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Band 4 - Traumfänger des Bösen

»Selina!«
Die Stimme klang weich, einschmeichelnd und süß wie eine Verführung. Selina McCarthy drehte sich im Schlaf zur Seite und seufzte wohlig. Wenn Tom sie in diesem Ton ansprach, war das in der Regel der Auftakt zu einem heißen Liebesspiel. Sie lächelte voller Vorfreude.
»Selina!«, rief die Stimme sie noch einmal.
Doch es war nicht Toms Stimme, und ihr wurde bewusst, dass sie träumte. Nun, auch ein heißer Quickie mit einem Fremden im Traum hatte etwas für sich, und das schmälerte Selinas Vorfreude nicht im Geringsten.
»Selina!«, ertönte die Stimme zum dritten Mal, aber jetzt hatte sie alles Verführerische und Schmeichelnde verloren und klang rau, tief, bedrohlich und eiskalt.
Selinas Unterbewusstsein schlug Alarm. Sie versuchte aufzuwachen, doch sie war so in dem Traum gefangen, dass sie es nicht schaffte. Ein riesiger schwarzer Schatten schob sich in das Blickfeld ihres Traum-Ichs. Selina versuchte zu schreien, war aber unfähig, auch nur einen Laut von sich zu geben. Sie konnte zwar nicht viel von dem Schatten erkennen, aber was sie sah, wirkte überaus gefährlich. Tödlich! Falls der Schatten nicht unmäßig verzerrt war – und irgendetwas sagte ihr, dass das nicht der Fall war –, so war das Wesen, nein: das Ungeheuer, das da auf sie zu kam, ein Riese von fast drei Metern, am ganzen Körper behaart wie ein Affe und besaß glühende rote Augen, die sich in Selinas Seele zu brennen schienen.
Ein unglaublicher Schmerz erfasste sie, doch sie war unfähig zu schreien oder sich zu bewegen. Ihre Gliedmaßen dehnten sich, wuchsen in die Länge und ihr Körper in die Höhe, bis sie ebenso groß war wie das Monster vor ihr, das jetzt einen haarigen Klauenfinger ausstreckte und auf etwas zeigte, das sich zu ihren Füßen befand. Nein, nicht zu ihren Füßen, sondern neben ihr. Sie saß immer noch in ihrem Bett, doch ihr Oberkörper schien jetzt so lang zu sein wie ihr ganzer menschlicher Körper, und die nicht minder langen Beine hingen größtenteils über den Bettrand hinaus.
Das, worauf das Ding zeigte, war Toms schlafender Körper, der sich unruhig bewegte und offensichtlich dabei war aufzuwachen. Selina konnte das Blut durch seine Adern fließen hören und es beinahe sehen, und der Schlag seines Herzens erschien ihr wie ein berauschender Trommelwirbel. Ein wahnsinniger Hunger überfiel sie, und Toms Herz war genau die Nahrung, die sie brauchte. Ihre Klauenhand fuhr wie ein Messer in seinen Körper, packte das Herz und riss es heraus, während Tom einen nahezu unmenschlichen Schrei ausstieß, der wie Musik in den Ohren der Bestie klang, zu der Selina geworden war. Mit dem letzten Rest seines schwindenden Bewusstseins musste er mit ansehen, wie das Ungeheuer sein Herz aß, ehe der Tod ihn gnädig von dem entsetzlichen Grauen erlöste.
Ein letzter Funken von Selinas menschlichem Verstand bäumte sich angesichts dieses namenlosen Horrors auf, zwang das Ungeheuer, den letzten Fetzten von Toms halb gegessenen Herzen wieder auszuspucken und schickte sie in tiefe Bewusstlosigkeit. Das Letzte, was sie vernahm, ehe es finster um sie wurde, war ein grauenhaftes, zufriedenes Lachen.

Tai’Samala träumte, was ausgesprochen selten vorkam. Als Sukkubus – eine Dämonin, die sich von beim Sex freiwerdender Energie ernährte – brauchte sie im Gegensatz zu Menschen keine Träume, um die Erlebnisse des Tages im Unterbewusstsein zu verarbeiten. Somit bestand für Träume keine Notwendigkeit. Aber ein Traum kehrte in unregelmäßigen Abständen immer wieder.
Sie lag auf einer Blumenwiese und hatte gerade ihre Mahlzeit von einem gutaussehenden, sehr kraftvollen, potenten Mexikaner genossen, der sie jetzt zwar erschöpft, aber überaus zufrieden und glücklich in seinen Armen hielt, als ein Schmetterling über ihnen auftauchte und sie langsam zu umkreisen begann. Es war ein fast handgroßes Tier mit leuchtend orangeroten Flügeln, auf denen vier weiße Markierungen prangten, die im Sonnenlicht zu glühen schienen. Der Schmetterling setzte sich auf Sams nackten Arm und blickte sie aus seinen schwarzen Augen an, in denen ein Ausdruck lag, der ihr absolut nicht gefiel. Etwas stimmte mit diesem Schmetterling nicht, doch sie war noch zu gefangen von der vorangegangenen Ekstase, weshalb sie das Tier einfach mit einem Schnippen ihrer Hand verscheuchte.
Doch der Schmetterling kehrte augenblicklich zurück. Seine Beine krallten sich schmerzhaft in ihren Arm, und er wuchs in die Höhe. Sam versuchte ihn abzuschütteln, aber das, was jetzt seine Klauen gepackt hielten, besaß eine Kraft, der sie nichts entgegen zu setzen hatte. Innerhalb von Sekunden wandelte sich der schöne Schmetterling zu einer furchterregenden Gestalt mit einem Totenschädel, skelettartigem Körper und überdimensionalen schwarzen Flügeln aus Obsidian, an deren Enden die scharfen Klingen von Obsidianmessern saßen, die jetzt unbarmherzig auf Sam einstachen und ihr die Haut in Streifen vom Körper fetzten. Sie versuchte, ihre eigene Magie gegen den Obsidianschmetterling einzusetzen, doch die Macht von Itzpapalotl war zu stark für sie und brächte ihr in wenigen Augenblicken einen überaus schmerzhaften Tod. Die Göttin zog sie jetzt mit ihren Klauen unnachgiebig zu sich heran. Sam blickte in ihre schwarzen, wuterfüllten Augen und spürte unglaubliche Schmerzen, während sich das Skelettmaul langsam öffnete und eine Reihe scharfer Vampirzähne entblößte, die auf Sams Kehle zielten. Tai’Samala empfand zum ersten Mal in ihrem Leben Todesangst. Sie hörte nur noch die hasserfüllte Stimme der Göttin zischen: »Er gehört mir!«, ehe ...
Sam schlug die Augen auf und befand sich in ihrem Bett in ihrem Haus in Cleveland in Sicherheit. Der furchtbare Traum war vorbei. Sie atmete einmal tief durch – und fühlte, wie die feinen Insektenbeine eines Nachtfalters über ihren nackten Arm krabbelten. Sie fuhr mit einem entsetzten Schrei hoch, schlug auf das Tier ein und begann, immer noch schreiend um sich zu schlagen.
Licht flammte auf, und ihr Freund Scott Parker stand in der Tür. »Sam, was ist denn los?«
Sie zitterte am ganzen Körper und fühlte, wie ihr der Schweiß aus allen Poren brach. Schwer atmend rang sie um ihre Fassung. »Schon gut«, murmelte sie. »Da war nur ein ...« Sie zuckte erschrocken zurück, als sie sah, dass der tote Schmetterling auf ihrer Bettdecke lag.
Scott trat näher. Als er den Falter sah, fing er an zu lachen. »Oh Sam, jetzt sag nur, du hast nur wegen eines Schmetterlings so einen Tanz aufgeführt.«
»Ich hasse Schmetterlinge!«, stieß sie gepresst hervor und starrte das tote Tier an, als könne es sich jeden Moment erneut vollkommen lebendig erheben, sich in die schreckliche Itzpapalotl verwandeln und sich auf sie stürzen. »Tu mir den Gefallen und mach das Ding weg!«
Scott hob den Falter schmunzelnd auf und hielt ihn ihr hin.
Sie warf ihren Oberkörper nach hinten. »Tu es weg, Scott!«, forderte sie, und ihre Stimme klang heiser.
»Hey, Sam, das ist doch nur ...«
»Nimm das Ding weg!«, brüllte sie ihn an.
Er gehorchte verwundert und warf den Schmetterling aus dem offenen Fenster, das er hinterher schloss.
»Ist schon gut, Sam«, versuchte er sie zu beruhigen. »Er ist weg. Und das Fenster ist zu. Es wird kein anderer mehr herein kommen.« Er setzte sich zu ihr aufs Bett, legte den Arm um sie und stellte fest, dass sie vollkommen nass von Schweiß war. »Was ist denn mit dir? Hast du wirklich Angst vor Schmetterlingen?«
»Ich hasse sie«, wiederholte Sam leidenschaftlich und bekräftigte noch einmal: »Ich hasse sie!«
Er drückte sie an sich. »Ich wollte mich nicht über dich lustig machen«, sagte er ernst. »Aber ich habe noch nie gehört, dass irgendjemand eine derartige Aversion gegen Schmetterlinge hat.«
»Ich habe eine«, knurrte sie und atmete einmal tief durch. »Und ja, ich gerate in Panik, wenn einer auf mir herumkrabbelt.«
Er küsste sanft ihr Haar. »Es ist vorbei, Sam. Er ist weg. Aber weißt du«, fügte er schmunzelnd hinzu, »jetzt weiß ich wenigstens, dass du ein Mensch bist.«
»Wieso?«, fragte sie misstrauisch und fürchtete für einen Moment, er könnte ihr Geheimnis erahnt haben, dass sie eine Dämonin war und kein Mensch.
»Nun, seit ich dich kenne, habe ich niemals feststellen können, dass du vor irgendetwas Angst hast, nicht vor den gefährlichsten Verbrechern, nicht vor Ratten, Schlangen, Spinnen oder wovor Frauen sonst noch angeblich Angst haben und auch nicht vor der finstersten Dunkelheit. Und die einzigen Leute, die sich vor nichts fürchten, sind durch Spinnenbisse und Ähnliches mutierte oder von anderen Planeten stammende nichtmenschliche Superhelden. Aber du hast Angst vor Schmetterlingen« – er unterdrückte ein Lachen – »und das, meine geliebte Sam, macht dich zutiefst menschlich.«
Sie brummte ungehalten. »Verrate es keinem«, bat sie. »Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren.«
»Ich schweige wie ein Grab«, versicherte er ernsthaft und keuchte im nächsten Moment erschrocken auf, weil sie ihn rücklings aufs Bett geworfen hatte und sich jetzt auf ihn setzte.
»Denn wenn du nicht schweigst«, drohte sie ihm und schob sein T-Shirt hoch, »wirst du dir eine andere Bettgespielin suchen müssen.«
Er streichelte sanft ihre Arme, und die Berührung ihrer seidigen Haut sandte erregende Schauer durch seinen gesamten Körper, die sich in ein wahres Feuerwerk verwandelten, als Sam ihn küsste. Er legte die Arme um sie und zog sie an sich.
Sam gab sich der zwischen ihnen erwachenden Leidenschaft hin, die sie ihren Albtraum vergessen machen würde. Doch wie ein geisterhafter Schatten stand das Bild eines überdimensionalen Schmetterlings in Sams Gedanken, der sie mit seinen Beinen packte, zu sich heranzog, sie in seine Flügel einwickelte und ...
Sie blendete den Rest des Schreckensbildes aus und war sich bewusst, dass sie sich der Ursache ihrer »Schmetterlingsphobie« irgendwann stellen musste. Aber wenn es so weit war, würde sie eine gehörige Portion Glück und all ihre magischen Kräfte brauchen, um es zu überleben. Doch jetzt widmete sie sich erst einmal angenehmeren Dingen.
Sie senkte den Kopf und ließ ihre Zunge über Scotts Brust gleiten bis zu den Brustwarzen, die sie kurz mit ihren Lippen umschloss. Er stöhnte leise und vergrub die Hände in ihrem Haar, das nach Sandelholz duftete. Sie richtete sich auf den Ellenbogen auf, und er betrachtete bewundernd ihren Körper, während er seine Hände langsam tiefer gleiten ließ. Er umspannte sanft ihre Brüste und massierte sie zart. Sie seufzte wohlig.
Er drehte sich herum und zog sie mit sich, sodass sie unter ihm zu liegen kam, beugte sich zu ihr hinab und fuhr mit der Zunge über ihre Halsbeuge hinunter zu den Brustwarzen und saugte sanft daran. Sam ließ ihre Hände langsam über seine Schulter und den Rücken bis hinunter zum Gesäß gleiten und über seine Hüften zu seinem Unterleib. Schließlich umfing sie sein steifes Glied, massierte es stimulierend und öffnete ihre Schenkel einladend.
Er glitt über sie und drückte die Eichel sanft gegen ihre Schamlippen, die feucht vor Erregung waren und einen verführerischen Duft absonderten, der ihm beinahe den Verstand raubte. Langsam tauchte er Zentimeter für Zentimeter in ihre warme Tiefe ein und küsste sie innig. Ihre Zunge drängte sich seiner entgegen wie ihr Unterleib sich gegen seinen presste, als sie seinen Stößen entgegen kam und ihn zu einem wilden Ritt anstachelte, der ihn in nur wenigen Augenblicken zum Höhepunkt brachte. Sam nahm seine Energie zusammen mit seinem Samen in sich auf und genoss ihren eigenen Orgasmus, der sie in heißen Wellen überrollte und langsam abebbte.
Eine Weile lagen sie ineinander verschlungen still, bis die Ekstase vollständig abgeklungen war. Scott zog sich langsam aus ihr zurück, nahm sie in die Arme und barg ihren Kopf an seiner Schulter.
»Ich liebe dich so sehr, Sam«, flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. »Hm«, murmelte sie zustimmend. »Möglicherweise liebe ich dich auch.«
Worauf er sie lachend an sich drückte, die Decke über sie beide breitete und nur wenig später neben ihr einschlief.

»Mr. Parker!«
Die Stimme von Jason Goldstein jr. stoppte Scott auf dem Weg vom Fahrstuhl zu seinem Büro in der renommierten Anwaltskanzlei Weston, Kruger & Goldstein. Scott kam gerade von einem Gerichtstermin zurück, der für ihn zufriedenstellend verlaufen war.
»Guten Morgen, Sir«, grüßte er höflich, obwohl Goldstein jr. nur etwa zehn Jahre älter war als er. »Der Richter hat vor einer Stunde das Urteil über unseren Mandanten Holloway gesprochen. Zwei Jahre auf Bewährung, Einweisung in eine geschlossene Klinik zum Drogenentzug und anschließende Ableistung von 500 Sozialstunden. Er muss nicht ins Gefängnis, obwohl ihm der Entzug wahrscheinlich schlimmer vorkommen dürfte. Zumindest am Anfang.«
»Gute Arbeit, Mr. Parker«, lobte Goldstein und reichte ihm einen Aktenordner. »Sie sind doch unser Spezialist für schwierige Fälle. Dieser hier dürfte da genau das Richtige für Sie sein.«
Scott stöhnte innerlich. Seit es ihm vor ein paar Monaten gelungen war, einen Klienten frei zu bekommen, der beinahe in flagranti beim Mord an seiner Verlobten erwischt worden war und dessen Schuld daher nahezu feststand, eilte ihm der Ruf voraus, die schwierigsten Fälle erfolgreich verteidigen zu können. Obwohl er keinen Hehl daraus gemacht hatte, dass er seinen damaligen Erfolg ausschließlich Sams hervorragenden Recherchen zu verdanken hatte, die als Privatdetektivin arbeitete, nahmen seine Vorgesetzten den zum Anlass, Scott nun für eine Art Wunderkind zu halten, das Unmögliches vollbringen konnte.
»Unsere Klientin ist Stadträtin Selina McCarthy«, fuhr Goldstein fort. »Und der Fall ist derart delikat, dass sogar die Polizei die Einzelheiten unter striktem Verschluss hält. Mrs. McCarthy wurde im Bett neben der Leiche ihres Ehemannes Tom gefunden, dem sie den Spuren am Tatort nach zu urteilen bei lebendigem Leib das Herz aus dem Leib gerissen und es«, Goldstein schluckte vernehmlich, »gegessen hat.«
»Mein Gott!«, entfuhr es Scott unwillkürlich.
Er sah, dass sein Kollege und Konkurrent Ray Conrad in der Tür seines eigenen Büros stand, lange Ohren machte und dabei überaus zufrieden wirkte. Westen, Kruger & Goldstein war unter anderem deshalb eine der erfolgreichsten – und teuersten – Kanzleien von Cleveland, weil sie nur die besten Anwälte einstellten und diese durch mannigfaltige Prüfungen schickten, ehe sie eine Festanstellung bekamen. Die Festanstellung hatten sowohl Scott wie auch Ray Conrad längst erhalten. Doch nachdem Jason Goldstein Senior angekündigt hatte, im nächsten Jahr in den Ruhestand zu gehen, gab es Bedarf für einen neuen Juniorpartner.
Man hatte sowohl Scott wie auch Conrad unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass derjenige von ihnen den Posten bekommen würde, der sich bis zum Ausscheiden des alten Goldsteins als der Beste erwiesen hatte. Scott hatte mit dem Freispruch im Ryker-Fall einige Punkte für sich verbuchen können. Und obwohl Conrad sich seitdem mächtig ins Zeug legte, um diesen Punkterückstand aufzuholen, hatte er es bis heute nicht geschafft.
Der Fall, den Goldstein jr. Scott gerade übertragen hatte, barg ein enormes Versagensrisiko, und das wusste auch Conrad ebenso wie Jason Goldstein. Natürlich war jedem klar, dass kein Anwalt alle Fälle gewinnen konnte. Es kam den drei Bossen der Kanzlei auch in erster Linie darauf an, dass ihre Angestellten für die jeweiligen Mandanten das Bestmögliche herausholten, selbst wenn die am Ende trotzdem ins Gefängnis mussten. Dennoch war sich Scott bewusst, dass Jason Goldstein erwartete, dass er auch diesen Fall gewann und Conrad hoffte, dass er ihn verlor.
»Ich hoffe, Mr. Goldstein, dass Sie von mir keine Wunder erwarten«, sagte er aus diesem Gedanken heraus.
Goldstein schüttelte den Kopf. »Ich erwarte von Ihnen nur, dass Sie das Beste für unsere Mandantin herausholen, was meiner Meinung Psychiatrie statt Gefängnis ist. Machen Sie sich mit dem Fall vertraut und bringen Sie ihn zum bestmöglichen Abschluss. Das ist alles. Notfalls spannen Sie wieder diese überaus fähige Privatdetektivin ein. Wie heißt sie doch gleich?«
»Sam Tyler, Sir, und sie ist meine Lebensgefährtin.«
»Ah ja. Werden Sie sie heiraten?«
Die Goldsteins waren eine traditionsbewusste jüdische Familie, für die noch Werte wie Ehe und Treue etwas zählten. Deshalb setzten sie auch bei ihren Angestellten einen entsprechenden Lebenswandel voraus. »Wilde Ehen«, wie man sie früher genannt hatte, wurden zwar geduldet, aber trotzdem nicht gern gesehen.
»Ja, Sir. Wir haben uns gerade verlobt.«
Die Lüge ging Scott leicht von den Lippen, denn obwohl er persönlich ein überaus aufrechter Mann war, musste er doch in seinem Beruf die Wahrheit so oft verbiegen und verdrehen, dass er inzwischen in der Lage war, selbst die dickste Lüge überzeugend vorzubringen. Zwar hatte er Sam vor ein paar Wochen tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht, doch sie hatte ihn nicht angenommen, weil sie vor einem dunklen Familiengeheimnis Angst hatte, das davon in irgendeiner für ihn nicht nachvollziehbaren Weise berührt wurde. So sehr Scott auch von ihrer Ablehnung enttäuscht war, so entschlossen war er doch, ihr die Zeit zu geben, die sie brauchte, um ihre Angst zu überwinden.
»Sehr schön«, lobte Goldstein jetzt. »Und meinen herzlichen Glückwunsch. Ich hoffe, Sie laden mich zu Ihrer Hochzeit ein.«
»Ja, Sir«, antwortete Scott pflichtschuldigst, und Goldstein ließ ihn mit einem wohlwollenden Schulterklopfen stehen.
Scott war sich bewusst, dass er gerade noch einen Pluspunkt gegenüber Ray Conrad verbucht hatte, der überzeugter Junggeselle war und keinen Hehl daraus machte, dass für eine Frau und Kinder in seinem Leben kein Platz war. Allerdings musste er, um diesen Punkt zu behalten, Sam tatsächlich in absehbarer Zeit heiraten. Er hoffte, dass sie zustimmen würde, wenn er ihr in ein paar Wochen einen zweiten Antrag machte. Immerhin hatte sie gestern Nacht zum ersten Mal ausgesprochen, dass sie ihn ebenfalls liebte, und das war ein gutes Zeichen.
Er ging in sein Büro und studierte die Akte. Die darin eingehefteten Polizeifotos vom Tatort verursachten ihm Übelkeit. Genau wie damals im Ryker-Fall waren die Beweise eindeutig. Die medizinische Untersuchung, der man Mrs. McCarthy unterzogen hatte, bewies zweifelsfrei, dass sie das Herz ihres Mannes bis auf einen zur Unkenntlichkeit zerkauten Klumpen gegessen hatte. Sein Blut war an ihren Händen, ebenso wie Knochenreste von seinen Rippen, die sie zertrümmert hatte, als sie ihm das Herz mit bloßer Hand aus dem Leib gerissen hatte.
Aber dazu wäre eine schmächtige Frau wie Selina McCarthy unter normalen Umständen gar nicht fähig. Die einzige Erklärung für dieses Phänomen waren Drogen. Von einigen, wie zum Beispiel Phencyclidin, auch Angel Dust oder kurz PCP genannt, wusste man, dass sie nicht nur einen Rausch und Wahnvorstellungen verursachten, sondern auch eine gesteigerte Aggressivität, die manchmal mit der kurzzeitigen Entwicklung unglaublicher Kraft einher ging. Das Ergebnis von Mrs. McCarthys Drogenscreening lag zwar noch nicht vor, aber wenn er sie am Nachmittag im Gefängniskrankenhaus besuchte, würde man die Untersuchung sicherlich abgeschlossen haben. Wie Jason Goldstein bereits gesagt hatte, ging es bei Scotts neuer Mandantin nur darum, ob sie wegen Unzurechnungsfähigkeit in die Psychiatrie oder wegen fahrlässiger Tötung in Folge von Drogenmissbrauch ins Gefängnis kam.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sah er jedenfalls keine Veranlassung, Sam als Privatermittlerin hinzuzuziehen.

