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Band 2 - Die Hexentrommel

Im Jahr 1455, in einem Zigeunerlager irgendwo in Siebenbürgen.
Die Hexe kreischte, wand sich in ihren Fesseln auf dem Scheiterhaufen und brüllte ihren Bezwingern die schlimmsten Flüche entgegen. Noch vor wenigen Tagen wären alle voller Furcht vor ihrer Macht geflüchtet. Doch diese Macht war gebrochen. Jetzt wohnte die gesamte Sippe mit großer Erleichterung ihrer Hinrichtung bei.
Sanya, die drabarni, die Zauberin der Sippe, saß vor ihr mit einer kleinen Handtrommel aus Eibenholz und Schlangenleder und begann, einen komplizierten Rhythmus darauf zu schlagen. Die Hexe schrie erneut, und in ihrer Stimme lag abgrundtiefer Hass.
„Das werdet ihr bitter bereuen! Eines Tages komme ich zurück! Und meine Rache wird furchtbar sein! Ich werde euch alle vernichten! Euch und eure Nachkommen bis zum letzten Kind!“
Der Trommelklang schwoll zu einem wilden Stakkato an. Mit einem letzten Schrei löste sich die Seele der Hexe als ein roter Nebel aus ihrem Körper und wurde von der Trommel aufgesogen. Nachdem der letzte Nebelfetzen in dem Instrument verschwunden war, schlug Sanya einen Siegelrhythmus. Danach schwieg die Trommel. Die Hexe war tot. Schnellstens steckten die Männer den Scheiterhaufen in Brand und wachten über das Feuer, bis es vollständig heruntergebrannt und erloschen war. Mit größter Sorgfalt sammelten sie die Asche ein und verstreuten sie weit weg vom Lager mit Salz vermischt in alle Winde.
Sanya nahm ihre Tochter Amra beiseite. „Diese Trommel darf niemals zerstört werden“, schärfte sie ihr ein. „Und niemals darf darauf oder auch nur in ihrer Nähe der Beschwörungsrhythmus getrommelt werden, sonst wird der Geist der Hexe befreit. Vergiss das nicht! Und lehre es auch deiner Nachfolgerin. Das darf nicht vergessen werden. Niemals!“

Roma-Siedlung im Stadtteil Springdale von Richmond, Virginia, USA, heute
„Blödsinn!“ Yljana Moshani legte den größtmöglichen Nachdruck in dieses eine Wort. „Wir leben im 21. Jahrhundert. Kein vernünftiger Mensch glaubt mehr an Zauberei! Ich bin jedenfalls eine moderne Frau und werde mich nicht mit diesem Hokuspokus abgeben!“
„Das ist deine Pflicht!“, hielt ihr älterer Bruder Gonzo ihr streng vor. „Du bist die Einzige, die die Gabe unserer Mutter geerbt hat. Die Sippe braucht ihre drabarni. Es ist eine Ehre, dass du unserer Mutter in diesem Amt nachfolgen darfst.“
„Ich habe nicht um diese so genannte Ehre gebeten“, konterte Yljana schnippisch und warf beredt die Arme in die Luft. „Die Gabe – wenn ich das schon höre! Ich habe ab und zu ein paar Träume, die wahr werden. Na und? Das ist keine Zauberei. Diese ganzen Rituale und ‚Zauber’, auf die Mutter so großen Wert legte und mir gegen meinen Willen aufgezwungen hat, sind doch nichts weiter als kindischer Aberglaube, den kein vernunftbegabter Mensch heute noch glauben würde!“
„Wie kannst du so etwas sagen!“, fuhr Gonzo auf. „Draban ist real! Die Magie unserer drabarni hat uns Jahrhunderte lang immer zuverlässig beschützt!“
Yljana lachte spöttisch. „Oh ja, die Zauberkünste haben unserem Volk ja so viel Gutes beschert. Wir werden überall vertrieben, haben kaum Rechte, wurden in KZs ermordet, unserer Freiheit beraubt, werden weniger geachtet als Hunde, ständig diskriminiert und kriminalisiert. Wenn draban, die Magie, wirklich existierte, dann hätte sie uns vor all dem beschützt! Hätte verhindert, dass unsere Vorfahren aus Rumänien vertrieben wurden und wir hier in diesem ... Loch gelandet sind!“
Mit Gonzos Ärger über die Engstirnigkeit und Uneinsichtigkeit seiner jungen Schwester wuchs seine Verzweiflung darüber, dass sie offensichtlich gar nicht in der Lage war, das Amt der drabarni zu übernehmen. Ihre Mutter war zu früh gestorben. Yljanas Ausbildung blieb deshalb unvollkommen. Außerdem wehrte sie sich mit Händen und Füßen gegen ihre Pflicht.
Gonzo konnte es ihr einerseits nicht verdenken, denn eigentlich war seine Nichte Shiona für das Amt der drabarni vorgesehen gewesen. Aber sie hatte sich in einen Gadscho verliebt, einen amerikanischen Arzt und seinetwegen die Sippe verlassen. Daraufhin hatte die Kris, das oberste Sippengericht, sie ausgestoßen. Nun war Yljana als Einzige übrig geblieben, die nächste drabarni zu werden. Kein Wunder, dass sie dagegen rebellierte. Trotzdem war es ihre Pflicht, der sie zum Wohl der Sippe nachzukommen hatte, ob es ihr nun passte oder nicht.
Allerdings beschlichen Gonzo angesichts ihrer Uneinsichtigkeit, nein Unreife, jetzt doch Zweifel, ob es klug gewesen war, Shiona zu ächten. Natürlich konnte die Sippe ihre Verbindung mit einem Gadscho nicht so einfach hinnehmen, aber dadurch, dass die Alten so streng mit ihr gewesen waren, besaß die Sippe jetzt keine drabarni mehr – zum ersten Mal seit Beginn ihrer Existenz. Und das konnte sich als gefährliche Schwäche oder noch Schlimmeres erweisen, an das Gonzo nicht einmal zu denken wagte.
„Yljana, du weißt ganz genau, dass draban strengen Regeln und Gesetzen unterworfen ist und niemals zu manipulativen oder selbstsüchtigen Zwecken benutzt werden darf“, erinnerte er seine Schwester. „Außerdem hat auch draban Grenzen. Gewisse Dinge sind selbst mit der stärksten Magie einfach nicht machbar. Auch eine drabarni ist nur ein Mensch und keine allmächtige Göttin.“
Yljana schnaufte verächtlich. „Ich habe von Anfang an nicht an diesen Quatsch geglaubt. Aber Mutter hat mich ja dazu gezwungen, den ganzen blöden Kram zu lernen, nur weil meine liebe Nichte unbedingt mit einem Gadscho durchbrennen musste.“ Sie legte ihre ganze Verachtung in das Wort, das die Roma und Sinti für alle Nicht-Zigeuner gebrauchten, das aber einfach nur „Bauer“ bedeutete und der Sammelbegriff für alle Menschen war, die weder zu den Roma oder Sinti gehörten. „Shiona hatte wenigstens Verstand genug, sich von diesem Scheiß zu lösen. Doch jetzt ist Mutter tot, und niemand kann mich mehr zwingen, mich mit diesem Unsinn zu beschäftigen! Mann, Gonzo, wir leben im 21. Jahrhundert. Nur noch Idioten und verblendete Narren wie du glauben an Zauberei. Die Sippe hat Mutter respektiert und ihren Hokuspokus geduldet, weil das so Tradition war. Aber niemand außer dir glaubt noch daran. Und ich werde dir beweisen, dass das alles nur Aberglauben ist.“
Sie ging zu einer geschnitzten Holztruhe, in der ihre Mutter ihre magischen Utensilien aufbewahrt hatte. Sie wühlte darin herum, bis sie eine kleine, uralte Handtrommel fand. Sie hielt sie Gonzo hin.
„Du kennst das Märchen um diese Trommel genauso gut wie ich. Angeblich ist darin der Geist einer Hexe gebannt.“ Ihr Ton wurde übertrieben dramatisch. „Und auf keinen Fall darf ein bestimmter Rhythmus darauf gespielt werden, sonst springt der Geist raus und vernichtet uns alle! Ha!“ Sie wedelte mit der Trommel vor seiner Nase herum. „Weißt du, was passiert, wenn ich diese Trommel spiele? Gar nichts!“
Gonzo erbleichte. „Nein! Das darfst du nicht tun!“
Doch bevor er sie daran hindern konnte, trommelte sie mit flinken Fingern den Beschwörungsrhythmus. Die kleine Trommel war erstaunlich laut. Mit jedem Fingerschlag schwoll ihr Klang sogar noch an, bis er den ganzen Raum ausfüllte. Für einen Moment schienen sogar die Wände des gesamten Hauses zu vibrieren. Dann verhallte der letzte Schlag.
„Wow!“, sagte Yljana in typisch modernem Sprachgebrauch. „Das Ding hat ja einen Wahnsinnssound. Ich hätte sie schon mal öfter spielen sollen. – Aber wie du siehst, lieber Bruder“, fügte sie triumphierend hinzu, „ist nichts passiert. Kein Geist, absolut nichts, rein gar nichts!“
Sie hatte das letzte Wort noch nicht ganz ausgesprochen, als ein roter Nebel aus der Trommel aufstieg. Yljana ließ sie vor Schreck fallen. Gonzo gab einen erstickten Schrei von sich.
„Was hast du getan!“, wimmerte er entsetzt.
Der Nebel verdichtete sich, löste sich vollständig aus der Trommel und verharrte einen Augenblick schwebend darüber, als müsse er sich orientieren. Schließlich schoss er zielsicher auf Yljana zu. Sie schrie auf und versuchte auszuweichen. Doch der Nebel umhüllte sie, drang in ihren Körper und sie sackte zusammen.
Gonzo wich angstvoll zurück und starrte seine Schwester an, deren Augen plötzlich rot aufglühten. Im nächsten Moment sprang sie kraftvoll auf die Füße und schaute sich um, als sähe sie ihre Umgebung zum ersten Mal. Ihr Blick richtete sich auf Gonzo.
„Wer bist du?“, knurrte sie mit einer Stimme, die definitiv nicht seiner Schwester gehörte. Mit einem Schritt war sie bei ihm, packte ihn mit unglaublicher Kraft an der Kehle und riss ihn zu sich heran, bis sein Gesicht das ihre fast berührte. „Antworte!“
„Gonzo Moshani“, krächzte er mühsam um die Finger herum, die ihm die Luft abschnürten. „Rom baro der Sippe.“
Sie stieß ein hässliches, grausames Lachen aus, das Gonzo fast das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Die Moshani-Sippe!“, zischte sie ihn an. „Da bin ich ja genau richtig! Und du bist also der rom baro, ihr Oberhaupt.“ Ihr glühender Blick bohrte sich in seine Augen. „Weißt du, wer ich bin?“
Gonzo nickte, soweit ihr Klammergriff um seinen Hals das zuließ. Er bekam kaum noch Luft und fühlte, wie sein Gesicht unter dem Blutstau langsam anschwoll. „Die Hexe aus der Trommel“, brachte er mühsam hervor.
„Jaaa“, hauchte sie kalt und böse. „Und die Zeit meiner Rache ist endlich gekommen! Dank des dummen Dings, das mich befreit hat. Nun werdet ihr dafür bezahlen, dass ihr mich damals umgebracht habt! Ich werde euch alle vernichten. Und du, Rom baro – du darfst zusehen, wie ich ein Mitglied deiner Sippe nach dem anderen umbringe. Ich denke, ich werde mit deiner Frau und deinen Kindern anfangen. Du sollst so leiden, wie dein Vorfahr mich damals hat leiden lassen. Und am Ende werde ich erst deine Seele zerstören, bevor ich auch dich umbringe!“
Sie schleuderte ihn gegen die Wand. Gonzo sah Sterne und war für einen Moment benommen. Die Hexe öffnete die Tür und ging hinaus. Er rappelte sich auf, schnappte sich ein Messer, das auf dem Tisch lag und mit dem er an einem neuen Bannerstab geschnitzt hatte, bevor sein Disput mit Yljana begonnen hatte und rannte hinter ihr her. Es gab nur einen Weg, seine Sippe zu beschützen: Die Hexe musste sterben. Und somit leider auch Yljana.
Er sah, wie sie auf seine Frau zuging, die im Hof stand und sich mit ihrer Schwägerin und seinem Bruder Jango unterhielt. Mit einem Schrei stürzte er sich auf sie und schwang das Messer, um es ihr in den Rücken zu stoßen. Er schaffte es nicht. Jango warf sich ihm in den Arm und hielt ihn fest.
„Gonzo, was tust du!“
„Lass mich!“, schrie er und kämpfte sich los. „Sie muss sterben! Sie will uns alle umbringen!“
Jetzt kamen auch andere Männer gelaufen und warfen sich ihm entgegen. Gonzo kämpfte wie ein Löwe, wand sich in ihren Händen und versuchte, an Yljana heranzukommen, die sich mit einem angstvollen Ausdruck auf dem Gesicht hinter seiner Frau versteckte.
„Was ist denn los mit dir, verdammt!“, fluchte sein Cousin Kirjo und versuchte verzweifelt, den Rasenden zu halten. „Komm zu dir, Gonzo!“
„Ich muss sie töten, bevor sie uns alle umbringt!“, heulte Gonzo. „Das ist nicht Yljana! Sie hat die Hexe aus der Trommel befreit!“
Auf der Straße vor dem Roma-Haus hatte sich schnell eine Menschentraube versammelt, die mit gemischten Gefühlen das Schauspiel beobachteten. Verächtliche, feindselige Rufe wurden laut.
„Gonzo! Reiß dich zusammen!“, brüllte Jango seinen Bruder an. „Wir können nicht noch Ärger mit den Gadsche gebrauchen!“
Doch dafür war es bereits zu spät. Aus der Ferne ertönte die Sirene eines Polizeiwagens, der kurz darauf in den Hof der Siedlung einbog.
„Scheiße!“, fluchte Kirjo. „Die verdammten Gadsche haben die Polizei geholt!“
Danach ging alles ganz schnell. Gonzo wurde von drei Cops überwältigt, entwaffnet und mit Handschellen gefesselt in deren Wagen verfrachtet.
„Was war hier los?“, verlangte einer der Polizisten zu wissen. Sein verächtlicher Blick umfasste die jetzt versammelte Sippe und ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, was er von den Roma hielt.
Jango lächelte so freundlich, wie es ihm möglich war. „War nur ein Missverständnis, Sir“, versuchte er die Situation zu entschärfen. „Nur ein Missverständnis. Nichts passiert.“
„Er wollte mich umbringen!“ Yljanas Stimme war schneidend. „Er ist wahnsinnig!“
„Yljana!“, zischte Kirjo wütend in Romani. „Sei still! Du kannst doch deinen eigenen Bruder nicht an die Gadsche verraten!“
Sie hörte nicht auf ihn. „Er ist verrückt geworden!“, erklärte sie dem Polizisten. „Er glaubt, dass ich von einem bösen Geist besessen bin. Deshalb will er mich umbringen!“
Das genügte dem Polizisten. „Wir nehmen ihn erst mal mit aufs Revier. Und morgen kommen Sie vorbei und geben Ihre Aussage zu Protokoll.“ Er warf einen autoritären Blick in die Runde. „Ich hoffe, es gibt hier nicht noch mehr Scherereien!“
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich um, stieg in den Wagen und fuhr mit seinen Kollegen davon. Er sah nicht das triumphierende, abgrundtief bösartige Lächeln, das Yljana Gonzo zuwarf, als der Wagen vom Hof rollte. Doch die verzweifelten Schreie des Gefangenen, der sich mit seinem Körper immer wieder gegen die Tür warf, in dem fruchtlosen Versuch auszubrechen, überzeugten die Polizisten auf der Stelle davon, dass der Mann tatsächlich verrückt sein musste. In Anbetracht dessen würde wohl die Psychiatrie ein besserer Verwahrungsort für ihn sein.
Kirjo packte Yljana am Genick und schleifte sie ins Haus, kaum dass die Polizei außer Sicht war und sich die Schaulustigen zerstreut hatten.
„Wie konntest du deinen eigenen Bruder nur den pirengeri ausliefern!“, fauchte er sie an und schüttelte sie. „Hast du keine Ehre mehr im Leib?“
Sie befreite sich mit erstaunlicher Kraft aus seinem Griff und lachte gemein. Kirjo lief es kalt den Rücken hinunter.
„Mach dir um meine Ehre keine Sorgen, Kirjo Moshani. Mach dir lieber Sorgen um dein erbärmliches Leben.“ Sie lachte wieder. „Du hättest deinen Cousin gewähren lassen sollen, weißt du. Er hatte nämlich Recht. Seine dumme kleine Schwester hat die Trommel gespielt und mich befreit. Und da ihr keine drabarni mehr in euren Reihen habt, die diesen Titel verdient, wird niemand mich aufhalten können. Ihr werdet alle sterben! Und ich werde den Tod eines jeden Einzelnen von euch genießen, wie ich noch nie zuvor etwas genossen habe! Du, Kirjo, du hast die Ehre, der Erste zu sein!“
Bevor er darauf reagieren konnte, fühlte er sich von einer unsichtbaren Kraft gepackt, die ihn bewegungslos festnagelte, wo er stand. Yljanas Augen glühten rot auf und bohrten sich wie Feuerlanzen in seine. Er hätte vor Schmerz gebrüllt, wenn er es noch gekonnt hätte. Doch die Hexe kontrollierte seinen Körper. Er fühlte, wie das Feuer ihrer Augen seine Seele ausbrannte. Für eine scheinbar endlose Ewigkeit spürte er nur wahnsinnige Agonie, wie sie die Hölle nicht schlimmer hätte produzieren können. Danach kam die ewige Finsternis.

Vorbei! Der Zeitpunkt, an dem Gonzo sich und seine Familie hätte retten können, war unwiederbringlich dahin. Er hatte versagt. Nichts würde die Hexe jetzt noch aufhalten können. Sogar seine eigene Familie wollte ihm nicht glauben. Sie ahnten ja nicht, in welcher unglaublichen Gefahr sie sich alle befanden. Niemand konnte jetzt noch etwas tun, um die Sippe zu retten.
Er schluchzte trocken und betete stumm zu Christus, Bibijaka und Alako, seine Sippe zu beschützen, denn er konnte es nicht mehr. Die Polizei hatte ihn in einer Psychiatrischen Klinik abgeliefert, wo man ihn mit schweren Beruhigungsmitteln vollgepumpt hatte, bis er nicht mehr in der Lage war, etwas anderes zu empfinden als dumpfe Gleichgültigkeit, die trotzdem seine Verzweiflung nicht vollständig betäuben konnte. Er würde wer weiß wie lange in diesem Krankenhaus bleiben müssen. Vielleicht sogar für immer. Oder man würde ihn ins Gefängnis stecken, denn mit einem „Zigeuner“, der versucht hatte, seine eigene Schwester umzubringen, hatten die Gadsche nicht das geringste Mitleid, geschweige denn, dass sie nach mildernden Umständen gesucht hätten. Und in der Zwischenzeit hatte der Geist der Hexe mehr als genug Gelegenheit, seine Rache zu vollenden.
Undeutlich nahm Gonzo wahr, dass ein Arzt sich mit einem Pfleger über ihn unterhielt. „Akute Wahnvorstellungen“, hörte er den Pfleger sagen. „Er hat versucht, seine Schwester umzubringen, weil er sie für von einem bösen Geist besessen hielt. Das hatten wir schon lange nicht mehr“, fügte er launig hinzu. „Endlich mal einer, der nicht glaubt, er sei Napoleon oder Gott.“
„Das ist nicht witzig!“, wies ihn der Arzt zurecht. „Haben wir seine Personalien?“
„Ja, hier auf dem Anmeldeformular. Ist irgend so ein Zigeuner aus der Zigeunersiedlung.“
„Rom oder Sinto?“
„Was?“, fragte der Pfleger verständnislos.
„Gehört der ‚Zigeuner’ zu den Roma oder den Sinti?“, präzisierte der Arzt seine Frage.
„Keine Ahnung! Gibt es denn da einen Unterschied?“
„Gravierende Unterschiede, ja. Sie sollten sich bei Gelegenheit mal darüber informieren.“
Gonzo kam die Stimme des Arztes entfernt bekannt vor, aber er war nicht mehr in der Lage, noch länger zuzuhören. Er spürte nur tiefste Verzweiflung, so schwarz und erdrückend, dass er glaubte, daran zu ersticken. Teilnahmslos ließ er sich in ein Zimmer führen und sank dort auf das Bett. Jemand gab ihm eine Spritze, die ihn in wohltuendem Vergessen versinken ließ. Wenigstens für eine kurze Zeit.

Samantha Tyler, ihres Zeichens Security-Expertin, Bodyguard und Privatdetektivin, lag hellwach im Bett und streichelte gedankenverloren das wellige, sandfarbene Haar ihres Freundes Scott Parker, der vor wenigen Augenblicken mit dem Kopf auf ihrer Schulter eingeschlafen war, nachdem sie sich ausgiebig geliebt hatten. Sam war aufgewühlt und verwirrt, denn sie hatte gerade die für sie erschreckende Erkenntnis gewonnen, dass sie Scott liebte.
Was für einen Menschen ein Anlass zur Freude und der Inbegriff höchsten Glücks gewesen wäre, verursachte Sam ein profundes Gefühl von Unbehagen und erfüllte sie mit der bösen Vorahnung, dass sich daraus eine Menge Probleme ergeben würden. Denn Sam, deren richtiger Name Tai’Samala lautete, war kein Mensch, sondern ein Sukkubus, eine Dämonin, die sich von der beim Sex frei werdenden Energie ernährte. Und Liebe war für Wesen ihrer Art nicht vorgesehen.
Die Fähigkeit, sie dennoch empfinden zu können, war das Geschenk des Geistes einer jungen Japanerin, den Sam zwei Tage zuvor aus den Klauen eines Geisterfuchses befreit hatte. Der Geist hielt die Fähigkeit zu lieben für die wertvollste Gabe, die es auf der Welt überhaupt gab. Sam vertrat im Moment jedoch den Standpunkt, dass es sich dabei wohl eher um einen Fluch handelte. Nach allem, was sie bisher von menschlicher Liebe beobachtet hatte, ging sie immer auch mit Schmerz einher. Und der war für Sam in jedem Fall vorprogrammiert.
Sukkubi und ihre männlichen Pendants die Inkubi hatten eine natürliche Lebenserwartung von etwa 600 bis 800 Jahren. Scott würde lange vor dieser Zeit sterben. Mal ganz abgesehen davon, dass er keine Ahnung hatte, dass er mit einem Sukkubus zusammenlebte, würde ihm irgendwann auffallen, dass Sam nicht in dem Maße alterte wie er selbst. Natürlich konnte sie seine entsprechenden Fragen mit einem Vergessenszauber abblocken, aber solche Zauber waren tückisch und manipulierten oft auch Erinnerungen, die sie gar nicht berühren sollten.
Außerdem empfand Sam bei dem Gedanken ein ihrer Meinung nach völlig unangebrachtes Schuldgefühl Scott gegenüber, das sie noch nie zuvor gehabt hatte. Alle Methoden, die sie anwenden musste, um sich als Mensch zu tarnen – Zauber inbegriffen – waren legitime Mittel, und kein Sukkubus hatte sich je Gedanken über die möglichen Folgen für die „Opfer“ gemacht. Auch das hatte sich jetzt für Sam verändert.
Und was noch viel schlimmer war, sie empfand bei dem Gedanken an die Notwendigkeit, sich zwei- bis dreimal die Woche und wann immer sie beruflich mehrere Tage unterwegs war, mit anderen Männern als Scott zu schlafen, um sich zu ernähren, auf einmal Unbehagen. Doch natürlich hatte sie keine andere Wahl, denn ein einziger Mensch besaß nicht annähernd genug Energie, um einen Sukkubus oder Inkubus täglich ernähren zu können. Wenn Sam Scott treu blieb, würde sie ihn irgendwann umbringen, weil sie ihm die Lebenskraft nahm. Und falls Scott jemals herausfand, dass sie neben ihm noch mit anderen Männern Sex hatte, wäre ihre Beziehung ohnehin vorbei, denn Scott war ein so aufrechter Mensch, dass er diese Form von Verrat, die das in seinen Augen darstellte, niemals hinnehmen könnte.
Es war ein Albtraum!
Und sie hatte niemanden, mit dem sie darüber hätte reden, der ihr einen Rat hätte geben können. Ihre Familie verstand ohnehin nicht, dass Sam sich so stark den Menschen angepasst hatte, dass sie nicht nur ihre magischen Fähigkeiten einsetzte, um sie vor den Wesen der Unterwelt zu beschützen, sondern sogar mit einem Menschen lebte. Selbst Sams unerschöpfliche Quelle des Wissens und der Weisheit, der Satyr Nyros, hatte wenig bis gar keine Ahnung von menschlicher Liebe.
Miyuki, dachte sie an den Geist der jungen Japanerin gerichtet, der sie dieses Dilemma zu verdanken hatte, du hast es gut gemeint mit deinem Geschenk. Aber ich bin ein Sukkubus, eine Dämonin, und du ahnst nicht, wie sehr du mich damit verflucht hast.
Sie seufzte, löste sich vorsichtig aus Scotts Umarmung, um ihn nicht zu wecken und ging in ihr eigenes Schlafzimmer zurück. Vielleicht sollte sie die Beziehung zu ihm in den nächsten Tagen beenden, bevor sie sich ganz menschlich darin verlor und das unvermeidliche Ende später noch sehr viel schmerzhafter werden würde als jetzt. Sie brauchte unbedingt Abstand zu ihm, um den Kopf wieder klar zu bekommen. Am besten suchte sie sich gleich morgen einen neuen Fall, der sie möglichst weit und möglichst lange von Cleveland fernhielt. Oder sie unternahm eine Reise irgendwo hin, von der sie erst zurückkehrte, wenn sie wieder vernünftig denken konnte.
In jedem Fall musste sie schnellstens hier weg.

