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Serien & Stories

Welt in Gefahr

X

»Es gibt zu viele Dinge, welche ich im Laufe meiner Forschungen nicht habe ergründen können. Meine bisherigen Erkenntnisse aber zeigen, dass die prähumane Hyperzivilisation keineswegs ausgestorben ist. Sie existiert noch immer. Irgendwo. Hier auf unserem Planeten.«

Paul Symmes Das Geheimnis der Hyperzivilisation

Prolog

Sie öffnete ihre Augen. Grelles Licht blendete sie. Sie wusste nicht, was mit ihr geschah, noch, wo sie sich gerade aufhielt. Eine starke Übelkeit machte sich bemerkbar. In dem hellen Schein, der sie umgab, erkannte sie gelegentlich einen Schatten. Eine Person, die ihr gegenüberstand. Manchmal kam es ihr vor, als würde diese Gestalt wie Wachs zerfließen, nur um wenige Sekunden später ihre normalen Proportionen zurückzuerhalten. Sie nahm unterschiedliche Geräusche wahr. Mechanische Laute. Als würde sich irgendwo eine große Maschine befinden, die zischend Dampf ausstieß, während sich ihre Kolben stampfend auf und ab bewegten.
Auf einmal wurde ihr Körper von einem schmerzhaften Druck heimgesucht. Es fühlte sich an, als würde ihr Kopf wie eine Melone zusammengequetscht werden. Die Übelkeit nahm schlagartig zu. Sie musste sich übergeben. Ihr ganzer Körper erstarrte in einer Art Krampf. Sie würgte erneut. Das grelle Licht schien sie zu verbrennen, so als befände sie sich im Zentrum einer gleißenden Sonne. Sie schrie laut auf, als der Schmerz sie beinahe um ihren Verstand brachte.