Lieutenant Ronan Kerry vom 41. Revier des Cleveland Police Departments saß dem üblichen Verdächtigen im Verhörraum gegenüber und wusste genau, dass der junge Mann, der des Mordversuchs an seiner Freundin beschuldigt wurde, unschuldig war. Aber die Beweise sprachen alle gegen ihn. Das Opfer hatte ihn eindeutig als ihren Angreifer identifiziert, und ihr Blut war auf Kevin Hopkins’ Körper gewesen, als die Polizei eintraf, die ihn in einem beinahe katatonischen Zustand in einer Ecke ihres Schlafzimmers hockend gefunden hatte. Und die lahme Ausrede des jungen Mannes, er hätte nichts getan und nur einen furchtbaren Albtraum gehabt, glaubte ihm niemand.
Bis auf Ronan Kerry, der genau wusste, dass Kevin Hopkins die Wahrheit sagte. Der war zwar selbst keiner von den Anderen, aber er stank förmlich nach ihrer Magie. Doch das war natürlich für den Staatsanwalt und später für die Jury kein Argument. Abgesehen davon, dass Ronan ihnen diese Tatsache kaum glaubhaft machen konnte und sie auch nicht preisgeben durfte, wollte er sich nicht selbst in erhebliche Schwierigkeiten bringen. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, welche Folgen es hätte, wenn ein gestandener Cop wie er anfing, etwas von Magie und übernatürlichen Wesen zu faseln.
Und natürlich musste er erst recht für sich behalten, dass er eines dieser Wesen war; zur Hälfte jedenfalls. Seine Mutter war eine Dryade gewesen, eine Baumnymphe, und er hatte einen geringen Teil ihrer Magie geerbt, die sich bei ihm allerdings darin erschöpfte, die Anderen zu erkennen, auch wenn sie wie Menschen aussahen, zu wissen, wann jemand die Wahrheit sagte oder log und der Geständnisfreudigkeit einiger abgebrühter Krimineller mit einem kleinen Zauber nachhelfen zu können.
Doch er sah es auch als seine Aufgabe an, das Motto der Polizei buchstabengetreu zu erfüllen: »We are here to serve and to protect – Wir sind dazu da zu dienen und zu beschützen.« Ronan Kerry diente der Wahrheit und der Gerechtigkeit und beschützte die Menschen, soweit es in seinen Kräften stand. Und eins war in diesem Fall völlig klar: Ohne seine Hilfe war Kevin Hopkins ein Urteil von mindestens 25 Jahren Gefängnis sicher.
Der junge Mann blickte ihn jetzt verzweifelt an. Seine Augen flehten darum, dass Ronan ihm glauben möge und baten ihn stumm um Hilfe. Ronan nickte ebenso stumm als Antwort auf diese Bitte.
Laut sagte er nur: »Mr. Hopkins, so kommen wir nicht weiter. Ich schlage vor, Sie ruhen sich in Ihrer Zelle eine Weile aus, schlafen gründlich, und danach reden wir noch einmal mit einander.«
»Aber ich bin unschuldig«, versicherte Hopkins vehement.
Ronan stand auf, beugte sich vor, stützte seine Hände auf dem Tisch ab und sah Hopkins in die Augen. »Mr. Hopkins«, sagte er ruhig und verstärkte seine Worte mit etwas Magie, »wenn Sie wirklich unschuldig sind, so werden wir das herausfinden. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Ich bin berüchtigt dafür, dass ich niemals locker lasse, bis ich die Wahrheit kenne, ganz gleich wie lange es dauert. Also ruhen Sie sich aus, und vertrauen Sie mir. Wir unterhalten uns später noch einmal.«
Die Magie tat ihre Wirkung. Kevin Hopkins wurde ruhig, und er entspannte sich sichtlich. Ronans Partnerin, Claire Shepherd, rief einen uniformierten Beamten herein, der Hopkins in seine Zelle zurückbrachte. Die junge Polizistin im Rang eines Detectives war ihm vor zwei Wochen als Ersatz für seinen bisherigen Partner zugeteilt worden, der sich bei einer Schießerei drei Kugeln eingefangen hatte und nach der Prognose der Ärzte mindestens ein halbes Jahr dienstunfähig sein würde, falls er es überhaupt schaffte, jemals wieder seinen Dienst aufnehmen zu können.
»Ich beneide Sie, Kerry«, sagte Claire Shepherd jetzt. »Wie machen Sie das nur, dass bei Ihnen selbst die wildesten und verrücktesten Burschen handzahm werden?« Sie ließ ihm keine Gelegenheit, darauf zu antworten und fuhr fort: »Aber mal im Ernst, Sie glauben seine verworrene Story doch nicht etwa. Oder?«
»Natürlich nicht«, log Ronan. »Aber bis zum Beweis des Gegenteils schließe ich nicht aus, dass er unter dem Einfluss von Drogen gehandelt hat und sich dadurch tatsächlich an nichts erinnern kann. Und selbstverständlich gibt ein Drogenkonsument diese Art von Missetat nicht einfach zu, wenn die Polizei ihn wegen eines im Rausch begangenen Mordversuchs verhört. Also lassen wir ihm etwas Zeit zu begreifen, worum es hier eigentlich geht und vor allem, wie tief er in der Scheiße steckt und dass seine volle Kooperation seine einzige Option auf einen Deal mit dem Staatsanwalt ist.«
Doch in erster Linie würde dieses Manöver Ronan etwas Zeit geben, der Sache ungestört nachzugehen – sobald er Claire Shepherd anderweitig beschäftigen konnte.
Die zuckte jetzt mit den Schultern und lächelte. »Sehen Sie, das ist genau der Grund, weshalb ich froh bin, dass man mich Ihnen zugeteilt hat. Ich kann eine Menge von Ihnen lernen. Und außerdem sind Sie nicht so ein Macho-Arsch, der den Allwissenden herauskehrt oder gar der Meinung ist, dass Frauen im Polizeidienst nichts zu suchen haben.«
Ronan schmunzelte. »Danke für das Kompliment. Aber ich habe einen viel zu profunden Respekt vor Frauen, als dass ich mich auf ein solches Niveau begeben würde. Ganz besonders deshalb nicht, weil ich eine Frau kenne, die ich schon mal allein gegen drei Hell’s Angels antreten und gewinnen sah.«
Shepherd grinste ebenfalls. »Hört sich so an, als sollte ich die Dame mal kennenlernen«, meinte sie. »Was tun wir jetzt als nächstes?«
»Da Sie eine Frau sind und unser Opfer von einem Mann verletzt wurde, schlage ich vor, Sie besuchen Lisa Cross im Krankenhaus und befragen sie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nach diesem Erlebnis einen fremden Mann in ihrer Nähe erträgt. Darum wäre es mir lieb, wenn Sie allein hingingen.«
Claire Shepherd seufzte theatralisch. »Dass ich mal das Glück habe, einem sensibeln Mann zu begegnen, habe ich mir schon lange nicht mehr träumen lassen«, gestand sie. »Weiß Ihre Frau eigentlich, wie glücklich sie ist, mit Ihnen verheiratet zu sein?«
»Oh ja, das weiß sie«, bestätigte Ronan schmunzelnd. »Und ich gebe mir große Mühe, dass sie niemals bereut, ja gesagt zu haben. Und nein«, fügte er hinzu, weil er die Gedanken seiner Partnerin erriet, »ich habe leider keinen Bruder, der mir diesbezüglich ähnlich ist. Ich bin ein Einzelkind.«
»Sie können wohl auch noch Gedanken lesen«, vermutete Shepherd und ahnte nicht, dass Ronan das tatsächlich bis zu einem gewissen, wenn auch sehr geringen Grad konnte. Kopfschüttelnd verließ sie den Raum, und Ronan folgte ihr langsam.
»Lieutenant!« Kevin Hopkins’ Vater fing ihn vor der Tür des Vernehmungsraums ab. »Braucht mein Sohn einen Anwalt?«
Ronan zuckte mit den Schultern. »Er hat zwar nach keinem verlangt, aber ja, Sir, er braucht sogar ganz dringend einen.«
»Ich weiß, dass alles gegen ihn spricht, Lieutenant, aber ich glaube Kevin, dass er unschuldig ist. Und das sagt mir meine Menschenkenntnis und nicht die Tatsache, dass ich sein Vater bin.«
Ronan nickte zustimmend. »Das Problem ist nur, dass alle Indizien gegen ihn sprechen und die einzige Zeugin des Geschehens ihn ebenfalls belastet.«
Er blickte sich kurz um und vergewisserte sich, dass keiner seiner Kollegen ihm gerade in diesem Moment besondere Beachtung schenkte, ehe er eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche nahm, die er in der Hosentasche stecken hatte. Er hielt es für besser, nicht dabei gesehen zu werden, wie er quasi Vermittlungsdienste für eine Privatdetektivin leistete. So etwas wurde bei der gesamten Polizei absolut nicht gern gesehen.
»Nehmen Sie, Mr. Hopkins. Das ist die Adresse einer Privatdetektivin, die sich auf die Untersuchung gerade solcher scheinbar eindeutiger Fälle spezialisiert hat. Wenn es einen Beweis für die Unschuld Ihres Sohnes gibt, wird sie ihn garantiert finden. Sie ist absolut vertrauenswürdig. Sagen Sie ihr, dass ich Sie schicke. Und ich glaube, sie kennt auch einen verdammt guten Anwalt.«
»Danke, Lieutenant. Kann ich sonst noch etwas für meinen Sohn tun?«
»Ja, Sir«, antwortete Ronan überaus ernst. »Beten Sie für sein Seelenheil, wie Sie noch nie zuvor gebetet haben.« Und mit dieser kryptischen Bemerkung verabschiedete er sich.

Als Sam am frühen Morgen zusammen mit Scott das Haus verließ, um in ihr Büro in der Innenstadt zu fahren, war die Erinnerung an ihren Albtraum verblasst, und sie widmete sich den ganzen Vormittag über dem üblichen Papierkram wie dem Begleichen von Rechnungen und Schreiben von Berichten. Kurz vor der Mittagszeit führte der als ihre Sekretärin getarnte Dienergeist, der die Stellung hielt, wenn Sam unterwegs war, einen Mann Mitte Fünfzig herein, der offensichtlich ein Geistlicher war.
Sam stand auf und reichte ihm die Hand. »Ich bin Sam Tyler. Was kann ich für Sie tun, Sir?« Sie bot ihm einen Platz an und orderte eine Tasse Tee für ihn.
»Mein Name ist Harold Hopkins. Ich bin Vikar an der St. Alban’s Episcopal Church.« Er zögerte und blickte Sam skeptisch an. »Miss Tyler, ich bin hier auf Empfehlung von Lieutenant Ronan Kerry vom 41. Revier. Er sagte mir, ich solle mich vertrauensvoll an Sie wenden.«
Sam nickte lächelnd. »In dem Fall kann ich Ihnen versichern, dass ich Ihren Auftrag übernehme.«
»Sie wissen doch noch gar nicht, worum es sich handelt«, stellte der Vikar etwas verblüfft fest.
»Lieutenant Kerry hätte Sie nicht zu mir geschickt, wenn es sich um einen Fall handelte, den jeder x-beliebige Detektiv oder Security-Spezialist lösen könnte. Leute die er zu mir schickt, brauchen in der Regel spezielle Hilfe. Also sagen Sie mir bitte, worum es geht.«
»Um meinen Sohn. Kevin ist 25 und ein wirklich guter Junge. Aber jetzt sitzt er im Gefängnis, weil er versucht haben soll, seine Freundin umzubringen. Die Beweise sprechen alle gegen ihn, aber er schwört, dass er es nicht gewesen ist, und ich glaube ihm. Ich glaube, das tut auch Lieutenant Kerry, weshalb er mich zu Ihnen geschickt hat. Kevin hatte Lisas Blut an seinem Körper, als die Polizei ihn abgeholt hat, aber er beteuert seine Unschuld.«
»Erzählen Sie mir mehr, Mr. Hopkins«, forderte Sam ihn freundlich auf.
Hopkins zögerte kurz. »Miss Tyler, ich bin ein zutiefst gläubiger Mann, und ich weiß, dass es Dinge gibt, die sich mit dem Verstand nicht erklären lassen, die aber nichtsdestotrotz real sind. Deshalb glaube ich, dass es etwas mit den furchtbaren Träumen zu tun hat, die Kevin seit ungefähr zehn Tagen jede Nacht zur Hölle machen.«
Sam, die ihren eigenen Albtraum noch frisch in Erinnerung hatte, nickte zustimmend. »Auch ich weiß um die Existenz von Dingen, die sich rational nicht erklären lassen, Vikar«, versicherte sie ihm. »Und Ronan Kerry kennt die ebenfalls. Ich nehme an, Sie verstehen jetzt, warum er Sie zu mir geschickt hat. Was sind das für Träume? Hat Ihr Sohn mit Ihnen darüber gesprochen?«
Der Dienergeist brachte den Tee, und Vikar Hopkins trank einen Schluck, ehe er antwortete. »Das hat er. Wir haben ein sehr gutes und tiefes Vertrauensverhältnis zueinander. Und mein Sohn ist ein ebenso gläubiger Mensch wie ich. Er trug sich sogar eine Zeitlang mit dem Gedanken, ebenfalls Geistlicher zu werden, aber«, er lächelte nachsichtig, »der Ruf war wohl nicht stark genug für ihn. Er hat Architektur studiert und arbeitet derzeit an einem wichtigen Projekt. Vielleicht haben Sie schon von dem Bau des Erie Lake Tower gehört, das ein großes Hotel und Kongresszentrum werden soll. Kevin ist trotz seiner jungen Jahre zum leitenden Architekten ernannt worden.« In Hopkins’ Stimme klang deutlich Stolz auf die Leistung seines Sohnes.
»Die Träume, Mr. Hopkins«, erinnerte Sam ihn. »Sie wollten mir etwas darüber erzählen.«
»Ja natürlich. Verzeihen Sie einem Vater den Stolz auf seinen einzigen Sohn, Miss Tyler. Sie haben wohl keine Kinder?«
»Nein. Was ist nun mit den Träumen?«
»Sie begannen, wie ich schon sagte, ungefähr vor zehn Tagen. Jedenfalls hat Kevin mir da zum ersten Mal von ihnen berichtet. Er wollte meine Meinung dazu hören, ob es sich um normale Albträume handelt oder um«, er zögerte, »nun, um welche, die ihren Ursprung in, eh, anderen Bereichen haben.«
»Sie meinen, ob der Teufel daran gedreht hat«, half Sam ihm auf die Sprünge, und Hopkins nickte.
»So etwas in der Art. Er beschrieb ein«, er zögerte wieder, »ein – das klingt jetzt vielleicht seltsam – behaartes, riesiges Ungeheuer, das ihn verfolgte, als er vor ihm davonlief. Er konnte es immer im Traum abschütteln, indem er Gott anrief. Aber er fürchtete von Tag zu Tag mehr, dass dieser Traum von ihm Besitz ergreifen könnte und etwas Furchtbares passieren würde.« Hopkins zuckte mit den Schultern. »Ich hatte keine Gelegenheit, mit Kevin zu reden, nachdem er verhaftet wurde. Ich weiß also nicht, was genau passiert ist, aber ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass auf irgendeine Weise das Furchtbare, das er befürchtet hat, eingetreten ist. Das mag jetzt für Sie vielleicht verrückt klingen, aber ...« Er unterbrach sich und zuckte erneut mit den Schultern, ehe er Sam flehentlich ansah. »Miss Tyler, egal, was es kostet, ich bitte Sie, Ihr Möglichstes zu tun, um meinem Sohn zu helfen.«
»500 Dollar pro Tag plus Spesen«, antwortete Sam schulterzuckend und fügte hinzu, als Vikar Hopkins unwillkürlich schwer schluckte: »Aber ich mache Sonderpreise für Leute, die Lieutenant Kerry zu mir schickt. Wen hat Ihr Sohn als Anwalt?«
»Noch niemanden. Lieutenant Kerry deutete an, dass Sie einen fähigen Strafverteidiger kennen.«
Sam nickte, griff in ihre Schreibtischschublade und holte eine von Scotts Visitenkarten heraus, die sie ihm reichte. »Der gute Mann arbeitet für Weston, Kruger & Goldstein. Die sind zwar reichlich teuer, aber er ist wirklich verdammt gut.«
Hopkins’ Gesichtsausdruck nach zu urteilen konnte er sich Scotts Dienste noch weniger leisten als Sams, deshalb fügte sie hinzu: »Sie sollten Ihren Sohn auf keinen Fall einem Pflichtverteidiger überlassen. Und über die Kosten machen Sie sich mal keine Gedanken.«
»Sie meinen, dass auch Mister«, er las den Namen von der Visitenkarte ab, »Parker mir einen Sonderpreis gewährt, weil Sie mich zu ihm schicken?«
»Das würde er tun, wenn es seine eigene Entscheidung wäre, aber er ist in diesem Punkt von den Weisungen seiner Vorgesetzten abhängig. Ich meinte, dass ich Ihnen die Anwaltskosten im Notfall vorstrecke und Sie sie mir in Raten zurückzahlen.«
»Das kann ich nicht annehmen, Miss Tyler«, protestierte Hopkins.
»Sie vielleicht nicht«, beschied ihm Sam ungerührt, »aber Ihr Sohn garantiert. Scott ist der beste Anwalt, den er bekommen kann, weil er mit mir zusammenarbeitet und wir gemeinsam ein fast unschlagbares Team sind. Aber warten wir erst einmal ab, wie sich die Sache entwickelt.« Sie sah auf die Uhr. »Meine Arbeit für Sie beginnt ab jetzt. – Molly!«, rief sie dem Dienergeist zu. »Legen Sie bitte eine Akte an für Hopkins, Kevin. Auftraggeber: Harold Hopkins, Auftragsbeginn: Dienstag, 07. August 2008, 12 Uhr 45. Honorar: 100 plus Spesen.«
»Sofort, Ma’am«, bestätigte »Molly« aus dem Vorzimmer.
Hopkins erhob sich. »Vielen Dank, Miss Tyler. Halten Sie mich bitte über alles auf dem Laufenden, was Sie herausfinden.«
Sam nickte, reichte ihm die Hand und begleitete ihn zur Tür. Kaum war Hopkins gegangen, verließ sie ebenfalls ihr Büro und machte sich auf den Weg zum 41. Revier.

»Hallo Sam!«, begrüßte Ronan sie, als sie eine halbe Stunde später sein Büro betrat. »Ich hatte dich schon ein bisschen früher erwartet.«
»Hallo, Ron. Ich wollte dich zum Mittagessen einladen.«
»Das Angebot nehme ich gern an. Aber natürlich bist du hier wegen Kevin Hopkins.« Er stand auf, nahm seine Jacke und bedeutete Sam, ihm zu folgen. »Darf ich hoffen, dass deine Einladung nicht für den Hotdog-Stand um die Ecke gilt?«
Sie schmunzelte. »Du darfst. Da ich deine Vorliebe für Lachs kenne, wollte ich dich ins Fat Fish Blue in der Prospect Avenue einladen.«
Ronan breitete mit einem glücklichen Lächeln die Arme aus. »Oh Sam, ich könnte dich küssen!«
»Ja bitte, gern!«, stimmte sie zu, und er hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
»Mehr gibt es nicht«, sagte er streng. »Sarah wäre damit gar nicht einverstanden.«
Zwar hatte Ronan mit Sam in der Vergangenheit mehrmals das Vergnügen gehabt, die unbeschreiblichen Freuden erleben zu dürfen, die der Sex mit einem Sukkubus mit sich brachte, aber seit er mit Sarah zusammen war, waren er und Sam nur noch gute Freunde.
Eine halbe Stunde später saßen sie im Fat Fish Blue, und Ronan erstattete Sam Bericht. Da er Gälisch sprach und sich im Restaurant niemand aufhielt, der irischer Abstammung war, wie Ronan mit absoluter Sicherheit erkannt hatte, konnten sie offen reden ohne befürchten zu müssen, von irgendwem belauscht zu werden.
»Was immer dem jungen Hopkins passiert ist, es hat in jedem Fall etwas mit den Anderen zu tun. Der Gestank ihrer faulen Magie war überall an ihm. Aber«, er schüttelte den kopf, »ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer von denen dafür verantwortlich sein könnte. Außerdem ist da noch etwas Seltsames. Mein Kollege Kendall bearbeitet einen Fall, der gewisse Parallelen zu meinem Fall aufweist. Bei seinem hat die Täterin allerdings ihren Mann umgebracht, und zwar auf ziemlich bestialische Weise. Anschließend hat sie sein Herz gegessen. Auch die Frau beteuert ihre Unschuld und – jetzt kommt’s! – behauptet wie Kevin Hopkins, nur einen entsetzlichen Albtraum gehabt zu haben.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn ich zumindest bei Hopkins nicht genau wüsste, dass die Anderen involviert sind, würde ich Stein und Bein schwören, dass der Junge Drogen geschluckt hat. Und diese Mrs. McCarthy auch.« Er sah Sam eindringlich an. »Ich hoffe, du kannst seine Unschuld irgendwie beweisen. Wenn nicht, sitzt er mindestens ein Vierteljahrhundert hinter Gittern.«
»Ich müsste mit ihm sprechen. Und ein Blick auf den Tatort wäre auch enorm hilfreich.«
Ronan nickte. »Ich wollte ohnehin nach dem Essen den Tatort inspizieren und hätte dich sowieso dazu eingeladen. Wenn jemand herausfinden kann, was da passiert ist, dann bist du das.«

Eine gute Stunde später befanden sie sich in der Wohnung von Lisa Cross, die aussah wie ein Schlachtfeld – ein überaus blutiges Schlachtfeld, um genau zu sein. Sam wagte nicht sich auszumalen, wie das Opfer aussehen mochte, von dem eine solche Menge Blut stammte. In jedem Fall hatte Lisa Cross großes Glück gehabt, dass sie noch lebte.
Sam blickte sich aufmerksam um und nahm die Wohnung, vor allem das Schlafzimmer, in dem sich die Tat abgespielt hatte, mit ihren magischen Sinnen wahr. Falls hier irgendein Zauber am Werk gewesen war, so würde sie den spüren und auch seinen Ursprung lokalisieren können. Doch sie empfing nichts dergleichen. Stattdessen nahm sie einen wahnsinnigen, um nicht zu sagen bösartigen Hunger wahr, der für einige Zeit in diesem Zimmer gewesen sein musste. Doch dessen Ausstrahlung verblasste schon wieder. Sam runzelte die Stirn. Was immer die Ursache für Kevin Hopkins’ Tat gewesen war, es befand sich nicht hier im Haus.
Ronan ließ sie nicht aus den Augen, störte aber ihre Gedanken nicht. Er wusste, dass Sam es ihm sagen würde, wenn sie etwas herausfand und übte sich deshalb in Geduld.
Sam griff auf ihre Fähigkeit der Retrospektion zurück. Sie sammelte die Kraft in sich und sprach das Wort, das den Zauber in Gang setzte: »Ziálete!«
Mit ihren magischen Sinnen sah sie, wie sich ein ätherischer Nebel bildete, der die Gestalt von Kevin Hopkins und Lisa Cross annahm, wie sie in der vergangenen Nacht schlafend im Bett lagen. Kevin begann schließlich, sich unruhig hin und her zu wälzen und zu stöhnen, als würde er gegen etwas Unsichtbares ankämpfen. Offenbar verlor er den Kampf, denn seine Gestalt begann sich plötzlich zu verwandeln, wuchs in die Höhe und wurde zu einem fast drei Meter großen, behaarten Ungeheuer mit scharfen Klauen und Zähnen und glühend roten Augen.
Noch immer schien Kevin Hopkins im Körper der Bestie gegen das anzukämpfen, was mit ihm geschah. Er stürzte sich auf seine jetzt erwachende Freundin, fuhr aber im gleichen Moment wieder zurück, nur um sie wie von Furien getrieben erneut anzugreifen. Lisa Cross schrie entsetzt, als die Krallen ihr Fleisch zerfetzten, und ihr Schrei trieb das Monster erneut zurück. Allerdings nur für eine Sekunde, dann startete es einen neuen Angriff. Lisa Cross versuchte schwer verletzt zu entkommen und kroch von ihm weg, doch das Wesen schlug seine Krallen in ihren Rücken. Im selben Moment hob es zufällig den Kopf und sah sich selbst im Spiegel der Kommode, die dem Bett gegenüber stand. Es erstarrte mitten in der Bewegung. Eine Sekunde später stieß es einen wahnsinnigen Schrei aus, presste die Klauen gegen den Schädel und wand sich wie unter immensen Schmerzen, während das hässliche Maul einen Laut formte, der beinahe wie »Gott« klang. Im nächsten Moment taumelte Kevin Hopkins und fiel zu Boden. Er robbte rückwärts, bis er an die Wand stieß und starrte entsetzt und völlig unfähig, sich zu bewegen, auf seine Freundin, die aus etlichen Wunden blutend am Boden von ihm wegkroch.
Sam löste den Zauber auf und stieß geräuschvoll den Atem aus.
»Mo Dhia !« entfuhr es Ronan, der die Szene ebenfalls wahrgenommen hatte. »Íosa Críost !«
»Nein«, bemerkte Sam trocken, »die haben damit nichts zu tun.«
»Was, bei der heiligen Mutter Gottes, war das?«
»Ein Windigo. Und ich frage mich, wie Kevin Hopkins zu einem werden konnte.«
»Was ist ein Windigo?«, wollte Ronan wissen.
»Ein Dämon der Ojibwa und Algonkin. Es ist ein Wesen, das von einem wahnsinnigen Hunger getrieben wird – auf Menschenfleisch. Das passt zu dem Fall von deinem Kollegen Kendall. Und ich bin mir sicher, dass auch der Windigo, zu dem Kevin Hopkins geworden ist, mit seiner Freundin vorhatte, ihr Herz aus dem Leib zu reißen und zu essen. Aber je mehr ein Windigo isst, umso hungriger wird er.« Sam schüttelte den Kopf. »Ich habe allerdings noch nie gehört, dass ein Weißer zu einem Windigo geworden ist.«
»Mir stellt sich vor allem die Frage, wie jemand zu so einem Ding werden kann«, überlegte Ronan laut.
Sam zuckte mit den Schultern. »Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Die eine ist, durch den Frevel des Kannibalismus von den Göttern damit gestraft zu werden, auf ewig ein Windigo zu sein. Aber das setzt voraus, dass der Mensch, der der Windigo vorher war, ein religiöser Anhänger Manitous und der anderen indianischen Gottheiten ist. Und das ist Kevin Hopkins definitiv nicht.«
»Und Selina McCarthy auch nicht«, ergänzte Ronan. »Meines Wissens ist sie eine engagierte Gläubige in der katholischen Kirche. Das kann es also nicht sein.«
»Die einzige andere Möglichkeit, die ich kenne, ist, von einem Medizinmann wegen eines gravierenden Tabubruchs verflucht zu werden, als Windigo umzugehen. Das würde aber voraussetzen, dass sowohl Hopkins als auch McCarthy einen solchen massiv verärgert haben.«
»Ich überprüfe das«, versprach Ronan. »Und ich werde nachprüfen, ob es noch weitere solcher Fälle gibt. Ich halte es nicht für Zufall, dass zeitgleich zwei solcher Fälle auftreten.«
»Ich auch nicht, mein Freund. Können wir McCarthys Wohnung auch besichtigen? Dann könnte ich dir genau sagen, ob wir es mit zwei Windigowak zu tun haben oder nur mit einem. Was hat eigentlich Lisa Cross über den Vorfall ausgesagt?«
»Keine Ahnung. Meine Partnerin ist gerade bei ihr im Fairview Hospital, um sie zu befragen. Fairview gehört zu den besten Kliniken in den Staaten und hat eine Level-II-Trauma-Station. Ich glaube, deren Künste braucht das arme Mädchen auch, wenn sie nicht nur überleben, sondern jemals wieder einigermaßen gesund werden will. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass sie Detective Shepherd etwas von einem riesigen haarigen Ungeheuer erzählt, in das ihr Freund Hopkins sich plötzlich verwandelt hat.«
»Mit Sicherheit nicht«, stimmte Sam ihm zu.
Sie verließen Lisa Cross’ Wohnung und fuhren zu dem Haus der McCarthys, wo Sam mit Hilfe der Retrospektion nachweisen konnte, dass auch Selina McCarthy zu einem Windigo geworden war. Allerdings fand sich auch hier kein Hinweis auf die Ursache der Verwandlung.
Sam und Ronan fuhren zum Revier, wo Kevin Hopkins immer noch in einer Zelle schmachtete, und Ronan arrangierte, dass Sam mit dem jungen Mann sprechen konnte.
Der machte immer noch einen verwirrten und verängstigten Eindruck und musterte Sam misstrauisch.
»Mr. Hopkins, ich bin Sam Tyler, Privatermittlerin«, stellte Sam sich ihm vor. »Ihr Vater hat mich beauftragt, Beweise für Ihre Unschuld zu finden.«
»Dann glaubt er mir, dass ich unschuldig bin?« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, und sie klang unglaublich erleichtert.
»Allerdings. Er hat Ihnen auch einen guten Anwalt besorgt, der Sie in Kürze aufsuchen wird und dem Sie vollkommen vertrauen können. Ebenso wie mir und Lieutenant Kerry.« Sam sah ihn eindringlich an. »Dieses Gespräch bleibt absolut unter uns, und niemand kann uns von draußen im Moment zuhören.« Dafür hatte Sam mit einem Zauber gesorgt. »Deshalb können und müssen Sie absolut ehrlich sein. Sowohl der Lieutenant als auch ich wissen um Dinge, die sich mit dem Verstand nicht erklären lassen, und wir haben gesehen, was letzte Nacht passiert ist. Fragen Sie nicht wie«, wehrte Sam ab, als Hopkins den Mund zu einer entsprechenden Frage öffnete. »Wir müssen jetzt wissen, wie das Ganze angefangen hat. Sie haben Ihrem Vater gegenüber Albträume erwähnt.«
Hopkins nickte zögernd und blickte skeptisch von Sam zu Ronan. »Aber Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die etwas damit zu tun haben könnten, dass«, er unterbrach sich und schüttelte den Kopf. Erneut warf er den beiden einen unsichern Blick zu.
»Mr. Hopkins«, sagte Sam jetzt einschmeichelnd und beseitigte sein Misstrauen mit ein bisschen Magie, was Ronan zu einem unterdrückten Schmunzeln veranlasste, »wie ich gerade schon sagte, haben wir gesehen, was passiert ist. Jetzt müssen wir noch das Wie und Warum entschlüsseln, um Ihnen helfen zu können.«
Sams Zauber wirkte, und Kevin Hopkins begann zu reden wie ein Wasserfall. Was er über seine Träume zu sagen hatte, deckte sich mit dem, was sein Vater Sam bereits erzählt hatte. Die einzige Neuigkeit war, dass der erste Traum damit begonnen hatte, dass eine Stimme ihn zunächst einschmeichelnd und verführerisch rief, ehe sie kalt und bedrohlich wurde, auf deren Fuß ein Windigo aufgetaucht war – Hopkins nannte ihn nur »das Monster« –, der ihn verfolgt hatte.
»Ich bin ihm jede Nacht wieder entkommen, indem ich Gottes Namen rief«, erklärte er. »Im Traum jedenfalls. Aber letzte Nacht war er auf meine Flucht vorbereitet. Überall um mich herum waren Spinnenweben, und eine riesige Spinne spuckte ihre Fäden auf mich, die mir den Mund verklebten, sodass ich nicht mal schreien konnte. Dann war das Monster heran, flüsterte mir meinen Namen ins Ohr, und ich fing an, mich zu verwandeln und genauso zu werden wie dieses Ding.«
Sam und Ronan sahen einander an. Der Part mit der Spinne war in der Tat seltsam. Es passte nach Sams Wissen nicht zu der Vorgehensweise eines Windigo, sich der Hilfe einer anderen Kreatur zu bedienen. Andererseits war sie keine Expertin für Windigowak und ihr Verhalten.
»Bitte, Sie müssen mir glauben!«, flehte Hopkins. »Ich habe noch nie Drogen genommen, die mein Verhalten erklären könnten. Ich schwöre es! Ich verstehe einfach nicht, was da passiert ist. Ich kann mich doch unmöglich tatsächlich in so ein Monster verwandelt haben. Und ich würde Lisa niemals etwas antun!« Er blickte von Sam zu Ronan. »Ist sie schlimm verletzt? Lebt sie überhaupt noch?«
»Ja zu beiden Fragen«, sagte Ronan ruhig. »Und natürlich haben Sie sich nicht in ein Monster verwandelt. Es muss eine Halluzination gewesen sein. Aber wodurch die ausgelöst wurde, müssen wir noch herausfinden.«
»Wann genau haben diese Träume angefangen?«, wollte Sam wissen. »Und gab es an dem Tag oder einem der Tage davor irgendein besonderes oder ungewöhnliches Ereignis?«
Hopkins schüttelte den Kopf. »Nicht dass ich wüsste. Es gab ein paar unbedeutende Probleme auf dem Bau. Aber das kommt alle Tage vor.«
»Erzählen Sie«, forderte Ronan ihn auf. »Wenn man Ihnen, was wir im Moment stark vermuten, vielleicht eine Droge beigebracht hat, ohne dass Sie es merkten, kann jedes Detail wichtig sein.«
Hopkins schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das etwas damit zu tun haben könnte. Ich hatte den Verdacht, dass ein Teil des Materials, das für den Bau des Erie Lake Tower verwendet wird, nicht den vorgegebenen Sicherheitsstandards entspricht. Ich hatte eine Abrechnung für Material gefunden, das für den Bau gar nicht verwendet werden darf. Ich habe den Leiter der zuständigen Baufirma zur Rede gestellt, der eine harmlose Erklärung dafür hatte. Und die entsprach wohl der Wahrheit, denn als ich am nächsten Tag eine stichprobenartige Inspektion durchführte, schien alles in Ordnung zu sein. Ich konnte keinen Fehler feststellen. Allerdings konnte ich auch nicht den gesamten Bau absuchen oder absuchen lassen.«
»Und in der Nacht darauf begannen die Albträume«, vergewisserte sich Sam, und Hopkins nickte. »Ich werde der Sache nachgehen, Mr. Hopkins. Und falls jemand vom Bau etwas mit dem zu tun hatte, was Ihnen passiert ist, finde ich es heraus.«
»Hoffentlich bald«, wünschte Kevin Hopkins inbrünstig. »Der Erie Lake Tower ist das Bauprojekt meines Lebens. Wenn ich nicht bald hier heraus komme und von jedem Verdacht freigesprochen werde, ist meine Karriere als Architekt im Arsch.«
»In dem Fall können Sie ja immer noch Geistlicher werden«, tröstete Sam ihn ironisch. »Aber, Mr. Hopkins, ich muss eins noch von Ihnen wissen und darauf bestehen, dass Sie mir absolut ehrlich antworten. Haben Sie jemals Menschenfleisch gegessen?«
»Nein, verdammt!«, fuhr der junge Mann angeekelt und ehrlich schockiert auf. »Das ist«, er suchte nach Worten, »krank! Warum fragen Sie mich so was?«
Sam zuckte mit den Schultern. »Ich musste das wissen«, sagte sie nur und nickte Ronan zu, der Hopkins wieder in seine Zelle brachte.
»Und was tun wir jetzt?«, fragte er, nachdem er zurück war.
»Ich werde mich in Hopkins’ Wohnung mal umsehen und auch auf dem Bau. Ich halte dich auf dem Laufenden.«
»Okay«, stimmte Ronan zu. »Man sieht sich. Und danke für die Einladung zum Essen, Sam.«
Sie winkte ihm nonchalant zu und verließ das Revier.