Als Gonzo wieder erwachte, lag er in einem Klinikbett und war an Händen, Füßen und um die Leibesmitte mit gepolsterten Gurten nahezu bewegungsunfähig festgeschnallt. Ein junger Arzt stand neben ihm und maß seinen Blutdruck.
„Hallo, Mr. Moshani. Schön, dass Sie wieder wach sind. Erinnern Sie sich noch an mich? Ich bin Dr. Robert Jacobs – Shionas Ehemann.“
Jetzt wusste Gonzo, warum ihm die Stimme dieses Arztes bekannt vorgekommen war. Er war der Gadscho, um dessentwillen Shiona ihre Sippe verlassen hatte. Undeutlich kam ihm zu Bewusstsein, dass der Kerl behauptete, ihr Ehemann zu sein. Falls das stimmte, so lebte Gonzos Nichte wenigstens nicht in Schande.
„Wie fühlen Sie sich, Sir?“
„Meine Familie“, stieß Gonzo stöhnend hervor. „Ist sie ...“ Er wagte kaum, seine Befürchtung auszusprechen.
„Ihrer Familie geht es meines Wissens gut“, beruhigte der Arzt ihn, legte das Messgerät zur Seite, zog einen Stuhl ans Bett und setzte sich. „Wollen Sie mir sagen, was passiert ist?“
Gonzo drehte verzweifelt den Kopf hin und her. „Sie werden mir nicht glauben“, stellte er resigniert fest. „Niemand glaubt mir. Nicht einmal meine Familie, die es besser wissen sollte.“
„Geben Sie mir eine Chance, Mr. Moshani. Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie nicht mit mir reden. Und vergessen Sie bitte nicht: Ich bin mit Shiona verheiratet. Ich glaube daher viele Dinge, die andere für kompletten Blödsinn oder gar Anzeichen von schweren psychischen Störungen halten würden.“
Gonzo blickte ihn misstrauisch an. Der junge Arzt war indirekt die Ursache für die Situation, in der die Moshani-Sippe jetzt steckte, weil er sich Shiona genommen hatte. Und was wusste denn schon ein Gadscho von muli und draban. Trotzdem war er Gonzos einzige Hoffnung. Er musst Shiona die Botschaft überbringen, dass ihre Sippe in Gefahr war. Sie musste helfen. Natürlich würde der Rat der Alten damit nicht einverstanden sein, denn Shiona war seit ihrer Verbannung marimeh – unrein. Aber Gonzo war immer noch der rom baro der Sippe. Er bestimmte, wer zu Hilfe gerufen wurde und wer nicht. Außerdem hatte er gar keine andere Wahl mehr, wenn er seine gesamte Sippe nicht dem Untergang preisgeben wollte.
„Meine Mutter“, begann er zögernd, „Shionas Großmutter war, wie Sie vielleicht wissen, die drabarni unserer Sippe, die Zauberin.“ Dr. Jacobs zog nur die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. „Als sie vor ein paar Wochen starb, übernahm meine Schwester Yljana ihr Amt. Aber sie hat ihre Verantwortung nie wirklich ernst genommen und sich oft darüber lustig gemacht. Doch sie ist die Einzige, die die Zauberkräfte hat und alt genug ist. Also musste sie unserer Mutter nachfolgen.“ Er sah den Arzt anklagend an. „Es war Shionas Bestimmung, das Amt zu übernehmen! Sie hat die erforderlichen Fähigkeiten! Sie hätte gewusst, wie sie damit umgehen muss.“ Gonzo schluchzte auf. „Yljana war nicht bereit, und sie hätte es nicht tun dürfen!“
„Was hätte sie nicht tun dürfen?“, fragte der Arzt behutsam nach und wartete geduldig, bis Gonzo sich weit genug beruhigt hatte, um weitersprechen zu können.
„Die drabarni unseres Stammes hütet seit vielen Generationen eine Trommel, in die der mulo, der Geist, einer bösen Hexe gebannt wurde. Die Trommel darf niemals gespielt und niemals vernichtet werden, sonst wird der mulo befreit. Yljana wusste das, aber sie hat nicht daran geglaubt.“
Tränen rannen jetzt über Gonzos Gesicht. „Sie hat die Trommel gespielt, um mir zu beweisen, dass das nur Aberglaube ist. Da hat der mulo von ihr Besitz ergriffen. Jetzt will sich die Hexe in Yljanas Körper an meiner Familie dafür rächen, dass meine Ahnin sie in die Trommel gebannt hat. Sie wird alle töten, wenn niemand sie aufhält!“
„Und deshalb haben Sie versucht, Ihre Schwester umzubringen?“, vergewisserte sich der Arzt.
„Das ist nicht mehr meine Schwester!“, rief Gonzo verzweifelt und wand sich in seinen Fesseln. „Das ist die Hexe! Und sie wird alle töten, wenn niemand sie aufhält!“ Er warf dem Arzt einen beinahe hasserfüllten Blick zu. „Wenn Sie uns Shiona nicht gestohlen hätten, wäre es nie soweit gekommen! Sie tragen die Schuld an allem!“
„Oh nein!“, widersprach Robert Jacobs vehement. „Das können Sie mir nicht in die Schuhe schieben! Shiona war bereit, ihre diesbezügliche Verantwortung zu übernehmen, aber Sie haben sie ausgestoßen und verbannt aus verblendetem traditionalistischen Stolz – oder sollte ich sagen: Rassismus? – der einer Ihrer Frauen verbietet, einen ‚Gadscho’ zu lieben und zu heiraten. Ohne Ihre diesbezügliche Halsstarrigkeit hätten Sie dieses Problem nicht. Also machen Sie gefälligst nicht mich dafür verantwortlich.“
Robert Jacobs starrte seinen Patienten jetzt ebenso reserviert an wie der ihn. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sehr Shiona unter dem Verbannungsurteil ihrer Sippe gelitten hatte und genau genommen immer noch litt. Und das war er nicht bereit, ihrem Onkel und Sippenoberhaupt zu verzeihen. Andererseits waren die Moshani durch seine Heirat mit Shiona auch seine Verwandten, mochten sie das anerkennen oder nicht.
Trotzdem spielte er jetzt für einen Moment mit dem Gedanken, Shiona nichts davon zu sagen, dass er ihren Onkel in der Klinik hatte und der offenbar ihre Hilfe brauchte. Aber er verwarf den Gedanken schnell wieder. Es gab nichts, was er vor seiner Frau hätte verheimlichen können, selbst wenn er es gewollt hätte. Sie war „mit dem Schleier geboren“, wie man bei den Gypsies die Gabe des Zweiten Gesichts nannte. Wahrscheinlich wusste sie schon längst, was los war.
Robert wunderte sich manchmal immer noch über sich selbst. Er war ein moderner Arzt, ein Wissenschaftler, und wenn ihm noch vor etwa fünf Jahren jemand eine solche Geschichte aufgetischt hätte, wäre seine Diagnose klar gewesen: akute psychotische Wahnvorstellungen.
Doch damals hatte er seine Frau noch nicht gekannt, Shiona Maria Moshani, eine Romni aus der weit verzweigten Lovara-Sippe vom Stamm der Kalderasch und eine drabarni. Seitdem wusste er um die Existenz von Magie, weshalb er jetzt Gonzo Moshanis Behauptungen nicht einfach als Psychose abtat.
Er blickte seinen Schwiegeronkel eindringlich an. „Mr. Moshani, kann ich mich darauf verlassen, dass Sie ein mir gegebenes Ehrenwort halten werden? Falls ja, kann ich Sie nämlich von diesen Fesseln befreien, wenn Sie versprechen, friedlich zu sein und keinen Fluchtversuch zu unternehmen.“
Gonzo zögerte.
„Sir, wenn Sie Recht haben und Ihre Schwester wirklich vom Geist dieser Hexe besessen ist, dann können Sie Ihre Familie nicht beschützen, indem Sie Ihre Schwester umbringen. Dazu bedarf es in dem Fall der Macht einer drabarni. Und da Sie diese Macht nicht besitzen, können Sie auch nichts gegen den mulo der Hexe ausrichten.“
Er hatte Recht, so wenig das Gonzo auch gefiel. Er nickte. „Sie haben mein Wort.“
Robert löste seine Fesseln. „Verhalten Sie sich bitte ruhig und geben Sie sich kooperativ. Ich werde so schnell wie möglich für Hilfe sorgen.“
„Sie werden Shiona benachrichtigen?“
Robert lächelte leicht. „Wie ich meine Frau kenne, weiß sie längst Bescheid. Aber ja, ich werde sie benachrichtigen und sie unterstützen, soweit ich es vermag.“
„Sagen Sie Shiona, dass ihr Volk seine drabarni braucht, wie es sie noch nie zuvor gebraucht hat. Werden Sie das tun?“
„Das verspreche ich Ihnen, Sir – Onkel.“
Und Gonzo Moshani, der noch nie einem Gadscho etwas geglaubt, geschweige denn ihm vertraut hätte, ertappte sich dabei, dass er diesem hier vorbehaltlos die Sicherheit seiner Familie anvertraute. Er konnte nur hoffen, dass er damit keinen Fehler beging.

Als Robert Jacobs an diesem Abend nach Hause kam, hatte Shiona schon das Abendessen fertig und wartete auf ihn. Wie immer begrüßte sie ihn mit einer Umarmung und einem liebevollen Kuss, den er hingebungsvoll erwiderte. Doch er spürte deutlich, dass sie angespannt und besorgt war.
Er liebte seine Frau mit einer innigen Leidenschaft und einer Tiefe, die er nie für möglich gehalten hatte. Mit ihr zu leben machte ihn vollkommen glücklich. Und ihre beiden vier Jahre alten Zwillinge waren die Krönung dieses Glücks, denen noch zwei bis drei weitere folgen sollten.
Er hatte Shiona vor über fünf Jahren nach einer weinseligen Feier mit Freunden kennengelernt, zu der der Gastgeber eine wirklich hervorragende Zigeunerkapelle eingeladen hatte. Shiona hatte die Musik mit feurigen Tänzen begleitet und anschließend den Gästen aus den Karten die Zukunft gelesen. Robert hatte noch nie an Wahrsagerei geglaubt. Für ihn war das blühender Unsinn. Er ließ die Sitzung mit Shiona nur über sich ergehen, weil seine Freunde ihn dazu drängten. Doch dabei hatte sie ihm verblüffende Dinge über ihn und seine Vergangenheit genannt, die sie eigentlich gar nicht hätte wissen können.
Aber Robert, der aufgeklärte Zweifler, der an nichts glaubte, was sich nicht beweisen ließ, war nicht so einfach zu überzeugen. Er hielt das Ganze immer noch für einen Trick und war entschlossen, Shiona als Schwindlerin zu entlarven. Zu diesem Zweck hatte er sie noch mehrfach aufgesucht und nach Beweisen verlangt. Am Ende war der Schuss gründlich nach hinten losgegangen, und zwar in mehr als einer Hinsicht. Zum einen hatte sie ihm zweifelsfrei bewiesen, dass Magie und Hellsicht existierten. Zum anderen hatte er sich unsterblich in sie verliebt und – er vermochte sein Glück kaum zu fassen – sie sich auch in ihn.
Sie hatten ein halbes Jahr später gegen den Willen ihrer und auch seiner Familie geheiratet. Doch seine Familie hatte ihn wenigstens nicht vollkommen ausgestoßen. Shiona dagegen galt für ihre Familie, seit sie ihr gestanden hatte, sich in Robert verliebt zu haben und mit ihm leben zu wollen, als „unrein“. Das hatte sie tief getroffen. Zwar beklagte sie sich nie und hatte sich dem Leben an seiner Seite weitgehend angepasst. Sie besaß ein eigenes ofisa, einen Laden, in dem sie ihre Wahrsagerei betrieb und Esoterikartikel verkaufte. Sie hatte sich auch einen neuen Freundeskreis gesucht.
Aber sie hielt immer noch an den Bräuchen ihres Volkes fest und kleidete sich nach der Tradition mit weit schwingenden knöchellangen Röcken und bunten Blusen. Außerhalb des Hauses trug sie stets das Kopftuch einer verheirateten Frau. Sie hatte einen kleinen Hausaltar und huldigte dort ihrer Göttin Bibijaka. Doch ein Hauch von Traurigkeit umgab sie ständig. Und Robert war sich nicht sicher, ob seine Liebe zu ihr ausreichte, den vollkommenen Verlust ihrer Familie und ihres kulturellen Umfelds auszugleichen.
„Kalia und Kris schlafen schon“, sagte Shiona, als er sie endlich wieder aus seiner Umarmung entließ. „Sie wollten noch auf dich warten, aber ich habe ihnen gesagt, dass du heute sehr spät kommst.“
Am Anfang hatte es ihn irritiert, dass sie immer genau wusste, wann er nach Hause kommen würde, auch wenn er es ihr nicht im Voraus sagen konnte. Neben all den anderen Dingen, die sie ebenfalls wusste, obwohl sie die eigentlich gar nicht hätte wissen können. Doch im Laufe der Zeit hatte er sich daran gewöhnt und fand es ganz angenehm. Es ersparte ihm lange Erklärungen und Missverständnisse.
„Möchtest du erst essen oder mir sofort sagen, wofür du meine Hilfe brauchst?“, fragte sie sachlich.
„Ich hätte mir denken können, dass du schon weißt, was heute in der Klinik passiert ist.“
Sie machte ein besorgtes Gesicht. „In meiner Familie ist etwas Schreckliches passiert. Kirjo, der Cousin meines Vaters, ist tot, und der mulo der Hexe ist frei.“ Sie sah ihn beinahe verzweifelt an. „Wenn die Hexe nicht wieder gebannt wird, werden noch mehr Menschen sterben. Sehr viel mehr.“
Er nahm sie tröstend in die Arme. „Dass der Cousin gestorben ist, wusste ich noch nicht. Dein Onkel Gonzo ist mein neuer Patient. Er hat versucht, seine Schwester zu töten, weil er behauptet, dass sie von einem bösen Geist besessen ist. Deshalb hat man ihn in die Psychiatrie eingewiesen. Wie ist so etwas möglich, Shiona? Das mit dem Geist, meine ich.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Manche Menschen, die im Leben etwas Wichtiges nicht erledigen konnten oder die nicht in der Lage sind, ihren Tod zu akzeptieren, bleiben als muli in einer Art Zwischenreich. Ihr Wille oder das, was man als Karma bezeichnet, binden sie noch an diese Welt, bis sie ihre Angelegenheit erledigt haben. Da sie das aber in körperlosem Zustand nicht tun können, versuchen sie, in den Geist und somit in den Körper eines Lebenden einzudringen. Wenn es klappt, ist der Betroffene besessen.“
„Und braucht einen Exorzisten“, murmelte Robert unbehaglich.
„Salopp ausgedrückt, ja.“
„Und das funktioniert?“
Shiona nickte. „Wenn der ‚Exorzist’ stark genug ist und sein Handwerk versteht. Aber es ist schwierig und reichlich gefährlich. Und falls es stimmt, was in meiner Familie seit Generationen über die Macht der Hexe erzählt wird, die in der Trommel gebannt war, so kann ich allein sie auch nicht besiegen.“
„Was genau hat es denn mit dieser Trommel auf sich?“
Shiona schmiegte sich an ihn, als suchte sie in seinen Armen Schutz, und er streichelte beruhigend ihren Rücken. „Vor Hunderten von Jahren hat eine mächtige drabarni ihre Macht missbraucht und einen Pakt geschlossen mit O Beng“, erklärte sie ihm. „Der ist mit dem christlichen Teufel vergleichbar. Sie wollte von ihm die Macht der lokolike, der Dämonen, bekommen als Tausch gegen die Seelen ihrer fünf Kinder.“ Sie zuckte mit den Schultern. „O Beng hält natürlich nie, was er verspricht. Er nahm die Seelen und ließ die Frau im Stich, deren Familie ihr bald auf die Schliche kam und sie mit dem Tod bestrafte.“
„Aber warum mussten sie dazu ihre Seele in eine Trommel bannen? Hätte es nicht ausgereicht, sie einfach nur zu töten?“
Shiona schüttelte den Kopf. „Wie ich schon sagte, bleiben Menschen, die ihren Tod nicht akzeptieren, als Geister zurück. Und ein böser und so mächtiger Geist wie der jener Hexe kann, wenn er nicht gebannt oder am besten gleich ganz vernichtet wird, unzählige Mittel und Wege finden, seine Ziele zu erreichen.“
„Und warum hat man ihn damals nicht vernichtet?“
„Ich vermute, dass entweder die drabarni, die das Ritual ausführte, dazu nicht stark genug war, denn das Ritual der Seelenvernichtung erfordert ganz besonders starke Macht, die nur Wenige besitzen. Oder sie kannte das erforderliche Ritual nicht oder hatte nicht die dafür nötigen Zutaten zur Hand.“
Robert blickte seine Frau nachdenklich an. „Könntest du einen Geist vernichten?“ Der Gedanke, dass Shiona vielleicht so viel Macht besaß, faszinierte und befremdete ihn zugleich.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich kenne zwar die Technik und wie das Ritual durchgeführt werden muss, aber ich weiß nicht, ob meine Kraft dafür ausreicht. Es kommt darauf an, wie stark der mulo tatsächlich ist.“ Sie machte sich von ihm los und sah ihm ernst in die Augen. „Robert, ich muss ihnen helfen. Ich kann sie nicht im Stich lassen. Sie sind meine Familie und mein Volk. Und wenn die Hexe nicht aufgehalten wird, so wird sie alle Nachfahren der Sippenmitglieder vernichten, die damals geholfen haben, sie zu töten und ihren Geist zu bannen. Und das sind heute Hunderte von Menschen. Ich darf das nicht zulassen.“
„Sie haben dich rausgeworfen, ausgestoßen, enterbt, verdammt!“, fuhr Robert auf. „Deine eigene Familie redet kein Wort mehr mit dir. Für die hast du aufgehört zu existieren. Du schuldest ‚deinem Volk’ gar nichts!“
An dem Blick, den Shiona ihm aus ihren schwarzen Augen zuwarf, erkannte er, dass er sie gerade sehr verletzt haben musste. Er nahm sie erneut in die Arme.
„Tut mir leid, Shiona. Ich wollte dir nicht weh tun. Aber ich finde, sie haben nach allem, wie sie dich behandelt haben, nicht verdient, dass du dich für sie in Gefahr begibst. Auch wenn dein Onkel dir ausdrücklich durch mich ausrichten lässt, dass die Sippe ihre drabarni braucht.“
„Meine Pflicht dem ganzen Stamm gegenüber hört niemals auf“, erinnerte sie ihn. „Egal, was sie mit mir tun. Aber es geht hier nicht nur um meine Sippe, Robert, nicht einmal nur um meine Familie oder den Stamm. Es geht in erster Linie auch um meine – unsere Kinder. Durch mich sind sie ebenfalls Lovara, und die Hexe wird vor ihnen nicht Halt machen. Der ist es vollkommen egal, dass die Sippe mich verstoßen hat.“
Robert erbleichte. Diesen Aspekt hatte er nicht bedacht.
Shiona sah ihn gequält an. „Ich fürchte, sie wird nicht einmal mit dem Töten aufhören, wenn sie ihre Rache an meinem ganzen Volk genommen und es vernichtet ist. Wenn ein mulo erst einmal merkt, wie viel Macht er durch den Tod der Menschen gewinnt, die er umbringt, wird er niemals aufhören, weil es ihn nach immer mehr Macht verlangt. Und ich kann und will nicht für all jene Toten verantwortlich sein, die ich vielleicht hätte verhindern können, wenn ich meine Pflicht getan hätte. Die muli der Toten werden mich verfolgen, wenn ich nicht wenigstens versucht habe, das zu verhindern.“
Dies war eins der Dinge, die Robert nur schwer begreifen konnte. Der Zusammenhalt der Roma und ihre Zugehörigkeit zu einander war ihm ein Buch mit sieben Siegeln.
Die Menschen, die man früher einfach nur als „Zigeuner“ bezeichnet hatte, wurden heute politisch korrekt in die beiden Volksgruppen „Roma“ und „Sinti“ unterteilt. In den USA nannte man sie kollektiv nur „Gypsies“. Shionas Sippe war kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus Rumänien in die Staaten geflohen. Jede Gruppe bestand aus mehreren natiye – Stämmen. Die wiederum setzten sich aus unzähligen vitse – Sippen – zusammen, welche ihrerseits aus etlichen tséne – Großfamilien – bestand. Von denen wiederum schlossen sich viele zu einer kumpania zusammen, einer Art Wirtschaftsgemeinschaft, die vorübergehend oder für längere Zeit zusammen lebte und wanderte, angeführt von einem gewählten Patriarchen, dem rom baro. Alle, die zum selben Stamm gehörten, galten als Verwandte, auch wenn sie einander nicht kannten und nie gesehen hatten. Und Verwandtschaft verpflichtete zu uneingeschränkter Hilfe.
„Ich muss ihnen helfen, Robert“, bekräftigte Shiona ihre Entscheidung. „Ich kann nicht anders.“
Robert drückte sie liebevoll an sich. „Ich verstehe dich, Shiona. Du musst tun, was du tun musst. Ich werde dich dabei nicht behindern, sondern dir helfen, so gut ich kann.“
„Danke für dein Verständnis, Robert.“
„Du kannst mich morgen früh in die Klinik begleiten und mit deinem Onkel sprechen. – Aber jetzt habe ich ehrlich gesagt Hunger.“

Später am Abend, als Robert bereits zu Bett gegangen war, ging Shiona in ihr magisches „Arbeitszimmer“, das sie im Keller des Hauses eingerichtet hatte, weil sie dort ungestört sein konnte. Weder wollte sie Robert mit der Ausübung ihrer Magie konfrontieren, die ihm immer noch Unbehagen bereitete, noch wäre es gut, wenn er allzu viel mitbekam. Außerdem konnte eine äußerliche Störung, wenn sie sich gerade mitten in einem Ritual befand, schwerwiegende, sogar tödliche Folgen haben. Robert wusste, dass er in ihrem „Allerheiligsten“ nichts zu suchen hatte, nicht einmal wenn um ihn herum das Haus zusammenstürzte. Zu Shionas Glück respektierte er das.
Da sie das Zweite Gesicht besaß, brauchte sie eigentlich keine Hilfsmittel wie die klischeehafte Kristallkugel oder die Tarotkarten, um die Vergangenheit, Gegenwart und manchmal auch die Zukunft sehen zu können. Doch solche Hilfsmittel erleichterten es ihr, „die Schleier zu lüften“, die diese Welt von der jenseitigen trennten. Deshalb nahm sie auch jetzt ihre Tarotkarten, die ihr bevorzugtes Medium waren.
Sie mischte die Karten und hatte wie immer dabei das Gefühl, dass diejenigen, die die Antworten enthielten, die sie brauchte, sich wie von selbst in die richtige Reihenfolge nach oben legten, sodass sie die nur noch aufzudecken brauchte.
Sie drehte schließlich die oberste Karte um, die für das Problem stand, um das es ging und war nicht überrascht, als ihr daraus der Tod aus seinem knochigen Schädel entgegen grinste. Sie nahm die zweite Karte, welche die Ursache des Problems beschreiben sollte und blickte in das unbekümmerte Gesicht des Narren. Natürlich stand diese Karte für Yljana und ihre Dummheit, aus purem Leichtsinn und Negierung der Existenz von Magie die Hexentrommel zu schlagen.
Die dritte Karte zeigte den Turm, der vom Blitz zerstört wurde und symbolisierte das, was kommen würde, wenn alles so weiter lief wie es begonnen hatte. Auch das überraschte Shiona nicht. Viel wichtiger war die Frage, was sie tun konnte, vielmehr tun musste, um der Hexe Einhalt zu gebieten. Die vierte Karte lieferte ihr die Antwort darauf. Es war die Karte der sechs Schwerter und bedeutete eine spirituelle Reise. Genau genommen beschrieb das Bild auf der Karte eine Reise, die ein Held ins Jenseits unternahm, um dort etwas zu finden oder zu erkennen, das ihm auf dem kommenden Abschnitt seines Lebensweges weiterhalf.
Shiona runzelte verwirrt die Stirn. Sie konnte keinen Zusammenhang zwischen der Antwort, die ihr diese Karte gab und dem Bekämpfen der Hexe erkennen. Auch stellte sich in diesem Fall nicht wie so oft eine Vision ein, die ihr Klarheit verschaffte. Also bat sie die Karten um eine nähere Erklärung und zog noch eine weitere. Diesmal erhielt sie die Drei Stäbe, eine Karte, auf der drei Zauberinnen – eine junge, eine reife und eine alte Frau – mit ihren Zauberstäben mächtige Magie wirkten. Die Karte bedeutete Pläne, Unternehmungen oder ein magisches Ritual, das aber niemand allein bewerkstelligen konnte, sondern nur mit Hilfe anderer.
Doch wen sollte sie um Hilfe bitten? Shiona wusste nur zu gut, dass keine drabarni anderer Sippen und Stämme – sofern diese überhaupt noch eine besaßen – sie jemals unterstützen würde. Nicht nur weil Shiona marimeh war, sondern weil die ganze Moshani-Sippe von allen Stämmen geächtet werden würde, sobald herauskam, dass Yljana die Hexe aus der Trommel befreit hatte.
Sie stellte die Frage den Karten und erhielt als Antwort zu ihrer Überraschung die Karte des Teufels – Sinnbild für große magische Macht, die nicht unbedingt an eine nennenswerte Moral gebunden war. Noch während sie das Bild auf der Karte fragend ansah, veränderte sich darauf die Gestalt des Teufels und wurde zu einer Person, die Shiona gut kannte, auch wenn sie sie lange nicht mehr gesehen hatte. Sie seufzte erleichtert. Ja, die Karten hatten ihr wieder einmal die erforderlichen Antworten gegeben, auch wenn sie noch immer nicht alles vollkommen verstand.
Jetzt hoffte sie nur noch, dass „Der Teufel“ sie nicht vergessen hatte und ihrem Hilferuf folgen würde, den sie unverzüglich aussandte. Danach schlich sie sich aus dem Haus, um ihre Verwandten aufzusuchen und zu versuchen, sie vor der Hexe zu schützen, soweit es in ihren Kräften stand.

