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Das Geisterspiegel-Jubiläum 2008



- #3: Das Grimoire der Marie Laveau -

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Prolog

„Die Zeit rückt näher.“
Die das sagte, war eine große, schlanke Gestalt, umgeben von der Dunkelheit der Schatten, deren äußere Form einem Menschen nicht unähnlich war.
„Ja“, bestätigte ihr Pendant, das ihr gegenüber schwebte und in ein strahlendes, silbernes Licht getaucht war. „Aber die Frist, innerhalb der wir beide wählen müssen, ist noch lange nicht abgelaufen.“
„Das ist wahr. Aber die Welt hat sich verändert seit dem letzten Mal. Es wird für euch immer schwieriger zu wählen.“
„Die Welt verändert sich immer dramatisch in den Perioden DAZWISCHEN, doch das war für uns niemals ein Hindernis.“
Die Schattengestalt lachte leise. „Aber wie du besser weißt als wir, gibt es auf der ganzen Welt niemanden mehr, der auch nur annähernd die Qualitäten besitzt, über die eure Auserwählten der Vergangenheit verfügten. Ihr werdet verlieren. Und damit wird unsere Herrschaft beginnen, sobald die Zeit gekommen ist.“
„Vielleicht“, antwortete die Lichtgestalt. „Vielleicht auch nicht. Die Wahl ist noch nicht getroffen und die Entscheidung noch lange nicht gefallen...“

Als Henry Bellamy das Haus im French Quarter in New Orleans betrat, das sein kürzlich verstorbener Onkel George ihm hinterlassen hatte, überkam ihn das Gefühl, in eine längst vergangene Zeit einzutauchen. Das lag nicht nur daran, dass das Haus im alten Kolonialstil erbaut war; dieser Stil setzte sich im Inneren ungebrochen fort. Wuchtige handgeschreinerte Möbel und gewebte Wandbehänge mit afrikanischen Mustern und kreolischen Motiven prägten das Bild.
Henry Bellamy hatte fünf Jahre in diesem Haus gelebt, und er hatte den alten Kasten gehasst. Aber damals war er auch erst vierzehn Jahre alt gewesen, hatte gerade seine Eltern verloren und war in die Obhut seines einzigen noch lebenden Verwandten gegeben worden, den er kaum kannte. Onkel George war ein „seltsamer Knabe“; so jedenfalls hatte Henrys Vater ihn immer bezeichnet. George Bellamy war einerseits ein erfolgreicher Immobilienmakler, der es zu einem bescheidenen Reichtum gebracht hatte. In seiner Freizeit hatte er allerdings sein Leben damit verbracht, alte Bücher zu sammeln und Stunden in seiner Bibliothek zugebracht.
Zwar hatte George sich um seinen verwaisten Neffen gekümmert, so gut es ging, aber als eingefleischtem Junggesellen fehlte ihm jegliche Erfahrung mit Kindern, und Henry hatte immer das Gefühl gehabt, dass er bestenfalls den traurigen zweiten Platz hinter Onkel Georges Büchern einnahm. Das große alte Haus mit seiner altmodischen Einrichtung hatte ihn schier erdrückt, sodass er daraus geflüchtet war, kaum dass er die Schule beendet hatte. Seitdem hatte er das Haus nur sporadisch besucht, wenn er seinem Onkel einen Anstandsbesuch abstattete. Und in den letzten zehn Jahren war ihr Kontakt fast ganz abgebrochen, da Henry als Bauingenieur im Ausland gearbeitet hatte.
Nun war Onkel George in seiner Abwesenheit gestorben und hatte ihm seinen gesamten Besitz hinterlassen. Da Henry in New Orleans keine eigene Wohnung besaß, wollte er vorübergehend hier einziehen, bis er etwas anderes gefunden und den alten Kasten verkauft hatte.
Doch als er jetzt das Haus betrat, stellte er fest, dass seine frühere Abneigung gegen den „Kasten“ verschwunden war. Stattdessen fühlte er sich, als käme er nach Hause in ein Heim, das ihn wärmstens willkommen hieß, sodass er spontan mit dem Gedanken spielte, das Haus doch nicht zu verkaufen. Onkel Georges Büchersammlung würde ohnehin an ihm hängen bleiben, denn George hatte in seinem Testament ausdrücklich darum gebeten, dass Henry kein einziges davon verkaufte.
„Diese Bücher waren immer meine Freunde“, hatte der Notar Georges diesbezügliche Worte vorgelesen. „Deshalb würde mich der Gedanke sehr traurig machen zu wissen, dass sie verkauft und in alle Winde verstreut werden. Henry, ich mache es zwar nicht zur Bedingung, dass du meinen Besitz nur bekommst, wenn du die Bücher behältst, aber ich bitte dich inständig darum.“
Da er Onkel George etwas schuldig war für alles, was der alte Mann für ihn nach dem Tod seiner Eltern getan hatte, war Henry entschlossen, seinen letzten Willen aus Pietät zu erfüllen. Und genau genommen konnte er das Haus auch gleich behalten, denn er bezweifelte, dass Georges Bücher auch nur annähernd in ein moderneres Haus passten wie sie hier hinein passten.
Er drehte sich im Foyer langsam um seine eigene Achse, um die Atmosphäre des Hauses noch einmal intensiv auf sich wirken zu lassen und zuckte erschreckt zusammen. In der Eingangstür, die er beim Eintreten offen gelassen hatte, stand ein Mann. Da Henry gegen die Sonne blickte, die von draußen herein fiel, konnte er dessen Gesicht nicht erkennen. Vielleicht lag es daran, dass der Mann ausgesprochen groß war und einen noch größeren Schatten ins Haus hinein warf, aber Henry empfand unwillkürlich einen Hauch eisiger Kälte, der von dem Fremden auszugehen schien.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?“, stieß er schließlich hervor.
Der Fremde trat ein, und Henry konnte ihn jetzt besser erkennen. Er war Afroamerikaner, mindestens zwei Meter groß und ausgesprochen schlank, fast hager. Er trug einen überaus eleganten, dunklen Anzug, der aussah, als wäre er recht teuer gewesen.
„Verzeihen Sie bitte mein Eindringen, Sir“, sagte der Mann, griff in die Tasche seines Jacketts und holte ein silbernes Visitenkartenetui heraus, das er mit einer lässigen Geste aufschnappen ließ, ihm eine Karte entnahm und sie Henry reichte. „Ich bin Jacques LeGrand, Antiquitätenhändler. Sie müssen Mr. Henry Bellamy sein, Georges Neffe – und sein Erbe.“
„Das ist richtig“, bestätigte Henry und nahm die Karte entgegen, was ihn zu seiner Verwunderung einige Überwindung kostete. Irgendetwas an dem Mann war ihm unheimlich. Vielleicht lag es daran, dass er so unvermittelt aufgetaucht war.
„In dem Fall darf ich Ihnen zunächst mein tief empfundenes Mitgefühl für Ihren Verlust aussprechen, Sir.“
„Danke.“
„Außerdem muss ich mich dafür entschuldigen, dass ich Sie jetzt einfach so überfalle, wo Sie offensichtlich gerade erst angekommen sind. Aber sehen Sie, Mr. Bellamy, Ihr Onkel und ich waren seit einigen Jahren Geschäftspartner. Er hat mir hin und wieder ein paar Bücher besorgt, zuletzt unmittelbar vor seinem Tod. Leider starb er, bevor er mir die Bücher übergeben konnte. Da aber mein Kunde, der sie bei mir bestellte, schon sehnsüchtig darauf wartet, wollte ich Sie bitten, sie mir zu geben.“
Die Stimme des Mannes klang tief und einschmeichelnd, beinahe wie zu Klang gewordener Samt. Doch Henry konnte nicht verhindern, dass es ihm dabei eiskalt den Rücken hinunter lief. Er schalt sich einen Narren. Der Mann hatte ihn zwar durch sein plötzliches Auftauchen erschreckt, aber das war doch kein Grund, derart vor ihm Angst zu haben.
„Davon ist mir nichts bekannt, Mr. LeGrand“, sagte er bedauernd. „Außerdem bin ich, wie Sie ja selbst gesehen haben, gerade erst angekommen und hatte noch keine Gelegenheit, den Nachlass zu sichten. Das werde ich aber in den nächsten Tagen tun. Mein Onkel hat sicher einen Vertrag mit Ihnen über die Bücher geschlossen, aus dem Anzahl und Titel der Werke hervorgehen. Ich werde Sie benachrichtigen, sobald ich Ihre Bücher gefunden habe.“
Jacques LeGrand lächelte freundlich. „Das ist sehr liebeswürdig von Ihnen, Mr. Bellamy. Aber wir können die Sache auch abkürzen. Ich wollte die Büchersammlung Ihres Onkels schon immer gern erwerben. Ich biete Ihnen 500.000 Dollar für den gesamten Bestand und bin bereit, Ihnen sofort einen Scheck über diese Summe auszustellen. Gleich morgen würden meine Leute die Bücher dann abholen.“
Henry blieb für einen Moment die Luft weg bei der genannten Summe. Er hatte nicht gewusst, dass die Bücher seines Onkels einen solchen Wert besaßen. Sie sahen in jedem Fall nicht danach aus. Doch er hatte sich entschlossen, Onkel Georges Willen zu erfüllen und die Bücher zu behalten. Abgesehen davon bestand die Möglichkeit, dass die Bücher sogar noch viel mehr wert waren als 500.000 Dollar und dieser Antiquitätenhändler ihn übers Ohr hauen wollte, indem er die Bücher für einen vergleichsweise lächerlichen Preis erwarb, um sie hinterher für das Vielfache zu verkaufen.
„Mr. LeGrand, Sie werden sicherlich verstehen, dass ich so eine Entscheidung nicht ad hoc und quasi zwischen Tür und Angel treffen kann. Ich möchte mir erst den Nachlass in aller Ruhe ansehen, ehe ich mich vielleicht entscheide, etwas davon zu verkaufen. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich Sie unverzüglich anrufen werden, sobald ich Ihre Bücher gefunden habe.“
Täuschte er sich, oder blitzte tatsächlich für einen Moment Wut in den schwarzen Augen des Antiquitätenhändlers auf? Doch der Eindruck war so flüchtig, dass Henry sich nicht sicher war.
„Selbstverständlich, Mr. Bellamy. Und ich muss mich noch einmal für meine Ungeduld entschuldigen. Lassen Sie sich ruhig Zeit. Ich werde meinen Käufer vertrösten und in ein paar Tagen noch einmal nachfragen. Guten Tag, Sir.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ das Haus. Henry fühlte die Wärme der Sonne von draußen schlagartig zurückkehren und schloss erleichtert die Tür. Was für ein seltsamer Mann! Nein, „unheimlich“ war das passendere Wort. Henry konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sein Onkel mit ihm Geschäfte gemacht haben sollte. Doch darüber würde er sich später Gedanken machen. Jetzt wollte er sich erst einmal in seinem neuen Zuhause einrichten.

Tai’Samala – oder Sam Tyler, wie sie sich unter den Menschen nannte – beobachtete die etwa vierzigjährige Frau, die ihr gegenüber saß und ihr die Tarotkarten legte. Die Frau firmierte als „Madame Medusa“ und bot angeblich Lebensberatung an. Das war natürlich nicht verboten, doch Madame Medusa, die in Wirklichkeit Emma Carter hieß, war eine gewiefte Betrügerin.
