken Sturm zu ihm vor und legte die Hand an den Stein, um ihn abzutasten. Mit einem Aufschrei riss er sie zurück. Der Fels war so eisig, dass ein Teil seiner Haut augenblicklich daran festfror und jetzt als ein blutiger Fetzen daran klebte. Er hielt sich stöhnend die Hand und sah mit Entsetzen, dass die offene Wunde augenblicklich vereiste.
»Scheiße, wir müssen hier weg!«, jammerte er und sah sich gehetzt um.
»Dort sind Lichter!«, rief David erleichtert und deutete an dem Portalstein vorbei. Aber diese Erleichterung wandelte sich zu blankem Horror, als er erkannte, was diese »Lichter« tatsächlich waren. Er stieß einen entsetzen Schrei aus, in den die anderen einstimmten.
Und Jonathan Hubbart begriff nachhaltig, dass sie nicht am Ziel ihrer machtgierigen Träume angekommen, sondern stattdessen mitten in ihrem schlimmsten Albtraum gelandet waren ...

Der gesamte Hofstaat zuckte überrascht zusammen, als sich der Herr der Unterwelt abrupt erhob und damit die Verhandlung mit seinen Vasallen unterbrach. Seine Augen leuchteten auf, und er zeigte ein boshaftes Lächeln, das keinem der Anwesenden sonderlich gefiel und sogar die höchstrangigen Dämonen wie die Zehn Mächtigen Fürsten dazu brachte, sich zurückzuhalten. Luzifer war unberechenbar, wie jeder von ihnen schon auf die eine oder andere Weise höchst unangenehm zu spüren bekommen hatte, und eine solche Gefühlsregung konnte für sie gut oder fatal sein. Zwar besaßen sie gemeinsam eine Macht, die es mit der des Herrn der Unterwelt durchaus aufnehmen konnte; doch sie waren sich selten einig genug, um sich zu verbünden. Und eine Allianz gegen Luzifer zu schmieden, hatten sie bis heute nicht gewagt.
Es war erst nach Menschenjahren gerechnet gute sechzig Jahre her, als er einen von ihnen vernichtet hatte, weil der es gewagt hatte, zwei seiner Lieblings-Sukkubi zu vernichten, die sich geweigert hatten, ihm zu dienen. Nach ihm war ein anderer Dämon in die Reihe der Zehn aufgerückt, und der zeichnete sich dadurch aus, dass er Luzifer nach dem Munde redete und schleimerisch loyal war. Niemand verstand, weshalb der Herr der Unterwelt schon seit beinahe tausend Jahren ein solches Interesse an den völlig unbedeutenden Tai’u zeigte, doch man fragte ihn besser nicht danach und enthielt sich auch jedes Kommentars dazu.
Außerdem ging es in dieser Verhandlung um Wichtigeres, nämlich die Besprechung der Strategie, auf welche Weise man die in absehbarer Zeit anstehende Große Entscheidung zugunsten des Chaos beeinflussen konnte. Da war es nicht ratsam, einen Streit oder gar eine Rebellion vom Zaun zu brechen. Jetzt bedachten die Zehn Mächtigen, die zu Luzifers Linken und Rechten an dem langen Verhandlungstisch platziert waren, ihn mit misstrauischen Blicken.
Luzifer kümmerte das nicht im Geringsten. Er hatte etwas empfangen, worauf er seit Jahrhunderten wartete und wurde jetzt von einer selten gefühlten Freude erfüllt.
»Endlich!«, stieß er schließlich mit unverhohlener Genugtuung hervor. »Nach fast vierhundert Jahren!« Er lachte und deutete eine kurze und überaus ironische Verbeugung zu den versammelten Dämonenfürsten an. »Geduldet euch einen Moment. Ich bin sofort zurück.«
Er verschwand vor ihren Augen und tauchte nur wenige Augenblicke später wieder auf. In der Hand hielt er einen handtellergroßen schwarzen Diamanten, in dem jeder der Anwesenden allein aufgrund seiner Ausstrahlung den Schlüssel zu einem Portalstein erkannte. Einer der Zehn Mächtigen beugte sich interessiert vor.
»Der verschollene Schlüssel zu Nerinors Eisreich«, stellte er fest, und seine Stimme klang missmutig und anerkennend zugleich. Immerhin hatte nicht nur Luzifer seit beinahe vier Jahrhunderten nach diesem Schlüssel gesucht, der dem Besitzer die Macht über die Eisdimension gab, sondern auch die Zehn Mächtigen und andere Dämonen. Dass es ausgerechnet Luzifer jetzt gelungen war, sich diese Macht zurückzuholen, passte keinem von ihnen, denn das schwächte ihre eigene Position ihm gegenüber erneut.
»Ja, der Schlüssel zur Eisdimension«, bestätigte Luzifer, wog den Diamanten spielerisch in der Hand und warf einen verschlagenen Blick in die Runde. »Gestohlen von Tai’Ardenia.« Er grinste wölfisch. »Und ich weiß jetzt auch, auf welche Weise wir das Ritual der Entscheidung zu unseren Gunsten beeinflussen können ...«

Scott Parker saß in seinem Arbeitszimmer der Kanzlei Weston, Kruger & Goldstein und starrte seit einer halben Stunde auf dieselbe Seite der vor ihm liegenden Akte, ohne den Text bewusst wahrzunehmen. Es gelang ihm einfach nicht, sich angemessen zu konzentrieren, seit Sam ihn vor zwei Wochen verlassen hatte. Nein, er hatte sie hinausgeworfen, wenn er ehrlich war. Er wollte sie nie mehr sehen und konnte doch nicht ohne sie leben, wie er nach nur zwei Tagen begriffen hatte. Sie fehlte ihm so sehr, dass allein der Gedanke an sie einen ständigen Schmerz darstellte. Und es wurde mit jedem Tag, der verstrich, ohne dass er sie sehen oder sprechen konnte, immer schlimmer. Aber er brachte es nicht fertig, wieder mit ihr Kontakt aufzunehmen, nachdem sie ihn so sehr hintergangen hatte.
Da er jeden Tag in Sams Zimmer ihres immer noch gemeinsamen Hauses ging – es kontrollierte, wenn er ehrlich war –, wusste er anhand von subtilen Veränderungen darin, dass sie fast täglich nach Hause kam, um sich Kleidung zum Wechseln zu holen oder andere Dinge, die sie brauchte. Doch sie tat das immer zu Zeiten, in denen er nicht da war. Wahrscheinlich konnte sie mit ihren magischen – dämonischen Kräften genau spüren, ob er sich im Haus aufhielt.
Er war sich sehr wohl bewusst, dass die Zukunft ihrer Beziehung allein in seinen Händen lag, denn Sam hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sie weiterhin mit ihm leben wollte, aber dass er erst einmal herausfinden musste, ob er dazu in der Lage wäre. Doch er konnte das nicht. Die Frau, die er liebte, hatte ihn nicht nur ständig betrogen, seit sie sich kannten, sie war zudem nicht einmal ein Mensch, sondern ein Dämon. Ein Höllengeschöpf. Auf der anderen Seite war seine Liebe zu ihr ungebrochen, und er wollte sie wieder bei sich haben.
Bis heute hatte er sich über die Bedeutung des Ausspruchs »Es zerreißt mir das Herz« völlig falsche Vorstellungen gemacht, wie er jetzt feststellte, denn seit Sam ihn verlassen hatte, hatte er das Gefühl, dass nicht nur sein Herz langsam und äußerst schmerzhaft in Stücke gerissen wurde. Scott litt wie ein Hund; doch bei näherer Betrachtung wagte er zu bezweifeln, dass jemals irgendein Hund so sehr gelitten hatte wie er.
»Mr. Parker!«
Er zuckte zusammen und stellte fest, dass er schon seit geraumer Zeit reglos an seinem Schreibtisch saß und Löcher in die Luft starrte. Jetzt blickte er Jason Goldstein jr., einen seiner Chefs, schuldbewusst an, der gerade sein Büro betreten hatte.
»Ist Ihnen nicht gut, Mr. Parker?«, fragte der Mann aufmerksam.
Scott schüttelte den Kopf. »Nur ein bisschen Kopfschmerzen. Ich glaube, ich habe mir eine Erkältung eingefangen«, nahm er zu der erstbesten Ausrede Zuflucht, die ihm einfiel. »Ich denke, ein Aspirin wird das Problem beseitigen.« Wenn sich seine Sehnsucht und sein unbändiges Verlangen nach Sam doch auch mit einer Tablette kurieren ließe. »Es geht schon«, bekräftigte er, konnte sich aber des Gefühls nicht erwehren, dass Goldstein ihm nicht glaubte. »Was kann ich für Sie tun, Sir?«
»Wie Sie wissen, vertreten wir auch das Cleveland Museum of Art in Rechtsfragen. Dort ist ein Exponat gestohlen worden, und die Versicherung weigert sich jetzt, die vertraglich vereinbarte Schadenssumme zu zahlen.«
»Mit welcher Begründung?«, fragte Scott und war froh, sich auf etwas anderes konzentrieren zu können als auf Sam.
»Angeblich soll jemand aus dem Museum in den Diebstahl verwickelt sein, obwohl die Polizei keinerlei Hinweise darauf gefunden hat.« Goldstein reichte ihm eine dünne Akte. »Fahren Sie hin und geben Sie den Versicherungsanwälten Saures. Sie werden dort in einer Stunde erwartet. Ich verlasse mich auf Sie.«
»Ja, Sir«, antwortete Scott schlicht, schlug die Akte auf und studierte den Inhalt, während sein Körper sich mit jeder Faser nach Sam sehnte, sodass er versucht war, sie anzurufen und ...
Er unterdrückte die Regung gewaltsam und konzentrierte sich auf seinen neuen Fall.

Die beiden Anwälte der Versicherung hatten als Verstärkung ihren Privatermittler Tom Harker mitgebracht und hofften wohl, auf diese Weise nicht nur Conrad Harrington, den zuständigen Kurator des Museums, sondern auch Scott einschüchtern zu können. Jedenfalls versuchte Harker in einem reichlich verächtlichen Ton Scott zu erklären, warum seiner Meinung nach das gestohlene Exponat von einem Angestellten des Museums gestohlen worden sein musste und sich möglicherweise sogar noch im Haus befand.
»Es gab nicht die geringsten Einbruchspuren an der Vitrine«, zählte er auf. »Der Alarm wurde auch nicht ausgelöst, und die Überwachungskameras haben nichts aufgezeichnet. Außerdem haben meine Leute den einschlägigen Markt abgegrast. Das Stück ist in den vergangenen zwei Wochen nirgends angeboten worden. Und welchen Schluss ziehen Sie jetzt daraus, Mr. Anwalt?«
Noch vor zwei Wochen hätte Scott ihm uneingeschränkt darin zugestimmt, dass das tatsächlich den Schluss nahe legte, dass der Täter im Museum selbst zu suchen wäre. Aber da hatte er auch noch nicht gewusst, dass es Dämonen und Magie gab, mit der man zum Beispiel zerschmetterte Gegenstände innerhalb von Sekunden wieder reparieren, andere verschwinden lassen und sicher noch eine Menge mehr tun konnte. Mal ganz abgesehen von den profanen Verbrechern, die sich immer raffiniertere Tricks einfallen ließen, um selbst die modernsten Überwachungsanlagen auszutricksen.
»Das ist absurd!«, ereiferte sich Conrad Harrington, ein distinguierter Mann Anfang sechzig. »Nicht nur die Polizei, sondern auch wir haben intern jeden einzelnen unserer Mitarbeiter auf Herz und Nieren überprüft. Es ist ausgeschlossen, dass einer von ihnen das Exponat gestohlen hat. Allerdings sollten gerade Sie in Ihrem Job wissen, dass es immer wieder Hackern gelingt, selbst die besten Alarmsysteme lahm zu legen und zu umgehen. Sie hätten sich bei Ihren Nachforschungen besser mal auf die konzentriert, statt meine Leute zu verdächtigen. Und nur weil Sie nicht in der Lage waren, eine Spur des Exponats zu finden, heißt das noch lange nicht, dass es nicht eines Tages doch noch auftaucht.«
Harker beugte sich vor und erklärte beinahe aggressiv: »Meine Leute haben Kontakte zu der gesamten Szene. Und wenn jemand von denen das Exponat gestohlen hätte, so wäre das durchgesickert, selbst wenn es noch keinem Hehler angeboten worden wäre.«
»Und deshalb«, fügte einer der beiden gegnerischen Anwälte nachdrücklich hinzu, »werden wir die Versicherungssumme nicht zahlen.«
Harrington warf Scott einen hilfesuchenden Blick zu, in dessen Kopf sich gerade die Gedanken jagten. Auch wenn seine persönliche Beziehung zu Sam momentan in der Schwebe hing, so wurde die berufliche Ebene davon in keiner Weise berührt. Wenn also jemand Licht in diesen mysteriösen Diebstahl bringen konnte, so wäre es eine Dämonin, der ganz andere Mittel für ihre Nachforschungen zur Verfügung standen als der Polizei oder Harker. Schlagartig begriff er, dass genau das das Geheimnis von Sams nahezu hundertprozentigen Erfolgen war.
»Vertagen wir die endgültige Entscheidung über diese Angelegenheit, bis wir unsere eigenen Ermittlungen abgeschlossen haben«, schlug er vor. »Wenn Mr. Harrington einverstanden ist.«
Der Kurator zögerte kurz und nickte zustimmend. »Gut, machen wir es so.«
Worauf die Versicherungsleute sich mit allen Anzeichen von Unmut mitsamt ihrem Ermittler verabschiedeten. Scott reichte Harrington eine von Sams Visitenkarten, von denen er aus Gewohnheit immer noch ein paar bei sich trug. »Weston, Kruger & Goldstein arbeiten mit dieser Detektei hin und wieder sehr erfolgreich zusammen, Mr. Harrington«, erklärte er. »Ich kann mich für deren Seriosität und Qualität verbürgen. Wenn es jemandem gelingt, das Exponat zu finden, dann ist es Sam Tyler. Und wenn Sam es nicht finden kann, so kann es kein Mensch auf der ganzen Welt.« Das entsprach sogar der Wahrheit, wenn auch in einer ganz anderen Weise, als Harrington es wahrscheinlich auffasste.
»Sie halten ja eine Menge von diesem Detektiv«, stellte er fest. »Ist er wirklich so gut?«
Scott nickte nur und vergaß vollkommen, Harrington darauf aufmerksam zu machen, dass Sam Tyler eine Frau war, weil er allein bei dem Gedanken an sie von seinem Begehren übermannt wurde. Er war nur froh, dass die Platte des Tisches, an dem sie saßen, Harrington den Blick auf seinen Unterleib verwehrte, andernfalls hätte der Kurator wohl unwillkürlich die verräterische Wölbung seiner Erektion bemerkt, von der er das Gefühl hatte, dass sie ihm jeden Moment die Hose sprengte.
»Es gibt niemand Besseres«, antwortete er schließlich mühsam beherrscht. »Falls Sie Ihr Exponat zurück haben wollen und nicht auf die Versicherungssumme spekulieren«, fügte er hinzu. »Denn wenn tatsächlich jemand aus dem Museum mit dem Diebstahl zu tun hat, wird Sam das herausfinden.«
Harrington warf ihm einen indignierten Blick zu. »Mr. Parker, ich bin nur daran interessiert, das Schmuckstück zurückzubekommen oder, falls es zum Zweck des besseren Verkaufs bereits in seine Bestandteile zerlegt worden sein sollte, zu erfahren, wer der Dieb ist und ihn bestraft zu sehen. Das Geld von der Versicherung ist mir persönlich völlig egal. Das Exponat ist von seiner Herkunft, seiner Geschichte und vor allem seinem ideellen Wert her unbezahlbar. Es ist absolut einzigartig auf der Welt. Verglichen mit seinem wahren Wert für das Museum ist die Versicherungssumme ein Almosen.«
Scott nahm das ein wenig überrascht zur Kenntnis. »Was ist denn an diesem Stück so Besonderes, Mr. Harrington?«