1

Im Türrahmen stand eine schmale Gestalt. Maki hielt diese zunächst für einen Nachhall ihres Traumes. Doch dann vernahm sie Schritte, als die Person auf ihre Koje zuging.
Jemand schaltete das Licht an. Es erhellte eine kleine Kabine, in der sich außer der Koje, auf der sie lag, ein leerer Kleiderschrank und ein Schreibtisch mit einem einfachen Holzstuhl befanden.
Die Gestalt, die sie zunächst für ein Trugbild gehalten hatte, entpuppte sich im Licht der Deckenlampe als Frederic Tubb. Er trug ein kariertes Baumwollhemd und eine dunkle Jeans. »Wir müssen los.«
Maki spürte, wie sich das Schiff auf den Wellen bewegte. Sie befanden sich an Bord der Leng, ein Forschungsschiff, dem Victor Leng seinen eigenen Namen verpasst hatte. Der Unterschied zu Mark Rangers Octopus lag darin, dass die Besatzung der Leng hauptsächlich aus Söldnern bestand. Es gab keine Wissenschaftler an Bord.
Immerhin hatte Leng ihnen trockene Kleidung gegeben. Durch ihr Abenteuer auf der Felseninsel waren sie bis auf die Knochen durchnässt worden. Woher auch immer der chinesische Geschäftsmann ihre Körpergrößen wusste, die Kleidung, die in ihren Kabinen bereitgelegen hatte, passte wie angegossen. Sie trug einen dunklen Pullover und ebenfalls eine Jeans. »Ich glaube, ich habe gerade von meiner Schwester geträumt.«
»Wir werden sie finden.«
Maki schwieg für einen Moment. »Wo haben die Prähumanen sie hingebracht?«
»Das werden wir herausfinden«, versuchte Tubb, ihr Mut zu machen. »Zunächst aber müssen wir wohl oder übel mit Leng sprechen. Zwei seiner Wächter haben mich gerade abgeholt.«
»Glaubst du. Leng lässt uns jemals wieder gehen?«
»Hören wir uns erst einmal an, was er zu sagen hat.«
»Wohin bringt er uns überhaupt?«
Tubb hob ahnungslos seine Hände. »Er erwähnte den Pazifik.«
»Eine weitere Kugel?«
»Möglicherweise.«
Gemeinsam verließen sie die Kabine. Zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Söldner warteten davor und geleiteten sie den Gang entlang. An dessen Ende stiegen sie eine Treppe empor und blieben wenige Meter danach vor einer der hellen Holztüren stehen. Einer der beiden Söldner klopfte an.
»Herein!«, rief eine Stimme.
Der Mann forderte Maki und Tubb mit einer energischen Bewegung seiner Pistole auf, der Aufforderung Folge zu leisten.
Sie betraten einen großen Raum, der von gedämpftem Licht erhellt wurde und in dessen Mitte mehrere Tische zu einem großen Viereck zusammengestellt waren. John Arnold, der bereits an einem der Tische saß, nickte ihnen zu. Er trug wie Tubb ein Baumwollhemd und eine dunkle Hose. Ähnlich gekleidet waren auch Sam Richards und Mark Ranger. Mark grinste ihr zu, während Richards mit gerunzelter Stirn vor sich hinstarrte. Wahrscheinlich trauerte er noch immer Dorothy nach. Das U-Boot war durch die heftigen Vibrationen, welche diese mysteriöse Kugel ausgelöst hatte, zerstört worden. Ein großer Teil der Mannschaft war dabei ums Leben gekommen.
Den dreien gegenüber saß Victor Leng. Er erhob sich, verbeugte sich leicht und wies ihnen mit einer Handbewegung zwei leer stehende Stühle zu, welche sich auf der Seite von Arnold und den anderen beiden befanden. »Ich hoffe, Sie konnten sich etwas ausruhen.«
Tubb und Maki setzten sich, ohne etwas darauf zu erwidern.
Victor Leng hielt sein falsches Grinsen aufrecht. Er klatschte in die Hände. Kurz darauf erschien ein indischer Diener mit einem Tablett, auf dem sechs Kaffeetassen klirrten, welche eine geschwungene Porzellankanne umzingelten. Er verteilte die Tassen und schenkte darauf den Kaffee ein.
»Eine kleine Erfrischung«, bemerkte Leng, nachdem der Diener den Raum verlassen hatte. »Abendessen gibt es, sobald wir hier fertig sind. Ich hoffe, Sie fühlen sich an Bord meines Schiffes einigermaßen wohl.«
»Wir sind nichts weiter als Gefangene«, murrte Richards.
Leng verzog sein Gesicht zu einer gespielten Empörung. »Aber bitte, Mr. Richards. Was für harte Worte. Sehen Sie sich lieber als meine Gäste an. Sie dürfen sich an Bord der Leng frei bewegen. Die Bibliothek steht Ihnen zur vollen Verfügung. Sie bekommen drei Mahlzeiten am Tag.«
»Was würden Sie unternehmen, wenn wir versuchten zu fliehen?«, unterbrach ihn Arnold.
»Mr. Arnold, jetzt fangen Sie auch damit an. Denken wir nicht an solch unschöne Dinge.« Er zögerte einen Moment, bevor er fortfuhr: »Natürlich würde ich mich gezwungen sehen, Sie zu erschießen, Mr. Arnold. Aber bedenken Sie lieber Ihre derzeitige Lage. Wir befinden uns mitten im offenen Meer. Weit und breit ist kein Schiff in der Nähe. Und Land sehen Sie hier nur in Ihren Träumen.« Er nippte an seiner Tasse. »Mr. Tubb, ich hoffe, Sie haben nicht ebenfalls solch düstere Gedanken wie Ihre beiden Freunde.«
Tubb tippte mit der Spitze seines Zeigefingers leicht gegen die Tasse, was zu Schwingungen an der Oberfläche der schwarzen Flüssigkeit führte. Das belanglose Phänomen erinnerte ihn unweigerlich an die Vibrationen der Kugel. »Als wir uns noch auf der Insel aufhielten, erwähnten Sie Signale, die Sie empfangen hätten und die sie in den Zusammenhang mit den Kugeln brachten. Mich würde daher interessieren, welcher Art diese Signale sind und wo ihr jeweiliger Ursprung liegt.«