Kevin Hopkins wohnte im Haus seines Vaters, und der Vikar öffnete selbst die Tür, als Sam klingelte.
»Miss Tyler!«, entfuhr es ihm angespannt und furchtsam zugleich. »Haben Sie etwas herausgefunden?«
»Nicht direkt, Mr. Hopkins. Aber Lieutenant Kerry und ich haben einen Verdacht, dem ich nachgehen möchte. Zu diesem Zweck müsste ich mich mal in Kevins Zimmer umsehen.«
»Gern. Kommen Sie herein. Kevin wohnt im Obergeschoss. Meine Frau ist gestorben, als er gerade zwölf war, und ich habe ihn allein groß gezogen. Vielleicht haben wir deshalb ein so enges Verhältnis zu einander. Jedenfalls hatte er nie das Bedürfnis, woanders hin zu ziehen. Und ich muss sagen, dass ich darüber sehr froh bin. Ich würde mich sonst«, er lächelte verlegen, »wohl ein bisschen verlassen fühlen.«
Er führte Sam ins Obergeschoss und öffnete die Tür zu Kevins Wohnzimmer. »Was hoffen Sie hier zu finden, Miss Tyler?«
»Das werde ich wissen, wenn ich es gefunden habe«, antwortete Sam und musste ihre magischen Sinne nicht ausdehnen, um die Ausstrahlung des Bösen wahrzunehmen, die direkt aus einem Zimmer kam, in dem Sam Kevins Schlafzimmer vermutete. »Mr. Hopkins, würden Sie mich bitte eine Weile allein lassen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Ihre Zeit damit vergeuden wollen, meiner akribische Suche zuzusehen, die sicherlich eine Weile dauern wird.«
»Aber vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein«, wandte Hopkins ein.
Sam schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Das können Sie nicht, Sir, aber ich weiß Ihr Angebot trotzdem zu schätzen. Sollte ich Ihre Hilfe brauchen, werde ich mich melden.«
Vikar Hopkins gab nach und ging wieder nach unten, während Sam zielsicher das Zimmer aufsuchte, in dem sie das Böse spürte. Als sie die Tür öffnete, flog ihr die verseuchte Atmosphäre beinahe entgegen. Die faule Ausstrahlung unsagbarer Abscheulichkeit hing wie eine giftige dunkle Wolke im gesamten Raum und war bereits dabei, sich auch auf andere Räume auszudehnen. Kein Wunder, dass Kevin Hopkins hier Albträume gehabt hatte.
Sam brauchte nicht lange nach der Ursache zu suchen. Über dem Bett hing ein Traumfänger, und er war das Zentrum, von dem der Pesthauch ausging.
Sie trat näher und besah ihn sich genauer. Es handelte sich um eine echte indianische Handarbeit, in der Sam eindeutig ein Werk der Lakota-Sioux erkannte. Doch im Gegensatz zu den harmlosen Traumfängern, die heutzutage massenweise für Touristen hergestellt wurden und die völlig unmagisch waren, war dieser mit einem unglaublich starken Zauber versehen. Der Zweck eines Traumfängers war es, die schlechten Träume, die den Menschen nach Auffassung der Indianer von den Geistern geschickt wurden, in ihrem Netz einzufangen, bevor sie den Schläfer erreichten und darin festzuhalten, bis das Licht des Tages sie zerstörte.
Dieser Traumfänger diente einem ganz anderen Zweck. Er verfluchte jeden, der unter ihm schlief, dazu, ein Windigo zu werden. Allerdings wusste Sam, dass für die Manifestation eines solchen Zaubers eine wirklich starke magische Macht erforderlich war. Und sie kannte nur einen einzigen Lakota, der eine solche Macht besaß. Allerdings konnte sie sich nicht vorstellen, dass John Whispering Wind die dazu missbrauchte, um Menschen in Windigowak zu verwandeln, ganz gleich wie viel Zorn er auf sie empfinden mochte. Das war nicht seine Art. Dennoch musste sie dieser Spur nachgehen. Falls John nichts mit dem Traumfänger zu tun hatte, so konnte er ihr doch bestimmt wertvolle Hinweise auf den für diese furchtbare Tat Verantwortlichen geben.
Sam ummantelte den Traumfänger mit einem magischen Schutz, der seine Ausstrahlung eindämmte und nichts davon mehr durchdringen ließ. Anschließend vergewisserte sie sich, dass Vikar Hopkins nicht in der Nähe war, ehe sie einen Stoß reinigender Energie durch das Zimmer und danach durch das ganze Haus schickte, das dadurch von jedem darin befindlichen und wie auch immer geringen Hauch des Bösen vollkommen befreit wurde. Danach nahm sie den Traumfänger von der Wand, umgab ihn mit einem Unsichtbarkeitszauber, damit Vikar Hopkins nicht sah, dass sie ihn mitnahm und ging wieder nach unten.
Der Geistliche kam sofort aus seinem Arbeitszimmer, als er ihre Schritte auf der Treppe hörte. Auf seinem Gesicht lag ein beinahe heiterer Ausdruck, eine Nebenwirkung von Sams Reinigungszauber, der auch ihn »gereinigt« hatte.
»Sie haben etwas gefunden«, stellte er fest. »Ich weiß es. Auch wenn Ihnen das jetzt vielleicht lächerlich vorkommt, aber ich habe die Kraft des Herren gespürt, und Er hat mir Zuversicht gegeben.« Erwartungsvoll sah er sie an.
Sam lächelte. »Ja, diese Kraft habe ich auch gespürt«, bestätigte sie. »Sie hat mich zu einem Hinweis geführt, dem ich jetzt nachgehen werde. Und wenn diese, hm, Führung mich weiterhin nicht im Stich lässt, bin ich sehr zuversichtlich, dass Ihr Sohn bald wieder frei sein wird.«
»Vertrauen Sie auf Gott, Miss Tyler. Er lässt die Rechtschaffenen niemals im Stich.« Da war Sam zwar anderer Meinung, widersprach ihm aber nicht. »Ich würde gern mit Ihnen zusammen für meinen Sohn beten.«
Sam blieb beinahe der Mund offen stehen bei dem Angebot, doch es gelang ihr, ein gleichmütiges Gesicht zu wahren. »Nichts für ungut, Vikar, aber ich überlasse das Beten besser Ihnen. Ich bin kein gläubiger Mensch.«
»Doch, das sind Sie, Miss Tyler«, war Hopkins überzeugt. »Schließlich haben Sie Gottes Kraft in diesem Haus auch gefühlt, wie Sie sagten, und Sie kennen die Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich nur mit Gottes Wirken erklären lassen und nicht mit dem Verstand.«
Und mit der Existenz von Magie, Dämonen und allem, was dazu gehörte.
»Doch ich will Sie natürlich nicht bedrängen«, versicherte der Vikar. »Ich bin Ihnen jedenfalls zutiefst dankbar für alles, was Sie für meinen Sohn tun.«
»Dafür werde ich bezahlt, Sir«, stellte Sam klar, doch Hopkins’ wissendem Lächeln nach zu urteilen, war er davon überzeugt, dass das nicht Sams einziger Beweggrund war, womit er sogar recht hatte.
Sams Beweggründe hatten allerdings nichts mit einem Glauben an Gott oder Götter zu tun. Sie wusste um deren Existenz und war einigen von ihnen sogar schon persönlich begegnet wie der schrecklichen Itzpapalotl, Cernunnos und Luzifer, falls man ihn als Gottheit betrachten wollte. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie nicht an Götter im Sinne einer Religion »glaubte« und niemals auf den Gedanken gekommen wäre, zu einem von ihnen zu beten oder ihn oder sie in anderer Weise zu verehren. Das Einzige, was diese Wesen zu »Göttern« machte, war ihre immense magische Macht. Das traf ihrer Meinung nach auch auf den Gott der Christen zu. Der besaß lediglich eine erheblich größere magische Macht als alle anderen Gottheiten zusammen.
Sam verabschiedete sich von Vikar Hopkins, setzte sich in ihren Wagen und fuhr zu Ronan Kerry ins 41. Revier. Sie legte ihm den Traumfänger auf den Schreibtisch.
»Es ist der Traumfänger, Ron. Irgendwer hat ihn mit einem Fluch belegt, dass er jeden in einen Windigo verwandelt, der seinem Einfluss in einer Nacht ausgesetzt ist. Bei Mrs. McCarthy muss auch so ein Ding sein, vielmehr gewesen sein, denn als wir in ihrem Haus waren, habe ich keinen spüren können. Aber die Ausstrahlung dieses Dings ist dieselbe wie die, deren Rest ich bei den McCarthys wahrgenommen habe. Da bin ich mir hundertprozentig sicher.«
Ronan blickte sie alarmiert an. »Wenn dort ein Traumfänger war und jetzt nicht mehr ist, dann muss ihn nun jemand anderes haben«, folgerte er.
Sam nickte. »Idealerweise derjenige, der ihn ursprünglich dort platziert hat. Wenn der ihn aber nicht hat und er stattdessen in die Hände von irgendjemand anderem geraten ist, so befindet sich der mitsamt seiner Familie oder sonstigen Angehörigen in höchster Gefahr. Eine einzige Nacht in der Nähe dieses Dings genügt, und wir haben den nächsten Windigo.«
Ronan stand auf und strebte der Tür zu seinem Büro zu. »Ich werde Kendall bitten, dass er mir den McCarthy-Fall überträgt und mir die Tatortfotos genau ansehen. Bin gleich zurück.«
Er hielt Wort und war nur fünf Minuten später mit der Akte wieder da. Sam musste ihn nicht fragen, um zu wissen, dass Kendall ihm den Fall nur aufgrund von Ronans magischer »Überzeugungskraft« anvertraut hatte. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und blätterte die Akte durch und studierte die Fotos aufmerksam. Auf keinem davon war irgendwo ein Traumfänger zu sehen. Trotzdem zweifelte er keine Sekunde daran, dass Sam mit ihrer Vermutung recht hatte.
»Was tun wir jetzt?«, fragte er.
»Ich werde noch mal in McCarthys Haus gehen und die Retrospektion anwenden. Beim ersten Mal habe ich mich nur auf das Geschehen im Schlafzimmer von letzter Nacht konzentriert. Jetzt werde ich sie auf das ganze Haus ausweiten und es einige Zeit davor und danach absuchen. Das wird wahrscheinlich ein paar Stunden dauern.«
»Okay. Und ich werde in der Zwischenzeit mal Kevin Hopkins nach der Herkunft dieses Traumfängers fragen. Lisa Cross liegt übrigens immer noch auf der Intensivstation, wie mir meine Kollegin berichtete. Sie ist zwar ansprechbar, hat aber kein einziges Wort zu dem Vorfall gesagt. Der Arzt meint, sie stehe immer noch unter Schock, und das kann ich ihr nicht verdenken.« Er sah Sam ernst an. »Wie wir nun wissen, ist Kevin Hopkins ein unschuldiges Opfer. Aber gibt es eine Möglichkeit, das auch zu beweisen?«
Sam zögerte einen Moment und nickte schließlich. »Ich kann diesen Traumfänger und jeden anderen seiner Art, den wir finden, so präparieren, dass er eine Droge absondert, die jeden, der damit in Berührung kommt, zum Berserker macht, aber nach einer gewissen Zeit seine Wirkung verliert, damit niemand mehr in Gefahr gerät, der dieses Ding hier vielleicht noch anfasst. Und ich kann diese Droge so modifizieren, dass sie im Körper mit allen herkömmlichen Drogentests nicht nachzuweisen ist.«
»Und was ist das für eine Droge?«, wollte Ronan wissen.
Sam wiegte kurz den Kopf hin und her. »Eine Droge, die bisher nur Dämonen bekannt ist«, gestand sie. »Einige ihrer Komponenten existieren nur in der Unterwelt: Dämonenblut, Ghoul-Kot, zerpulverte Hydra-Schuppen und dergleichen mehr.« Sie zuckte mit den Schultern. »Was Besseres, um Hopkins, McCarthy und mögliche weitere unfreiwillige Windigowak zu entlasten, fällt mir nicht ein.«
»Tu es!«, entschied Ronan kurz. »Umso schneller können die beiden entlassen werden.«
»Auf keinen Fall!«, widersprach Sam entschieden. »Solange sie nicht geheilt sind, dürfen sie nicht mit anderen Menschen in Kontakt kommen. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es gegen die Verwandlung in einen Windigo überhaupt eine Heilung gibt – außer dem Tod. Aber solange wir das nicht wissen, müssen wir sie isolieren.«
»Und hast du zufällig auch eine Ahnung, wer was darüber wissen könnte, wie man einen Windigo heilt?«
Sam nickte. »Ich kennen einen Lakota-Schamanen. Er heißt John Whispering Wind und lebt in der Pine Ridge Reservation. Und«, sie machte ein nachdenkliches Gesicht, »er ist auch der einzige Mensch, den ich kenne, der Macht genug besitzt, um so einen Traumfänger herzustellen.«
»Du glaubst, dass er etwas damit zu tun hat?«, vermutete Ronan.
»Ich hoffe nicht. So etwas sähe John absolut nicht ähnlich. Aber wie wir beide wissen, kann es immer wieder passieren, dass ein Mensch in eine Situation gerät, die ihn vollkommen verändert und umdreht. In jedem Fall wird John uns sagen können, wer außer ihm noch zu so einer Magie in der Lage sein könnte. Ich werde ihn so bald ich kann aufsuchen. Spätestens morgen.«
»Ich komme mit«, entschied Ronan. »Wenn der Kerl was damit zu tun hat, werde ich ihn auf der Stelle verhaften.«
»Das wirst du in dem Fall der Stammespolizei überlassen müssen«, erinnerte Sam ihn. »Aber wird dein Chef die Reise genehmigen? Pine Ridge liegt nun mal nicht um die Ecke. Ich kann uns zwar durch die Dimensionen hinbringen, aber dein Chef dürfte misstrauisch werden, wenn du keine Spesenabrechnung vorlegen kannst. Und solche Dinge magisch zu fälschen hat gewisse Tücken, die uns verraten könnten, wie du weißt.«
Ronan nickte. »Da ich durch diesen Traumfänger einen Zusammenhang nachweisen und meinem Chef bestimmt auch plausibel machen kann, dass sich der mutmaßliche Schurke nach Pine Ridge abgesetzt hat, wird er die Reise schon genehmigen. Ich brauche nur zuvor den Nachweis, dass das Ding mit der von dir erwähnten Droge präpariert wurde und dass das die Ursache für die Morde ist.«
Sam nickte und tränkte den Traumfänger innerhalb von weniger als einer Minute auf magischem Wege mit dem Gift. Danach steckte sie ihn ebenso magisch in eine Plastiktüte, die sie Ronan reichte. »Du musst unbedingt dafür sorgen, dass während der nächsten fünf Stunden keiner das Ding ungeschützt anfasst«, mahnte sie.
Er nickte. »Ich bringe es sofort zur Analyse und mache die Sache dringend. Anschließend überzeuge ich meinen Chef von der Notwendigkeit einer Reise.«
»Und ich sehe mich noch mal im McCarthy-Haus um. Wir sehen uns, sobald ich was rausgefunden habe.«

Fairview Hospital, 18101 Lorain Avenue, Cleveland, Intensivstation
Die Krankenschwester, die kurz vor sechs Uhr abends die Intensivstation betrat, sah aus wie jede normale Krankenschwester. Sie trug die weiße Kleidung ihres Standes, weiße Gesundheitsschuhe, eine weiße Haube, unter der sie ihr langes, blondes Haar verbarg und war nicht übermäßig hübsch. Sie hatte ein Klemmbrett mit Krankenblättern in der Hand und überprüfte routinemäßig anhand der darauf enthaltenen Berichte den Zustand der dazu gehörigen Patienten und die Medikation.
Sie fiel niemandem auf. Und niemand bemerkte, dass sie bei jedem Patienten, um den es kritisch stand, länger verweilte, als es die Routine erfordert hätte. Bei dem zurzeit schlimmsten Fall hielt sie sich besonders lange auf. Das war eine junge Frau namens Lisa Cross, die derart schwer verletzt war, dass die Ärzte immer noch nicht sagen konnten, ob sie durchkam und falls ja, ob sie danach je wieder würden gehen können, da ihre Wirbelsäule verletzt war. In jedem Fall stand fest, dass sie nie wieder so schön sein würde, wie sie vor dem Angriff auf sie gewesen war, denn eine Hälfte ihres Gesichts war zerfetzt worden und würde für immer entstellt bleiben.
Lisa Cross war bei dämmerigem Bewusstsein, als die Schwester eintrat und ihr freundlich zu lächelte. Sie prüfte die Geräte, an denen die junge Frau angeschlossen war, trat danach an ihre Seite und nahm ihre schlaffe Hand, während sie die andere Hand sanft aus Lisas Stirn legte, wohl um zu fühlen, ob sie Fieber hatte. Allerdings blieb sie unangemessen lange in dieser Haltung und schien dabei auf etwas zu lauschen, das nur sie allein zu hören imstande war.
Lisa Cross wunderte sich gelinde darüber, maß dem aber keine Bedeutung bei, denn sie fühlte sich schlagartig kräftiger und spürte, wie ihre Schmerzen langsam nachließen, ohne dass sie durch die Medikamente betäubt wurden, die man ihr über einen Tropf ständig zuführte. Sie seufzte leise vor Erleichterung, und die Schwester lächelte freundlich. Bevor sie Lisas Hand losließ, strich sie ihr zart über die Stirn, worauf die junge Frau eine bleierne Müdigkeit fühlte und in den Schlaf hinüberglitt.
Die Schwester verließ das Zimmer, beendet ihre Runde und verschwand von der Intensivstation. Niemand würde sie jemals wiedersehen. Doch bei der Visite am nächsten Morgen würden die Ärzte und Schwestern feststellen, dass alle ihre kritischen Fälle sich über Nacht auf wundersame Weise stabilisiert hatten und überleben würden. Und Lisa Cross würde nicht nur wieder laufen können, sondern die Verletzungen in ihrem Gesicht würden eines Tages so stark verblassen, dass sie kaum mehr sichtbar waren und sie nicht bei jedem Blick in den Spiegel an die wohl schlimmste Nacht ihres Lebens erinnerten.
Erst als sie wieder in ihrem Wagen saß und ein Stück vom Krankenhaus entfernt war, nahm Sam wieder ihre eigene Gestalt an. Sie fühlte sich seltsam beschwingt und beinahe großartig. Die Anwendung der Heilkräfte, die sie erst kürzlich von ihrem Vater erhalten hatte, gab ihr eine unerwartete Befriedigung. Vielleicht sollte sie sich, wenn es in ein paar Jahren Zeit war, die Zelte in Cleveland abzubrechen und an einem anderen Ort eine neue Identität anzunehmen, an ihrem neuen Domizil als Ärztin niederlassen. Aber darüber würde sie sich Gedanken machen, wenn es soweit war.
Jetzt musste sie erst einmal herausfinden, wo der Traumfänger abgeblieben war, den Selina McCarthy mit Sicherheit besessen hatte.