Sam saß im Hinterzimmer ihres Büros, das seit gut zwei Wochen auch als ihre Wohnung fungierte, ihrem Vater Tai’Benyun gegenüber, der sie mit zufriedener Genugtuung gerade zum vierten Mal hintereinander im Schach geschlagen hatte. Durch das Band des Blutes, das alle Mitglieder der Tai’u mit einander verband, wusste er, dass es ihr wegen der Trennung von Scott nicht besonders gut ging und fühlte sich bemüßigt, sie regelmäßig aufzusuchen und sie moralisch wieder aufzurichten, was sich allerdings als schwierig erwies. Da ihm solche menschlichen Gefühle wie Liebe nach wie vor vollkommen fremd waren und er sie deshalb nicht nachvollziehen konnte, hatte er auch keine Ahnung, wie er deren Nebenwirkungen ausgleichen konnte. Aber er tat sein Möglichstes, um Sam zu helfen, wenn auch bisher ohne jeden Erfolg.
Die Türglocke kündigte einen Besucher an, und Sam hoffte für einen Moment, dass es Scott sein würde. Aber der Mann, den ihr als ihre Sekretärin »Molly Spring« getarnter Dienergeist gleich darauf hereinführte, war ein Fremder. Er blickte Benyun fragend an.
»Sam Tyler?«
Benyun deutete auf Sam. »Das ist Sam Tyler. Ich bin nur der Vater – und jetzt hier wohl überflüssig.« Er erhob sich und drückte Sam einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Wir sehen uns, wenn du wieder mal im Schach verlieren willst«, verabschiedete er sich augenzwinkernd und verließ ihr Büro.
Sam räumte das Schachbrett zur Seite und bedeutete dem Mann, sich zu setzen. Nachdem er den Kaffee abgelehnt hatte, den sie ihm anbot, nahm sie ihm gegenüber Platz.
»Was kann ich für Sie tun, Mr. ...?«
»Conrad Harrington. Ich bin einer der Kuratoren des Cleveland Museum of Art, und man hat uns ein wertvolles Exponat gestohlen. Einer der Anwälte der Kanzlei, die unsere Interessen vertritt, riet mir, mich an Sie zu wenden. Er hält sehr große Stücke auf Sie und ist überzeugt, dass nur Sie uns das Exponat wiederbeschaffen können.«
Das konnte nur Scott gewesen sein, und es verursachte Sam ein seltsames Gefühl, dass er wenigstens in beruflicher Hinsicht ihre Integrität nicht infrage stellte. Allerdings hörte sie Harringtons Stimme an, dass der skeptisch war. Sie lächelte.
»Mr. Harrington, ich kann Ihnen versprechen, dass ich Ihr Exponat finden werde. Wann ist es verschwunden?«
»Vor zwölf Tagen.«
Sam zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Und da kommen Sie erst jetzt zu mir?«, konnte sie sich nicht verkneifen zu sagen.
Harrington zuckte bedauernd mit den Schultern. »Wir haben uns bisher auf die Detektive der Versicherung verlassen, doch die vermuten inzwischen, dass einer unserer eigenen Angestellten etwas damit zu tun haben könnte, und die Versicherung weigert sich deshalb zu zahlen. Aber«, er sah Sam eindringlich in die Augen, »wir wollen das Exponat zurück, und die Versicherung und ihre Leute tun nichts mehr, ebenso wenig die Polizei. Das heißt«, fügte er sarkastisch hinzu, »die tut schon noch etwas: Sie ermittelt erneut im Museum und versucht, den Dieb dort zu finden. Es ist ja auch eine merkwürdige Sache. Das Stück verschwand von einem Moment zum anderen aus der Vitrine, ohne dass die Überwachungskameras etwas aufgezeichnet haben.« Harrington zog eine Fotografie aus seinem Aktenkoffer und schob sie Sam hin. »Das ist das gestohlene Exponat.«
Sam starrte das Foto mit offenem Mund an. Es zeigte einen Schmuckanhänger, dessen Herzstück ein handtellergroßer schwarzer Diamant war, der in ein filigranes Netz von verschlungenen Goldfäden eingefasst war. In seinem oberen Drittel befanden sich zwei eingravierte Symbole. Sam erkannte sie augenblicklich als Binde-Glyphen (5), die einen machtvollen Zauber in Unadru schrieben: Len’ríguniuméy su númak – »Verbannt für alle Zeiten«.
»Das ist ...«, begann Harrington mit einer Erklärung, doch Sam unterbrach ihn.
»Das sogenannte Hexenamulett von Lady Arden Seton«, vollendete sie den Satz. »Frühes 17. Jahrhundert. Erstmals in einem Dokument aus dem Jahr 1620 als Familienerbstück für künftige Generationen erwähnt und auf dem einzigen Porträt verewigt, das jemals von Lady Arden existierte. Das Amulett verschwand noch im selben Jahr spurlos und tauchte nicht wieder auf. Lady Arden wurde nur wenige Tage später der Hexerei überführt und hingerichtet, und das Amulett blieb verschollen. Woher haben Sie es?«
»Sie wissen erstaunlich viel darüber, Miss Tyler«, stellte Harrington überrascht fest.
Sam zuckte mit den Schultern. »Das ist ein Teil meiner Familiengeschichte, Mr. Harrington. Lady Arden war eine Ahnin meiner Familie mütterlicherseits.« Nämlich Sams Urgroßmutter Tai’Ardenia, die eigentlich noch hätte leben müssen, wenn sie sich nicht mit Luzifer angelegt hätte – mit fatalen Folgen für sie selbst und beinahe auch für die Tai’u, die Luzifers ganzen formidablen Zorn abbekommen hatten, an dessen Ende nur noch ihre Großmutter Capana überlebt hatte, die aber kurz nach der Geburt ihrer jüngsten Tochter – Sams Mutter – spurlos verschwand und mit größter Wahrscheinlichkeit ebenfalls tot war. Und Sam begann an diesem Punkt des Gesprächs zu ahnen, dass der Auftrag vielleicht doch nicht so einfach werden würde, wie sie im ersten Moment vermutet hatte.
»Lady Arden war eine undurchsichtige Person, wie Sie vielleicht wissen«, begann sie mit ihren sorgfältig redigierten Erklärungen. »Vermutlich war sie eine Frau aus dem Volk. Manche glauben sogar, sie sei eine entlaufene Leibeigene gewesen. Darüber ist jedenfalls nichts bekannt. Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Schönheit« – und den unwiderstehlichen Verführungskünsten eines Sukkubus – »gelang es ihr, die Frau des 3. Earl of Winton zu werden und in die höchsten Adelskreise Schottlands und Englands aufzusteigen. Allerdings beging sie den Fehler, sich mit schwarzer Magie einzulassen und geriet ins Visier der Hexenjäger.«
Mit anderen Worten, Ardenia hatte eine Schar von Männern um sich versammelt, mit denen sie Sexorgien feierte, an denen Luzifer regelmäßig teilnahm und dabei den größten Teil der dort erzeugten Energie absahnte. Allerdings waren sie dabei ein bisschen zu sorglos und unvorsichtig gewesen und schließlich denunziert worden.
»Im Jahr 1620 kam Lady Arden auf unbekannte Weise in den Besitz eines schwarzen Diamanten von großem Wert.«
Den Schlüssel zu einem Portalstein, den sie Luzifer gestohlen hatte und der ein Tor zur Unterwelt öffnete, durch das die niederen Dämonen, die nicht über genug Magie verfügten, um ihre Dimension aus eigener Kraft verlassen zu können, in die Menschenwelt gelangen konnten, wenn das Tor mit eben diesem Stein geöffnet wurde. Umgekehrt konnten aber auch Menschen durch ein solches Tor die Unterwelt betreten. In den falschen Händen war dieser Schlüsselstein, brandgefährlich, und Sam konnte sich des Verdachts nicht erwehren, dass der oder die Diebe ganz genau wussten, was es mit Lady Ardens »Amulett« auf sich hatte.
Allerdings waren sich die Diebe vermutlich nicht darüber im Klaren, dass Ardenia dem Missbrauch des Schlüssels durch den in den Glyphen manifestierten Zauber einen Riegel vorgeschoben hatte. Und zwar in doppelter Hinsicht. Der Bannzauber über dem Schlüsselstein bannte nicht nur die Dämonen, die versuchten, durch das mit dem Schlüsselstein geöffnete Tor in die Menschenwelt zu gelangen, für alle Zeiten in der Unterwelt, die sie dadurch nie wieder verlassen konnten. Er tat auch dasselbe mit allen Menschen und anderen Wesen, die das Portal öffneten, zog sie in die Unterwelt hinein und versiegelte jeden Ausgang für sie auf ewig. Sollte irgendjemand bereits versucht haben, den Schlüssel zu benutzen, so war der jetzt für den Rest seines nur noch sehr kurzen Lebens in der Hölle gestrandet. Und niemand konnte ihn je wieder daraus befreien. Möglicherweise war Ardenias Bann sogar mächtig genug, um selbst Luzifer in dieser Dimension festzuhalten.
»Sie ließ den Diamanten in dieses Schmuckstück einarbeiten«, fuhr Sam fort, »und beging den Fehler, es voller Stolz ständig zu tragen. Angeblich hat sie es nicht einmal nachts im Bett abgelegt.« Denn der Zauber bannte nicht nur jeden, der sich an einem Portal zu schaffen machte, er wehrte auch jeden magischen Angriff auf den Träger des Amuletts ab. Und nach dem Husarenstreich, Luzifer den Schlüsselstein gestohlen zu haben, brauchte Ardenia jeden Schutz, den sie bekommen konnte. Nur hatte es ihr am Ende – natürlich – nichts genützt.
»Lady Arden stand schon vorher in Verdacht, sich der Hexerei verschrieben zu haben, und die Leute sahen diesen Verdacht durch die unchristlichen Symbole, mit denen sie ihr Schmuckstück verzieren ließ, bestätigt. Sie wurde verhaftet und kurz darauf hingerichtet. Ihr ‚Hexenamulett’ sollte ebenfalls vernichtet werden, aber es war verschwunden, und Lady Arden hat nicht einmal unter Folter preisgegeben, was sie mit ihm gemacht hat. Jedenfalls galt es seither als verschollen.«
Und da Luzifer aus unerklärlichen Gründen nicht in der Lage war, es aufzuspüren und auch nicht aus ihr herausbringen konnte, wo sie es versteckt hatte, hatte er sie ihrer magischen Kräfte beraubt und rachsüchtig auf dem Scheiterhaufen sterben lassen.
Sam blickte Harrington eindringlich an. »Und woher haben Sie es bekommen, Sir?«
Der Kurator machte ein Gesicht, als würde er sich höchst unwohl fühlen. »Es befand sich in dem Nachlass eines Sammlers okkulter Kunst, der seine gesamte Sammlung dem Museum vermacht hat. Als er vor einem halben Jahr starb, erhielten wir es zusammen mit den anderen Stücken und bereiteten eine Sonderausstellung seiner Exponate vor, als uns das Amulett gestohlen wurde. Vielleicht haben Sie schon einmal von Christopher Dwayne gehört?«
Sam nickte. Sie kannte den Namen, denn Dwayne stand wie auch einige andere Leute seines Kalibers unter der Überwachung der »Wächter«. Dwayne war nachgewiesener Maßen ein Magier von nicht unbeträchtlicher Macht, der seine »okkulte Kunst« nicht nur aus exzentrischer Sammelleidenschaft angehäuft, sondern sie auch aktiv benutzt hatte. Sam beschloss, den Wächtern einen Hinweis auf den Verbleib seiner Sammlung zu geben, auch wenn die wahrscheinlich bereits wussten, wo sie sich jetzt befand.
»Miss Tyler«, sagte Harrington unbehaglich, »das ist jetzt eine unangenehme Situation für mich. Nach unseren Informationen hatte Mr. Dwayne keine Verwandten, weshalb sein Besitz an uns fiel. Falls Sie aber Ihre Verwandtschaft zu Lady Arden nachweisen können, dann gehört das Hexenamulett wohl rechtmäßig Ihnen und Ihrer Familie.«
Sam hob abwehrend die Hände. »Machen Sie sich darüber bitte keine Gedanken, Mr. Harrington«, beruhigte sie ihn. »Wenn unsere Familienlegende in diesem Punkt stimmt – und niemand von uns zweifelt daran –, so hat Lady Arden den Diamanten, aus dem sie das Amulett anfertigen ließ, von irgendwem gestohlen. Deshalb haben wir selbstverständlich kein Anrecht darauf. Ich gebe Ihnen mein Wort, Sir, dass es dem Museum gehört und meine Familie keine Ansprüche darauf anmeldet, wenn ich es gefunden habe. Wir bereichern uns nicht an Diebesgut.« Zumindest nicht, wenn es eigentlich Luzifer gehörte und der schon einmal mehrere Tai wegen des Diebstahls getötet hatte.
»Danke, Miss Tyler, das ist überaus großzügig von Ihnen. Aber sind Sie sich auch des Wertes bewusst, den das Amulett heute besitzt?«
»Natürlich. Allein ein schwarzer Diamant von dieser Größe und Reinheit hat einen Wert von mindestens einer halben Million Dollar, wahrscheinlich mehr, dazu noch der historische Wert ... Ich schätze, das gesamte Amulett ist mit mindestens einer Million Dollar versichert.«
»1,4 Millionen«, korrigierte Harrington.
Sam zuckte mit den Schultern. »Nennen Sie es ruhig abergläubisch, Mr. Harrington, doch wir Tylers sind der Überzeugung, dass gestohlene Dinge immer Unglück bringen auf die eine oder andere Art, was auch durch den größten materiellen Wert nicht ausgeglichen werden kann. Und wenn es Ihnen recht ist, so würde ich jetzt gerne den Tatort in Augenschein nehmen.«

Jonathan Hubbart hatte bis heute nicht gewusst, was es bedeutete, wenn man sagte, dass einem das Blut in den Adern gefror. Doch er und seine Kameraden erlebten genau das jetzt am eigenen Leib. Er konnte förmlich spüren, wie der Blutfluss sich verlangsamte, sein Blut erkaltete und sein Herz schmerzhaft versuchte, die jetzt zähflüssiger werdende Masse weiterhin durch den Körper zu pumpen.
Doch daran war nicht nur die Kälte Schuld, die hier herrschte. Die »Lichter«, die David Carmichael entdeckt hatte und die jetzt unaufhaltsam näher kamen, entpuppten sich als faustgroße, rot glühende Augen, die in den Schädeln von wandelnden Skeletten saßen – Skeletten, deren Knochen mit lederartiger Haut überzogen waren.
Jemand begann zu schreien, und die anderen stimmten darin ein. Eine der Frauen wandte sich um und versuchte zu fliehen, doch sie rutschte auf dem glatten Boden aus, schlug der Länge nach hin und schlitterte mehrere Meter weiter – genau vor die Füßen eines riesigen Dings, das aussah wie ein grob aus Eis gehauener Riese. Der Eisriese blickte mitleidlos auf die am Boden liegende Frau herab, hob einen Fuß und stampfte sie damit in den Eisboden, der sich rot von ihrem Blut färbte.
Jonathan ertrug den Horror nicht mehr. Er zwang seinen fast erstarrten Körper, sich zu bewegen und zu laufen. Zumindest versuchte er es. Seine Bewegungen kamen ihm nur noch zeitlupenartig vor, waren in jedem Fall viel zu langsam, um der Meute der Skelettwesen zu entkommen, die sich jetzt auf ihn und die anderen stürzten. Jonathan hörte ihre Schreie und begriff, dass er selbst ebenfalls aus vollem Hals brüllte, als eines von ihnen sich mit einem widerlich schmatzenden Geräusch in seinen Arm verbiss und darauf herumkaute, bis er ihn vollständig abgetrennt hatte. Er sah sein eigenes Blut herauslaufen und auf dem eisigen Boden gefrieren, fühlte die Bisse anderer Monster, die ihm das Fleisch von den Rippen fetzten und ihn bei lebendigem Leib auffraßen. Sein letzter Sinneseindruck war der, wie eins der Biester ihm das Herz aus dem Leib riss und sich in den Rachen schob, ehe ihn der Tod endlich gnädig erlöste.
Nur wenige Minuten später verschwanden die Skelettwesen und der Eisriese wieder vom Schauplatz des Geschehens, an dem nichts weiter zurückblieb als ein paar zu Eis gewordene Lachen und Rinnsale aus Menschenblut. Und auch die würden in wenigen Augenblicken nicht mehr existieren, sobald die Eiswürmer sie gewittert und diesen seltenen Leckerbissen bis zur letzten blutigen Eiskrume verschlungen haben würden.