Sam betrat leise ihr Zimmer und merkte sofort, dass etwas nicht war, wie es hätte sein sollen. Etwas Magisches war anwesend, und sie brauchte nicht lange danach zu suchen. Auf dem Sims des geöffneten Fensters saß eine große schwarze Krähe und blickte sie mit schräggelegtem Kopf aufmerksam an. Das Tier öffnete den Schnabel und stieß ein heiseres Krächzen aus, dem ein Nebelstrahl folgte, der sich zu dem Gesicht einer jungen Gypsy formte, das Sam sehr vertraut war. Shiona Moshani gehörte zu den wenigen Menschen, die Sams wahre Natur kannten.
Der Mund ihres Nebelgesichts öffnete sich, und Shionas Stimme flehte: „Samala, ich brauche dringend deine Hilfe, sonst werden wir alle sterben!“
Das war genau die Art von Ruf, dem Sam immer folgte, auch wenn der Mensch in Not nicht zufällig eine Freundin gewesen wäre. Und dass Shiona ausgerechnet jetzt ihre Hilfe brauchte, bot ihr den allerbesten Vorwand, schnellstmöglich aus Cleveland zu verschwinden, um den gewünschten Abstand zu gewinnen und in Ruhe ihre neuen Gefühle ordnen zu können. Außerdem konnte Shiona ihr vielleicht dabei helfen, hatte sie doch der Liebe wegen alles aufgegeben, was ihr früher wichtig gewesen war.
„Ich komme so schnell ich kann“, versprach sie dem Nebelgesicht. „Spätestens zum Frühstück bin ich da.“
„Danke, Samala!“
Die Worte waren nur ein Hauch, doch es lag eine Inbrunst darin, die Sam deutlich zeigte, dass Shiona sich wahrscheinlich in großer Gefahr befand, weshalb sie sich beeilen würde. Das Nebelgesicht löste sich auf. Die Krähe blickte Sam, wie es schien, verwirrt an, stieß ein irritiertes Krächzen aus und flog davon.
Sam verlor keine Zeit. Sie holte ihre Reisetasche aus dem Schrank, die ohnehin immer mit dem Wichtigsten für den Notfall gepackt war und ergänzte ihren Inhalt innerhalb von nur zehn Minuten. Sie überlegte, ob sie Scott wecken und sich von ihm verabschieden sollte, entschied sich aber dagegen. Sie würde ihm nur einen Zettel auf den Küchentisch legen, mit dem sie ihm erklärte, dass sie wegen eines Notfalls noch in der Nacht hatte abreisen müssen. Er war solche spontanen Aufbrüche von ihr gewöhnt und würde sich nichts weiter dabei denken.
Als ein Sukkubus verfügte Sam über die Fähigkeit, ohne Zeitverlust durch die Dimensionen von einem Ort zum anderen springen zu können. Aber sie musste ihre Tarnung als Mensch aufrecht erhalten, und es würde Scott sehr misstrauisch machen, wenn sie zu einem Auftrag nach Richmond verschwand, aber ihren Jeep Cherokee in der Garage stehen ließ. Also musste sie den Wagen mitnehmen.
Sie schrieb den Zettel für Scott, legte ihn gut sichtbar auf den Küchentisch, verließ das Haus und fuhr wenige Minuten später davon. Die Entfernung von Cleveland nach Richmond betrug ungefähr 900 Kilometer, und hätte Sam sie mit dem Auto zurückgelegt, hätte sie mindestens zwölf Stunden gebraucht. Doch zum Glück konnte sie die Sache abkürzen.
Allerdings benötigte sie für das, was ihr wahrscheinlich in Richmond bevorstand, eine über das normale Maß hinaus gehende Kraft, denn sie wusste nicht, wann sie wieder Zeit haben würde, ihre spezielle Nahrung zu sich zu nehmen. Zwar hatte sie ihren normalen sukkubischen Hunger vor einer Stunde erst mit Scott gestillt, doch die Energie, die sie dabei aufgenommen hatte, reichte nicht aus. Sie brauchte mehr. Und sie wusste auch schon, wo sie dieses Mehr bekommen würde.
Cleveland gab sich zwar als biedere, gottesfürchtige Stadt, aber sie verfügte trotzdem über ein Nachtleben mit allen dazugehörigen „verbotenen Früchten“. Eine davon war ein exklusiver Nachtclub, der vordergründig ein Kabarett-Programm anbot, im Hinterzimmer aber eine Bar unterhielt, in der sich kontaktwillige Leute trafen, die ein Abenteuer suchten. Geschäftstüchtig, wie der Besitzer des Etablissements nun einmal war, stellte er die erforderlichen Separées im ersten Stock gleich mit zur Verfügung.
Sam gehörte zu den Stammkundinnen des Joyful Bliss , wie der Laden sinnigerweise hieß. Deshalb brauchte sie nicht einmal eine Eintrittskarte oder Clubkarte vorzuzeigen, um von Aldo und Tyson, den beiden Türstehern, mit einem freundlichen Nicken durchgewunken zu werden. Der Barbereich war wie immer spärlich beleuchtet mit Kerzenlicht und gedimmten Lampen, und es gab auch dunkle Nischen, in denen sich ein Pärchen unverbindlich beschnuppern konnte, bevor es sich in einen der Räume im ersten Stock zurückzog.
Sam sondierte das Terrain mit den scharfen Sinnen einer Jägerin. Sie war heute nicht an einem tollen Sexerlebnis interessiert, sondern nur an einem Mann, notfalls auch zweien, die über die größte Energie verfügten. Und zum ersten Mal, seit sie mit Scott zusammen war, tat es ihr beinahe weh, sich einem anderen Mann als ihm zuwenden zu müssen, um zu bekommen, was sie dringend benötigte. Entschlossen schob sie diesen Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf ihr Ziel.
Ihre Beute stand an der Bar und kippte einen Drink in einer Weise, die klar signalisierte, dass er irgendeinen Kummer zu ertränken versuchte. Aber er wäre nicht hier, wenn er einem Abenteuer abgeneigt gewesen wäre. Und er strotzte förmlich vor aufgestauter Energie, von der ein guter Teil durch Wut erzeugt wurde.
Sam trat zu ihm und hielt sich nicht mit dem üblichen Vorgeplänkel auf, das manchmal seinen ganz eigenen Reiz für sie hatte. Sie setzte ihre Lockmagie ein. Der Mann vergaß seinen Drink und bekam augenblicklich eine Erektion. Seine Augen zogen Sam unverzüglich aus, und er ergriff ihre Hand.
„Oh, Frau meiner Träume, wo bist du all die Jahre gewesen?“, fragte er und zog sie zu sich heran.
In Momenten wie diesem bedauerte Sam manchmal, dass sie nicht erkennen konnte, wie die Männer sie sahen. Die Sukkubus-Magie bewirkte, dass sie jedem Mann als seine personifizierte Traumfrau erschien und je nach dessen Geschmack in seinen Augen blond oder rothaarig, brünett oder schwarzhaarig, Asiatin, Farbige oder Kaukasierin war mit genau der Figur und in der Kleidung, die er sich wünschte. Das war ein Teil der Belohnung, die ein Sukkubus den Menschen gab, von denen sie sich ernährte. Der andere Teil war, dass die Männer mit ihr den schönsten Sex ihres Lebens erfuhren. Und schon oft hatte Sam ein paar Tage später eine Suchanzeige in der Zeitung gelesen, in der ein Mann nach der Frau suchte, mit der er sich am Soundsovielten im Joyful Bliss so unvergleichlich vergnügt hatte.
Sie lächelte dem Mann zu. „Ich bin jetzt hier“, gurrte sie mit einer verführerischen Stimme, die für ihn die pure Versuchung sein musste. „Und ich will dich. Gehen wir nach oben.“
„Davon habe ich mein Leben lang geträumt“, schwärmte er, während er ihr nach oben folgte, ohne ihre Hand loszulassen. „Dass eine Frau wie du mich mal abschleppt.“
Sam ließ ihn reden. Im ersten Stock erwartete Jarvis sie, der für die Ordnung und Sauberkeit in den zehn Zimmern verantwortlich war, die hier für die Paare bereitgehalten wurden. Er gab die Schlüssel aus zusammen mit einem Fünferstreifen Kondome und schickte die „Zimmermädchen“ los, sobald ein Paar sein Zimmer wieder verlassen hatte, die es desinfizierten, das Bett neu bezogen und für das nächste Paar vorbereiteten. Dieser Service war mit dem Kauf der obligatorischen Eintrittskarte oder der Jahreskarte bei Stammkunden abgegolten.
Auch Jarvis begrüßte Sam mit einem freundlichen Nicken und händigte ihr Zimmerschlüssel und Kondome aus. Letzteres brauchte Sam eigentlich nicht, denn Sukkubi und Inkubi waren immun gegen nahezu alle Krankheiten, auch gegen Aids. Aber in diesem Fall befolgte sie die Vorschrift des Hauses für „Safer Sex“.
Sie hatte kaum die Zimmertür hinter sich und ihrer Beute geschlossen, als der Mann sich auch schon die Kleider vom Leib riss. Sam tat es ihm nach, und Sekunden später lagen sie auf dem Bett, in leidenschaftliche Küsse und ein wildes Vorspiel vertieft, das Sam ein wenig ausdehnte, um den Energieausstoß ihres Partners zu steigern, ihn bis zum Äußersten zu reizen und heiß zu machen. Dazu gehörte auch, dass sie ihm überaus lasziv ein Kondom mit dem Mund über seinen harten Penis streifte, was ihn in eine Ekstase versetzte, die er noch nie zuvor erlebt hatte.
Die Wut, die sie in ihm spürte, kanalisierte sie und nahm sie in sich auf, wandelte sie in schiere Kraft um, die sie in ihrem Körper speicherte und sog sie aus ihm heraus, dass er sich am Ende, wenn sie mit ihm fertig war, entspannt, wohl und überhaupt nicht mehr aggressiv fühlen würde. Aber sie tat noch mehr. Sie konnte die Energie fühlen, die in den Nebenzimmern durch die Pärchen entstand, die dort gerade aktiv waren und sog auch die in sich auf. Wozu sollte sie diese herrliche, nahrhafte Kraft einfach verpuffen lassen, die doch niemand brauchte oder verwenden konnte außer ihr.
Ihr Partner befand sich bereits im siebten Himmel und konnte es kaum erwarten, endlich in sie einzudringen, doch Sam hielt ihn noch zurück. Sie steigerte seine Lust, indem sie mit einem Finger mit genau dem richtigen Druck sein Rückgrat hinab fuhr und seinen Steiß stimulierte, während er an ihren Nippeln saugte. Er stöhnte lustvoll auf und schob sich ein Stück höher. Sie spürte sein hartes Glied an ihren Schenkeln, das sich seinen Weg zu ihrer feuchten Liebesgrotte bahnte und hineindrängte. Sie öffnete sich ihm schließlich, und er tauchte mit einem leisen Ausruf des Entzückens in sie ein.
Schon bei seinen ersten Stößen begann sich sein Orgasmus aufzubauen, und Sam verlängerte diese Phase noch ein wenig, indem sie sich ihm ein Stück weit wieder entzog, bis er es nicht mehr aushalten konnte. Mit einem letzten tiefen Stoß ergoss er seinen Samen, begleitet von einem erlösenden Schrei, ehe er erschöpft über ihrem Körper zusammensackte und mit geschlossenen Augen liegen blieb.
Sam nahm auch noch die letzten verklingenden Vibrationen in sich auf und fühlte, dass sie nun genug Kraft besaß, um notfalls einige wirklich mächtige Zauber ohne allzu große Anstrengung wirken zu können und mindestens eine „Mahlzeit“ ausfallen lassen zu können. Sie schob den Mann von sich herunter, der ihr mit einem seligen Gesichtsausdruck zulächelte und ging in das jedem Zimmer angeschlossene Bad, um kurz zu duschen. Als sie zehn Minuten später zurückkam, saß der Mann auf der Bettkante und streckte die Arme nach ihr aus.
„Spiel es noch einmal, Sam“, bat er und zitierte dabei den wohl berühmtesten Satz aus dem Film „Casablanca“, ohne zu ahnen, dass seine Partnerin tatsächlich Sam hieß.
Natürlich hatte er sich dank Sams „Mahlzeit“ völlig verausgabt und war gar nicht mehr in der Lage, noch irgendetwas zustande zu bringen als ein zahmes Schmusen. Da sie aber ihre Lockmagie noch aufrecht erhalten musste, bis sie aus seiner Sichtweite verschwinden konnte, damit er nicht ihre wahre Gestalt sah und merkte, dass hier irgendetwas vorging, das sich auf natürlichem Weg nicht erklären ließ, verspürte er immer noch brennendes Verlangen nach ihr.
Sie trat lächelnd zu ihm und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Ein anderes Mal“, vertröstete sie ihn, nahm ihre Sachen und zog sich an.
Was sich etwas schwierig gestaltete, da er ständig an ihr herumfingerte und immer wieder versuchte, sie wieder auszuziehen. Doch Sam spielte dieses Spiel nicht zum ersten Mal und besaß sehr viel Geschick darin, seine Attacken abzuwehren. Mit einem aufreizenden Winken und einem Augenzwinkern verabschiedete sie sich ein paar Minuten später von ihm.
„Hey, ich habe ja nicht mal deine Telefonnummer!“, rief er ihr nach. „Und wie heißt du eigentlich?“
Sie lächelte nur, winkte ihm noch einmal zu und ging. Bis er seine Kleidung angezogen hatte und in der Lage war, ihr zu folgen, würde sie schon längst weg sein. Und im Joyful Bliss war Diskretion das oberste Gebot. Die Namen von Gästen wurden vom Personal unter keinen Umständen weitergegeben. Nicht einmal an die Polizei, solange sich der Gast nichts hatte zuschulden kommen lassen.
Sam verließ das Etablissement, stieg in ihren Wagen und lenkte ihn hinter der Stadt auf eine einsame Landstraße. Auf der Landkarte suchte sie sich einen noch einsameren Waldweg in der Nähe von Richmond. Es gab für einen Sukkubus zwei Möglichkeiten, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Entweder er sprang durch die Dimensionen, oder er schuf mit seinen magischen Kräften ein Dimensionstor, durch das er nicht nur selbst gehen, sondern auch größere Gegenstände wie ein Auto oder eine Gruppe von Menschen an einen anderen Ort bringen konnte. Sukkubi und Inkubi besaßen gegenüber menschlichen Magiern, die ebenfalls in der Lage waren, Dimensionstore erschaffen zu können, den Vorteil, dass sie im Gegensatz zu denen den Ort, an dem das Tor herauskam, nicht kennen mussten. Sie besaßen einen sicheren Instinkt, der verhinderte, dass sie zum Beispiel in einem Felsmassiv oder mitten in einem Fluss landeten.
Sam ließ, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass kein Mensch oder anderes intelligentes Wesen in ihrer Nähe war, das sie hätte beobachten können, ein Dimensionstor entstehen, das mitten auf dem von ihr gewählten Waldweg herauskam. Auch dort war alles still und menschenleer. Sie lenkte ihren Wagen hindurch, und das Tor schloss sich hinter ihr. Sie folgte dem Waldweg bis zur nächsten Hauptstraße und fuhr von dort aus weiter nach Richmond, das nur noch eine gute Fahrtstunde entfernt war.
Sie hatte gerade die Stadtgrenze erreicht und auf einem Parkplatz angehalten, um mit Hilfe eines Stadtplans den Weg zu Shionas Haus zu finden, als sie den Hilferuf ihrer Freundin vernahm, den ihre Seele in höchster Not durch die Dimensionen schickte...