Sie schwebten in einer Energieblase zwischen den Dimensionen, einem Ort, an dem die Zeit stillstand und alle Zeiten sichtbar zusammenliefen. Zwischen ihnen schimmerte eine runde Fläche aus magischer Energie, in der sich alles zeigte, was die beiden Beobachter zu sehen wünschten, sei es Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft.
Doch die Zukunft bestand zunehmend nicht mehr nur aus einigen wenigen Zeitsträngen, die die möglichen Entwicklungen und Folgen ein und desselben Ereignisses zeigten, sondern sie zerfaserten in unzählige Variantenfäden. Das traf mittlerweile auf fast jedes Ereignis zu, sodass die Zukunft fast keine Fixpunkte mehr besaß, an denen man sich orientieren konnte. Und diese Entwicklung schritt unaufhaltsam fort. Gegenwärtig war nur eines sicher: dass es überhaupt eine Zukunft gab. Doch weder die silbern schimmernde Lichtgestalt noch ihr schattenschwarzes Pendant konnten auch nur erahnen, wie die aussehen mochte.
Es wurde langsam Zeit, dass die Entscheidung fiel, die die Wende bringen würde. Aber noch war es nicht soweit. Es bedurfte noch einiger Vorbereitungen, und einige Dinge mussten vorher in der Welt der Menschen und in der Unterwelt noch geschehen, ehe der Zeitpunkt gekommen sein würde. Immerhin gab es Hoffnung. Und die zeigte sich gerade in dem magischen Spiegel zwischen den beiden, wo Tai’Samala in der Gestalt einer Krankenschwester Lisa Cross und andere Menschen weit genug heilte, dass es nicht als ein unglaubliches Wunder auffiel, ihre Körper aber in der Lage sein würden, den Rest der Heilung allein zu bewältigen.
»Sie wandelt sich immer mehr zum Guten«, stellte die Lichtgestalt zufrieden fest. »Sie weiß das Geschenk der Heilkräfte gut zu nutzen.«
»Ja, sie entwickelt immer mehr Schwächen«, stimmte der Schatten zu. »Und die werden sie am Ende zerbrechen.«
Ihr körperloser Finger deutete auf einen Zeitstrang in der Zukunft, und dessen Bild erschien im Spiegel. Es zeigte Sam, wie sie an der Seite Luzifers als seine Königin die Unterwelt regierte, eine Sexorgie nach der anderen feierte und selbst mit den Menschen, die sie jetzt noch als ihre Freunde betrachtete, niederträchtige Spielchen trieb.
»Diese Möglichkeit besteht«, gab die Lichtgestalt zu. »Aber diese hier ebenfalls.«
Auch sie berührte einen zukünftigen Zeitstrang und ließ ihn im Spiegel erscheinen. Tai’Samala stand inmitten einer riesigen Menschenmenge, die an einer tödlichen Krankheit litt und heilte sie mit ihrer Magie bis an die Grenzen zur totalen Erschöpfung und darüber hinaus, wohl wissend, dass sie damit ihr eigenes Leben gefährdete, nur um zu verhindern, dass sich die Krankheit ausbreitete und noch mehr Menschen starben.
»Ja, auch das ist möglich«, bestätigte der Schatten. »Aber es ist noch alles offen. Bis die Entscheidung ansteht, wird noch Vieles geschehen, das Tai’Samala in die eine oder andere Richtung treiben wird. Warten wir es also ab.«

Als Officer Jake Sherman nach seinem Dienst nach Hause kam, stürmte ihm ein Miniaturwirbelwind entgegen.
Mit einem schrillen »Daddy! Daddy! Daddy!« sprang seine neunjährige Tochter Ada ihm in die Arme.
»Hey, meine Kleine!«, begrüßte er sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Warst du denn heute schön brav und lieb zu deiner Mutter und fleißig in der Schule?«
»Das bin ich doch immer!«, versicherte Ada leicht beleidigt.
Hannah Sherman, die in der Küchentür stand und die Szene lächelnd beobachtete, nickte bestätigend.
»Nun, in dem Fall habe ich ein Geschenk für dich«, verkündete Sherman, öffnete seine Aktentasche und holte einen in buntes Papier gewickelten flachen, runden Gegenstand heraus und reichte ihn Ada.
Die Kleine riss das Papier auf und quietsche vor Freude. »Ein Traumfänger! Oh danke, Daddy! Den habe ich mir schon so lange gewünscht! Ich hänge ihn gleich über mein Bett!«
Nachdem Ada unverzüglich in ihrem Zimmer verschwunden war, konnte Sherman sich endlich seiner Frau zuwenden, die er mit einem innigen Kuss und einer Umarmung begrüßte.
»Du sollst sie doch nicht so verwöhnen«, schalt Hannah Sherman ihn liebevoll. »Und erst recht nicht mit solchen Geschenken ankommen, wenn sie weder Geburtstag hat noch Weihnachten vor der Tür steht.«
»Ich gelobe Besserung«, versprach er. »Aber der Traumfänger ist ein Werbegeschenk von einer Firma, bei der wir heute einen Einsatz hatten. Und weil sie sich doch schon so lange einen echten Traumfänger wünscht, habe ich mir gedacht, dass ich ja mal eine Ausnahme machen kann.«
Hannah zuckte mit den Schultern. »Jetzt ist es sowieso zu spät, nachdem sie ihn schon einmal hat. Aber mach das bitte nicht zur Gewohnheit, Jake.«
»Versprochen!«
Immerhin war Hannah sehr schnell besänftigt, als sie feststellte, dass Ada es im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit es nach dem Abendessen kaum abwarten konnte, ins Bett zu gehen und unter ihrem Traumfänger zu schlafen.
»Ab heute werde ich nur noch ganz tolle und schöne Träume haben«, verkündete sie, schloss gehorsam die Augen und verzichtete sogar auf das übliche Ritual, mit ihren Eltern noch um eine halbe Stunde Lesen zu feilschen.
Hannah und Jake Sherman setzten sich ins Wohnzimmer, um einen gemütlichen Abend einzuläuten, während Ada glücklich einschlief und sich auf ihre Träume freute.
Es war noch keine Stunde vergangen, als die beiden von einem lauten Krachen aus dem Zimmer ihrer Tochter aufgeschreckt wurden. Hannah sprang sofort auf, um nach ihrem Kind zu sehen, erstarrte aber mitten in der Bewegung, als die Tür zu Adas Zimmer krachend aus den Angeln flog und etwas herausgestürmt kam, das weder Hannah noch Jake im ersten Moment als ihre Tochter erkannten.
Das Gesicht des Mädchens war beinahe zur Unkenntlichkeit von einem Ausdruck verzerrt, der eine Fratze des Hasses und unbeschreiblicher Gier war. Ihre Augen, die fast aus den Höhlen quollen, glühten blutrot. Ada hatte ihre Finger zur Klauen gekrümmt und knurrte ihre Eltern zähnefletschend an.
»Jesus Christus!«, entfuhr es Jake Sherman, und er bekreuzigte sich unwillkürlich, obwohl er seit Adas Taufe keine Kirche mehr von innen gesehen hatte. »Ada! Was ...«
Das Mädchen sprang mit einem Satz, zu dem ihre Muskeln normalerweise gar nicht fähig wären, auf Hannah zu, die mit einem entsetzten Aufschrei zurückstolperte. Aber sie konnte der geballten Kraft im Körper ihrer Tochter nicht mehr ausweichen. Der Aufprall warf sie zu Boden. Im nächsten Moment war Ada auf ihr, bleckte die Zähne, schlug sie in den Hals ihrer Mutter und riss ihr mit einem widerlichen Geräusch die Kehle heraus.
Jake Sherman stand wie erstarrt und war unfähig, das Grauen zu fassen, das sich vor seinen Augen abspielte. Eine Welle von Übelkeit schlug über ihm zusammen, als Ada sich jetzt ihrem Vater zuwandte, die bluttriefenden Zähne fletschte und den Körper zum Sprung auf ihn duckte ...

Ronan Kerry legte den Telefonhörer auf und seufzte. Eigentlich hätte er schon längst Feierabend gehabt, doch dies war einer der Tage, an denen sich der Feierabend auf unbestimmte Zeit nach hinten verschob. Sarah war natürlich nicht begeistert gewesen, als er sie eben angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass sie heute mal wieder allein zu Abend essen musste. Aber sie hatte sich nicht beklagt – das tat sie im Gegensatz zu anderen Polizistenfrauen bis jetzt nie – und ihm nur geraten, er möge auf sich aufpassen.
Ronan hatte gerade das toxikologische Gutachten des Traumfängers erhalten, und tröstete sich schwach damit, dass auch die »Laborratten«, wie die Labortechniker von ihm und seinen Kollegen scherzhaft genannt wurden, noch lange keinen Feierabend machten, denn die Ergebnisse der Untersuchung versetzten sie in fiebrige Geschäftigkeit. Etliche Bestandteile der Droge, die sie isoliert hatten, waren ihnen völlig unbekannt – logischerweise, denn normale Menschen kannten weder Dämonen, noch Ghouls oder ihre Ausscheidungen und die Hydra gerade mal aus griechischen Sagen. Ganz zu schweigen von anderen Dingen, die Sam noch hinein gemixt hatte. Das würde die »Laborratten« noch eine geraume Weile beschäftigen. Nur so viel hatten sie bereits zweifelsfrei herausgefunden, dass diese Droge ein Kontaktgift war, das durch Berührung über die Haut übertragen wurde und die damit Infizierten tatsächlich zu überaus gewalttätigen Berserkern mutieren ließ.
So weit war alles nach Plan verlaufen. Ronan musste sich nur noch eine gute Begründung dafür einfallen lassen, wie er beziehungsweise Sam auf den Gedanken gekommen war, dass der Traumfänger mit einer Droge präpariert sein könnte, bevor jemand eben danach fragte. Sams Eintreten unterbrach seine Gedanken und sandte einen Adrenalinstoß durch seine Adern, denn ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, brachte sie keine guten Neuigkeiten.
Sie hielt sich nicht mit einer Begrüßung auf. »Selina McCarthy besaß tatsächlich den gleichen Traumfänger wie Kevin Hopkins. Sie hatte ihn in ihrer Nachttischschublade liegen. Und ein Officer namens J. Sherman hat das Ding bei der Durchsuchung gefunden und in einem unbeobachteten Moment eingesteckt und mitgenommen. Wir müssen sofort zu ihm und ihm den Traumfänger wieder abnehmen, bevor er auch zu einem Windigo wird.«
Ronan wandte sich wortlos seinem Computer zu und suchte in der Personaldatenbank nach Officer J. Sherman. »Ich habe in unseren Datenbanken nach ähnlichen Verbrechen gesucht«, erklärte er Sam nebenbei, »und dabei festgestellt, dass es in den vergangenen sechs Wochen neun Mordfälle in Cleveland gab, bei denen der jeweilige Täter Körperteile seiner Opfer gegessen hatte, in den meisten Fällen das Herz. Drei der Täter sind in Gewahrsam, McCarthy und Hopkins eingerechnet. Aber mindestens einer läuft noch frei herum und mordete offensichtlich weiter.«
»Verdammt!«, fluchte Sam und fügte noch eine Reihe weiterer Flüche in Unadru, der Dämonensprache, hinzu, deren Klang allein ausreichte, um Ronan einen Schauer über den Rücken zu jagen.
»1911 Euklid Heights«, gab er Shermans Adresse bekannt. »Und irgendetwas sagt mir, dass wir uns verdammt beeilen sollten.« Er schnappte sich seine Jacke und rannte aus seinem Büro. Sam folgte ihm.

Jake Sherman erwachte aus seiner Starre, warf sich herum und rannte um sein Leben in die Diele, wo er seine Dienstwaffe vorschriftswidrig immer noch im Holster und immer noch geladen auf dem Garderobentisch liegen hatte, statt sie wegzuschließen. Dass er auf seine eigene Tochter schießen wollte, kam ihm in diesem Moment nicht in den Sinn. Er wollte nur überleben und nicht denselben grausamen Tod sterben wie Hannah. Außerdem war dieses Monster nicht seine kleine Ada, sondern ein Dämon aus der Hölle, der vernichtet werden musste.
Doch Sherman kam nicht weit. In der Tür zur Diele prallte das Ding mit unglaublicher Wucht gegen seinen Rücken und warf ihn zu Boden. Er kam so hart auf, dass ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Im nächsten Moment krallten sich kleine, aber unmenschlich starke Kinderfinger in das Fleisch seines Rückens, dass nicht nur sein Hemd, sondern auch die Haut darunter aufriss und er fühlen konnte, wie das Fleisch sich quälend langsam von seinen Rippen löste. Er brüllte vor Schmerz und versuchte, das Biest abzuschütteln, das ihn mit bloßen Händen zerfetzten wollte, doch es war zu stark für ihn.
Mit einem gewaltigen Krachen flog die Haustür heftig gegen die Wand, dass ihre obere Angel völlig aus der Halterung gerissen wurde. Herein stürmten eine schwarzhaarige Frau und ein Mann, die beide beim Anblick der Szene, die sich ihnen bot, Flüche ausstießen. Doch sie zögerten keine Sekunde. Sherman vermochte nicht zu sagen, wie es der Frau gelang, von einer Sekunde zur anderen von der Haustür direkt neben ihn zu gelangen, aber da war sie, löste die schrecklichen Klauenfinger aus seinem geschundenen Fleisch und zerrte Ada von ihm herunter, die jetzt in wahnsinniger Wut aufkreischte, ehe sie schlagartig verstummte.
»Kállana íku!« , fluchte Sam, nachdem sie das Kind mit einem mentalen Psi-Pfeil nachhaltig betäubt hatte, während Ronan über Handy die Ambulanz und seine Kollegen rief.
Sherman richtete sich mühsam auf und starrte seine Tochter entsetzt an, die Sam jetzt sanft auf den Boden bettete, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass das Kind mindestens bis morgen früh bewusstlos bleiben würde.
»Was ... was ist denn los mit ihr?«, stotterte er verwirrt. »Hannah! Oh mein Gott!«
Der Mann, in dem Sherman jetzt Lieutenant Kerry erkannte, starrte ihn wütend an. »Sie verdammter Idiot!«, fuhr er ihn an.
»Aber ich habe doch gar nichts getan!«, versicherte Sherman, der glaubte, dass Ronan ihn für den Täter hielt. »Ada ist plötzlich durchgedreht und hat ...«
»Ja, weil Sie einen Diebstahl begangen und einen Traumfänger von einem Tatort mitgenommen haben«, unterbrach Ronan ihn kalt.
Sam hatte inzwischen den Traumfänger, dessen Ausstrahlung sie deutlich spürte, aus Adas Zimmer geholt, in eine Plastiktüte getan und hielt ihn Sherman unter die Nase. »Dieses Ding ist mit einer Droge präpariert worden, die jeden, der es längere Zeit in der Hand hält, wahnsinnig macht und leider auch wahnsinnige Berserkerkräfte verleiht«, erklärte sie ihm. »Und deshalb ist Ihre Tochter ‚durchgedreht’, wie Sie es so schön nannten.«
Sherman erbleichte. »Mein Gott!«, stöhnte er. »Das konnte ich doch nicht ahnen! – Hannah ...«
»Ihre Frau ist tot, Officer«, fügte Ronan aufgebracht hinzu, »weil Sie Ihre Karriere und Ihre Pension aufs Spiel gesetzt haben, indem Sie ein Beweisstück von einem Tatort mitgehen ließen. Und was für Auswirkungen das auf die Psyche Ihrer Tochter haben wird, wage ich nicht mir auszumalen.«
»Ich wollte doch nur Ada eine Freude machen«, verteidigte Sherman sich. »Sie hatte sich schon so lange einen Traumfänger gewünscht. Ich konnte doch nicht wissen, dass das Ding vergiftet ist!«
Ronan schnaufte nur verächtlich, und Sherman blickte ihn unglücklich an. »Werden Sie mich melden, Lieutenant?«
Ronan schüttelte den Kopf. »Nicht nötig«, meinte er tonlos. »Sie dürften für den Rest Ihres Lebens gestraft genug sein. Allerdings sollten Sie sich eine gute Ausrede einfallen lassen, woher Sie den Traumfänger haben, wenn die Kollegen gleich kommen und Sie befragen.«
»Was wird denn nun mit Ada? Wird sie wieder gesund?«
Ronan warf Sam einen fragenden Blick zu, die nur mit den Schultern zuckte. »Das steht im Moment noch nicht fest«, erklärte er dem Officer. »Die Laborratten arbeiten immer noch an der Analyse des Gifts. Wenn die abgeschlossen ist und sich herausstellt, dass ein Gegenmittel entwickelt werden kann, besteht durchaus Hoffnung für Ihre Kleine. Aber je nachdem, was sie bewusst von ihrer Tat mitbekommen hat, wird sie dann damit fertig werden müssen, dass sie ihrer Mutter die Kehle rausgerissen und auch Sie umzubringen versucht hat. Sie sollten sich vorsorglich schon mal mit dem Gedanken vertraut machen, dass sie möglicherweise jahrelang wenn nicht sogar für den Rest ihres Lebens in einer psychiatrischen Klinik verbringen muss.«
Sherman schluckte schwer, schlug die Hände vors Gesicht, und seine zuckenden Schultern verrieten, dass er weinte. Ronan und Sam wandten sich ab, weil in diesem Moment die Ambulanz und die Polizei ankamen. Ronan schilderte den Kollegen kurz, was vorgefallen war, soweit er es mitbekommen hatte, während die Sanitäter sich um Sherman und Ada kümmerten und Hannah Shermans Tod offiziell feststellten.
Sam erschuf während dessen unbemerkt auf magischem Wege ein Duplikat des Traumfängers, das sie mit demselben Gift präparierte wie den von Kevin Hopkins und den sie den Beamten aushändigte, während sie das Original in einem magischen Kraftfeld versiegelte und unsichtbar mitnahm, nachdem sie ihre vorläufige Aussage gemacht hatte und gehen durfte.
Ronan begleitete sie und war mindestens ebenso frustriert wie sie darüber, dass sie zu spät gekommen waren.
»Ich hätte gleich hierher durch die Dimensionen springen sollen, statt mit dir im Wagen zu fahren, nachdem uns klar war, dass wir uns beeilen mussten«, machte sich Sam Vorwürfe. »Dann hätten wir Mrs. Sherman vielleicht noch retten können.«
»Das war zu riskant, wie du weißt«, versuchte Ronan sie zu beruhigen. »Magie zu vertuschen, die bei einem Verbrechen angewendet wurde, ist immer schwierig genug und die Entscheidung, wie weit wir unsere eigenen Kräfte einsetzen können und dürfen, ohne uns zu verraten, ein noch schwierigerer Drahtseilakt. Mach dir deswegen keine Vorwürfe, Sam. Ich hoffe nur, die Kollegen haben meine Begründung geschluckt, dass ich Sherman aufsuchen wollte, weil ich noch ein paar Fragen hatte, ob ihm am McCarthy-Tatort etwas aufgefallen ist und ich zufällig in der Nähe war. Aber ich glaube«, fügte er düster hinzu, »die waren zu erschüttert von dem, was sie gesehen haben, als dass sie sich allzu viele Gedanken darüber machen.« Er schüttelte den Kopf. »Dass ein so kleines Kind die eigene Mutter umbringt, nur weil irgend so ein Perverser diese Traumfänger in Umlauf gebracht hat – entsetzlich!« Er sah Sam an. »Aber warum hat sich das Kind nicht auch äußerlich in einen Windigo verwandelt?«
Sam zuckte mit den Schultern. »Vielleicht wirkt sich die Verwandlung nur auf Erwachsene aus. Ich hoffe, dass John uns darüber Auskunft geben kann. Unser Flug geht morgen früh um 6.20 Uhr. Treffen wir uns 5.30 Uhr am Terminal.«
»Ich werde da sein«, versprach Ronan grimmig, und sie verabschiedeten sich mit einem kurzen Kopfnicken von einander.

Es war beinahe zehn Uhr abends, als Sam endlich nach Hause kam. Scott saß vor dem Fernseher auf der Couch und sah sich einen alten Spielfilm an. Er streckte ihr lächelnd die Arme entgegen, als sie ins Wohnzimmer trat. Sie umarmte ihn und gab ihm einen innigen Kuss, ehe sie sich neben ihn setzte und sich an ihn lehnte.
»Wie war dein Tag?«, fragte er sie.
Obwohl er jeden Tag dieselbe Frage stellte, klang sie doch nicht nach belangloser Routine, sondern es interessierte ihn wirklich, wie ihr Tag verlaufen war. Sam fand das überaus angenehm. »Arbeitsreich, anstrengend und unangenehm. Und ich muss morgen nach Rapid City fliegen. Die Spuren im Hopkins-Fall und auch im McCarthy-Fall führen ins Pine Ridge Reservat.«
»Dann hängen die beiden Fälle tatsächlich zusammen«, stellte er fest. »Übrigens vielen Dank, dass du mich Mr. Hopkins empfohlen hast. Aber ich gestehe, ich werde nicht so ganz schlau aus der Sache. Mrs. McCarthy steht unter Schock und ist im Moment in der geschlossenen Psychiatrie. Sie sagt kein Wort. Dafür redet Kevin Hopkins umso mehr und beteuert seine Unschuld. Ich habe nur nicht die leiseste Ahnung, wie ich die beweisen soll.«
»Nun, zumindest das Problem kann ich für dich lösen. Sowohl Kevin Hopkins wie auch Selina McCarthy besaßen Traumfänger, die mit einer Droge präpariert waren, die sie zu Berserkern werden ließ. Das forensische Labor untersucht sie noch genauer. Ron und ich versuchen jetzt herauszufinden, wer die Dinger hergestellt hat und wie die beiden sie erhalten haben. Daher unsere Reise nach Pine Ridge, weil sie vermutlich von dort stammen.«
»Wer ist Ron?« Scott konnte nicht verhindern, dass ein Hauch von Misstrauen in seiner Stimme lag.
»Lieutenant Ronan Kerry. Er bearbeitet beide Fälle. Davon abgesehen kennen wir uns schon eine Ewigkeit.«
»Und ihr fliegt zusammen nach Pine Ridge«, vergewisserte sich Scott.
Sam nickte. »Ron ist die staatliche Autorität, der die Reservatsbewohner via deren Stammespolizei Rede und Antwort stehen müssen, während ich nur eine kleine Privatschnüfflerin bin, die sie jederzeit rauswerfen können. Falls sich der Verdacht bestätigt, dass sich der Kerl, der die Traumfänger mit dem Gift präpariert hat, nach Pine Ridge abgesetzt hat, brauche ich jemanden, der ihn verhaften kann. Und Ron ist darauf verdammt scharf, nachdem er Lisa Cross’ Verletzungen gesehen hat. Ich werde wohl in zwei oder drei Tagen wieder zurück sein.«
Scott drückte Sam an sich. Er hatte keinen Grund eifersüchtig zu sein, trotzdem konnte er nicht verhindern, dass er manchmal solche Anwandlungen bekam. Sam war eine so wunderschöne und begehrenswerte Frau, dass sich die meisten Männer nach ihr umdrehten, wie er schon mehrfach festgestellt hatte. Natürlich beachtete sie die nie, aber Scott war sich der allgegenwärtigen Konkurrenz nur allzu bewusst. Und dazu gehörte möglicherweise auch Lieutenant Ronan Kerry.
Er schüttelte diese unerfreulichen Gedanken ab. »Ich würde gern den Abend mit dir verbringen, Sam«, sagte er bedauernd, »aber ich muss noch ein paar Schriftsätze und Plädoyers ausarbeiten bis morgen. Ich habe nur eben mal eine halbe Stunde Pause gemacht, die leider jetzt vorbei ist.«
Sam gab ihm einen Kuss. »Wir werden noch viele Abende ganz für uns haben, Scott. Außerdem muss ich auch noch meine Sachen packen.«
Er lachte leise. »Damit bist du doch in einer halben Stunde fertig, wie ich dich kenne«, stellte er fest.
Selbst ohne die Anwendung von Magie brauchte Sam nicht einmal so lange, da sie ständig eine gepackte Reisetasche bereit hielt, die sie immer nur um ein paar Kleinigkeiten ergänzen musste. Doch sie begrüßte es, sich nicht mit Scott beschäftigen zu müssen, denn sie hatte noch etwas Dringendes zu erledigen.
Während Scott sich nach einem besonders intensiven Kuss widerstrebend in sein Arbeitszimmer zurückzog, ging Sam in ihr Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich und wob einen kleinen Zauber, der Scott davon abhalten würde, auf den Gedanken zu kommen, nach ihr zu sehen oder gar hereinkommen zu wollen. Anschließend setzte sie sich auf ihr Bett, um mit ihren magischen Sinnen den Windigo aufzuspüren, der noch irgendwo in Cleveland unbehelligt sein Unwesen trieb. Sie hoffte, dass es nur einer sein würde und nicht mehrere.
Ihr Blick fiel auf ein 2,50 mal 1,50 Meter großes Gemälde, das sie gegenüber ihrem Bett an die Wand gehängt hatte. Der Maler Edward Paris, dem sie vor ein paar Wochen in New Orleans begegnet war, hatte es nach einer seiner Visionen gemalt und Sam geschenkt. Das Bild stellte sie selbst in Lebensgröße dar, aber als wenn senkrecht durch ihre Mitte eine Grenze verliefe, zeigte eine Körperhälfte sie als dunkle, geflügelte Dämonin mit einem wahrhaft bösartigen Gesicht und die andere Hälfte sie als eine beinahe engelhafte Lichtgestalt.
Sam war sich natürlich bewusst, dass sie diese beiden Seiten in sich trug und dass ihre dämonische Hälfte möglicherweise ausgeprägter war als die lichte. Doch sie stimmte Edward darin zu, dass dieses Bild eine besondere Bedeutung für sie hatte, auch wenn sie noch nicht herausgefunden hatte, welche das war. Vielleicht ging es einfach nur darum, dass sie sich entscheiden musste, was sie nun eigentlich moralisch sein wollte: Dämonin oder »Engel«. Oder eine Synthese aus beiden wie auf dem Bild. Je öfter sie es betrachtete, desto mehr bekam sie den Eindruck, dass es katastrophale Folgen haben würde, wenn sie sich für nur eine ihrer beiden Seiten entschied.
Doch das war momentan völlig nebensächlich. Sie hatte einen mordenden Windigo zu finden, der Cleveland unsicher machte. Sie nahm ihre bevorzugte Meditationshaltung ein und dehnte ihre magischen Sinne aus. Da sie die Ausstrahlung der Windigowak, zu denen Selina McCarthy und Kevin Hopkins geworden waren, durch die Retrospektion wahrgenommen hatte, wusste sie relativ genau, wonach sie suchen musste.
Sie stellte schnell fest, dass der Windigo sich nicht in der Stadt selbst befand und dehnte ihre Suche aus. Windigowak hielten sich naturgemäß in Wäldern auf, und der einzige passende Wald in erreichbarer Nähe war der Cuyahoga Valley National Park außerhalb von Cleveland bei Cuyahoga Falls.
Und dort fand sie ihn schließlich. Sam spürte seine Ausstrahlung im nördlichen Bereich des Nationalparks in der Nähe des Sleepy Hollow Country Club. Und sie spürte noch etwas anderes: eine Gruppe von Jugendlichen, die mit ein paar Erwachsenen just in diesem Moment eben dort eine Nachtwanderung auf dem Deer Lick Cave Trail machten und dabei eine Richtung einschlug, die sie direkt in die Arme des nach Menschenfleisch hungernden Windigo treiben würde ...
Sam zögerte keine Sekunde. Sie sprang durch die Dimensionen und tauchte unmittelbar vor dem Windigo auf, der sich im Dickicht versteckt hielt und auf seine Beute lauerte. Die Nachtwanderer waren noch weit genug entfernt, dass sie von dem, was nun folgte, kaum etwas mitbekamen.
Sams ursprünglicher Plan, den Windigo mit einem Psi-Pfeil zu betäuben, wie sie das mit der kleinen Ada Sherman gemacht hatte, schlug fehl. Aus ihr unerklärlichen Gründen zeigte das bei diesem ausgewachsenen Exemplar keinerlei Wirkung, außer dass er unwillig den Kopf schüttelte, brüllte und maßlos wütend wurde. Er stürzte sich auf Sam, die ihm mit kurzen Sprüngen durch die Dimension immer wieder auswich, was ihn noch rasender machte. Sie wollte ihn nicht töten, da er ja eigentlich ein Mensch war – oder es doch mal gewesen war, bevor er verwandelt wurde –, aber was auch immer sie versuchte, um ihn zurückzuverwandeln, es funktionierte nicht.
Es gelang ihr zwar, seinen Körper mit ihren magischen Kräften wieder in den eines Menschen zu verwandeln, aber nur Sekunden später wurde er erneut zum Windigo, der nicht aufhörte sie anzugreifen. Sie versuchte ihn zu ermüden, aber auch das schlug fehl. Sicherlich wäre es ihr irgendwann gelungen, wenn sie genug Zeit dafür gehabt hätte. Doch die blieb ihr nicht, da sich die Nachtwandergruppe stetig näherte und bald den Schauplatz des Geschehens erreicht haben würde.
Der Windigo witterte schließlich seine menschliche Beute, und der Hunger nach Menschenfleisch blendete jede andere Empfindung bei ihm aus. Er ließ von Sam ab und rannte auf die Jugendlichen zu, die von der Gefahr nichts bemerkten, die da auf sie zu kam. Sam stellte sich ihm in den Weg, doch er schleuderte sie mit einem einzigen Schlag seiner Klauen beiseite. Sie rissen tiefe Wunden in Sams Körper, und sie prallte so hart gegen einen Baum, dass es einem Menschen sämtliche Rippen gebrochen hätte. Dem Schmerz nach zu urteilen, der sich daraufhin in ihr ausbreitete, waren zumindest einige ihrer Knochen tatsächlich gebrochen. Sie ignorierte das. Da Sukkubi wie alle Dämonen ein nur geringes Schmerzempfinden besaßen, wurde sie durch die Verletzungen, die auch sofort wieder zu heilen begannen, nur wenig beeinträchtigt.
Doch ihre Optionen, den Windigo aufzuhalten und gleichzeitig den Menschen in ihm zu retten, waren nun erschöpft. Wenn sie die Nachtwanderer schützen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als den Windigo zu töten. Und falls John Whispering Wind auch nur das Geringste mit diesen Traumfängern und den Windigowak zu tun hatte, würde sie ihn ebenfalls töten, beschloss sie in diesem Moment grimmig – Freund oder nicht.
Sie schoss einen Levin-Pfeil auf den Windigo ab, dessen Energie bisher alles zuverlässig zu Staub zerpulvert hatte, doch dieses Wesen war auch dagegen immun. Sam fluchte und griff zu dem letzten Mittel, das ihr spontan einfiel. Sie deckte den Windigo mit einer Salve von Feuerkugeln ein, die sein Fell innerhalb von Sekunden in Flammen aufgehen ließen. Er brüllte auf, wirbelte als lebende Fackel herum und stürzte sich erneut auf Sam. Doch diesmal kam er nicht weit. Sie setzte mit einer weiteren Feuersalve nach, und der Windigo verging in den Flammen zu einem Haufen Asche.
Sam ging allerdings kein Risiko ein. Sie setzte ihre Wettermagie ein und fegte die Überbleibsel des Windigo mit einem heftigen Windstoß in alle Himmelsrichtungen hinweg. Danach hielt sie es für dringend geraten zu verschwinden, denn die Nachtwandergruppe hatte das Feuer des brennenden Windigo gesehen und kam mit Taschenlampen heran, um nach der Ursache zu suchen.
Sie sprang zurück in ihr Schlafzimmer und betrachtete ihre Verletzungen, die fast schon wieder vollständig verheilt waren. Sie half mit einem Heilungszauber noch etwas nach und reparierte und säuberte ihre schmutzige und zerfetzte Kleidung mit einem anderen Zauber. Der Windigo war tot, und sie konnte morgen beruhigt mit Ronan nach Pine Ridge reisen. Doch sie sah dem Trip mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.