Sam saß in der Sicherheitszentrale des Museums of Art und sichtete die Überwachungsbänder. Deutlich war auf dem des fraglichen Tages zu sehen, dass das Amulett in seiner Vitrine bis zur Schließung des Museums ruhte. Zwanzig Minuten später, nachdem das Licht gelöscht worden war, verschwand es übergangslos von einer Sekunde auf die andere. Durch sein Verschwinden wurde kein Alarm ausgelöst und sein Fehlen erst entdeckt, als der zuständige Wachmann in der Überwachungszentrale nach einer Stunde endlich einmal seinen Blick von dem Rätselheft hob, mit dem er sich die Zeit vertrieb und zu seinem Entsetzen die leere Vitrine sah.
Sam konnte in Anbetracht dieser Zeitspanne durchaus verstehen, dass der Mann jetzt als Verdächtiger im Mittelpunkt der polizeilichen Ermittlungen stand. Sie sah allerdings auf den Aufzeichnungen etwas, das der Polizei und jedem anderen Menschen natürlich entgangen war: ein kurzes, grünliches Aufleuchten in dem Moment des Verschwindens. Und das zeigte ihr, dass das Amulett durch Magie aus der Vitrine entfernt worden war. Da dieses Leuchten aber in einem Bereich des Spektrums lag, den das menschliche Auge nicht zu erkennen vermochte, hatte die Polizei davon nichts bemerkt.
Immerhin gab das Sam die Möglichkeit, die Unschuld des Wachmannes an dem Diebstahl zu beweisen, wenn er wahrscheinlich trotzdem seinen Job verlieren würde, weil er so nachlässig gewesen war. Sie würde es mit einem kleinen Zauber so drehen, dass jemand von außerhalb des Gebäudes sich in das System gehackt und eine Endlosschleife auf die entsprechende Kamera gelegt hatte, um unter deren Deckmantel das Amulett zu stehlen. Der nächste Schritt war zu erklären – und zu beweisen – auf welche Weise jemand die Vitrine geöffnet und das Exponat entwendet hatte, ohne dass der Alarm ausgelöst wurde. Und auch dafür würde sie die Beweise entsprechend fälschen. Etwas länger würde es dagegen dauern, das Amulett zu finden. Doch das war für eine Dämonin ihres Formats nicht allzu schwierig.
In Situationen wie dieser war Sams einziges »Problem«, die Lösung ihrer Fälle so zu präsentieren, dass es für die Menschen nach ganz normalen Verbrechen aussah, für die es ganz normale logische Erklärungen, Ursachen und Vorgehensweisen gab. Schließlich durfte nach Möglichkeit niemand herausfinden, dass es tatsächliche Magie, Dämonen und andere Geschöpfe gab, die man normalerweise nur aus Horrorfilmen und Gruselromanen kannte. Aufgrund der Beliebtheit, der sich dieses Thema seit einiger Zeit in den Medien erfreute, glaubten ohnehin schon zu viele Menschen an die reale Existenz solcher Geschöpfe oder zogen sie doch zumindest in Betracht.
Sie untersuchte zum Abschluss auch noch die Vitrine und tastete sie mit ihren magischen Sinnen ab, wobei sie eine interessante Entdeckung machte. Die Magie, die für den Raub des Amuletts verwendet worden war, besaß eine ihr bekannte Signatur. Jede Anwendung von Magie hinterließ unsichtbare Spuren im ätherischen Bereich, und diese magischen Signaturen waren so unverwechselbar wie Fingerabdrücke und DNA. Diese hier gehörte zu einem Mitglied eines Satanistenzirkels. Vor ein paar Monaten hatte sie die unangenehme Bekanntschaft der »Diener des Schwarzen Feuers« gemacht, und wer immer das Amulett gestohlen hatte, war damals an dem Angriff auf Sams Klienten Henry Bellamy beteiligt gewesen. So wusste sie zumindest schon einmal, wer für den Diebstahl verantwortlich war.
Als sie Conrad Harringtons Büro betrat, um ihm ihre Ergebnisse mitzuteilen, fand sie Scott darin vor, der dem Kurator gerade ein paar Dokumente zum Unterzeichnen vorlegte.
»Hallo Scott«, sagte sie ruhig und registrierte mit einem kleinen Anflug von Boshaftigkeit, dass er offenbar unter der Trennung mindestens ebenso sehr litt wie sie.
»Hallo Sam«, quetschte er nach mehreren vergeblichen Versuchen schließlich mühsam heraus.
Zu mehr war er nicht fähig, doch sie spürte deutlich, dass seine Hormone allein bei ihrem Anblick verrückt spielten, eine ganz normale Reaktion für einen Menschen, der einmal mit einem Sukkubus oder Inkubus geschlafen hatte. Nach diesem Erlebnis waren sie auf den dämonischen Partner so fixiert, dass sie ihn auch ohne dessen Lockmagie begehrten. Doch wo diese Wirkung bei One-Night-Stand-Partnern nach ein paar Tagen wieder verging – auch wenn sie danach niemals wieder in vollem Umfang Befriedigung durch menschliche Partner erfahren würden –, blieb sie bei einem Langzeitpartner wie Scott bestehen. Wahrscheinlich sogar für den Rest seines Lebens.
Er starrte Sam jetzt regelrecht gequält an und musste seine gesamte Beherrschung aufbieten, um sie nicht in seine Arme zu reißen, sie in die nächstbeste Besenkammer oder Waschraum zu zerren, ihr und sich die Kleider vom Leib zu reißen und den heißen Sex mit ihr zu haben, den er seit ihrer Trennung schmerzlichst vermisste. Allein Harringtons Anwesenheit verhinderte, dass er auch genau das tat.
Sam wandte sich an den Kurator. »Ich habe eine gute Nachricht für Sie, Mr. Harrington«, sagte sie. »Ich habe Beweise dafür gefunden, dass sich jemand in Ihr Sicherheitssystem eingehackt und es manipuliert hat. Es war die klassische Vorgehensweise mit einer Endlosschleife für die Kamera und einem elektronischen Lockpicker (6), der die Zahlenschlösser an den Türen und der Vitrine geknackt hat. Ich werde Ihnen, sobald ich meine Ermittlungen abgeschlossen habe, ein paar Vorschläge für eine Verbesserung Ihrer Systeme unterbreiten.«
»Danke, Miss Tyler. Aber warum hat die Polizei diese Beweise nicht gefunden?«, fragte Harrington missmutig, aber doch erleichtert.
Sam lächelte begütigend. »Die Polizei macht einen tollen Job, Sir, aber sie hat definitiv nicht mein Fachwissen, was Überwachungssysteme betrifft. Den Beamten fehlen einfach die entsprechenden Möglichkeiten. Natürlich werde ich das noch einmal sehr gründlich überprüfen, aber wie es aussieht, hat tatsächlich keiner der hier Angestellten irgendwas mit dem Diebstahl zu tun.«
»Gott sei Dank!«
»Ich bin außerdem zuversichtlich, dass ich durch die von den Dieben verwendete Software herausfinden werde, wer sie sind. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich Ihr Exponat gefunden habe. Sofern es noch in einem Stück ist, bekommen Sie es zurück.«
Harrington blickte Scott an. »Mr. Parker, Ihre Empfehlung, Miss Tyler zu engagieren, war tatsächlich eine hervorragende Idee. Lassen Sie sie den Vertrag unterzeichnen, damit sie weitermachen kann. Mich müssen Sie bitte entschuldigen, ich habe noch viel zu tun, um die Ausstellung vorzubereiten.«
Er wartete eine Antwort nicht ab, sondern verließ sein Büro und ließ Sam und Scott allein zurück. Der starrte Sam immer noch voller Schmerz an und wünschte sich offensichtlich weit weg von hier. Oder doch zumindest, nicht mit ihr allein sein zu müssen.
»Der Vertrag, Scott«, erinnerte sie ihn schließlich.
»Eh, ja, hier.« Er legte ihr das Schriftstück vor und blätterte mit zitternden Händen zu der Stelle, an der sie unterschreiben musste. Als sie an den Tisch trat, musste er sich erneut zusammenreißen, um sie nicht zu umarmen und zu küssen. »War«, er schluckte vernehmlich, »war das die Wahrheit, was du Mr. Harrington über den Diebstahl gesagt hast?«
»Nein«, gab sie unumwunden zu, während sie den Vertrag überflog. »Das Amulett wurde durch Magie aus der Vitrine entfernt. Aber das konnte ich Harrington ja schlecht auf die Nase binden.«
»Du kannst verdammt überzeugend lügen, Sam.« Seine Stimme klang bitter. »Noch vor zwei Wochen hätte ich dir jedes Wort geglaubt.«
Sie unterzeichnete den Vertrag und hielt ihm ihn hin. »Das lernt man zwangsläufig bei dem Drahtseilakt, den Wesen meiner Art täglich absolvieren müssen, um unter Menschen nicht aufzufallen.« Sie blickte ihn auffordernd an. »Na los, spuck schon aus, was du auf dem Herzen hast.«
»Warum hast du mir nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt, Sam?«, fragte er anklagend und riss ihr beinahe den Vertrag aus der Hand.
Sie lachte humorlos. »Aber klar! Ich hätte dir die Wahrheit sagen können: ‚Weißt du, mein Freund, das, was unser Schäferstündchen gerade so toll gemacht hat, ist Magie, denn ich bin eine Dämonin und ernähre mich von Sex.’ Sag mal ehrlich, Scott: Hättest du das geglaubt? Hm?«
Er sah sie verletzt an und schwieg.
»Komm schon, du Wahrheitsfanatiker!«, bestand sie auf einer Antwort. »Hättest du mir ein einziges Wort dieser Wahrheit geglaubt?«
Er schloss die Augen und atmete einmal tief durch. »Nein«, gestand er. »Ich hätte dich für verrückt gehalten. Oder geglaubt, dass du einen etwas merkwürdigen Scherz machst. Es tut mir leid, Sam!«
»Was?«, fragte sie ungnädig. »Dass du mir nicht geglaubt hättest? Dass du mir Unrecht getan hast, als du mir vorgeworfen hast, dich im herkömmlichen Sinn zu betrügen? Oder dass du mich Knall auf Fall rausgeworfen hast?
»Du hast nicht einmal eine einzige Träne darüber vergossen«, warf er ihr vor.
Sie warf die Hände in die Luft. »Mann, ich bin ein Sukkubus«, erinnerte sie ihn. »Wesen von meiner Art haben keine Tränendrüsen. Wir können nicht weinen, selbst wenn wir es gern wollten.« Sie schüttelte den Kopf und fuhr ruhig fort: »Scott, ich bin kein Mensch, auch wenn ich äußerlich so aussehe und werde nie einer sein können. Als die Ersten von uns vor Tausenden von Jahren erschaffen wurden, besaßen sie nicht einmal eine Seele. Die haben ein paar erst dadurch bekommen, dass sie sich mit Menschen vermischt haben. Ich habe zufällig eine, ebenso wie der Rest meiner Familie. Aber keiner von uns ist in der Lage, Liebe zu empfinden wie ein Mensch. Außer mir. Und das ist für mich ein Fluch, weil ich dich liebe und wahnsinnig unter der derzeitigen Situation leide. Und weißt du was? Ich beneide euch Menschen, dass ihr in der Lage seid, euch durch Tränen Erleichterung zu verschaffen.«
Er ließ den Vertrag fallen, nahm sie in die Arme und streichelte ihr Gesicht mit seinen Lippen. »Verzeih mir, Sam«, bat er schließlich. »Aber es ist für mich unglaublich schwierig. Ich dachte, ich kenne dich, und dann muss ich feststellen, dass du eine ganz andere Person bist. Und damit nicht genug, muss ich auch noch verdauen, dass es Magie gibt und Dämonen und dass die Frau, die ich liebe, eine davon ist. Vielleicht kannst du das nicht nachvollziehen, weil du kein Mensch bist, aber das ist ein bisschen viel für mich. Und wenn ich daran denke, dass du in all den vergangenen Tagen seit unserer Trennung mit unzähligen anderen Männern im Bett warst, weil du das brauchst und damit niemals aufhören kannst ...« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich tun soll«, gestand er.
Sie machte sich von ihm los und wandte sich zum Gehen. »In dem Fall schlage ich vor, du meldest dich wieder bei mir, wenn du dir darüber klar geworden bist.«
Er fasste sie am Arm und hielt sie fest. »Sam, ich komme nicht damit klar, weil ich nicht weiß, was das alles eigentlich bedeutet. Vielleicht verstehe ich es, wenn du es mir erklärst.«
»Ha! Das letzte Mal, als ich es dir zu erklären versuchte, hast du mich beschuldigt, faule Ausreden zu gebrauchen und mich rausgeworfen.«
»Das werde ich nicht noch einmal tun. Aber bitte, hilf mir zu verstehen, damit ich eine Entscheidung treffen kann.«
Sie zögerte. »Ich kann zwar nicht weinen wie ein Mensch«, sagte sie leise, »aber ich bin dadurch, dass ich Liebe empfinden kann, nicht weniger verletzlich. Und du hast mich sehr verletzt.«
»Ich werde es nicht wieder tun, Sam. Versprochen.«
»Okay«, gab sie nach, »aber hier ist definitiv der falsche Ort für so eine Besprechung.« Sie fasste seine Hand und sprang mit ihm durch die Dimensionen direkt in das Wohnzimmer ihres gemeinsamen Hauses.
Scott stieß einen erschrockenen Ruf aus. »Himmel! Was ...«
»Das ist einer der Vorteile zu sein, was ich bin«, erklärte Sam und setzte sich auf die Couch, auf der sie und Scott manche Stunde mit heißen Sexspielen verbracht hatten. »Der wissenschaftliche Begriff dafür heißt Teleportation, aber wir nennen es das ‚Springen durch die Dimensionen’. Und das ist nur eines der Dinge, die ich tun kann. Du willst verstehen, was es bedeutet, ein Sukkubus zu sein? Gut, ich erkläre es dir noch einmal und ein bisschen ausführlicher. Vielleicht bist du diesmal in der Lage, es zu begreifen.«
»Ich gebe mir Mühe«, versprach er ernsthaft und setzte sich neben sie.
»Die Sukkubi und Inkubi wurden vor ich weiß nicht wie vielen Tausenden von Jahren vom Herrn der Unterwelt erschaffen.«
»Du meinst – vom Teufel?«, entfuhr es Scott erschrocken.
Sam nickte. »Luzifer persönlich. Die Ersten von uns waren, wie schon erwähnt, seelenlose Homunkuli; daher das Gerücht wir würden die Seelen unserer Sexpartner stehlen, da wir selbst keine hätten. Sie hatten nur die einzige Aufgabe, für ihren Herrn und Meister eine bestimmte Form von Energie zu sammeln und in magischen Reservoiren zu speichern. Diese Energie ist die, die von den Menschen beim Sex erzeugt wird. Frage mich nicht, warum er ausgerechnet an dieser Energie so sehr interessiert war, denn niemand weiß es. Jedenfalls hat er uns deshalb äußerlich dem Aussehen der Menschen angepasst und uns, damit wir nie aufhören, diese Energie zu sammeln, den Hunger danach in die Gene gepflanzt. Schlimmer noch: allein diese Energie ist es, von der wir existieren können. Wenn wir sie nicht zu uns nehmen, verhungern wir genauso wie ein Mensch, dem man die Nahrung entzieht.«
»Aber du isst doch auch ganz normales Essen«, wandte Scott ein.
Sam nickte. »Und es schmeckt köstlich. Jedenfalls wenn es gut zubereitet ist. Aber es ernährt mich nicht richtig. Ich könnte heute aufhören, normale Nahrung zu mir zu nehmen, und ich würde trotzdem überleben bis ans natürliche Ende meiner Tage in ungefähr sechs- bis siebenhundert Menschenjahren. Aber sobald ich aufhöre, Sexualenergie zu absorbieren, werde ich innerhalb von maximal vier Wochen verhungern und schon nach zwei Wochen komplett wahnsinnig sein, weil längerer Mangel irgendwas in unserem Gehirn zerstört.
Das Problem dabei ist, jedenfalls soweit es eine Beziehung zu Menschen betrifft, dass die Menge an Energie, die wir zum Leben benötigen, so groß ist, dass ein einzelner Mensch sie nicht liefern kann. Zumindest nicht auf die Dauer. Du würdest es sicher ein paar Tage, vielleicht auch Wochen oder sogar Monate durchhalten, jeden Tag bis zur Erschöpfung mit mir zu schlafen, aber eben nicht langfristig. Entweder würde ich ab einem gewissen Zeitpunkt an deiner Seite langsam dahinsiechen und schließlich sterben, wenn ich mich nur noch von dir ernährte, oder ich würde dich ungewollt umbringen, weil ich irgendwann deine Lebensenergie anzapfen müsste, um zu überleben.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Unsere Art ist für Monogamie nicht geschaffen. Wir sind überhaupt nicht dafür geschaffen, in festen Beziehungen zu leben. Und damit meine ich ausschließlich unsere genetische Disposition, nicht unsere diesbezügliche geistige oder seelische Verfassung. Glaube mir, Scott, wenn ich die Wahl hätte, gäbe es keinen anderen Mann in meinem Leben als dich. Weil ich dich liebe, nicht weil ich den Sex mit dir brauche, um zu überleben. Und das«, sie sah im ernst in die blauen Augen, »ist auch der wichtige Unterschied zwischen dir und den anderen Männern. Du bist der Geliebte meiner Seele, meines Körpers und meines Geistes. Die anderen sind nur wie ein Steak, das meinen knurrenden Magen besänftigt. Deshalb ist es nach meinem Empfinden auch keine Untreue dir gegenüber, wenn ich mir meine Nahrung anderswo beschaffe, wenn du sie mir nicht mehr geben kannst.«
Er schwieg und dachte darüber nach. »Ich glaube, ich verstehe jetzt, was du meintest, als du damals sagtest, das wäre deine Natur, gegen die du nicht ankommst. Ich habe das für eine faule Ausrede gehalten, mit der du dein, hm, Fremdgehen rechtfertigen willst. Aber es ist tatsächlich deine Natur, genauso wie«, er suchte nach einem Vergleich, »dass Koalas sich ausschließlich von Eukalyptusblättern ernähren können und sterben, wenn sie die nicht bekommen.«
Sam nickte. »So ungefähr.« Sie sah ihn ernst an. »Ich hoffe immer noch, dass du das irgendwann akzeptieren kannst und lernst, damit zu leben, damit wir wieder zusammen glücklich sein können. Und es tut mir sehr leid, dass ich dich die ganze Zeit über belügen musste.«
Er schaute sie an und sah nur seine geliebte Sam, die wunderbare Frau, mit der er fast drei Jahre lang glücklich gewesen war. Mit ihr im Arm waren alle Ressentiments, die er gegen sie gehegt hatte, wie weggeblasen.
»Das war, nun ja, Notwehr«, gab er zu. »Du hast vollkommen Recht, dass ich dir die Wahrheit nicht geglaubt hätte. Und du hattest auch Recht, als du befürchtetest, dass ich mit dir nichts mehr zu tun haben wollte, sobald ich dein Familiengeheimnis kenne. – Deine Familie! Sind sie auch ...«
Sam nickte. »Inkubi und Sukkubi.«
»Mein Gott! Wie viele von eurer Art gibt es eigentlich?«
»Nicht mehr sehr viele. Irgendwann brauchte Luzifer uns nicht mehr und überließ uns uns selbst. Und da eines Tages zumindest in westlichen Ländern eine sexuelle Revolution stattfand, durch die Sex nahezu überall und zu jeder Zeit verfügbar wurde, brauchten die Menschen uns auch nicht mehr im selben Maß wie vorher zur Befriedigung ihrer geheimsten sexuellen Wünsche und Träume. Die meisten unserer Art haben irgendwann aufgehört sich fortzupflanzen. Weltweit gibt es nur noch ein paar Tausend von uns. Wie viele noch in der Unterwelt leben, weiß ich allerdings nicht.«
Er sah sie nachdenklich an. »Du erwähntest, dass du noch an die sechshundert Jahre leben wirst«, sagte er schließlich. »Wie alt bist du eigentlich? Und ich nehme mal an, dass ‚Samantha Tyler’ nicht dein richtiger Name ist.«
»Stimmt. Ich heiße Tai’Samala – Samala aus der Blutlinie der Tai. Nach Menschenjahren gerechnet bin ich jetzt 117 Jahre alt, aber für unsere Begriffe erst seit elf Jahren erwachsen. Bis vor gut zehn Jahren lebte ich noch unter dem Namen Sarah Thompson in Christchurch in Neuseeland. Deshalb hast du bei deinen Nachforschungen über mich damals auch keine Informationen über Sam Tyler finden können, die älter als zehn Jahre waren. Inzwischen haben meine Familie und ich diesen Fehler korrigiert. Sollte irgendwer noch mal unseren Background prüfen, so würde der feststellen, dass wir alle einen lückenlosen Lebenslauf von der Geburt bis heute haben.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Alle fünfzehn bis zwanzig Jahre müssen wir den Ort und die Identität wechseln und den Kontakt zu den meisten Bekannten und Freunden abbrechen. Da wir nicht in dem Maße altern wie die Menschen und es denen irgendwann auffällt, dass sie selbst Falten und graue Haar bekommen, wir aber ungebrochen jung bleiben, müssen wir verschwinden, bevor es so weit kommt. Denn das Geheimnis unserer Existenz muss unter allen Umständen gewahrt bleiben.«
»Warum das?«
Sam schnaufte. »Was glaubst du, was passierte, wenn die Menschen erführen, dass es Dämonen wie mich gibt und wir echte Magie beherrschen? Gerade in diesem Land der Puritaner. Einige Wenige wären davon fasziniert, aber die meisten hielten uns immer noch für ‚Buhlteufel’, wobei die Betonung auf Teufel liegt und würden alles daran setzen, uns zu vernichten. Deshalb gibt es nur wenige Menschen, denen wir uns gefahrlos offenbaren können, denn wenn einer von uns enttarnt wird, gefährdet das uns alle. Aber«, sie seufzte tief, »du ahnst nicht, was für ein schwieriger Drahtseilakt es oft genug ist, ständig so zu tun, als wären wir ganz normale Menschen.«
Scott schwieg eine Weile und überdacht das Gehörte. Wenn er sich nicht selbst von Sams magischen Fähigkeiten hätte überzeugen können, hätte er ihr diese ganze Geschichte nie geglaubt. Und nun musste er eine Entscheidung treffen, ob er einen Sukkubus genauso lieben konnte wie er Samantha Tyler geliebt hatte. Und immer noch liebte.
»Und die anderen, hm, notwendigen Fütterungen, die du brauchst«, sagte er schließlich, »die bedeuten dir wirklich nichts?«
Sie schüttelte den Kopf. »Abgesehen davon, dass einige sehr wenige von ihnen im platonischen Sinn gut Freunde sind, die mir ab und zu diese Art von Freundschaftsdienst erweisen.«
»Aber sie bedeuten dir nichts?«, vergewisserte er sich noch einmal.
»Doch, als Freunde bedeuten sie mir sogar sehr viel. Aber als Männer im Bett sind sie nur, na ja, Schnitzel eben. Haferbrei. Hamburger. Und so weiter. Aber ich bin zu höflich, um ihnen das brutal ins Gesicht zu sagen.«
»Immerhin haben die ja auch ihren Spaß daran«, stellte er missmutig fest.
Sam nickte. »Das liegt nun einmal in der Natur der Sache. Und es ist auch nicht mehr als gerecht. Schließlich bezahlst du auch für dein Essen im Supermarkt und nimmst es nicht einfach ohne Gegenleistung weg.«
Er schüttelte langsam den Kopf. »Ich habe bis heute nicht begriffen, warum du dich überhaupt auf mich eingelassen hast«, gestand er. »Ich war nie der Typ Mann, hinter dem die Frauen her sind. Und nachdem ich jetzt weiß, was du wirklich bist, verstehe ich umso weniger, was du an mir findest.«
Sam lächelte, beugte sich vor und legte ihre Hand an seine Wange. »Dich, Scott. Dein ganzes Wesen, dein Charakter, deine Art, mit mir umzugehen, deine Loyalität, deine Leidenschaft, deine zurückhaltende Art, deine Integrität, deine Zärtlichkeit und die Achtung, mit der du mich bisher immer behandelt hast. Du bringst es fertig, dass ich mich in deiner Gegenwart unglaublich wohl fühle. Und deshalb würde ich dich nie gegen einen anderen Mann eintauschen wollen. Erst recht nicht, nachdem du jetzt meine wahre Natur kennst und ich sie nicht mehr vor dir verbergen muss.«
Er nahm sie in die Arme und drückte sie an sich, als wollte er sie nie wieder loslassen. »Ich liebe dich, Sam«, sagte er eindringlich. »Auch wenn es mir schwerfällt, mit dem Bewusstsein zu leben, dass ich niemals der einzige Mann für dich sein kann. Aber ich werde lernen damit umzugehen. Jedenfalls wenn du deine, hm, sonstigen, eh, Fütterungen so diskret gestaltest, dass ich davon nichts merke.«
Sie lachte leise. »Das kann ich dir versprechen. Schließlich hast du ja auch in den fast drei Jahren, die wir jetzt zusammen sind, kein einziges Mal davon mitbekommen.«
Er nickte. »Aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe.«
»Und was heißt das jetzt?«
Er schob sie ein Stück von sich weg und sah ihr in die Augen. »Dass ich versuchen werde, damit klar zu kommen, ohne dir jemals deswegen eine Szene zu machen«, versprach er. »In erster Linie heißt es aber, dass ich möchte, dass du zurückkommst. Hierher. Nach Hause. Wenn du das immer noch willst.«
Sie umarmte ihn heftig. »Oh ja!«, stimmte sie inbrünstig zu und sprang auf. »Ich bin sofort zurück.«
Sie verschwand vor seinen Augen, und er zuckte erschreckt zusammen. Das tat er erneut, als sie keine fünf Minuten später genauso urplötzlich wieder neben ihm auftauchte mit ihrer Reisetasche in der Hand.
Er seufzte. »Ich gebe zu, diese Art der Fortbewegung ist auch sehr gewöhnungsbedürftig. Aber willkommen zu Hause, Sam.« Er sah sie fragend an. »Ist es okay, wenn ich dich weiterhin Sam nenne? Oder soll ich Samala zu dir sagen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Für dich bin ich Sam. Und mir gefällt die Art, wie du diesen Namen aussprichst.«
Er umarmte sie und küsste sie leidenschaftlich, und nur wenige Augenblicke später lagen sie nackt auf der Couch und liebten sich so inbrünstig, als wäre es das letzte Mal.