Der Block, in dem Shionas Verwandte lebten und in dem auch sie bis vor fünf Jahren gewohnt hatte, wirkte auf den ersten Blick wie ausgestorben. Einerseits war das nicht verwunderlich, denn es war bereits nach Mitternacht, und man konnte davon ausgehen, dass die Bewohner des Blocks in ihren Betten lagen und schliefen. Doch das war nicht der Fall. Shiona spürte mit der ihr eigenen Macht einer drabarni, dass sie sich alle im großen Versammlungsraum aufhielten, der im Erdgeschoss des Hauptwohnhauses lag.
Doch sie waren nicht allein. Shiona spürte die Ausstrahlung des Bösen in ihrer Mitte, und es war so stark, dass allein diese flüchtige geistige Berührung sie fast körperlich zurückprallen ließ. Allerdings genügte dieser kurze Kontakt, um ihr zu offenbaren, dass die Hexe gerade im Begriff war, ihr nächstes Opfer zu töten: Shionas Vater.
Sie zögerte keine Sekunde, sondern rannte los und stürmte in den Versammlungsraum. Yljana stand vor ihrem Bruder Jango, der mit angstvoll aufgerissenen Augen vor ihr in der Luft schwebte. Yljana lachte gemein und streckte die Hand gegen ihn aus.
Erst als Shiona sie lachen hörte, war sie sich sicher, dass dieses Wesen nicht ihre Tante Yljana sein konnte. Dazu klang es zu kalt und böse. Shiona hatte ihre magischen Fähigkeiten noch nie aggressiv gebraucht und wusste für einen Augenblick nicht, was sie jetzt tun sollte – was sie überhaupt tun konnte. Ihre Fähigkeiten waren durch die über sie verhängte Verbannung nicht vollständig ausgebildet worden. Sie beherrschte das Zweite Gesicht, aber damit konnte sie kaum etwas gegen die Hexe ausrichten. Und die Zauber, die sie kannte, wirkten wunderbar und sehr effektiv in Ritualen, doch sie waren ungeeignet, um die Hexe jetzt von ihrem Vater abzulenken.
„In jeder drabarni ist das Licht unserer Göttin Bibijaka“, erinnerte sie sich an die Erklärung ihrer Großmutter dafür, woher ihre Zauberkräfte kamen. „Dieses Licht ist so mächtig, dass nichts Böses dagegen bestehen kann. Du kannst es jederzeit in dir erstrahlen lassen, und es wird nach außen dringen und das Böse vertreiben.“
Shiona hatte, solange sie denken konnte, dieses Licht immer in sich gespürt. Jetzt tauchte sie in ihr inneres Licht ein, zog es zusammen und ballte es zu einer Kugel, die sie in ihrer Handfläche entstehen ließ. Das dauerte keine drei Sekunden, und sie warf diesen „Ball“ ohne zu zögern auf die Hexe.
Die zuckte zusammen, fuhr herum und starrte sie aus funkelnden Augen an. „Autsch!“, kommentierte sie scheinbar gelassen, doch es klang eiskalt und abgrundtief böse. Ihre Augen flammten rot auf, und womit auch immer sie Jango in der Luft hielt, es verschwand, und er stürzte zu Boden.
„Sieh mal einer an“, zischte die Hexe, und Yljanas vertrautes Gesicht verzerrte sich zu einer ungewohnten Grimasse puren Hasses. „Wenn das nicht die traurige, kleine drabarni ist, die gekommen ist, um ihre Sippe zu retten.“
Shiona konnte nicht verhindern, dass sie namenlose Angst empfand. „Lass meine Familie in Ruhe!“, forderte sie dennoch tapfer.
Die Hexe lachte nur. „Du glaubst doch nicht etwa ernsthaft, dass ich auf meine Rache verzichte, auf die ich so lange gewartet habe, nur weil du Wurm es so willst!“
Ehe Shiona sich versah, stand die Hexe vor ihr, packte sie am Hals und drückte ihr die Kehle zu. Shiona konnte von einem Moment zum anderen nicht mehr atmen und auch nicht mehr schreien. Dafür stieß ihre Seele einen stummen Schrei aus, der die Dimensionen durchdrang und hoffentlich von jemandem gehört werden würde, die ihr zu Hilfe eilte.
Die Hexe, die ihren stummen Ruf ebenfalls vernommen hatte, lachte spöttisch. „Schrei nur, du kleiner Wurm. Das wird dir nichts nützen. Niemand wird dir zu Hilfe eilen.“
Der Blick ihrer Augen bohrte sich in Shionas, und die junge Frau fühlte, wie dieser Blick sich in ihre Seele drängte und sie langsam in unsichtbare Flammen setzte. Sie spürte, wie ihre Kraft zu schwinden begann. Ein wahnsinniger Schmerz breitete sich in ihrem gesamten Körper und in ihrer Seele aus, und sie fühlte ihr Ende nahen.
Plötzlich wurde sie losgelassen, und die Hexe schrie gepeinigt auf. Shiona taumelte zurück und versuchte, ihren verschwommenen Blick zu klären. Hinter der Hexe stand eine hellhäutige Frau mit kurzen schwarzen Haaren, gekleidet in Jeans und Lederjacke, und ihre Hände glühten mit der Energie von Feuerkugeln, von denen sie jetzt eine ganze Salve auf die Hexe warf.
Doch die hatte geistesgegenwärtig gleich nach dem ersten Treffer einen magischen Schild um sich geworfen, an dem die Geschosse abprallten. Trotzdem hielt sie es offenbar für geraten, den Rückzug anzutreten. Sie wandte sich um und rannte zur Tür hinaus.
„Samala ...“ Shionas Stimme war kaum mehr als ein Krächzen.
Sam war sofort bei ihr und stützte sie, während Shionas Familie die beiden Frauen mit gemischten Gefühlen anstarrte.
„Hallo Shiona“, sagte Sam. „Ich habe deinen Ruf gehört, und hier bin ich. Gerade rechtzeitig, wie es aussieht. Du hast da wirklich ein ziemlich übles Problem am Hals.“
Denn was Sam in Shionas Angreiferin gespürt hatte, war ein Geist gewesen – und er war verdammt bösartig und verdammt mächtig. Sam hätte zwar die Frau, in deren Körper er steckte, töten können, doch das hätte das Problem nicht gelöst. Der Geist wäre in dem Fall einfach aus ihm herausgefahren und hätte sich in einem anderen manifestiert.
„Danke, dass du gekommen bist, Samala“, sagte Shiona und sah zu ihrer Familie hinüber, die immer noch teils ängstlich, teils überrascht und unsicher Sam und Shiona musterten.
Der Mann, den die Hexe angegriffen hatte, trat schließlich vor.
Shiona schluckte nervös. „Dada“, sagte sie leise, „Vater!“ Ihre Stimme klang beinahe flehend.
Jango Moshani sah sie reserviert an. „Verschwinde“, befahl er und erinnerte sie gnadenlos: „Du bist marimeh.“
„Und Sie sind ein Idiot“, beschied ihm Sam voller Verachtung und verblüffte Jango dadurch, dass sie Romani sprach.
Zu den angeborenen Fähigkeiten von Sukkubi und Inkubi gehörte, dass sie die Sprache jedes Menschen innerhalb von Sekunden akzentfrei übernehmen konnten, den sie wie auch immer flüchtig berührten. Das war einer der Tarnmechanismen, der es ihnen ermöglichte, unerkannt unter Menschen zu leben.
„Shiona ist die Einzige in Ihrer ganzen Sippe, die Ihr aller Leben retten kann“, fuhr Sam unbarmherzig fort. „Also schlage ich vor, dass Sie Ihre dummen Vorurteile in die Wüste schicken und sich helfen lassen. Es sei denn, Sie wollen dafür verantwortlich sein, dass noch mehr Mitglieder Ihrer Familie sterben.“
Jangos Augen flammten vor Zorn. „Und wer sind Sie, dass Sie es wagen, so mit mir zu reden?“, fuhr er Sam an.
Sie trat einen Schritt auf ihn zu und starrte ihm kalt in die Augen. „Ich bin jemand, mit dem Sie sich besser nicht anlegen sollten“, sagte sie überaus sanft und verlieh dem dadurch Nachdruck, dass sie ihre Augen für einen Moment blutrot werden ließ.
Jango fuhr zurück. „Lokoliko!“, stieß er entsetzt hervor. „Dämon!“ Er sah Shiona anklagend an. „Was für Kreaturen bringst du uns hier ins Haus, Verfluchte?“
Sam antwortete an ihrer Stelle. „Shiona hat die einzige Person zu Hilfe gerufen, die über die Macht der lokolike verfügt, aber trotzdem bereit ist, euch Menschen zu helfen – mich. Und dafür, Jango Moshani, sollten Sie dankbar sein statt Ihre Tochter zu verfluchen. Wie Sie gerade gesehen haben, ist Shiona allein nicht stark genug, diesem bösen Geist Einhalt zu gebieten. Zu zweit können wir das aber schaffen.“ Sie sah ihn auffordernd an. „Also, wie ist es? Sollen wir verschwinden und Sie und Ihre Leute der Wut dieses Geistes überlassen?“
„Dada“, sagte Shiona flehentlich, und man merkte ihrer Stimme an, wie sehr sie unter der Ablehnung ihres Vaters litt, „Onkel Gonzo hat mich damit beauftragt, euch zu beschützen. Egal was du von mir hältst, aber du wirst dich wohl nicht gegen den ausdrücklichen Willen eures rom baro stellen.“
Jango zog finster die Brauen zusammen. „Und wann willst du mit ihm gesprochen haben, dass er dir das sagen konnte?“
„Er hat mir ausrichten lassen, dass die Sippe ihre drabarni braucht. Mein Ehemann“, betonte sie, „ist der Arzt, der ihn in der Klinik behandelt.“
„Können wir das vielleicht abkürzen“, warf Sam ein. „Mr. Moshani, es geht hier nur um eine einzige Entscheidung von Ihnen: Wollen Sie und Ihre Leute leben oder sterben? Falls Sie leben wollen, so nehmen Sie endlich Shionas und meine Hilfe an. Dieser Geist wird zurückkommen, sobald wir fort sind, und dann ist mindestens einer von Ihnen schneller tot, als Sie ‚Mama’ sagen können.“
„Nun gut“, gab Jango nach. „Allerdings sehe ich nicht, was ihr tun könntet. Immerhin hätte die Hexe dich eben beinahe getötet, Shiona.“
Sam registrierte, dass in Jangos Stimme ein Hauch von Besorgnis mitschwang. Offenbar war ihm seine Tochter doch nicht so gleichgültig, wie er sich nach außen den Anschein gab.
„Wir müssen den mulo der Hexe wieder in die Trommel bannen“, entschied Shiona. „Anschließend muss ich versuchen ihn zu vernichten.“ Sie taumelte, und Sam stützte sie.
„Du musst dich erst einmal ausruhen“, stellte sie fest.
Shiona schüttelte den Kopf. „Dazu ist keine Zeit. Wir müssen die Trommel holen und danach das Ritual vorbereiten.“ Sie blickte Sam entsetzt an, als ihr ein Gedanke kam. „Meine Kinder! Wenn sie sich jetzt an meinen Kindern vergreift ...“
Sam handelte sofort. Shionas Geist öffnete sich ihr, und Sam konnte ihm den Ort entnehmen, zu dem sie „springen“ musste. Im nächsten Moment stand sie vor dem Haus der Jacobs’, und Sam warf einen für Geister, Dämonen und andere übelwollende Wesen undurchdringlichen magischen Schutzschild über das gesamte Anwesen, nachdem sie sich mit Hilfe ihrer magischen Sinne vergewissert hatte, dass die Hexe nicht schon im Haus war. Damit war ihr der Zutritt zu Shionas Familie verwehrt. Zumindest solange die sich im Haus aufhielt ...
Sie sprang zurück zu den Moshanis. Shiona hockte inzwischen auf dem Boden und war zu schwach, sich auf den Beinen zu halten. Ihre Sippe hielt immer noch Abstand zu ihr. Offenbar war während ihrer kaum eine Minute währenden Abwesenheit kein einziges Wort zwischen Shiona und ihrer Familie gewechselt worden.
Die Moshanis atmeten kollektiv erschreckt ein, als Sam aus dem Nichts heraus vor ihnen auftauchte. Normalerweise vermied sie es, Menschen in irgendeiner Weise zu offenbaren, dass sie nicht ebenfalls eine von ihnen war. Aber zum einen hatten die Moshanis bereits gesehen, dass sie über Kräfte verfügte, die nicht von dieser Welt waren, und zum anderen war ihnen gerade durch die Hexe die sehr reale Existenz von Magie deutlich vor Augen geführt worden. Und es konnte nicht schaden, ihnen auf diese Weise einen subtilen Hinweis zu geben, wie sehr sie eine kompetente drabarni brauchten.
„Deine Familie ist in Sicherheit, solange sie das Haus nicht verlässt, Shiona“, teilte sie ihrer Freundin mit. „Ich habe einen magischen Schutz um das Haus gelegt, den diese Hexe oder was immer sie ist, nicht überwinden kann. Was war das jetzt mit einer Trommel und einem Ritual?“
Shiona wandte sich wieder an ihren Vater. „Ich muss in das Zimmer, in dem Großmutter ihre magischen Gerätschaften aufbewahrt hat.“
Jango nickte. „Wir haben es nicht mehr betreten, nachdem Yljana...“ Er unterbrach sich und machte eine Kopfbewegung zur Tür hin. „Kommt.“
Sam reichte ihm die Hand. „Tai’Samala“, stellte sie sich endlich vor. „Oder für euch Menschen Sam Tyler. Nett Sie kennenzulernen. Und falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten: Ich bin eine von den Guten.“
Jango versteckte reflexartig seine beiden Hände hinter dem Rücken, um Sam nicht berühren zu müssen und ging den beiden Frauen voran.
Shiona schleppte sich sichtbar mühsam auf die Wohnung zu, in der Gonzo mit seiner Familie wohnte. Seit Yljana von dem Geist der Hexe übernommen worden war, hatte niemand sie mehr betreten. Als erstes stolperten sie über Kirjos Leiche, die immer noch dort lag, wo die Hexe ihn getötet hatte.
„Wir wussten nicht, was wir tun sollten“, verteidigte sich Jango verlegen und deutlich beschämt über diese Respektlosigkeit gegenüber seinem toten Cousin. „Wir konnten ihn nicht bergen, weil die Hexe hier herumschlich. Und wir konnten auch nicht die pirengeri verständigen. Nachdem Gonzo versucht hatte, Yljana zu töten – oh, hätten wir ihn doch nur gewähren lassen! – hätten sie uns wahrscheinlich alle verhaftet. Was sie immer noch tun werden, sobald hier noch ein Toter gemeldet wird.“ Er schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf. „Wie sollen wir das nur erklären?“
Bevor Sam darauf antworten konnte, stieß Shiona einen entsetzten Schrei aus. Sie bückte sich, hob etwas vom Boden auf und streckte es Sam und ihrem Vater mit einem Ausdruck absoluter Verzweiflung entgegen. In ihren Händen hielt sie die Überreste der Hexentrommel, von der nur noch ein Teil des Rahmens und ein zerfetztes Trommelfell übrig war. Die Hexe hatte ihr ehemaliges Gefängnis zerstört.
Shiona begann zu weinen und sank zu Boden. Jango streckte spontan die Hand nach ihr aus, zog sie aber wieder zurück und machte einen Schritt rückwärts. Sam warf ihm einen verächtlichen Blick zu und schüttelte den Kopf, ehe sie sich neben Shiona kniete und ihr tröstend den Arm um die Schultern legte. Offenbar war ein Sukkubus in der Lage, mehr Mitgefühl zu empfinden als manche Menschen. Aber schließlich gab es immer noch eine Menge Dinge, die sie bei den Menschen nicht verstand, und es stand ihr nicht zu, darüber zu urteilen.
„Die Trommel ist zerstört“, flüsterte Shiona verzweifelt und unter Tränen. „Wir können die Hexe nicht mehr darin bannen.“
„Daraus schließe ich, dass es eine besondere Trommel sein muss und der Geist der Hexe nicht in einer Konservendose gebannt werden kann.“
Shiona nickte müde.
Sam besah sich die Überreste der Trommel. „Eibenholz und Schlangenleder“, stellte sie fest. „Und die Spannschnüre sind aus“, sie befühlte sie und roch daran, „gedrehtem Weidenbast. Es wird zwar eine Weile dauern, die entsprechenden Materialien zusammen zu bekommen, aber in ein paar Tagen können wir eine neue Trommel bauen. Das kriegen wir schon hin.“
Shiona schüttelte den Kopf. „Das ist nicht das Problem“, sagte sie müde und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Die Trommel muss, damit sie ihren Zweck erfüllen kann, mit einem bestimmten Ritual geweiht werden, aber“, sie schluckte tapfer die erneut aufsteigenden Tränen hinunter, „ich kenne es nicht. Meine Großmutter wollte es mich später lehren, wenn die Zeit dafür reif gewesen und meine Ausbildung als drabarni fortgeschrittener gewesen wäre.“ Sie blickte Sam unglücklich an. „Verstehst du, Samala? Es gibt in meinem Volk niemanden mehr, der das Ritual kennt. Mit anderen Worten, ich bin weder in der Lage, die Hexe erneut zu bannen noch ihren mulo zu vernichten. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.“
Sam stieß scharf die Luft aus und setzte sich jetzt neben Shiona auf den Boden. Ihre eigene magische Macht war zwar inzwischen enorm, seit sie die Kräfte eines kitsune, eines japanischen Fuchsgeistes, in sich aufgenommen hatte. Allerdings musste man, um sie vollkommen zu beherrschen, selbst ein kitsune sein. Und da Sam sie ohnehin erst vor ein paar Tagen erhalten hatte, konnte sie noch nicht gut genug mit ihnen umgehen, gar nicht zu reden davon, dass sie die beherrschte. Außerdem war auch ein kitsune nicht in der Lage, einen Geist zu vernichten.
„Wir finden eine Lösung, Shiona“, versprach sie ihrer Freundin. „Aber jetzt musst du dich wirklich erst einmal ausruhen.“
„Und was wird aus uns?“, fragte Jango alarmiert.
Sam dachte kurz nach. „Haben Sie und Ihre Familie genug Vorräte im Haus, dass Sie alle ein paar Tage davon leben können und Ihre Wohnungen nicht verlassen müssten?“
„Das haben wir immer“, antwortete Jango mit einem leicht bitteren Unterton. „Alte Angewohnheit. Warum fragen Sie?“
„Dann bleiben Sie für die nächsten Tage im Haus. Ich werde einen magischen Schutz um den ganzen Häuserblock und den Hof legen, der die Hexe fernhalten wird. Zumindest für die nächsten paar Tage, bis Shiona und ich eine Lösung gefunden haben.“
Jango sah sie skeptisch an. „Und wenn euch das nicht gelingt?“
Sam zögerte einen Moment. „Nun“, antwortete sie schließlich, „für solche Fälle kann ich immer auf die Unterstützung meiner Familie zählen, was ich aber höchst ungern täte. Wir haben nämlich gewisse beinahe unüberbrückbare Differenzen. Also hoffe ich mal, dass uns eine andere Lösung einfällt. Sagen Sie Ihrer Familie, dass Sie sich wie gewohnt auf dem Hof aufhalten kann, aber die Grenze zum Hof auf keinen Fall überschreiten darf.“
Jango deutete auf den toten Kirjo. „Was machen wir mit meinem Cousin?“
„Erlauben es Ihre Riten, ihn in ungeweihter Erde zu bestatten?“
Wieder bekam Jangos Gesicht einen bitteren Ausdruck. „Ja, das ist kein Problem. Da wir Jahrhunderte lang ausschließlich unstete Wanderer waren und die Völker, durch deren Länder wir reisten, uns meistens verwehrten, unsere Toten auf ihren Friedhöfen zu bestatten, liegt die große Mehrheit unserer Vorfahren in ungeweihter Erde. Warum wollen Sie das wissen?“
Sam machte eine Kopfbewegung zum Hof hin. „Ich habe draußen etwas gesehen, das wie ein Garten aussieht. Gibt es irgendein Tabu, das verbietet, ihn dort zu bestatten?“
Jango zögerte. „Nur dass sein mulo danach in unserer unmittelbaren Nähe bleiben wird und wir den Garten nie wieder zum Anbau unserer Kräuter nehmen können. Sie meinen, wir sollen ihn dort bestatten? Aber wenn die Gadsche das mitbekommen ...“
„Und damit sie es nicht mitbekommen, sollten Sie das noch heute Nacht tun“, unterbrach Sam ihn. „Ich werde den magischen Schutz, von dem ich sprach, so formen, dass jeder, der an diesem Block vorbeigeht, nichts anderes sieht als einen menschenleeren Hof in der Nacht und kein einziges Geräusch hören kann, das hier drinnen erzeugt wird. Sie können also alle Gebete, Gesänge, Musik und was sonst noch zu Ihren Bestattungsriten gehört ausführen, ohne Gefahr der Entdeckung. Sie müssen nur bei Sonnenaufgang damit fertig sein. Und sollte die Polizei eines Tages nach Ihrem Cousin fragen, so sagen Sie denen einfach, er habe die Familie irgendwann verlassen, um auf Wanderschaft zu gehen und sich seither nicht mehr gemeldet. Dann wird es auch keine Fragen geben.“
„Aber das Ausheben des Grabes wird Stunden dauern, und man wird das frische Grab hinterher bemerken“, wandte Jango ein.
Sam lächelte leicht. „Überlassen Sie das mir. Ich verspreche Ihnen, dass niemand jemals auf den Gedanken kommen wird, dass Sie Ihren Cousin in Ihrem Garten begraben haben. Kommen Sie.“
Sie ging voran nach draußen, und Jango folgte ihr unsicher und misstrauisch. Er beachtete Shiona immer noch nicht, die sich ebenfalls nach draußen schleppte.
Sam blieb mitten im Hof stehen, konzentrierte sich kurz und streckte ihre Arme seitwärts aus mit den Handflächen nach oben. Mit einer langsamen Bewegung hob sie sie an, und in einem Kreis um den Block herum erschien für einen Augenblick eine durchsichtige, violett schimmernden Wand, die sich über den drei um den Hof herum stehenden Häusern zu einer Kuppel schloss. Im selben Moment erlosch ihr Glanz, und alles sah aus wie immer.
„Von außen sind wir jetzt nicht zu sehen oder zu hören“, versicherte Sam dem staunenden Jango. „Aber dieser und nur dieser Aspekt der Schutzmauer wird bei Sonnenaufgang wieder verschwinden.“ Sie wandte sich dem Garten zu. „Wohin wollen Sie Ihren Cousin betten?“
Jango zögerte. Es gefiel ihm immer noch nicht, einen Toten in so unmittelbarer Nähe zu bestatten, aber die Gefahren, die sich aus der Alternative für seine Familie ergaben, waren noch schlimmer. „Dort hinten an der Mauer“, entschied er und deutete auf den Platz.
Sam konzentrierte sich darauf, ließ ihre magische Kraft in den Erdboden gleiten und formte ihn um, sodass in nur wenigen Sekunden ein tiefes, rechteckiges Loch darin entstand. Die Macht, jede Materie umformen und sogar die eigene Gestalt wandeln zu können, war ein Teil der Kitsune-Magie, und relativ einfach zu handhaben – zumindest was das Ausheben von Erdlöchern betraf.
Sie wandte sich wieder an Jango Moshani. „Sie können mit der Bestattung beginnen. Ich werden hinterher die Oberfläche des Grabes so gestalten wie sie vorher war. Niemand wird dort jemals ein Grab vermuten, solange Sie es nicht als solches kennzeichnen.“
Jango machte keine Anstalten, seine Familie zu rufen.
„Worauf warten Sie?“, fragte Sam. „Der Sonnenaufgang ist nur noch drei Stunden entfernt.“
„Kein Fremder darf der Bestattung eines Rom beiwohnen“, erklärte er nachdrücklich und sah zum ersten Mal seit ihrem Kommen jetzt auch Shiona direkt an. „Ebenso wenig wie eine, die marimeh ist.“
Sam verdrehte genervt die Augen. „Okay, wir verschwinden schon. Schließlich steht mein Wagen immer noch am Stadtrand von Richmond, eine Fahrtstunde entfernt. Ich bin im Morgengrauen wieder da. Vergessen Sie nicht: Wenn Sie bis dahin nicht fertig sind, kann man Sie von der Straße aus wieder sehen.“
Sie fasste Shiona am Arm und verschwand mit ihr. Nur einen Augenblick später stand sie neben ihrem Jeep Cherokee. Shiona hatte offensichtlich ihre letzte Kraft verbraucht, um in Anwesenheit ihres Vaters möglichst würdevoll und tapfer zu erscheinen. Jetzt brach sie zusammen. Sie sackte neben dem Wagen zu Boden und begann haltlos zu weinen.
Sam stellte fest, dass sich auch in diesem Punkt ihr Gefühlsleben drastisch verändert hatte. Noch vor ein paar Tagen hätte sie ein solcher Gefühlsausbruch völlig kalt gelassen und sie allenfalls irritiert. Jetzt fühlte sie einen Hauch desselben Schmerzes, den Shiona empfand. Sie half ihr vom Boden auf und nahm sie tröstend in die Arme, was sie auch noch nie zuvor getan hatte außer bei Scott – und das auch nur, weil er es von ihr in den entsprechenden Situationen erwartete, da Menschen nun einmal so reagierten.
Oh Miyuki! Wie sehr hast du mich verflucht!
„Und ich dachte immer, nur meine Familie wäre ätzend“, sagte Sam, um Shiona zu trösten und strich ihr beruhigend über das Haar. „Ist ja schon gut, Shiona. Komm, setz dich ins Auto. Du musst dich wirklich ausruhen. Ich weiß nicht, was diese Hexe mit dir gemacht hat, aber es hat dich verdammt geschwächt. Und ich verfüge leider nicht über Heilungskräfte.“
Sie half Shiona in den Wagen, setzte sich selbst ans Steuer und legte ihrer Freundin die Hand auf die Schulter. Mit ihren magischen Sinnen war sie in der Lage zu erfassen, was Shiona fehlte. Die Hexe hatte ihr einen Teil ihrer Kraft entzogen, sie wie ein Vampir aus ihr herausgesaugt. Nur ein wenig mehr, und Shiona wäre jetzt ebenso tot wie der Cousin ihres Vaters. Doch der Verlust von Lebenskraft war etwas, das Sam nicht ersetzen konnte. Nicht einmal mit der Macht des Kitsune. Das Einzige, was Sam für sie tun konnte, war ein Zauber, der sie zumindest ein bisschen stärken würde.
Sie sprach den Zauber leise aus und fühlte, dass es Shiona danach tatsächlich etwas besser ging. Aber bis sich Shionas Kräfte wieder vollständig regeneriert hatten, würden noch ein paar Tagen vergehen, denn solche Zauber unterstützten lediglich die Selbstheilung des Körpers und vollbrachten keine Wunder.
Nachdem es Shiona wieder besser ging, startete Sam den Wagen und fuhr in Richtung Stadt. „Und da wir nun mindestens eine Stunde Zeit haben“, stellte sie fest, „kannst du mir erzählen, was genau eigentlich los ist und was es mit dieser Hexe auf sich hat.“
Shiona erzählte ihr alles bis zu dem Moment von Sams Auftauchen in so wenigen Worten wie möglich, denn das Sprechen tat ihr immer noch in der Kehle weh.
„Also, ehrlich gesagt“, meinte Sam, nachdem sie geendet hatte, „es war keine besonders gute Idee, einfach auf die Hexe loszustürmen, ohne dir vorher eine Angriffstaktik überlegt zu haben.“
„Das habe ich gemerkt“, gestand Shiona kleinlaut. „Ich hatte in dem Moment einfach nur Angst um meinen Vater. Und außerdem muss ich gestehen, dass meine Ausbildung als drabarni unvollständig ist. Als meine Familie mich verstoßen hat, hatte ich gerade alles gelernt, was ich brauche, um das Zweite Gesicht zu beherrschen. Alles andere sollte später folgen. Aber dazu kam es ja dann nicht mehr. Außerdem glaube ich nicht, dass Großmutter oder irgendeine andere drabarni der letzten Generationen gewusst hat, wie man Magie als Waffe einsetzt, um damit zu kämpfen, wie du es tust.“ Sie sah Sam in die Augen. „Ich glaube – nein, ich bin mir sicher, dass ich die Kraft in mir habe, die Hexe zu bezwingen. Aber“, sie schüttelte traurig den Kopf, „ich habe bis heute nie richtig lernen können, sie zu beherrschen.“
Sam nickte. „Du hast diese Kraft in der Tat, Shiona“, bestätigte sie. „Ich habe sie schon bei unserer ersten Begegnung in dir gefühlt. Aber ich kann dich in einem Punkt beruhigen. Auch deine Großmutter wäre nicht in der Lage gewesen, dir zu zeigen, wie du diese Kräfte zu ihrer größtmöglichen Entfaltung bringen kannst. Du bist sehr viel stärker als sie.“
Shiona zuckte mit den Schultern. „Nur nützt mir das nichts.“
„Doch, das tut es. Du brauchst nur jemanden, der dir hilft, deine Fähigkeiten zu schulen. Aber darüber können wir später sprechen. Erst einmal müssen wir das Problem mit der Hexe und der Trommel lösen. Wir brauchen also Eibenholz, Schlangenleder und Weidenbast, um eine neue Trommel herstellen zu können. Aber lässt sich der Geist dieser Hexe nicht auch in einem anderen Gefäß bannen? Einen Spiegel zum Beispiel. Oder eine Kalebasse, wie sie die Voodoo-Priester als Gefäße für Seelen benutzten.“
Shiona schüttelte den Kopf. „Den Überlieferungen nach wurden die Hexentrommeln von den drabarni meines Stammes extra geschaffen, um solche muli wie diesen einzufangen und zu bannen, wenn es nicht möglich war, sie zu vernichten.“
„Und was ist an diesem mulo so Besonderes, außer dass er böse ist und eine Mordswut auf euch hat? Und jetzt natürlich auch auf mich.“
„Es heißt, es liegt an der Macht, die O Beng diesen Hexen gegeben hat. Es gab immer wieder drabarne, die ihre Kräfte nicht mehr zum Guten, sondern zum Bösen gebrauchten und zu tshowaxane wurden – Schadenszauberinnen oder ‚Schwarzen Hexen’, wie wir sie manchmal nennen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Die waren leicht zu bekämpfen und leicht zu bannen von jeder drabarni, deren Kraft der ihren ebenbürtig ist. Doch einige Wenige von ihnen gelobten sich O Beng an und erhielten von ihm eine besondere Form der Macht. Die Hexentrommeln sind aufgrund ihrer Beschaffenheit und noch mehr dem Ritual, das sie weiht, das Einzige, was sie einfangen kann. Das Wissen darüber, warum das so ist, ist längst vergessen worden, aber es ist das Material der Trommel, das nur in Verbindung mit der Macht des Rituals die Magie entstehen lässt, den mulo einer Hexe O Bengs zu bannen.“ Shiona drehte verzweifelt den Kopf hin und her. „Und es gibt niemanden mehr, der dieses Ritual kennt. Das bedeutet, dass wir die Hexe nicht aufhalten können. Oh, Samala! Sie wird meine ganze Familie auslöschen und ...“ Ihre Stimme brach, und sie weinte.
„Nun, so weit ist es noch lange nicht“, versuchte Sam sie zu beruhigen. „Ein paar Optionen haben wir noch, bevor wir die Waffen strecken müssen. Zunächst: Muss das Holz für die Trommel von einem ganz bestimmten Baum sein, oder kann es von jeder beliebigen Eibe stammen? Muss das Leder von einer besonderen Schlange, der Bast von einer besonderen Weide sein? Und muss die jeweilige ‚Ernte’ auf eine bestimmte, rituelle Weise geschehen oder ist das egal?“
Shiona atmete tief durch, wischte sich entschlossen die Tränen aus dem Gesicht und straffte sich. Samala hatte recht. Sie hatten noch ein paar Optionen, bevor sie sich geschlagen geben mussten. Und sie, Shiona, eine stolze Tochter stolzer Roma, ließ sich dazu hinreißen, zu weinen und zu jammern wie ein Schwächling und nicht wie eine drabarni. Es war beschämend!
„Verzeih meine Schwäche“, murmelte sie verlegen und beantwortete dann Sams Fragen. „Der Baum ist egal. Es muss nur eine Eibe sein und der Bast von einer Silberweide. Aber das Leder muss aus der Haut einer trächtigen Sandviper gemacht sein. Und neun ihrer ungeborenen Jungen werden als Siegelwächter an die Trommel gehängt.“ Sie blickte Sam von der Seite an. „Aber es wird Tage dauern – nein Monate, um alle notwendigen Zutaten zusammen zu bekommen und entsprechend vorzubereiten. Außerdem sind wir hier in Amerika. Sandvipern gibt es hier nicht. Und ich glaube nicht einmal, dass in Rumänien noch allzu viele leben.“
Sam lächelte. „Aber ich bin zum Glück in meiner Bewegungsfreiheit nicht auf einen einzigen Kontinent beschränkt. Also kann ich die erforderlichen Dinge innerhalb von nur einem, höchstens zwei Tagen besorgen und mit Hilfe von Magie in den notwendigen Zustand versetzen – Holz trocknen und aushöhlen, Schlangenhaut gerben und so weiter. Und was das vergessene Ritual betrifft“ – sie grinste breit – „so werden wir die Toten danach fragen. Aber zuerst versiegele ich das Grab deines toten Verwandten, und danach fahren wir zu dir nach Hause, damit du dich ausruhen kannst.“

Die Hexe tobte vor Zorn, der sich schnell in unkontrollierte Wut verwandelte. Sie konnte in diesem Moment nicht einmal sagen, was sie wütender machte: dass sie keinen Moshani hatte töten können oder dass diese mächtige fremde Hexe – oder was immer sie war – es gewagt hatte, sie bei ihrem Vorhaben zu stören. Sie hatte zu lange damit gezögert, den Nächsten aus der verhassten Sippe umzubringen. Doch die Versuchung, deren Angst vorher so lange wie möglich auszukosten, war einfach zu verlockend gewesen. Und letztendlich ein Fehler.
Aber sie konnte immer noch diese Teilniederlage in einen Sieg verwandeln. Als sie versucht hatte, sich der Seele der schwachen, kleinen Möchtegern-drabarni zu bemächtigen, hatte sie ihrem Geist entnehmen können, wo sie wohnte und dass es dort einen Ehemann und zwei Kinder gab. Sie würde diese drei zuerst töten, und zwar sofort, solange die drabarni und die andere Hexe noch anderweitig beschäftigt waren.
Obwohl ihr diese Welt vollkommen fremd war und manches enthielt, das sie nicht verstand, weil es das zu ihren Lebzeiten noch nicht gegeben hatte, fand sie sich doch einigermaßen darin zurecht, weil ihr Hass die Furcht betäubte, die das Fremde ihr verursachte. Außerdem entnahm sie alles, was sie wissen musste, Yljanas Geist, der sich wie ein ängstliches, schwaches Kätzchen in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins verkrochen hatte. Die Hexe würde ihn vernichten, sobald sie ihn nicht mehr brauchte. Aber noch war er nützlich.
Als sie das Haus der Jacobs’ ereichte, musste sie erkennen, dass ihr jemand zuvorgekommen war. Es war von einem magischen Schutzschild umgeben, den sie nicht zu durchdringen vermochte. Schon der Versuch, auch nur einen Fuß hinter seine unsichtbare Grenze zu setzen, schleuderte sie mit unglaublicher Kraft meterweit zurück. Sie prallte hart auf den Boden und stellte dabei schmerzhaft fest, dass sie vergessen hatte, wie empfindlich ein menschlicher Körper war, was ihre Wut noch steigerte. Sie musste sich also etwas anderes einfallen lassen, um diese beiden Frauen auszuschalten, von denen zumindest eine ihr vielleicht gefährlich werden konnte. Doch der Versuch, den Schutzschild zu durchdringen, hatte sie geschwächt. Sie brauchte erst einmal neue Kraft. Und die bekam sie durch den Tod eines weiteren Menschen...
Als sie nach einer ausgiebigen Jagd, die etliche unschuldige Opfer zurückließ, zu den Häusern der Moshanis zurückkehrte, musste sie feststellen, dass jetzt auch über dem gesamten Block ein Schutzschild lag. Nun, sie hätte sich so etwas denken können. Doch sie würde schon einen Weg finden, ihre Rache zu vollenden, und niemand würde sie aufhalten!