Natürlich gab es eine Reihe von Menschen, die tatsächlich über eine hellseherische Gabe verfügten und/oder mit Hilfe von Medien wie Tarotkarten, Runensteinen, Kristallkugeln oder anderen Orakeltechniken zwar nicht unbedingt die Zukunft voraussagen konnten, aber doch Visionen empfingen, die ihnen Antworten auf essenzielle Fragen gaben. Sams Cousine Aliada besaß diese Gabe ebenso wie ihre Freundin Shiona Moshani. Emma Carter besaß sie nicht. Und Sam war entschlossen, ihr das Handwerk zu legen.
Sie arbeitete in ihrem weltlichen Leben als Privatdetektivin und Security-Spezialistin. Dass sie in Wahrheit gar kein Mensch war, sondern ein Sukkubus, eine Dämonin, die sich vom Sex mit Menschen ernährte, wussten nur die Wenigsten. Emma Carters letztes Opfer hatte Sam engagiert, um „Madame Medusa“ zu zwingen, das Geld wieder herauszugeben, das sie ihr abgeknöpft hatte. Patricia Greene war verzweifelt. Sie war eine alleinerziehende Witwe und ihre zehnjährige Tochter Sally war unheilbar an einem inoperablen Gehirntumor erkrankt. Sally war Patricias Ein und Alles und der Gedanke, dass ihre kleine Tochter sterben würde, so unerträglich, dass sie in ihrer Verzweiflung sogar zu Methoden Zuflucht nahm, die sie unter normalen Umständen nie in Betracht gezogen hätte.
So war sie auf Emma Carters Partner hereingefallen, der in Krankenhäusern verzweifelte Menschen ansprach und sie zu der „Heilerin Madame Medusa“ schickte, die angeblich schon manchen Todkranken gerettet hatte. Mrs. Greene hatte zunächst nur ein paar hundert Dollar in exotische Medizinen investiert, die Emma Carter selbst herstellte und deren Zutaten angeblich extrem selten, schwer zu beschaffen und furchtbar teuer waren. Da es Sally nach der Einnahme dieser Pulver und Tees etwas besser gegangen war, schien das die Bestätigung zu sein, dass die Mittel hielten, was Madame Medusa versprach.
So hatte sich Mrs. Greene schließlich auch bereit erklärt, ihr ihre gesamten Ersparnisse von 20.000 Dollar für ein Mittel zu geben, das Sally angeblich heilen konnte. Natürlich zeigte das seltsame Pulver von undefinierbarer Farbe, das sie daraufhin erhielt, nicht die erhoffte Wirkung. Es war Sally danach nur noch schlechter gegangen. Schließlich hatte Mrs. Greene das Pulver in einer Apotheke analysieren lassen und erfahren, dass es sich dabei nur um zerriebene Kräuter, Baumrinden, Insekten und Mineralien handelte, von denen einige allerdings in Verdacht standen, Krebs zu verursachen.
Als Patricia Greene die Betrügerin daraufhin zur Rede stellte, hatte die sie nur ausgelacht und sich auch von der Drohung einer Anzeige nicht einschüchtern lassen.
„Was wollen Sie eigentlich?“, hatte Emma Carter sie nur kalt gefragt. „Ich kenne Sie nicht und habe Sie nie gesehen. Also habe ich auch niemals Geld von Ihnen erhalten. Und Sie können das Gegenteil nicht beweisen. Gehen Sie ruhig zur Polizei und erzählen Sie denen, dass Sie Ihr Geld für Wunderheilungen rausgeworfen haben. Da man Ihr Geld bei mir nicht finden wird, gibt es ohne Beweise auch keine Anklage.“
Mrs. Greene musste erkennen, dass die Frau sie wirklich hervorragend ausgetrickst hatte. Natürlich hatte die darauf bestanden, das Geld von ihr ausschließlich in bar zu erhalten und auch darauf, dass Mrs. Greene, wenn sie Madame Medusa aufsuchte, immer nur nachts kam und ein schwarzes Schulterkopftuch trug, angeblich um schädliche Einflüsse abzuwehren. Falls jemand sie tatsächlich in ihr Wahrsagestudio hatte gehen sehen, so würde niemand sie zweifelsfrei wiedererkennen. Und es gab auch keinen Beweis dafür, dass sie der Frau jemals Geld gegeben hatte außer ihrem Wort.
Patricia Greene verfluchte ihre Gutgläubigkeit und Naivität, aber sie war nicht bereit, einfach aufzugeben. Den Weg zur Polizei und die damit verbundene Demütigung ersparte sie sich, aber sie suchte einen Anwalt auf. Ihr verstorbener Mann war immer gut von der Kanzlei Weston, Kruger & Goldstein vertreten worden, und somit hatte sie auch Vertrauen zu dem jungen Anwalt, den man mit ihrem Fall betraute. Zwar hatte Scott Parker ihr keine Hoffnungen machen können, dass eine Klage gegen Madame Medusa Erfolg hätte, solange sie nicht beweisen konnte, dass sie der Frau das Geld gegeben hatte. Doch er hatte ihr Sams Visitenkarte gegeben und ihr geraten, die Angelegenheit vertrauensvoll in ihre Hände zu legen. Kein Wunder, denn schließlich war Scott der Mann, mit dem Sam zusammenlebte.
Jetzt saß sie also bei Madame Medusa, gab vor, unheilbar krank zu sein und bat um Hilfe. „Sie sollen Heilmittel kennen, von denen die Ärzte keine Ahnung haben“, sagte sie flehentlich. „Egal, was die kosten, ich kann es bezahlen. Aber bitte helfen Sie mir! Ich will noch nicht sterben!“
Sam konnte bei der Erwähnung ihrer Bonität förmlich die Dollarzeichen in Emma Carters Augen aufleuchten sehen. Sie breitete ihre Tarotkarten aus und gab vor, sie ernsthaft zu studieren.
„Ja, der Tod ist Ihnen wirklich sehr nahe“, sagte sie schließlich und deutete auf die Karte mit dem skelettierten Sensenmann, der „zufällig“ neben der Karte aufgetaucht war, die Sam symbolisieren sollte: den Magier. Sie hatte allerdings beobachtet, dass Emma Carter die Todeskarte mit einem Falschspielertrick gezogen hatte. „Aber es gibt ein Heilmittel für Sie. Hier, die Karte der Zehn Schwerter bedeutet, dass Sie Ihre Krankheit besiegen können. Allerdings gibt es einen starken Widerstand, der durch den Herrscher symbolisiert wird. Entsprechend schwierig wird es, das Heilmittel zu bekommen, wie die Acht Kelche zeigen. Aber wenn Sie wirklich bereit sind, etwas Persönliches aufzugeben und sei es nur in Form von Geld – das zeigt die Karte der Vier Scheiben – dann haben Sie Erfolg, und Ihre Krankheit wird zerstört, wie Sie hier an der Karte des Turms erkennen können.“
Sie blickte Sam aufmunternd an. Die verkniff sich ein Grinsen. Wahrscheinlich wusste „Madame Medusa“ es gar nicht, aber die Karten, die sie gelegt hatten, sagten tatsächlich die Zukunft voraus – nur war es nicht Sams, sondern ihre eigene.
„Um was für ein Heilmittel handelt es sich?“, fragte sie und gab sich gespannt.
„Es ist ein Pulver aus Zutaten, die schon seit Jahrtausenden Menschen geholfen haben, die in derselben Situation waren wie Sie. Sie alle sind geheilt worden. Aber die Zutaten sind schwer zu bekommen und leider teuer.“
Sam nickte und ließ jetzt die Maske der Todkranken fallen. „Handelt es sich dabei um dasselbe Pulver, das Sie meiner Freundin, Mrs. Greene, für 20.000 Dollar verkauft haben?“
Für einen Moment huschte ein Ausdruck des Erschreckens über Emma Carters Gesicht, ehe sie sich wieder im Griff hatte. „Ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich kenne keine Mrs. Greene.“
„Aber ja doch“, antwortete Sam kalt. „Ich spreche von dem Pulver, das aus nichts anderem besteht als wertlosen Kräutern, Rinden und zerkleinerten Insekten, von denen einige nicht nur in den USA gar nicht zugelassen, sondern auch noch krebserregend sind, gemixt mit nicht minder wertlosen Mineralien und ein paar zerstoßenen Vitamintabletten.“
„Ich ...“, begann Emma Carter, doch Sam ließ sie nicht zu Wort kommen.
Sie beugte sich über die Tarotkarten. „Die Karten sagen tatsächlich die Zukunft voraus, meine Liebe. Ihre! Ich bin der Magier, der Ihnen das Handwerk legen wird. Ihre Verbrechen – symbolisiert durch den Herrscher, der für Macht und im weitesten Sinne auch für Verbrechen steht –, werden Ihr Ruin sein, was die wahre Bedeutung der Zehn Schwerter ist. Die Ursache dafür ist die Gier, die in den Vier Scheiben ausgedrückt wird, aber den Reichtum, den Sie wollen, werden Sie verlieren, symbolisiert durch die Acht Kelche, die Verlust bedeuten. Und am Ende steht die völlige Zerstörung: der Turm. Doch danach“, Sam ließ ihre Stimme zu einem gefährlichen Flüstern werden, nahm die Todeskarte in die Hand und hielt sie der Frau unter die Nase, „kommt Ihr Tod, den Sie durch mich erleiden werden. Es sei denn, Sie geben das erschwindelte Geld zurück.“
Sam machte jetzt von ihren magischen Kräften Gebrauch und ließ ihre grünen Augen blutrot aufglühen. Emma Carter fuhr mit einem entsetzten Aufschrei zurück.
„Wer sind Sie?“, fragte sie erschrocken. „Was sind Sie?“
Sam machte eine beiläufige Geste, doch die Magie darin schleuderte Emma Carter brutal gegen die Wand hinter ihr. „Ich bin dein schlimmster Albtraum, Mensch! Wo ist Mrs. Greenes Geld?“
„Ich habe es nicht!“, wimmerte Emma Carter.
„Falsche Antwort“, beschied ihr Sam beinahe sanft. Sie trat auf die Frau zu, die versuchte ihr auszuweichen, aber Sam war schneller. Sie packte sie an der Kehle und drückte zu. „Ich frage nicht noch einmal.“
Emma Carter blickte in die glühenden Augen eines Wesens, das zwar die Gestalt eines Menschen besaß, aber – davon war sie jetzt überzeugt – ganz sicher kein Mensch war. Sie hatte nie an Übernatürliches geglaubt und hielt natürlich auch den Hokuspokus, den sie mit den Tarotkarten veranstaltete, für ausgemachten Quatsch, der allenfalls einfältige Gemüter oder total Verzweifelte wie Patricia Greene beeindruckte. Hier wurde sie mit einer Macht konfrontiert, die real war und viel schlimmer, als sie es sich hatte vorstellen können.
„In ... einem ... Schließfach“, krächzte sie. „Am ... Busbahnhof.“
„Welche Nummer?“
„1144.“
Sam ließ sie los, und Emma Carter rang verzweifelt nach Luft. „Und jetzt höre mir genau zu, Mensch“, sagte sie drohend. „Ich habe dich im Visier, und ich werde dich überall finden, egal wohin du zu fliehen versuchst. Wenn du mich belogen hast, komme ich wieder, und der Tod, den ich dir dann beschere, wird sehr, sehr lange dauern und sehr, sehr grausam sein. Du wirst solche Schmerzen spüren, wie du sie dir in deinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen kannst. Also, bist du dir sicher, dass die Nummer die richtige ist?“
Emma Carter konnte nur nicken, und Sam spürte, dass sie die Wahrheit sagte. Aber sie war mit der Frau noch nicht fertig. Sie sprach einen Zauber über sie aus in der Sprache der Dämonen, die kein Mensch kannte. Emma Carter wimmerte und weinte entsetzt, obwohl sie nichts spürte.