Leng stellte seine Tasse zurück auf den Tisch. »Wie immer kommen Sie sogleich zur Sache, Mr. Tubb. Das gefällt mir an Ihnen. Ich hasse es, wenn jemand lange um den heißen Brei herumredet. Meine Antwort ist folgende: Bei den Signalen handelt es sich um elektrische Impulse, welche von irgendeinem Mechanismus ausgestrahlt werden. Das heißt, die Möglichkeit ist groß, dass es sich bei diesem Mechanismus um die von Ihnen erwähnte Kugel handeln könnte. Wie ich bereits erwähnte, fingen wir vier Signale auf. Eines davon stammt von der Felseninsel, wo ich Sie und Ihre Freunde aufgelesen habe. Die anderen drei Signale werden aus dem Atlantik, dem Mittelmeer und dem Pazifik gesendet.«
»Haben Sie dort ebenfalls Felseninseln entdeckt?«, wollte Maki wissen.
»In der Tat, Miss Asakawa. Neueste Satellitenbilder zeigen kleine Inseln an Stellen, an denen sich zuvor nichts als Wasser befunden hat.«
Mark Ranger wirkte auf einmal äußerst nachdenklich. »Ich war beim Auftauchen der Insel im Indischen Ozean dabei. Mr. Tubb, halten Sie es für ausgeschlossen, dass die anderen Inseln zur selben Zeit an die Wasseroberfläche traten?«
»Den Prähumanen ist alles zuzutrauen. Falls es so ist, dann handelt es sich hierbei um eine geplante Aktion und nicht um bloßen Zufall.«
Victor Leng trank erneut einen Schluck Kaffe, bevor er sagte: »Um ehrlich zu sein, ist mir der Grund für das plötzliche Auftauchen der Inseln völlig egal. Mir geht es nur um deren Inhalt. Ich interessiere mich lediglich für jene Kugeln. Leider haben Sie es fertiggebracht, eine davon zu zerstören. Daher bleibt mir nichts anderes übrig, als eine der anderen aufzusuchen.«
»Welches Ziel steuern Sie demnach an?«, fragte Arnold.
»Den Pazifik, mein Lieber. Wir werden die Koordinaten in wenigen Tagen erreichen. Dort ist es dann Ihre Aufgabe, den Mechanismus, der sich darin befindet, zu untersuchen. Falls möglich, möchte ich dieses Ding an Bord meines Schiffes bekommen.«
»Wenn es auf dieselbe Weise wie die Kugel funktioniert, die wir zerstört haben, können Sie Ihr Schiff gleich an Ort und Stelle versenken«, meinte Richards.
Leng wirkte für einen Moment verunsichert. Erneut wandte er sich an Frederic Tubb. »Erzählen Sie mir mehr darüber. Was geschah in dieser Höhle?«
Tubb fasste die Ereignisse kurz zusammen. Dabei ließ er es nicht aus, sich auch Gedanken über den Mechanismus zu machen, für den sie bisher keine andere Bezeichnung als Kugel besaßen. »Die Kugel besteht aus einer Art Metall, das aber nicht auf die Strahlen der Prähumanen reagiert. Ein Treffer aus einer ihrer Waffen müsste das Metall im Nu rosten lassen. Nichts dergleichen geschah. Aus Öffnungen, die sich in der unteren Hälfte der Kugel befinden, hängen Stahlketten, an deren Enden Metallkästen befestigt sind. Welche Rolle diese Kästen spielen, ist mir rätselhaft. Meiner Meinung nach aber führen die Bewegungen der Ketten zu den Vibrationen der Kugel. Die Schwingungen beeinflussen die direkte Umgebung. Das von den Ketten ausgelöste Phänomen zerstört sämtliches Material. Es führt beim Menschen zu einem qualvollen Tod. Es ist offensichtlich, dass es sich bei diesem Ding um eine Waffe handelt. Die Höhlenzeichnungen, welche Edwin Rouge entdeckte, unterstreichen dies.«
Victor Leng rieb sich begeistert die Hände. »Mit einer Waffe von solcher Zerstörungskraft könnte man Milliarden verdienen. Sie glauben gar nicht, wie viel Geld Regierungen für eine solche Spielerei hinblättern würden.«
»Ihr Geld interessiert mich nicht«, erwiderte Tubb. »Ich möchte viel eher wissen, aus welchem Grund die Inseln ausgerechnet an den von Ihnen erwähnten Standpunkten an die Oberfläche traten.«
Mark, der als Einziger von ihnen seine Tasse ausgetrunken hatte, erklärte: »Meiner Meinung nach ist dies allzu offensichtlich. Die Insel, die wir vor Kurzem verlassen haben, könnte im Zusammenhang mit dem hypothetischen Kontinent Lemuria stehen. Auf diesen Zusammenhang stießen Sie bereits selbst, Mr. Tubb. Die anderen Inseln …«
»Die Inseln stehen im Zusammenhang mit anderen versunkenen Kontinenten«, unterbrach ihn Maki.
»Genau das wollte ich eben sagen. Das Mittelmeer steht für Atlantis. Der Atlantik für den rätselhaften Kontinent Gondwana. Der Pazifik schließlich für das sagenhafte Reich Mu.«
Tubb nickte bedächtig. »Vier Reiche, vier Inseln.«
»Vier Kugeln«, fügte Arnold hinzu.
»Von mir aus können Sie Ihre Spekulationen in Ihren Kabinen weiterführen«, unterbrach Leng die Diskussion. »Wie ich bereits sagte, geht es mir in erster Linie um diese Kugeln. Ich hoffe daher, dass Sie mich nicht enttäuschen werden.«
»Und was ist mit meiner Schwester?«, platzte Maki heraus.
Victor Leng schien den Zusammenhang nicht zu verstehen. Er betrachtete sie verwirrt und fragte: »Was hat das mit Ihrer Schwester zu tun?«
»Sie wurde von den Prähumanen entführt. Sie steht in einer Art geistigen Verbindung zu einer der Kugeln.«
Leng blickte von Maki Asakawa auf Tubb und wieder zu ihr zurück. »Wie meinen Sie das?«
Tubb rückte die noch volle Kaffeetasse von sich weg. »Das bedeutet, dass diese Dinger nur mithilfe von Gedankenübertragung funktionieren, was ebenfalls auf den Höhlenzeichnungen festgehalten wurde. Wir dachten, Miss Asakawas Schwester würde sich auf der von Mark Ranger entdeckten Insel aufhalten. Wie sich herausstellte, war dies eine Fehlanzeige. Wir wissen nicht, wo sie hingebracht wurde. Wir wissen nur, dass sie in einem direkten Zusammenhang mit den Geschehnissen steht. Wir brauchen also nicht nur eine der Kugeln, sondern müssen auch Yui Asakawa finden.«
Lengs Lippen bildeten einen schmalen Strich. Schließlich sagte er: »Es bleibt bei meinem Plan, Mr. Tubb. Sie holen eine der Kugeln an Bord meines Schiffes. Sollte Ihnen dies nicht gelingen, wird es Ihnen sehr leidtun. Darauf können Sie wetten.« Seine Augen strahlten eine unsagbare Kälte aus.