»Wie sehr habe ich das vermisst«, stellte Scott eine knappe Stunde später fest. Er fühlte sich unbeschreiblich glücklich und herrlich erschöpft zugleich. »Ich könnte den Rest des Tages hier mit dir verbringen und würde jede Sekunde davon genießen. Aber meine Unterlagen sind noch in Harringtons Büro. Wie soll ich dem erklären, wohin wir so plötzlich verschwunden sind? Und wie komme ich wieder in sein Büro hinein, ohne dass er Verdacht schöpft?«
»Keine Panik«, beruhigte ihn Sam lächelnd, stand auf und zauberte ihm mit einer lässigen Geste seine Kleidung wieder auf den Leib, ehe sie mit ihrer dasselbe tat.
Er quittierte das mit einem erschrockenen Ausruf. »Bitte lass das«, bat er. »Das ist enervierend.«
»Okay«, stimmte sie lächelnd zu. »Aber wenn du mir versprichst, den Mund zu halten und kein einziges Wort zu sagen, kommen wir ungesehen wieder zurück in sein Büro.«
»Gut«, stimmte er gedehnt zu, »aber was hast du vor?«
»Auf demselben Weg zurückzukehren, wie wir das Büro verlassen haben, nur unter einem Unsichtbarkeitszauber. Unter dem kann uns zwar keiner sehen, aber durchaus hören, deshalb das Schweigegebot. Schaffst du das?«
»Unsichtbarkeitszauber«, wiederholte er und schüttelte den Kopf. »Was kannst du noch alles?«
»Eine Menge. Aber dir das auf einen Schlag zu offenbaren, würde dich wohl überfordern.« Sie sah ihn ernst an. »Ich weiß, dass du dich erst daran gewöhnen musst, und wenn ich für dich zu viel ich selbst bin mit allen meinen Fähigkeiten, so werde ich mich bemühen, sie in deiner Gegenwart so wenig wie möglich anzuwenden. Aber ich gebe zu, dass es für mich eine große Erleichterung ist, bei dir nicht mehr so tun zu müssen, als wäre ich ein ganz normaler Mensch.«
Scott seufzte und legte die Arme um sie. »Ich werde schon damit klar kommen«, war er überzeugt.
»Dann schweige jetzt.«
Im nächsten Moment standen sie in einer Ecke von Harringtons Büro, und zu Scotts Erleichterung war es noch genauso verlassen wie vor einer Stunde. Scott packte seine Sachen zusammen, und gemeinsam verließen sie diesmal auf normalem Weg das Museum.
»Und was machst du jetzt bezüglich des Amuletts?«, fragte er, als sie in der Parkgarage vor ihren Autos standen.
»Das, was ich Harrington versprochen habe. Ich spüre es auf und bringe es ihm zurück. Und natürlich«, fügte sie hinzu, »erfinde ich eine plausible Geschichte, wie und wo ich es gefunden habe, die glaubhaft und lückenlos ist. Es wird, wenn es keine Komplikationen gibt, höchstens einen Tag, maximal zwei dauern.« Sie lächelte und gab ihm einen Kuss. »Wir sehen uns heute Abend – zu Hause.«
»Ich freue mich darauf«, versicherte er ihr und fuhr wenig später höchst beschwingt in die Kanzlei zurück.
Sam fuhr nach Hause und fühlte sich einerseits nicht weniger beschwingt. Andererseits hatte sie eine düstere Vorahnung, dass sich das Problem mit Scott nicht so einfach lösen ließ, wie es im Moment den Anschein hatte. Er mochte guten Willens sein und sich wirklich bemühen, ihre Natur zu akzeptieren. Doch er war und blieb ein Mensch und würde niemals in der Lage sein, in letzter Konsequenz nachzuvollziehen, was es tatsächlich bedeutete, ein Sukkubus zu sein. Deshalb würde es ihm trotz aller guten Vorsätze sehr schwerfallen, ihre Natur hinsichtlich der »auswärtigen Fütterungen« wirklich zu akzeptieren. Das würde mit Sicherheit noch Probleme geben.
Doch im Moment hatte sie ein anderes, um das sie sich kümmern musste. Sie setzte sich, kaum dass sie zu Hause angekommen war, in ihr Schlafzimmer und versuchte, das Amulett mit einem einfachen Bringzauber zu sich zu bringen. Es gelang ihr nicht. Das bedeutete entweder, dass die Diener des Schwarzen Feuers es mit einem Zauber dagegen geschützt hatten oder dass es vernichtet worden war. Da sie Letzteres aufgrund der Identität der Diebe mit Sicherheit ausschließen konnte, musste es also ein Zauber sein, der es schützte.
Deshalb versuchte sie als nächstes, eine Vision zu beschwören, die ihr die Diener des Schwarzen Feuers zeigen sollte, damit sie sich einen oder mehrere von ihnen vornehmen und nach dem Verbleib des Amuletts ausquetschen konnte. Doch auch das schlug fehl, und das erfüllte Sam mit einiger Besorgnis. Sie kannte die Macht, über die der Satanistenzirkel verfügte und wusste aus Erfahrung, dass die sich mit ihrer eigenen nicht messen konnte. Ihre beschworene Vision hätte ihr alle, aber doch wenigstens einen von ihnen zeigen müssen, und sie begann an diesem Punkt zu ahnen, dass hier irgendetwas nicht stimmte.
Sie konzentrierte sich als nächstes darauf, die magische Signatur ausfindig zu machen, die sie bei jeder Anwendung von Magie hinterlassen hatten und fand nach einer guten Stunde den Portalstein im Wald des Cuyahoga Valley National Parks. Die Signatur war überaus stark und zeugte davon, dass sie dort ein Ritual durchgeführt haben mussten.
Sam sprang durch die Dimensionen dorthin und fand eine weitere Ungereimtheit vor. Der Portalstein lag vollkommen verlassen an seinem Platz im Wald, doch um ihn herum fand sie die Wachsreste von Kerzen und ein paar Fackeln sowie die Überreste eines Kreises aus Salz. Doch jeder Mensch, der Magie an einem öffentlich zugänglichen Ort praktizierte, gab sich die größte Mühe, hinterher keine Spuren seiner Tat zurückzulassen. Das traf umso mehr auf bekennende Satanisten zu, da die erst recht kein Interesse daran hatten, dass man ihnen auf die Schliche kam.
Aber hier war alles zurückgelassen worden. Selbst wenn man bedachte, dass der Portalstein weit abseits der Wanderwege durch den Park lag, so würden Magier vom Kaliber der Diener des Schwarzen Feuers niemals eine solche Nachlässigkeit begehen. Sam untersuchte den Boden rund um den Stein und stellte fest, dass die Vegetation darum herum bis zur Grenze des magischen Kreises völlig frostzerfressen war, obwohl es um diese Jahreszeit noch keinen Bodenfrost gegeben hatte. Und noch etwas war seltsam. Es gab Spuren von sechs Menschen, die zu dem Stein hin führten, doch keine einzige führte wieder von ihm weg. Das ließ nur den Schluss zu, dass es ihnen gelungen war, das Portal zu öffnen. Demnach befanden sie sich jetzt in dem Bereich der Unterwelt, zu dem der Schlüsselstein sie geführt hatte.
Und das Amulett musste ebenfalls dort sein.
Sam seufzte. Das erklärte natürlich, warum sie das Amulett nicht mit einem Bringzauber hatte auftreiben können. Wie es aussah, blieb es ihr nicht erspart, es in der Unterwelt zu suchen. Sie ging noch einmal um den gesamten Portalstein herum, um vielleicht noch eine weitere Spur zu finden, doch sie entdeckte nichts Neues. Sie sprang wieder nach Hause zurück.
Zumindest versuchte sie das.
Eine starke Kraft packte sie mitten im Sprung und riss sie mit sich fort, sodass sie an einem vollkommen anderen Ort landete – und sich in einer Gesellschaft wiederfand, die sie um jeden Preis für den Rest ihres Lebens hatte vermeiden wollen.
In dem prunkvoll eingerichteten Audienzzimmer Luzifers stand sie den Zehn Mächtigen Fürsten der Unterwelt gegenüber. Und die Blicke, mit denen sie Sam musterten, verhießen nichts Gutes ...