„Ich habe dich mit einem Fluch belegt“, erklärte ihr Sam mit einem eiskalten, beinahe bösartigen Lächeln. „Du wirst ab sofort dein Geld nur noch mit ehrlicher Arbeit verdienen können. Solltest du je wieder einen deiner Tricks versuchen und die Leute betrügen, so wirst du alles Leid, das du deinen Opfern verursacht hast, am eigenen Leib und in deiner Seele spüren, und du wirst solche Schmerzen haben, dass sie dich umbringen werden. Und diese Tarotkarten und den ganzen Kram“, sie umfasste das Wahrsagestudio mit einer lässigen Handbewegung, „wirst du nur noch ein einziges Mal berühren können: um sie wegzuwerfen. Ich komme morgen Nacht um dieselbe Zeit zurück. Wenn dein ‚Studio’ dann noch nicht aufgegeben ist, bist du tot.“
Sam wartete ihre Antwort nicht ab, sondern verschwand vor ihren Augen, indem sie sich mit einem Unsichtbarkeitszauber umgab. Danach sprang sie durch die Dimensionen zum Busbahnhof. Möglicherweise würde sich „Madame Medusa“, wenn sie sich von dem Schrecken erholt hatte, mutig genug fühlen, um auszuprobieren, ob Sams Drohung der Wahrheit entsprach und sie tatsächlich unter einem Fluch stand. Die Realität würde sie in dem Fall überaus schmerzhaft davon überzeugen.
Sam war eine Dämonin und hatte die ersten fünfzig Jahre ihres Lebens hauptsächlich unter Dämonen in der Unterwelt verbracht. Menschliche Werte wie Anstand, Moral und Fairness waren ihr eigentlich von Natur aus fremd. Doch Sam war in diesem Punkt anders als die anderen ihrer Art, und nicht erst seit sie unter Menschen lebte. Sie mochte die Menschen und hatte aus ihr selbst unerklärlichen Gründen die Verpflichtung übernommen, sie vor den bösartigen Wesen der Unterwelt ebenso zu beschützen wie vor profanen Verbrechern, soweit es in ihrer Macht stand. Und zu diesem Zweck scheute sie sich auch nicht, einem Subjekt wie Emma Carter die schlimmsten Dinge anzudrohen und sie teilweise auch in die Tat umzusetzen. Diese Frau würde jedenfalls nie wieder in verbrecherischer Absicht jemandem schaden können.
Sams magische Sinne verrieten ihr, dass sich tatsächlich eine Tasche voller Geld in dem angegebenen Schließfach befand, und ein einfacher Bringzauber beförderte sie in Sams Hand. Immer noch unsichtbar, kontrollierte sie den Inhalt und stellte fest, dass sich darin fast vierzigtausend Dollar befanden. Sam würde Mrs. Greene ihre 20.000 zurückgeben und gleich morgen eine Annonce in den Plain Dealer, Clevelands größter Tageszeitung, setzen, in dem sie alle von Madame Medusa Geschädigten aufforderte, sich in ihrem Büro zu melden.
Dort würde ihr Dienergeist, der in der Gestalt einer attraktiven jungen Frau Sams Sekretärin spielte, ihre Geschichten mit seinen eigenen magischen Fähigkeiten auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen und denen, die tatsächlich von der Frau um ihr Geld betrogen worden waren, die entsprechende Summe zurückgeben. Natürlich hatten Emma Carter und ihr Komplize einen Teil des Geldes schon ausgegeben, aber Sam besaß genug Vermögen, um ein paar Tausend Dollar aus eigener Tasche ersetzen zu können.
Sie brachte das Geld in ihrem Büro in Sicherheit und kehrte mit den 20.000 Dollar zu Patricia Greene zurück. Die Frau öffnete ihr die Tür mit einem überaus blassen und besorgten Gesicht.
„Oh, Miss Tyler. Ich hatte gar nicht mit Ihnen gerechnet.“ Sie gab die Tür frei, damit Sam eintreten konnte.
„Ich hätte Sie auch nicht um diese späte Stunde gestört, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, dass Sie noch wach sind.“
„Ich kann nicht schlafen“, bestätigte Mrs. Greene. „Ich habe Angst, dass Sally mich gerade in dem Moment braucht, wenn ich schlafe oder sogar ...“ Sie wagte nicht, das Schlimmste auszusprechen.
„Das ist einer der Gründe, warum ich gekommen bin, Ma’am. Der zweite ist: Hier ist Ihr Geld. 20.000 Dollar, vollzählig.“
„Oh mein Gott! Wie haben Sie das geschafft?“
Sam grinste. „Glauben Sie mir, das wollen Sie wirklich nicht wissen. Also fragen Sie besser nicht. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich dafür gesorgt habe, dass ‚Madame Medusa’ niemals wieder irgendjemanden betrügen wird.“
„Danke, Miss Tyler! Vielen Dank!“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann gar nicht verstehen, wie ich überhaupt auf die Frau hereinfallen konnte. Es hätte mir doch klar sein müssen, dass sie nur eine Betrügerin sein kann.“
Der Meinung war Sam allerdings auch. Trotzdem sagte sie: „Sie waren verzweifelt, Mrs. Greene, und wenn man verzweifelt ist, greift man nach jedem noch so dünnen und abwegigen Strohhalm. Machen Sie sich keine Vorwürfe. Außerdem gibt es tatsächlich Menschen, die mentale Heilkräfte haben. Aber die Seriösen unter denen verkaufen diese Kräfte nicht. Der zweite Grund, weshalb ich gekommen bin, ist der Vorschlag, dass ich die Nachtwache an Sallys Bett übernehme. Dann können Sie sich mal wieder ausschlafen. Ich verspreche Ihnen, dass ich Sie sofort wecken werde, falls sich an ihrem Zustand etwas ändert.“
Mrs. Greene zögerte. Einerseits wollte sie ihr Kind keine Sekunde aus den Augen lassen, andererseits hatte sie ohnehin seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen, und die Aussicht, endlich mal wieder eine Nacht in ihrem Bett durchschlafen zu können, war verlockend.
„Das kann ich nicht von Ihnen verlangen, Miss Tyler“, wehrte sie sich halbherzig.
Sam lächelte. „Mrs. Greene, ich bekomme 500 Dollar von Ihnen für jeden angefangenen Arbeitstag in Ihren Diensten. Jeder Tag hat 24 Stunden, von denen ich erst acht abgearbeitet habe. Das heißt, für das Geld, das Sie mir schulden, gehöre ich Ihnen bis morgen Nachmittag um drei Uhr. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie so lange schlafen werden, egal wie müde Sie sind.“
Patricia Greene blickte sie unendlich dankbar an. „Danke, Miss Tyler. Das werde ich Ihnen nie vergessen!“
„Oh, empfehlen Sie mich weiter, wenn Sie mit meiner Arbeit zufrieden waren. Das ist Dank genug.“
„Das werde ich tun. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Sallys Zimmer.“
Das Zimmer des kleinen Mädchens unterschied sich nicht von dem anderer Kinder, sah man von den medizinischen Artikeln ab, die überall um das Bett verteilt waren und das Bett selbst, das ein spezielles Krankenbett war. Doch die Atmosphäre im Zimmer hätte Sam auch in völliger Dunkelheit verraten, dass hier ein Kind im Sterben lag. Die Ausstrahlung des Todes war für sie so deutlich spürbar, als stünde der Sensenmann in Person am Bett. Patricia Greene hatte darauf bestanden, dass ihre Tochter die letzten Tage ihres Lebens in der vertrauten Umgebung zu Hause verbringen konnte und nicht in einem sterilen Zimmer irgendeiner Klinik. Die Kleine lag schlafend im Bett und war unendlich blass. Das lange blonde Haar, das wohl einmal sehr hübsch gewesen war, hatte jeglichen Glanz verloren, und das Mädchen hielt im Schlaf einen Teddybären umarmt, der fast so groß war wie sie selbst.
Sam nahm in dem Sessel Platz, der neben dem Bett stand und in dem Mrs. Greene die meisten Stunden der vergangenen Tage verbracht hatte. „Gehen Sie schlafen, Ma’am“, forderte sie die Frau auf, die sich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten konnte. „Ich werde nicht von der Seite Ihrer Tochter weichen. Und da ich ein ausgesprochener Nachtmensch bin, macht es mir nichts aus wach zu bleiben.“
„Danke“, sagte Mrs. Greene noch einmal. Sie strich ihrer schlafenden Tochter über das Haar und gab ihr einen Kuss auf die Wange, ehe sie sich mit einem letzten traurigen und verzweifelten Blick zurückzog.
Sam blieb allein mit dem todkranken Kind zurück. Sie besaß als Sukkubus starke magische Kräfte und hatte sich im Laufe ihres 117-jährigen Lebens noch verschiedene zusätzliche Kräfte angeeignet, da eine der natürlichen Fähigkeiten ihrer Familie ihr ermöglichte, die Magie jedes Menschen, Dämonen oder anderen magischen Wesens zu übernehmen, mit dem sie einmal Sex hatte. Vor ein paar Wochen war es ihrer ganzen Familie sogar gelungen, sich die unglaublich starken Kräfte eines Kitsune, eines japanischen Fuchsgeistes, anzueignen, zu dessen Fähigkeiten auch das Umformen von Materie gehörte. Doch Heilkräfte besaß auch ein Kitsune nicht.
Zwar konnte Sam mit diesen Kräften gebrochene Knochen wieder zusammenwachsen lassen und beschädigte Haut und Organe reparieren, aber es war ihr nicht gelungen, den Tumor dieses Kindes zu zerstören. Vielleicht lag es daran, dass sie die neu gewonnenen Fähigkeiten noch längst nicht vollständig beherrschte, sie war hier mit ihnen an eine Grenze gestoßen. Trotzdem gab sie die Hoffnung nicht auf, Sally Greene vielleicht helfen zu können.
Sie wartete, bis sie spürte, dass Patricia Greene eingeschlafen war, ehe sie zum Handy griff und ihren Vater Benyun anrief. Er war der Einzige ihrer Familie, der ebenfalls in Cleveland lebte. Ihr älterer Bruder Conaru hatte eine Wohnung in Chicago, ihre jüngere Schwester Lilama lebte in Detroit und Cousine Aliada residierte in New Orleans. Jeder von ihnen besaß besondere magische Fähigkeiten, und die ihres Vaters beinhalteten auch Heilkräfte.
„Wenn das nicht wirklich wichtig ist, Samala, bin ich verdammt sauer auf dich“, meldete sich ihr Vater bereits nach dem ersten Klingeln ohne eine Begrüßung. Natürlich hatten ihm seine magischen Sinne gesagt, dass der Anruf von Sam kam, ohne dass er dazu auf die Rufnummernanzeige hatte sehen müssen.