2

»Also, was haben Sie vor?« John Arnold setzte sich auf den wackeligen Holzstuhl in Tubbs Kabine.
Frederic Tubb stand vor dem Bullauge, in dessen Scheibe sich sein Gesicht geisterhaft spiegelte. Seine Hände hatte er im Rücken verschränkt.
Maki saß auf dem Bettrand und wartete gespannt auf seine Antwort.
Mark Ranger und Sam Richards waren nicht weniger neugierig. Beide standen vor der Kabinentür.
Nach dem Gespräch mit Victor Leng hatten sie tatsächlich in der Messe ein Abendessen serviert bekommen. Unter ständiger Bewachung von drei russischen Söldnern hatten sie zähes Rindfleisch und verkochtes Gemüse gegessen. Danach hatte man sie zurück in das untere Deck gebracht, wo ihre Kabinen lagen. Anscheinend war es Leng egal, was sie taten, solange sie nicht seine Pläne durchkreuzten.
Frederic Tubb wandte sich von dem Bullauge ab. »Wir fliehen.«
»Wie bitte?«, krächzte Arnold.
»Wir müssen dafür den Helikopter in unseren Besitz bringen.«
Arnold fuhr mit beiden Händen über sein Gesicht. »Miss Asakawa, sagen Sie diesem Trottel, er soll aufhören zu träumen.«
Maki zuckte nur mit den Schultern.
Arnold geriet fast außer sich. »Meine Güte, Tubb! Sie sind tot, bevor Sie auch nur einen Schritt in Richtung des Hubschraubers machen.«
»Was schlagen Sie dann vor, Arnold? Abwarten und Tee trinken?«
John Arnold schnaufte. »Abwarten. Das wäre meine Idee gewesen. Leng spielt so lange den braven Jungen, bis wir in die Nähe der Insel kommen. Danach können wir uns noch immer entscheiden, was wir machen werden.«
»Vielleicht ist dort meine Schwester«, bemerkte Maki. »Ich gebe Arnold recht. Wir sollten zunächst abwarten, bis wir wissen, was sich auf der anderen Insel befindet.«
Arnold wirkte erleichtert. »Eine weise Entscheidung. Also, was meinen Sie, Tubb?«
Frederic Tubb erinnerte sich, was Maki ihm auf der Felseninsel gesagt hatte. Er würde stets zu voreilig handeln. Er wäre blind gegenüber Alternativen. Vielleicht hatte John Arnold recht. Vielleicht wäre es tatsächlich besser, noch etwas zu warten. Und, wie Maki gesagt hatte, ein plötzlicher Fluchtversuch würde der Suche nach Yui Asakawa im Weg stehen. »In Ordnung. Warten wir also ab.«
John Arnold zeigte eine Art Grinsen. »Darauf sollten wir einen trinken.«