Scott fühlte sich überaus glücklich, als er in der Kanzlei ankam. Seine Stimmung besserte sich noch mehr, als Jason Goldstein ihm ein Lob aussprach, nachdem er ihm berichtet hatte, dass die Angelegenheit des gestohlenen Exponats mit großer Wahrscheinlichkeit für beide Seiten vollkommen zufriedenstellend geregelt werden würde. Und falls es Goldstein merkwürdig vorkam, wie schnell Scott von seiner »Erkältung« genesen war, so verlor er darüber kein Wort.
Nachdem er sich seine Akten für den nächsten Fall zusammengestellt und eingesteckt hatte, verließ er die Kanzlei erneut, um einen weiteren Mandanten aufzusuchen. Jedenfalls versuchte er das. In dem Moment, da er in der Tiefgarage die Tür seines Wagens aufschließen wollte, fühlte er sich von einem Sog gepackt, der ihn wanken ließ. Doch noch ehe er sein Gleichgewicht zurückgewonnen hatte, empfand er einen kurzen Moment der Kälte, dem eine angenehme Wärme folgte. Er stolperte und fiel jemandem direkt vor die Füße.
Als er aufblickte, erkannte er Sam, die ihm mit einer Hand unglaublich kraftvoll auf die Beine half, während sie unverwandt auf irgendetwas starrte, das sich hinter ihm befand. Scott drehte sich um und sah sich zehn Männern gegenüber, die wie identische Klone aussahen. Sie waren hochgewachsen und besaßen dieselben ebenmäßigen Gesichter, das gleiche schwarze Haar, die gleichen schwarzen Augen und die gleiche dunkle Haut. Hätten sie nicht unterschiedliche Kleidung getragen, so hätte es nichts gegeben, woran man sie hätte auseinanderhalten können.
Sie alle starrten Sam ungnädig an, doch ihr Gesichtsausdruck wandelte sich zu einem boshafter Genugtuung, als sie ihre Aufmerksamkeit jetzt auf Scott richteten. Sam stellte sich schützend vor ihn.
»Denkt nicht mal dran!«, zischte sie den Männern zu.
»Dem kann ich nur zustimmen«, sagte eine kalte Männerstimme, und Scott zuckte erschreckt zusammen, als jetzt aus dem Nichts heraus zwei Männer und zwei Frauen auftauchten und an Sams Seite Stellung bezogen, bereit, den Kampf gegen die Zehn aufzunehmen, der offenbar bevorstand.
Scott erkannte in dem jüngeren der beiden Männer denjenigen, den Sam ihm einmal als ihren Bruder vorgestellt hatte. Da der Ältere ihm ungemein ähnlich sah, musste das ihr Vater sein und die beiden Frauen ihre Schwester und Cousine.
»Aber genau daran denken wir, Benyun«, sagte einer der Männer mit einem grausamen Lächeln zu Sams Vater. »Doch heute ist Samala zu einem anderen Zweck hier. Genauso wie ihr.«
Zum Erstaunen der Tai’u verneigten sich die Zehn Mächtigen vor Sam und verschwanden.
»Das gefällt mir nicht«, stellten Benyun fest und wandte sich an Sam. »Was wollen die von dir? Und was tut der hier?« Er deutete mit dem Kinn auf Scott.
»Ich habe keine Ahnung«, versicherte ihm Sam. »Aber ‚der’ ist, wie du dir sicher schon gedacht hast, Scott. – Scott, das ist meine Familie. Mein Vater Benyun, meine Cousine Aliada, meine Schwester Lilama, und Conaru kennst du ja schon.« Sie wandte sich an Benyun. »Aber wieso seid ihr hier? Ich habe euch nicht gerufen.«
Der Inkubus schnaufte ungnädig. »Etwas hat uns hergezogen, sodass uns keine andere Wahl blieb. Wenn du es nicht warst, waren es die Zehn. Was hast du getan, Samala, um dir den Zorn der Zehn Mächtigen Fürsten zuzuziehen? Reicht es nicht, dass sie deine Mutter und Tante umgebracht haben?«
Sam hob abwehrend die Hände. »Ich versichere dir, Ben, dass ich wirklich nichts getan habe, um die Zehn oder auch nur einen von ihnen in irgendeiner Form zu reizen oder herauszufordern. Ich wurde gegen meinen Willen hierher entführt. Genau wie Scott. Und euch hat man offensichtlich auch hierher gelockt.«
»Wo sind wir hier eigentlich?«, mischte Scott sich ins Gespräch.
»In der Unterwelt. Und diese netten Herren waren die Zehn Mächtigen Fürsten, die mit Vornamen ‚Grausamkeit’ heißen und deren zweiter Vorname ‚Ärger’ lautet, den sie anderen verursachen.«
»Und darum gefällt mir die ganze Sache absolut nicht«, bekräftigte Benyun. »Und ihr boshaftes Grinsen gefällt mir noch viel weniger. Lasst uns hier schnellstmöglich verschwinden.«
»Nicht so hastig«, ertönte hinter ihnen eine kühle Stimme.
Die Tai’u fuhren verteidigungsbereit herum, doch als sie erkannten, wer gerade den Raum betreten hatte, bezeugten sie mit einem tiefen Kniefall und einer Verbeugung ihre Unterwerfung. Sogar Benyun verneigte sich leicht vor dem göttlich schönen Mann, der in einer schwarzen, etwas altmodisch anmutenden Seidenkleidung vor ihnen stand. Sam blieb aufrecht stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte ihm furchtlos in die leuchtend schwarzen Augen.
Scott blieb sicherheitshalber hinter ihr und wusste nicht, was er jetzt tun sollte, da er keine Möglichkeit sah, sich vor dem bohrenden Blick des Fremden unsichtbar zu machen.
»Ist er ein Dämon?«, fragte er Sam flüsternd.
»Könnte man so sagen«, meinte sie. »Ihr Menschen habt allerdings ein paar andere Namen für ihn. – Hallo Luzifer.«
»Samala.« Luzifers Stimme klang weich, einschmeichelnd und wie zu Klang gewordener Samt, beinahe hypnotisch. »Wir haben uns lange nicht gesehen.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ist mir gar nicht aufgefallen.«
Er lachte. »Charmant wie immer«, stellte er fest und musterte Scott eindringlich. »So, das ist also dein Mensch.« Er ging langsam um ihn und Sam herum und bedeutete Lilama, Conaru und Aliada mit einem lässigen Fingerschnippen, dass sie sich erheben durften. »Dies ist also der kleine Mensch, dem es gelungen ist, einen Sukkubus zu betören.«
»Ja, das ist er«, antwortete Sam, bevor Scott etwas sagen konnte. »Warum hast du ihn – und uns – hierher geholt?«
Luzifer wedelte tadelnd mit dem Zeigerfinger vor ihrem Gesicht. »Samala, du hast eines vergessen. Du bist ein Sukkubus. Und damit gehörst du mir.«
Sam schnaufte unbeeindruckt. »Träum weiter, Luzifer. Ich gehöre niemandem außer mir selbst.«
»Nur weil ich dich bisher gewähren ließ. Aber du schuldest mir immer noch Gefolgstreue.« Seine Stimme klang ungeheuer selbstsicher und arrogant.
»Nicht im Mindesten!«, zischte Sam wütend. »Meine Gefolgstreue hast du dir damals verscherzt, als du zuließest, dass einer der Zehn zwei von uns umbrachte. Vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, aber die Tai’u besitzen inzwischen erheblich größere magische Kräfte, als du uns jemals zugestanden hast. Und falls du darauf bestehst, mein und unser aller Herr und Meister zu sein, so wirst du dir das erkämpfen müssen. Und ich versichere dir, das machen wir dir nicht leicht.«
»Amen!«, höhnte Benyun und erntete einen finsteren Blick vom Herrn der Unterwelt.
»Ja, ich habe mir schon so etwas gedacht«, sagte Luzifer und blickte Scott mit einem boshaften Grinsen an. »Und deshalb ist er hier. Sein Wohl liegt dir doch am Herzen, nicht wahr?«
»Wage es nicht, ihn zu bedrohen, Luzifer!« Doch Sam konnte nicht verhindern, dass ein leiser Hauch von Angst um Scott in ihrer Stimme mitschwang, der Luzifer natürlich nicht entging.
»Nun, Samala, wenn du mir gehorchst, habe ich keinen Grund, ihm allzu große Aufmerksamkeit der besonderen Art zu schenken, nicht wahr?«
Sam presste die Lippen zusammen und war sich bewusst, dass Luzifer bereits gewonnen hatte. Zumindest so lange, bis es ihr oder ihrer Familie gelungen war, Scott aus der Gefahrenzone und in Sicherheit zu bringen. Danach ...
»Okay«, stimmte sie widerstrebend zu. »Ich tue, was du verlangst. Aber dafür lässt du Scott in Ruhe.«
Luzifer zog amüsiert die Augenbrauen hoch. »Du tust alles, was ich will?«, vergewisserte er sich. »Wirklich alles?«
»Alles«, bekräftigte sie. »Aber nur, wenn du Scott gehen und ihn sein Leben in Ruhe und Frieden bis zu seinem natürlichen Ende leben lässt.«
Luzifer trat dicht an sie heran und sah ihr in die Augen. Schließlich lachte er. »Ist das zu glauben? Ein Sukkubus, der wie ein Mensch liebt! Köstlich!« Er wandte sich an Scott, der unwillkürlich eine Hand auf Sams Schulter legte. »Und du, Mensch, liebst du sie auch?«
»Ja, ich liebe sie auch.«
Luzifer seufzte tief, schüttelte den Kopf und ging von ihnen beiden auf und ab. »Eine Dämonin, die bereit wäre, alles für einen Menschen zu opfern«, stellte er fest, »sogar sich selbst, ihre Freiheit und ihre gesamte Existenz.« Er schüttelte den Kopf. »Völlig untypisch für ihre Art. Und ein Mensch, der bereit ist, dasselbe zu opfern für eine Dämonin, die er liebt.« Er blieb stehen und blickte von einer zum anderen. »Und beide erdreisten sich, mir die Stirn zu bieten«, beendete er seine Aufzählung. »Was soll ich nur mit euch machen?«
»Uns alle gehen lassen«, schlug Sam vor. »Ohne Wenn und Aber und ohne jede Bedingung deinerseits.«
»Aber das ist nicht die Art, in der ich Dinge handhabe, Samala«, erinnerte er sie. »Solche Gefälligkeiten – sollte ich denn geneigt sein, sie zu gewähren – haben ihren Preis.«
»Und ich werde deinen Preis bezahlen, Luzifer – wenn Scott eines Tages auf natürliche Weise an seinem ihm vorbestimmten hohen Alter gestorben ist. Ich denke, das ist ein faires Angebot, denn Zeit spielt für dich doch keine Rolle.«
Er blickte sie nachdenklich an. »Ich weiß etwas viel Besseres«, sagte er schließlich boshaft.
»Nein!«, widersprach Sam entschieden, denn was immer Luzifer plante, es konnte nur zu ihrer aller Nachteil sein.
Luzifer drohte ihr nachsichtig mit dem Finger. »Widersprich mir nicht, Samala. Wir werden deinen Menschen entscheiden lassen. Und damit es sich für ihn lohnt, habe ich ein Angebot für ihn. Scott, wenn ich es möglich machte, dass du nicht nur ein genauso langes Leben bekommst wie Samala, sondern auch die Kraft, sie in vollem Umfang zu ernähren – dass ihr beide nach eurem eigenen freien Willen zusammen bleiben, zusammen leben und einander treu sein könnt, wenn ihr wollt, bis ans Ende eurer Tage in ein paar Jahrhunderten – was wäre dir das wert?«
»Außer meiner Seele – alles«, sagte Scott ohne zu zögern.
»Nein, verdammt!« Sam gab ihm einen heftigen Rippenstoß. »Lass dich darauf nicht ein«, bat sie eindringlich. »Er ist Luzifer, vergiss das nicht. Altruismus kennt er allenfalls dem Namen nach. Mit der einen Hand gibt er, mit der anderen kassiert er einen Preis, der zehnmal höher ist als das, was du dafür bekommen hast. Mindestens! Seine ‚Geschenke’ sind wie das Trojanische Pferd. Sie bringen nur Unglück und Leid.« Sie schüttelte den Kopf und wiederholte eindringlich: »Lass dich nicht darauf ein. Wenn er sagt, dass wir bis ans Ende unserer Tage zusammenleben können, kann er damit sehr wohl meinen, dass er uns beide hier und jetzt tötet, damit wir auf immer und ewig als Geister zusammen sind. Oder er verbannt uns ins Reich der Ewigen Nacht, wo die Zeit stillsteht und aus dem es kein Entkommen gibt. Das ist die Art von Geschenken, die Luzifer zu machen pflegt.«
»Völlig richtig«, bestätigte Luzifer ungerührt und lächelte maliziös. »Aber das ist seine Entscheidung, Samala. Seine ganz allein. Also, Scott Parker, wie ist es? Ich verspreche euch, dass ich euch nicht töten und nicht irgendwo hin verbannen werde und auch nicht andere Wesen veranlassen werde, euch dergleichen anzutun.«
Scott zögerte. Ihm war sehr wohl bewusst, dass er Luzifer nicht trauen konnte. Andererseits liebte er Sam mehr als sein Leben. Und ja, er wäre bereit, nahezu alles dafür zu geben, um mit ihr gemeinsam alt werden und vor allem der einzige Mann in ihrem Bett sein zu können.
»Wenn der Preis dafür meine Seele sein soll, Luzifer, vergiss es«, sagte er fest. »Aber jeden anderen Preis werde ich bezahlen, wenn du deine Zusagen einhältst.«
Luzifer lachte zufrieden. »So sei es denn.«
»Halt!« Sam stellte sich zwischen ihn und Scott. »Bevor du irgendetwas mit ihm tust, will ich dein Wort, Luzifer. Schwöre uns bei Thorluks Schädel und Kallas Blut, dass der Preis weder Scotts noch meine Seele sein wird noch die Seele eines meiner oder seiner Verwandten. Dass du auch nicht unser Leben oder das meiner oder seiner Verwandten beenden wirst oder jemand anderen dazu veranlasst, das zu tun. Dass du uns unser Leben führen lässt, wo und wie wir es für uns entscheiden. Und dass du uns, nachdem der Preis bezahlt ist, für den Rest unseres Lebens in Ruhe lässt und niemals Gefolgschaft von mir oder ihm oder einem anderen Tai einforderst.«
»Sonst noch was?«, fragte Luzifer amüsiert.
»Ja, dass du weder uns noch unsere Verwandten in irgendeiner Weise quälst oder quälen lässt. Und überhaupt, dass du uns allen keinen Schaden zufügst oder zufügen lässt.«
Luzifer seufzte theatralisch. »Du gönnst mir aber auch gar keinen Spaß, Samala«, beschwerte er sich. »Aber gut, es sei. Ich schwöre bei Thorluks Schädel und Kallas Blut, dass ich deine Bedingungen erfülle und die Konsequenzen auf mich nehme, sollte ich mein Wort brechen. Zufrieden?«
»Nicht wirklich«, sagte Sam misstrauisch. »Wie ich dich kenne, hast du dir noch ein Hintertürchen offen gehalten. Aber da ich deinen verschachtelten boshaften Gedankengängen nicht zu folgen vermag, gebe ich mich damit zufrieden.«
»Sehr gut. Dann können wir beginnen.«
Er streckte die Hand aus, und ein rotes Feuer schoss daraus hervor, das auf Scott zuraste und ihn einhüllte. Er schrie auf vor Schmerzen. Sam wollte sich dazwischen werfen, doch ein Wort der Macht von Luzifer schleuderte sie zur Seite. Sie prallte ein paar Meter weiter hart auf dem Boden auf und blieb ein paar Sekunden lang benommen liegen. Als sie endlich wieder auf die Beine kam, war es vorbei. Scott lag am Boden und rührte sich nicht mehr.
Sam eilte zu ihm und nahm seinen reglosen Körper in die Arme. »Was hast du getan?«, rief sie anklagend und maß Luzifer mit einem wahrhaft mörderischen Blick.
»Ich habe mein Wort gehalten, Samala«, antwortete er ruhig. »Ich habe ihm die Chance gegeben, mit dir zu leben auf die einzig mögliche Weise, die es für euch beide geben kann. Ich habe ihn in einen Inkubus verwandelt. Damit ist er einer von euch, und er wird dich in vollem Umfang ernähren können und du ihn. Und er wird in etwa genauso alt werden wie du. Wenn ihr es so wollt, könnt ihr also tatsächlich bis ans Ende eurer Tage mit einander leben.«
Sam musste Scott nicht erst fragen, um zu wissen, dass ihm diese Lösung – und vor allem die sich daraus ergebenden Konsequenzen – nicht sonderlich gefallen würde. Zwar hatten sie jetzt tatsächlich die Möglichkeit, gemeinsam alt zu werden, aber die seelische Belastung würde für Scott immens sein. Es war nicht abzusehen, ob er damit fertig wurde und sehr wahrscheinlich, dass er es schon bald bitter bereute, diesen Deal gemacht zu haben.
»Und was ist der Preis, den er dafür bezahlen muss?«, fragte sie wütend.
Luzifer lächelte und streckte ihr gebieterisch die Hand entgegen. »Oh, Samala, nicht er wird den Preis bezahlen, sondern du.« Sein Gesicht nahm einen harten Ausdruck an, und seine Augen flammten. »Hast du ernsthaft geglaubt, dich mir widersetzen zu können, Tai’Samala? Du, ein kleiner Sukkubus, der vergessen hat, wo sein Platz ist? Hier in der Unterwelt bin immer noch ich der Herr und bestimme die Regeln und den Preis. Ich habe euch gegeben, was ihr haben wolltet, und dafür wirst du mir jetzt geben, was ich haben will. Danach ist eure Schuld bei mir beglichen für alle Zeiten.«
Sam erhob sich. »Und was willst du von mir?«
»Ein Kind.«
»Was?« Sam glaubte, sich verhört zu haben.
»Komm!«, forderte Luzifer, und sein Befehl duldete keinen Widerspruch. »Er«, er nickte zu Scott hinüber, »wird so lange schlafen und hier in Sicherheit sein, bis es vorbei ist. Und ihr«, warf er beiläufig den anderen Tai hin, »ihr könnt verschwinden.«
Benyun verschränkte die Arme vor der Brust und baute sich breitbeinig vor Luzifer auf. »Nicht ohne meine Tochter – und nicht ohne Scott.«
Lilama, Conaru und Aliada traten an seine Seite und imitierten seine Geste. Luzifer starrte verblüfft auf diese Demonstration von Einigkeit und Entschlossenheit.
»Ich sollte euch alle töten, auf der Stelle!«, knurrte er.
»Und damit das Wort brechen, das du bei Thorluks Schädel und Kallas Blut gerade geschworen hast?«, erinnerte ihn Benyun süffisant und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, dass nicht einmal du das wagst.«
Luzifer starrte den Inkubus böse an, doch schließlich nickte er. »Gut, so wartet hier.«
Er ergriff Sams Hand und war im nächsten Moment mit ihr verschwunden.
Benyun seufzte, ließ sich an dem Tisch nieder, an dem Luzifer sonst während seiner Audienzen saß und beauftragte einen der Dienergeister, die sich unsichtbar im Hintergrund hielten, etwas zu essen und zu trinken zu bringen. »Warten wir also«, entschied er und warf einen missmutigen Blick auf den Bewusstlosen. »Ich habe es doch immer gesagt, dass uns die Menschenbrut nur Ärger macht, wenn man sich näher mit ihr einlässt. Aber Samala wollte ja nicht auf mich hören.«
Er hoffte nur, dass seine Tochter einigermaßen unbeschadet überstand, was jetzt auf sie zukam.