„Guten Morgen, Vater“, sagte sie leise, um Sally nicht zu wecken, denn es war inzwischen fast zwei Uhr nachts. „Und tu nicht so, als hätte ich dich bei etwas Wichtigem gestört, denn ich weiß, dass du allein bist.“
„Ja, im Gegensatz zum letzten Mal, als du mich gerufen hast. Das vergesse ich dir so schnell nicht.“
„Geschenkt. Ich brauche deine Heilkräfte.“
„Oh, kein Problem“, versicherte Tai’Benyun, und es klang sogar erfreut. „Ich habe dir ja schon oft genug angeboten, dich zu füttern, wodurch du auch meine magischen Kräfte bekommen hättest. Endlich wirst du vernünftig! Ich bin gleich bei dir.“
„Das habe ich nicht gemeint, Vater“, wehrte Sam ab. Zwar war für Sukkubi und Inkubi Sex mit ihren eigenen Geschwistern, Eltern oder Kindern völlig normal; auch Sams Eltern waren Bruder und Schwester. Aber Sam fühlte sich nicht wohl dabei, sich von ihren Verwandten zu ernähren, obwohl nicht nur ihr Vater, sondern auch ihr Bruder gern dazu bereit waren. Vielleicht hatte in diesem Punkt die Moral der Menschen auf sie abgefärbt, unter denen sie lebte. Andererseits gab es auch bei den Menschen etliche Länder, in denen kein Inzesttabu existierte.
„Ich will einen Menschen heilen, aber mir fehlen die erforderlichen Fähigkeiten“, erklärte sie ihrem Vater.
„Und deshalb soll ich das für dich tun?“, vergewisserte sich Benyun. „Vergiss es, Samala. Die Menschen gehen uns nichts an. Und ich bin bestimmt keiner ihrer barmherzigen Samariter.“
„In der Tat nicht“, stimmte Sam ihm zu. „Aber da wir nun mal unter ihnen leben, sehe ich nicht ein, warum wir nicht ab und zu einigen von ihnen ein bisschen helfen könnten. Und außerdem: Wann bitte ich dich schon mal um einen Gefallen?“
„In letzter Zeit ein bisschen zu oft für meinen Geschmack“, beschied ihr Benyun ungerührt. „Wenn es dabei um dich selbst geht, Samala, so helfe ich dir gern mit allem, was mir zur Verfügung steht. Aber ich bin nicht gewillt, für dich noch weiterhin irgendwelchen Menschen zu helfen. Wir haben mit ihnen nichts zu schaffen und sollten uns nicht über das notwendige Maß hinaus mit ihnen einlassen.“
Sam verdrehte genervt die Augen. Dieses Thema kam jedes Mal zur Sprache, wenn sie mit jemandem aus ihrer Familie redete, weshalb sie das nach Möglichkeit vermied. Die Tai’u waren der Überzeugung, dass die Menschen nur dazu dienten, sie zu ernähren und darüber hinaus völlig bedeutungslos und unwichtig waren. Sam dagegen vertrat die Meinung, dass sie den Menschen etwas mehr dafür zurückgeben sollten, dass sie ihnen die lebensnotwendige Nahrung zur Verfügung stellten, als nur dass jeder Mensch mit einem Sukkubus oder Inkubus den besten Sex seines Lebens erfuhr. Doch für diese Einstellung fehlte dem Rest ihrer Familie jegliches Verständnis.
„Bitte, Vater. Es ist ein kleines zehnjähriges Mädchen. Sie ist todkrank und wird sterben, wenn du ihr nicht hilfst.“
„Na und? Sie geht mich nichts an. Und dich auch nicht. Ich füttere dich gern und übertrage dir damit meine Heilkräfte, dann kannst du sie selbst heilen. Mehr bekommst du von mir nicht.“
„Verdammt, Vater, ich schwöre dir, dass ich nie wieder ein Wort mit dir sprechen werde, solange ich lebe, wenn du nicht wenigstens versuchst, der Kleinen zu helfen, ohne mich in dein Bett locken zu wollen!“, zischte Sam aufgebracht. „Ich entscheide selbst, mit wem ich schlafe und mit wem nicht, und mit dir will ich es nicht!“
Am anderen Ende herrschte einen Moment Schweigen. „Du glaubst, dass du die Drohung wirklich in die Tat umsetzen kannst?“, fragte Benyun schließlich, und es klang ausgesprochen spöttisch.
„Worauf du wetten kannst!“, versicherte Sam und unterbrach die Verbindung.
Sie war sich nicht sicher, ob ihr Vater nachgeben würde, aber sie war entschlossen, ihre Drohung wahr zu machen, falls er es nicht tat. Und sei es nur, um ihn dafür zu bestrafen, dass er ständig ihre Lebensweise kritisierte. Im nächsten Moment stand Benyun neben ihr.
„Ich fasse es nicht, dass ich mich von meiner kleinen, kaum erwachsenen Tochter erpressen lasse“, zischte er ungehalten und spielte damit darauf an, dass Sukkubi und Inkubi erst mit 96 Jahren als erwachsen galten und Sam gerade 117 Jahre zählte. „Aber dafür, dass wir dir die Kräfte des Kitsune zu verdanken haben, will ich mal nicht so sein“, fügte er gönnerhaft hinzu.
Sam unterdrückte ein Schmunzeln. Was immer ihr Vater für eine Ausrede brauchte, um es vor sich selbst zu rechtfertigen, dass er ihr jetzt half, ihr sollte es recht sein. „Danke, Vater“, sagte sie schlicht.
Benyun trat an Sallys Bett und tastete das Kind mit seinen magischen Sinnen ab. „Die Kleine ist schon fast hinüber“, stellte er ungerührt fest. „Das lohnt nicht der Mühe.“
Sam musste sich beherrschen, um nicht einen neuen Streit mit ihm vom Zaun zu brechen. „Ich will nicht wissen, ob es sich lohnt“, beschied sie ihm. „Bist du in der Lage, sie zu heilen – ja oder nein?“
Benyun zögerte. „Ich kann den Tumor zerstören. Aber das wird ihren ohnehin geschwächten Körper noch weiter schwächen. Es besteht durchaus die Möglichkeit, um nicht zu sagen Wahrscheinlichkeit, dass sie diese Schwächung nicht überlebt.“ Er sah seine Tochter an und sagte überraschend sanft: „Samala, du kannst nicht alle Menschen retten. Nicht einmal wenn du die Macht der Götter hättest und ein unsterbliches Leben dazu.“
„Ich weiß, Vater. Aber ich versuche, wenigstens die zu retten, deren Leben ich auf irgendeine Weise berühre. Wir sind Dämonen, ja. Aber das ist für mich noch lange kein Grund, meine Kräfte und Fähigkeiten nicht für die Menschen einzusetzen. Wir und sie und alle anderen Wesen, die existieren, wir sind Teil ein und desselben großen Ganzen. Und ich sehe keine Veranlassung dazu, Gutes zu unterlassen, nur weil ich zufällig als Dämonin geboren wurde.“
Benyun betrachtete sie nachdenklich. „Vielleicht“, sagte er leise, „bist du weiser als wir alle zusammen.“ Er nickte. „Gut, ich tue dir diesen Gefallen. Aber wie gesagt, ich kann nicht garantieren, dass die Kleine es überlebt.“
„Nun, Vater“, erinnerte Sam ihn, „wenn die Götter nicht wollen, dass dieses Kind lebt, so wird es sterben. Aber wenn es deren Wille ist, dass es lebt, so wirst du es heilen können.“
Benyun schüttelte den Kopf. „Meine Tochter, die Philosophin“, knurrte er und wandte sich immer noch kopfschüttelnd wieder dem kleinen Mädchen zu.
Er legte ihr eine Hand auf den Kopf und eine auf die Herzgegend, schloss die Augen und ließ seine Magie in sie fließen. Zunächst geschah äußerlich sichtbar nichts. Nach einer Weile begann das Mädchen schwer zu atmen, wachte aber nicht auf. Sam trat hinzu, legte der Kleinen eine Hand auf den Rücken und ließ einen Teil ihrer eigenen Lebenskraft in sie fließen. Sie spürte, wie das kleine Herz flatterte und verzweifelt versuchte, den geschwächten Körper am Leben zu erhalten und gab ihr noch etwas mehr Energie. Ein paar Minuten später fühlte sie, wie sich der Kreislauf des Kindes stabilisierte und die schwarze Aura der tödlichen Krankheit langsam von ihr wich.
Schließlich ließ Benyun das Mädchen los und öffnete die Augen. Er tat mehrere tiefe Atemzüge und seufzte schließlich. „Das war es“, stellte er fest. „Sie hat jetzt eine gute Überlebenschance. Der Tumor ist weg. Das einzige, was sie jetzt noch braucht, ist Ruhe und Zeit sich zu erholen.“
„Danke, Vater.“
„Hm“, knurrte er unwirsch. „Ich habe Hunger. Du solltest auch was essen.“ Womit er keineswegs normale Nahrung meinte. „Und im übrigen rate ich dir, dir für deine nächste Mahlzeit jemanden zu suchen, der über Heilkräfte verfügt, wenn du sie schon nicht von mir übernehmen willst. Ich werde dir jedenfalls nicht noch einmal helfen, einen Menschen zu heilen.“
Ohne ein weiteres Wort verschwand er und sprang durch die Dimensionen zurück nach Hause. Sam setzte sich wieder in den Sessel und betrachtete Sally nachdenklich. Das Mädchen schlief jetzt wieder ruhig und friedlich, und ihr Gesicht war nicht mehr ganz so blass wie zuvor. Ja, ihr Vater hatte durchaus recht. Sie sollte sich Heilkräfte besorgen. Auch wenn sie nicht jeden heilen konnte oder durfte, so waren die doch recht nützlich. Außerdem wusste sie, dass ihr Vater zu seinem Wort stehen und nie wieder einen Menschen für sie heilen würde. Sie musste also in Zukunft allein zurechtkommen.

Sie beobachteten. Sie registrierten alles, was geschah. Aber sie griffen nicht ein. Die Regeln waren in diesem Punkt sehr klar, eindeutig und strikt. Doch sie gaben Anweisungen an ihre Gefolgsleute, die in ihrem Namen handelten. Das war erlaubt. Und sie trafen Entscheidungen, die weitreichende Folgen hatten. Die beiden Gestalten, die menschenähnliche Konturen besaßen und von denen die eine in silbernes Licht gehüllt war, die andere in die Schwärze der Dunkelheit, schwebten einander gegenüber, zwischen sich eine runde Fläche aus magischer Energie, in der sie die Bilder beschworen, die sie zu sehen wünschten. Im diesem Moment zeigte sie Sam, wie sie an Sallys Bett saß und über dem Kind wachte.
„Sie“, sagte die silberne Gestalt und deutete mit einem körperlosen Finger auf Sam. „Sie wird es sein.“ Die Stimme klang seltsam doppelt, so als sprächen zwei Stimmen gleichzeitig, die einer Frau und die eines Mannes.
Die dunkle Gestalt lachte. „Seid ihr schon so verzweifelt, dass ihr eine unbedeutende Dämonin wählt, die ein paar menschliche Schwächen hat, um eure Sache zu vertreten, wenn die Stunde gekommen ist?“ Auch ihre Stimme klang männlich und weiblich zugleich.
Die Aura der Lichtgestalt strahlte auf, was einem Lächeln gleichkam. „Auch das größte und gewaltigste Uhrwerk kann durch sein winzigstes Rädchen am Laufen gehalten oder zum Stillstand gebracht werden, wie du weißt. Und wer wäre wohl besser geeignet für unsere Zwecke als eine Dämonin, die ihre Kräfte aus Liebe und Mitgefühl selbstlos einsetzt zum Wohle anderer statt nur zu ihrem eigenen.“
„Sie ist und bleibt eine Dämonin“, erinnerte die Schattengestalt.