John Whispering Wind stand auf der Veranda seiner Hütte, mit einer Schulter an einen Pfosten gelehnt, hatte die Arme untergeschlagen und sah dem graublauen Pick-up entgegen, der den Weg zu seinem Haus entlang gefahren kam. John war auf den ersten Blick als Indianer zu erkennen, was nicht nur daran lag, dass er sein schwarzes Haar lang trug. Er besaß auch den hohen Wuchs der Oglala-Sioux sowie die typische Adlernase und die scharfen Gesichtszüge seines Volkes. Dass er dazu noch ständig eine Haarspange mit einer Adlerfeder trug, unterstrich den Eindruck noch.
Sein Haus lag am Rande des Ortes Pine Ridge, der die Verwaltung des Pine Ridge Reservates, den Stammesrat und das Touristenzentrum beherbergte. Doch es lag weit genug vom sogenannten Ortskern entfernt, um die Stimmen der Natur über allen anderen Stimmen hören zu können. Und wer seine Hilfe brauchte, fand in jedem Fall den Weg zu ihm. So wie die beiden washitshu , die jetzt ihren Pick-up vor seiner Hütte parkten und ausstiegen. Die Frau kam ohne zu zögern mit einem wachsamen Gesichtsausdruck auf ihn zu, und er spürte, wie sie mit ihren magischen Sinnen seine Aura abtastete. Schließlich lächelte sie erleichtert.
»Hau, kóla. Toníktuka he? – Hallo, Freund. Wie geht es dir?«, begrüßte sie ihn.
»Hau, Wanági. Washteya waun. Na nish? – Hallo, Geist. Mir geht es gut. Und dir?«, grüßte er zurück.
»Washteya waun. Pilámaya kshto. – Gut. Danke.«
»Le tuwé hwo? – Wer ist das?«
John nickte Ronan zu, und Sam wechselte von Lakota zu Englisch und machte die beiden mit einander bekannt. John reichte Ronan die Hand. »Tanyan atatshiye yelo. – Es freut mich dich kennenzulernen.«
»Gleichfalls«, erwiderte Ronan.
»Kommt herein. Ich habe Tee für euch gekocht.«
»Für uns?«, wunderte sich Ronan.
John lächelte. »Die Geister haben mir euer Kommen angekündigt. Und das Essen ist auch fertig. Ihr bringt wichtige Nachrichten und braucht meine Hilfe.« Er warf Sam einen durchdringen Blick zu. »Und du, Wanági, hast etwas bei dir, das vom Bösen durchdrungen ist.« Seit er Sam vor fast zwanzig Jahren zum ersten Mal begegnet war, als er sich auf einer Visionssuche befand und er sie für eine Erscheinung aus dem Geisterreich gehalten hatte, nannte er sie Wanági – Geist.
Er führte seine Gäste ins Haus und bot ihnen am Tisch Platz an. Obwohl es sich äußerlich um eine Blockhütte handelte, war sie innen ausgesprochen gut ausgestattet mit allem Komfort, den man auch in einem Hotel erwartet hätte. Er nahm ihnen ihre Reisetaschen ab und stellte sie zur Seite, bevor er ihnen Tee in große Becher füllte, Honig auf den Tisch stellte und anschließend drei Teller mit Essen füllte, das in einer Pfanne auf dem Elektroherd schmorte. Es duftete verführerisch.
»Köstlich!«, fand Ronan nach dem ersten Bissen. »Was ist das?«
»Hirschfleisch mit wilden Rüben und Mais«, erklärte John und setzte seine Mahlzeit schweigend fort.
Ronan folgte diesbezüglich Sams Führung, da sie offenbar wusste, wie man sich hier zu benehmen hatte und schwieg ebenfalls, bis die Mahlzeit beendet war und John seine Gäste in einen Nebenraum bat, der im Gegensatz zum Rest des Hauses wie ein Tipi eingerichtet war. Offensichtlich hielt er sich hier bevorzugt auf.
»Ich bin froh, dass wir immer noch Freunde sind«, sagte er zu Sam, nachdem sie sich alle im Schneidersitz auf dem Boden um ein kleines Feuer unter einer Rauchabzugshaube herum niedergelassen hatten. »Deinem Gesichtsausdruck bei eurer Ankunft nach zu urteilen, warst du dir da nicht mehr sicher.«
»Stimmt«, bestätigte Sam und reichte John den Traumfänger, den sie aus Officer Shermans Haus mitgenommen hatte. »Weil du der einzige Mensch bist, den ich kenne, der mächtig genug ist, so etwas herzustellen. Und da niemand dagegen gefeit ist, durch widrige Umstände oder den Einfluss von Schadensmagie seinen ursprünglich guten Weg zu verlassen, musste ich damit rechnen, dass du tatsächlich für diese Dinger verantwortlich sein könntest. Ich bin sehr froh, dass sich diese Befürchtung nicht bewahrheitet hat, kóla. – John ist der witshásha wakán , der hiesige Medizinmann«, erklärte sie Ronan.
John nahm den Traumfänger entgegen und studierte ihn aufmerksam. Schließlich seufzte er tief. »In gewisser Weise bin ich tatsächlich für diese ‚Dinger’ verantwortlich«, gestand er. »Ich hatte vor ein paar Jahren einen Schüler, den ich zum witshásha wakán ausbilden wollte. Sein Name ist Simon Gray Fox Hunting. Aber ich stellte sehr schnell fest, dass er seine Ausbildung nur zu einem einzigen Zweck benutzte: der Gewinnung persönlicher Macht, die er skrupellos einsetzte, um seine egoistischen Ziele zu erreichen. Außerdem fehlte ihm völlig die erforderliche Einstellung, um jemals ein Medizinmann werden zu können. Ich habe zwar noch eine Weile versucht, ihn auf den rechten Weg zu bringen, aber er hat sich dem entzogen. Deshalb musste ich ihn schließlich wegschicken. Und an diesem Punkt beginnt meine Verantwortung für das hier.« Er hielt den Traumfänger hoch. »Ich hätte ihn nicht einfach gehen lassen dürfen, sondern hätte ihm vorher seine Magie nehmen müssen, damit er keinen Schaden damit anrichten kann. Aber er ahnte wohl, dass ich dergleichen tun könnte und verschwand, bevor ich eine diesbezügliche Entscheidung getroffen hatte. Seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen.«
»John, du bist nicht verantwortlich für seine Schandtaten«, stellte Sam nachdrücklich fest. »Aber wir brauchen in jedem Fall deine Hilfe, um dieser Seuche Herr zu werden, die er mit den Traumfängern verbreitet. Er hat sie auf eine mir unbekannte Weise so präpariert, dass jeder, der in ihrer unmittelbaren Nähe schläft, zu einem Windigo wird. Aber der Windigo gehört nicht zu den Wesen, mit denen die Sioux normalerweise zu tun haben. Hast du eine Ahnung, wieso er ausgerechnet einen Windigo-Fluch erschaffen hat?«
»Mehr oder weniger«, antwortete John ruhig. »Unser spirituelles Wissen, unsere Magie, ist in der Vergangenheit von den Weißen derart verkrüppelt und zerstört worden, dass vieles davon nicht mehr funktioniert. Und das Wenige, das noch funktioniert, sollte unter allen Umständen bewahrt werden. Wir iktshe witshásha können es uns gerade auch auf dem Gebiet der Magie nicht mehr leisten, uns in Sioux, Cheyenne, Arapahos, Cree, Comanchen, Apachen und all die anderen Stämme zu teilen und unsere Magie eifersüchtig vor den anderen zu hüten, wie das in früheren Zeiten der Fall war. Wir müssen sie zu einem einzigen Ganzen vereinen und sie allen Stämmen zugänglich machen, damit dieses Wissen nicht vollständig verloren geht. Aus diesem Grund haben ich und andere Medizinmenschen schon vor langer Zeit damit begonnen, alles magische Wissen aller Stämme zusammenzutragen und zu etwas zu formen, das die alte Macht wieder in sich trägt, die es vor den Vernichtungszügen der Weißen hatte. Und Simon Gray Fox Hunting hatte bereits etwas davon gelernt und es offensichtlich hier angewendet.«
»Demnach weißt du auch, wie wir die Windigowak, die er durch diese Dinger erschaffen hat, wieder zurückverwandeln können. Ich hoffe doch sehr, dass das möglich ist.«
John nickte. »Es gibt nur ein einziges Heilmittel. Weil der Windigo, sobald er einmal Menschenfleisch gegessen hat, ein Herz aus Eis bekommt, kann man das nur wieder erlösen, indem man ihm heißen Büffeltalg einflößt.«
»Bäh!«, entfuhr es Ronan, und er verzog angewidert das Gesicht. »Und das soll das Opfer, also der Mensch, der in dem Windigo steckt, überleben?«
»So sagt man«, bestätigte John, »da das den Windigo zwingt, das Eisherz zu erbrechen. Aber es ist sehr lange her, seit der letzte Windigo in der Welt der Menschen umgegangen ist.«
»Was ist mit Menschen, die zwar verwandelt wurden, aber noch kein Menschenfleisch gegessen haben?«, wollte Sam wissen. »Wir haben einen solchen Fall.«
»Dann ist sein Herz noch nicht vereist, und es müsste genügen, den Bann mit der Zerstörung des Traumfängers zu lösen.«
»Aber warum hat dieser Simon Gray Fox Hunting für seine Zwecke sich ausgerechnet Traumfänger ausgesucht?«, fragte Ronan.
»Das hat etwas damit zu tun, auf welche Weise ein Windigo entsteht. Es gibt dafür mehrere Möglichkeiten. Die häufigste ist oder war, von einem Windigo verletzt zu werden.«
»Gilt das auch für Sukkubi?«, fragte Sam alarmiert. »Ich habe mich letzte Nacht mit einem geprügelt, und er hat mir ein paar ganz schöne Verletzungen beigebracht, die ich aber auf magischem Wege wieder heilen konnte.«
John schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass du dir Sorgen machen musst, Wanági. Ein Wesen wie du kann nicht beides gleichzeitig sein. Da du ohnehin gegen Krankheiten immun bist, wird dir auch die Verletzung durch einen Windigo nichts anhaben können. Aber wir können vorsorglich ein Ritual durchführen, das jede mögliche magische Infektion heilt.«
»Unbedingt!«, stimmte Sam zu.
»Die zweithäufigste Möglichkeit, zu einem Windigo zu werden«, fuhr John fort, »ist, wissentlich Menschenfleisch zu verzehren. Manche Verblendeten verwandeln sich selbst auch durch ein magisches Ritual in einen Windigo. Eine andere Methode wäre, von einem Windigo gefangen zu werden oder durch den Fluch eines Medizinmenschen zu einem zu werden. Oder – und hier kommen jetzt die Traumfänger ins Spiel – im Traum von einem Windigo gerufen zu werden oder zu träumen, man wäre einer. Irgendwie ist es Simon gelungen, die Traumfänger so zu präparieren, dass sie wohl Windigo-Träume verursachen.«
»Nette Methode«, meinte Ronan trocken. »Die Frage ist nur, warum er das tut. Was hat er davon, wenn er halb Cleveland in Windigowak verwandelt und die andere Hälfte von den Biestern umbringen lässt?«
»Genau das ist die Frage«, stimmte John ihm zu. »Die naheliegendste Vermutung ist, dass er mit Hilfe eines weiteren Zaubers die wahrhaft starke Macht der Windigowak kanalisiert und für sich selbst nutzt. Aber ich kann euch in jedem Fall versichern, dass ein besonderer Zweck dahinter stecken muss. Diese Traumfänger herzustellen – und er hat ja offensichtlich nicht nur einen angefertigt – erfordert viel Kraft. Selbst ein Mann wie Simon tut so etwas nicht, wenn er dadurch nicht erhebliche Vorteile hätte.«
»Ich werde das überprüfen«, sagte Ronan und griff zu seinem Handy. »Ihr entschuldigt mich.«
Während Ronan nach draußen ging, um in Ruhe sein Telefonat zu führen, bereitete John das Ritual vor, das er für Sam durchführen wollte. Sie half ihm dabei.
»Wotihnisa-ksápa«, fragte sie ihn, und benutzte seinen Medizinnamen »Weiser Jäger«, »hast du in letzter Zeit auch das Gefühl, als würde sich etwas zusammenbrauen? Etwas«, sie zögerte und suchte nach Worten, »etwas Böses. Als würden die Mächte der Unterwelt verstärkt aktiv werden, um zu einem Generalangriff gegen was auch immer auszuholen.«
John schwieg eine Weile und überdachte das, wie es seine Art war. Schließlich nickte er. »Die Mächte der Geisterwelt werden schon seit einiger Zeit unruhig. Unsere Legenden besagen, dass in großen Zeitabständen etwas erwacht, das wohl so etwas wie das Ragnarök der nordischen Sagen ist und in einen Kampf zwischen Ordnung und Chaos ausartet, dessen Ausgang immer wieder aufs Neue ungewiss ist. Und das Kommen dieser Zeit wird durch fünf Zeichen angekündigt.«
»Was sind das für Zeichen?«
»Die Geburt eines mächtigen Dämons, das Auftauchen eines Zerstörers – in welcher Form auch immer –, der das Gesicht der Welt verändert, die Heimsuchung durch rachsüchtige Geister, das Verschwinden der Kinder und eine Sonnenfinsternis. Allerdings ist die Reihenfolge dieser Zeichen nicht festgelegt. Bis auf das letzte, das immer das letzte ist und bleibt.«
»Das heißt, wenn alle anderen vier Zeichen eingetreten sind, ist die auf die Erscheinung des vierten Zeichens folgende Sonnenfinsternis das letzte Zeichen«, vergewisserte sich Sam.
John nickte. »Und die Sonnenfinsternis ist gleichzeitig der Moment der Entscheidung.« Er zuckte mit den Schultern. »Allerdings kann gegenwärtig niemand sagen, welche von den kommenden Sonnenfinsternissen weltweit diejenige ist, bei der die Entscheidung fällt oder an welchem Ort sie stattfindet oder wo auf der Welt diese Zeichen sich ereignen. Ich glaube, es gibt immer nur ganz wenige Menschen und vielleicht ein paar andere Wesen, die diese Zeichen alle erleben beziehungsweise erkennen. Nicht einmal die Geister nehmen sie alle wahr. Warum fragst du?«
»Weil ich kürzlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sich mal wieder etwas anbahnt, das sich alle ungefähr tausend Jahre wiederholt und in das ich möglicherweise verwickelt sein könnte.«
»Wie kommst du darauf?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ein Maler hat entsprechende Visionen, was das Kommen dieses Was-auch-immer-es-ist betrifft. Und ich habe mich verändert.«
»Das ist mir aufgefallen. Du bist«, er suchte nach Worten, »menschlicher geworden, falls dich das jetzt nicht beleidigt.«
»Nein. Ich habe die Fähigkeit bekommen zu lieben wie ein Mensch. Und genau das macht mir Angst. Ich bin nun mal kein Mensch, und deshalb habe ich nicht die leiseste Ahnung, wie ich damit umgehen soll.«
John überdachte auch das eine Weile schweigend. »Kein Wesen bekommt eine für seine Art außergewöhnliche Gabe ohne Grund geschenkt«, war er überzeugt. »Und auch wenn dich das im Moment ängstigt«, er schmunzelte breit, »obwohl ich dich noch nie ängstlich erlebt habe, kann es durchaus sein, dass du diese Fähigkeit in einer Form entwickelst, wie es ein Mensch niemals könnte. Nimm dieses Geschenk als etwas an, das dir auf deinem spirituellen Weg weiterhilft, Wanági, und mache das Beste daraus. Wenn du die Liebe zulässt, und zwar mit allen ihren Facetten und auch Schmerzen, die sie manchmal mit sich bringt, wirst du daran wachsen und am Ende vielleicht zu Großem fähig sein, das du dir jetzt noch nicht einmal vorstellen kannst.«
»Das kann ich mir in der Tat nicht vorstellen«, stimmte Sam ihm zu. »Aber danke für deinen Rat.«
Sie beendeten ihre Vorbereitungen, als Ronan zurückkam. »Ich habe Detective Shepherd auf diesen Gray Fox Hunting angesetzt. Sie hat herausgefunden, dass er unter dem Namen Simon Gray der Inhaber und Leiter einer Baufirma ist, die den Erie Lake Tower baut.«
»Das ist doch das Projekt, das Kevin Hopkins als Architekt leitet«, stellte Sam fest.
Ronan nickte. »Genau das. Und er erzählte uns ja, dass er Mängel bei dem von der beauftragten Baufirma benutzten Material festgestellt hat, die aber plötzlich verschwunden waren, als er sich die Sache genauer ansah.«
»Das passt zu Simon«, bestätigte John. »Wenn er tatsächlich am Bau gepfuscht hat – was ebenfalls zu ihm passt – und dieser Mr. Hopkins ihm auf die Schliche gekommen ist, wird er nicht nur den Pfusch auf der Stelle magisch vertuschen, sondern auch denjenigen ausschalten, der ihn erwischt hat.« Er nickte. »Und da Simon außerdem eine Neigung zur Rachsucht hat, würde es niemals dabei belassen, seinen Fehler zu beseitigen, sondern sich in jedem Fall auch dafür rächen, dass man ihn ertappt hat. Und es gibt nur wenig Schlimmeres für einen Menschen, als in einen Windigo verwandelt zu werden, der nicht nur nach Menschfleisch hungert, sondern immer hungriger wird, je mehr er davon kostet.«
»Nettes Kerlchen!«, meinte Ronan trocken. »Jedenfalls forscht Shepherd noch weiter nach, was wir über Mr. Simon Gray noch so alles herausfinden können.« Er schwenkte sein Handy, das er immer noch in der Hand hielt. »Ich warte auf ihren Rückruf.«
»Das trifft sich gut«, fand John, »denn Wanági und ich werden gleich mit dem Ritual beginnen, und das wird die ganze Nacht dauern. Aber wir werden hier in diesem Raum bleiben, und du kannst solange den Rest meines Hauses benutzen. Ich habe ein Gästezimmer, wo du schlafen kannst. Und versuche, dich nicht an den Geräuschen zu stören, die du möglicherweise heute Nacht hörst.«
»Ich versuch es.«
Ronan zog sich zurück, und John und Sam begannen mit dem Ritual. John zog seine für solche Zwecke vorgesehene Kleidung des Medizinmannes an, legte den erforderlichen Schmuck an und zündete das Räucherwerk an, während Sam sich vollständig auszog. Sie kannte dieses Ritual zwar nicht, aber sie vertraute John in diesem Punkt vollkommen, obwohl sie sich natürlich darüber im Klaren war, dass er sie töten würde, sollte sie tatsächlich von dem Windigo infiziert worden sein und er sie nicht heilen können. Sie akzeptierte auch diese Möglichkeit, denn auf keinen Fall würde sie als Windigo leben und Menschen töten wollen.
Das Ritual begann mit einer Reinigungszeremonie, bei der John Sam nicht nur wie gewöhnlich mit heiligem Rauch reinigte, sondern auch mit magischem Feuer, das sie zwar schmerzte, ihr aber ansonsten nichts tat. John verbrannte heilige Kräuter und begann schließlich, auf einer Schamanentrommel einen monotonen Rhythmus zu schlagen und einen Gesang anzustimmen, der Sam beinahe gegen ihren Willen augenblicklich in Trance versetzte. Nur wenige Sekunden später erhielt sie eine unerwartete Vision.
Sie stand auf einem nackten Felsen an einem ihr unbekannten Ort. Zu ihren Füßen brannte ein magisches Feuer in einer überdimensionalen, in den Felsen eingelassenen Opferschale. Sam wusste, dass sie irgendetwas tun musste mit diesem Feuer, aber sie konnte nicht erfassen was. In der Vision wandte sie sich von dem Feuer ab und kehrte ihm den Rücken zu. Im selben Moment veränderte sich ihre Gestalt und wurde zu einem abstoßend hässlichen Wesen mit schwarzen, lederartigen Flügeln, dessen Gesicht einen Ausdruck so widerlicher Bösartigkeit zeigte, dass ihr beobachtendes Selbst davor zurückzuckte.
Gleich darauf veränderte sie sich ein zweites Mal und wurde zu einer schmerzhaft schönen Lichtgestalt, derart absolut rein und gut, dass Sam sich davon ebenso abgestoßen fühlte wie von ihrem Dämon. Die Lichtgestalt wandte sich dem Feuer zu und wandelte sich erneut, bis eine Hälfte von ihr wieder dämonisch war und die andere engelhaft blieb. Als sich das Wesen in der Vision erneut umdrehte, sah Sam, dass es jetzt exakt so aussah wie ihr von Edward Paris gemaltes Porträt. Und obwohl die beiden Hälften auf der ersten Blick überhaupt nicht zusammen zu passen schienen, ergaben sie gemeinsam eine Harmonie, die Sam vorher nie aufgefallen war. Und mehr noch: die Einheit, zu der sie verschmolzen waren, machte sie stärker, als der Dämon oder die Lichtgestalt es für sich allein gewesen waren.
Und mit dieser Erkenntnis wurde es dunkel um sie.

Als Sam erwachte, lag sie in einem Bett und hatte keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen war. Durch das Fenster schien die Sonne herein und zeigte, dass ein neuer Tag angebrochen war. Sie hörte leise Stimmen und roch den Duft von frischem Kaffee. Sie richtete sich auf und fühlte sich entgegen ihrer Erwartung ausgeruht und munter. Sie stand auf und zog sich an, nachdem sie feststellte, dass John ihre Kleidung neben das Bett auf einen Stuhl gelegt hatte.
Als sie das Schlafzimmer verließ, fand sie Ronan und John am Frühstückstisch sitzen, wo sie in eine angeregte Unterhaltung vertieft waren. Ronan sah ihr besorgt entgegen.
»Alles in Ordnung, Sam?«
Sie nickte. »Alles bestens, woraus ich schließe, dass ich nicht von dem Windigo infiziert wurde.«
»Nein, du bist gesund«, versicherte ihr John. »Wahrscheinlich hat entweder deine Sukkubus-Natur oder deine Selbstheilungskraft verhindert, dass du infiziert wurdest. Ich habe mir den Traumfänger übrigens noch einmal genau angesehen. Die Fäden, aus denen er gewoben ist, kamen mir merkwürdig vor. Sie stammen von einem Spinnendämon, der seine eigene magische Macht hineingewoben hat.«
Das erklärte nun auch, warum Kevin Hopkins in seinem letzten Traum von einer riesigen Spinne angegriffen worden war, die ihn daran gehindert hatte, vor dem Windigo zu fliehen.
Sam schüttelte den Kopf und seufzte theatralisch. »Jetzt auch noch ein Spinnendämon«, beschwerte sie sich. »Als wenn eine Horde von Windigowak nicht schon ausreichte.« Sie wurde wieder ernst. »Was tun wir dagegen? Und vor allem, John: Wie können wir Simon Gray das Handwerk legen?«
»Darüber habe ich nachgedacht«, erklärte er. »Um diese Art von Traumfänger herzustellen, muss Simon einen Kraftort haben, an dem er seine magische Arbeit verrichtet. Ganz besonders, da er das mit Hilfe des Spinnendämons tut. Abgesehen davon, dass die Traumfänger, die er bereits angefertigt hat, vernichtet werden müssen – idealerweise mit Feuer – muss auch der Kraftort zerstört oder doch zumindest versiegelt werden, damit er ihn nicht mehr benutzen kann. Und der Spinnendämon muss ebenfalls vernichtet werden. Aber darum werde ich mich kümmern, denn dafür ist ein besonderes Ritual erforderlich, das verhindert, dass er sich sonst hundertfach reproduziert, bevor er stirbt, wie es die Art dieser Dämonen ist.«
»Und was ist mit Simon Gray?«, wollte Ronan wissen. »Abgesehen davon, dass wir ihn juristisch zur Rechenschaft ziehen werden. Was würde ihn daran hindern, in Zukunft sich einfach einen neuen Spinnendämon zu verpflichten und weiterzumachen wie bisher? Nach dem, was ich von dem Mann erfahren habe, scheint er durch seine Magie extrem gefährlich zu sein.«
»Das ist er«, bestätigte John. »Und auch darum werde ich mich kümmern. Ich kenne ihn gut, und wenn ich ihn wissen lasse, dass ich seinen Dämon vernichtet habe, wird er seine Rache dafür wollen und auf dem schnellsten Weg zu mir kommen, um sie zu erfüllen. Doch ich werde auf ihn vorbereitet sein und das tun, was ich damals schon hätte tun sollen. Ich werde ihm seine Kräfte für alle Zeiten entreißen.«
»Bist du dir sicher, dass du allein stark genug dafür bist?«, vergewisserte sich Sam. »Wenn du Hilfe brauchst ...«
»Du hilfst mir schon, indem du seinen Kraftort zerstörst. Um einen neuen Dämon zu beschwören und an sich zu binden, braucht er auch einen Kraftort, aber den kann er sich nicht so leicht erschaffen. Das braucht Zeit, und die guten Kraftorte, die ich und andere Medizinmenschen benutzten, sind ihm verwehrt, seit er sich dem Bösen zugewandt hat.«
John legte nachdenklich den Kopf schief. »Er wird seinen persönlichen Kraftort irgendwo in seiner Nähe haben, wenn auch nicht zu nahe. Dessen Zerstörung und der Tod seines Dämons werden ihn genug schwächen, dass er mir nicht gewachsen ist. Was er aber in der ihm eigenen Arroganz und blind vor Rachsucht mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erkennen wird.« John sah seine beiden Gäste eindringlich an. »Ihr müsst nur schnell handeln, bevor er noch mehr Windigowak erschafft. Ich brauche für die Vorbereitung für das Ritual, um den Spinnendämon zu vernichten, den ganzen Tag. Aber bei Mondaufgang werde ich bereit sein und beginnen.«
»In dem Fall muss ich seinen Kraftort gefunden haben, bevor es so weit ist«, stellte Sam fest. Sie blickte Ronan an. »Ich werde auf direktem Weg nach Cleveland zurückkehren. Du wirst, fürchte ich, wegen der Spesenquittungen das Flugzeug nehmen müssen.« Ronan verzog das Gesicht. »Aber das ist auch besser so, mein Freund«, tröstete sie ihn, »denn dann bist du aus dem Weg und nicht in Gefahr, falls irgendetwas schiefgehen sollte. Sarah würde mir nie verzeihen, wenn ich dich in Gefahr brächte.«
Er nickte ergeben. »Und außerdem gibt mir das Zeit genug, mir zu überlegen, wie wir die Sache am besten von der offiziellen Seite her drehen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hasse diese Drahtseilakte, um Magie zu verschleiern. Manchmal wünsche ich mir die alten Zeiten zurück, in denen die Menschen Magie und die Existenz der Anderen als selbstverständlich hinnahmen.«
»Ja, die guten alten Zeiten«, bekräftigte Sam, »in denen unschuldige Frauen und Männer als Hexen grausam gefoltert und verbrannt wurden, in denen Bäume gefällt wurden, um ihre Dryaden zu vernichten, in denen Sukkubi und Inkubi als Teufel galten, die ihren ‚Opfern’ die Seele stahlen …«
»Schon gut, schon gut!«, wehrte Ronan ab. »Ich dachte mehr an die vorchristlichen Zeiten, als die guten Anderen verehrt wurden und die Wesen deiner Art als Segen bringende Freudenspenderinnen galten.«
Sam seufzte theatralisch. »Oh wie gern hätte ich die Zeiten mal erlebt!«, scherzte sie, wurde aber sofort wieder ernst. »Ich mache mich sofort auf den Weg. Je eher ich den Kraftort gefunden und zerstört habe, desto besser für alle.«
»Aber vorher«, war John überzeugt, »ist noch Zeit genug für ein ausgiebiges Frühstück.« Er sah sie bedeutungsvoll an. »Für beide Frühstücksmahlzeiten, wenn du willst«, fügte er hinzu, und Sam brauchte nicht zu fragen, was er damit meinte. »Du wirst alle deine Kräfte brauchen, Wanági.«
Sam sah ihn dankbar an. »Kóla, wópila tanka kshto!«
John lächelte sanft. »Toka shni«, antwortete er. »Keine Ursache.«