3

Mark Ranger lehnte sich gegen die Reling und schaute hinaus auf den Ozean. Vor dem vollen Mond zogen finstere Wolken wie die Vorboten einer schlechten Nachricht vorüber. In weiter Ferne erkannte er die Lichter eines anderen Schiffes. Sein Forschungsschiff Octopus war von Lengs Männern gekapert worden. Das Schiff war ihnen nicht gefolgt. Entweder ankerte es noch immer an der Felseninsel oder steuerte inzwischen ein ihm unbekanntes Ziel an. Er machte sich Sorgen um seine Mannschaft. Es fiel ihm schwer, zu glauben, dass Henry tot war. Er fehlte ihm.
Nach einer Weile näherten sich Schritte. Maki Asakawa stellte sich neben ihn und ließ ihren Blick ebenfalls hinaus durch die Dunkelheit schweifen.
»Ich wusste nicht, dass Arnold das mit dem Trinken ernst gemeint hat«, bemerkte Mark.
»Die drei sitzen in der Messe und plündern Lengs Schnapslager. Wieso bist du nicht dabei?«
»Ich wollte lieber einen Moment alleine sein.«
»Soll ich wieder verschwinden?«
»So habe ich das nicht gemeint. Es ist nur so, dass mir die Sache mit Henry ziemlich fertig gemacht hat.«
Maki nickte. »Fast jeder von uns hat jemanden verloren.«
»Etwa auch Frederic Tubb?«
»Er hat seine Frau verloren. Fred will es nur nicht wahrhaben. Er glaubt, dass sie noch lebt und er sie irgendwann einmal wiederfindet.«
Mark hob seine Augenbrauen. »Sie ist tot?«
»Der offizielle Vermerk lautet verschollen. Ihr Auto wurde in einem Fluss gefunden. Es war mitten im Winter. Auch wenn die Umstände des Unfalls rätselhaft bleiben, spricht Vieles dafür, dass sie ertrunken ist.«
»Inwiefern rätselhaft?«
»Das Auto sah aus als wäre es von einer der Strahlenwaffen der Prähumanen getroffen worden. Es war völlig verrostet, so als läge es bereits seit Jahren in dem Fluss. Fred glaubt daher, dass die Prähumanen seine Frau entführt haben.«
Mark räusperte sich. »Er versucht irgendwie damit klarzukommen.«
»Aber er macht sich damit selbst kaputt«, erwiderte Maki energisch. »Ich habe Angst davor, was passiert, wenn er der Wahrheit plötzlich ins Gesicht sehen muss.«
»Du machst dir große Sorgen um ihn, nicht wahr?«, fragte Mark.
»Wie meinst du das?«, erwiderte Maki vorsichtig.
»Sagen wir einmal so, zwischen dir und ihm besteht eine gewisse Zuneigung.«
Maki wirkte auf einmal verkrampft. »Es ist nicht so, wie du denkst.«
Mark lächelte. »Das sagen sie alle.«
Sie stieß ihn leicht in die Seite. »Du hast Glück, dass ich dich nicht gleich über Bord werfe.«
»Gib zu, du hast eher Mitleid mit den Haien, da sie sich sonst ihre Mägen verderben.«
»Du hast es erraten.«
»Wie ich sehe, genießen Sie die Fahrt auf meinem Schiff.«
Beide erstarrten in ihren Bewegungen.
Victor Leng lehnte wenige Meter von ihnen entfernt an der Reling und rauchte eine Zigarre. »Es tut mir leid, wenn ich Sie bei Ihrem romantischen Beisammensein gestört habe. Ich schätze die nächtliche Brise. Die Kühle erfrischt meine Gedanken. Ich komme auf neue Ideen.«
»Haben Sie auch eine Idee, was Sie mit uns machen werden, wenn Sie uns nicht mehr brauchen?«, fragte Maki.
Leng klopfte die Asche von seiner Zigarre ab. »Es kommt ganz darauf an, ob Sie für mich zu einem Ballast werden. Sie kennen meine Beweggründe. Manchmal benötigt man andere, die einem dabei helfen, das Ziel zu erreichen. Hat man den gewünschten Punkt erreicht, sieht die Welt plötzlich ganz anders aus.«
»Sie werden uns demnach töten?« Marks Stimme zitterte bei dem Gedanken.
»Es hängt ganz davon ab, wie sich meine und Ihre Interessen entwickeln werden«, sprach Leng mit eisiger Ruhe weiter. »Aber Sie haben indirekt recht. Was mit Ihnen geschehen wird, liegt letztendlich in meiner Macht.«
»Sie sind widerlich«, entgegnete Maki.
Leng verzog keine Miene. »Ich weiß, wie Sie über mich denken, Miss Asakawa. Aber es ist mir unwichtig. Übrigens habe ich Ihr kurzes Gespräch in Mr. Tubbs Kabine belauscht. Ich weiß, so etwas gehört sich nicht. Doch diente es der reinen Selbstsicherheit.« Er stieß einen Kreis aus Zigarrenrauch aus, der rasch vom Wind verweht wurde. »Es ist gut, dass Sie den Gedanken an eine Flucht fallen gelassen haben. Ich hätte mich gezwungen gesehen, Sie auf der Stelle zu beseitigen. Leute, die gegen mich arbeiten, kann ich nicht gebrauchen.«
Maki und Mark schwiegen.
Victor Leng betrachtete den Mond. »Um ehrlich zu sein, habe ich mir seit unserem letzten Gespräch etwas meinen Kopf zerbrochen. Was sollte das mit Ihrer Schwester? Welche Rolle spielt sie in diesem Fall?«
»Ich sagte bereits, dass sie von den Prähumanen entführt wurde.«
»Aber aus welchem Grund?«
»Sie träumte von dem Mechanismus. Mehr weiß ich auch nicht.«
»Sie träumte davon?« Leng betrachtete sie skeptisch.
»Irgendetwas hat die Prähumanen auf meine Schwester aufmerksam gemacht. Vielleicht besitzt sie wirklich die Fähigkeit, den Mechanismus zu steuern.«
»Die von Ihnen zerstörte Kugel funktionierte allerdings ohne Gedankensteuerung.«
»Es war jedenfalls niemand anwesend, der sie hätte steuern können. Meine Schwester haben wir nicht gefunden.«
Leng schaute hinunter auf die Wellen, die dunkel am Schiff vorbeizogen. »Die Idee mit der Gedankensteuerung könnte demnach auch falsch sein.«
»Könnte«, wiederholte Maki.
»Ich nehme an, Mr. Tubb kam auf diesen Einfall.«
»Die Höhlenzeichnungen brachten ihn darauf«, präzisierte sie.
Leng nickte nachdenklich. »Wir werden sehen, was sich auf der nächsten Insel befindet. Bis dahin sollten Sie darauf achten, dass Mr. Tubb sich an meine Spielregeln hält.« Er löste sich von der Reling und spazierte gelassen davon.
Maki schaute ihm angewidert nach. Als sie sich wieder Mark zuwandte, sagte sie: »Ich mache mir wegen Yui große Vorwürfe. Manchmal glaube ich, wenn ich Sie nicht besucht hätte, dann wäre dies alles nicht passiert. Sie würde noch immer in ihrer Galerie arbeiten und wüsste nichts von den Prähumanen. Ich glaube, sie wäre nicht entführt worden.«
Mark legte seine Hand auf ihre Schulter. »Sieh es doch einmal aus der anderen Perspektive. Vielleicht war es ihr großes Glück, dass du bei ihr gewesen bist, als sie entführte wurde. Du und Tubb habt die richtigen Schlussfolgerungen gezogen und euch sofort auf die Suche gemacht. Wärst du nicht da gewesen, hättest du lange Zeit nicht gewusst, was mit ihr geschehen wäre.«
Maki wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. »Hätte Fred diese idiotische Idee mit der Gedankenübertragung nicht gehabt, wäre ich wahrscheinlich noch immer in Osaka.«
»Wieso das denn?«
»Er wollte zurück nach London fliegen. Wegen seines Einfalls ist er extra wieder zurückgekommen.«
»Und da sprichst du nicht einmal von einer Zuneigung?«
»Sprechen wir lieber von etwas anderem.«