„Nur von Geburt“, widersprach die Lichtgestalt. „Und nicht einmal das vollständig.“
„Ja, wir wissen, dass ihr dafür gesorgt habt, dass ihr Blut verunreinigt wurde. Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Sehr Vieles kann noch passieren, bis die Stunde gekommen ist, in der die Entscheidung fällt.“
„Natürlich. Aber wir haben unsere Wahl getroffen. Tai’Samala ist unsere Auserwählte.“
„Nun gut“, stimmte die Schattengestalt zu. „So werden auch wir unseren Champion benennen, der unsere Sache vertritt.“ Die Schwärze um sie herum nahm noch um eine Nuance zu, ein Zeichen, dass sie lächelte. „Und wir wählen – Tai’Samala.“
Das Licht der silbernen Gestalt wurde für einen kurzen Augenblick blasser, was von ihrer Verblüffung zeugte. „Das ist unmöglich! Ein und dasselbe Wesen kann nicht gleichzeitig eure und unsere Interessen vertreten!“
„Die Regeln erlauben das“, widersprach der Schatten. „Ich gebe zu, dass in all den Äonen, in denen die Entscheidung immer wieder aufs Neue anstand, sie noch niemals in einer einzigen Person manifestiert wurde. Aber es ist erlaubt. Tai’Samala wird sich für eine Seite entscheiden müssen, und ihre Entscheidung wird es sein, die bestimmt, in welche Richtung das Pendel ausschlägt, wenn die Stunde gekommen ist.“
Die Silbergestalt strahlte wieder heller. Sie deutete auf Sams Bild im magischen Feld. „Ihre Tat hat doch gerade bewiesen, für welche Seite sie sich entschieden hat.“
Der Schatten gab ein geisterhaftes Lachen von sich. „Aber die Stunde der Entscheidung ist noch lange nicht gekommen. Bis dahin kann – und wird – noch sehr viel geschehen. Seid euch eurer kleinen Dämonin also nicht allzu sicher ...“

Henry Bellamy hatte sich überraschend schnell in dem Haus seines Onkels eingelebt. Bereits nach wenigen Tagen fühlte er sich so wohl darin, als hätte das Haus nur auf ihn gewartet. Vielleicht lag es daran, dass er seit seinem letzten längeren Aufenthalt hier reifer geworden war oder einfach daran, dass er so lange im Ausland gelebt hatte und dieses Haus das einzige Zuhause war, das er kannte. Jedenfalls verschwendete er keinen Gedanken mehr daran, das Haus zu verkaufen.
Etwas anderes beunruhigte ihn dafür zunehmend. Der seltsame Antiquitätenhändler Jacques LeGrand hatte nach seinem überraschenden Besuch am Tag von Henrys Ankunft schon dreimal angerufen und ihm jedes Mal einen höheren Betrag für die Büchersammlung seines Onkels geboten. Zuletzt eine volle Million. Außerdem schien er gar nicht mehr an irgendwelchen speziellen Büchern interessiert zu sein, die George Bellamy angeblich für ihn besorgt hatte, wofür Henry ohnehin noch nicht den geringsten Beweis gefunden hatte.
Onkel George war in manchen Dingen wirklich penibel gewesen, unter anderem auch was seine Geschäfte betraf. Jeder Vorgang war in einem eigenen Ordner abgeheftet, die in alphabetischer Reihenfolge in einem eigens dafür eingerichteten Lagerraum im Keller residierten. Henry hatte bereits drei Tage nach seiner Ankunft dort nach einem Vertrag mit Jacques LeGrand oder einem anderen Beleg gesucht, aber nichts gefunden. Seltsam war auch, dass LeGrand das nicht zu stören schien, nachdem Henry ihm das mitgeteilt hatte.
„Ihr Onkel hat ihn wohl vergessen abzuheften“, lautete seine lapidare Antwort.
„Wenn Sie mir die Titel der betreffenden Bücher nennen würden, Mr. LeGrand, so werde ich sie bestimmt finden“, hatte Henry angeboten, doch LeGrand war ihm ausgewichen.
„Vielleicht hat Ihr Onkel sie noch gar nicht bekommen. Aber ich erhöhe mein Angebot für die gesamte Sammlung.“
„Mr. LeGrand, ich glaube nicht, dass ich die Bücher verkaufen werde.“
„Tatsächlich? Nun, wir werden sehen.“
Das hatte beinahe bedrohlich geklungen. Doch LeGrand war nicht der Einzige, der sich für die Bücher interessierte. Vor zwei Tagen hatte sich ein Anwalt der Kanzlei Barclay & Lyle gemeldet und ihm im Namen eines Klienten, der ungenannt bleiben wollte, 300.000 Dollar für ein einziges Buch geboten.
„Es handelt sich dabei um eine Antiquität aus dem 19. Jahrhundert, Mr. Bellamy“, erklärte der Anwalt, „ein altes, in Leder gebundenes, handgeschriebenes Tagebuch, das der Ahnin meines Klienten gehörte. Aus Gründen der Familientradition hätte er es gern zurück.“
Henry wäre durchaus bereit gewesen, ein einziges Buch zu verkaufen, besonders da er nachvollziehen konnte, dass jemand ein altes Familienerbstück gern zurückhaben wollte. Von seinen eigenen Eltern war ihm kaum etwas geblieben, und hätte es ein Tagebuch seiner Mutter oder seines Vaters gegeben, er hätte es nur zu gern besessen. Also hatte er nach dem Buch gesucht und sich dabei zum ersten Mal angesehen, welche Bücher Onkel George überhaupt gesammelt hatte. Es handelte sich ausschließlich um okkulte Literatur. Wobei sich der Begriff Literatur nicht auf Romane bezog. Es waren Sachbücher – sofern man geneigt war, dieses Gebiet als Wissenschaft zu betrachten – die von Magie und magischen Ritualen handelten. Henry fragte sich, was seinen Onkel daran so interessiert haben mochte. Schließlich war George, soweit Henry ihn kannte, ein überaus nüchterner Mann und Praktiker gewesen, der mit beiden Beinen fest im Leben stand. Okkultismus passte nicht so recht zu ihm.
Jedenfalls hatte Henry sämtliche Bücherregale des Hauses durchgesehen und weder ein altes Tagebuch gefunden noch ein anderes Buch, auf das die Beschreibung gepasst hätte. Er hatte auch an allen anderen Stellen nachgesehen, wo George ein solches Buch hätte aufbewahren können, aber keins gefunden. Als er das dem Anwalt von Barclay & Lyle mitteilte, als der das nächste Mal anrief, hatte auch dieser Mann ihm gedroht.
„Mr. Bellamy, Ihr Onkel hat dieses Buch widerrechtlich an sich gebracht. Wir sind mehr als großzügig, dass wir anbieten, es Ihnen abzukaufen. Wir können die Herausgabe auch erzwingen.“
„Dann tun Sie das doch!“, fauchte Henry den Mann wütend durch das Telefon an, der sich erdreistete, ihn einen Lügner und Onkel George einen Dieb zu nennen. „Kommen Sie meinetwegen mit der Polizei und lassen Sie mein Haus durchsuchen, wenn Sie wollen! Ich habe das verdammte Buch nicht!“ Damit hatte Henry den Hörer auf die Gabel geknallt.
Noch am selben Tag standen zwei Fremde vor der Tür, ein Pärchen, wie es schien. Sie stellten sich höflich als Paula Jones und Jim Tanner vor und gaben sich als Mitglieder des „Freundeskreises der kreolischen Geschichte“ von New Orleans aus. Auch sie machten ihm ein Angebot für das geheimnisvolle Tagebuch, das Henry nicht hatte finden können.
„Mein Onkel hat ein solches Buch nicht in seinem Bestand“, erklärte er den beiden. „Ich weiß nicht, warum sich so viele Leute für ein altes Tagebuch interessieren.“
„Wer interessiert sich noch dafür?“, wollte Tanner wissen
Täuschte sich Henry, oder klang die Stimme des Mannes tatsächlich alarmiert? „Irgendein Klient irgendeiner Anwaltsfirma“, beschied er ihm. „Und nun gehen Sie bitte. Ich habe das Buch nicht, und ich werde auch keins von den anderen Büchern verkaufen. Guten Tag!“
Hatte Henry gehofft, dass die Angelegenheit damit erledigt wäre, so sah er sich getäuscht. Jemand verfolgte ihn. Wann immer er das Haus verließ, sah er einen Mann, der sich an seine Fersen heftete. Er war sich sicher, dass es sich immer um denselben handelte, obwohl er immer andere Kleidung trug. Doch er erkannte ihn an seiner Haltung und der Art, wie er sich bewegte. Die hatte etwas Lauerndes an sich, wie die Bewegungen eines Jägers, der sein Wild beschleicht.
Schließlich hatte er den Mann gestellt und rundheraus gefragt: „Was wollen Sie von mir?“
Der Mann machte sich nicht einmal die Mühe, die Verfolgung zu leugnen. „Ich habe eine Botschaft für Sie, Mr. Bellamy“, antwortete er ruhig. „Mr. LeGrand hat Ihnen ein wirklich großzügiges Angebot gemacht für Ihre Büchersammlung. Sie sollten es annehmen, denn er wird es nicht noch einmal erhöhen.“
„Sagen Sie ihrem Boss, dass ich nicht verkaufe“, wies Henry ihn entschlossen an. „Erst recht nicht an einen Mann, der mich verfolgen lässt.“
„Sie sollten sich das noch einmal gut überlegen, Sir. Es kann so viel passieren. Vielleicht haben Sie später keine Gelegenheit mehr, das Angebot zu akzeptieren.“
„Ich lasse mir nicht drohen!“ Henry war jetzt ernsthaft wütend. „Scheren Sie sich zum Teufel! Und nehmen Sie Ihren Boss am besten gleich mit!“
Der Mann lächelte maliziös. „Haben Sie keine Angst, dass der Teufel Sie heimsuchen könnte, wenn Sie seinen Namen derart missbrauchen?“, fragte er schlicht, drehte sich um und ging.
Erst als Henry nach dieser unerfreulichen Begegnung wieder zu Hause war, stellte er fest, dass man ihm seine Armbanduhr gestohlen hatte. Er war sich sicher, dass sein Verfolger der Dieb war, aber natürlich gab es dafür keinen Beweis. Immerhin sah er den Mann nicht wieder. Dafür klingelte sein Telefon zu den ungewöhnlichsten Zeiten, oft sogar mitten in der Nacht. Am anderen Ende meldete sich niemand. Nur eine Grabesstimme sagte: „Wenn Sie klug sind, verkaufen sie die Bücher.“
„Sind Sie das, Mr. LeGrand? Ich lasse mich nicht erpressen und auch nicht einschüchtern! Wenn Sie nicht mit diesem Unsinn aufhören, gehe ich zur Polizei.“
Seine einzige Antwort bestand in einem hässlichen Lachen, das ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Und natürlich blieb es nicht bei einem Anruf. Es folgten andere, deren Inhalt mit jedem Mal bedrohlicher wurde.
Der letzte lautete: „Wenn Sie nicht verkaufen, sind Sie in einer Woche tot.“
Natürlich war Henry daraufhin unverzüglich zur Polizei gegangen und hatte Anzeige erstattet. Die Beamten hatten eine Fangschaltung installiert, doch sie registrierten keinen einzigen Anruf, obwohl Henry in dieser Zeit mehrere erhielt. Am Ende hatte er sogar den Eindruck, dass die Polizei ihn verdächtigte, sich die Anrufe nur eingebildet zu haben.