Nachdem Sam Kirjo Moshanis Grab versiegelt und so hergerichtet hatte, dass niemand jemals würde erkennen können, dass an dem ehemaligen und neuen Kräuterbeet irgendetwas verändert wurde, fuhr sie mit Shiona, die immer noch müde und schwach war, zu ihr nach Hause.
„Weiß dein Mann eigentlich bescheid?“, fragte sie ihre Freundin.
„Über die Existenz von Magie und dass ich eine drabarni bin, ja. Wenn ich ihm sage, dass ich dich zu Hilfe gerufen habe, wird er sich denken können, dass du auch magische Kräfte besitzt. Aber natürlich werde ich ihm nicht sagen, was du wirklich bist.“ Sie packte Sam überraschend heftig am Arm. „Und nur damit es keine Missverständnisse zwischen uns gibt, Samala“, sagte sie hart, und ihre schwarzen Augen blitzten. „Du lässt deine Finger von meinem Mann, sonst wirst du es bereuen. Ich habe vielleicht nicht deine Kräfte und deine Macht, aber ich kann dich verfluchen und dir das Leben zur Hölle machen. In diesem Punkt scherze ich nicht.“
„Das habe ich auch nicht angenommen“, sagte Sam sanft und befreite sich aus Shionas Griff, die in diesem Moment nicht mehr an die freundliche, sanftmütige Frau erinnerte, die sie sonst war, sondern eine zu allem entschlossene drabarni, die mit funkelnden Augen und stahlharter Entschlossenheit verteidigte, was zu ihr gehörte.
„Shiona, ich bin zwar ein Sukkubus, aber ich habe trotzdem ein paar Prinzipien. Eins davon ist, dass die Ehemänner, Freunde, Gefährten von Freundinnen absolut tabu sind. Das gilt umgekehrt auch für verheiratete Freunde. Außerdem“, fügte sie schmunzelnd hinzu, „was soll ich denn mit deinem Mann? Die ganze Welt ist voll von Männern und anderen männlichen Wesen, die keinem diesbezüglichen Tabu unterliegen. Ich gebe dir mein Wort bei Thorluks Schädel und Kallas Blut, dass ich mich niemals mit Robert einlassen werde, solange er dein Mann ist.“
Shiona stieß erleichtert den Atem aus und lächelte reumütig. „Verzeih mir, Samala. Ich habe einfach nur Angst, Robert zu verlieren. Nachdem meine Familie mich verbannt und für marimeh erklärt hat, sind er und die Kinder die einzige Familie, die ich noch habe. Wenn ich sie verliere, bin ich ganz allein.“
„Ob du es glaubst oder nicht, Shiona“, sagte Sam ernst, „das kann ich nur zu gut verstehen. – Vielleicht kannst du mir einen Rat geben.“
Shiona blickte sie verblüfft an. „Ich soll dir einen Rat geben?“, vergewisserte sie sich ungläubig. „Samala, du bist eine Dämonin, die schon sehr viel länger lebt als ich. Wie sollte ich dir denn raten können?“
„Nun, ich bin zwar in der Tat 117 Menschenjahre alt, aber eben eine Dämonin. Du bist ein Mensch, und die Angelegenheit, in der ich auf deinen Rat hoffe, ist zutiefst menschlich.“
„Schieß los.“
Sam berichtete ihr kurz von dem Geschenk, das Miyuki Tanaka ihr gemacht hatte und welche Konsequenzen sich daraus für Sam ergaben.
„Ich will Scott auf keinen Fall verletzten“, schloss sie. „Aber falls er je herausfindet, dass ich ihn aus seiner Sicht mit anderen Männern betrüge, wird er sich wahrscheinlich von mir trennen.“
Shiona nickte. „Liebe ist nun einmal Segen und Fluch zugleich, Samala. Erfüllte Liebe ist das höchste Glück und die stärkste Kraft, die es gibt. Aber unerfüllte Liebe ist Schmerz und Leid, bis sie sich wieder gelegt hat. Man überwindet sie mit der Zeit wie den Tod eines geliebten Menschen, aber niemals vollständig. Nur“, sie zuckte mit den Schultern, „du hast diese Gabe jetzt bekommen, und du hast keine andere Wahl als sie anzunehmen und zu lernen, mit ihr zu leben.“
„Tolle Aussichten!“, fand Sam, und es klang ausgesprochen missmutig.
Shiona lächelte. „Nun, mein Rat lautet: Genieße das Glück mit Scott, solange es dauert, und verschwende keinen Gedanken an ein mögliches Unglück, das ihm vielleicht folgen könnte. Sammele die Kraft, die du aus jeder glückliche Sekunde ziehst, die du mit Scott erlebst, in einem Reservoire aus Erinnerungen oder auch in einem magischen. Sollte eure Liebe tatsächlich eines Tages scheitern, so wirst du aus diesem Reservoire die Stärke gewinnen, die du brauchst, um damit fertig zu werden.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist jedenfalls die Methode, die ich anwende, um den Verlust meiner Familie zu bewältigen. Und es funktioniert ganz gut.“
„Aber nicht vollständig“, stellte Sam fest.
Shiona seufzte tief. „Nein, nicht vollständig“, bestätigte sie. „Aber das liegt daran, dass die Familienbande meines Volkes sehr viel enger und intensiver sind als es meines Wissens bei Wesen deiner Art der Fall ist. Andernfalls wäre ich mit Sicherheit schon vollständig darüber hinweg.“
Sie hatten jetzt das Haus erreicht, in dem Shiona mit ihrer Familie lebte, einem schmucken kleinen Anwesen in der West Franklin Street 347 im Stadtteil Westhampton. Sam parkte ihren Wagen ein Stück entfernt, denn vor dem Haus war der Teufel los. Ambulanz und Polizei wetteiferten darin, sich gegenseitig im Weg zu sein, und eine Horde Schaulustiger drängte sich um das schwarz-gelbe Absperrband in dem Versuch, einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Auf dem Bürgersteig lagen vier schwarze Leichensäcke, und Robert stand in der Tür gerade einem Polizisten Rede und Antwort.
„Was ist hier passiert?“, fragte Shiona verwirrt, als sie ausstieg.
„Verzeihung, Ma’am!“ Ein Cop kam auf sie zu. „Sie können hier nicht stehen bleiben.“
„Aber ich wohne hier“, protestierte Shiona und deutete zum Haus.
Robert hatte sie jetzt entdeckt, ließ den Officer, der ihn befragte, einfach stehen und eilte auf sie zu. „Shiona! Ist dir was passiert? Wo warst du die ganze Nacht?“ Er riss sie in die Arme und drückte sie an sich, als wollte er sie nie wieder loslassen. „Ich bin fast umgekommen vor Sorge, als ich aufwachte und feststellte, dass du nicht mehr da bist. Wo um alles in der Welt bist du gewesen?“
„Das würde mich allerdings auch interessieren.“ Ein Beamter in Zivil war zu ihnen getreten und hielt ihnen seine Polizeimarke unter die Nase. „Detective Brock vom Homicide Departement. Vor allem interessiert mich, ob Sie etwas über diese vier Leichen hier wissen, Ma’am.“
Shiona starrte ihn nur aus großen Augen an, und so übernahm Sam das Reden für sie.
„Wie sollten wir, da wir gerade eben vor Ihren Augen erst hier angekommen sind.“
„Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“, fragte Brock.
Sam fischte eine Visitenkarte aus ihrer Jackentasche und reichte sie ihm. Er überflog sie kurz, wobei seine Augenbrauen langsam erstaunt in die Höhe wanderten.
„Security-Expertin, Private Eye und Bodyguard“, las er vor und fügte ironisch hinzu: „Wow!“ Abschätzend musterte er sie von oben bis unten.
Sam grinste ihn an. „Ich hoffe, Sie machen nicht den Fehler, mich zu unterschätzen, weil ich nicht die Bullenfigur eines Ringers habe. Und falls Sie Referenzen benötigen, so rufen Sie Lieutenant Ronan Kerry vom 41. Revier des Cleveland Police Departments an. Ich arbeite ab und zu für ihn und seine Abteilung.“
Brock gestattete sich ein flüchtiges Grinsen, wurde aber sofort wieder ernst. „Das werde ich tun, Miss Tyler. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie jetzt meine Frage beantworten würden, wo Sie die letzten vier Stunden verbracht haben.“
„Bei meiner Familie“, antwortete Shiona. „Draußen in Springdale, Drummond Drive, gegenüber dem Chickahominy Bluffs Battlefield Park.“
„Wir haben ein bisschen gefeiert“, fügte Sam hinzu. „Und da ist es reichlich spät geworden.“
„Klingt ja alles sehr interessant“, meinte Brock, doch man hörte seiner Stimme an, dass er ihnen nicht glaubte. „Ich frage mich nur, warum Ihr Mann nicht wusste, wo Sie sind, Mrs. Jacobs.“ Er sah Shiona beinahe lauernd an.
„Das ist meine Schuld“, mischte sich jetzt Robert ins Gespräch, der Shiona keinen einzigen Augenblick losgelassen hatte und sie immer noch in den Armen hielt. „Ich habe gewisse Ressentiments gegen die Familie meiner Frau. Und wenn sie mir gesagt hätte, dass sie sie besuchen will ...“ Er zuckte mit den Schultern. „Nun, wie soll ich sagen, wir streiten uns jedes Mal, wenn das Thema auf den Tisch kommt. Ich hätte versucht, sie von dem Besuch abzuhalten, und wir hätten uns wieder gestritten.“ Er barg Shionas Kopf an seiner Schulter und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. „Ich glaube, ich muss meine diesbezügliche Einstellung mal gründlich überdenken. Es geht schließlich nicht an, dass du dich heimlich und mit einem schlechten Gewissen aus dem Haus schleichen musst, wenn du mal deine Familie besuchen willst, Liebes.“
„Nun“, meinte Brock, „das sollten Sie unter sich klären. Wir kommen auf Sie zurück, wenn wir noch Fragen haben.“
„Was ist hier eigentlich passiert, Detective?“, fragte Sam und deutete auf die Leichensäcke, die gerade abtransportiert wurden.
„Nachbarn haben die Toten vor einer knappen Stunde direkt vor der Tür der Jacobs’ gefunden, als sie zur Arbeit fahren wollten. Offenbar hat da jemand eine ganze Familie ausgelöscht: Mutter, Vater und zwei Kinder.“
„Oh mein Gott!“, entfuhr es Shiona unwillkürlich.
„Allerdings sieht es nicht so aus, als wäre der Fundort auch der Tatort. Wahrscheinlich wurden sie irgendwo anders getötet und hier nur abgelegt. Darum habe ich Ihren Mann schon befragt, ob er Feinde hat, die ihm damit eine Botschaft schicken wollen.“ Er blickte Shiona aufmerksam an.
Sie schüttelte den Kopf und vermied es, Sam anzusehen. „Nein, mein Mann hat keine Feinde. Und ich auch nicht“, fügte sie hinzu.
Brock glaubte auch das nur bedingt. „Nun gut. Wir werden weiter ermitteln, und wenn wir noch Fragen haben, melden wir uns. Guten Tag.“
Er ging, und Robert zog Shiona ins Haus. Sam folgte ihnen. Im Haus angekommen warf Robert die Tür hinter ihnen zu, umarmte Shiona noch einmal heftig und küsste sie innig.
„Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht, Shiona!“ Das klang ausgesprochen vorwurfsvoll. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du zu deiner Familie gehst?“ Er sah sie misstrauisch an. „Du warst doch wirklich bei deiner Familie?“
Shiona nickte. „Ich wollte sehen, ob es ihnen gut geht. Und ich kam gerade rechtzeitig, denn die Hexe wollte gerade meinen Vater töten.“
„Ja, und beinahe hätte sie euch beide erwischt“, erinnerte Sam sie.
„Und wer sind Sie?“, verlangte Robert zu wissen.
„Sam Tyler, eine Freundin der Familie. Shiona bat mich um Hilfe gegen die Hexe, und da bin ich.“
Robert blickte sie jetzt ebenso misstrauisch an, wie Detective Brock es getan hatte. „Wie ich gerade mitbekommen habe, wohnen Sie in Cleveland. Und Shiona hat erst vor ein paar Stunden erfahren, dass ihrer Familie Gefahr droht. Wenn mich nicht alles täuscht, braucht man von Cleveland nach Richmond mindestens zwölf bis vierzehn Stunden.“
„Sam ist ein ... eine ...“ Shiona suchte nach Worten.
„Hexe“, half Sam ihr. „Aber eine von den Guten“, fügte sie lächelnd hinzu. „Also haben Sie bitte keine Angst vor mir.“
„Die habe ich nicht“, antwortete Robert immer noch misstrauisch. „Sind Sie auf Ihrem Besen hergeritten?“
Sam grinste. „So etwas in der Art.“
Er sah von Sam zu Shiona und wieder zurück. „Sie werden mein Misstrauen entschuldigen, aber Shiona hat Sie nie erwähnt. Woher kennt ihr euch?“
„Meine Cousine hatte einen Esoterik-Laden in der Stadt, bevor sie ihr Geschäft nach New Orleans verlegte. Shiona und ihre Großmutter haben dort ebenso wie ich regelmäßig einkauft. Und da wir uns dort öfter begegnet sind, kamen wir ins Fachsimpeln und sind im Laufe der Jahre richtig gute Freundinnen geworden.“ Sam verschwieg allerdings, dass ihre Freundschaft sich in erster Linie darauf gründete, dass ein Zauber, den Shiona als damals Neunzehnjährige versucht hatte, schief gegangen war und in einer Katastrophe geendet hätte, wenn Sam nicht eingegriffen und ihn neutralisiert hätte. Damals war ein Band zwischen ihnen entstanden, das immer noch bestand, auch wenn sie sich selten sahen. „Zumindest waren wir gute Freundinnen“, fuhr sie fort, „bis Shiona ihre große Liebe entdeckt hat“ – sie deutete mit dem Zeigefinger auf Robert – „und keine Zeit mehr für alte Freundinnen hatte.“
„Ich gelobe Besserung!“, versprach Shiona. „Und ich entschuldige mich dafür, dass ich erst wieder in der Not an dich gedacht habe, Sam.“
Sam winkte ab. „Ach, wozu sind alte Freunde denn da? Ich wäre eine schlechte Freundin, wenn ich dich im Stich ließe, nur weil wir eine Zeitlang keinen Kontakt mehr hatten. Schließlich hätte ich mich ja auch bei dir melden können. Also gelobe ich auch Besserung. – Aber zurück zu unserem Problem. Diese Toten vor eurer Tür sind in der Tat eine Botschaft von einem Feind. Sie sind das Werk der Hexe. Nachdem sie festgestellt hat, dass sie an dich und deine Familie nicht mehr herankommen kann, Shiona, war das ihr subtiler Wink mit dem Zaunpfahl, dass sie jenseits des Schutzschirms darauf lauert, dass ihr herauskommt, damit sie zuschlagen kann.“
„Schutzschirm?“ Robert zog die Augenbrauen hoch. „Was entgeht mir da gerade?“
„Ich habe einen magischen Schutzschild um euer Haus gelegt, den die Hexe nicht durchdringen kann“, erklärte ihm Sam. „Nachdem wir sie daran gehindert haben, Shionas Vater umzubringen, war damit zu rechnen, dass sie auf Rache aus ist und wahrscheinlich eher früher als später hier auftauchen würde, um sie auszuführen. Und bevor Sie das Haus verlassen, Mr. Jacobs...“
„Robert“, bot er ihr automatisch an.
„Okay, Robert. Bevor du also das Haus verlässt, werde ich dir noch einen persönlichen Schild verpassen – und auch euren Kindern –, damit die Hexe zumindest dieses Ziel nicht erreichen wird.“
Robert sah von einer zur anderen. „Ich verstehe ja nicht viel von Magie und dem ganzen Kram. Eigentlich gar nichts, um ehrlich zu sein. Aber was habt ihr vor? Oder ist das ein Geheimnis?“
„Durchaus nicht“, antwortete Shiona. „Wir müssen die Hexe wieder in die Trommel bannen. Aber da sie die alte Trommel zerstört hat, müssen wir eine neue bauen, und das ist etwas schwierig.“
Sie taumelte plötzlich und wäre gestürzt, wenn Sam und Robert nicht gleichzeitig hinzugesprungen wären und sie aufgefangen hätten. Sie war auf einmal leichenblass.
„Ich habe dir doch gesagt, du brauchst Ruhe“, tadelte Sam sanft.
„Shiona, was ist denn mit dir?“ Robert war die Besorgnis in Person und fühlte automatisch ihren Puls. „Du hast ja einen ganz schwachen und unregelmäßigen Puls!“, stellte er fest.
Er ließ sie in Sams Obhut und eilte in die Diele, wo er seine Arzttasche stehen hatte, während Sam Shiona ohne viel Federlesen auf die Arme nahm und zur Couch im Wohnzimmer trug. Robert kam mit Stethoskop und Blutdruckmessgerät zurück und untersuchte sie kurz.
„Mein Gott, Shiona!“, entfuhr es ihm besorgt. „Deine Werte sind gefährlich niedrig! Ich rufe eine Ambulanz. Du musst im Krankenhaus behandelt werden.“
„Dazu haben wir keine Zeit!“, jammerte Shiona verzweifelt.
„Ich bringe dich ins Krankenhaus, Shiona“, insistierte Robert. „Und ich dulde in diesem Punkt keine Widerrede!“
Shiona blickte Sam flehentlich an. Die verdrehte wieder einmal genervt die Augen, schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. „Lass gut sein, Robert. Wir brauchen keinen Krankenwagen. Es gibt eine andere Möglichkeit. Er wird mich umbringen“, prophezeite sie. „Aber ich werde es wahrscheinlich überleben.“
Bevor einer der beiden Menschen darauf antworten konnte, hatte sie schon die Augen geschlossen und einen Ruf ausgesandt, der auch prompt beantwortet wurde. Keine fünf Sekunden später stand ein Mann im Raum. Er war etwa um die Fünfzig, hatte kastanienbraune Haare, grüne Augen – und war splitterfasernackt. Doch das schien ihn nicht im Mindesten zu stören. Er warf einen Blick in die Runde, stemmte die Hände in die Hüften und starrte Sam wütend an.
„Hi Daddy“, begrüßte sie ihn mit einem boshaften Lächeln, wohl wissend, dass er diese Anrede hasste.
„Samala, wenn das hier nicht verdammt wichtig ist...“, drohte er aufgebracht. Seinem Adamskostüm nach zu urteilen hatte sie ihn wohl bei etwas sehr Delikatem gestört.
Sam unterbrach ihn und deutete auf Shiona. „Sie braucht dringend Heilung, und ich habe leider keine Heilkräfte. Und ja, es ist verdammt wichtig, denn von dieser Heilung hängen eine Menge Leben ab. Möglicherweise auch meins, Vater.“
Tai’Benyun grollte nur ungnädig, und es klang dem Knurren eines wütenden Wolfs ungemein ähnlich. Aber er trat ohne ein weiteres Wort auf Shiona zu, die bei seinem Auftauchen krampfhaft die Augen geschlossen hatte, denn Nacktheit von der Taille abwärts war bei ihrem Volk ein Tabu, das für die, die streng den Traditionen folgten, sogar unter Eheleuten galt. Sam hinderte Robert mit einer Handbewegung daran, dazwischen zu gehen, und so ließ der Arzt den Mann gewähren.
Benyun beugte sich über Shiona, streckte beide Hände aus und hielt sie ein paar Zentimeter von ihrem Körper entfernt. Für einen Moment war er vollständig in ein grün-goldenes Licht getaucht, das jetzt auch in Shiona aufstrahlte. Sie japste erschrocken, und Sam musste Robert erneut an einem Eingreifen hindern. Doch als er sah, dass Shionas Züge sich entspannten und ihr Gesicht seine gesunde Farbe zurückerhielt, beruhigte er sich. Wenige Sekunden später war es vorbei.
„Danke“, sagte Sam zu ihrem Vater, der ihr einen finsteren Blick zuwarf, unwirsch knurrte und im nächsten Moment ebenso schnell verschwand, wie er aufgetaucht war.
Shiona schlug die Augen auf und seufzte erleichtert.
„Was zum Teufel war das?“, entfuhr es Robert.
„Das war mein Vater in seinem ganzen charmanten Selbst“, erklärte Sam trocken und fügte ironisch hinzu: „Und er wird mich garantiert für den Rest meines Lebens nicht vergessen lassen, dass ich ihn gerade bei seiner Lieblingsbeschäftigung gestört habe.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber ich habe im Gegensatz zu ihm nun mal keine Heilungskräfte. Und Shiona hat vollkommen recht damit, dass wir nicht genug Zeit haben, sie in einem Krankenhaus behandeln zu können.“
Robert sah sie ein wenig unsicher an. „Danke“, sagte er schlicht. „Und ich frage wohl besser nicht, wie dein Vater das gemacht hat, hier einfach aus dem Nichts auftauchen zu können. Ich vermute mal, dass du auf demselben Weg so schnell hergekommen bist.“
Sam grinste flüchtig. „Ja, diese Fähigkeit ist sozusagen unser Hexenbesen, auf dem wir reiten. Sie ist oft sehr nützlich.“ Sie blickte Robert auffordernd an. „Es gibt in diesem Haus nicht zufällig eine Tasse Kaffee und ein gepflegtes Frühstück?“
„Doch natürlich“, antwortete Shiona und erhob sich von der Couch. „Aber erst sehe ich nach den Kindern. Begleitest du mich, Sam? Sie sollen dich kennenlernen und erfahren, dass du eine Freundin bist.“
„Nun, in dem Fall kümmere ich mich mal ums Frühstück“, sagte Robert, nickte ihnen zu und strebte der Küche zu.

Eine gute Stunde später saßen die beiden Frauen allein in der Küche. Robert war zur Arbeit in die Klinik gefahren, nachdem Shiona ihn mit Sams Hilfe mit einem magischen Schutzschild versehen hatte.
„Der Schild schützt dich nur vor magischen Angriffen, nicht vor profanen Waffen“, hatte sie ihn gewarnt. „Also sei vorsichtig.“
Nachdem er fort war, besprachen die beiden Freundinnen ihr weiteres Vorgehen. Sam merkte, dass Shiona bedrückt war.
„Was ist los, Shiona?“, fragte sie schließlich.
Die zuckte mit den Schultern. „Abgesehen davon, dass ich wahnsinnige Angst um meine Familie habe“, sagte sie schlicht, „fühle ich mich wie eine Versagerin. Es ist meine Schuld, dass alles so weit gekommen ist. Wenn ich damals nicht so selbstsüchtig meine Liebe zu Robert über meine Pflicht gestellt hätte, wäre ich von Großmutter als die nächste drabarni ausgebildet worden. Dann wäre das alles nicht passiert, denn ich hätte niemals die Hexentrommel gespielt. Und meine Kräfte wären inzwischen vollständig ausgebildet, sodass ich allein in der Lage wäre, die Hexe zu bezwingen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es ist meine Schuld!“
„Das sehe ich anders, Shiona“, widersprach Sam nachdrücklich. „Nachdem du dich in Robert verliebt hattest, warst du doch bereit, das Amt der drabarni immer noch zu übernehmen. Oder hast du es abgelehnt, um mit ihm leben zu können?“
Shiona sah sie unglücklich an. „Ich hätte mein Amt übernommen und meine Ausbildung beendet, wenn es meine Entscheidung gewesen wäre“, versicherte sie. „Auch nachdem ich mich in Robert verliebt hatte. Ich habe versucht, den Segen meiner Familie für uns zu bekommen. Aber sie wollten mich zwingen, die Beziehung zu beenden. Ich dachte, wenn ich sie vor vollendete Tatsachen stelle, werden sie schon einlenken; schließlich leben wir im 21. Jahrhundert und nicht mehr im 19. oder noch früher, wo die Liebe zu jemanden von den Gadsche die Verbannung nach sich zog. Also habe ich ihnen gesagt, dass wir vor Gott bereits Mann und Frau wären, obwohl ich noch Jungfrau war. Aber ich hatte die Halsstarrigkeit meiner Familie unterschätzt, die sofort die Kris einberief, mich für marimeh erklären ließ und noch am selben Tag aus dem Haus warf. Großmutter war die Einzige, die auf meiner Seite stand. Aber obwohl das Wort der drabarni großes Gewicht hat – oder in der Vergangenheit doch einmal hatte –, vermochte sie nichts gegen die Entscheidung der Kris zu unternehmen.“
„Und somit trägt auch allein die Kris die Verantwortung für das, was geschehen ist“, stellte Sam fest. „Du musst dir da überhaupt keine Vorwürfe machen, Shiona. Ich halte es allerdings ohnehin für ein Wunder, dass die Hexentrommel all die Jahrhunderte seit ihrer Erschaffung unbeschadet überstanden hat. Wenn sie irgendwann beschädigt oder gar zerstört worden wäre, wäre die Katastrophe schon viel früher eingetreten.“
„Das ist der Grund, warum wir sie immer gut gehütet haben. Außerdem hat ein Zauber sie vor der Zerstörung geschützt, solange der mulo der Hexe noch in ihr wohnte. Und wir werden mit der neuen Trommel dasselbe tun. Falls wir sie tatsächlich herstellen, weihen und den mulo erneut bannen können.“ Shiona blickte Sam fragend an. „Was hast du vorhin im Auto gemeint, als du sagtest, wir würden die Toten nach dem Ritual fragen?“
„Ich meinte genau das. Du sagtest, dass deine Gromutter die Einzige ist, die dieses Ritual noch kennt. Da sie aber tot ist, müssen wir sie im Totenreich kontaktieren, damit sie uns das Ritual beibringen kann.“
Außerdem war Sam sich sicher, dass Nana Moshani ihrer Enkelin noch eine wichtige Information schuldete, wenn nicht sogar die Antwort auf eine existenzielle Frage, der sich Shiona bis heute noch nicht einmal bewusst war.
„Samala“, sagte Shiona jetzt, und es klang mutlos und verzagt, „Totenbeschwörung ist ein Tabu, bei dem ich nicht mitmachen darf. Die Ruhe der Toten ist heilig.“
Sam lächelte beruhigend. „Ich habe auch nicht vor, deine Großmutter zu beschwören. Wir werden im Gegenteil zu ihr reisen. Falls das aber für dich ebenfalls einem Tabu unterliegt, werde ich das allein tun.“
Shiona schüttelte den Kopf. „Nein, das darf ich tun.“
„Gut. Dann werde ich mich mal auf den Weg machen, um Eibenholz, Silberweidenbast und eine trächtige Sandviper aufzutreiben. Ich komme zurück, so schnell ich kann. Und du könntest in der Zwischenzeit alles für den Bau der Trommel vorbereiten. Und, Shiona“, fügte sie eindringlich hinzu, „du solltest besser nicht aus dem Haus gehen.“
Sie wartete Shionas Antwort nicht ab, sondern sprang durch die Dimensionen in den Wald vor der Stadt, wo sie mit ihrem Wagen durch das magische Tor angekommen war. Sie glaubte sich zu erinnern, dort irgendwo Eiben gesehen zu haben. Ihre Erinnerung trog sie nicht, und sie hatte schnell einen passenden Baum gefunden. Jetzt kamen ihr wieder die Kräfte des Kitsune zugute, mit denen sie Materie beliebig umformen konnte. Sie durchtrennte den Stamm an der Stelle, von der sie das Holz für den Trommelkörper nehmen wollte und „schnitt“ ein entsprechend großes Stück davon ab.
Schwieriger war es schon, eine Silberweide zu finden. Doch Sam wusste, wie sie die Suche abkürzen konnte. Sie beschwor einen Erdelementar und beauftragte den unsichtbaren Naturgeist, eine Silberweide für sie zu suchen. Da die Erdelementare mit allem verbunden waren, was sich in der Erde befand oder seine Wurzeln darin hatte, dauerte es nur wenige Minuten, bis der kleine Elementar ihr eine Stelle wies, an der Silberweiden standen. Sam verschaffte sich den Rindenbast auf ähnliche Weise wie das Eibenholz.
Danach kam der schwierigste Teil: eine trächtige Sandviper zu finden. Und dafür brauchte sie die Hilfe ihrer Schwester. Tai’Lilama verfügte als Einzige in der Familie über die Fähigkeit, den Geist von Tieren zu beherrschen. Sam zückte ihr Handy und wählte Lilamas Nummer.
„Lilly Tyler“, meldete sie sich beinahe sofort.
„Hallo Lil, ich brauch deine Hilfe.“
„Nicht jetzt, Samala“, protestierte Lilama. „Ich habe in einer halben Stunde einen Klienten.“ Sie arbeitete als Hostess für einen Begleitservice und nutzte ihre „Klienten“ als bequeme Futterquelle, aus der sie sich mehrmals täglich bediente.
„Dann solltest du keine Zeit verlieren, damit du in einer halben Stunde wieder zurück sein kannst“, meinte Sam und fügte ernst hinzu: „Es ist wirklich dringend, Lil, sonst würde ich dich belästigen.“
„Okay“, gab ihre Schwester nach und stand im nächsten Moment neben Sam. Durch das Band des Blutes, das sie miteinander teilten, konnten sie zu jeder Zeit auf einen Meter genau feststellen, wo sich ein Familienmitglied gerade befand. „Also, was ist so dringend?“, fragte sie und schaltete ihr Handy aus.
„Du musst eine trächtige Sandviper für mich finden, Lil.“
„Sandviper“, wiederholte Lilama und starrte ihre ältere Schwester an, als wäre die nicht mehr ganz zurechnungsfähig. „Hier gibt es keine Sandvipern.“
„Nein, aber in der Türkei dürfte es noch welche geben.“ Sam nahm ihre Schwester bei der Hand, bevor sie protestieren konnte.
Im nächsten Moment befanden sich die beiden in einer sandigen Felswüste irgendwo in der Türkei. Die Luft war staubtrocken, und die Sonne brannte unbarmherzig auf sie herab.
„Sandviper“, wiederholte Sam liebenswürdig und machte eine die ganze Gegend umfassende Handbewegung, „und bitte trächtig.“
Lilama verdrehte genervt die Augen, bevor sie sie schloss und ihren Geist auf die Suche nach einer trächtigen Sandviper schickte. Es dauerte ungefähr zehn Minuten, bis sie die Augen wieder aufschlug und auf eine Felsgruppe etwa einen Kilometer von ihrem Standort entfernt deutete.
„Da oben, neben dem Felsen, der aussieht wie ein Riesenpimmel, ist ein Erdloch. Dort befindet sich eine trächtige Sandviper kurz vor dem Gebären ihrer Jungen. Aber erwarte nicht von mir, dass ich sie auch noch für dich fange.“
„Das schaffe ich schon allein. Danke, Lil. Und wie du siehst, kommst du immer noch rechtzeitig zu deiner Verabredung.“
Genau wie ihr Vater vor zwei Stunden würdigte Lilama Sam keiner Antwort, sondern verschwand übergangslos und überließ es ihr, die Schlange zu fangen. Das war für Sam relativ leicht. Nachdem sie das Erdloch gefunden hatte, brauchte sie die Schlage nur noch mit einem einfachen Bringzauber herauszubefördern. Sie tötete das Tier mit einem magischen Levinpfeil und empfand zu ihrer Bestürzung einen Anflug von Bedauern deswegen – ein in ihren Augen völlig unangebrachtes Mitgefühl mit einer Schlange!
Doch nachdem sie nun alle Zutaten zusammen hatte, kehrte sie unverzüglich in Shionas Haus zurück. Ihre Freundin hatte in ihrem magischen Arbeitsraum im Keller schon alles vorbereitet.
„Also, Shiona“, vergewisserte sich Sam, „du bist dir wirklich sicher, dass für die Herstellung des Trommelkörpers kein besonderes Ritual erforderlich ist?“
Shiona zögerte. „Soweit ich weiß nicht.“
„Soweit du weißt“, wiederholte Sam. „Aber du bist dir nicht sicher?“
Shiona schüttelte den Kopf und zuckte ein wenig hilflos mit den Schultern. „Nein, ich kann nicht einmal sagen, wie viel ich von dem Wissen meiner Großmutter tastsächlich gelernt habe. Und ich weiß natürlich auch nicht, wie viel von dem Wissen, über das unsere Ahninnen verfügten, Großmutter selbst noch wusste.“ Sie blickte Sam unglücklich an. „Samala, in deiner Gegenwart fühle ich mich unvollkommen und total unfähig und bin mir nicht einmal des Wenigen sicher, dass ich wirklich kann und weiß.“
„Ja, das merke ich“, gab Sam zu. „Aber wir werden – du wirst die Antwort auf diese Frage in Kürze von deiner Großmutter erhalten. Da du dir aber mit der Trommel nicht sicher bist, sollten wir mit ihrer Herstellung warten, bis wir mit deiner Großmutter gesprochen haben. Ich hoffe nur, das Ritual ist nicht an irgendwelche Mondphasen oder andere astronomische Besonderheiten gebunden, sonst haben wir ein Problem. Aber darüber machen wir uns Gedanken, wenn es so weit ist.“ Sie nickte Shiona zu. „Von mir aus können wir uns auf die Reise machen. Was ist mit deinen Kindern?“
„Sie schlafen. Ich habe sie mit einem Schlafzauber belegt. Ich hasse es, ihnen das antun zu müssen, aber ich kann sie unmöglich unbeaufsichtigt lassen, und ich kann auch ihre Nanny nicht kommen lassen, denn die muss ja nicht unbedingt mitbekommen, was wir hier treiben. Für Robert habe ich einen Zettel an unser Pinboard im Flur gehängt, dass wir hier im Keller sind und er uns unter keinen Umständen stören soll, falls es länger dauert. Er kennt so was schon und wird sich daran halten.“
„Gut. Machen wir uns an die Arbeit. – Ich sehe, du hast einen magischen Schutzkreis fest installiert, und er ist auch groß genug für unser Vorhaben.“
Shiona hatte auf dem Fußboden ihres Arbeitsraums mit weißer, offenbar wasserfester Farbe einen Schutzkreis gemalt, dessen Kraft sie nur mit einem Zauber zu aktivieren brauchte. Damit wären sie sicher genug in seinem Innern. Manche Magier und Hexen formten ihren Schutzkreis aus Salz oder Mehl oder anderen unzusammenhängenden Stoffen, was bei wichtigen und mächtigen Ritualen natürlich leichtsinnig war. Es bedurfte nur eines kleinen Windhauchs oder eines Käfers, der über die Substanz krabbelte und dadurch eine winzige Lücke hineinfräste, um den Schutz des Kreises zu zerstören. Bei Shionas Kreis konnte das nicht passieren.
„Was brauchst du, Samala?“, fragte sie jetzt.
„Vier schwarze Kerzen, getrocknete Eibennadeln, ein Räuchergefäß, ein paar Tropfen unseres Blutes – vor allem deines – und einen Zauber, der das Tor öffnet. Und hinterher reinigendes Räucherwerk und viel frische Luft.“
Shiona holte die erforderlichen Dinge, und Sam stellte die Kerzen innerhalb des Schutzkreises an den vier markierten Punkten der Himmelsrichtungen auf und zündete sie an. Sie platzierten ein Räuchergefäß in die Mitte des Kreises und entzündeten die Räucherkohle darin. Shiona erweckte die Energie des magischen Kreises, die Sam noch mit ihrer eigenen Macht verstärkte. Danach konnte das eigentliche Ritual beginnen.
Sam streute Eibennadeln auf die glühende Kohle, die knisternd verdampften. Sie hatte sie so dosiert, dass der Rauch Shiona nicht allzu sehr schaden würde, denn Eiben waren in allen Teilen außer dem roten Fleisch ihrer Früchte giftig. Sam machte Gift nicht viel aus. Als Sukkubus war sie gegen nahezu alle Gifte immun, solange die nicht mit Silbernitrat versetzt waren, auf das fast alle Dämonen allergisch reagierten. Doch der Rauch der Eibennadeln hätte Shiona bei zu hoher Dosis durchaus töten können.
Noch während die getrockneten Nadeln verbrannten, stachen sich die beiden Frauen mit einem Messer in die Handfläche und ließen je drei Tropfen ihres Blutes auf die Kohle fallen, wo sie ebenfalls verbrannten. Als Sam gleichzeitig laut den Zauber aussprach, der das Tor zum Jenseits öffnete, erschien über dem Räuchergefäß ein leuchtender wie von einem Flammenring umgebener Kreis, in dem ein grauweißer, undurchsichtiger Nebel waberte. Im nächsten Moment schossen zwei Nebelstreifen daraus hervor, die sich wie Tentakel mit Saugnäpfen an den Enden auf die Stirn der beiden Frauen genau zwischen ihren Augen hefteten und sich danach wieder in den Nebel des Flammenrings zurückzogen.
Sams und Shionas Körper sanken bewusstlos zu Boden.