Scott Parker hatte das Gefühl, dass seine Vorgesetzten ihn in letzter Zeit mit Arbeit zuschütteten. Vielleicht wollten sie auf diese Weise herausfinden, wie belastbar er war oder wie stark er sich für die Kanzlei zu engagieren bereit war, zum Beispiel in Form von Überstunden. Mit Sicherheit aber prüften sie auf diese Weise, wie effizient Scott zu arbeiten in der Lage war. Jedenfalls hatten sie ihm noch einen weiteren Fall übertragen. Und wie es der Zufall wollte, hing dieser indirekt mit seinem Mandanten Kevin Hopkins zusammen.
Hopkins hegte den Verdacht, dass die mit dem Bau des Erie Lake Tower beauftragte Baufirma – S. Gray Constructions – minderwertiges Material am Bau verwendete, dafür aber keine Beweise gefunden. Ein paar Tage später hatte ein Arbeiter auf der Baustelle einen Unfall gehabt, als das Teilstück einer Mauer überraschend eingestürzt war und ihn erheblich verletzt hatte. Bevor der Inhaber der Baufirma, ein gewisser Simon Gray, am Ort des Geschehens auftauchen und irgendetwas vertuschen konnte, hatten Kollegen des Verunglückten, die wohl schon länger einen Verdacht gegen Gray hegten, Proben der eingebrochenen Mauer genommen und analysieren lassen. Diese Analyse hatte zweifelsfrei ergeben, dass S. Gray Constructions minderwertigen Mörtel verwendete und auch die Dämmschichten nicht aus dem vorgeschriebenen Material bestanden.
Abgesehen davon, dass die Staatsanwaltschaft jetzt den Fall untersuchte, hatte der verunglückte Arbeiter Weston, Kruger & Goldstein damit beauftragt, S. Gray Constructions auf ein Schmerzensgeld in Höhe von fünf Millionen Dollar zivil zu verklagen. Scotts Aufgabe war es nun, Mr. Simon Gray die Klageschrift zu überreichen, weshalb er den Mann jetzt in seinem Büro in der Innenstadt aufsuchte.
Es wunderte ihn ein wenig, dass Simon Gray ihn sofort vorließ, obwohl er keinen Termin hatte. Dass er gegen den Mann eine spontane Abneigung empfand, als er ihm gegenüberstand, zeigte ihm, dass der tatsächlich Dreck am Stecken hatte. Scott besaß diesen seltenen, aber beinahe unfehlbaren Instinkt, der ihn Menschen relativ schnell richtig einschätzen ließ. Anders ausgedrückt, er erkannte die Schurken, wenn sie vor ihm standen. Und Simon Gray gehörte definitiv in diese Kategorie.
Rein äußerlich wirkte der Mann wie ein biederer Geschäftsmann, trug einen offensichtlich maßgeschneiderten Anzug und eine teure, dazu passende Seidenkrawatte. Scott vermutete, dass er trotz seines amerikanischen Namens wohl Mexikaner oder Puertoricaner war, denn seine Haut war relativ dunkel, sein Haar schwarz und seine stechenden Augen von dunklem Braun. Und der Blick, mit dem Gray ihn bedachte, gefiel Scott absolut nicht.
Er beschloss, die Sache so kurz wie möglich zu machen und schnellstmöglich wieder zu verschwinden.
»Mr. Gray, mein Name ist Scott Parker von Weston, Kruger & Goldstein«, stellte er sich vor. »Ich bin der Anwalt von Mr. Charles Buchanan. Ich bin hier, um Ihnen die Klageschrift zu überreichen, mit der unser Mandant Sie auf Schadenersatz verklagt.« Er holte das Schriftstück aus seiner Aktentasche und reichte sie Gray.
Der nahm sie entgegen und legte sie achtlos beiseite, ohne sie auch nur geöffnet zu haben. »Sie müssen natürlich tun, wofür Mr. Buchanan Sie bezahlt«, meinte er ungerührt, aber ein Hauch von Sarkasmus schwang in seiner Stimme mit. »Aber ich kann Ihnen schon jetzt versichern, dass Sie diesen Fall verlieren werden, da ich mir nichts habe zuschulden kommen lassen.«
Scott glaubte ihm kein Wort. »Das zu beurteilen ist nicht meine Aufgabe, Mr. Gray. Das wird ein Gericht entscheiden. Ich hatte Ihnen nur die Klageschrift zu übergeben und zu dokumentieren, dass Sie die entgegen genommen haben. Damit ist meine Aufgabe fürs Erste erfüllt. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Sir.«
»Einen Augenblick bitte«, hielt Gray ihn zurück, öffnete eine Schreibtischschublade, holte einen Traumfänger heraus und reichte ihn Scott. »Erlauben Sie mir, Ihnen eines unserer exklusiven Werbegeschenke zu überreichen, Mr. Parker. Sie werden zweifellos feststellen, dass ich mit der Sache nichts zu tun habe. Und sobald das geklärt ist, würde ich sehr gern Ihre Dienste in Anspruch nehmen, wenn ich mal einen guten Anwalt brauche.«
Scott zögerte. Etwas von diesem undurchsichtigen und zweifellos kriminellen Mann anzunehmen, und sei es nur ein Werbegeschenk, widerstrebte ihm. Außerdem hatte Sam ihm gesagt – was er inzwischen durch den offiziellen Polizeibericht bestätigt fand –, dass Hopkins und McCarthy durch vergiftete Traumfänger zu Berserkern geworden waren, die das Gift durch Berührung übertrugen. Aber Simon Gray hielt den Traumfänger in der bloßen Hand. Wenn er vergiftet wäre und Gray der Urheber des Ganzen, würde er den wohl kaum so sorglos anfassen. Dennoch ...
»Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, Mr. Gray, aber die Annahme eines solchen Geschenks könnte man mir als Bestechlichkeit auslegen. Deshalb muss ich leider ablehnen.«
Gray lachte leise. »Ein Traumfänger besitzt keinen derart hohen materiellen Wert, dass man damit jemanden bestechen könnte. Erst recht keinen Mann von Ihrem Kaliber und Ihrer Integrität, Mr. Parker.«
Scott wollte erneut ablehnen, doch etwas in ihm, das nicht zu ihm zu gehören schien, schob alle Bedenken beiseite und versicherte ihm, dass es taktisch klüger wäre, das Geschenk anzunehmen. Deshalb steckte er den Traumfänger schließlich ohne weiteren Protest ein.
»Vielen Dank, Mr. Gray«, sagte er, ergriff dessen dargebotene Hand und verabschiedete sich. Doch das boshafte, beinahe niederträchtige Grinsen, mit dem der Bauunternehmer ihn bedachte, ließ ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen.