Und noch etwas kam hinzu. Henry begann, sich zunehmend schlechter zu fühlen. Er bekam Fieber und in unregelmäßigen Abständen furchtbare Schmerzen im Magen und in der Brust, dass er schon einen Herzinfarkt befürchtete. Doch der Arzt, den er aufsuchte, fand keine Ursache dafür. Nach dessen Untersuchungsergebnissen war er blühend gesund. Trotzdem verschlimmerte sich sein Zustand stetig.
Zu allem Überfluss war er sich sicher, dass nachts finstere Gestalten um sein Haus schlichen. Sobald es dunkel wurde, hörte er tapsende Schritte im Garten und vor dem Haus und Geräusche, die klangen, als würden wilde Tiere lautstark an seinen Türen und Fenstern schnüffeln und einzubrechen versuchen. Doch jedes Mal, wenn er den Mut aufbrachte hinauszuschauen, war nichts zu sehen. Als er schließlich ein Gesicht am Fenster sah, das mit einem bösartigen Blick aus dunklen Augen zu ihm hereinstarrte, rief er erneut die Polizei. Aber als die eintraf, war der Mann natürlich längst weg. Allerdings gab es keine Spuren, die auf die Anwesenheit eines Fremden hindeuteten, obwohl sich direkt unter dem Fenster ein Beet mit weicher Erde befand, in dem Spuren hätten sein müssen.
Der Meinung war auch die Polizei. „Mr. Bellamy“, sagte ihm der ermittelnde Beamte mit schneidender Stimme, „die Polizei hat etwas Besseres zu tun, als sich um Leute zu kümmern, die sich verfolgt fühlen. Was immer Ihr Problem ist, so rate ich Ihnen, damit zu einem Psychiater zu gehen. Aber wenn Sie uns noch einmal für nichts und wieder nichts anrufen, buchte ich Sie ein und werfe den Schlüssel weg. Verstanden?“
Henry war darüber gleichermaßen empört wie verzweifelt. Er wurde bedroht, und die Polizei glaubte ihm kein Wort. Wie zum Teufel machte dieser LeGrand das? Oder hatte er die Polizei bestochen? Nein, das war nun doch an den Haaren herbeigezogen. Offenbar fing er jetzt schon an, Gespenster zu sehen und Verschwörungstheorien zu entwickeln.
Eine Welle von Übelkeit und Schmerz raste durch seinen Körper, als wieder einmal das Telefon klingelte. Beinahe gegen seinen Willen nahm Henry den Hörer ab. Am anderen Ende erklang ein gehässiges Lachen.
„Niemand glaubt Ihnen, Mr. Bellamy“, höhnte die Grabesstimme. „Und Sie haben nur noch drei Tage Zeit. Am Morgen des vierten sind Sie tot. Nur der Verkauf der Bücher kann Sie noch retten.“
„Niemals!“, brüllte Henry schmerzgepeinigt ins Telefon. „Eher verbrenne ich den ganzen Kram, als dass ich die Dinger Ihnen überlasse, Sie Psychopath!“
Zitternd legte er auf und ließ sich schwer atmend in den alten Ledersessel in Georges Arbeitszimmer fallen, der immer der Lieblingsplatz seines Onkels gewesen war und für Henry langsam denselben Stellenwert bekam. Er fühlte sich so elend, dass er der Drohung durchaus glaubte, die ihm prophezeite, dass er nur noch drei Tage zu leben hätte. Da sein Onkel das Behalten der Bücher nicht zur Bedingung für den Erhalt des restlichen Erbes gemacht hatte, hätte Henry die Bücher vielleicht tatsächlich verkauft. Aber er weigerte sich aus Prinzip, einem Erpresser nachzugeben.
Doch vorsorglich würde er gleich morgen sein Testament machen und die Bücher im Falle seines Todes der Nationalbibliothek vermachen, damit Jacques LeGrand oder wer auch immer ihn bedrohte, von seinem Tod keinen Vorteil haben würde.

Der Mann, der Henry Bellamy verfolgt und ihm die Uhr abgenommen hatte, war unverzüglich zu seinem Auftraggeber geeilt und hatte ihm mit einer unterwürfigen Geste die Uhr und ein Polaroidfoto überreicht, das er unbemerkt von Henry geschossen hatte. Hätte Henry den Auftraggeber in diesem Moment gesehen, er hätte erst auf den zweiten oder dritten Blick Jacques LeGrand in ihm erkannt.
Der hochgewachsene Afroamerikaner sah äußerlich dem eleganten, gut gekleideten Mann, der Henry aufgesucht hatte, nicht mehr ähnlich. Er trug ein schwarzes Gewand, auf dem mit ebenfalls schwarzem Faden Symbole gestickt waren, die nur wenige Menschen kannten. Seinen Kopf bedeckte ein zu einer Art Turban geschlungenes schwarzes Tuch, und um seinen Hals ringelten sich zwei lebendige Giftschlangen. Am meisten hatte sich aber der Ausdruck seines Gesichts verändert. Er war eiskalt, gefühllos und grausam.
LeGrand nahm Uhr und Foto schweigend entgegen und scheuchte den Überbringer hinaus. Danach gab er vier im Schatten des Raums sitzenden Gestalten einen scharfen Befehl, und sie begannen die Trommeln zu schlagen, die sie zwischen den Knien hielten. Sie würden damit erst aufhören, wenn er es ihnen befahl. Ihre leeren Augen und die ausdruckslosen Gesichter zeigten ebenso wie der Leichengeruch, der von ihnen ausging, dass es sich um Zombies handelte – lebende Tote, die LeGrand unter seinen Willen gezwungen hatte.
Während sie trommelten, streute LeGrand auf den Fußboden vor einem Altar ein veve, ein heiliges Bildsymbol. Doch dieses war keines der loa, der guten Götter des Voodoo, sondern beschwor die baka, die Geister des Bösen.
Nachdem das Bild fertig war, stellte er einen Topf auf das Feuer, das in einer Ecke brannte und warf zwei schwarze Kerzen hinein. Als sich das Wachs zu verformen begann, nahm er sie wieder heraus und knetete daraus die Figur eines Mannes, die er so detailgetreu wie möglich darstellte. Dabei sang er ununterbrochen Beschwörungen. Aus dem Polaroidfoto von Henry schnitt er schließlich das Gesicht aus, presste es in das Wachs und bettete die Ränder darin ein. Anschließend band er der Wachspuppe Henry Bellamys Uhr wie einen Gürtel um den Bauch. Danach kam das geheime Ritual, das die Puppe ihrer Bestimmung weihte. Zum Schluss nahm LeGrand zwei lange Nadeln und trieb die eine in den Magen der Puppe und steckte die andere in die Herzgegend – nur leicht, denn noch sollte Henry Bellamy nicht sterben, sondern nur Qualen erleiden und Todesangst ausstehen, bis er in einer Woche starb. Denn sterben würde er in jedem Fall, ob er die Bücher nun verkaufte oder nicht.

Sams Aufruf in der Zeitung an die Opfer von „Madame Medusa“ hatte überraschend viel Erfolg, obwohl sie sich sicher war, dass etliche weitere Opfer, die von der Frau ausgenommen worden waren, sich aus Scham nicht meldeten. Wer gab schließlich schon gern zu, auf eine solche Scharlatanin hereingefallen zu sein, die jeder auf Anhieb durchschauen musste, der seinen gesunden Menschenverstand gebrauchte.
Jedenfalls war nur drei Tage später der Fall Emma Carter bereits zur Polizeisache geworden, wenn auch nicht in bezug auf ihre Betrügereien. Die Frau hatte tatsächlich wie von Sam verlangt ihr Wahrsagestudio geschlossen. Doch damit war wohl ihr Komplize nicht einverstanden gewesen. Er hatte sie nach einem lautstarken Streit in ihrer Wohnung ermordet. Zu seinem Pech hatten die Nachbarn aber bereits wegen des Lärms die Polizei gerufen, sodass der Komplize quasi in flagranti ertappt wurde. Er hatte inzwischen gestanden und als Grund für die Tat angegeben, dass Emma Carter ihn betrogen hätte, da sie das erbeutete Geld aus dem Schließfach am Busbahnhof offenbar beiseite geschafft hatte. Da sich aber nirgends auch nur der geringste Hinweis darauf fand, dass dieses Geld überhaupt existiert hatte und der Mann ohnehin vorbestraft war, glaubte die Polizei ihm kein Wort.
Sam empfand nicht das geringste Mitleid mit der Toten. Nachdem sie nicht nur Patricia Greene, sondern noch unzähligen anderen Leuten eine Menge Leid verursacht hatte, war sie der Meinung, dass die Frau in letzter Konsequenz lediglich den Fluch ihrer eigenen Untaten geerntet hatte.
Viel erfreulicher dagegen war, dass Sally Greenes Genesung die Schlagzeilen als medizinisches Wunder beherrschte. Das Mädchen war zwar noch geschwächt und würde wohl ein halbes Jahr brauchen, um sich wieder vollständig zu erholen, aber der Tumor war verschwunden. Sie würde leben, und die Ärzte standen vor einem Rätsel.
Patricia Greene hatte Sam unverzüglich nach der überraschenden Diagnose in ihrem Büro in der Chester Avenue 2311 aufgesucht. „Miss Tyler, Sie hatten erwähnt, dass es tatsächlich Menschen gibt, die, hm, über geistige Heilkräfte verfügen. Haben Sie Sally geheilt?“
„Nein, Mrs. Greene, ich besitze diese Fähigkeiten leider nicht.“ Und das war die reine Wahrheit.
„Ich frage Sie deshalb, weil Sally in der Nacht, in der Sie bei ihr waren, einen seltsamen Traum hatte. Sie sagte, sie hätte zwei Engel an ihrem Bett gesehen, von denen einer ganz in violettes Licht eingehüllt gewesen sei und der andere in blaugrünes und beide hätten dieses Licht in ihren Körper geschickt, worauf sie gesund geworden ist.“
Sam fand es bemerkenswert, was die Kleine unbewusst wahrgenommen hatte. Die Farbe von Benyuns Aura war blaugrün, ihre eigene violett.
„Miss Tyler, ich schwöre, ich werde Ihr Geheimnis niemandem verraten, aber ich muss wissen, ob Sie meine Sally geheilt haben.“
Sam ergriff Patricias Hände, drückte sie sanft und blickte ihr offen in die Augen. „Mrs. Greene, ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, dass ich Ihre Tochter nicht geheilt habe.“ Sie zögerte leicht. „Ich bin zwar kein gläubiger Mensch, aber ich würde sagen, dass hier wohl tatsächlich Gott seine Hand im Spiel hatte. Vielleicht hat er ja wirklich Engel geschickt, die Ihre Tochter geheilt haben. Wenn Sie also jemandem danken wollen, so danken Sie Gott. Und wenn ich Ihnen darüber hinaus einen Rat geben darf, dann lassen Sie nicht zu, dass Sally zum Forschungsobjekt von Ärzten wird, die dieses Wunder unbedingt wissenschaftlich entschlüsseln wollen. Die Kleine hat genug Zeit in Kliniken verbringen müssen. Sobald sie etwas kräftiger geworden ist, sollten Sie eine Reise mit ihr unternehmen. Und wenn man Sie zu sehr belästigt, rufen Sie mich an. Ich werde die neugierige Meute schon von Ihnen fernhalten, egal ob es Reporter oder Ärzte sind.“
„Danke, Miss Tyler.“
Sie ging, und Sam verspürte eine große Zufriedenheit. In dieser Stimmung kehrte sie am Abend nach Hause zurück. Scott Parker war ebenfalls vor fünf Minuten zurückgekommen und begrüßte sie mit einem Lächeln und einem leidenschaftlichen Kuss.