Sam fand sich in einem luxuriösen Gemach wieder, das von einer Unmenge sanft schimmernder magischer Lichter erhellt wurde. In der Mitte des Raums stand ein breites, mit weichen Fellen und Kissen bedecktes Bett. Luzifer deutete mit einer einladenden Handbewegung darauf.
»Mach es dir bequem«, forderte er Sam auf. »Ich nehme an, du erinnerst dich noch an dieses Bett.«
»Natürlich. Ich war schließlich oft genug hier.«
Wie jeder Sukkubus und Inkubus war sie Luzifer vorgestellt worden, als sie bereit war für ihre erste selbstständige Nahrungsaufnahme im Alter von sechs Dämonenjahren, was etwa elf Menschenjahren entsprach. Als Herr über alle Dämonen hatte Luzifer das Recht der ersten Vereinigung, und er hatte in Sams Fall davon Gebrauch gemacht. In den darauf folgenden Jahren hatte er zwischendurch immer wieder einmal nach ihr verlangt, um mit ihr zu schlafen, und sie war seinem Ruf nicht unwillig gefolgt. Allerdings hatte sie Luzifers Aufmerksamkeit auch nicht vermisst, nachdem er irgendwann das Interesse an ihr verloren hatte.
Jetzt ließ sie ihre Kleidung magisch verschwinden, legte sich auf das Bett und spreizte die Schenkel. »Warum ausgerechnet ich?«, fragte sie ihn, als er sich auf sie legte und sein hartes Glied ohne jedes Vorspiel tief in sie stieß. Sie stöhnte lustvoll auf.
Auch Luzifer verfügte über die typische Inkubus-Magie, die bewirkte, dass seine Gespielinnen und Gespielen höchste Lust empfanden, egal auf welche Weise er sie nahm. Sam bedauerte nur, dass die Macht, die es ihr und ihrer Familie ermöglichte, jede Magie zu übernehmen, über die ein Wesen verfügte, von dem sie sich ernährten, allein bei Luzifer nicht wirkte. Andernfalls hätte sie schon vor einem guten Jahrhundert seine gesamten Kräfte übernehmen können, wäre ihm magisch ebenbürtig und jetzt nicht gezwungen, seinen Willen zu erfüllen. In dem Fall allerdings wäre Scott derjenige, der darunter zu leiden hätte, und so machte es keinen Unterschied.
»Weil du etwas ganz Besonderes bist, Samala«, erklärte Luzifer jetzt, ohne im Rhythmus seiner Stöße innezuhalten. »Du hast nur noch nicht begriffen, wie besonders du tatsächlich bist.«
Seine Hände glitten über ihren Körper, und die Magie, die er dabei aus seinen Fingerspitzen strömen ließ, verursachte ihr ein feuriges Kribbeln, das eine wilde Leidenschaft in ihr erweckt, in der für Zärtlichkeit nicht der geringste Platz war. Der Akt war von der ersten bis zur letzten Sekunde pure Ekstase von buchstäblich unmenschlichem Ausmaß, dass Sam nicht anders konnte, als ihre Lust hinauszuschreien.
Luzifer lachte zufrieden. »Ah, Samala, du bist ein so leidenschaftlicher Sukkubus, eine herrlich hemmungslose Dämonin! Verschwende dich doch nicht an so ein minderwertiges Subjekt wie deinen Menschen. Du weißt, dass er dir niemals etwas auch nur annähernd Vergleichbares geben kann. Nicht einmal, nachdem er jetzt ein Inkubus ist.«
Sie antwortete nicht, sondern gab sich ihm zügellos hin, denn in diesem Punkt hatte es ohnehin keinen Zweck, auch nur an Widerstand zu denken. Das ließen die Gefühle, die in ihrem Körper tobten einfach nicht zu.
Luzifer stieß jetzt schneller zu und Sam spürte, dass sein Samenerguss unmittelbar bevorstand. Er verharrte noch einmal für einen Moment reglos in ihr und leitete seine Magie in seinen Samen. Als die gesammelte Energie ihre größtmögliche Macht erreicht hatte, drängte er sein Glied erneut tief in ihren Schoß hinein mit sechs langen, kraftvollen Stößen, an deren Ende er seine Saat in sie ergoss, als sie gleichzeitig von einem so heftigen Orgasmus geschüttelt wurde, wie selbst sie ihn noch nie erlebt hatte.
Sie spürte, wie sich sein heißer Samen den Weg in ihr Inneres bahnte, dort die Vereinigung mit einer ihrer Eizellen vollzog und der Fötus augenblicklich zu wachsen begann. Luzifer zog sich aus ihr zurück, erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung und ließ sich lässig in einem gepolsterten Sessel gegenüber dem Bett nieder. Mit unbewegtem Gesicht beobachtete er, wie Sams Leib mit jeder Minute weiter anschwoll mit dem wachsenden Kind, bis es nur eine halbe Stunde später geboren wurde. Dabei sah er ihr unverwandt in die Augen, und Sam sah sich außerstande, den Blickkontakt zu unterbrechen, bis ihr Kind ihren Leib verlassen hatte.
Sie richtete sich auf und nahm das winzige Mädchen in die Arme, das gerade aus ihr herausgeglitten war. Sie empfand keine Schmerzen, denn Geburten verliefen bei allen Sukkubi völlig schmerzfrei. Die Nabelschnur löste sich auf, und der kleine Körper reinigte sich von selbst. Gleich darauf begann das Kind zu wachsen, während es Sam mit großen, dunkelroten Augen ansah, und sie spürte die ungeheure Macht, die in diesem Körper schlummerte.
Doch es gab noch etwas anderes in ihrer Tochter, das ihr zu geben Luzifer höchstwahrscheinlich nicht beabsichtigt hatte: Sie besaß eine Seele. Und auf diese Seele konnte Sam Einfluss nehmen, wenn auch nur in begrenztem Maße, falls sie sich nicht entschied, bei ihrer Tochter zu bleiben und sie zu erziehen. Doch sie hatte nicht vor, den Rest ihres Lebens oder doch zumindest für die nächsten Jahre in der Unterwelt zu leben.
»Damit ist der Preis bezahlt«, hörte sie Luzifer sagen. »Du kannst jetzt gehen.«
Sam ging nicht. Sie wusste zwar nicht, was er mit dem Kind vorhatte, doch etwas Gutes war es sicher nicht. Als Luzifers Tochter würde die Kleine die Königin der Unterwelt sein, und er würde ihr seine ganze Bosheit, Tücken und Intrigen vermitteln. Es gab nicht viel, das Sam dagegen tun konnte. Bis auf eines.
»Ich will eine Stunde mit meiner Tochter allein sein«, forderte sie und blickte Luzifer bittend an. »Ich kann nicht bleiben, aber ich möchte wenigstens die erste Stunde ihres Lebens mit ihr allein haben. Sie ist schließlich auch mein Kind.«
»Du kannst auch ganz hierbleiben und deinen Platz an meiner Seite einnehmen«, schmeichelte Luzifer ihr.
Er kam zu ihr, ließ sich neben ihr nieder und strich ihr mit einem Finger über den Rücken. Die Magie, die dabei durch seine Hand floss, erweckte erneute Leidenschaft in ihr und das Begehren, sich ihm in die Arme zu werfen und noch einmal von ihm genommen zu werden, sich ihm zu unterwerfen wie eine willenlose Sklavin, nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch mit ihrem ganzen Sein und ihrer Seele. Es kostete sie ihre gesamte Willenskraft, dem zu widerstehen.
»Du kannst als Mutter meiner Tochter meine Königin sein und mit mir die Unterwelt regieren«, lockte er. »Ich werde dir Macht geben in einem solchen Ausmaß, wie du es dir nie erträumt hast. Es wird nichts geben, gar nichts, das irgendeiner deiner Untertanen dir verwehren wird, wenn du es verlangst. Ja, Samala, ich werde meine Macht mit dir teilen. Du musst nur zustimmen.«
Für die meisten Wesen – Dämonen wie Menschen – wäre dieses Angebot die höchstmögliche Verlockung gewesen, der sie ohne zu zögern nachgegeben hätten. Sam benötigte nicht einmal eine Sekunde, um sie abzulehnen. Sie kannte Luzifer viel zu gut und wusste, dass er seine Macht niemals mit ihr teilen würde. Er würde sie damit nur zu blenden versuchen und sie nach seinen Wünschen manipulieren, und Sam hatte nicht vor, ihm diesen Triumph zu gönnen.
»Danke nein, Luzifer. Ich besitze genug Macht, und ich habe nicht vor, als deine Königin zu enden.«
»Wie schade.« Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht überlegst du es dir ja noch, nachdem du deine Stunde mit deiner Tochter gehabt hast. Du darfst ihr sogar ihren Namen geben, und ich schwöre, dass sie von mir keinen anderen bekommen wird.«
Mit einem zufriedenen Lächeln, das Sam in keiner Weise gefiel, verschwand er. Sie hielt ihre Tochter in den Armen, die jetzt bereits die Größe eines zehnjährigen Kindes erreicht hatte und empfand eine tiefe Liebe für dieses Kind, die verwirrend und so ganz anders war als das, was sie für Scott empfand. Sie begann ein wortloses Lied zu singen, das einen Zauber um das Mädchen wob, der sich in jeder Faser ihres Seins manifestierte und eines Tages hoffentlich die Wirkung haben würde, für die er bestimmt war.
Sie legte ihre Hände an die Schläfen des Kindes und verband ihren Geist mit dem noch leeren Geist ihrer Tochter. Sie ließ alles Gute, das sie in sich trug, auf ihre Tochter übergehen und verankerte es unauslöschlich in ihr. Luzifer würde ihr seine Bosheit aufprägen, aber er würde die Prägung durch Sam niemals wieder löschen können. Was immer er mit dem Kind vorhatte, es würde niemals vollkommen böse werden können. Ein bisschen Gutes blieb immer in ihr und würde vielleicht eines Tages von entscheidender Bedeutung sein.
»Danaya«, sagte sie schließlich fest. »Dein Name ist Danaya, und er regiert die Kraft der Erde und der Elemente. Nutze diese Kraft weise und gut.«
Sams Zauber versiegte, als das rasante Wachstum ihrer Tochter stoppte. Vor ihr stand eine junge, wunderschöne Frau mit langem schwarzem Haar, einer cremefarbenen, makellosen Haut, vollen Lippen und dunkelroten Augen.
»Mutter«, sagte sie leise.
»Mein Kind«, antwortete Sam schlicht. Sie war sich sehr wohl bewusst, dass sie dieses Wesen zwar geboren hatte, aber dass Danaya in erster Linie Luzifers Tochter war. Trotzdem hatte sie eine Bindung zwischen ihnen geschaffen, die nicht einmal seine Macht zerstören konnte.
Luzifer kehrte zurück und nickte ihnen beiden zu. »Es ist vollbracht«, stellte er fest. »Ich danke dir, Samala. Der Preis ist bezahlt, und du kannst in die Welt der Menschen zurückkehren. Ich wünsche dir und deiner Familie viel Glück. – Doch, das meine ich ernst«, fügte er hinzu, als er ihren skeptischen Blick sah.
»Wirst du zu mir zurückkehren, Mutter?«, fragte Danaya.
»Deine Mutter kann uns besuchen, so oft sie will«, bekräftigte Luzifer. »Sie ist hier immer willkommen und kann meine Königin sein, wann immer sie dieses Privileg in Anspruch nehmen will.«
»Ich werde kommen«, versprach Sam. »Allein schon um dafür zu sorgen, dass meine Tochter nicht völlig nach ihrem Vater gerät.«
Luzifer lachte. »Oh, dafür hast du bereits gesorgt«, stellte er fest. »Und ich habe nichts dagegen. Das ist schließlich genau das, was ich für meine Zwecke brauche.«
Diese Worte verursachten Sam ein profundes Gefühl böser Vorahnung. Doch was immer Luzifer plante, sie besaß nicht die Macht, ihn aufhalten zu können. Sie kleidete sich wieder an.
»Da ist noch etwas, Luzifer. Ardenias Amulett. Ich nehme mal an, dass du es jetzt hast. Ich habe versprochen, es zurückzubringen.«
»Niemals«, wehrte er ab. »Du kannst doch nicht wirklich wollen, dass dieses mächtige Instrument erneut in die Hände von Menschen gerät, die keine Ahnung haben, wozu es dient und was es anrichten kann. Nein, Samala, der Schlüsselstein bleibt für immer hier bei mir. Und ich werde ihn gut zu schützen wissen, dessen sei gewiss.«
»Natürlich«, stimmte sie ihm zu. »Ich brauche auch nur eine Kopie, die vom Original äußerlich nicht zu unterscheiden ist, aber ich kenne das Schmuckstück nicht gut genug, um eine perfekte Kopie erschaffen zu können. Für dich dürfte das doch eine Kleinigkeit sein.«
Statt einer Antwort streckte Luzifer die Hand aus, und im nächsten Moment lag das Amulett darin. Er warf es Sam zu. Sie musste es nicht erst untersuchen, um zu wissen, dass es rein äußerlich dem Original bis hin zur kleinsten Delle glich.
»Danke. Und was ist mit den Menschen, die es benutzt haben?«
Luzifer lachte verächtlich. »Wie du sicherlich weißt, Samala, öffnet dieser Schlüssel das Portal in das Reich der Eisdämonen. Und dank des Zaubers, mit dem Ardenia ihn versehen hat« – seine Stimme klang für einen Moment ausgesprochen wütend – »kann niemand, der ihn benutzt, jemals wieder aus Nerinors Reich zurückkehren. Wenn diese dämlichen Idioten nicht von Nerinors ewig nach Fleisch hungernden Gefolgsleuten unverzüglich entdeckt und bei lebendigem Leib von ihnen gefressen wurden, so sind sie in jedem Fall nach spätestens einer Stunde dort jämmerlich erfroren. Und selbst wenn dem nicht so sein sollte, so könnte nicht einmal ich sie aus der Eisdimension wieder befreien, weil der Bann es verhindert.«
Wie Sam Luzifer kannte, hatte der garantiert schon versucht, den Bann aufzuheben und war gescheitert. Ihre Urgroßmutter musste also über eine starke Magie verfügt haben, die in gewissen Bereichen selbst der Macht des Herrn der Unterwelt trotzen konnte. Es wäre vielleicht nicht verkehrt, mit ihrem Geist Kontakt aufzunehmen, um eben diese Magie zu erlernen.
Sie umarmte Danaya ein letztes Mal. »Ich komme wieder«, versprach sie ihrer Tochter. »So oft ich kann.«
Luzifer machte eine lässige Handbewegung, und Sam stand im nächsten Moment wieder in der Audienzhalle, in der ihre Familie auf sie wartete. Scott, der immer noch am Boden lag, kam gerade wieder zu sich. Sam eilte zu ihm und half ihm auf die Beine.
»Was ist mit mir passiert?«, fragte er verwirrt. Er fühlte sich trotz der gerade überstandenen Bewusstlosigkeit stark, vital und in einer Weise mächtig, die ihm beinahe Angst machte. Aber mit seinen Augen stimmte etwas nicht. Alles, was er ansah, war von einer farbigen Aura umgeben, die blieb, ganz gleich wie oft er die Augen rieb und zwinkerte.
»Das nennt man ‚magische Sicht’«, erklärte Sam, die aus seinem Augenreiben und Zwinkern den richtigen Schluss zog. Da es keine Möglichkeit gab, ihm die bittere Pille schonend beizubringen, sagte sie unverblümt: »Luzifer hat dich in einen Inkubus verwandelt. Du bist jetzt einer von uns.«
»Herzlichen Glückwunsch«, fügte Benyun ironisch hinzu, der zusammen mit dem Rest seiner Familie gerade eine köstliche Mahlzeit beendet hatte.
»Was?«, entfuhr es Scott. »Oh mein Gott!« Er schüttelte den Kopf. »Das ist also der Preis dafür, dass ...« Er unterbrach sich, als ihm langsam die Konsequenzen zu dämmern begannen.
»Nein, Scott, das ist der Deal«, korrigierte Sam. »Luzifer hat dir genau das gegeben, was du dir gewünscht hast: mit mir zu leben bis an Ende meiner Tage, nicht nur deiner, die als Mensch natürlich begrenzt waren.«
»Als Mensch?«, wiederholte er entsetzt. »Heißt das etwa, dass ich jetzt keiner mehr bin?«
»Natürlich nicht. Du bist ein Inkubus und damit ein Dämon. Das einzig Menschliche, das dir noch geblieben ist, ist deine Seele. Und in der Situation, in der du dich jetzt befindest, kann gerade die sehr schnell zu einem Fluch werden.«
»Aber das habe ich nicht gewollt!«
Sam schnaufte ironisch. »Das ist genau das, wovor ich dich zu warnen versuchte. Luzifers Geschenke haben alle ohne Ausnahme den sprichwörtlichen Pferdefuß, und der ist in der Regel gewaltig.«
Scott schüttelte den Kopf. »Aber wenn das nicht der Preis ist, den ich bezahlen sollte«, überlegte er, »wann wird er den einfordern? Und vor allem: wie wird der aussehen, wenn sein ‚Geschenk’ schon solche entsetzlichen Auswirkungen hat?«
»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Der Preis wurde schon bezahlt.«
»Aber wie? Ich kann mich an nichts erinnern.«
Sam schwieg.
Er packte sie am Arm. »Sag es mir, Sam. Ich muss es wissen.«
»Ich kann dich beruhigen. Er hat den Preis nicht von dir gefordert, sondern von mir. Und das ist alles, was du darüber wissen musst.«
»Oh Gott, was hat er dir angetan?«
»Nichts, womit ich nicht fertig werde, und das ist alles, was du darüber wissen musst«, wiederholte sie nachdrücklich. Sie hielt abwehrend eine Hand hoch, als er protestieren wollte. »Nein, Scott, das geht dich nichts an. Es gibt ein paar Regeln, die du lernen musst, nachdem du jetzt einer von uns bist. Und eine davon lautet, dass das Leben jedes Einzelnen von uns ganz allein seine Angelegenheit ist, auch wenn er in einer Partnerschaft oder einer Familie mit seinesgleichen lebt. Wir fragen nie nach dem Woher oder Wohin und erst recht nicht nach den Dingen, die sich dazwischen ereignet haben.« Sie zuckte mit den Schultern und fügte leicht sarkastisch hinzu: »Du hast bekommen, was du wolltest: die Chance, als mein Gefährte mit mir leben zu können. Sei zufrieden damit. Und jetzt lasst uns endlich von hier verschwinden.«
Gleich darauf befanden sie sich alle in Sams und Scotts Haus am 198 Cresthaven Drive.
»Tja«, sagte Conaru gedehnt zu Sam, »so unangenehm die Sache als solche auch war, Schwesterchen, wir verdanken dir wieder mal eine Menge Vorteile. Luzifer hat uns für alle Zeiten aus seiner Gefolgschaft entlassen, und wir haben von ihm nie wieder irgendwelche Repressalien zu befürchten.« Er gab Sam einen innigen und ganz und gar nicht brüderlichen Kuss. »Danke! – Ich frage mich nur, weshalb er uns auch noch zu sich gelockt hat. Darüber hat er nicht zufällig was gesagt?«
»Nein, aber das ist doch offensichtlich. Er wollte euch als zusätzliches Druckmittel. Falls er sich bezüglich meiner Gefühle für Scott getäuscht hätte und ich mich ohne Rücksicht auf seinen Verlust geweigert hätte, den geforderten Preis zu bezahlen, hätte er euch sozusagen als Geiseln in die Waagschale geworfen. Immerhin lässt das Blutsband zwischen uns niemals zu, dass wir ein Familienmitglied tatenlos zu Schaden kommen lassen.« Sie blickte ihre Familie an. »Und ich hoffe, es gibt jetzt endlich keine dummen Bemerkung mehr über meine Beziehung zu Scott.«
Benyun schüttelte den Kopf und musterte Scott skeptisch von oben bis unten. »Ich hoffe nur, er war den ganzen Ärger wert. Also, Par’Scotaru, willkommen in der Familie. Auch wenn mir das immer noch nicht sonderlich gefällt.
Scott schüttelte verständnislos den Kopf. »Par’Scotaru?«
»Das ist ab jetzt dein wahrer Name«, erklärte Benyun. »Der Name, durch den jeder, der ihn kennt, eine gewisse Macht über dich erlangt. Also würde ich dir dringend empfehlen, ihn keinem Menschen preiszugeben. Jeder Inkubus und Sukkubus bekommt einen solchen bei seiner Geburt beziehungsweise Erschaffung. Par’Scotaru ist deiner. Und du musst noch lernen, ihn nicht mit jedem Gedanken in die Welt hinauszuschreien. Aber das bringt Sam dir schon noch bei.«
»Wird sie ganz bestimmt«, war auch Lilama überzeugt. »Und wenn du ihrer mal überdrüssig wirst, so sind Aliada und ich gern für dich da, Scotaru.«
»Vergesst es«, beschied ihnen Sam grinsend und wedelte scheuchend mit den Händen. »Raus!«
Worauf die beiden Frauen und auch Conaru lachend verschwanden. Benyun zwinkerte Sam und Scott zu, doch bevor er ebenfalls verschwinden konnte, nahm Sam ihn zur Seite.
»Ich brauche deinen Rat, Ben«, gestand sie unumwunden, aber so leise, dass Scott sie nicht unbedingt hören konnte. Doch der war im Moment ohnehin voll und ganz mit sich selbst beschäftigt. »Hast du schon jemals gehört, dass Luzifer sich derart verhält?«
Benyun schüttelte den Kopf, legte seine Hand an Sams Wange und sah sie aufmerksam an. »Kommst du klar, Samala?«
Sam nickte. »Natürlich. Ich mache mir nur gewisse Sorgen. Luzifer plant etwas. Etwas Großes, darauf wette ich. Er hätte nie ausgerechnet mit mir ein Kind zeugen wollen, wenn das nicht irgendeinem fiesen Ziel diente. Und es macht mich wahnsinnig, dass ich nicht durchschauen kann, was er damit bezweckt.«
Benyun streichelte sanft ihre Wange. »Ich fürchte, dass du das früher oder später auf die eine oder andere Weise erfahren wirst«, war er überzeugt. »Und ich stimme dir darin zu, dass der Plan, den er mit diesem Manöver verfolgt, natürlich nur etwas Böses sein kann. Aber«, er zuckte mit den Schultern, »auch ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was der Sinn des Ganzen ist.«
Sam seufzte. »Ich werde jedenfalls meine Tochter besuchen, so oft ich kann. Zwar habe ich wahrscheinlich keinen allzu großen Einfluss mehr auf sie, aber ich werde nichts unversucht lassen, damit Luzifer sie nicht vollständig verdirbt.«
»Vielleicht ist es genau das, was er will«, überlegte Benyun. »Dich über deine Tochter in die Unterwelt locken, meine ich. Ganz besonders jetzt, nachdem er dich und uns alle aus seiner Gefolgschaft entlassen hat und er dich nicht mehr mit einem Fingerschnippen zu sich befehlen kann.«
Sam nickte. »Aber er hat bei Thorluks Schädel und Kallas Blut geschworen, dass er mich, Scott und uns alle in Ruhe lässt. Hätte er so etwas vor, wäre das ein Bruch seines Schwurs. Und ich glaube wirklich nicht, dass er das wagt. Allerdings, wenn jemand einen Weg findet, einen solchen Schwur zu umgehen, dann ist es Luzifer.«
»Aber wenn du um deiner Tochter willen freiwillig zu ihm gehst, bricht er sein Wort nicht«, erinnerte Benyun sie.
»Wie wahr«, seufzte sie. »Ich hoffe nur, wir alle werden es überleben, wenn er die Katze aus dem Sack lässt.«
»Aber bis es so weit ist, solltest du dein Leben genießen, Samala«, riet Benyun. »Immerhin ist dein Freund jetzt ein Inkubus, und das eröffnet für euch doch ganz neue und überaus angenehme Möglichkeiten, möchte ich wetten.«
Sam schnitt eine Grimasse. »Vor allem beendet es endlich die ewige Debatte darüber, dass ich mit einem Menschen zusammenlebe, denn Scott ist ja nun keiner mehr.« Sie sah ihren Vater an, dessen Hand immer noch ihre Wange streichelte. »Scott muss lernen, was es heißt, ein Inkubus zu sein. Würdest du ihm das beibringen, Ben? Den männlichen Teil des Ganzen kann ich ihm ja wohl schlecht vermitteln.«
Benyun nickte und klopfte ihr beruhigend auf die Schulter, ehe er seine Hand sinken ließ. »Das tue ich gern, Samala. Immerhin muss ich zugeben, dass er eine gehörige Portion Mut bewiesen hat. Und er hat letztendlich zu dir gehalten, nachdem er wusste, was du bist. Das hätte ich ihm nicht zugetraut.«
»Vielleicht weil du dir nie die Mühe gemacht hast, ihn mal kennenzulernen«, hielt Sam ihm vor.
» Touché«, gab Benyun zu. »Aber das werde ich jetzt nachholen. Sag ihm, ich hole ihn morgen Abend ab, damit wir uns mal unter Inkubi unterhalten können.«
»Danke, Vater. Ich weiß das zu schätzen. Aber da ist noch etwas: das Ritual der Entscheidung. Du weißt, dieses Ereignis, das alle fast tausend Jahre stattfindet, um die Vorherrschaft von Ordnung oder Chaos in den Welten zu regeln.«
Benyun nickte. »Was ist damit?«
»Es wird durch fünf Zeichen angekündigt«, sagte Sam sehr ernst. »Eins davon ist die Geburt eines mächtigen Dämons. Und den habe ich gerade höchstpersönlich in die Welt gesetzt. Denn es gibt wohl von Luzifer selbst mal abgesehen keinen mächtigeren Dämon als Luzifers leibliche Tochter. Aber ich sehe nicht, wie ich das hätte verhindern können.«
Benyun schwieg eine Weile nachdenklich, ehe er schließlich mit den Schultern zuckte. »Omen sind niemals die Ursache der Ereignisse, die sie ankündigen, sondern nur Hinweise darauf. Diese Dinge treten auch ein, wenn es keine Vorboten gäbe. Ich glaube nicht, dass es die Entscheidung aufhalten würde, wenn eins dieser Omen oder sogar alle verhindert würden. Deshalb solltest du dir diesbezüglich keine Gedanken machen, Samala. Trotz aller magischer Macht, die wir uns inzwischen angeeignet haben, sind wir noch weit davon entfernt, allmächtig zu sein. Das bedeutet, dass es Dinge gibt und immer geben wird, die wir nicht beeinflussen können.«
Er zuckte mit den Schultern. »Was die Große Entscheidung betrifft, so ist sie meiner Meinung nach eine Notwendigkeit, ohne die die Welt möglicherweise ein ständiges Schlachtfeld wäre. Mit ihrer Hilfe wird die Vorherrschaft des einen oder anderen reguliert. Da sie notwendig ist, kann sie auch durch nichts aufgehalten werden. Beide Seiten werden ihren jeweils besten Kämpfer sozusagen in den Ring schicken. Irgendwann war es mal ein Erzengel namens Michael auf der Seite des Lichts und ein gewisser Luzifer auf der Seite der Dämonen.« Benyun grinste. »Und wie das ausging, wissen wir ja.« Er wurde wieder ernst. »Mit anderen Worten, Samala, von uns Tai’u ist keiner groß genug dafür, eine der beiden Seiten zu vertreten. Wahrscheinlich werden wir nicht einmal etwas von der Großen Entscheidung mitbekommen und allenfalls irgendwann ihre Auswirkungen spüren. Mit anderen Worten: Dass du an der Entstehung eines ihrer Vorboten beteiligt warst, hat nichts mit dir zu tun. Ich sehe darum keinen Grund, warum du dir deswegen Gedanken machen solltest. Kümmere dich lieber um deinen – Gefährten.«
Benyun zwinkerte ihr kurz zu und verschwand, und Sam wandte sich wieder ihrem unmittelbaren Problem zu.
Scott hatte sich in den nächstbesten Sessel fallen gelassen und die ganze Zeit über nur vor sich hingestarrt. Jetzt fuhr er sich verzweifelt mit den Händen durch das Haar. »Das habe ich nicht gewollt«, sagte er nachdrücklich. »Verdammt, das habe ich nicht gewollt!«
Sam setzte sich auf die Sessellehne und legte ihm einen Arm um die Schultern. »Es tut mir leid, Scott«, sagte sie zerknirscht. »Du bist genau genommen nur der Kollateralschaden. Ich war das Ziel der ganzen Aktion. Ich verstehe nur noch nicht ganz warum.« Sie gab ihm einen aufmunternden Klaps. »Aber ich kann dir nur versichern, dass du dich an die Veränderungen gewöhnen wirst. Und glaube mir: Sobald du dich daran gewöhnt hast, willst du die Vorteile, die es mit sich bringt, ein Inkubus zu sein, gar nicht mehr missen. Außerdem«, sie hielt das Amulett hoch, »habe ich meinen Auftrag erfüllt und das gestohlene Exponat zurückgeholt.«
»Wenigstens etwas«, murmelte er und zuckte wie elektrisiert zusammen, als ihm bewusst wurde, dass er jetzt eigentlich ganz woanders hätte sein sollen. »Mein Gott, was sage ich in der Kanzlei, wo ich war? Wie lange waren wir eigentlich, eh, weg? Und wie erkläre ich, was mit mir los ist?«
»Keine Panik«, beruhigte ihn Sam. »Wir waren nur zwei Stunden fort. Und natürlich wird niemand merken, dass du dich verändert hast, sobald du gelernt hast, mit deinen neuen Fähigkeiten umzugehen. Das dauert nicht lange. Für deinen verpassten Termin täuschen wir einen Unfall vor und lassen dich für vier Wochen krankschreiben. Das reicht aus, damit du genug lernst, um allein zurecht zu kommen und unter Menschen nicht aufzufallen.« Sie lächelte ihm zu und gab ihm einen Kuss. »Vertrau mir, Scott.«
Er atmete einmal tief durch. »Das tue ich, Sam...« Und in seinen Augen stand tiefe Zärtlichkeit, als er hinzufügte: »Du bist schließlich die Frau, die ich liebe.«