Sam stand in Simon Gray Fox Huntings Wohnung und sah sich darin aufmerksam um. Nachdem sie mit einem Sprung durch die Dimensionen nach Hause zurückgekehrt war und ihre Reisetasche abgestellt hatte, war sie zu seiner Wohnung gefahren. Sie hatte ihren Wagen ein paar Straßen weiter ordnungsgemäß vor einem Supermarkt geparkt, in dem sie auch ein in der Tageszeitung annonciertes Sonderangebot eingekauft hatte, um, falls etwas schiefging, offiziell ihre Anwesenheit in der Gegend zu rechtfertigen und war anschließend unter dem Mantel der Unsichtbarkeit in sein Haus gesprungen. Da Gray, wie sie sich vergewissert hatte, nicht da war, hatte sie freie Bahn.
Mit ihren magischen Sinnen hatte sie einen Teil der mit dem Zauber präparierten Traumfänger hier im Haus aufgespürt. Einen anderen Teil bewahrte er in seinem Büro in der Innenstadt auf, das nur ein paar Blocks von ihrem eigenen Büro entfernt war. Doch die dortigen Traumfänger würde sie erst vernichten können, wenn Gray sein Büro am Abend verlassen hatte.
Sie hatte die im Haus befindlichen Traumfänger schnell gefunden. Gray bewahrte sie in einer speziellen »Zauberbox« auf, einem Kästchen, das auf bestimmte magische Weise hergestellt, geweiht und mit Zaubern versiegelt war, die seinen Inhalt schützten oder wie in diesem Fall verhinderten, dass die Schadensmagie des Inhalts nach außen drang. Schließlich hatte Simon Gray kein Interesse daran, selbst zu einem Windigo zu werden.
Sam stellte fest, dass die Box mit wirklich starken Zaubern gesichert war, und das sagte ihr einiges über die Macht, über die Gray verfügte. Obwohl ihre eigene Macht sicherlich größer war als seine, durfte sie ihn doch nicht unterschätzen. Allerdings fühlte sich Simon Gray offenbar in einem Punkt absolut sicher. Er hatte die Box nur gegen den Ausbruch der in ihr befindlichen negativen Kräfte gesichert. Er hatte sie weder vor Diebstahl noch vor Zerstörung geschützt. Das machte Sam die Sache leicht. Sie platzierte die Box mitten auf dem Fußboden in Grays Wohnzimmer und vernichtete sie mitsamt ihrem Inhalt mit einem magischen Feuerblitz, der sie restlos zu Asche zerpulverte und auch noch ein ansehnliches Loch in den Boden fraß.
Sie grinste boshaft. Das würde Mr. Simon Gray Fox Hunting nachdrücklich vor Augen führen, dass seine Tage als Warlock gezählt waren. Sie bezweifelte allerdings, dass er das auch so sah. Die Vernichtung seines Vorrats an Traumfängern würde ihn wahrscheinlich nur wütend machen, und das kam ihren Plänen entgegen. Wer wütend war, machte Fehler und wurde eben dadurch geschwächt.
Doch Sam beließ es nicht nur bei der Vernichtung seiner Zauberbox. Damit die Polizei Gray zur Verantwortung ziehen konnte, musste zweifelsfrei nachgewiesen werden können, dass er für die »vergifteten« Traumfänger verantwortlich war. Deshalb produzierte sie auf magische Weise eine ausreichende Menge des Gifts in einer versiegelten Plastiktüte, die sie ebenso magisch mit Grays Fingerabdrücken übersäte, deren »Vorlagen« sie massenhaft überall in seiner Wohnung fand. Die Tüte versteckte sie in einem Bücherregal hinter Büchern, die er den Staubspuren nach zu urteilen selten benutzte, sodass die Gefahr gering war, dass er das Päckchen finden und vernichten würde, bevor die Polizei es bei einer Durchsuchung seiner Wohnung finden konnte. Zur Sicherheit deponierte sie aber noch ein identisches Päckchen im Keller zwischen Gerümpel. Außerdem verbarg sie dort einen mit der Droge vergifteten Traumfänger und versah ihn mit einem Zauber, der verhinderte, dass irgendjemand den ohne ausreichenden Schutz anfasste.
Nachdem sie damit fertig war, verließ sie sein Haus ebenso unbemerkt wie sie es betreten hatte, fuhr zurück nach Hause und machte sich an den zweiten Teil ihrer Aufgabe. Sie setzte sich in Meditationshaltung auf ihr Bett, schloss die Augen und suchte mit ihren magischen Sinnen nach Simon Grays Kraftort. Selbst falls er den mit einem Zauber vor Entdeckung geschützt hatte, so gab es doch immer spezifische magische Energiesignaturen in seiner unmittelbaren Umgebung, die sie aufspüren konnte.
Trotzdem dauerte es mehrere Stunden, und es wurde bereits Abend, bis Sam ihn endlich gefunden hatte. Johns Vermutung, dass Gray den Kraftort in seiner Nähe eingerichtet hatte, erwies sich als falsch, denn er lag in einem abgeschiedenen, schwer zugänglichen Teil des Cuyahoga Valley National Parks.
Inzwischen musste auch Ronan wieder zurück sein. Sie rief ihn im Büro an und erreichte ihn augenblicklich.
»Gut, dass du anrufst, Sam. Es gibt Neuigkeiten«, eröffnete er ihr. »Meine Partnerin Shepherd hat mal nachgeforscht, was die Opfer der Berserker-Droge gemeinsam haben.« Mit dieser Formulierung gab er Sam zu verstehen, dass er nicht offen sprechen konnte, weil jemand bei ihm war. »Sie haben alle mit dem Bau des Erie Lake Tower zu tun und sich in irgendeiner Form irgendwann in den vergangenen Tagen mit Simon Gray von S. Gray Constructions angelegt. Alle haben von diesem Gray einen Traumfänger als Werbegeschenk erhalten. Hopkins hatte Gray in Verdacht, mit dem Material zu pfuschen, was sich inzwischen übrigens bestätigt hat. Jetzt ist der gesamte Bau stillgelegt, bis man überprüft hat, wie weit der Pfusch reicht. Im schlimmsten Fall muss das ganze Gebäude wieder abgerissen und neu gebaut werden. Das kostet die Stadt als Bauträger eine Unmenge an Geld und etliche unschuldige Leute womöglich ihre Jobs.«
Was Sam verhindern würde, sobald sie die Zeit dazu fand.
»McCarthy hatte im Stadtrat dagegen gestimmt, Grays Firma zu engagieren und war entschlossen etwas zu finden, das sie ihm am Zeug flicken konnte, damit ihm der Auftrag wieder entzogen würde. Ein anderes Opfer ist ein Lieferant für Baumaterial, den Gray zugunsten des Pfusch-Lieferanten ausgebootet hat und der daraufhin mit einer Klage drohte. Die beiden anderen sind ehemalige Arbeiter, die ihn wegen unrechtmäßiger Entlassung ebenfalls verklagen wollten. Wie es aussieht, hat er alle unliebsamen Leute vergiftet. Und was hast du für mich?«
»Ich habe das Gift in seinem Haus deponiert, Ron. Ich nehme mal an, was ihr bis jetzt an Beweisen habt, reicht für eine Hausdurchsuchung. Ein Päckchen ist hinter einem Bücherregal in seinem Arbeitszimmer und ein zweites im Keller unter Gerümpel. Und Grays Fingerabdrücke sind auch darauf. Außerdem habe ich seinen Kraftplatz gefunden und werde ihn heute noch zerstören.«
»Das sind gute Neuigkeiten«, fand Ronan. »Aber ich muss dir ja nicht sagen, dass du auf dich aufpassen sollst.«
»Nein, musst du nicht. Ich melde mich, wenn es erledigt ist.«
Sie unterbrach die Verbindung und sprang als nächstes durch die Dimensionen in Grays Büro, nachdem sie sich mit ihren magischen Sinnen vergewissert hatte, dass er sich dort nicht mehr aufhielt. Inzwischen musste er zu Hause angekommen sein und gesehen haben, dass seine Werkzeuge vernichtet worden waren. Wahrscheinlich würde er John Whispering Wind dafür für verantwortlich halten und ihn entweder schnellstmöglich aufsuchen oder seinen Kraftplatz, um John mit seiner Magie anzugreifen. In jedem Fall hatte Sam einen Vorsprung von mindestens einer Stunde. Und das würde genügen.
Sie vernichtete die Traumfänger im Büro – spurlos diesmal – und erschuf zwei vergiftete Duplikate, die die Polizei bei der Durchsuchung finden würde, die sie garantiert bald durchführte. Anschließend sprang sie zu Simon Grays Kraftplatz.
Der Platz stank für ihre magischen Sinne förmlich nach der Schadensmagie, die Gray hier gewirkt hatte. Außerdem stellte sie fest, dass Gray offensichtlich Blutopfer dargebracht hatte, um seine Macht zu erlangen. Dem Geruch nach zu urteilen, der kaum wahrnehmbar noch in der Luft hing, waren diese Opfer Menschen gewesen. Und das war ein Grund mehr für Sam dafür zu sorgen, dass Simon Gray Fox Hunting für alle Zeiten das Handwerk gelegt wurde.
Inzwischen war es fast vollständig dunkel geworden, und der Mond ging gerade auf. Das bedeutete, dass John jetzt in Pine Ridge mit dem Ritual begann, das den Spinnendämon vernichtete. Sam trat in die Mitte des Platzes, der für menschliche Augen unsichtbar von mit Blut auf den Boden gemalten Symbolen umgeben war. Sie konnte fühlen, wie das Böse, mit dem dieser Ort getränkt war, nach ihr griff und ihr dämonisches Selbst ansprach, sie zu verführen versuchte, sich mit ihm zu verbünden und die finstere Kraft dieses Ortes zu dem Bösen zu benutzen, für den er geschaffen worden war.
Und in der Tat verlieh das hier rituell vergossene Blut diesem Platz, der schon von Natur aus energiegeladen war, eine besonders starke Kraft, die vergehen würde, sobald er versiegelt oder vernichtet war. Eigentlich wäre es elend schade darum, eine so wertvolle Energie einfach zu vergeuden, statt sie selbst aufzunehmen und zu nutzen. Doch Sam wusste aus Erfahrung, dass die Aufnahme von Energie – ganz gleich ob gut oder böse – immer denjenigen beeinflussten, der sich ihrer bediente. Sie machte sich keine Illusionen darüber, was diese Energie mit ihr tun würde. Zwar war sie sich sehr sicher, dass sie sich deswegen nicht gleich zu einem Wesen vom Kaliber Simon Grays wandeln würde, aber das Böse hätte in jedem Fall vorübergehend einen negativen Einfluss auf sie, den sie nicht wollte.
Sie ignorierte die Verlockung der Macht, sammelte ihre eigene Kraft und sog auch die reine Energie in sich auf, die in einiger Entfernung im Boden und in den sie hier umgebenden Bäumen lag. Nachdem sie genug Kraft in sich gebündelt hatte, ließ sie die in den Boden des Kraftplatzes hinein fließen und reinigte ihn Stück für Stück von dem Bösen. Das erwies sich als nicht so einfach, wie sie geglaubt hatte, denn etwas an diesem Ort wehrte sich gegen die Reinigung und kämpfte gegen Sam an mit einer Macht, die unerwartet stark war. Doch sie kam nicht von dem Platz selbst, sondern ...
Sam warf sich gerade noch rechtzeitig zur Seite, ehe die Kiefernzangen dort zuschnappten, wo sie eben noch gestanden hatte und ein klebriger, fingerdicker Faden an ihr vorbei schoss.
Die Spinnendämonin war in der Tat riesig und maß vom Kopf bis zum Hinterteil ungefähr fünf Meter, und jedes ihrer behaarten Beine war zweieinhalb Meter lang. Ihre schwarzen Augen starrten Sam bösartig an, und sie spannte ihren Leib für den nächsten Angriff.
»Lass es bleiben!«, riet Sam ihr in Unadru, und die Dämonin zögerte. Offensichtlich war sie überrascht, aus Sams Mund Unadru zu hören, die sie wohl für eine magisch begabte Menschenfrau gehalten hatte.
»Wer bist du?«, fragte sie misstrauisch.
»Ein Geschöpf der Unterwelt wie du«, antwortete Sam.
Die Spinne stieß einen Laut aus, der irgendwo zwischen Zischen und Pfeifen lag. »Du bist nicht wie ich. Du reinigst diesen Ort mit der Macht des Lichts.«
»Und ich werde dich mit dieser Macht vernichten, wenn du nicht freiwillig dorthin zurückkehrst, wohin du gehörst«, stellte Sam fest. »Wesen wie du haben nichts in der Welt der Menschen zu suchen.«
Die Spinne zischte erneut. »Das hast du ebenso wenig. Trotzdem sind wir beide hier. Und dieser Ort ist mein.«
Sam sprang durch die Dimensionen hinter die Spinnendämonin, die, kaum dass sie das letzte Wort ausgesprochen hatte, erneut ihre Fangfäden nach ihr warf und nach ihr schnappte. Sam fühlte allerdings, dass die Spinne insofern die Wahrheit gesprochen hatte, als dass sie durch die Magie Simon Grays an diesen Ort gebunden war, und zwar in einer Weise, die sie zwar nicht vernichtete, wenn Sam den Platz reinigte, aber doch erheblich schwächen und es ihr unmöglich machen würde, noch länger in dieser Dimension zu verweilen. Und da Simon Grays unheilige Aktivitäten die Spinnendämonin mit Kraft versorgten, würde sie diesen Platz nicht freiwillig aufgeben.
Sam wusste, dass sie die Spinne nicht auf herkömmliche Weise vernichten konnte, da sie sich sonst augenblicklich in unzähligen Nachkommen reproduzieren würde, die aber im Gegensatz zu ihr nicht an diesen Platz gebunden wären und die Umgebung heimsuchen würden. Doch das Letzte, was die Welt gebrauchen konnte, war eine Kolonie heranwachsender Spinnendämonen, denen es egal war, ob die Opfer, von denen sie sich ernährten, Tiere oder Menschen waren. Sam musste die Dämonin ablenken und gleichzeitig den Platz reinigen und dafür sorgen, dass die Spinne sie nicht erwischte.
Sie umgab sich mit Unsichtbarkeit, was die Dämonin einen Moment verwirrte und ließ die reinigende Energie weiterhin in den Boden fließen. Das gab der Spinne natürlich Anhaltspunkte, wo Sam sich gerade befand, und sie schoss eine Reihe von Fangfäden in ihre Richtung ab. Sam wechselte durch die Dimensionen den Standort, setzte ihr Werk fort und veränderte ihre Position jedes Mal, wenn die Dämonin sie ausgemacht hatte.
Die Spinne wurde langsam wütend und machte sich nun nicht mehr die Mühe, Sams jeweiligen Standort herauszufinden, sondern deckte den ganzen Platz sich im Kreis drehend mit ihren Fangfäden ein. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie Sam damit erwischte, wenn diese sich nicht zurückzog. Doch die Reinigung des Ortes schwächte die Spinnendämonin langsam.
Gleichzeitig fühlte Sam John Whispering Winds Anwesenheit. Sein Körper führte im fernen Pine Ridge das Vernichtungsritual durch, doch sein Geistkörper war jetzt hier, um Sam beizustehen. Sie konnte ihn sehen, wie er mit den Insignien seiner eigenen magischen Macht bekleidet als geisterhafte, durchscheinende Gestalt am Rand des Kraftplatzes stand und seine Magie über dieses Image jetzt auf die Spinnendämonin lenkte, die noch nichts von der neuen Gefahr ahnte, in der sie jetzt schwebte.
Sam nahm den nächsten Ortswechsel vor, doch diesmal war sie nicht schnell genug. Die Dämonin erwischte sie mit einem Fangfaden. Sam stürzte zu Boden, und die Spinne zog sie mit einem schrillen Laut des Triumphs zu sich heran. Sam hätte sich befreien können, doch das hätte sie zu viel wertvolle Kraft gekostet. Außerdem fühlte sie, dass Johns Ritual jeden Moment seinen Höhepunkt erreichte, der die Spinne vernichtete. Sie ignorierte die Gefahr, in der sie schwebte und leitete ihre gesamte Energie in einem letzten Kraftakt in die Erde hinein, als sich die Kiefer der Dämonin schmerzhaft in ihren Leib bohrten.
Die Erde schien von innen heraus mit Licht förmlich zu explodieren, und die Spinne brüllte gepeinigt auf, als diese Kraft sie traf. Ihre Kiefernzange lockerte den Biss in Sams Körper, und die zersprengte die scharfen Beißwerkzeuge jetzt mit einem Levin-Pfeil. Im selben Moment sang John das letzte Wort seines Rituals. Die Spinnendämonin wurde von einem hellen Nebel eingehüllt, der sich wie eine Blase um sie legte und sich in Sekundenschnelle um sie herum zusammenzog. Wo er ihren Körper berührte, verwandelte er ihn in Staub, der zu Boden fiel. Die Dämonin kreischte auf, und Sam hielt sich die Ohren zu, doch der Laut durchdrang jede Faser ihres gepeinigten Körpers und erstarb erst, als von der Spinne nur noch ein Haufen Staub übrig war, der sich zusammen mit dem Nebel in Nichts auflöste.
Sam atmete auf und befreite sich von den klebrigen Fangfäden, die immer noch an ihr hafteten. Gleichzeitig setzte sie ihre Heilungskräfte ein und flickte ihre zerrissene Haut und das darunter liegende Fleisch wieder zusammen. Johns Geistkörper stand immer noch am Rande des Kraftplatzes und blickte sie besorgt an. Sie lächelte ihm zu, hielt ihm den erhobenen Daumen hin und nickte. Er nickte sichtbar erleichtert zurück und verschwand.
Sam fühlte eine Welle von Schwäche, die sie schwindelig machte und tastete mit ihren magischen Sinnen den gesamten Ort ab. Die Energie, die sich hier von Natur aus in der Erde bündelte, war nun wieder rein und klar, wie sie gewesen war, bevor Simon Gray sie mit seiner Blutmagie beschmutzt hatte. Sam nahm so viel davon in sich auf, wie sie brauchte und wirkte anschließend einen Zauber, den sie in der Erde verankerte und der verhinderte, dass Gray oder irgendjemand anderes diesen Ort jemals wieder für negative Zwecke missbrauchte. Sollte Gray demnächst hier auftauchen, so würde er zu seinem profunden Ärger feststellen, dass er seinen ehemaligen Kraftort nicht einmal mehr betreten konnte.
Sam verspürte jetzt einen nagenden Hunger, doch die nächste Nahrungsaufnahme musste noch eine Weile warten. Zuvor hatte sie noch Einiges zu tun.
Sie kehrte nach Cleveland zurück und suchte zuerst den Rohbau des Erie Lake Towers auf. Mit ihren magischen Sinnen prüfte sie das gesamte Gebäude und stellte fest, dass Gray tatsächlich von Anfang an darin minderwertiges Material verarbeitet hatte, das einer höheren Belastung wie zum Beispiel einem Tornado oder einem Erdbeben niemals standhalten würde. Außerdem würden sich auch ohne solche Extreme innerhalb weniger Jahre, wenn nicht Monate, irreparable Schäden am Mauerwerk zeigen und das gesamte Gebäude kurz darauf zum Einsturz bringen.
Sam seufzte, sammelte erneut ihre Kraft in sich und wandelte das minderwertige Material im gesamten Mauerwerk in festes, solides um, das auch dem stärksten Erdbeben oder Sturm standhalten würde. Nur das Mauerstück, das bereits eingebrochen war und einen Arbeiter verletzt hatte, beließ sie wie es war. Auf diese Weise würde die Prüfungskommission, die das Gebäude in den nächsten Tagen untersuchte, zu dem Schluss kommen, dass S. Gray Constructions das fehlerhafte Material erst in diesem Teil zum ersten Mal eingesetzt hatte. Nach der Beseitigung des Schadens würde der Bau mit dem korrekten Material ganz normal weitergehen.
Nachdem sie das erledigt hatte, blieb Sam nur noch eins zu tun. Sie musste Selina McCarthy und die anderen Windigowak heilen, die immer noch in psychiatrischem Hochsicherheitsgewahrsam saßen. Wieder einmal umgab sie sich mit Unsichtbarkeit und sprang als Erstes direkt in die Zelle von Selina McCarthy. Die Stadträtin lag in ihrem Bett und schlief, was Sam die Sache erleichterte.
Sie erschuf direkt im Magen der Frau einen Klumpen heißen Büffeltalgs, und Selina McCarthy verwandelte sich augenblicklich in den Windigo, der brüllend randalierte und das Zimmer auseinander zu nehmen begann, bevor er sich nur Sekunden später unter Schmerzen krümmte und den Büffeltalg erbrach. Aber zusammen mit dem heißen Talg kam auch das Eisherz aus seinem Körper heraus, das zu Boden fiel und zerbrach, ehe seine Teile dahinschmolzen.
Kaum hatte das Herz ihren Körper verlassen, als Selina McCarthy wieder ihre menschliche Gestalt zurück erhielt und sich keuchend am Boden wand. Sam hörte die Pfleger den Gang hinunter zu ihrem Zimmer rennen, die durch den Lärm angelockt wurden. Sie verwandelte die Reste des Büffeltalgs in ganz normales Erbrochenes und heilte Selina McCarthys innere Verbrennungen, ehe sie ebenso ungesehen wieder verschwand, wie sie gekommen war.
Nachdem sie die anderen Windigowak auf dieselbe Weise geheilt hatte, konnte sie endlich nach Hause gehen. Als erstes brauchte sie Schlaf und am Morgen ein kräftiges Sukkubus-Frühstück. Danach würde sie sich wieder sprichwörtlich wie neu geboren fühlen.
Sie sprang unsichtbar bis zur Straßenecke vor ihrem Haus und ging – jetzt wieder sichtbar, nachdem sie gesehen hatte, dass niemand in der Nähe war und ihr Auftauchen sehen konnte – den Rest des Weges ganz normal zu Fuß. Es war zwar mitten in der Nacht und daher unwahrscheinlich, dass Scott noch wach sein würde. Aber das war schon mal vorgekommen, und dann hatte er am Fenster sitzend auf ihre Rückkehr gewartet. Da ihr Wagen in der Garage stand, wusste er, dass sie von ihrem Trip nach Pine Ridge zurück war. Falls er auf sie wartete, würde es ihm mehr als merkwürdig vorkommen, wenn Sam aus dem Nichts heraus plötzlich vor der Haustür stand. Und das wollte sie nicht riskieren.
Aber im Haus war alles dunkel und still. Sie schloss die Haustür auf und prallte beinahe zurück, als ihr die bösartige Ausstrahlung eines von Simon Grays Traumfängern entgegenschlug. Im nächsten Moment sah sie den Windigo, der im Wohnzimmer stand und auf sie gewartet zu haben schien und der sich jetzt mit einem brüllenden Schrei und rot glühenden Augen auf sie stürzte.
Sam fluchte, schlug die Tür hinter sich zu und schleuderte den Windigo mit einem Zauber zurück. Gleichzeitig tastete sie nach dem Traumfänger und lokalisierte ihn in Scotts Schlafzimmer. Doch bevor sie ihn mit einem Bringzauber holen und vernichten konnte, war der Windigo schon wieder heran und schlug mit seinen Klauen nach ihr. Obwohl Sam zurücksprang, war sie nicht schnell genug, und die Krallen rissen ihr den Arm auf.
Sie fluchte erneut, schleuderte den Windigo noch einmal zurück, dass er gegen die Wand prallte, beförderte den Traumfänger in ihre Hand und vernichtete ihn mit einem Feuerblitz, als der Windigo sich gerade erneut auf sie stürzen wollte. Im nächsten Moment schrumpfte seine Gestalt, und Scott stolperte hilflos nach vorn und fiel auf die Knie.
»Na toll!«, knurrte Sam und ließ das Deckenlicht aufflammen. Scott hockte nackt auf allen Vieren und starrte sie entsetzt an. Seine Augen wurden immer größer, als er sah, dass sich die Wunden an ihrem Körper, die er ihr gerade als Windigo zugefügt hatte, wie von Zauberhand schlossen. Sam seufzte genervt. Diesmal würde sie nicht umhin kommen, bei Scott einen Vergessenszauber anzuwenden, damit er sich an die Dinge, die er gerade sah und gleich noch sehen würde, nicht mehr erinnerte, sondern allenfalls daran einen Albtraum gehabt zu haben, in dem verrückte Dinge geschehen waren.
Als erstes zauberte sie ihm Boxershorts und T-Shirt auf den Leib, in denen er immer schlief. Danach reparierte sie auf dieselbe Weise die Möbelstücke, die zu Bruch gegangen waren. Scotts Augen wurden mit jeder Demonstration ihrer magischen Fähigkeiten größer, bis sie ihm beinahe aus dem Kopf zu fallen schienen.
»Was zum Teufel ...«, entfuhr es ihm schließlich, als sie fertig war.
Sam wirkte den Vergessenszauber. »Das ist nur ein Traum, Scott. Du hattest nur einen verrückten Traum.«
Er starrte sie immer noch an, und Sam runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte hier nicht. Der Zauber hätte bewirken müssen, dass Scott augenblicklich wieder in sein Schlafzimmer zurückkehrte und sich ins Bett legte, wo er bis zum Morgen durchgeschlafen hätte. Jetzt kniff er sich selbst in den Arm und sog scharf die Luft ein, als er den Schmerz spürte.
»Ich träume nicht!«, stellte er mit beginnender Panik in der Stimme fest. »Sam, was ist hier los?«
Sam fluchte zum dritten Mal, seit sie das Haus betreten hatte, diesmal lange und ausgiebig in Unadru. Sie wirkte den Zauber erneut und manifestierte ihn mit ihrer gesamten Macht. Scott griff sich mit beiden Händen an den Kopf, stöhnte und sackte zusammen, und sie hörte sofort auf. Sie tastete ihn mit ihren magischen Sinnen ab und stellte fest, dass die Verwandlung in den Windigo aus einem ihr unerklärlichen Grund gegen den Vergessenszauber immun gemacht hatte und möglicherweise auch gegen andere Magie. Ob das vorübergehend oder von Dauer war, konnte sie im Moment allerdings nicht sagen.
»Sam!«, flehte er jetzt beinahe. »Was ist hier los? Was ist passiert? Und«, er hielt die Luft an und schüttelte den Kopf, »was, in Gottes Namen, bist du?«
Sam stieß scharf die Luft aus, schloss die Augen und fürchtete sich vor dem, was jetzt unweigerlich kommen würde. Scott trat einen Schritt auf sie zu und sah sie ernst an.
»Sam, ich kann mit einer Menge Dinge leben, auch mit unangenehmen Wahrheiten. Womit ich aber nicht leben kann – nicht leben will, sind Lügen zwischen uns.«
Sie seufzte. Sie wusste genau, wie er reagieren würde, wenn sie ihm die Wahrheit sagte, aber sie brachte es nicht über sich, ihn weiterhin zu belügen. Abgesehen davon, dass ihr spontan auch gar keine Lüge einfiel, die ihm glaubhaft erklärt hätte, was gerade passiert war.
»Der Traumfänger, den du wohl von Simon Gray erhalten und über dein Bett gehängt hast, war mit einem Zauber präpariert, der jeden, der in seinem Einflussbereich schläft, in einen Windigo verwandelt. Das ist eine Art Dämon, der sich von Menschenfleisch ernährt.«
Er starrte sie verwirrt an. »Zauber«, wiederholte er, als könnte er nicht begreifen, was sie gesagt hatte. »Dämon.« Doch da er selbst wusste, dass er nicht träumte und es keine andere, vor allem rationale Erklärung für das gab, was er gerade erlebt hatte, musste er das wohl glauben. »Und«, er schluckte, »was ... was bist du? Eine – Hexe oder so was?«
Sam atmete einmal tief durch. »Schlimmeres«, gestand sie. »Das wird jetzt zwar ein gewaltiger Schock für dich sein, aber«, sie zuckte mit den Schultern, »ich bin kein Mensch. Ich bin ein Sukkubus.«
»Ein was?«
»Ein Sukkubus. Eine Dämonin, die von Sexenergie lebt.«
Er starrte sie an, und langsam breitete sich Ärger und Verletztheit in seinem Gesicht aus. »Sam, ich finde das nicht witzig!«
»Ich auch nicht. Du wolltest die Wahrheit wissen, und das ist sie.«
Er glaubte ihr immer noch nicht. »Also, lass uns das mal ganz vernünftig durchgehen«, sagte er schließlich. »Du willst mir weismachen, dass du kein Mensch bist, sondern eine Dämonin.« Er schüttelte den Kopf. »Was soll das, Sam? Verdammt, wenn du ein Geheimnis hast, über das du nicht reden willst, dann sag das doch einfach! ‚Scott, ich will – oder kann – darüber nicht reden!’ Dann ist die Sache gut, und ich akzeptiere das. Aber so ein Märchen«, er schüttelte erneut den Kopf, »du kannst doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich das glaube.«
»Es ist kein Märchen, sondern die Wahrheit«, erklärte sie ihm geduldig. »Ebenso wie es menschliche Hexen gibt, für die du mich ja gerade schon gehalten hast, gibt es auch Dämonen. Und ich bin eine Dämonin, die sich von Sexualenergie ernährt. Ich brauche die jeden Tag, um zu überleben, ebenso wie du normales Essen brauchst.«
Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, keimte in ihm gerade ein schrecklicher Verdacht, der allerdings in eine ganz andere Richtung ging und das für ihn Unglaubliche der Existenz von Magie und Dämonen völlig ausblendete. »Jeden Tag?«, vergewisserte er sich und sah sie an, als wäre sie eine vollkommen Fremde. »Aber wir schlafen doch gar nicht jeden Tag mit einander. Und wenn du auf Reisen bist ...« Er unterbrach sich und trat einen Schritt von ihr zurück. »Oh mein Gott! Du betrügst mich! Und du hast mich die ganze Zeit betrogen, seit wir uns kennen!«
»Nein, verdammt!«, verteidigte sie sich, obwohl sie ahnte, dass es zwecklos war. »Ich bin dir so treu, wie ich es nur sein kann. Aber ein Mensch allein kann mir nicht alles geben, was ich zum Leben brauche. Also muss ich zwei- bis dreimal die Woche, eh, auswärts speisen.«
Er starrte sie perplex an, und Sam konnte förmlich sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete. Er hob abwehrend die Hände.
»Okay, Sam, ich glaube dir, dass du selbst glaubst, was du da sagst, aber siehst du denn nicht, dass das«, er suchte nach Worten, »krank ist? Ich meine, was ist mit dir los, dass du eine Geschichte von Dämonen erfinden musst, um dich von aller Schuld reinzuwaschen und eine fadenscheinige Entschuldigung für deine Untreue zu haben. Das ist ...«
»Die Wahrheit«, unterbrach sie ihn ruhig. »Du hast doch vorhin meine magischen Kräfte mit eigenen Augen gesehen. Und du selbst warst vor wenigen Minuten ebenfalls noch ein Dämon, wie du dich erinnern wirst, da du ja – zu Recht – der Überzeugung bist, nicht geträumt zu haben. Scott, es gibt sehr viel mehr Dinge im Himmel und auf der Erde als sämtliche Schulweisheiten der Welt sich je haben träumen lassen. Und dazu gehört auch die Tatsache, dass es Dämonen gibt, unter denen wiederum etliche Sukkubi und Inkubi, die sich von Sex ernähren. Und ich bin eine davon.«
Er musste ihr glauben, da er sich die Geschehnisse eben nicht anders erklären konnte. Doch er war offensichtlich tief verletzt von ihrem Geständnis. »Dann bin ich also nichts anderes für dich als«, er suchte nach einem passenden Vergleich, »als ein Steak, mit dem du deinen Hunger stillst?«
»Nein, natürlich nicht! Ich liebe dich, Scott, was für meine Art von Natur aus eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Darum lebe ich mit dir zusammen. Wärst du nur ein Objekt zum Stillen meines Hungers, so hätte ich mich nach unserer ersten Begegnung kein zweites Mal mit dir getroffen. Und wenn ich es könnte, glaube mir, dann gäbe es nur dich für mich und dich allein. Aber du bist ein Mensch und besitzt nicht genug Energie, um mich ausreichend ernähren zu können. Selbst wenn wir jeden Tag miteinander schliefen, was kein Mensch auf die Dauer durchhalten könnte, reichte deine Energie nicht aus, um mich wirklich zu sättigen. Ich würde an deiner Seite langsam Stück für Stück und über Jahre hinweg verhungern oder dich irgendwann töten, weil ich deine gesamte Energie benötige, um weiterzuleben. Aber das Letzte was ich will, ist dir zu schaden.«
Er schwieg eine Weile. »Du und deinesgleichen, ihr seid also eine Art Vampire?«
Sie nickte. »In gewisser Weise. Nur ernähren wir uns nicht vom Blut unserer Partner, sondern von der Energie, die durch den Sex mit ihnen entsteht. Und wie du selbst aus Erfahrung weißt, geben wir durchaus etwas zurück: eine Freude solchen Ausmaßes, wie kein menschlicher Partner sie euch jemals geben könnte.«
Das konnte Scott nicht leugnen. Auch wenn er es sich nicht eingestehen mochte, er war Sam wegen dieser unbeschreiblichen Freude regelrecht verfallen. Umso heftiger traf ihn jetzt die Erkenntnis, dass sie diese Freude auch noch anderen Männern schenkte. Vielleicht auch: »Dieser Typ, den du mir mal als deinen Bruder vorgestellt hast, war wohl auch einer deiner, hm, auswärtigen Speisen, wie?«
»Conaru ist wirklich mein Bruder«, versicherte sie ihm. »Außerdem habe ich noch einen Vater, eine jüngere Schwester und eine Cousine.«
»Und die sind auch alles, hm, Dämonen?«
»Ja. Wir sind so geboren worden. Und ich kann auch nichts dafür, dass ich so leben muss, um überhaupt existieren zu können. Natürlich könnte ich wie jeder Mensch eine zeitlang fasten. Das habe ich am Anfang unserer Beziehung getan, so lange ich es aushalten konnte. Aber irgendwann muss jedes Fasten gebrochen werden, wenn man sich nicht zu Tode hungern will. Es tut mir leid, Scott. Ich hätte es vorgezogen, dass du das niemals erfahren musst, aber nun weißt du es. Und in gewisser Weise bin ich sogar froh darüber, denn jetzt muss ich dich wenigstens nicht mehr belügen und meine wahre Natur vor dir verbergen.«
Doch natürlich bedeutete ihr Geständnis das Ende ihrer Beziehung. Ihr Bruder hatte recht gehabt, als er ihr genau das vor ein paar Monaten prophezeite. Sukkubi und Menschen konnten niemals eine funktionierende Beziehung eingehen. Jedenfalls nicht auf Dauer.
Scott schüttelte den Kopf und trat noch einen weiteren Schritt von ihr zurück. »Das muss ich jetzt erst mal verdauen«, sagte er leise. »Und ich hoffe, du kannst verstehen, dass ich das am besten tun kann, wenn ich dich ... wenn wir uns eine Weile nicht sehen.«
Sie nickte. Schließlich hatte sie nichts anderes erwartet. Wohl aber erhofft. »Ich packe meine notwendigsten Sachen und verschwinde. Den Rest werde ich abholen, wenn ich in«, sie zögerte, »in drei Monaten nichts von dir gehört habe. In dem Fall betrachte ich unsere Beziehung als beendet.«
»Du wirst bestimmt darüber hinweg kommen«, meinte er sarkastisch.
»Natürlich. Irgendwann im Laufe der gut sechs Jahrhunderte, die ich voraussichtlich noch leben werde, komme ich schon darüber hinweg. Aber«, sie sah ihm in die Augen, »ich hatte gehofft – und hoffe immer noch –, dass ich über das Ende unserer Beziehung erst hinweg kommen müsste, wenn dein natürliches Lebensende uns eines Tages trennt.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich bin nun mal ein Sukkubus. Das ist meine Natur, gegen die ich nichts tun kann.«
»Ja, das Argument höre ich jeden Tag auch von meinen Klienten«, stellte er bitter fest. »Vor allem von den Schuldigen unter ihnen.«
Der Blick, den sie ihm zuwarf, sagte mehr als alle Worte, dass er sie damit verletzt hatte. Doch er brachte es nicht über sich, noch etwas Versöhnliches zu sagen. Sie hatte ein Doppelleben geführt und ihn betrogen, und das empfand er als den schlimmsten nur möglichen Verrat.
Sie wandte sich wortlos um und ging die Treppe nach oben in ihr Schlafzimmer. Und wenn ein Sukkubus hätte weinen können, so hätte Tai’Samala jetzt bittere Tränen vergossen.
Da sie ihre Reisetasche von ihrem Trip nach Pine Ridge noch nicht ausgepackt hatte, musste sie den Sachen nicht mehr viel hinzufügen. Als sie mit der Tasche über der Schulter wieder ins Wohnzimmer kam, saß Scott in einem Sessel und sah ihr mit einem Ausdruck von Gekränktheit und Abscheu entgegen. Und der verletzte Sam mehr als die Tatsache, dass er sie hinauswarf. Er presste jetzt die Lippen fest zusammen und forderte sie mit seiner gesamten Körperhaltung und Mimik dazu auf, schnellstens zu verschwinden, weil er ihren Anblick nicht mehr ertrug.
Sam seufzte tief, und ging, ohne ihrerseits noch ein Wort zu sagen. Im Hinausgehen beschwor sie allerdings einen Luftelementar und beauftragte ihn, über Scott zu wachen und ihr unverzüglich zu melden, sollte er jemals in Gefahr geraten. Scott mochte sie vielleicht nie mehr sehen wollen, aber sie würde immer über ihn wachen, solange er lebte.

Das Schrillen des Telefons weckte Sam unsanft aus ihrem Schlaf. Nachdem sie letzte Nacht ihr Haus verlassen hatte, war sie ins Büro gefahren, wo sie unter anderem eine Schlafcouch mit Bettzeug für alle Fälle in einem Nebenraum eingerichtet hatte.
»Sam Tyler, Privatermittlungen, Sie sprechen mit Molly Spring«, hörte sie ihren Dienergeist sich melden, der ihrer Vereinbarung gemäß ständig im Büro anwesend war und so auch des nachts Gespräche entgegennehmen konnte, um sie im Bedarfsfall an Sam weiterzuleiten.
Sam signalisierte »Molly« mit einer leichten Psi-Berührung ihres Bewusstseins, dass Sam wach und bereit war, das Gespräch anzunehmen.
»Einen Augenblick bitte, Lieutenant Kerry. Ich verbinde Sie.«
Der Geist stellte das Gespräch auf den Apparat um, der im Ruheraum neben der Couch stand, und Sam nahm den Hörer ab. »Guten Morgen, Ron. Was gibt es Neues?«
»Morgen, Sam. Ich habe die traditionelle gute und die schlechte Nachricht. Welche willst du zuerst hören?«
»Die gute, bitte.« Denn eine schlechte Nachricht vertrug sie heute auf nüchternen Magen schlecht.
»Wir haben in Simon Grays Wohnung alle Beweise gefunden, die wir für eine Anklage gegen ihn brauchen wegen der vergifteten Traumfänger. Und in seinem Büro fanden sich weitere Beweise nicht nur dafür, sondern auch, was seine Machenschaften hinsichtlich des Erie Lake Tower Projekts betrifft. Offensichtlich hat er geplant, durch die Verwendung von dafür nicht zugelassenen billigen Baustoffen, die er umdeklariert hat, einen fetten Reibach zu machen. Und er hat mit den Traumfängern jeden aus dem Weg zu räumen versucht, der ihm entweder auf die Schliche gekommen ist oder ihm anderweitig im Weg war.«
Sam fragte sich allerdings, wie Scott da hineinpasste, vermutete aber, dass es etwas mit seiner Arbeit als Anwalt zu tun haben musste. »Und wie lautet die schlechte Nachricht?«
»Gray ist uns entwischt und untergetaucht. Wir beobachten seine Wohnung und sein Büro und auch die Baustelle, aber bis jetzt hat er sich nirgends blicken lassen.«
»Falls Johns Vermutung stimmt, ist er wohl auf dem Weg zu ihm, um sich an ihm zu rächen«, meinte Sam. »Ich habe auch ein paar gute Nachrichten für dich. Sowohl Grays Kraftplatz als auch sein Spinnendämon sind vernichtet, und die Windigowak allesamt geheilt. Auch Kevin Hopkins. Er kann also gefahrlos entlassen werden, sobald die Sache offiziell perfekt ist.«
»Das ist wundervoll, Sam«, fand Ronan. »Ist alles in Ordnung mit dir? Du klingst so, hm, bedrückt.«
»Ich hatte nur eine sehr lange Nacht, bin müde und habe seit gestern Morgen nichts mehr gegessen. Nach einer ausgiebigen Mahlzeit bin ich wieder in Ordnung.«
Zumindest körperlich würde sie das sein. Unter den Nachwirkungen ihres Zerwürfnisses mit Scott würde sie wohl noch sehr viel länger zu leiden haben. Oh Miyuki!, dachte sie zum unzähligsten Mal während der letzten Monate an den Geist gerichtet, der ihr die Fähigkeit zu lieben geschenkt hatte. Wie sehr hast du mich mit deinem Geschenk verflucht und verdammt!
Sie beendete ihr Gespräch mit Ronan und stellte fest, dass es bereits elf Uhr vormittags war. Das erleichterte ihr das Finden ihrer Sukkubus-Mahlzeit, denn um diese Zeit hatte das Joyful Bliss bereits geöffnet. Vordergründig war es ein Kabarett mit einem exklusiven Programm, aber im Barbereich war es nichts anderes als eine Kontaktbörse für Leute auf der Suche nach einem One-Night-Stand oder einer flüchtigen Stunde Sex.
Natürlich hätte Sam jeden beliebigen Mann von der Straße mit ihrer Lockmagie verführen können, aber sie zog es vor, sich einen von denen auszusuchen, die ohnehin auf der Suche nach einem flüchtigen, unverbindlichen Abenteuer waren. Außerdem brauchte sie heute eine besonders große Mahlzeit und hatte keine Zeit, um erst noch nach geeigneten Kandidaten zu suchen. Sie schnappte sich im Joyful Bliss den erstbesten Mann und ließ ihm noch zwei weitere folgen, ehe sie sich gesättigt fühlte und in der Lage war, ihrer Arbeit unbeeinträchtigt nachzugehen. Solange Simon Gray noch auf freiem Fuß war, würde sie all ihre Kraft brauchen.

Simon Gray Fox Hunting oder Anpétu-wi-sápa – Schwarze Sonne – wie sein spiritueller Name lautete, empfand ein solches Ausmaß an Wut und Hass, dass er das Gefühl hatte, daran zu ersticken. Momentan sah er sich allerdings außerstande zu entscheiden, wen er mehr hasste: seinen früheren Lehrer John Whispering Wind, der seinen Spinnendämon vernichtet hatte, oder das Wesen, das seinen Kraftplatz für ihn für alle Zeiten unbrauchbar gemacht und seinen mühsam erschaffenen Vorrat an Traumfängern zerstört hatte. Nur in einem Punkt war er sich sicher: Sie mussten beide sterben.
Oder doch zumindest leiden. Dass er ohne einen neuen Kraftplatz und die Hilfe eines anderen Dämons nicht in der Lage sein würde, dem anderen Wesen etwas anzuhaben, das, wie er gefühlt hatte, definitiv kein Mensch und sehr mächtig war, war ihm klar, nachdem er die magische Signatur analysiert hatte, die es an seinem Kraftplatz hinterlassen hatte. Doch diese Signatur hatte er zufällig in einem Bereich von Cleveland entdeckt, in dem Es wohl sein Domizil hatte. Er fuhr dorthin, nachdem ihm klar war, dass die Polizei hinter ihm her war und er weder in sein Haus noch in sein Büro jemals zurückkehren konnte. Und dafür wollte er Blut sehen. Das von Whispering Wind und das von dem Wesen.
Letzteres würde er tatsächlich verschieben müssen, bis er sich anderswo neu etabliert hatte, nachdem das Pflaster in Cleveland für die nächsten Jahre für ihn zu heiß geworden war. Denn das Haus, zu dem ihn die Signatur geführt hatte, war von so starken magischen Schutzschilden umgeben, dass er sich nicht einmal sicher war, sie mit der Macht eines Dämons brechen zu können, geschweige denn allein. Also würde er sich zunächst nach Pine Ridge absetzen und Whispering Wind erledigen, ehe er sich irgendwann diesem Wesen widmete.
Doch der Zufall kam ihm zu Hilfe. Als er gerade seinen Beobachtungsposten vor dem Haus aufgeben wollte, wurde die Haustür geöffnet, und ein Mann kam heraus, den er kannte: der Anwalt Scott Parker. Jetzt glaubte er auch zu verstehen, weshalb das Wesen sich überhaupt eingemischt hatte. Es war in irgendeiner Weise mit diesem Anwalt verbunden, der – wahrscheinlich ebenfalls mit Hilfe des Wesens, das ihn offensichtlich beschützte – dem Schicksal entgangen war, ein Windigo zu werden. Andernfalls säße er jetzt wie die anderen Opfer entweder im Gefängnis oder in der Psychiatrie. Doch das bedeutete, dass Parker dem Wesen nicht gleichgültig war. Also würde Simon Gray Fox Hunting Ihm zumindest ein gewisses Ungemach bereiten, wenn er den Anwalt tötete.
Er heftete sich an dessen Fersen.