4

Sie befanden sich bereits seit mehreren Tagen an Bord der Leng, als Frederic Tubb von einem der Söldner aus seiner Kabine geholt wurde. Der bewaffnete Mann führte ihn in die Kommandozentrale. Es war früher Nachmittag. Dichter Nebel umgab das Schiff.
Victor Leng stand vor den großen Sichtfenstern. Als Tubb eintrat, drehte er sich sofort um. »Ich befürchte, irgendetwas ist im Gange, Mr. Tubb.«
»Sie sehen enttäuscht aus«, erwiderte Tubb nicht ohne Schadenfreude.
»Enttäuscht ist nicht der richtige Ausdruck. Das Signal der Kugel hat sich deutlich verstärkt. Das ist allerdings Ihr Problem, Mr. Tubb. Sorgen bereitet mir etwas anderes. Wir haben Funksignale erhalten. Anscheinend tummeln sich bei der Insel mehrere chinesische Kriegsschiffe.«
»Da ist Ihnen also jemand zuvorgekommen.«
Victor Lengs Miene blieb ohne jeden Ausdruck. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich noch jemand anderer für diese Signale interessieren würde.«
»Und was werden Sie jetzt tun?«
»Wir sind beinahe am Ziel. Ich werde meinen Plan nicht ändern. Es wird Ihre Aufgabe sein, das Problem zu lösen. Es geht um die Kugel. Ich muss in ihren Besitz kommen.«