Die Hexe stand auf der gegenüber liegenden Straßenseite, starrte hasserfüllt zum Haus der Jacobs’ hinüber und brütete darüber, wie sie an die kleine drabarni und ihre Hexenfreundin herankommen könnte, um sie zu vernichten. Die Menschen, die an ihr vorüber gingen, schenkten ihr keine Beachtung, was nicht verwunderlich war, denn deren Augen sahen keine Frau dort stehen, sondern nur eine getigerte Katze, die auf dem Bürgersteig saß und sich hingebungsvoll putzte.
Die Hexe hatte in der vergangenen Nacht, seit sie festgestellt hatte, dass das Haus ihrer Feindin magisch geschützt war, wahllos Menschen getötet, die das Pech gehabt hatten, ihr über den Weg zu laufen. Um einige von denen war es gewiss nicht schade, waren sie doch verbrecherischer Abschaum. Und an die anderen, auf die das nicht zutraf, verschwendete die Hexe ebenfalls keine Gedanken. Ihr Tod hatte sie gestärkt und ihr die Macht verliehen, die sie während der Jahrhunderte ihrer Gefangenschaft verloren hatte. Doch selbst diese Macht reichte nicht aus, um den Schutzschild zu durchdringen, der das Haus schützte.
Sie hatte ihrer Feindin mit den vier Toten vor der Tür eine Warnung und eine Herausforderung zukommen lassen. Aber die kleine drabarni reagierte nicht darauf, wie es angemessen gewesen wäre. Sie hätte sich der Hexe stellen müssen, damit sie ihre Kräfte mit einander maßen. Natürlich hätte die Hexe diesen Kampf gewonnen, weshalb sich die drabarni genau wie damals ihre Ahnin gar nicht erst drauf eingelassen hatte. Nun gut. Sie konnte nicht direkt an sie heran kommen, aber es gab andere Möglichkeiten.
Die Hexe wusste, dass die beiden Frauen im Haus waren und etwas planten. Etwas, das ihr gefährlich werden konnte, denn sie spürte, dass sich innerhalb des Schutzschildes im Haus eine starke Macht zusammenballte, auch wenn sie nicht erkennen konnte, worum es sich eigentlich handelte. Was immer dort drinnen vor sich ging, die beiden durften keinen Erfolg damit haben. Sie mussten unter allen Umständen aufgehalten werden.
Während die Hexe noch darüber nachdachte, was sie tun sollte, vielmehr überhaupt tun konnte, bemerkte sie, dass sich ein Einbrecher an der Rückfront des Hauses zu schaffen machte, vor dem sie gerade stand. Sie spürte die Ausstrahlung des Mannes als eine schwarze, pulsierende Wolke, die ihn umgab wie ein Pesthauch. Dieser Mann kannte keine Skrupel, und er trug außerdem eine Waffe bei sich, was bedeutete, dass er auch bereit war zu töten. Somit war er genau das Werkzeug, das die Hexe brauchte.
Sie setzte ihre Macht ein, mit der sie schon zu ihren Lebzeiten andere Menschen unter ihren Willen gezwungen hatte und befahl den Mann zu sich. Er gehorchte ihr augenblicklich. Selbst wenn er mitbekommen hätte, dass er gerade fremdgesteuert wurde, so wäre sein Geist trotzdem zu schwach gewesen, um sich dagegen zu wehren. Ja, er war das perfekte Werkzeug.
‚Du wirst in das Haus dort drüben einbrechen’, befahl ihm die Hexe stumm. ‚Darin befinden sich zwei Frauen. Die wirst du töten. Hast du verstanden? Und pass auf, dass dich niemand bemerkt.’
„Ja“, antwortete den Mann tonlos und machte sich auf den Weg, den Befehl der Hexe zu befolgen.
Die Hexe lächelte zufrieden. Sobald die beiden Frauen erst einmal aus dem Weg waren, würde der Rest ihrer Rache einfach werden. Doch jetzt würde sie erst einmal hier warten und den Tod ihrer Feindinnen genießen, auch wenn sie leider nicht unmittelbar anwesend sein konnte. Denn der Schutzschild hielt zwar das metaphysische Böse fern, das in Yljanas Körper steckte, aber nicht einen ganz profanen Einbrecher...

Sam und Shiona fühlten einen unwiderstehlichen Sog, der ihren Geist in den Nebel im Flammenring hineinzog und ihn durch eine kalte Dunkelheit schleuderte, ehe er sie wieder ausspuckte. Das Gefühl war so real, dass Shiona unwillkürlich strauchelte und auf Hände und Knie fiel, während Sam, die eine solche Reise schon öfter unternommen hatte, aufrecht ankam und ihr auf die Beine half.
„Wo sind wir?“, fragte Shiona und sah sich neugierig um.
Sie befanden sich inmitten einer Landschaft, die auch irgendwo auf der Erde hätte sein können. Sanfte grüne Hügel beherrschten das Bild, auf denen bunte Blumen wuchsen, und eine Sonne schien warm und angenehm auf alles hernieder.
„Ist dies das Paradies?“
„Nein, mein Kind“, antwortete eine Stimme, die Shiona nur zu vertraut war. „Dies ist ein Zwischenreich, in dem die Lebenden und die Toten unter gewissen Voraussetzungen, die Samala durch ihren Zauber geschaffen hat, zusammenkommen und reden können.“
Shiona fuhr herum und sah sich ihrer Großmutter gegenüber. Allerdings wirkte Nana Moshani sehr viel jünger als an dem Tag, an dem Shiona sie zuletzt gesehen hatte.
„Baba!“, sagte sie ergriffen.
Ihre Großmutter streckte lächelnd die Arme nach ihr aus, und Shiona schmiegte sich hinein und fühlte sich geborgen wie ein Kind.
„Es ist schön, dich wiederzusehen, Shiona“, sagte ihre Großmutter und nickte Sam zu. „Und dich auch, Samala.“
„Es tut mir so leid, Baba“, flüsterte Shiona und begann zu weinen. „Wenn ich bei euch geblieben wäre...“
Ihre Großmutter legte ihr energisch die Fingerspitzen auf die Lippen und schnitt ihr damit jedes weitere Wort ab. Mit der anderen Hand wischte sie ihr sanft die Tränen aus dem Gesicht. „An dem, was passiert ist, trifft dich keine Schuld, Sirna, mein Stern. Es ist alles so geschehen, wie es geschehen musste, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, die ich nicht in Ordnung bringen konnte.“
„Aber Baba, Großmutter, wenn ich mich nicht für Robert entschieden hätte, so wäre ich deine Nachfolgerin geworden. Und ich hätte niemals die Hexentrommel geschlagen.“
„Ich weiß, mein Kind. Trotzdem war deine Entscheidung, deinem Herzen und der Liebe zu deinem Mann zu folgen, vollkommen richtig. Die Gründe dafür wirst du erkennen, wenn es an der Zeit dafür ist. Ich darf dir jetzt nur so viel sagen, dass dein Fortgehen und alle Konsequenzen, die sich daraus ergeben haben und noch ergeben werden, unserer Familie zum Guten gereichen werden. Schon lange hatte unsere Sippe aufgehört, ihre drabarni zu ehren und an die Macht des draban zu glauben. Wärst du geblieben und meine Nachfolgerin geworden, wie es vorgesehen war, hätte sich das ebenso wenig geändert wie unser Festhalten an überkommenen Traditionen, die in der heutigen Zeit keinen Platz mehr haben. Die Sippe musste aufgerüttelt werden, um beides erkennen zu können.“
„Aber um welchen Preis, Baba!“, erinnerte Shiona sie. „Es hat Tote gegeben, und vielleicht tötet die Hexe in diesem Moment schon ein weiteres Opfer.“
Nana Moshani strich ihrer Enkelin liebevoll über das Haar. „Dieser Preis wurde schon vor langer Zeit festgelegt, Sirna, und zwar von dem Moment an, als unsere Ahninnen die Verpflichtung übernahmen, die Hexentrommel zu hüten.“ Sie sah Shiona ernst in die Augen. „Ein Leben, das genommen wird – egal ob in böser oder in guter Absicht – erfordert immer einen Ausgleich. Wenn der nicht in diesem Leben erfolgt, so in einem nächsten. Das gilt auch für das Leben der Hexe, das unsere Ahnin damals beendet hat. Und dieses Erbe musst du jetzt tragen.“
„Das will ich, Baba. Darum sind wir hier. Wir brauchen das Ritual, mit dem die Hexentrommel geweiht werden muss.“
„Aber das war es nicht, was deine Großmutter meinte“, stellte Sam fest und nickte Nana zu. „Ich denke, es ist an der Zeit, dass du ihr alles erzählst, Nana.“
Nana Moshani nickte. „Ja, das ist es wohl.“
Shiona blickte verständnislos von einer zur anderen. „Wovon redet ihr?“
„Von dem Preis, der damals festgelegt wurde, mein Kind. Aber das ist eine lange Geschichte.“
„Wir haben Zeit“, erinnerte Sam sie schulterzuckend. „Wie du besser wissen solltest als wir, verläuft die Zeit in dieser Dimension anders als in unserer. Also sag ihr alles, was sie wissen muss.“
Nana Moshani seufzte tief. „Ich hätte es dir schon viel früher sagen sollen, mein Kind, aber ich dachte, ich hätte noch Zeit.“ Sie seufzte tief. „Nun gut, es ist anders gekommen, aber zum Glück bist du jetzt hier. So höre. Am Anfang, als die ersten magischen Kräfte unter den Menschen auftraten, galten diejenigen, die sie besaßen, als von den Göttern gesegnet und wurden zu Priesterinnen und Priestern erklärt, ob sie wollten oder nicht. Doch schon damals hat es magisch Begabte gegeben, die ihre Gabe missbrauchten.“
„Wie die Hexe“, warf Shiona ein.
„Wie die Hexe“, bestätigte Nana. „Damit jene nicht zu viel Schaden anrichten konnten und es immer ein Gegengewicht zu ihren Untaten geben würde, entstand eines Tages ein Art Geheimbund, der sich seit Jahrhunderten einfach nur die Wächter nennt. Seine Mitglieder verfügen über die stärksten magischen Kräfte, die es unter den Menschen gibt, und sie haben einen heiligen Eid geleistet, diese Kräfte einzusetzen, um die Menschen vor den Mächten des Bösen in all ihrer Erscheinungsform zu beschützen.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“, fragte Shiona.
„Warte ab. Es war schon sehr früh in der magischen Gemeinschaft der Menschen ein ehernes Gesetz, dass niemand außer den Wächtern und denen, die sie damit beauftragen, eine tshowaxane oder ähnlich böse Wesen ungestraft töten darf – von Notwehrsituationen einmal abgesehen. Das gilt für Menschen“, fügte sie mit einem Seitenblick auf Sam hinzu. „Dämonen und andere magisch begabte Wesen fallen nicht unter dieses Gesetz, es sei denn, sie hätten den Eid der Wächter geleistet. Als damals unsere Ahnin die Hexe tötete und ihren Geist in die Trommel bannte, geschah das zwar mit der Billigung der Wächter. Doch sie hatten diese Erlaubnis nur gegeben, weil unsere Ahnin versprach, den Eid der Wächter abzulegen und eine von ihnen zu werden. Die Zeit drängte, und die Wächter vertrauten ihrem Wort.“
„Oh Baba!“, entfuhr es Shiona erschrocken. „Sage nicht, unsere Ahnin hätte ihr Wort gebrochen!“
Nana Moshani nickte. „Genau das hat sie getan. Ich weiß, mein Stern, dass du oft unsere strengen Sitten infrage gestellt hast. Lass dir gesagt sein, dass sie damals noch strenger waren. Die Wächter waren und sind fast ausschließlich Gadsche, und die Kris aller Stämme hatte zu jener Zeit ausdrücklich entschieden, dass es keine schändliche Tat ist, einen Gadscho zu belügen und auch, dass ein einem Gadscho gegebenes Wort nicht bindend ist.“
„Aber im magischen Bereich ...“, unterbrach Shiona sie erneut und biss sich auf die Lippen, da das überaus unhöflich war.
„Genau.“ Nana nickte nachdrücklich. „Das Wort unserer Ahnin war, was weder sie noch die Sippe begriffen haben oder wahrhaben wollten, kein profanes, sondern ein heiliges Versprechen. Und genau genommen hat sie mit ihrem Wortbruch das Unglück über uns gebracht, das uns jetzt heimsucht. Die Wächter haben einen absolut sicheren Hort, an dem sie so gefährliche Gegenstände wie die Hexentrommel aufbewahren, falls sie nicht in der Lage sind, sie gefahrlos zu vernichten. Das wollten sie im Gegenzug auch mit der Trommel tun. Nachdem unsere Ahnin aber ihr Wort gebrochen hatte, eine Wächterin zu werden, sahen sich die Wächter auch nicht mehr verpflichtet, die Trommel für sie zu hüten. Sie blieb in unserer Obhut, und wir leben seitdem mit der ständig präsenten Gefahr, die sie darstellt.“
„So ist das also“, meinte Shiona, und man hörte ihrer Stimme die Wut über den Verrat ihrer Ahnin an. „Aber warum hat keine drabarni, die unserer Ahnin nachfolgte, dieses Unrecht wieder gut gemacht?“
„Weil keine von ihnen die erforderlichen Kräfte dazu besaß. Abgesehen davon, dass auch keine die Notwendigkeit dazu einsah. Und hier kommst jetzt du ins Spiel, Shiona. Du hast die erforderlichen Kräfte, um eine Wächterin werden zu können, sobald sie vollständig ausgebildet sind. Und unsere Sippe schuldet den Wächtern seit damals noch eine drabarni, die mit ihrer Arbeit den Tod der Hexe endlich ausgleicht.“ Sie sah ihre Enkelin bedeutsam an.
Shiona gab den Blick mit einem Ausdruck von Entsetzen zurück. „Was bedeutet das, Großmutter? Dass ich meine Familie verlassen muss, um eine Wächterin zu werden?“
„Nein“, beruhigte Sam sie an Nanas Stelle. „Ich kenne die Wächter und hatte schon verschiedentlich mit ihnen zu tun. Einige sind Jäger, die in der ganzen Welt herumziehen und das Böse bekämpfen, wo sie es finden. Andere – in der Regel die mit Familie – sind und bleiben ortsgebunden und sind nur für die Überwachung okkulter Phänomene in dem ihnen zugewiesenen Gebiet zuständig, das in der Regel ihr Wohnort plus eines gewissen erweiterten Radius’ ist. Du könntest also dein Leben weiterführen wie bisher und hättest nur die Verpflichtung, die Arbeit der Wächter zu tun, wenn ein entsprechender Notfall eintritt. So wie die Bekämpfung der Hexe. Doch das werden dir die Wächter noch genau erklären, falls du dich entscheidest, eine von ihnen zu werden.“
Nana blickte sie nachdenklich an. „Samala, das wäre doch auch eine Aufgabe für dich. Im Grunde genommen erfüllst du sie ja schon auf deine Weise und verfügst auch über das erforderliche Maß an magischen Kräften.“
Sam hob abwehrend die Hände. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die einen Sukkubus in ihren Reihen haben wollen.“
„Sie nehmen jeden, der sich ihnen anschließen will und über die entsprechenden Kräfte verfügt. Ich weiß aus berufenem Munde, dass unter anderen eine Werwölfin, ein Vampir und eine Dryade zu ihnen gehören.“
„Nein danke“, wehrte Sam schlicht ab und blickte jetzt Shiona fragend an.
„Unsere Sippe schuldet also nicht nur den Wächtern die Einlösung eines gegebenen Versprechens“, sagte die Freundin nachdenklich, „sondern das damals ausgelöschte Leben der Hexe kann auch nur ausgeglichen werden, wenn eine drabarni unserer Familie diese Verpflichtung übernimmt. Vielleicht kann ihr mulo dann endlich Frieden finden.“
„Das wage ich zu bezweifeln“, meinte Sam sarkastisch. „Aber da keine von uns über die Fähigkeit verfügt, einen mulo zu vernichten, sollte die Hexentrommel – so es uns denn gelingt, den mulo erneut darin zu bannen – anschließend in die Obhut der Wächter gegeben werden. Nur bei ihnen ist sie wirklich sicher. Aber darum kümmern wir uns später. Nana, wir brauchen das Ritual.“
Nana nickte und blickte ihre Enkelin liebevoll an. „Mein Kind, niemand verlangt von dir, dass du diese Pflicht auf dich nimmst. Schließlich warst nicht du es, die ein Versprechen gebrochen hat. Du kannst diese Verpflichtung auch an die nächste Generation weitergeben. Deine Zwillinge haben beide großes Potenzial und ...“
„Nein!“, unterbrach Shiona sie heftig. „Ich bin nicht so ehrlos wie meine Ahnin und nicht so feige, dass ich diese längst überfällige Pflicht meinen Kindern aufbürde. Sobald wir den mulo der Hexe wieder gebannt haben, nehme ich Kontakt zu den Wächtern auf und löse das Wort unserer Ahnin ein. Wenn mir nur eine von euch sagt, wo ich die Wächter finde.“
Erst als sie sowohl ihre Großmutter wie auch Sam zufrieden lächeln sah, begriff sie, dass sie gerade geprüft worden war und den Test offenbar bestanden hatte.
„Komm zu mir, Shiona“, befahl Nana. „Ein Geist zu sein hat schon den einen oder anderen Vorteil. Unter anderem auch den, dass ich all mein Wissen direkt auf dich übertragen kann, ohne dass du es mühsam auf herkömmliche Weise lernen musst.“
Sie legte ihrer Enkelin beide Hände an den Kopf. Ein helles Licht floss aus ihren Fingerspitzen, das von Shionas Kopf auf ihren gesamten Körper übergriff. Für einen Moment waren sie beide von einem strahlenden Leuchten umgeben, das sie wunderschön aussehen ließ, ehe es übergangslos wieder erlosch. Shiona blickte ihre Großmutter staunend an. Offenbar hatte die Übertragung ihres Wissens an sie ihr Einiges offenbart, mit dem sie nicht gerechnet hatte.
„Jetzt weißt du alles, was ich auch weiß, Shiona“, sagte Nana sanft und fügte bedauernd hinzu: „Leider ist sehr viel von dem alten Wissen, das unsere Ahninnen noch kannten, inzwischen vernichtet oder vergessen worden. Aber vielleicht kannst du es dir später zusammen mit den Wächtern erarbeiten.“
„Und einen Teil davon kann ich dir mitgeben“, bot Sam an, „und zwar auf dieselbe Weise, wenn du willst.“
Sowohl Shiona wie auch Nana sahen sie dankbar an. „Das würde ihr in der Tat helfen“, war Nana überzeugt und blickte ihre Enkelin liebevoll an. „Wenn du einverstanden bist, Shiona?“
Sie nickte. „Das nehme ich gerne an. Da ihr mir beide versichert habt, dass wir in dieser Dimension genug Zeit haben, dürfte das unsere Rückkehr nach Hause nicht allzu lange verzögern.“
Sie ahnte nicht, dass sie und Sam weder in der einen noch in der anderen Dimension auch nur noch eine Sekunde Zeit hatten, denn der Tod flog gerade in diesem Moment in Form eine Pistolenkugel auf ihre leblosen Körper im Keller von Shionas Haus zu ...

Vince Hickson war eine gescheiterte Existenz. Die Schule hatte er abgebrochen, bevor man ihn wegen wiederholten Schwänzens und Prügeleien rauswerfen konnte, und einen Beruf hatte er sich nie die Mühe gemacht zu erlernen. Stattdessen hatte er von der Sozialhilfe seiner Mutter schmarotzt und als sie sich eines Tages zu Tode gesoffen hatte begonnen, sein Leben mit Einbrüchen und Diebstählen zu finanzieren. Darin war er verdammt erfolgreich, und der Erlös reichte, um über die Runden zu kommen.
Doch jetzt stimmte irgendetwas nicht, aber sein Verstand war nicht in der Lage zu erfassen, was das war. Dass er wie gewohnt in eins der Häuser in Westhampton einbrach, war so weit noch normal. Aber dass er nicht gekommen war, um zu stehlen, sondern um zu töten, gehörte eigentlich nicht zu seinem Plan. Natürlich trug er immer eine Pistole bei sich; ein Mann musste sich schließlich verteidigen können. Doch bis jetzt hatte er noch nie einen der Bewohner der Häuser töten müssen, in die er eingebrochen war. Wieso wollte er genau das und nur das jetzt tun?
Vince Hickson schüttelte verwirrt den Kopf, entschied aber, dass das schon seine Richtigkeit haben musste. Er musste die beiden Frauen killen, die sich im Haus befanden, also würde er genau das tun.
Mit einer raschen Bewegung hebelte er ein Fenster an der Rückfront aus, wo der Gartenzaun und die daran entlang gepflanzte Hecke ihn vor Blicken von den angrenzenden Grundstücken bewahrte und war im Haus, ehe jemand etwas mitbekam. Er befand sich offenbar in der Küche, die verlassen war. Er lauschte. Im ganzen Haus war kein Laut zu hören. Vorsichtig schlich er in den Flur. Wo waren die nur?
Er entdeckte einen Zettel auf einem Pinboard. „Robert, wir sind im Keller und arbeiten. Bitte störe uns unter keinen Umständen, egal wie lange es dauert. Die Kinder schlafen oben.“
Hickson verzog zufrieden das Gesicht. Da musste er ja nicht lange suchen, bis er seine Opfer gefunden hatte. Und die oben schlafenden Kinder würden ihm auch nicht im Weg sein. Leise suchte er sich seinen Weg in den Keller, was nicht besonders schwierig war. Dass der Keller ausgebaut war, machte ihm die Sache noch leichter, denn so gab es keine verborgenen Ecken und Winkel, die er nicht einsehen konnte.
Der Keller verfügte über vier Räume, deren Türen alle geschlossen waren. Hickson zog seine Pistole und öffnete beinahe lautlos die erste. Dahinter befand sich die Waschküche mit einem angrenzenden Trockenraum, und beide waren leer. Er öffnete die zweite Tür, die zu einem Vorratsraum führte. Wieder nichts, ebenso im dritten Raum, der die klassische, mit Gerümpel vollgestellte Abstellkammer war. Aber im vierten wurde er fündig. Der Raum wirkte selbst für jemanden wie Vince Hickson befremdlich. In einem Regal an der Wand stapelten sich alle möglichen seltsamen Gegenstände, ebenso auf einem Tisch, der in eine Ecke stand.
Doch das Seltsamste befand sich in der Mitte des Raums. Auf dem Boden war mit weißer Farbe ein Kreis aufgemalt, an dessen Rändern Kerzen aufgestellt waren. Und in der Mitte dieses Kreises lagen die beiden Frauen, die er töten würde, reglos auf dem Rücken. Sie hatten die Augen geschlossen und schienen zu schlafen. In jedem Fall hatten sie nichts von Hicksons Eindringen bemerkt.
Er lächelte zufrieden. Das war ja einfacher, als er gedacht hatte. Er hob die Pistole, zielte auf den Kopf der Frau mit den kurzen Haaren und drückte ab ...