Luzifer hielt Hof mit seiner Tochter an seiner Seite. Die Zehn Mächtigen Fürsten hatten Danaya etwas überrascht, aber widerstandslos als die Prinzessin der Unterwelt akzeptiert. Was sicherlich auch daran lag, dass Danaya ihre magische Macht wie einen unsichtbaren Mantel trug und jeder spüren konnte, dass ihre Kräfte denen ihres Vaters in nichts nachstanden. Mit ihr legte man sich besser ebenso wenig an wie mit Luzifer selbst.
»Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen«, Luzifer blickte die Zehn der Reihe nach scharf an, »dass ihr und eure Gefolgsleute selbstverständlich die Mutter meiner Tochter und ihre gesamte Familie in Ruhe lasst. Sie sind absolut tabu, ebenso Samalas neuer Inkubus-Gefährte.«
»Warum?«, fragte einer der Zehn aufsässig. »Die Tai’u haben der Unterwelt den Rücken gekehrt. Warum sollten wir nicht unseren Spaß mit ihnen haben, um sie dafür zu bestrafen?«
»Weil ich es so will!«, stellte Luzifer nachdrücklich klar. »Und ich vernichte jeden, der sich mir zu widersetzen wagt.«
»Und wer meiner Mutter oder einem der Ihren auch nur ein Haar krümmt«, fügte Danaya zwar mit sanfter Stimme aber knallhart hinzu, »der wird einen sehr, sehr langsamen und sehr, sehr grausamen Tod von meiner Hand sterben.«
»Nun gut«, sagte ein anderer. »Aber du wirst verstehen, Luzifer, dass wir ein wenig ... enttäuscht sind. Du wolltest mit Hilfe deines kleinen Sukkubus das Ritual der Entscheidung zu unseren Gunsten beeinflussen. Doch was hast du getan? Sie dazu benutzt, dein Kind zu gebären, obwohl du dir jederzeit so viele Kinder erschaffen könntest, wie du willst. Ich sehe nicht, wie uns dieses hier einen Vorteil bringen soll bei der Großen Entscheidung, nur weil es auf natürliche Weise gezeugt und geboren wurde. Geschweige denn, dass deine Tochter uns den Sieg bringen könnte. Sie ist schließlich nicht die Auserwählte.«
»Nein, aber sie ist auch ihre Tochter, und die Auserwählte Tai’Samala besitzt nicht nur eine Seele, sondern auch die Fähigkeit zu lieben. Und diese Schwäche ist unser Gewinn.«
»Das behauptest du immer noch? Nach allem, was sie dir an Zugeständnissen abgetrotzt hat? Du hast dadurch praktisch jede Macht über die Tai’u für alle Zeiten aufgegeben.«
Die anderen Fürsten nickten zustimmend, doch Luzifer lächelte nur.
»Was macht es schon aus, wenn mir fünf Sukkubi und Inkubi weniger dienen? Ich besitze noch mehr als genug von ihrer Art. Außerdem dürfen wir, wenn es so weit ist, in den Prozess der Entscheidung ohnehin nicht mehr eingreifen. Und da Tai’Samala sowohl unsere wie auch die Auserwählte der Gegenseite ist, wird sie die Große Entscheidung ganz allein mit sich selbst austragen.« Er beugte sich vor. »Begreift ihr es nicht? Tai’Samala fühlt und liebt wie einMensch.«
Er warf Danaya einen bezeichnenden Blick zu, und als er ihn wieder den Zehn Mächtigen zuwandte, hatten sie alle begonnen, zufrieden zu lächeln ...

Scotts »Unfall« zu arrangieren und ihn per Krankschreibung für einige Zeit von der Arbeit zu befreien, war schnell erledigt, und Sam brachte anschließend zusammen mit ihm das Amulett ins Museum zurück, denn sie wollte Scott in seinem Zustand nicht allein lassen.
Conrad Harrington war überglücklich, nachdem er das Schmuckstück gründlich untersucht und sich vergewissert hatte, dass es sich wirklich um das echte Exponat handelte.
»Woher haben Sie es, Miss Tyler?«, fragte er schließlich. »Sie werden verstehen, dass das Museum natürlich den Dieb zur Rechenschaft ziehen will. Er hat immerhin ein Verbrechen begangen.«
Sam zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, Mr. Harrington, aber die Identität des Diebs oder der Diebe ist mir nicht bekannt. Ich habe lediglich bei meinen Kontakten in der einschlägigen Szene ein paar entsprechende Bemerkungen über einen Fluch fallen lassen, der angeblich auf ihm liegt und vor einer Stunde fand ich das Amulett in meinem Briefkasten. Ein bekennendes Begleitschreiben lag leider nicht dabei.«
Harrington musterte sie misstrauisch, und Scott war sich sicher, dass er diese Ausrede niemals glauben würde.
»Ich frage mich, Miss Tyler, wieso Sie in der Szene mit einer solchen Story Erfolg hatten, wenn der Versicherungsdetektiv, der über wahrscheinlich dieselben Kontakte wie Sie verfügt, gescheitert ist.«
Sam lächelte freundlich. »Weil er eben nicht dieselben Kontakte genutzt hat. Sehen Sie, Mr. Harrington, die Versicherungsleute haben sich ausschließlich auf dem Schwarzmarkt für Kunst umgehört. Das Amulett ist aber bekannt als ‚Lady Ardens Hexenamulett’. Außer seinem materiellen Wert verfügt es noch über einen ganz besonderen, hm, spirituellen Wert für Menschen, die sich mit Okkultismus und Magie beschäftigen. Und wenn die was von einem Fluch hören, wollen sie den betreffenden Gegenstand ganz schnell wieder los werden. Und die Versicherungsleute sind gar nicht auf den Gedanken gekommen, sich auch in dieser Szene umzusehen. Hätten sie es getan, hätten sie das Amulett wahrscheinlich genauso leicht gefunden wie ich. Jedenfalls ist es wieder da, und ich werde Ihnen gern Ihre Sicherheitssysteme auf den neuesten Stand bringen, dass sich zumindest für die nächsten zehn Jahre niemand darin einhacken kann.«
Harrington lächelte dankbar und hegte keine Zweifel mehr. »Das wäre sehr freundlich, Miss Tyler. Natürlich bezahlen wir Sie auch für diese Arbeit. Und entschuldigen Sie bitte mein Misstrauen.«
»Keine Ursache, Mr. Harrington. Wenn es Ihnen recht ist, komme ich morgen wegen der Modifizierungen der Systeme vorbei. Ich habe heute noch einen anderen Termin.«
Sie verabschiedete sich von dem Kurator und verließ mit Scott das Museum.
»Mann, ich dachte schon, er durchschaut deine, hm, Lüge«, sagte Scott, als sie draußen waren. »Was hättest du getan, wenn er dir nicht geglaubt hätte?«
»Ihm einen Schuldigen präsentiert, der ein volles Geständnis abgelegt hätte.«
»Du glaubst, Luzifer hätte ...«
»Nein«, unterbrach Sam ihn mit einem verächtlichen Schnaufen. »Der ganz sicher nicht. Aber es gibt eine Form von Dämonen niederer Ordnung, die wir Dienergeister nennen. Einem anderen Wesen zu dienen, gibt ihnen die Energie, die sie zum Leben benötigen. Meine Sekretärin ist so ein Geist. Und ich hätte unschwer einen ihrer unzähligen Geschwister für den Job anheuern können. Je schwieriger oder langwieriger die Aufgabe ist, desto mehr Energie bekommen sie dadurch. Der Dienergeist wäre sogar ins Gefängnis gegangen und hätte dort jahrelang eine Strafe abgesessen, wenn es erforderlich gewesen wäre.«
Scott schüttelte den Kopf. »Das ist eine völlig fremde Welt«, stellte er fest. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich jemals darin einleben werde.«
»Ganz gewiss sogar«, war Sam überzeugt. »Vergiss nicht, dass du nur die geringste Zeit deines Lebens als Mensch verbracht hast. Die nächsten sechs bis sieben Jahrhunderte wirst du als Inkubus erleben und eines Tages wahrscheinlich vergessen haben, wie es anfühlte, ein Mensch zu sein.«
Sie vergewisserte sich, dass sie sich außerhalb der Sichtweite irgendeines Menschen oder einer Überwachungskamera befanden, legte den Arm um Scott und sprang durch die Dimensionen zurück in ihr Haus.
Er zuckte zusammen. »An diese Fortbewegungsart werde ich mich wohl nie gewöhnen.«
»Du wirst. In spätestens einer Woche kannst du das selbst, und danach ist es für dich vollkommen natürlich.« Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und sah ihn mit einer Mischung aus Bedauern und Besorgnis an. »Es tut mir so leid, Scott, dass alles so gekommen ist. Ich weiß, wie schwierig es für dich sein muss.«
»Ich dachte, du bist froh, dass ich jetzt«, er schluckte, und es fiel ihm sichtbar schwer, es auszusprechen, »einer von euch bin.«
»Einerseits ja«, gab Sam unumwunden zu. »Aber es war nicht deine freie Entscheidung, und ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass dich das belastet. Diese neue Existenz wurde dir aufgezwungen, und das macht es für dich schwierig, vielleicht sogar unmöglich, damit wirklich gut klar zu kommen.«
Er nickte. »Aber es gibt etwas, das mich im Moment noch etwas mehr belastet«, gestand er und suchte nach Worten, ehe er unumwunden sagte: »Sam, ich gebe zu, es ist schwierig für mich, zu wissen, dass du mit anderen Männern schläfst, wenn du auf einem deiner Jobs mehrere Tage oder Wochen weg bist. Ich werde mich redlich bemühen, das zu akzeptieren, aber ich weiß nicht, ob ich das auf die Dauer ertragen kann.«
Sam schüttelte nachsichtig den Kopf. »Du denkst immer noch zu menschlich, Scott, denn du wirst ab sofort dasselbe tun müssen, wenn ich unterwegs bin. Du wirst zwar problemlos einen Tag fasten können oder auch zwei, doch ab dem zweiten beginnt der Hunger wehzutun. Und ab dem dritten kannst du an kaum noch etwas anderes denken und musst dich ernähren, wenn es nicht deine normale Arbeit negativ beeinträchtigen soll.«
Er sah sie unglücklich an. »Kannst du deinen Job nicht aufgeben?«
Sie zog befremdet die Augenbrauen hoch. »Und dann? Soll ich den ganzen Tag nichts anderes tun als mich langweilen oder mit sinnlosen Dingen beschäftigen, nur damit wir beide ständig und ausschließlich für einander bereit sein können?«
»So habe ich das nicht gemeint«, verteidigte er sich. »Aber du kannst dir doch einen anderen Job suchen, bei dem du nicht mehrmals im Jahr für längere Zeit verreisen musst.«
»Zufällig bedeutet mir mein ‚Job’ aber sehr viel, Scott. Warum bist du Anwalt geworden?«
»Weil ich Leuten zu ihrem Recht verhelfen wollte, die ohne einen Anwalt keines bekommen würden.«
Sie nickte. »Du wolltest und willst also den Menschen helfen. Und genau das will ich auch. Sehr viele meiner Fälle haben mit okkulten Kräften und Magie zu tun, gegen die Menschen sich nicht schützen können. So wie die Sache mit den Traumfängern. Oder dein früherer Klient Peter Ryker, dessen Verlobte von einem Fuchsgeist ermordet wurde. Aber solche Fälle konzentrieren sich nun mal nicht ausschließlich auf Cleveland und Umgebung. Soll ich all jene, denen ich helfen könnte, ihrem unter Umständen doch recht grausamen Schicksal überlassen, nur damit ich mit keinem anderen Mann mehr schlafen muss als mit dir? Falls das deine Meinung ist, bist du schon ein richtig guter, gleichgültiger Inkubus wie mein Vater. Der ist nämlich der Überzeugung, dass man die Menschen ihrem Schicksal überlassen sollte. Es gibt ja genug von ihnen auf der Welt. Was macht es da schon aus, wenn ein paar Dutzend von einem außer Kontrolle geratenen Dämon ermordet werden oder eine ganze Familie von einem Kitsune ausgelöscht wird oder ein durchgeknallter Vampir seinen Blutrausch auslebt. Sind doch bloß schwache Menschen.«
Scott starrte sie mit einer Mischung aus Betroffenheit und Ekel an. »Ist das die Art, wie ihr über uns Menschen denkt?«
»Uns Menschen? Scott, du bist kein Mensch mehr. Und ich bin nie einer gewesen. Aber ja, das ist die Art und Weise, wie die meisten Inkubi und Sukkubi über Menschen denken. Doch ich habe eine Aufgabe für die Menschen übernommen, in der ich auf einer gewissen Ebene ebenso wichtige Arbeit leiste wie jeder Polizist, jeder Anwalt, jeder Richter oder Feuerwehrmann. Und ich werde nicht damit aufhören, solange ich lebe. Nicht einmal«, sie zögerte kurz, »aus Liebe zu dir. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst, aber ich könnte nicht damit leben, dass ich Menschen, denen ich hätte helfen können, im Stich gelassen habe. Ich weiß, dass ich nicht alle retten kann, und das ist schwer genug zu ertragen. Doch der Preis, den ich für meine Arbeit zahlen muss, ist nun einmal, dass ich dir niemals in jeder Stunde meines Lebens sexuell treu sein kann, obwohl ich es täte, wenn ich es könnte.«
Sie schüttelte den Kopf. »Und du kannst das genauso wenig. Du bist jetzt ein Inkubus, auch wenn du das nicht gewollt hast. Doch diese Verwandlung lässt sich nicht wieder rückgängig machen. Du kannst nur akzeptieren, was du bist und lernen, nach den Regeln unserer Art zu leben, soweit es erforderlich ist. Und das schließt es nun mal ein, dass wir uns zu gewissen Zeiten, in denen wir länger nicht zusammensein können, auch von anderen Menschen ernähren müssen.«
Er schüttelte ebenfalls den Kopf. »Und wenn ich das auf die Dauer nicht kann?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Dann hat Luzifer gewonnen. Ich meine, er hat sowieso schon gewonnen, weil er bekommen hat, was er wollte. Wenn du unsere Beziehung jetzt oder irgendwann später endgültig beendest, hat er obendrein auch noch gesiegt, weil das von Anfang an zu seinem Plan gehörte. Was mich betrifft, so gönne ich ihm diesen Triumph nicht. Und«, sie sah ihn mitfühlend an, »ich kann dir versichern, dass du dich an die Veränderung gewöhnen wirst. Wenn du das willst. Außerdem«, fügte sie hinzu, »muss ich meine wahre Natur nicht mehr vor dir verstecken. Das bedeutet, ich muss auch nicht mehr so tun, als könnte ich mich nur mit profanen menschlichen Mitteln fortbewegen. Wir können durch die Dimensionen springen – teleportieren – und innerhalb einer einzigen Sekunde jeden Ort auf der ganzen Welt erreichen. Verstehst du, was das für uns bedeutet?«
»Nicht so ganz.«
»Dass ich, auch wenn ich einen Job auf der anderen Seite der Erde habe, in der Nacht jederzeit zu dir kommen kann. Oder du zu mir, falls es erforderlich ist, dass ich 24 Stunden rund um die Uhr vor Ort bleibe. Dadurch haben wir jetzt tatsächlich die Möglichkeit, einander bis auf wenige Ausnahmen wirklich treu sein zu können. Und ich gebe zu, das macht mich sehr glücklich.«
Er trat auf sie zu und nahm sie in die Arme. »In dem Fall«, er seufzte tief, »werde ich lernen, damit zu leben, Sam. Warte einen Augenblick.«
Er ging in sein Schlafzimmer und kam gleich darauf zurück. In der Hand hielt er den goldenen, mit Smaragden besetzten Schlangenring, den er ihr schon einmal geschenkt hatte. Er streifte ihn ihr über den Finger.
»Ich liebe dich, Sam, und ich will mit dir leben, bis ans natürliche Ende unserer Tage. Und nichts würde mich glücklicher machen, als wenn du endlich zustimmtest, mich zu heiraten.«
Sie umarmte ihn heftig. »Ja«, sagte sie fest. »Ja, Scott Parker, ich will dich heiraten.« Sie lachte. »Mein Vater wird toben, der Rest unserer Art wird uns auslachen, aber wir werden einfach so tun, als ginge uns das alles nichts an.«
Er küsste sie innig und verspürte zum ersten Mal den Hunger, der unbedingt befriedigt werden musste. In diesem Moment verstand er vollkommen, was das für Sam – seine Partnerin, seine Gefährtin – bedeutete, und er begriff auch, dass er nach einer gewissen Zeit der Gewöhnung tatsächlich damit würde leben können.
Luzifer hatte verloren.
Zumindest in diesem Punkt.