5

Die Vibrationen waren bereits so stark, dass sie das gesamte Schiff durchzogen. Das Geräusch eines langanhaltenden, extrem tiefen Basstons erfüllte die Luft. Pulsartig ebbte er regelmäßig ab, nur um kurz darauf seine vorherige Stärke zurückzuerhalten.
Frederic Tubb stand zusammen mit John Arnold, Maki Asakawa sowie Richards und Mark Ranger am Bug des Schiffes. Victor Leng befand sich wenige Meter hinter ihnen. Söldner waren an verschiedenen Stellen positioniert. Ihre Aufstellung richtete sich weniger gegen Tubb und sein Team als gegen eine mögliche Gefahr, welche von den chinesischen Kriegsschiffen ausgehen konnte.
Es herrschte hoher Wellengang. Ein eisiger Wind wehte ihnen entgegen. Der Nebel begann sich zunehmend zu lichten. Schließlich zogen nur noch einzelne dunstige Schleier an ihnen vorbei.
Vor ihnen breitete sich der Pazifische Ozean aus.
Doch mit dem Schauspiel, das sich vor ihren Augen präsentierte, hatte keiner von ihnen gerechnet.
Eine zerklüftete Felseninsel ragte wenige Kilometer von ihnen entfernt aus dem Meer. Das dunkle Gestein war mit Schlick und glitschigen Algen bedeckt. Ihr Anblick erinnerte an eine düstere, längst vergessene Festung.
Um die Insel herum ankerten vier größere Kriegsschiffe. Helikopter umkreisten den Ort wie unruhige Insekten.
Der Himmel zeigte sich in einem trüben Graublau.
Tubb spürte, wie die Vibrationen seinen gesamten Körper beeinflussten. In seinen Ohren kitzelte es unangenehm. Seine Zähne schmerzten.
Die Leng fuhr mit halber Geschwindigkeit in direkter Linie auf die Insel zu. Um die Felsen herum schien das Wasser zu kochen. Die Wellen schlugen von Mal zu Mal kräftiger gegen den Bug des Schiffes. Gischt spritzte über das Deck.
Die Söldner wurden unruhig.
Ein Helikopter der chinesischen Marine steuerte auf sie zu. Als er sie in weniger als fünfzig Metern Höhe umkreiste, vernahm Tubb eine strenge Stimme, die durch einen Lautsprecher auf sie herniederschallte. Er verstand kein einziges Wort davon, doch war auch so die Intension des Sprechers klar. Man forderte sie auf, den Bereich sofort zu verlassen.
Tubb beobachtete, wie die Geschütze eines der Schiffe in ihre Richtung gedreht wurden.
»Das sieht alles andere als gut aus«, stellte Arnold fest.
»Machen Sie sich bereit«, raunte ihm Tubb zu.
»Was haben Sie vor?«
»Das wissen Sie bereits.«
John Arnold sank die Kinnlade herunter. »Sie sind tatsächlich von allen guten Geistern verlassen. Entweder werden wir von Lengs Leuten abgeknallt oder die Chinesen erledigen das. Sie dürfen es sich praktisch aussuchen.«
»Wir müssen von hier fort, verflucht. Die Vibrationen sind mehr als doppelt so stark wie diejenigen, welche wir in jener Höhle ausgesetzt waren. Sie nehmen sogar an Stärke zu.«
»Was ist mit ihrer Schwester?«
»Meinen Sie wirklich, dass jemand diese Schwingungen überlebt, wenn er sich direkt unterhalb der Kugel aufhält?«
Der Helikopter umkreiste sie weiterhin. Die blecherne Stimme bereitete Kopfschmerzen.
Tubb trat auf Leng zu. »Das war es dann wohl. Ihren Plan können Sie sich sonst wohin schieben.«
Victor Leng kniff seine Augen zusammen. »Sie machen das, was ich Ihnen befohlen habe, Mr. Tubb.«
»Entweder werden wir in Kürze beschossen oder die Vibrationen erledigen uns.«
Leng packte Tubb am Kragen seines Hemdes. »Sie glauben wohl, Sie können mich übertrumpfen?«
»Ich nicht, aber die dort drüben.«
In diesem Moment verlor einer der Söldner die Beherrschung. Er legte sein Maschinengewehr an und feuerte auf den Helikopter. Im Nu schossen auch die anderen Söldner mit ihren Waffen in den Himmel. Qualm stieg plötzlich auf. Der Helikopter geriet ins Schlingern. Schließlich zerriss das Gefährt in einem gewaltigen Feuerball. Die einzelnen Teile regneten auf das Meer und auf die Leng herab.
Direkt vor dem Bug spritzte eine enorme Wasserfontäne in die Höhe. Kurz darauf hallte der Knall eines Geschützes zu ihnen herüber.
Frederic Tubb stieß Leng von sich. »Von mir aus können Sie hier bleiben!«
Victor Leng zückte eine Pistole. John Arnold beförderte die Glock mit einem Schlag gegen Lengs Hand auf den Boden. Er ließ es dabei nicht bewenden. Der ehemalige CIA-Agent boxte Leng in den Magen und stieß ihn darauf von sich weg.
Victor Leng stolperte und fiel der Länge nach hin.
Arnold griff sich die Waffe. »Jetzt können wir wirklich nur noch von hier verschwinden.«
Frederic Tubb winkte den anderen zu, ihnen zu folgen.
Eine zweite Wasserfontäne, diesmal nahe an Steuerbord, schoss in die Höhe. Das Schiff schwankte gefährlich.
»Stehen bleiben!«, brüllte ein Söldner, der sich ihnen in den Weg stellte. Er hob sein Maschinengewehr an, doch bevor er abdrücken konnte, hatte Arnold ihn mit einem gezielten Schuss erledigt.
Sam Richards nahm das Gewehr an sich.
Es folgten Maschinengewehrsalven aus unterschiedlichen Richtungen. Die Kugeln durchlöcherten das Deck.
»Schneller!«, schrie Arnold.
»Wie können wir uns beeilen, wenn Sie dahin kriechen wie eine Schildkröte?«, gab Richards zurück. Er feuerte auf einen der Söldner, der über die Reling ins Wasser stürzte.
Sie hielten sich genau in der Mitte des Schiffes auf, als die Kommandozentrale durch eine grellrote Explosion zerstört wurde. Die Erschütterung riss alle zu Boden.
»Verflucht!«, schrie Arnold. »Ihren Fluchtplan können wir in den Wind schlagen!«
»Nicht wenn wir das Helideck erreichen!«, erwiderte Tubb.