Shionas Geistkörper öffnete in der anderen Dimension die Augen, nachdem Sam ihr einen Teil ihres magischen Wissens übertragen hatte. Sie blickte ihre Freundin ehrfürchtig an. „Ich wusste nicht, dass du so mächtig bist, Samala“, sagte sie leise. „Ist dir bewusst, was du mit diesem Wissen, dieser Macht alles erreichen kannst? Wie viel Gutes du tun kannst?“
Sam hob abwehrend die Hände. „Führe mich nicht in Versuchung, Shiona“, bat sie und schüttelte den Kopf. „Ich besitze diese Macht erst seit kurzem, und ich kann sie noch nicht vollständig kontrollieren. Erst einen kleinen Teil davon, um genau zu sein. Was ich damit anfange, wenn ich sie im Griff habe, darüber mache ich mir später Gedanken. Aber wir sollten jetzt zurückkehren. Es ist nicht gut, wenn Lebende sich in dieser Dimension allzu lange aufhalten.“
„Da hat sie recht“, stimmte Nana ihr zu und umarmte Shiona. „Meine Liebe und mein Segen begleiten dich, mein Kind. Geh und rette die Sippe. Und vielleicht ist es auch für Yljana noch nicht zu spät.“
Der mit Nebel gefüllte Flammenring ragte hinter ihnen auf, und Sam zog Shiona mit sich darauf zu. Im nächsten Moment wurden sie wieder von dem Sog erfasst, der sie zurück in ihre Körper schleuderte. Nana Moshanis Geist winkte ihnen noch ganz menschlich nach, ehe er sich ebenfalls zurückzog.
Da Sam solche und noch ganz andere magische Reisen gewöhnt war, gab es bei ihr im Gegensatz zu Shiona keinen Moment der Benommenheit und der Desorientierung, bevor sie sich ihrer Umgebung wieder voll bewusst war. Ihr Geist war kaum in ihren Körper zurückgekehrt, als sie auch schon die Augen aufschlug – und direkt in den Mündungsblitz einer Pistole blickte. Sie „sprang“ instinktiv durch die Dimensionen und landete unmittelbar an der Grenze des magischen Kreises, dessen Schutz immer noch aktiviert war. Und da Shiona den Kreis aktiviert hatte, konnte Sam ihn nicht verlassen, solange er noch bestand.
„Shiona, öffne den Kreis! Sofort!“, rief sie ihrer Freundin zu und versetze ihr einen unsanften Tritt, um sie zur Besinnung zu bringen, denn der Mann, der auf sie geschossen hatte, hatte sich von seiner anfänglichen Überraschung erholt und hob die Waffe zum nächsten Schuss, mit dem er diesmal auf Shiona zielte und abdrückte.
Die Kugel ließ sich nicht von einer magischen Begrenzung aufhalten und durchdrang den Schutzschirm mühelos. Der Tod raste auf Shiona zu – und verging nur eine Handbreit vor ihrem Kopf in einer gleißenden Flamme. Sams Magie konnte den Kreis zwar nicht durchbrechen, aber innerhalb seiner Grenzen war sie ungehindert wirksam. Jetzt hatte sich auch Shiona wieder gefasst und brachte die magische Mauer des Kreises mit einer Geste der Macht zum Erliegen. Bevor der Attentäter noch einen weiteren Schuss abgeben konnte, traf ihn Sams Psi-Pfeil – ein magischer Blitz auf geistiger Ebene – ins Gehirn, und er brach bewusstlos zusammen.
Shiona starrte den Einbrecher entsetzt an. Nur langsam begriff sie, dass sie gerade sehr knapp dem Tod entkommen war. Sam klopfte ihr beruhigend auf die Schulter.
„Keine Panik, Shiona. Der schläft eine Weile. Ich trage ihn nach oben, und dann rufen wir die Polizei, damit alles seine Ordnung hat.“
Sie lud sich den Bewusstlosen mühelos auf die Schulter und ging zur Tür. Shiona folgte ihr immer noch verwirrt.
„Warum wollte er uns denn töten?“, überlegte sie laut.
Sam schnaufte verächtlich. „Das war nicht seine Idee, glaub mir. Das war das Werk der Hexe. Sie selbst kann den magischen Schutz um dein Haus nicht durchdringen, also hat sie den Kerl hier als Werkzeug benutzt, ihre schmutzige Arbeit zu tun. Und wenn wir nur eine Sekunde später von unserem Ausflug zurückgekommen wären, hätte sie Erfolg gehab.“
Sie hatten jetzt das Wohnzimmer erreicht, und Sam ließ den Einbrecher einfach zu Boden fallen. Sie dehnte ihre magischen Sinne aus und suchte die Umgebung des Hauses damit ab. „Und das Miststück ist noch hier!“, stellte sie fest. In ihrer Stimme klang unterdrückte Wut.
Sie rannte zur Tür, riss sie auf – und stieß beinahe mit Detective Brock zusammen, der gerade die Hand erhoben hatte, um auf die Klingel zu drücken. Sam unterdrückte einen Fluch. Der Kerl hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie blickte über seine Schulter auf die andere Straßenseite, wo sie die Präsenz der Hexe wahrgenommen hatte und sah sie bei Sams Anblick mit einem entsetzten Ausdruck im Gesicht davonlaufen. Doch wegen des Cops konnte sie unmöglich die Verfolgung aufnehmen und sie erst recht nicht auf magischem Weg angreifen. Die Hexe war also wieder einmal entwischt. Verdammt! Doch wenn eines sicher war, so die Tatsache, dass sie zurückkommen und auf andere Weise versuchen würde, ihre Rache an Shiona und jetzt auch an Sam zu vollenden. Und wenn sie kam, würden die beiden Frauen auf sie vorbereitet sein.
Detective Brock folgte Sams Blick und sah nichts weiter als eine getigerte Katze, die offenbar irgendetwas hinterher sprintete.
„Nette Katze“, sagte Sam lächelnd, die natürlich auch sah, unter welcher Illusion sich die Hexe vor Menschenaugen verbarg. „Ich mag Katzen. Aber Sie kommen gerade wie gerufen, Detective.“ Sie zog den verblüfften Mann ins Haus und deutete auf den bewusstlosen Einbrecher. „Den Typen haben wir in flagranti dabei erwischt, wie er ins Haus eingebrochen ist. Wir wollten gerade die Polizei rufen – und da stehen Sie vor der Tür. Ich gratulieren Ihnen zu Ihrem perfekten Timing.“
Jack Brock wusste nicht, ob er lachen oder sauer sein sollte; deshalb entschied er sich für die Professionalität. Er nahm sein Walkie-Talkie und meldete seinen Kollegen den Einbruch, ehe er Vince Hickson Handschellen anlegte.
„Ich nehme an, Miss Tyler, dass Sie dafür verantwortlich sind, dass der Kerl bewusstlos ist“, stellte er trocken fest. „Ich habe mich inzwischen über Sie erkundigt. Sie sind sauber, und dieser Lieutenant Kerry in Cleveland hält verdammt große Stücke auf Sie.“
„Ich habe nichts anderes erwartet“, antwortete Sam. „Aber Sie sind doch sicherlich nicht gekommen, um mir das zu sagen.“
„Nein, ich wollte Sie und Mrs. Jacobs“, er nickte Shiona freundlich zu, „davon in Kenntnis setzen, dass wegen der vier Toten vor Ihrem Haus keinerlei Verdacht gegen Sie besteht. Unsere Pathologin steht zwar vor einem vollkommenen Rätsel, aber die Opfer starben alle an einem unerklärlichen Herzinfarkt. Und da sie nicht die einzigen Opfer mit derartiger Todesursache in der vergangenen Nacht waren, wurde der Fall an die Gesundheitsbehörde übergeben, weil dem wohl irgendein noch unbekanntes Krankheitsbild zugrunde liegen könnte. Vielleicht sogar eine Vergiftung. Jedenfalls bin ich gekommen, um mich bei Ihnen dafür zu entschuldigen, dass ich Sie verdächtigt habe und dabei nicht gerade sehr höflich
war.“
Sam zuckte mit den Schultern. „Was die Verdächtigung betrifft, so haben Sie nur Ihren Job gemacht“, stellte sie begütigend fest. „Und die mangelnde Höflichkeit ist Ihnen verziehen. Es geht wohl jedem Menschen nahe, wenn er eine ganze Familie tot auf der Straße liegen sehen muss.“
„Danke für Ihre Großmut, Ma’am.“ Brock lächelte leicht, und Sam erwiderte sein Lächeln. Wenn sie das nächste Mal – schon recht bald – wieder Nahrung brauchte, wäre er definitiv ein lohnender Happen, da Scott leider unerreichbar war.
Brocks Kollegen kamen recht schnell, kassierten den immer noch bewusstlosen Hickson ein und forderten Shiona und Sam auf, am nächsten Tag auf dem Revier zu erscheinen und ihre Aussage zu machen. Danach zogen sie wieder ab, worauf Brock sich ebenfalls verabschiedete.
„Machen wir uns an die Arbeit“, sagte Shiona grimmig, nachdem alle weg waren, „bevor die Hexe sich noch etwas Neues einfallen lässt, um uns zu erledigen. Ich hoffe nur“, fügte sie besorgt hinzu, „sie kommt nicht auf den Gedanken, meiner Familie auch so ein Killerkommando auf den Hals zu hetzen.“
„Ich glaube nicht“, meinte Sam nachdenklich. „So wie ich sie einschätze, ist sie von ihrer eigenen Macht so überzeugt, dass sie es erst einmal verdauen muss, dass ihr Plan nicht geklappt hat. Wahrscheinlich wird sie selbst sowieso nichts unternehmen, bis es dunkel ist. Alles andere fiele zu sehr auf.“
Shiona nahm das kommentarlos hin und ging in ihren Arbeitsraum im Keller zurück. Sam folgte ihr. Während die junge Romni das Ritual zur Weihung der neuen Hexentrommel vorbereitete, übernahm Sam die profane Herstellung des Trommelkörpers. Mit Hilfe ihrer Magie befreite sie den Eibenholzstamm von seiner Rinde, höhlte ihn aus und trocknete das Holz, häutete die tote Sandviper, gerbte die Haut und entnahm ihrem Körper die Jungen, die kurz vor dem Schlüpfen gewesen waren und trocknete sie. Zum Schluss drehte sie den Bast der Weidenrinde zu geschmeidigen Fäden, mit denen sie das Schlangenleder über beide Seiten der Holzrahmen spannte. Zum Schluss befestigte sie neun der toten Schlangenjungen in gleichmäßigen Abständen am Rand des Trommelkörpers. Als sie die Trommel probeweise anschlug, gab es einen tiefen, resonanten Klang, dessen Vibrationen alles zu durchdringen schienen.
Sam klopfte zufrieden auf den Rahmen. „Das ist ein viel zu hübsches Haus für den Geist der Hexe“, stellte sie ironisch fest.
Shiona antwortete nicht darauf, sondern beeilte sich, mit ihren Vorbereitungen fertig zu werden. Kurze Zeit später war es so weit, und das Ritual konnte beginnen. Damit sie diesmal von wirklich niemandem gestört werden konnten – auch nicht von profanen Einbrechern – hatte Sam den magischen Schutz um das Haus entsprechend modifiziert (und sich eine Närrin gescholten, dass sie daran nicht von Anfang an gedacht hatte).
Shiona hatte im magischen Kreis im Keller sieben Kerzen aufgestellt und sich ein rotes Gewand angezogen. Jetzt reichte sie auch Sam eins, die sich schnell umzog. Mit einer raschen Handbewegung erweckte Shiona anschließend die Magie des Kreises, und mit einer weiteren entzündete sie die Kerzen. Sam stellte zufrieden fest, dass sie die Magie, die sie und Nana ihr gegeben hatten, offenbar gut verinnerlicht hatte, denn den Feuerzauber hatte sie vor ihrer Reise ins Jenseits noch nicht beherrscht.
Shiona entzündete auch im Räuchergefäß eine Flamme und streute eine pulverisierte Räuchermischung hinein, deren Zusammensetzung sie Sam nicht verraten hatte. Bläulicher Rauch stieg auf und erfüllte den Raum mit einem Duft, der einen tranceartigen Zustand hervorrief. Shiona stellte sich in die Mitte des Kreises, hob beide Hände und rief die Götter an.
„Ich rufe dich, Bibijaka, Herrin der Wälder und Berge!“ Sie sprach nicht besonders laut, und doch hallten ihre Worte machtvoll wider und waren von einer Kraft erfüllt, die deutlich zeigte, dass Shiona jetzt tatsächlich eine drabarni im Vollbesitz ihrer Magie war. „Ich rufe auch dich, Baro Devel, Höchstes Wesen! Und ich rufe dich, Alako, Sohn der Götter! Kommt zu mir!“
Ein Windstoß fegte aus dem Nichts heraus in den Kreis hinein und brachte einen Duft nach Wald und Moschus mit. Gleich darauf kam ein zweiter, der süß wie ein Blumenbukett roch und ein dritter, der einen Duft nach Sonne und Heu ausströmte. Diese Düfte vermischten sich mit dem des Räucherwerks, das noch einmal aufflammte und dichte Rauchschwaden erzeugte, die wie ein lebendiges Wesen in einer beinahe perfekten Kugelform über dem Räucherkessel verharrten.
Shiona nahm die Hexentrommel zur Hand und tauchte sie in den Rauch hinein, bis sie vollkommen darin verschwand. Gleichzeitig begann sie ein Lied zu chanten in einer uralten Sprache, die nicht einmal Sam bis heute je gehört hatte. Doch sie spürte die Macht, die dieses Lied aufbaute und die, als Shiona schließlich begann, einen besonderen Rhythmus auf der Trommel zu schlagen, in sie eindrang, den Trommelkörper ausfüllte, die lederne Bespannung zum Vibrieren brachte und sie mit einer Magie erfüllte, die nicht von dieser Welt war.
Ein rotes Leuchten zuckte in den Rauchschwaden auf, hüllte die Trommel ein, durchdrang sie vollständig und verschwand. Gleich darauf erschien ein goldenes Leuchten, das dasselbe tat und schließlich ein grünes. Nachdem auch das verschwunden war, fegte erneut ein Windstoß durch den magischen Kreis und verschwand ebenso plötzlich, wie er gekommen war. Das Feuer im Räucherkessel erlosch ebenso wie die Flammen der Kerzen, und die letzten verbliebenen Rauchschwaden verflüchtigten sich.
Shiona setzte die Trommel vorsichtig auf den Boden. „Es ist vollbracht“, sagte sie schlicht. „Diese Trommel wird den mulo der Hexe ebenso gut hüten wie ihre Vorgängerin.“ Sie blickte Sam fragend an. „Die Frage ist nur, wie wir die Hexe dazu bringen, in die Nähe der Trommel zu kommen, damit ich den Bannrhythmus darauf schlagen kann, der den mulo hineinzwingt.“
Sam dachte einen Moment nach. „Wir werden ihr einen Köder anbieten, dem sie nicht widerstehen kann, und zwar noch heute Nacht.“
Shiona blickte sie misstrauisch an. „Was hast du vor?“
„Wir werden deine Familie besuchen. Das heißt, du wirst sie für die Hexe sichtbar besuchen. Ich werde mich auf andere Weise hinbegeben. Sobald es Mitternacht ist, kommst du mit einem deiner Familienmitglieder sichtbar streitend aus dem Haus. Wenn ich deren momentanes Verhältnis zu dir bedenke, dürfte dir das nicht schwerfallen“, fügte sie trocken hinzu. „Jedenfalls muss der Streit so eskalieren, dass der oder die Betreffende scheinbar wütend alle Vorsicht vergisst und den Hof und damit den Schutz des magischen Schildes verlässt. Die Gelegenheit, einen deiner Verwandten direkt vor deinen Augen zu töten, wird sich die Hexe mit Sicherheit nicht entgehen lassen. Und ich werde in unmittelbarer Nähe sein, das verhindern und sie magisch lange genug festhalten, dass du die Trommel spielen und den mulo einsacken kannst.“
Der Plan klang zwar für Shiona durchaus Erfolg versprechend, aber sie fühlte sich bei dem Gedanken, einen ihrer Verwandten diesem Risiko auszusetzen, alles andere als wohl. Sie blickte Sam hart in die Augen.
„Kannst du mir garantieren, dass meiner Familie nichts geschieht?“, vergewisserte sie sich. „Kannst du mir das bei deinen dämonischen Göttern schwören?“
Sam zögerte. Ein Schwur „bei Thorluks Schädel und Kallas Blut“ war nicht nur der einzige Schwur, an den ein jeder Dämon sich bedingungslos und wortwörtlich hielt – wenn man ihn denn dazu bringen konnte, ihn auszusprechen –, aber er barg auch ein großes Risiko. Wurde ein solcher Schwur gebrochen, so hieß es, dass der Wortbrüchige sich dadurch zu derart furchtbaren, ewigen Qualen verdammte, die schlimmer waren als das schlimmste Höllenfeuer und sogar die Folgen von Luzifers Zorn in den Schatten stellten. Seit Ewigkeiten hatte kein Dämon es mehr gewagt, diesen Schwur zu brechen. Auch Sam sprach ihn niemals aus, es sei denn, sie wusste genau, dass sie in der Lage war, ihn zu halten; so wie den, mit dem sie sich verpflichtet hatte, niemals mit Shionas Mann zu schlafen, solange die Freundin mit ihm verheiratet war.
Hier lag die Sache anders. Gar zu viel konnte bei Sams Plan ungewollt schief gehen, denn die Hexe besaß sehr wohl eine große Macht. Und auch wenn Sam der Überzeugung war, dass sie Shionas Verwandte zu schützen in der Lage war, blieb immer noch ein Restrisiko. Und genau genommen – so gern sie Shiona auch mochte und ihr helfen wollte – war ihre Freundschaft es nicht wert, dass Sam dafür die schlimmste Verdammnis der Hölle auf sich zog. Andererseits war Shiona eine mächtige drabarni der Gypsies, und wenn sie sich entschied, Sam zu verfluchen, hätte sie auch eine kleine Hölle am Hals. Schließlich fand sie einen Kompromiss.
„Nein, Shiona, eine Garantie dafür, dass deiner Familie nichts passiert, kann ich dir nicht geben. Aber ich schwöre bei Thorluks Schädel“ – sie legte die Fingerspitzen der linken Hand an die Stirn – „und Kallas Blut“ – sie legte ihre Handfläche auf ihre Herzgegend – „dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um deine Familie in dieser Nacht zu beschützen. Mehr kann ich dir nicht versprechen, denn ich bin leider nicht allmächtig.“
Shiona stieß einen langen Seufzer aus und nickte langsam. „Das genügt mir“, gab sie sich zufrieden und begann, ihren magischen Arbeitsraum aufzuräumen.

Die Hexe schäumte vor Wut, nachdem ihr Anschlag auf die kleine drabarni und ihre Freundin misslungen war. Eine Weile rannte sie ziellos durch die Straßen dieser furchtbar lauten Stadt und sann auf Rache. Am liebsten hätte sie jeden Gadscho getötet, der ihr über den Weg lief, aber sie hatte nach ihrer Befreiung aus der Hexentrommel schnell begriffen, dass sie das nicht am helllichten Tag tun konnte. Diese Zeit, in der sie gelandet war, ließ sich nicht mit der vergleichen, in der sie einst gelebt hatte. Damals war sich jeder Mensch bewusst, dass es draban gab, und selbst die einfältigen Gadsche wussten das. Entsprechend furchtsam reagierten sie auf jede Demonstration der Macht.
Die Menschen hier taten nichts dergleichen. Entweder waren sie zu dumm, um zu begreifen, was sie da sahen, oder sie waren besonders mutig. In jedem Fall erregte alles, was ihnen ungewöhnlich vorkam, ihre Aufmerksamkeit, und die konnte die Hexe nicht gebrauchen. Sie kannte nur ein einziges Ziel: Rache an jedem einzelnen Moshani auf der Welt.
Nachdem sie sich einigermaßen wieder beruhigt hatte und in der Lage war klar zu denken, reifte in ihr ein neuer Plan. Zwar war der Versuch fehlgeschlagen, einen normalen Menschen unter ihrem Willen zu zwingen, um die verhasste Feindin in ihrem Haus zu töten. Aber es gab noch eine andere Option, die auch wirkte, nachdem die beiden Frauen jetzt mit Sicherheit sehr wachsam waren. Doch sie würden mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließlich mit einem weiteren Angriff durch Menschen rechnen und sich nicht von winzigen Tieren bedroht fühlen, die sich in Scharen aus der Erde durch die kleinsten Ritzen im Mauerwerk und offenen Fenstern ins Haus ergießen und den Willen der Hexe erfüllen würden ...
Doch als sie – diesmal unter der Illusion eines Hundes – zum Haus der drabarni zurückkehrte, stellte sie fest, dass ihre Feindinnen aus ihrem Fehler gelernt hatten. Das Haus war jetzt mit einem magischen Schutz versehen, den nichts Böses mehr durchdringen konnte, egal ob es in Gestalt eines mulo, eines Menschen mit ganz weltlichen bösen Absichten oder der von Tausenden, von der Hexe gelenkten Insekten einzudringen versuchte.
Der Hass kochte in der Hexe dermaßen hoch, dass sie das Gefühl hatte, daran zu ersticken. Sie brüllte ihn heraus mit aller Kraft, die ihre Lungen hergaben und hörte erst auf zu schreien, als ihre Stimmbänder versagten. Die gewöhnlichen Menschen hörten allerdings nichts anderes als einen heulenden Hund.
Nun gut! Diese Runde ging an ihre Feindinnen. Aber das Spiel war noch lange nicht vorbei. Konnte sie an diese beiden im Haus nicht herankommen, so gab es noch den Rest der Familie in Springdale. Irgendwann mussten die aus dem magischen Schutz wieder heraustreten, der die Hexe von ihnen fernhielt, und sie glaubte nicht, dass die kleine drabarni jeden Einzelnen ihrer großen Familie mit einem individuellen Schutzschild zu versehen in der Lage gewesen war. Konnte sie hier nichts ausrichten, so hatte sie mit Sicherheit eine gute Möglichkeit zur Rache an dem Ort, an dem die Sippe in den steinernen Häusern lebte wie die Gadsche.
Die Hexe machte sich auf den Weg.

Als sie an ihrem Ziel ankam, war es bereits dunkel und die Mitternacht nicht mehr fern. Da sie kein Geld hatte, das sie zum Fahren in einem Bus oder Taxi benötigte, war sie zu Fuß gegangen. Körperlich hatte sie das etwas erschöpft, aber ihr Wille und ihr Ziel hielten sie aufrecht und gaben ihr Kraft.
Auf den ersten Blick schon stellte sie fest, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Zwar lag immer noch der Schutz über dem riesigen Haus, der sie selbst fernhielt, aber alles andere konnte ihn ungehindert passieren. Und ihre ursprüngliche Idee, wenigstens einen von der verhassten Sippe durch Insekten zu töten, gefiel ihr immer noch.
Bevor sie jedoch zur Tat schreiten konnte, wurde die Tür des Hauses geöffnet, und die kleine drabarni kam heraus. Sie war in Begleitung eines älteren Mannes, den die Hexe als den erkannte, den sie hatte töten wollen, als die Kleine und ihre Hexenfreundin sie gestört und zur Flucht gezwungen hatten. Offenbar stritten sie sich heftig, und die Hexe stellte mit einem Anflug von Genugtuung fest, dass sie selbst der Gegenstand des Streits war. Der Mann warf der drabarni vor, dass alles allein ihre Schuld wäre, weil sie pflichtvergessen sei und die Traditionen missachtete. Ein Wort gab das andere, bis der Mann sich schließlich erregt abwandte und dem Hoftor zu strebte, das auf die Straße führte – dorthin, wo der magische Schutz nicht mehr wirksam war ...
Und die drabarni wandte sich ab, um nicht minder erregt ins Haus zurückzukehren. Besser hätte es nicht kommen können! Die Hexe wartete im Schatten eines Baumes am Straßenrand, bis der Mann den Bereich des magischen Schutzes verlassen hatte und schlug mit ihrer geballten Macht zu. Zumindest versuchte sie es.
Im selben Moment geschahen mehrere ihr unerklärliche Dinge gleichzeitig. Ihre Magie prallte gegen eine unsichtbare magische Mauer, die aus dem Nichts entstand und verpuffte wirkungslos daran. Der magische Schutz um das Haus der Moshanis verschwand übergangslos, und eine gewaltige Kraft schleuderte die Hexe in den Hof hinein – direkt vor die Füße der kleinen drabarni, die jetzt eine Trommel in der Hand hielt: eine Hexentrommel ...
Ehe die Hexe reagieren konnte, nagelte dieselbe Kraft, die ihre Magie blockiert hatte, sie am Boden fest, sodass sie sich kaum noch bewegen konnte, und die drabarni begann die Trommel zu schlagen.
Die Hexe kreischte, wand sich in ihren unsichtbaren Fesseln, brüllte ihrer Feindin die schlimmsten Flüche entgegen – ihren beiden Feindinnen, denn die fremde Hexe stand jetzt direkt neben ihr und blickte mitleidlos auf sie herab. Die drabarni schlug den komplizierten Bannrhythmus auf der Trommel mit einer Ruhe und einer Sicherheit, als hätte sie das schon oft getan. Auch ihr Gesicht zeigte mitleidlose Härte. Die Hexe brüllte, und in ihrer Stimme lag abgrundtiefer Hass.
„Das werdet ihr bereuen! Eines Tages komme ich zurück, wie ich schon einmal zurückgekehrt bin! Ich bekomme meine Rache, und sie wird furchtbarer sein als alles, was ihr euch in euren schlimmsten Träumen vorstellen könnt!“
Sie erhielt keine Antwort. Der Trommelklang schwoll zu einem wilden Stakkato an. Die Hexe schrie ein letztes Mal, als ihre Seele sich als roter Nebel aus ihrem Körper löste und von der Trommel aufgesogen wurde. Als der mulo vollständig darin verschwunden war, trommelte Shiona den Siegelrhythmus, und ließ die Hexentrommel schließlich verstummen. Sie fühlte sich erschöpft und erleichtert und sogar auf eine gewisse Weise glücklich. Sie lächelte Sam zu, und die Dämonin lächelte zurück.
Jango Moshani trat zu ihnen und blickte seine Tochter unsicher an. Sie sah ebenso unsicher zu ihm auf, und in ihren Augen lag eine ungeheure Verletzlichkeit, dass Sam spontan beschloss, Jango die Hölle auf Erden zu verschaffen – wenigstens für eine kurze Zeit –, falls er jetzt etwas sagte oder tat, das Shiona verletzte.
Doch ihre Sorge war unbegründet. Jango nahm seine Tochter in die Arme. „Du bist meine Tochter“, sagte er fest. „Egal was die Kris und der rom baro bestimmt haben. Du hast uns alle gerettet, Shiona, und das werde ich – wird die Sippe dir nie vergessen.“
Shiona konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen kamen. Sie hatte so lange auf die Anerkennung ihrer Familie gewartet und auch jetzt nicht zu hoffen gewagt, sie zu bekommen, dass sie einfach nur überwältigt war. Jango zog sie zum Haus hin.
„Komm, wir gehen hinein und sagen den anderen, dass es vorbei ist.“
„Was ist mit Yljana?“, fragte Shiona und blickte an ihm vorbei dorthin, wo der reglose Körper ihrer Tante lag.
„Sie ist tot“, stellte Jango hart fest. „Und das ist auch besser so für sie. Und für uns alle.“
Sam schüttelte den Kopf. Offenbar hatte Jango Moshani nicht allzu viel dazu gelernt. Sie musste Yljana nicht erst den Puls fühlen, um zu fühlen, dass sie noch lebte.
„Sie lebt“, teilte sie Jango mit. „Und ich werde sie ins Krankenhaus bringen. Anschließend“, fügte sie augenzwinkernd für Shiona hinzu, „gehe ich was essen. Ich habe einen Mordshunger.“
Sie nahm Yljanas schlaffen Körper mühelos auf die Arme und sprang mit ihr durch die Dimensionen unter einem Mantel der Unsichtbarkeit zu einem Krankenhaus. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand in ihre Richtung blickte und sie sehen würde, wurde sie wieder sichtbar und lieferte Yljana in der Notaufnahme ab. Nachdem sie die erforderlichen Formalitäten erfüllt und dem Personal die Story aufgetischt hatte, sie hätte die ihr unbekannte Frau bewusstlos auf der Straße gefunden, verließ sie das Krankenhaus wieder, um einem gewissen Detective Brock einen kleinen Besuch abzustatten und ihm die schönste Nacht seines Lebens zu schenken...