„Wie war dein Tag, Sam?“, fragte er sie.
„Ruhig und friedlich“, antwortete sie. „Und deiner?“
„Ich habe einen Prozess gewonnen und zwei neue Mandate erhalten.“
„Herzlichen Glückwunsch.“
„Und zur Feier des Tages wollte ich dich in unser Lieblingsrestaurant einladen.“
„Nichts dagegen“, stimmte Sam zu und sah ihn fragend an. „Du hast doch noch etwas auf dem Herzen“, stellte sie fest, denn sie spürte genau, dass er sich in einer ganz anderen Stimmung befand als sonst. „Heraus damit.“
Zu ihrer Überraschung wurde Scott rot. „Später“, wehrte er ab. „Lass uns erst essen gehen.“
Eine halbe Stunde später saßen sie im King Fong Restaurant in der Lorain Road 14055, und warteten bei einem heißen Jasmintee auf ihr Essen.
„Sam“, begann Scott schließlich feierlich. „Ich liebe dich von ganzem Herzen. Nein, sag jetzt bitte nichts“, wehrte er ab, als sie den Mund zu einer Erwiderung öffnete, und Sam schloss ihn gehorsam. „Ich möchte mit dir leben bis ans Ende meiner Tage. Aber ich möchte unserer Beziehung auch gern einen festen Rahmen geben.“
Nach Sams Meinung war der Rahmen ihrer Beziehung bereits mehr als fest genug. Sie lebten im selben Haus zusammen und waren ein Paar – soweit ein Sukkubus und ein Mensch jemals ein Paar sein konnten. Sie wusste, worauf Scott hinaus wollte, doch das war genau das, was sie ihm nicht geben konnte. Er griff die Tasche seines Jacketts und holte eine kleine Schmuckschatulle, die er öffnete und ihr hinschob. Darin lag ein Goldring in Form einer Schlange mit einem im Kopf eingelassenen Smaragden und zwei kleineren Smaragden als Augen.
„Samantha Tyler“, sagte er ernst. „Wenn es nicht total lächerlich wirkte, würde ich hier vor dir auf die Knie fallen und dich um deine Hand bitten. Aber das hole ich zu Hause nach. Doch ich frage dich: Willst du meine Frau werden?“
Sam schloss die Augen und seufzte tief. Als ob ihr Leben nicht allein schon durch die Tatsache, dass sie als Sukkubus mit einem Menschen zusammenlebte, schwierig genug war; jetzt wollte Scott in ganzer Unschuld auch noch die Probleme vertiefen. Seine blauen Augen sahen sie bittend, beinahe flehentlich an. Sie beugte sich vor und gab ihm einen leichten Kuss.
„Das ist sehr lieb von dir, Scott“, sagte sie. „Aber glaube mir, ich bin nicht die richtige Frau für dich.“
„Doch, das bist du“, widersprach er entschieden. „Wovor hast du Angst, Sam?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Angst, Scott. Ich weiß nur sehr genau, dass das niemals gut gehen würde.“
Er nickte nachdrücklich. „Es geht doch schon seit zwei Jahren mit uns gut, Sam. Wir harmonieren nicht nur im Bett mit einander, und auch wenn du es niemals aussprichst, so weiß ich doch, dass du mich auch liebst. Was sollte da nicht gut gehen?“ Er sah sie fragend an. „Oder bist du, vielmehr warst du schon mal verheiratet?“
„Nein.“
„Woher willst du dann wissen, dass es mit uns nicht gut geht?“
Weil ich ein Sukkubus bin und du nur ein Mensch, mein Freund. Ich brauche zum Überleben täglich mehr Sex, als du mir geben kannst, und ich lebe an die sechshundert Jahre länger als du. Aber das konnte sie ihm natürlich nicht offenbaren.
„Ich weiß, du und deine Familie“, Scott senkte seine Stimme zu einem Flüstern, „ihr seid im Zeugenschutzprogramm. Aber damit bist du doch vollkommen frei von welcher düsteren Vergangenheit auch immer.“
Vor einigen Wochen hatte Scott sich bemüßigt gefühlt, ein bisschen in Sams Vergangenheit zu forschen und dabei festgestellt, dass es eine Samantha Tyler mit ihren Lebensdaten bis vor zehn Jahren noch gar nicht gegeben hatte. Inzwischen hatten Sam und ihre Familie ihren erfunden Background daraufhin lückenlos und wasserdicht gemacht, dass niemand mehr auf eine solche Diskrepanz stoßen würde. Zu ihrem Glück hatte Scott den fehlenden Teil ihrer Lebensgeschichte dahingehend interpretiert, dass sie wohl im Zeugenschutzprogramm sein musste und seine Nachforschungen daraufhin eingestellt.
Jetzt sah er sie so hoffnungsvoll und flehentlich an, dass Sam wusste, wie sehr ihre Ablehnung ihn schmerzen würde. Doch wenn sie zustimmte, würde das unweigerlich in einer Katastrophe enden. Es war ein Dilemma.
Scott nahm den Ring aus der Schatulle und steckte ihn ihr an den rechten Ringfinger. „Ich schenke ihn dir, Sam“, sagte er leise. „Ohne jede Verpflichtung. Und ich verspreche dir, dass ich warten werde, bis du bereit bist und keine Angst mehr hast. Ich liebe dich, und deshalb werde ich dich niemals zu etwas drängen, das dir offensichtlich Bauchschmerzen bereitet.“
Sie sah ihn dankbar an. Er war wirklich ein großartiger Mann, wie sie wohl keinen besseren finden könnte, falls sie wirklich einen dauerhaften Partner haben wollte. Aber diese „Bauchschmerzen“ würden nie verschwinden. Es wäre für sie beide besser, sie beendete ihre Beziehung zu ihm, verschwand von der Bildfläche und baute sich anderswo eine neue Existenz auf. Oder sie kürzte die Sache ab, indem sie ihm schonungslos offenbarte, was sie wirklich war. Danach hätte er garantiert kein Verlangen mehr nach einer Heirat mit ihr. Doch sie wusste, dass sie weder das eine noch das andere tun würde.
„Danke für dein Verständnis, Scott“, sagte sie. „Ich will offen zu dir sein. Das, was mir diese ‚Bauchschmerzen’ verursacht, ist, nun, das dunkle Geheimnis, das meine Familie umgibt. Wenn wir wirklich unserer Beziehung einen so festen Rahmen geben wollen“, sie hielt die Hand mit dem Ring hoch, „dann muss ich es dir vorher offenbaren. Aber ich bin mir sehr sicher, dass du danach nichts mehr mit mir zu tun haben willst.“
Er schüttelte den Kopf. „Sam, ich liebe dich. Und was immer das für ein Geheimnis ist, was immer du getan hast, es wird meine Liebe zu dir nicht auslöschen können. Aber ich werde warten, bis du bereit bist, dich mir zu offenbaren.“
Sie war überzeugt davon, dass er selbst glaubte, was er sagte. Aber sie kannte ihn auch gut genug, um zu wissen, dass es eine Sache gab, die er nie verzeihen konnte: Untreue. Und wie hätte sie als Sukkubus ihm jemals vollständig treu sein können? Immerhin hatte sie jetzt erst einmal ein bisschen Zeit gewonnen. Und vielleicht fiel ihr ja noch eine andere Lösung des Problems ein.
Sie genossen das Essen, und Scott ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken. Stattdessen war er besonders aufmerksam und gab sich große Mühe, Sam zu zeigen, dass er ihr Zögern verstand.
Als sie später nach Hause zurückkehrten, gab Sam ihm kaum Zeit, die Haustür hinter ihnen zu schließen, als sie ihm schon einen leidenschaftlichen Kuss gab, der augenblicklich seine Sinne entflammte. Doch als er sie in seine Arme ziehen wollte, wich sie ihm mit einem verschmitzten Lächeln aus und rannte die Treppe hinauf zu ihren Schlafzimmern. Scott folgte ihr langsamer. Die Tür zu seinem Schlafzimmer stand einladend offen, und Sam stand vor dem breiten Bett und vollführte einen geschmeidigen Tanz zu einer unhörbaren Musik, bei dem sie sich Stück für Stück auszog, bis sie völlig nackt war.
Scott blickte sie bewundernd an. Sie war so wunderschön! Und sie ließ sich immer wieder etwas Neues einfallen, ihre Liebesspiele aufregend und interessant zu gestalten. Mit wiegenden Schritten kam sie auf ihn zu und begann, ihn mit immer noch tanzenden Bewegungen zu entkleiden, bis er ebenfalls nackt war. Er nahm sie in die Arme, fühlte ihre warme, seidenweiche Haut und roch den verführerischen Duft, der von ihrem Körper ausging und der wie ein Aphrodisiakum auf ihn wirkte.
Er fuhr ihr mit der Hand durch das kurze schwarze Haar und umspielte mit den Fingerspitzen ihre Brustwarzen. Sie drängte sich an ihn und antwortete mit einem Kuss, dessen Leidenschaft keinen Zweifel daran ließ, dass sie Scott auf der Stelle wollte. Ohne sich von einander zu lösen, gingen sie zum Bett, ließen sich darauf nieder und genossen die gegenseitige Berührung ihrer nackten Körper.
Sam strich mit den Fingern über die harten Muskeln seines Bauches, fuhr seine kräftigen Schultern entlang über den Rücken bis zum Gesäß, was seine Erregung weiter steigerte. Trotzdem hielt er sich zurück, streichelte sie am ganzen Körper und massierte sanft ihren Schoß, während er nicht aufhörte, sie zu küssen, bis sie sich ihm weit öffnete und ihn willkommen hieß. Als er schließlich in ihren Körper eintauchte, drängte sie sich ihm entgegen. Ihre Beine umfingen seine Hüften, um ihn noch tiefer in sich aufzunehmen.
„Das ist so schön mit dir“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Und absolut göttlich mit dir“, gab er das Kompliment ebenso leise zurück.
Scott hatte mit keiner anderen Frau je eine solche Intensität erlebt wie mit Sam. Sie fuhr ihm mit den Händen durch das sandfarbene Haar und küsste ihn erregt. Er wälzte sich geschickt herum, dass sie auf ihm zu liegen kam und ließ seine Hände an ihrem Körper langsam auf und ab gleiten, während sie auf ihm ritt und sich sanft vor und zurück schaukelte. Ein entrücktes Lächeln lag auf ihrem Gesicht.
Nach einer Weile richtete er sich auf, dass sie beide in eine sitzende Haltung kamen. Sie verschränkte die Beine hinter seinem Rücken. Er umarmte sie und drückte sie an sich, streichelte ihren Rücken und bewegte seine Hüften rhythmisch. Sie seufzte wohlig und genoss seine harte Männlichkeit in ihrem Schoß. Schließlich ließ er sie langsam nach hinten gleiten, bis ihr Oberkörper wieder auf dem Bett lag und er über ihr. Er schob sich tief in sie hinein und begann, sich langsam auf und ab zu bewegen. Sie drängte sich ihm entgegen. Ihre Finger krallten sich in seine Schultern. Sie passte sich dem Rhythmus seiner Stöße an, zog seinen Kopf zu sich herab und küsste ihn mit einer Leidenschaft, die ihm den Atem nahm und Feuer durch seinen Körper zu senden schien, bis sie beide wenige Augenblicke später den Höhepunkt erreichten, der sie wohlig schüttelte und schließlich entspannt zurückließ.