Luzifer ließ das Bild der beiden in der Orakelschale verärgert erlöschen. Danaya sah ihn aufmerksam und beinahe spöttisch an. »Und was soll ich jetzt daraus lernen, Vater?«, fragte sie sanft, doch mit kaum zu überhörendem Sarkasmus in der Stimme.
»Nichts!«, zischte er. »Außer dass deine Mutter und ihr Buhle sich von verachtenswerten menschlichen Schwächen beherrschen lassen.«
Er verschwand und ließ Danaya allein. Sie holte das Bild von Sam und Scott zurück in die Orakelschale und beobachtete, wie sie sich voller Zärtlichkeit und Leidenschaft liebten. Eine Kraft, die es fertig brachte, sogar Luzifer in die Knie zu zwingen, konnte keine Schwäche sein, auch wenn es auf den ersten Blick so erschien. Sie beschloss, diesem Phänomen besondere Aufmerksamkeit zu schenken und sein Geheimnis zu entschlüsseln. Allerdings musste Luzifer davon nicht unbedingt etwas erfahren ...

Scott hielt Sam im Arm und fühlte sich unbeschreiblich wohl. Was auch daran lag, dass er, nachdem er den Sex zum ersten Mal als Inkubus erfahren hatte, nun endlich nachvollziehen konnte, wie Sam sich dabei fühlte, vor allem aber auch, dass die »auswärtigen Mahlzeiten« tatsächlich nichts mit Gefühlen zu tun hatten.
»Ich war ein Narr«, gestand er aus diesem Gedanken heraus.
»Du warst ein Mensch«, korrigierte ihn Sam und fügte grinsend hinzu: »Aber das ist in den meisten Fällen ohnehin dasselbe.«
Er musste lachen, wurde aber gleich wieder ernst. »Ich werde einige Zeit brauchen, um mich daran zu gewöhnen, dass ich kein Mensch mehr bin.« Und der Gedanke hatte immer noch etwas Bedrohliches.
»Du schaffst das schon«, war Sam überzeugt. »Außerdem helfe ich dir dabei. Und meine Familie ist im Notfall auch noch da. Ben hat sich erboten, dich zu lehren, was du wissen musst. Er wird dich morgen Abend zum ‚Unterricht’ abholen. Immerhin ist jetzt endlich das Thema vom Tisch, dass ich als ordentlicher Sukkubus doch nicht mit einem Menschen zusammenleben sollte.« Sie verzog das Gesicht. »Dafür steht die nächste Diskussion an, wenn ich der Bagage verkünde, dass wir heiraten werden.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber daran wird meine Familie sich gewöhnen müssen.«
»Und du bist dir wirklich sicher, dass du einen Narren wie mich heiraten willst?«
»Unbedingt«, bekräftigte Sam und knabberte neckend an seinem Ohrläppchen. »Ich habe nun mal eine Schwäche für Narren.«
Eine Weile schwiegen sie beide, bis Scott schließlich fragte: »Der Preis, den Luzifer von dir verlangt hat – er hat mit dir geschlafen, stimmt’s?«
»Ja«, gab Sam nach kurzem Zögern zu.
»Ich hoffe, er hat dir nicht allzu sehr wehgetan.«
»Nein, überhaupt nicht. Er wollte mich nicht quälen, sondern etwas anderes damit erreichen, und er hat es bekommen. Aber lass mir bitte ein bisschen Zeit, bevor ich darüber sprechen kann. Ich muss das erst selbst verdauen und mir darüber klar werden, wie ich die Sache handhaben soll.«
»Okay«, sagte er. »Ich denke, ich habe durch die vergangenen Ereignisse gelernt, dir zu vertrauen, Sam. Das hätte ich von Anfang an tun sollen, statt die beleidigte Leberwurst zu spielen.«
»Du warst ein Mensch«, erinnerte sie ihn, »und hast ganz normal menschlich reagiert.«
Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber in diesem Moment klingelte ihr Handy, das auf dem Tisch lag. Sie beförderte es mit einem Bringzauber in ihre Hand und fand es überaus angenehm, dass sie in Scotts Gegenwart nun nicht mehr so tun musste, als wäre sie ein vollkommen normaler Mensch.
»Sam Tyler, Privatermittlungen«, meldete sie sich, da ihre magischen Sinne ihr sagten, dass der Anrufer einen Detektiv wollte.
»Hier spricht Dr. Byron Simmons, Miss Tyler. Ich bin Archäologe und arbeite für das Cleveland Museum of Natural History. Mein Kollege Conrad Harrington von Museum of Art, mit dem ich gerade gesprochen habe, hat Sie mir empfohlen. Sie sollen eine Expertin darin sein, gestohlene Exponate wiederzubeschaffen.«
»Ich habe diesbezüglich einige Erfolge aufzuweisen«, antwortete Sam. »Was ist Ihnen denn wo gestohlen worden?«
»Eine Fackel, die zu einer außergewöhnlichen Skulptur gehört, und wir haben sie bei Ausgrabungen hier bei Carlabad in New Mexico, gefunden ...«
Ende

Kleines mythologisches Lexikon/Glossar
Amulette und Talismane
sind zwei Seiten derselben Münze, könnte man sagen. Das Amulett ist ein Abwehrzauber, der Unerwünschtes fern hält und/oder seinen Träger beschützt. Der Talisman dagegen ist ein so genannter Sympathiezauber, der Erwünschtes anziehen soll. Beiden gemeinsam ist ihre Form. Die häufigsten sind Anhänger, Medaillons, Ringe oder »Zauberbeutel«, kleine Beutel aus Naturmaterial (meist Baumwolle), die mit den zauberkräftigen Ingredienzien gefüllt und mit magischen Sprüchen versehen werden.
Obwohl der Unterschied zwischen Amulett und Talisman zum Grundwissen jedes Menschen gehört, der sich ernsthaft mit Magie beschäftigt, finden sich in einschlägigen esoterischen »Fach«-Zeitschriften und Internetseiten ziemlich häufig Annoncen, die z. B. »Liebes-Amulette« anbieten, die den Käufern zum Liebesglück verhelfen sollen. Sollten die tatsächlich wirken (was bezweifelt werden darf), so wehren sie die Liebe allenfalls ab, und jeder sollte sich davor hüten, sich so ein Ding ins Haus zu holen, es sei denn er/sie wollte in ein Kloster eintreten ...
Quelle: »Spell Craft – Creating Magical Objects« von Scott Cunningham
Portalsteine
sind Felsen, Menhire, Findlinge oder seltener kleinere Gesteinsbrocken, die ein Tor zur Anderswelt bzw. der Unterwelt darstellen. Unabhängig von ihrer Größe sind sie an einem einzigen Ort gebunden und können nicht von der Stelle bewegt werden. Meistens genügt ein bestimmter Zauber, einen Portalstein zu öffnen, aber manchmal ist dafür auch ein materieller Schlüssel nötig, z. B. in Form eines anderen Steines, um ihn zu öffnen. In der Regel stehen solche Portalsteine allein, sind aber auch manchmal in eine ganze Steingruppe integriert oder bilden deren Mittelpunkt. Grundsätzlich bestehen die Tore in den Portalsteinen aus »magischen Schleiern«, die die Welten von einander trennen. Nur selten muss ein Portalstein wie in diesem Roman selbst physisch bewegt werden, um das Tor zu öffnen.
Quelle: Diverse
Luzifer
Sein Name bedeutet »Lichtbringer«. Nach der Bibel ist er ein »gefallener« Engel, der von Gott aus dem Himmelreich verstoßen wurde, weil er sich ihm widersetzt hatte. In der prä-christlichen Mythologie hat er aber eine ganz andere Position inne. Dort galt er als der Gott bzw. Personifikation des Morgensterns, der täglich die Ankunft der Sonne verkündete, war ein Sohn der Großen Erdmuttergöttin und gleichzeitig auch ihr Gefährte. Die Ägypter nannten ihn »Sata, die große Schlange, Sohn der Erde«, woraus später »Satan« entstand. Eines seiner Insignien waren Blitze. Als Luzifer eines Tages mit dem Sonnengott um die (sexuelle) Gunst der Erdgöttin kämpfte, verlor er nicht nur den Kampf, sondern auch seine Position als Morgenstern und lebte fortan als die »Große Schlange Sata« in der Unterwelt.
Aber immer noch blieb er der »Lichtbringer« der wahren Erkenntnis (Weisheit), die er der Menschheit schenkte. Erst mit dem Fortschreiten des Christentums wandelte sich dieser positive Aspekt in die negative Interpretation, dass Luzifer in Gestalt der Schlange Eva zum Naschen der Frucht vom verbotenen Baum der Erkenntnis verführt haben soll, die Gott ihnen auf ewig verweigern wollte. Und so wurde Luzifer in die Unterwelt verbannt, was er sich natürlich nicht gefallen ließ. Es kam zum Kampf mit ihm und anderen Engeln auf seiner Seite und den Erzengeln angeführt von Michael auf der anderen Seite mit dem Ergebnis, dass Luzifer für immer aus dem Himmel verbannt wurde. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass Luzifer in der Bibel ursprünglich als »einer der Söhne Gottes« bezeichnet wurde (»bene ha-elohim«), und erst spätere Übersetzungen tilgten diese Tatsache und machten ihn zu einem »einfachen« Engel, bevor er durch den »Himmelssturz« zum Teufel wurde.
Zwei Aspekte haben sich aber bis heute in ihm erhalten: das Licht der Erkenntnis und ein ausgesprochen großes Interesse an Sex, woraus wiederum im Mittelalter die Legende des »Beischlafs mit dem Teufel« entstand, den man unzähligen »Hexen« zum Vorwurf machte. Noch heute wird Luzifer z. B. von den Yeziden als Gott der Weisheit verehrt.
Quelle: »Encyclopedia of Myths and Secrets« von Barbara Walker
Schwarze Diamanten
Schwarze Diamanten kommen in der Natur zwar nicht häufig vor, aber es gibt sie. Der berühmteste Vertreter seiner Art war der 67,50 karätige »Black Orlov«, der der russischen Prinzessin Nadia Vygin-Orlov gehörte. Ihre schwarze Farbe erhalten sie durch schwarze Einschlüsse – meistens Graphit – die so dicht gedrängt in ihrem Inneren liegen, dass der ganze Stein schwarz wirkt. Allerdings erschweren diese Einschlüsse das Schleifen der Diamanten, weshalb schwarze Diamanten gegenüber ihren andersfarbigen Geschwistern relativ teuer sind.
Im magischen Bereich bzw. in der Steinheilkunde stehen Diamanten für Reinheit und Erleuchtung, die so umfassend ist, dass ihr nicht einmal der Teufel widerstehen kann. Dementsprechend galten schwarze Diamanten eine lange Zeit als »Teufelsschmuck«. Diamanten symbolisieren Reinigung, Stabilität und Treue, aber auch Härte, Stärke, Mut und Unverwundbarkeit. Diamanten warnen den Träger vor Gefahren und gelten als Befreier von dämonischen Einflüssen. Allerdings sollen gestohlene Diamanten dem Dieb Unglück bringen. Der Name »Diamant« leitete sich vom griechischen Wort »adamas« = »unbezwingbar« ab. Und bis heute hält sich die Überlieferung, dass die Ausstrahlung eines Diamanten Geisteskrankheiten heilen könne.
Rein chemisch gesehen sind Diamanten nichts anderes als hart gepresster Kohlenstoff und brennen so gut wie jedes Brikett. Allerdings haben sie von allen Steinen den höchsten Härtegrad: Mohshärte 10 (benannt nach dem Erfinder der Skala, dem Mineralogen Friedrich Mohs, der vom 1773 – 1839 lebte). Mohshärte 1 – 2 (Talk und Gips) sind mit den Fingernägeln ritzbar, 3 – 4 sind mit dem Taschenmesser oder einem Stahlnagel ritzbar, 5 ist gleichhart wie Fensterglas, und 6 – 10 ritzen bzw. schneiden Fensterglas.
Quelle: Diverse
Lord Seton, Earl of Winton
Diese Familie existiert tatsächlich und gehört auch heute noch zum gehobenen schottischen und englischen Adel. Im Jahr 1600 erhielt Robert Seton, 8. Lord Seton, den Titel des 1. Earl of Winton. Gegenwärtig ist Archibald George Montgomerie, 18. Earl of Eglington (geboren 1939) und amtierender Laird (7) of Clan Montgomerie, der 6. Earl of Winton, nachdem der Titel der Familie Seton aberkannt wurde, als George Seton, 5. Earl of Winton im Jahr 1716 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde. 1859 wurde der 13. Earl of Eglington, Archibald William Montgomerie, zum neuen 1. Earl of Winton ernannt. (Der volle Name des heutigen Familienoberhaupts lautet: Archibald George Montgomerie, 18. Earl of Eglington, 6. Earl of Winton.)
Der echte 3. Earl of Winton, der von 1584 bis 1650 lebte und den Titel 1617 übernahm, hieß übrigens George, und bis heute gab es keinen Earl of Winton mit dem Namen James. Der ist eine freie Erfindung der Autorin.
Quelle: Wikipedia

Fussnoten:
- Unadru = Zurück in die Hölle! Dort seid gebannt! Gebannt! Gebannt!
- von Montagu Summers; allerdings ist darin kein solcher Zauber enthalten, das ist eine Erfindung der Autorin
- Scheiße
- siehe Sukkubus 3: »Das Grimoire der Marie Laveau«
- Binde-Glyphen/Binderunen sind aus mehreren Zeichen (Glyphen) oder Runen zu einem einzigen Zeichen zusammengefügte Symbole, denen man oft auf den ersten Blick nicht ansieht, dass sie aus mehreren Zeichen bestehen
- engl. Wort für »Dietrich«
- adliges Clanoberhaupt
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Im nächsten Roman:
Ob Sam und Scott tatsächlich das erhoffte Glück gefunden haben, steht noch in den Sternen, denn schon wartet die erste Bewährungsprobe auf sie. Bei Ausgrabungen in der Carlsbad-Höhle wurde eine Jahrtausende alte, aber unwahrscheinlich gut erhaltene Statue eines jungen Mannes gefunden, der eine Fackel in der Hand hält. Als am nächsten Tag die Fackel verschwunden ist, glaubt man zunächst an einen gewöhnlichen Artefaktdiebstahl. Doch dann kommt es zu ersten unerklärlichen Todesfällen, und die Archäologen müssen erkennen, dass es sich um keine gewöhnliche Statue handelt, sondern um die des Totengottes Thanatos. Und Sam muss nicht nur die gestohlene Fackel schnellstmöglich finden, da »Die Fackel des Thanatos« den Menschen den Tod bringt, auch ein alter Widersacher hat es auf sie abgesehen und setzt alles daran sie zu vernichten ...
»Die Fackel des Thanatos« erscheint Anfang März 2009 exklusiv auf .
© Mara Laue
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