Scott hatte eine schreckliche Nacht verbracht, in der an Schlaf nicht zu denken gewesen war. Aus diesem Grund hatte er am frühen Morgen in der Kanzlei angerufen und einen sofortigen Besuch bei seinem Klienten Kevin Hopkins vorgeschützt, um erst später am Tag im Büro auftauchen zu müssen. Er fühlte sich schrecklich, wofür allerdings die Erinnerung an den Horror seiner eigenen Verwandlung in ein dämonisches Wesen der geringste Grund war. Seine Gedanken kreisten nur um Sam und das, was sie ihm über sich eröffnet hatte. Dass sie über magische Kräfte verfügte, nahm er mehr oder weniger gelassen hin, obwohl es natürlich eine unangenehme Überraschung für ihn war zu erfahren, dass es tatsächlich Magie und auch Dämonen gab. Dass Sam einer von denen war, verursachte ihm zwar Unbehagen, aber auch damit hätte er mit der Zeit umgehen können, weil er sie liebte.
Womit er aber nicht umgehen konnte, war die Tatsache – und an Sams diesbezüglichen Behauptungen zweifelte er inzwischen nicht mehr – dass sie sich von Sex ernährte wie ein Vampir und zu diesem Zweck jeden Tag mit mindestens einem Mann schlafen musste, wenn nicht mit mehreren. Dass sie ihn betrogen und hintergangen hatte, seit sie sich kannten. Für ihn war Treue in einer Partnerschaft nicht nur selbstverständlich, sondern essentiell, und er verlangte dasselbe auch von seiner Partnerin. Doch genau das konnte oder wollte Sam ihm nicht geben. Und natürlich genoss sie ihre Seitensprünge; das konnte ja gar nicht anders sein. Wahrscheinlich hatte sie heute schon entsprechend ausgiebig »gefrühstückt« und zu diesem Zweck mit irgendeinem wildfremden Mann ...
Scott riss sich gewaltsam von der Vorstellung los und konnte nicht verhindern, dass ihm die Tränen kamen. Er liebte Sam so sehr, aber diese Liebe basierte auf einer Lüge, und ihr Verrat zerriss ihm das Herz. Er wollte sie nie wieder sehen und wünschte sich gleichzeitig, sie wäre bei ihm, damit er ihr beweisen konnte, wie sehr er sie liebte. Es war ein Dilemma!
Doch da er das nicht innerhalb der nächsten Stunden lösen konnte – wenn es überhaupt zu lösen wäre – und außerdem Arbeit zu erledigen hatte, riss er sich zusammen, so gut es ging, und machte sich nach einem ausgiebigen Mittagessen auf den Weg zur Kanzlei. Er war so in seine düsteren Gedanken versunken, dass er nicht merkte, dass er verfolgt wurde.

Eine Stunde später parkte Scott seinen Wagen auf dem für ihn reservierten Parkplatz in der Tiefgarage der Kanzlei. Dem Wagen, der hinter ihm eingefahren war und jetzt ein paar Plätze weiter parkte, schenkte er keine Beachtung. Deshalb kam auch der Angriff für ihn völlig überraschend. Er verspürte einen heftigen Schlag gegen den Rücken, der wie Feuer brannte und ihn von den Beinen riss. Als er sich panisch umwandte, um wenigstens zu versuchen, sich gegen seinen Angreifer zu wehren, sah er sich Simon Gray gegenüber, der ihn mit einem von Hass verzerrten Gesicht ansah. Seine Hände leuchteten rot, als hielte er glühende Feuerbälle darin.
»Hallo Mr. Parker!«, sagte er gehässig. »Schöne Grüße an das Ding, das Sie mir auf den Hals gehetzt haben!«
Er hob die Hände mit den »Feuerbällen« und Scott wusste, dass dies das Ende war und die Dinger ihn töten würden. Er sah dem Tod ins Auge – und fühlte nichts. Kein Erschrecken, keine Furcht, nicht einmal Bedauern. Er akzeptierte sein Schicksal einfach, und sein letzter Gedanke galt Sam.
Doch der Tod kam noch nicht. Stattdessen fuhr ein greller Blitz über ihn hinweg und traf Simon Gray in die Brust. Er wurde zurückgeschleudert, prallte mit dem Rücken gegen die Garagenwand, sackte wie in Zeitlupe daran herab und blieb reglos liegen.
Scott starrte ihn eine Sekunde lang perplex an, ehe er sich langsam aufrichtete und sich umdrehte. Und da stand Sam, deren Hand immer noch vor Energie glühte, die sie jetzt langsam verlöschen ließ. Sie trat zu dem Mann, hielt ihre Hand über seinen Kopf, und Scott konnte sehen, dass etwas wie ein roter Nebelschwaden sich daraus löste und auf Sam überging.
»Wie kommst du denn hierher?«, entfuhr es ihm, ehe er begriff, dass das in dieser Situation eine reichlich unsinnige Frage war.
»Ich war die ganze Zeit in deiner Nähe«, gestand sie, und in ihrer Stimme klang eine so tiefe Traurigkeit, dass es ihm ins Herz schnitt. »Ich wusste, dass du in Gefahr warst und wollte dich beschützen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich liebe dich, Scott, und ich werde immer über dich wachen, solange du lebst.« Und sie würde den Luftelementar, der ihr den Angriff auf ihn unverzüglich mitgeteilt hatte, erst wieder entlassen, wenn Scott eines fernen Tages gestorben war.
Scott fühlte das brennende Verlangen, sie in die Arme zu nehmen und hier und jetzt mit ihr zu schlafen, so heftig, dass es beinahe schmerzte. Doch das Bewusstsein, dass er nicht der einzige Mann in ihrem Leben war und niemals würde sein können, dass es noch ganze Legionen anderer Männer gab und immer geben würde, erweckte in ihm denselben Widerwillen wie in dem Moment, da sie ihm gestanden hatte, was sie war.
»Danke«, sagte er leise. »Aber das ändert nichts, Sam. Ich kann nicht ...« Er schüttelte den Kopf.
»Das habe ich auch nicht erwartet. Obwohl ich natürlich hoffe, dass du eines Tages akzeptieren kannst, was ich bin.«
»Wie sollte ich das können? Selbst wenn ich das irgendwie hin bekäme, aber sobald irgendein Richter, Staatsanwalt, missgünstiger Kollege oder Verbrecher mitbekommt, dass meine, hm, Freundin mich permanent betrügt, bin ich angreifbar. Und das darf ich in meinem Job im Interesse meiner Mandanten nicht sein.« Er schüttelte erneut den Kopf. »Oh Gott, vielleicht hast du sogar schon mit einem Richter oder Staatsanwalt, den ich kenne ...« Wieder sprach er den Satz nicht zu Ende.
Sam nickte. »Aber sicher habe ich mich schon von einigen von denen ernährt. Doch das muss dich nicht beunruhigen, denn du bist der einzige Mann, der mich beim Akt in meiner wahren Gestalt sieht.«
Scott hatte zunehmend Mühe, sein Verlangen nach ihr zu beherrschen, obwohl Sam ihn mit keiner Geste ermutigte. Das Denken fiel ihm schwer. »Was soll das heißen?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Das ist ein Schutzmechanismus und gleichzeitig ein Teil der Belohnung, die wir den Menschen zurückgeben. Wenn ich meinen Hunger stillen muss, sieht jeder Mann, der mich nährt, in mir die Frau seiner Träume, die er mehr begehrt als jede andere Frau auf der Welt. Keiner von denen hat mich je so gesehen wie ich wirklich bin. Du würdest durch mich also niemals kompromittiert werden. Und falls alle Stricke reißen, gibt es immer noch einen Vergessenszauber, mit dem ich das unerwünschte Wissen aus dem Gedächtnis löschen kann.«
Sie trat auf ihn zu und streckte ihm die offene Handfläche entgegen. Bevor er zurückweichen konnte, fühlte er, wie sich eine angenehme Wärme in ihm ausbreitete und die Verletzung, die Simon Gray ihm beigebracht hatte, aufhörte zu schmerzen und verschwand. »Was ...«
Sam zuckte mit den Schultern. »Ich besitze auch Heilungskräfte, Scott.« Sie blickte ihn ernst und beinahe flehentlich an. »Ich bin mit dir zusammengezogen, weil ich dich gern hatte und inzwischen aufrichtig liebe. Für meine Mahlzeiten hätte ich wie in all den Dekaden davor x-beliebige andere Männer in beliebiger Zahl nehmen können. Du bist etwas Besonderes.«
»Ich fühle mich geschmeichelt, Sam, aber«, er schüttelte den Kopf, »ich kann das nicht akzeptieren. Im Moment noch nicht. Und vielleicht werde ich es nie können. Es tut mir leid.«
Sie nickte langsam. »Ich verstehe.« Sie zog den Ring vom Finger, den er ihr erst vor wenigen Wochen geschenkt hatte, als er sie bat, ihn zu heiraten. »Jetzt weißt du, warum ich gesagt habe, dass es mit uns nicht gut gehen kann«, sagte sie traurig. »Erinnerst du dich auch noch daran, was du geantwortet hast, als ich von dem Geheimnis meiner Familie sprach und sagte, dass du nach dessen Offenbarung wohl nichts mehr mit mir zu tun haben willst?«
Er schwieg, obwohl Sam sich sicher war, dass er sich sehr genau daran erinnerte.
»Du sagtest«, half sie ihm auf die Sprünge, »dass dieses Geheimnis und nichts, was ich getan habe, deine Liebe zu mir würde auslöschen können.« Sie drückte ihm den Ring in die Hand. »Das war wohl eine Illusion. Falls du es dir irgendwann anders überlegen solltest, kannst du dich ja melden.« Sie wandte sich ab, drehte sich aber noch einmal zu ihm um. »Weißt du, wenn du mit der Offenbarung dessen, was ich bin, hättest leben können – hättest leben wollen –, so hätte ich mit Freuden deinen Heiratsantrag angenommen. Aber das hat sich ja jetzt erledigt.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Du willst eine normale Beziehung zu einer normalen Frau, aber die bin ich nun einmal nicht und werde nie eine sein können. Abgesehen davon, dass du bei einer Menschfrau auch nie die Garantie hättest, dass sie dich nicht betrügt. Der Unterschied ist lediglich, dass deren Untreue nichts mit einer überlebenswichtigen Notwendigkeit zu tun hätte wie bei mir, sondern tatsächlich etwas mit Gefühlen und mangelnder Liebe zu dir. Aber das ist dir ja alles völlig egal.« Sie wandte sich endgültig zum Gehen.
»Wo wohnst du denn jetzt?«
»In meinem Büro. Dort steht eine Schlafcouch für Notfälle. Ich brauche nicht viel Platz oder gar Luxus.« Sie warf einen Blick auf den bewusstlosen Simon Gray. »Ruf die Polizei, damit sie den Kerl einsammelt. Lieutenant Ronan Kerry hat die Nummer 78251 und ist gerade in seinem Büro.«
Scott griff gehorsam zum Handy. »Was zum Teufel ist der Kerl eigentlich?«, wollte er wissen. »Nach dem, was ich gesehen habe, ist er wohl – kein Mensch, nicht wahr?«
»Doch, aber einer mit magischer Begabung, die er missbraucht hat. Allerdings wird er damit nie wieder einem Menschen schaden. Ich habe ihm seine Kräfte genommen. Er ist jetzt nicht gefährlicher als jeder normale menschliche Gewaltverbrecher.« Sie blickte Scott an, der sich nicht von der Stelle rührte und ihren Blick traurig zurückgab und nickte schließlich. »Wie gesagt, ich werde immer über dich wachen und dich beschützen, Scott. Wenn du deine endgültige Entscheidung getroffen hast, weißt du ja, wo du mich findest.«
Ohne ein weiteres Wort verschwand sie vor seinen Augen, als hätte sie sich von einer Sekunde zur anderen in Luft aufgelöst, und er blieb allein zurück mit seiner Verwirrung und seinem Schmerz. Schließlich rief er Lieutenant Kerry an und erklärte ihm, was vorgefallen war.
Nur zehn Minuten später traf die Polizei in der Tiefgarage ein. Ein Beamter in Zivil kam auf ihn zu, dessen auffallend grüne Augen ihn schmerzhaft an Sam erinnerten. »Lieutenant Ronan Kerry«, stellte er sich vor, als er Scott die Hand schüttelte. »Sie hatten mich angerufen. Wo ist Sam?«
»Fort«, murmelte Scott und musterte den Mann reserviert. Sam hatte mit ihm während der letzten Tage viel Zeit verbracht und mit Sicherheit auch mit ihm geschlafen. Scott konnte den Gedanken kaum ertragen.
»Macht nichts«, sagte Ronan jetzt. »Sie kann ihre Aussage auch später zu Protokoll geben.« Er blickte Scott aufmerksam an. »Sie sind also Scott. Kommen Sie mit, ich muss Ihre Aussage aufnehmen.«
Scott folgte ihm, während Ronans Kollegen den immer noch bewusstlosen Simon Gray hochhoben und in einen Streifenwagen verfrachteten. Eine halbe Stunde später saß Scott in Ronans Büro, wo der seine Aussage in den Computer tippte.
»Kennen Sie Sam schon lange?«, fragte Scott schließlich. Einerseits wollte er keine Einzelheiten über das Verhältnis von Sam zu diesem Mann wissen, andererseits fraß ihn die Ungewissheit regelrecht auf.
»Seit gut zehn Jahren«, gab Ronan freimütig zu. »Seit sie in Cleveland wohnt. Ich war damals noch Streifenpolizist und habe ihr einen Strafzettel verpasst, weil sie ein bisschen zu schnell gefahren ist.«
»Kennen Sie sie gut? Ich meine ...« Er unterbrach sich und biss sich auf die Lippen.
»Im biblischen Sinne?«, half Ronan ihm auf die Sprünge. »Ja, aber das ist lange her. Eine fest Beziehung hatten wir ohnehin nie, und unsere sporadischen One-Night-Stands sind vorbei, seit ich vor fünf Jahren meine Frau kennengelernt habe.« Er blickte Scott aufmerksam an. »Sie hat Ihnen also endlich offenbart, was sie ist«, vermutete er.
»Sie wissen das auch?« Scott war maßlos verblüfft.
»Von Anfang an. Meine Mutter war eine Dryade, eine Baumnymphe, und somit bin ich genau genommen nur zur Hälfte ein Mensch. Ich erkenne die Anderen immer, wenn ich sie sehe. Und das war bei Sam nicht anders.« Er musterte Scott nachdenklich. »Ich habe das Gefühl, dass Sie mit Sams Natur nicht so ganz klar kommen.«
»Nicht so ganz ist die Untertreibung des Jahrhunderts, Lieutenant«, gestand Scott und fasste ein spontanes, ihm selbst unerklärliches Vertrauen zu dem Mann. »Könnten Sie damit umgehen zu wissen, dass Ihre Frau neben Ihnen noch reihenweise mit anderen Männern schläft?«
Ronan blickte ihn offen an. »Ich bin Ihnen gegenüber insofern im Vorteil, Scott, als dass ich buchstäblich seit meiner Geburt von der Existenz der Anderen weiß, weil meine Mutter eine von ihnen war. Ich bin mit diesem Wissen und meinen eigenen bescheidenen magischen Kräften aufgewachsen. Da auch Dryaden manchmal gewisse sukkubische Verhaltensweisen zeigen und ich mit denen vertraut bin, könnte ich eine feste Partnerschaft mit einem Sukkubus einschließlich der Nebenwirkungen, die Ihnen jetzt so sehr zu schaffen machen, relativ problemlos akzeptieren, besonders wenn ich diesen Sukkubus liebte. Schließlich hat die für Sam lebensnotwendige Zusatzernährung außer Haus nichts mit ihren Gefühlen für Sie zu tun.«
Scott versuchte das zu glauben. Vielmehr sagte ihm sein Verstand, dass dem wohl tatsächlich so war, aber er fühlte sich einfach nur zutiefst verletzt von Sams Doppelleben und vor allem davon, dass sie ihm ihre wahre Natur die ganze Zeit über verheimlicht hatte.
Ronan sah ihn eindringlich an. »Sam liebt Sie, Scott. Und das ist ein Wunder für sich, da Sukkubi normalerweise zu solchen Gefühlen nicht fähig sind. Weisen Sie dieses Wunder nicht einfach zurück, nur weil Sam ihrer Natur folgen muss, um überhaupt am Leben bleiben zu können.«
Scott antwortete nicht darauf, und Ronan drang nicht weiter in ihn. Nachdem er das ausgedruckte Protokoll unterschrieben hatte, kehrte er nach Hause zurück und hatte immer noch nicht die leiseste Ahnung, wie er mit den widersprüchlichen Gefühlen fertig werden sollte, die in ihm tobten. Er wusste nur, dass er nicht mehr mit Sam leben konnte. Doch ohne sie konnte er das genauso wenig.

Sam saß mit ihrem Vater in ihrem Büro und spielte Schach. Tai’Benyun hatte es sich in den letzten zwei Wochen zur Gewohnheit gemacht, jeden zweiten Tag unter irgendeinem Vorwand bei ihr vorbeizukommen, nachdem er gespürt hatte, dass es seiner Tochter schlecht ging. Sam litt unter der Trennung von Scott. Benyun konnte das zwar nicht nachvollziehen, aber er fühlte ihr Leid und versuchte, es ein wenig zu mildern. Leider bisher ohne den geringsten Erfolg.
Jetzt grinste er boshaft und zog seinen Turm. »Schach matt!«, verkündete er zufrieden und fügte überflüssigerweise hinzu: »Du hast verloren, Samala. Zum vierten Mal in Serie.« Er blickte sie ernst an, als sie nur mit einem Schulterzucken darauf reagierte. »Wie kann ich dir helfen?«, fragte er schlicht.
Sie schüttelte den Kopf. »Du hilfst mir schon sehr, indem du nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit bemerkst, ‚Ich habe es dir doch gleich gesagt!’ oder etwas ähnlich Aufbauendes.«
Er zuckte mit den Schultern. »Warum sollte ich etwas betonen, dessen du dir selbst schon mehr als deutlich bewusst bist. Und ich werde mich auch hüten Dinge zu sagen wie: ‚Das geht schon vorbei. Du wirst ihn vergessen.’ Das macht es schließlich nicht leichter für dich.«
Sam schüttelte stumm den Kopf.
Benyun legte seine Hand über ihre. »Samala, es tut mir leid, dass du so leidest. Ich kann es zwar nicht nachvollziehen, weil ich nicht weiß, wie es ist, jemanden zu lieben, aber du bist meine Tochter, und ich wünsche dir nur das Beste.«
»Danke, dass du mir nicht sagst, was du glaubst, dass das Beste für mich sei.«
Er zuckte mit den Schultern. »Wie sollte ich. Was für dich das Beste ist, weißt nur du allein. Und wie jedes Lebewesen musst auch du aus deinen eigenen Fehlern und Erfahrungen lernen. Welche Lehren du aus deiner gescheiterten Beziehung zu deinem Menschen ziehst, ist auch allein deine Sache. Darf ich dir einen Rat geben?«
»Nur zu.«
»Die gesammelten Erfahrungen unserer ganzen Art über die Jahrtausende hinweg haben gezeigt, dass dauerhafte Partnerschaften – wenn wir sie denn eingehen wollen – nur mit Unseresgleichen möglich sind. Und selbst die enden oft lange bevor einer der beiden Beteiligten eines natürlichen Todes stirbt. Feste Beziehungen zu Menschen, die einige von uns hin und wieder schon einmal versucht haben, enden immer unglücklich, und zwar für beide Partner. Ich habe noch nie von einer Inkubus-Mensch- oder Sukkubus-Mensch-Paarung gehört, die länger als ein paar Monate gedauert hätte. Aber«, fügte er ernst hinzu, »ich hätte dir wirklich gegönnt, dass du diese eine Ausnahme findest.«
»Danke, Ben«, sagte Sam leise. »Ich weiß das zu schätzen.«
Die Türglocke kündigte einen Besucher an, und Sam hoffte für einen Moment, dass es Scott sein würde. Aber der Mann, den »Molly Spring« gleich darauf hereinführte, war ein Fremder. Er blickte fragend von einem zur anderen.
»Sam Tyler?«
Benyun deutete auf Sam. »Das ist Sam Tyler. Ich bin nur der Vater – und jetzt hier wohl überflüssig.« Er erhob sich und drückte Sam einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Wir sehen uns, wenn du wieder mal im Schach verlieren willst«, verabschiedete er sich und verließ ihr Büro.
Sam räumte das Schachbrett zur Seite und bedeutete dem Mann, sich zu setzen. Nachdem er den Kaffee abgelehnt hatte, den sie ihm anbot, nahm sie ihm gegenüber Platz.
»Was kann ich für Sie tun, Mr. ...?«
»Conrad Harrington. Ich bin einer der Kuratoren des Cleveland Museum of Art, und man hat uns ein wertvolles Exponat gestohlen ...«
Ende

Kleines mythologisches Lexikon/Glossar
Traumfänger
Der Traumfänger ist eine Erfindung der nordamerikanischen Ureinwohner, über dessen Entstehung es verschiedene Legenden gibt. Die bekannteste stammt von den Ojibwa und besagt, dass eine Mutter eines Tages die weise Spinnengroßmutter aufsuchte und sie um Rat bat, weil ihre kleine Tochter von schrecklichen Albträumen geplagt wurde und keine Nacht mehr schlafen könne. Daraufhin wies die Spinne sie an, einen Weidenzweig zu einem Kreis zu binden und sein Inneres mit einem Spinnennetzgeflecht auszufüllen. Anschließend sollte sie das Geflecht über die Schlafstatt ihrer Tochter hängen. In der Nacht würden sich die schlechten Träume darin fangen und am Morgen durch das Licht der Sonne vernichtet werden. Nur die guten Träume würden ungehindert zu dem Kind durchdringen. Die Frau befolgte den Rat und fertigte den ersten Traumfänger der Welt an, und ihre Tochter wurde danach nie wieder von Albträumen geplagt. – In der identischen Legende der Lakota heißt es am Ende, dass die schlechten Träume durch das Loch in der Mitte des Traumfängers entweichen und die guten Träume im Netz hängen bleiben.
Die nach der Legende »korrekt« hergestellten Traumfänger bestehen immer aus einem kreisrunden Rahmen aus einem Weidenzweig und das Innengeflecht aus Darmschnur oder Tiersehnen. Verziert wird er mit Perlen, Federn, Lederschnüren und manchmal Pferdehaar. Heutige Varianten bestehen aus nahezu jedem dafür verwendbaren Material.
Quelle: »Mythologie der Neuen Welt« von D.M. Jones und B.L. Molyneaux

Der Windigo
(Plural: Windigowak) auch Wendigo, Witiku, Wetiko, Windago, Windikouk Atcen oder Kokodju genannt, ist ein übernatürliches Wesen aus den Mythen der Ojibwa, Algonkin und Anishinabe und wird je nach Legende (von denen es viele gibt) mit einem Dämon oder auch Werwolf verglichen, letzteres wegen seiner gestaltwandlerischen Fähigkeiten. Beschrieben wird der Windigo als riesiges, behaartes Wesen, das dem Bigfoot oder dem kanadischen Sasquatch ähnelt. Auffallend sind seine roten Augen, die er auch in seiner menschlichen Gestalt behält, woran man Windigowak erkennen kann. In der Nacht des Vollmondes sind Windigowak besonders aktiv.
Wahrscheinlich entstand die Legende vom Windigo, um dem Tabu, auch in Notzeiten kein Menschenfleisch zu essen, Nachdruck zu verleihen, denn eine Möglichkeit, zu einem Windigo zu werden, ist der Verzehr von Menschenfleisch. Einmal gekostet, wird sein Hunger auf Menschenfleisch immer größer, sodass er immer mehr Menschen töten und essen muss, wodurch er aber immer noch hungriger wird.
Die anderen Möglichkeiten, ein Windigo zu werden, sind: von einem Windigo verletzt zu werden; von einem Medizinmenschen verflucht zu werden, als Windigo umzugehen; von einem Windigo im Wald (seinem bevorzugten »Wohnort«) gefangen zu werden; durch ein magisches Ritual zu einem Windigo zu werden; oder zu träumen, ein Windigo zu sein bzw. von einem Windigo im Traum gerufen zu werden. Sobald ein Mensch zu einem Windigo wird, erhält er ein Herz aus Eis zusätzlich zu seinem menschlichen Herzen. Deshalb ist die einzige Möglichkeit, einen Windigo zu heilen und wieder zu einem Menschen zu machen, dass man ihm heißen Talg einflößt, wodurch er das Eisherz erbrechen muss. Töten kann man Windigowak nur mit Feuer. Gegen alles andere sind sie unverletzlich.
»Windigo« bedeutet so viel wie »der Alleinlebende«. Der erste Windigo war angeblich eine rachsüchtige Frau, die von ihrem Mann mit einer anderen Frau betrogen wurde, worauf sie ihm das Herz aus dem Leib riss und es aufaß.
Quelle: Diverse

Die Zauberbox/Zauberkiste (engl. »Spell Box«)
ist ein magisches Instrument, das seit Urzeiten von den meisten Völkern verwendet wurde und wird. Die »Büchse der Pandora« ist das wohl bekannteste Beispiel. Die ältesten Zauberboxen – »menet« genannt – stammen aus dem alten Ägypten und wurde zur Aufbewahrung von Ritualobjekten, Götterstatuetten und magischen Werkzeugen benutzt. Von den nordamerikanischen Ureinwohnern waren die Irokesen diejenigen, die solche Zauberboxen am häufigsten verwendeten. Sie wurden aus Birkenrinde hergestellt und enthielten rituelle Insignien, die die Schamanen bei ihren Ritualen benutzten. In Europa ist die »Hoffnungskiste« oder »Wunschkiste« die verbreitetste, in die sowohl gutes Leinen wie auch gute Wünsche für eine glückliche Ehe symbolisch gelegt und dem Brautpaar am Tag der Hochzeit überreicht werden.
Moderne Zauberboxen werden im traditionellen Sinn zur Aufbewahrung von Ritualgegenständen (sehr oft auch Tarotkarten) benutzt oder um die hinein gelegten Gegenstände mit besonderer Kraft zu versehen. In manchen Fällen werden sie aber auch in der im Roman beschriebenen Weise verwendet.
Quelle: »Spell Crafts« von Scott Cunningham und David Harrington

Im nächsten Roman:
Sam wird vom Kurator des Cleveland Museum of Art gebeten, ein gestohlenes Exponat wiederzubeschaffen. Doch was wie ein harmloser Routineauftrag aussieht, wird unversehens zu einer gefährlichen Reise in die Unterwelt, denn »Das Amulett der Lady Arden« öffnet das Tor zur Hölle. Und dort wartet Luzifer bereits auf Sam mit einem verlockenden Angebot. Aber der Preis, den er dafür verlangt, ist hoch ...
»Das Amulett der Lady Arden« erscheint Anfang Dezember exklusiv bei 
© Mara Laue
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