Sie blieben noch einige Zeit in einander verschlungen liegen, bis die letzten Wellen der Erregung abgeklungen waren, ehe sie ihre Körper von einander trennten. Scott bettete Sam in seine Arme, und sie kuschelte sich an ihn und fühlte sich gesättigt und zufrieden. Sie genossen noch eine Weile gegenseitig ihre Nähe, bis Sam schließlich in ihr eigenes Schlafzimmer zurückkehrte.
Sie schlief gern allein, und es gab da noch ein paar Dinge, die sie in Ruhe überdenken wollte. Unter anderem eine Strategie, wie sie Scott eines Tages schonend offenbaren konnte, was sie war, ohne ihn in die Flucht zu treiben, denn das war gar nicht so einfach.

Henry Bellamy saß in seinem Sessel im Arbeitszimmer und war nur noch ein Schatten seiner selbst. Inzwischen war er zu der Überzeugung gekommen, dass Jacques LeGrand ihn durch einen Helfer wohl vergiftet hatte, denn die Schmerzen wurden immer schlimmer. Er fühlte sich regelrecht krank und kraftlos, und der Psychoterror, dem er ausgesetzt war, tat ein Übriges, um ihn zu zermürben.
Allein heute hatten ihn sowohl die Kanzlei Barclay & Lyle mit einem neuen Angebot – und einer neuen Drohung – belästigt, wie auch Paula Jones und Jim Tanner wieder vor seiner Tür gestanden und nach dem Buch gefragt, das er nicht besaß. Auch sie hatten sich aufs Drohen verlegt.
„Wir wissen, dass das Buch im Haus ist, Mr. Bellamy“, hatte Paula Jones kalt gesagt. „Leugnen ist zwecklos. Und wenn Sie es nicht freiwillig herausgeben, so haben wir noch ganz andere Mittel, um Sie dazu zu zwingen.“
Doch was immer sie mit ihm vorhatten, konnte kaum schlimmer sein als die Halluzinationen, die Henry an diesem Abend heimsuchten. Er sah Gesichter an den Fenstern, bösartige Fratzen, die ihn aus glühenden Augen anzustarren schienen. Und er hörte wilde Tiere, die um sein Haus herum liefen und wie Wölfe heulten. Doch natürlich gab es keine Wölfe inmitten von New Orleans. Außerdem hätte der Lärm, den sie veranstalteten, die Nachbarn aufmerksam machen müssen, aber die schienen nichts davon zu bemerken; also mussten es Halluzinationen sein.
Dass es vielleicht doch keine Halluzinationen waren, dämmerte ihm, als das Klingeln des Telefons ihn kurz vor Mitternacht erschreckt zusammenfahren ließ. Mit zitternden Händen nahm er den Hörer ab. Wieder war die Grabesstimme am anderen Ende.
„Die Hunde des Todes schleichen schon um Ihr Haus herum, Mr. Bellamy“, sagte die Stimme. „Bald werden sie sich an Ihrem Fleisch laben. Und die Toten erwarten Sie schon. Wenn Sie nicht endlich vernünftig werden, sind Sie in sechsunddreißig Stunden tot.“
Die Verbindung brach ab und Henry ließ den Hörer fallen, als wäre es ein glühendes Kohlestück. Er hatte Angst, eine so tiefe Angst, dass er am ganzen Körper zu zittern begann. Trotzdem würde er die Bücher nicht verkaufen, wie es der Unbekannte forderte. Leute wie LeGrand – oder wer immer es war – spekulierten darauf, dass ihre Opfer vor lauter Angst nachgaben, und nicht nur das ging Henry verdammt gegen den Strich. Sein Onkel hatte diese Bücher geliebt und viel Zeit und Geld investiert, im Laufe der Jahre diese Sammlung zu erwerben. Es war eine Frage der Achtung und des Respekts ihm gegenüber, seinen letzten Willen zu erfüllen und die Bücher zu behalten.
Ein heftiger Windstoß riss das Fenster des Arbeitszimmers auf, und Henry fuhr mit einem erstickten Aufschrei erschrocken zusammen. Halb erwartete er, dass eine Horde maskierter, schwarz gekleideter finsterer Gestalten oder gar die schrecklichen Wölfe hereinspringen und ihn bedrohen oder sogar töten würden. Doch es war nur der Wind. Der wirbelte allerdings alle Papiere auf dem Schreibtisch durcheinander und auf den Boden und richtete ein heilloses Chaos an, ehe es Henry gelang, das Fenster mit einer unerwartet großen Kraftanstrengung wieder zu schließen.
Danach fühlte er sich vollkommen erschöpft, als hätte er gerade einen Marathonlauf absolviert. Er ließ sich in den alten Ledersessel fallen und hob geistesabwesend das Stück Papier auf, das der Wind auf dessen Sitz geweht hatte. Sein Onkel hatte etwas darauf geschrieben: „Bei Problemen jedweder Art anrufen. Tag & Nacht erreichbar.“
Henry drehte das Ding um. Es war eine inzwischen leicht verknautschte und etwas angegilbte Visitenkarte mit einer Adresse aus Cleveland: Sam Tyler – Privatermittlungen, Personenschutz, Security. 2311 Chester Avenue, Cleveland, Ohio. Darunter waren zwei Telefonnummern aufgelistet, zwei Faxanschlüsse, zwei Handynummern und eine E-Mail-Adresse.
Ein Wort stach Henry auf der Karte besonders ins Auge: Personenschutz. Und die handschriftliche Notiz seines Onkels, dass der Mann Tag und Nacht erreichbar wäre. Eigentlich war es unwahrscheinlich, dass ein Personenschützer aus Cleveland einen Auftrag in New Orleans annehmen würde. Andererseits war Henrys Onkel seines Wissens nie in Ohio gewesen, also musste er diesem Sam Tyler hier begegnet sein und hielt offenbar große Stücke auf ihn.
Ein Anruf und eine Anfrage konnten jedenfalls nicht schaden. Im schlimmsten Fall erklärte ihm der Typ mehr oder weniger freundlich, dass er keine Aufträge in Louisiana annahm. Kurz entschlossen quälte sich Henry zum Telefon. Da es tatsächlich schon kurz vor Mitternacht war, würde er kein Glück haben, wenn er versuchte das Büro zu erreichen. Also wählte er die erste angegebene Handynummer. Bereits nach dem dritten Klingeln wurde der Anruf angenommen.
„Sam Tyler, Security-Agentur“, meldete sich eine eindeutig weibliche Stimme.
Henry war darüber für einen Moment so verblüfft, dass er nicht antworten konnte, ehe ihm die naheliegendste Erklärung einfiel, dass er wohl Mr. Tylers Sekretärin am Apparat hatte.
„Hier spricht Henry Bellamy aus New Orleans“, sagte er schließlich. „Entschuldigen Sie die späte Störung, Miss, aber ich muss unbedingt wissen, ob Mr. Tyler auch außerhalb von Cleveland Aufträge annimmt. Hier in New Orleans, um genau zu sein.“
„Mr. Bellamy“, antwortete die Frau am anderen Ende freundlich, „ich nehme überall dort einen Auftrag an, wo ich gebraucht werde. Und was die späte Störung betrifft, so würden Sie mich wohl kaum anrufen, wenn es nicht wirklich dringend wäre. Was haben Sie für Probleme?“
Wieder schwieg Henry einen Moment verwirrt. „Eh, Miss, heißt das, dass Sie Sam Tyler sind? Der, hm, Bodyguard?“
„In der Tat.“ Die Stimme der Frau klang amüsiert. „Samantha Tyler, um genau zu sein, aber alle Welt nennt mich Sam. Denn wenn ich meinen vollen Namen auf meine Visitenkarten setzte, würden die meisten potenziellen Klienten gar nicht anrufen, weil sie einer Frau nicht zutrauen, den Job tun zu können.“
„Wie kommen Sie darauf, dass ich Ihre Nummer von einer Visitenkarte habe?“ Henry konnte förmlich hören, wie sie am anderen Ende grinste.
„Sie heißen Bellamy, und Sie rufen aus New Orleans an. Da ich nicht im dortigen Branchenverzeichnis stehe, es aber nur einen einzigen Mann aus Ihrer schönen Stadt gibt, dem ich jemals eine Visitenkarte gegeben habe, können Sie meine Nummer nur von eben der und somit von George Bellamy haben. Richtig?“
„Allerdings“, gab Henry zu und begann, zu der fremden Frau Vertrauen zu fassen. Offensichtlich war sie nicht auf den Kopf gefallen, und sie hatte seinen Onkel gekannt. „Miss Tyler, mein Problem ist, dass ich bedroht werde. Mein Onkel George ist vor einigen Wochen verstorben und hat mir seine Büchersammlung hinterlassen. Zuerst erhielt ich lediglich von verschiedenen Leuten Kaufangebote, was ja nichts Schlimmes ist. Aber als ich mich weigerte, die Angebote anzunehmen, begannen die Drohungen. Und vor zehn Minuten habe ich die letzte Morddrohung erhalten, die mir prophezeit, dass ich in 36 Stunden tot bin, wenn ich nicht endlich ‚vernünftig’ werde. Miss Tyler, ich brauche dringend professionellen Schutz, aber die Polizei tut nichts. Angeblich können sie niemanden ausfindig machen, der mich seit Tagen mit Telefonterror belästigt. Die glauben inzwischen schon, dass ich entweder verrückt bin oder einer von denen, die sich solche Geschichten ausdenken, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Man hat mir schon mit Konsequenzen gedroht, wenn ich noch mal anrufe.“ Henrys Stimme brach beinahe vor Verzweiflung. „Sie glauben mir doch, Miss Tyler?“, vergewisserte er sich vorsichtshalber.
„Allerdings“, antwortete sie ruhig. „Mr. Bellamy, ich nehme die nächste Maschine nach New Orleans und werde wohl irgendwann morgen Abend bei Ihnen eintreffen. Falls man sie in der Zwischenzeit nochmals bedrängt, geben Sie sich zum Schein kooperativ. Sagen Sie, Sie wären bereit zu verkaufen und halten Sie die Leute hin, bis ich da bin.“
„Danke, Miss Tyler. Aber – verzeihen Sie mir die Frage – sind Sie überhaupt in der Lage, etwas gegen solche Leute ausrichten zu können?“
„Darauf gebe ich Ihnen mein Wort, Sir. Sobald ich da bin, kommen die nur über meine Leiche an Sie heran. Und glauben Sie mir, ich bin nicht so leicht umzubringen, wie schon manch ein finsterer Geselle zu seinem Leidwesen feststellen musste.“
Henry glaubte ihr. Er konnte nicht sagen wieso, aber er glaubte ihr. „Danke“, sagte er noch einmal inbrünstig. „Meine Adresse ist 198 St. Louis Street im French Quarter. Oh, eh, wie hoch ist eigentlich Ihr Honorar? Ich hoffe, ich kann mir Ihre Dienste leisten.“ Wieder hörte er an ihrer Stimme, dass sie lächelte.
„Darüber werden wir uns schon einig. Ich komme, so schnell ich kann. Gute Nacht, Mr. Bellamy.“
„Gute Nacht, Miss Tyler.“
Als Henry den Hörer auflegte, war seine Angst seltsamerweise verschwunden, und er sah dem nächsten Tag ein bisschen gelassener entgegen.


© Mara Laue

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