Sie waren alle in Gonzo Moshanis Krankenzimmer versammelt: Shiona, Sam, Robert, Shionas Eltern Jango und Kalia, Yljana und Shionas Zwillinge.
Yljana ging es nach einem zweitägigen Aufenthalt im Krankenhaus körperlich wieder relativ gut, doch sie war immer noch blass und fühlte sich ein wenig schwach. Die körperlichen Nachwirkungen ihrer Besessenheit durch den mulo der Hexe würde sie in ein paar Tagen überwunden haben; die seelischen Begleiterscheinungen würden ihr aber wohl noch erheblich länger zu schaffen machen.
Shiona und Sam berichteten Gonzo abwechselnd, was sich ereignet hatte, nachdem er in die Klinik gebracht worden war, und der Sippenpatriarch hörte schweigend zu. Man sah ihm die Erleichterung an zu erfahren, dass es außer Kirjo keine weiteren Toten mehr gegeben hatte, und er war voller Dankbarkeit für Shiona und auch für Sam.
Yljana nahm schließlich Gonzos Hand und fiel vor ihm auf die Knie. „Es tut mir so leid, miro pral, mein Bruder, dass ich nicht auf dich und unsere Mutter gehört habe. Ich hätte dadurch beinahe unsere Sippe vernichtet.“
„Es tut uns allen leid“, sagte auch Jango deutlich zerknirscht mit einem Seitenblick auf Shiona. „Wir haben unsere drabarni zu wenig geachtet, weil wir die Mächte des draban für rückständig hielten. Das wird nie wieder geschehen.“
Gonzo sagte nichts dazu, nahm seine Schwester nur in die Arme und drückte sie fest an sich. Seine Augen trafen Shionas. Sie lächelte und zwinkerte ihm zu. Er zwinkerte dankbar zurück, unendlich froh darüber, dass seine Familie dank ihrer Hilfe wieder sicher war. Er ließ Yljana los. Mit einer gebieterischen Handbewegung befahl er seine Nichte zu sich, nahm ihre Hand und zog mit der anderen Robert heran, dem er Shionas Hand reichte.
„Ich gebe dieser Verbindung meinen Segen“, sagte er feierlich und in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. „Die Kris wird die Verbannung aufheben, sobald sie sich das nächste Mal versammelt. Und ich wünsche“, er sah seinen Bruder Jango an, „dass dieser Mann in die Sippe adoptiert wird. Ebenso diese“, er warf Sam einen scheuen Blick zu, „lokoliki, die uns geholfen hat. Es ist mein Wille als rom baro“, fügte er nachdrücklich hinzu, als Jango den Mund zum Protest öffnete, der ihn daraufhin ergeben wieder schloss. „Die Traditionen bezüglich unseres draban haben wir zu wenig beachtet“, fügte er nachdenklich hinzu, „und gewisse andere Traditionen dafür umso mehr, die wohl nicht mehr zeitgemäß sind. Wir werden das ändern.“
Jango wandte sich an Robert. „Was geschieht nun mit meinem Bruder?“, verlangte er zu wissen. „Wann kann er wieder nach Hause?“
Robert machte ein besorgtes Gesicht. „Ich kann ihn nicht einfach entlassen“, gestand er. „Er steht immerhin unter dem Verdacht des versuchten Mordes an seiner Schwester.“ Er nickte Yljana zu. „Und ich habe leider nicht die Macht, das Protokoll zu ändern, gemäß dem Yljana ihn beschuldigt, er habe behauptet, sie sei von Dämonen besessen. Ob er dafür ins Gefängnis kommt und angeklagt wird, hängt von dem Gutachten ab, das ich über ihn erstellen muss. Ich habe nur die Möglichkeit, ihm tatsächlich Wahnvorstellungen zu bescheinigen. Dann bleibt er so lange in der Klinik, bis ich ihn nach einer entsprechenden Behandlung für geheilt erkläre. Allerdings“, fügte er bekümmert hinzu, „wird das mindestens ein bis zwei Jahre dauern, denn man heilt einen Menschen nicht eben mal in ein paar Tagen oder Wochen von solchem Wahn.“
Gonzo erbleichte. Allein die Vorstellung, hier noch länger eingesperrt zu sein, war der reine Horror für ihn.
„Es sei denn“, wandte Sam ein, „Yljana geht zur Polizei und zieht ihre Behauptung zurück, dass Gonzo sie töten wollte. Seine Äußerung, Yljana sei besessen, könnte sie mit euren Traditionen erklären. Nichts gegen eure Traditionen“, fügte sie entschuldigend hinzu, „aber wenn sie vorgibt, dass sie sich wie Shiona in einen Gadscho verliebt hätte und ihn heiraten wollte, was keine Romni je tun würde, die ihren Verstand noch beisammen hat, würde das Gonzos Äußerung von der Besessenheit erklären.
Wenn dann Robert noch bescheinigt, dass sein Patient nicht unter Wahnvorstellungen leidet, sondern Gonzos diesbezügliche Äußerungen nichts anderes waren als das Roma-Äquivalent zu unserem ‚Sie hat wohl völlig den Verstand verloren’, so gibt es keine Basis mehr, auf die ein Staatsanwalt eine wie auch immer geartete Anklage bauen könnte. Allenfalls noch eine wegen versuchter Körperverletzung. Doch wenn Yljana das ebenfalls abwiegelt, müsste damit die Sache aus der Welt sein.“ Sie zuckte mit den Schultern und fügte mehr zu sich selbst hinzu: „Hin und wieder hat es gewisse Vorteile, mit einem Anwalt liiert zu sein.“
„Ich werde es sofort tun“, versprach Yljana unverzüglich. „Ich gehe sofort zur Polizei und biege die Sache wieder gerade. Und ich werde auch ab sofort meine Pflicht tun und alles lernen, was eine drabarni können und wissen muss“, fügte sie mit wilder Entschlossenheit hinzu.
Gonzo schüttelte den Kopf. „Du hast dich als vollkommen ungeeignet für dieses Amt erwiesen“, stellte er nüchtern fest und nickte zu Shiona hinüber. „Außerdem hat die Sippe bereits eine drabarni – falls sie uns jetzt nicht den Rücken kehrt, weil wir sie so schändlich behandelt haben.“
Shiona umarmte ihren Onkel und hatte Tränen in den Augen. „Ich habe euch nie den Rücken gekehrt, Kako , und ich werde es auch niemals tun“, versprach sie.
Wenig später verabschiedeten sie sich von Gonzo und Robert und machten sich daran, ihr Leben wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Sam begleitete Jango und Yljana zur Polizei, wo sie die Aussage der Hexe, dass Gonzo sie zu töten versucht hatte, zurückzog. Zwar sah man es dem Beamten, mit dem sie sprachen, an, dass er ihr kein Wort glaubte, doch er musste seine Vorschriften befolgen, und somit würde Gonzo in wenigen Tagen wieder ein freier Mann sein.
Anschließend bereiteten Shiona und ihre Familie ein großes Fest vor, mit dem Shionas Rückkehr in die Sippe ebenso gefeiert werden sollte wie Roberts und Sams Adoption.
Sam nutzte die Zwischenzeit, um noch etwas sehr Wichtiges zu erledigen. Sie machte einen kleinen Abstecher in die Unterwelt, die sie nur sehr selten aufsuchte, nachdem ihre Familie sie aus Sicherheitsgründen vor über 60 Jahren verlassen hatte, und nahm Kontakt zu einem Wesen auf, mit dem selbst Dämonen nach Möglichkeit nichts zu tun haben wollten. Doch es erschien ihr zu riskant, die Hexentrommel mit dem gefangenen mulo darin einfach nur zu verwahren und darauf zu hoffen, dass weder der Trommel etwas geschah noch etwas anderes passierte, das den mulo erneut befreite. Sie hielt es für besser, den mulo ein für alle Mal zu vernichten. Und für diese Aufgabe war niemand besser geeignet als das Wesen, mit dem Sam sich jetzt traf.
Der Seelenfresser zeigte sich ihr in der Gestalt eines wahrhaft schönen Mannes. Das war Teil seiner eigenen Lockmagie, mit der er seine menschlichen Opfer ähnlich wie ein Sukkubus willenlos köderte und ihre Seelen fraß, bevor sie sich bewusst wurden, was mit ihnen geschah.
„Es ist höchst ungewöhnlich, dass ein Sukkubus einen von meiner Art zu treffen wünscht“, stellte der Seelenfresser fest. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du mich gerufen hast, damit ich mich von deiner Seele ernähren kann.“
„Sicher nicht“, bestätigte Sam. „Aber ich habe eine viel lohnendere Beute für dich. Die Seele einer mächtigen Hexe. Interessiert?“
Der Seelenfresser blieb misstrauisch. „Du musst sie sehr fürchten, wenn du sie durch mich loswerden willst“, vermutete er.
„Ich fürchte mich nicht vor ihr. Aber ich fürchte um die Sicherheit der Leute, die die Trommel hüten, in der sie gebannt ist. Es ist ihr schon einmal gelungen, ihr Gefängnis zu verlassen und Menschen zu töten. Wenn sie je wieder freikommt, wird sie einen ganzen Roma-Stamm vernichten. Ich habe aber die Verpflichtung übernommen, diese Menschen eben davor zu schützen. Doch dafür brauche ich deine besonderen Fähigkeiten.“
Der Seelenfresser lachte verächtlich. „Ein Sukkubus, der Menschen beschützt!“, höhnte er. „Du musst die Schande deiner ganzen Art sein.“
Sam zuckte mit den Schultern. „Damit kann ich leben“, meinte sie gleichmütig. „Also was ist nun? Willst du die Seele oder nicht?“
„Was bekomme ich dafür, dass ich dir diesen Gefallen erweise?“
„Du bekommst eine so gehaltvolle Seele, dass sie dich für lange Zeit mit Lebensenergie versorgen wird. Das ist ja wohl mehr als genug.“
Er sah sie verschlagen an. „Was macht dich so sicher, dass ich mir nicht noch andere Seelen hole, die ich dabei zufällig finde?“
Sam lächelte kalt. „Die Tatsache, dass ich dich vernichten werde, solltest du ernsthaft auch nur an diese Möglichkeit denken. Ich kenne jetzt deine Signatur und würde dich überall zu jeder mir beliebigen Zeit finden. Du könntest mir niemals entkommen. Und ich glaube, ich muss nicht extra erwähnen, dass ich dein Ende in dem Fall sehr, sehr grauenvoll gestalten würde. Außerdem werde ich dich begleiten und aufpassen, dass du keine Dummheiten machst. Also?“
„Einverstanden“, stimmte er zu. „Zeige mir die Seele.“
Sam brachte den Seelenfresser ungesehen in den Keller von Shionas Haus, nachdem sie den magischen Schutz, der darüber lag, zurückgezogen hatte. Da Shiona immer noch bei ihrer Familie in Springdale weilte und Robert noch in der Klinik war, hatte sie freie Bahn. Die Hexentrommel befand sich in Shionas magischem Arbeitszimmer in dem Regal, in dem sie ihre Gerätschaften aufbewahrte.
„Wenn ich die Trommel öffne, musst du sofort zuschlagen, sonst entkommt die Seele“, wies sie den Seelenfresser an.
Der gab einen verächtlichen Laut von sich. „Ich jage Seelen schon sehr viel länger, als du existierst, Sukkubus. Lass sie heraus.“
Sam machte mit ihrem Taschenmesser einen kleinen Schnitt in das Trommelleder. Diese winzige Öffnung genügte, um dem mulo als Schlupfloch in die vermeintliche Freiheit zu dienen. Der rote Nebel schoss augenblicklich daraus hervor, doch er kam nicht weit. Der Seelenfresser, der übergangslos die Gestalt einer schwarzen, undurchdringlichen Wolke annahm – seine wahre Erscheinungsform –, sog sie in sich hinein, bis er auch den letzten flüchtigen Fetzen in sich aufgenommen hatte. Sam vernahm in ihrem Geist nur noch den furchtbaren Schrei der Hexe, als sie begriff, was mit ihr geschah, doch der erstarb schnell. Gleich darauf stand wieder der schöne Mann vor Sam, der sich mit einem genießerischen Gesichtsausdruck die Lippen leckte.
„Das war in der Tat überaus lecker und gehaltvoll“, stellte er fest. „Vielen Dank. Und lass es mich wissen, wenn du mal wieder eine Seele vernichtet haben willst.“
Übergangslos verschwand er. Sam legte den magischen Schutz erneut um das Haus, verschloss den Schnitt in der Trommel mit einem Zauber und stellte sie zurück an ihren Platz. Die Ausstrahlung der Trommel hatte sich äußerlich nicht verändert, und Shiona würde nicht merken, dass der mulo der Hexe nicht mehr darin war. Sams Arbeit war damit erledigt.
Doch natürlich konnte sie jetzt nicht einfach so verschwinden und zu Scott zurückkehren, was sie am liebsten auf der Stelle getan hätte. Das hätte nicht nur Shiona schwer gekränkt, sondern auch die Moshanis vor den Kopf gestoßen, die ihr heute Abend die außergewöhnliche Ehre erweisen wollten, sie in ihre Sippe und ihren Stamm zu adoptieren. Also würde sie noch bleiben, bis die Zeremonie vorbei war und unmittelbar danach heimfahren. Obwohl sie es sich nur ungern eingestehen mochte, vermisste sie Scott.
Und das brachte sie wieder zurück zu dem Problem, bei dessen Überdenken Shionas Notruf sie vor drei Tagen unterbrochen hatte. Ausgehend von der Tatsache, dass sie ein Sukkubus war und Scott nur ein Mensch, war ihre Beziehung früher oder später definitiv zum Scheitern verurteilt. Deshalb wäre es wirklich besser, sie beendete das Ganze, bevor es am Ende so richtig schmerzhaft für sie werden würde.
Doch sie musste an Shionas Rat denken, jede Sekunde des Glücks mit Scott zu genießen und aus den Erinnerungen Kraft zu schöpfen, wenn das unvermeidliche Ende kam – und wusste, dass sie Scott nicht verlassen würde. Jedenfalls nicht freiwillig. Heute nicht, und wenn es nach ihr ginge überhaupt erst dann, wenn das natürliche Ende seines Lebens sie irgendwann trennte. Und das lag hoffentlich noch in sehr weiter Ferne.

Die Zeremonie der Adoption war vorüber, und Sam schickte sich an zu gehen, nachdem sie lange genug geblieben war, um dem erforderlichen Anstand zu genügen. Sie hatte den größten Teil ihrer Visitenkarten an ihre neuen Verwandten verteilt und war sich sicher, dass sie in Zukunft recht häufig auf die eine oder andere Weise von ihnen und auch anderen, ihr völlig unbekannten Mitgliedern des weit verzweigten Stammes hören würde. Schließlich war sie jetzt eine von ihnen, was sich sehr schnell herumsprechen würde.
Sie verabschiedete sich von Shiona. Die Freundin umarmte sie fest.
„Samala, ich kann dir mit Worten gar nicht genug danken für das, was du für meine Familie getan hast.“
„Nun, dafür sind Freundinnen doch da. Und da ich jetzt zur Familie gehöre, gehe ich mal davon aus, dass wir in nächster Zeit öfter von einander hören werden. Was wirst du jetzt tun?“
„Ich werde die Vereinbarung meiner Ahnin mit den Wächtern erfüllen“, bekräftige Shiona noch einmal ihren Entschluss. „Ich habe allerdings keine Ahnung, wie ich mit ihnen in Kontakt treten kann.“
Sam machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das kannst du mir überlassen. Ich kenne ein Wächter-Ehepaar, das in Detroit lebt. Ich werde ihnen Bescheid geben, und sie werden sich bei dir melden.“ Sie lächelte. „Die Frau ist übrigens eine Romni wie du. Ihr werdet euch bestimmt gut verstehen – obwohl sie eine Werwölfin ist.“
Die beiden Frauen umarmten einander noch einmal, und Sam verließ von den anderen Moshanis unbemerkt das Fest, das immer noch in vollem Gange war. Schließlich war sie eine Dämonin, und da würde man ihr ihren heimlichen Aufbruch bestimmt nachsehen. Sie wollte jetzt jedenfalls nur noch eins: schnellstmöglich heim zu Scott und in ein paar Stunden mit ihm gemeinsam frühstücken.

Sam lag wieder einmal schlafend in ihrem eigenen Bett, als vier Wochen nach ihrem Ausflug nach Richmond ihr Handy klingelte. Schlagartig war sie hellwach. Sie wusste, ohne auf irgendeine Uhr sehen zu müssen, dass es kurz vor Mitternacht war. Wer um diese Zeit anrief, musste einen gewichtigen Grund haben. Sie nahm das Gespräch unverzüglich entgegen.
„Sam Tyler, Security-Agentur.“
Am anderen Ende herrschte einen Moment lang verblüfftes Schweigen, ehe sich eine Männerstimme meldete. „Hier spricht Henry Bellamy aus New Orleans. Entschuldigen Sie die späte Störung, Miss, aber ich muss unbedingt wissen, ob Mr. Tyler auch außerhalb von Cleveland Aufträge annimmt. Hier in New Orleans, um genau zu sein.“
„Mr. Bellamy“, antwortete Sam schmunzelnd, „ich nehme überall dort einen Auftrag an, wo ich gebraucht werde. Und was die späte Störung betrifft, so würden Sie mich wohl kaum anrufen, wenn es nicht wirklich dringend wäre. Was haben Sie für Probleme?“
Wieder schwieg der Mann einen Moment. „Eh, Miss, heißt das, dass Sie Sam Tyler sind? Der, hm, Bodyguard?“, vergewisserte er sich.
„In der Tat“, bestätigte Sam. „Samantha Tyler, um genau zu sein. Was kann ich für Sie tun?“
„Miss Tyler, mein Problem ist, dass ich bedroht werde ...“
Ende

Im nächsten Roman:
Henry Bellamy hat von seinem kürzlich verstorbenen Onkel wertvolle antiquarische Bücher geerbt. Seitdem wird er immer wieder bedroht und engagiert schließlich Sam als Bodyguard. Doch sie stellt sehr schnell fest, dass sie ihren Klienten nicht nur vor weltlichen Angreifern schützen muss, denn eins der geerbten Bücher ist „Das Grimoire der Marie Laveau“, der Hexenkönigin von New Orleans. Hinter diesem mächtigen Zauberbuch ist nicht nur der finstere Voodoo-Priester Jaques LeGrand her, und Sam ist gezwungen, in die Vergangenheit zu reisen, um das Geheimnis des Buches zu lüften und ihren Klienten vor dem Tod zu bewahren ...
„Das Grimoire der Marie Laveau“ erscheint zum 2-jährigen Jubiläum am 05. Juni 2008 exklusiv bei 
Kleines mythologisches Lexikon/Glossar
Roma, Sinti, Gypsies, Gitanos und Gitanes
Diese Begriffe sind die Bezeichnungen für die jene Volksgruppen, die man unter dem Namen „Zigeuner“ zusammenfasst. Im Grunde genommen gibt es nur die beiden Volksgruppen Roma und Sinti. Die werden jedoch in angelsächsischen Ländern unterschiedslos als „Gypsies“, in hispanischen Ländern als „Gitanos“ und in frakolingualen Ländern als „Gitanes“ bezeichnet. Die beiden Begriffe Roma und Sinti sind grammatikalisch gesehen die 3. Person Plural. Ein einzelner männlicher Vertreter ist ein Rom oder Sinto, eine einzelne weibliche Person eine Romni oder Sintiza. Die von beiden Gruppen mit unterschiedlichem Dialekt gesprochene gemeinsame Sprache heißt Romani oder Romanès. Rom/Romni bedeutet im Deutschen nichts anderes als „Mann/Frau“, Roma heißt „Menschen“. Sinto/Sintiza hingegen wird (gemäß den Sprachforschern Windisch und Black) allgemein mit „Zigeuner/Zigeunerin“ übersetzt.
Quellen: „Großes Wörterbuch der Zigeunersprache“ von Siegmund A. Wolf
„Zigeuner – Das verachtete Volk“ von Ulrich Völklein

Der mulo
Mulo (Plural: muli) ist die Bezeichnung für den Geist eines Toten, der die Macht hat, in den Nachtstunden (von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang) und in der Mittagsstunde (12 – 13 Uhr, „wenn die Sonne am höchsten steht“) die Welt der Lebenden heimzusuchen und diese Zeiten nutzt, um im Leben erlittenes Unrecht zu rächen. Aus diesem Grund gehört es zu den Bestattungsriten der meisten Roma- und Sinti-Gruppen, dass sie am Sarg des Verstorbenen alle ihre ihm gegenüber begangenen Verfehlungen öffentlich aufzählen und ihn um Verzeihung bitten. Es gilt als schwerstes Vergehen, das die Zigeuner kennen, einen Toten zu beleidigen, da das den unsterblichen Zorn seines mulo unweigerlich provoziert, wovon die ganze Sippe betroffen ist, denn das Vergehen eines von ihnen fällt auf alle zurück. Außerdem verpflichtet ein bei der Seele eines/einer Toten geleisteter Schwur, ihn bis zum Tod einzuhalten bzw. im Namen eines Toten nur die reine Wahrheit zu sprechen, da alles andere die Rache seines mulo auf den Plan ruft.
Quelle: „Zigeuner – Das verachtete Volk“ von Ulrich Völklein

Bibijaka
Obwohl die Roma und Sinti heute in der Regel die Religion des Landes übernommen haben, in dem sie leben und dem entsprechend Christen, Moslems, Hindus oder Buddhisten etc. sind, haben sie teilweise immer noch ihre alte eigene Religion. Die „heidnische“ Zigeuner-Göttin Bibijaka wird manchmal mit der heiligen „Schwarzen Sara“ (Sara Kali) gleichgesetzt. Bibijaka ist eine Naturgöttin, die in den Wäldern und auf den Bergen lebt. Es heißt, sie sei größer als jeder normale Mensch, strahle wie aus Gold, fliege durch die Nacht und zeige sich nur Auserwählten. Sie wird in der Regel dargestellt als eine Frau in einem roten Gewand, mit ungekämmten schwarzen Haaren und manchmal Wolfspfoten und/oder einem Wolfkopf. In einigen Legenden heißt es auch, sie sei die Mutter des ersten Werwolfs, Moeris. Sie gilt als Göttin des Reichtums und Wohlergehens ebenso wie der Heilkunst. Wer sie beleidigt, den straft sie mit Krankheit und Armut.
Quelle: „Roma- Eine Reise in die verborgene Welt der Zigeuner“ von Tomasevic, Djuric und Zamurovic

Alako
Sohn des Baro Devel (= Gott) und des Mondes, Beschützer der Zigeuner, der ihre Seelen nach dem Tod „zum Mond“ bringt = ins Paradies. Er gilt als erbitterter Feind des Teufels („O Beng“) ebenso wie als ein Opponent von Christus (in anderen Legenden wird er Christus gleichgesetzt) und hat in manchen Mythen eine Trickster-Mentalität ähnlich dem germanischen Gott Loki oder dem Koyoten der indianischen Mythologie.
Quelle: „Roma - Eine Reise in die verborgene Welt der Zigeuner“ von Tomasevic, Djuric und Zamurovic

Die Kris/der Kris
Das Wort „kris“ bedeutet sowohl „Gerechtigkeit“ wie auch „Allerhöchste/r/s“.
Die Kris ist das oberste Sippengericht, das über schwerwiegende Verbrechen und Verstöße gegen die Sitten und Gebräuche der Zigeuner entscheidet. Es besteht immer aus fünf Männern (niemals Frauen), die mit keiner der zu richtenden Personen verwandt oder befreundet sind, um die Unparteilichkeit zu garantieren. Die Kris ist zuständig für alle Arten von Verbrechen wie auch für das Schlichten „einfacher“ Differenzen wie z. B. Besitzstreitigkeiten, Höhe eines Brautpreises oder Beleidigungen. Die Kris entscheidet auch über Scheidungen. Die schwerste Strafe, die von der Kris verhängt werden kann, ist die Verbannung und der Ausschluss aus dem Stamm (bei Raub, Ehebruch und Mord).
Der Kris bezeichnet das allerhöchste Wesen = Gott und ist in seiner Bedeutung „Gerechtigkeit“ gleichzeitig auch ein nicht selten vorkommender männlicher Vorname. „Te marel man o kris!“ ist ein weit verbreiteter Fluch, der bedeutet: „Möge der Allerhöchste dich töten!“
Quellen: „Roma - Eine Reise in die verborgene Welt der Zigeuner“ von Tomasevic, Djuric und Zamurovic

Die Trommel
Die Trommel ist nicht nur das älteste Musikinstrument der Welt, sie wurde auch bei allen Völkern (und wird teilweise noch) als mächtiges magisches Instrument benutzt. Meistens gilt sie als die Stimme, die die Zaubersprüche und Gebete der Menschen zu den Göttern trägt wie auch als die Stimme, mit der die Götter zu den Menschen sprechen. Sie kann Menschen in Trance versetzen, und vielen Trommeln werden heilende Kräfte zugesprochen. Die Trommel ist neben der Rassel das Hauptinstrument in allen schamanistischen Religionen und galt überall auf der Welt zu manchen Zeiten als heilig, bzw. gilt sie das bei etlichen Völkern teilweise heute noch (z. B. in Afrika, Sibirien, Asien, bei den amerikanischen Ureinwohnern u. a.). Außerdem gibt es unzählige Legenden über sie.
Wer mehr wissen will, sollte Mickey Harts Buch „Die magische Trommel“ lesen oder Axel Brücks „Schamanische Ritualmusik“.
Quelle: Diverse

Die Dryade
Dryade = griechisch „Baum, Eiche“. Dryaden sind ausschließlich weibliche Baumgeister oder Baumgöttinnen, oft auch als Baumnymphen bezeichnet, die ihre Lebenskraft aus „ihrem“ Baum beziehen, mit dem sie in einer Symbiose leben. Sie sterben, wenn der Baum vernichtet (z. B. gefällt) wird. Dryaden streifen manchmal in menschlicher Gestalt als Jägerinnen oder Schäferinnen durch die Wälder und verführen manchmal, aber eher selten, Menschenmänner.
Quelle: Kaurs mythologisches Lexikon

Thorluks Schädel und Kallas Blut
Diese dämonische Schwurformel ist eine reine Erfindung der Autorin und hat keinen realen mythologischen Hintergrund. Doch die dazu gehörige (erfundene) Legende besagt, dass Gott, nachdem er Adam und Eva erschaffen hatte, auch ein erstes Dämonenpaar erschuf: Thorluk und Kalla, denen er die Herrschaft über die Unterwelt gab wie den Menschen die Herrschaft über die Erde. Thorluks Schädel (Kopf) enthält alle Weisheit der Dämonen und das Wissen um die wenigen unumstößlichen Gesetze, an die sie sich halten, und Kallas Blut ist die „Trägersubstanz“ aller dämonischen Magie. So wie die Menschen dem Schöpfungsmythos nach von Adam und Eva abstammen, stammen alle natürlich geborenen Dämonen von Thorluk und Kalla ab. Nachdem Luzifer aus dem Himmel verbannt wurde und sich zum Herrscher der Unterwelt aufschwang, zogen sich Thorluk und Kalla in ein eigenes, selbst erschaffenes Reich zurück und wurden seitdem nicht mehr in der Unterwelt oder einer anderen bekannten Dimension gesehen. Trotzdem fürchtet jeder Dämon ihre Macht immer noch mehr als die von Luzifer.
Ein Schwur „bei Thorluks Schädel und Kallas Blut“ ist der einzige Eid, den alle Dämonen als bindend anerkennen und sich hüten, ihn jemals zu brechen, denn dem, der diesen Schwur bricht, droht eine unaussprechlich grausame, ewig dauernde Strafe, die sogar noch schlimmer sein soll als die schlimmsten Höllenqualen.

© Mara Laue
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