Als die Wucht der Explosion nachgelassen hatte, ertönten die Vibrationen in noch größerer Intensität als zuvor. Tubb sah, wie sich einer der Söldner die Ohren zuhielt und verzweifelt hin und her rannte. Auf einmal blieb er stehen, so als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gestoßen. Seine Augen traten aus ihren Höhlen und sein Gesicht nahm eine tiefrote Farbe an. Eine Sekunde später zerplatzte sein Kopf wie eine Wassermelone. Anderen Söldnern erging es ähnlich. Die unheimliche Gefahr, die sie plötzlich heimsuchte, führte dazu, dass Tubb und seine Leute nicht länger beschossen wurden.
Das gesamte Schiff stand inzwischen unter der zunehmenden Krafteinwirkung der Kugel.
Endlich erreichten sie das Heck. Eine Stahltreppe führte empor zum Helideck. Der Frachthubschrauber schien geduldig auf sie zu warten.
Ein weiterer Treffer riss den Bug auf.
John Arnold nahm seine Beine in die Hand. Er stolperte die Stufen empor, die auf einmal kein Ende zu nehmen schienen. Endlich erreichte er die Landeplattform.
Als Tubb auf das Helideck kam, wagte er einen Blick hinüber zur Insel. Mehrere der herumschwirrenden Hubschrauber explodierten beinahe gleichzeitig, als die Vibrationen einen noch höheren Grad erreichten.
John Arnold rannte wie von der Tarantel gestochen zum Hubschrauber und öffnete die Tür. Keiner der Söldner kümmerte sich mehr um sie.
Sam Richards sprang als Zweiter in den Helikopter. Er ging am Rand der Ladefläche in die Hocke und half zunächst Maki hinein, bevor er Mark Ranger beim Einstieg unterstützte. Gerade als Tubb hineinklettern wollte, ertönte hinter ihm ein gellender Schrei.
Reflexartig drehte er sich um.
Am Rand des Helidecks stand Victor Leng in zerrissener Kleidung und blutverschmiert. Er zielte mit einem Maschinengewehr auf Tubb. »Sie werden von hier nicht wegkommen, Mr. Tubb! Wenn ich sterbe, sollen Sie ebenfalls draufgehen!«
Ein Schuss knallte. Leng stolperte zurück, wobei er mit dem Gewehr unkontrollierte Salven abfeuerte. Ein paar Kugeln durchsiebten die Tür des Helikopters. John Arnold, der auf Leng geschossen hatte, warf die Glock von sich. Die Rotoren heulten auf, als sie sich zu drehen begannen.
Frederic Tubb kletterte in den Frachtraum.
Richards schob die Tür zu.
Der Hubschrauber hob ab.
Tubb blickte aus dem Fenster. Victor Leng lag reglos am Rand des Helidecks.
Je höher der Hubschrauber stieg, desto mehr nahm er den Blick auf eine wahrhaft apokalyptische Szenerie wahr. Drei der chinesischen Kriegsschiffe brannten, das vierte versank in den Tiefen des Ozeans. Die Insel erbebte, so als würde ein Riese an ihr rütteln. Gesteinsbrocken schleuderten ähnlich wie bei einem Vulkanausbruch durch die Luft.
»Was ist mit meiner Schwester?« Maki starrte verzweifelt auf das Geschehen.
»Sie ist nicht dort«, erwiderte Tubb. »Wahrscheinlich ist sie auch auf keiner der anderen Inseln.«
»Wo ist sie dann?«
Tubb blieb ihr die Antwort schuldig. Indessen beobachtete er, wie sich aus dem Inneren der Insel eine riesige Stahlkugel erhob. Sie schwebte wie ein unidentifiziertes Flugobjekt in die Höhe, die Ketten, die aus ihren Öffnungen hingen, vollführten rhythmische Auf- und Abwärtsbewegungen.
Der Hubschrauber drehte ab und ratterte in die entgegengesetzte Richtung davon. Nach einigen Minuten begann der Helikopter auf einmal zu schwanken.
»Arnold, Sie Schwachkopf, passen Sie gefälligst auf!«, schimpfte Richards.
Der Hubschrauber geriet in einen gefährlichen Sinkflug.
»Arnold!« Tubb kletterte ins Cockpit. John Arnold rührte sich nicht. Er zog ihn mit aller Kraft von seinem Sitz weg. Erst da bemerkte er den dunklen Blutfleck, der sich auf seinem Hemd gebildet hatte.
Sam Richards übernahm sogleich das Steuer. Der Helikopter gewann wieder an Höhe.
Zusammen mit Mark zog Tubb John Arnold in den dahinter liegenden Frachtraum. Maki breitete aus leeren Säcken eine Unterlage aus.
»Meine Fresse«, hauchte Arnold. »Nach dem Kugelfisch kriege ich auch noch Kugeln ab.«
»Halten Sie Ihren dämlichen Mund«, erwiderte Tubb. Er knöpfte sein Hemd auf. Eine der Kugeln aus Lengs Maschinengewehr hatte Arnold in die Seite getroffen.
»Sieht nicht gut aus, wie?«
»An Ihnen sieht alles nicht gut aus.«
»Dachte ich mir’s doch.«
Mark holte inzwischen einen Verbandskasten. Er öffnete ihn und zog eine Mullbinde hervor. »Lassen Sie mich das machen, Mr. Tubb.«
Arnold wirkte nervös. »Hey, Mr. Ranger, alles, was sich unterhalb der Gürtellinie befindet, ist für Sie tabu. Verstanden?«
Mark verpasste ihm einen kräftigen Kinnhaken.
Maki schaute ihn erschrocken an.
»Mindestens das hat er verdient.« Daraufhin verband er ihm die Wunde.

6

Sam Richards gelang es, den Helikopter bis nach Taiwan zu fliegen. Auf einem geheimen Stützpunkt der US-Army setzte er zur Landung an. John Arnold wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht und operiert. Inzwischen mussten sich Frederic Tubb, Maki Asakawa sowie Mark Ranger und Sam Richards einige Fragen der Geheimdienstleute über sich ergehen lassen. Von besonderem Interesse waren die Ereignisse, die sich mehrere Kilometer von Taiwan entfernt mitten im Ozean abgespielt hatten.
Tubb versuchte, so präzise wie möglich zu antworten. Dennoch stiftete er bei den Mitarbeitern des CIA eher für Verwirrung als für Klarheit. Da die LOGE eine Unterabteilung des CIA darstellte, waren den Beamten die Gerüchte über eine prähumane Hyperzivilisation zwar nicht unbekannt, damit anfangen aber konnten sie auch nichts. Es mangelte an einem konkreten Feindbild.
Nach etwa einer Woche konnten Tubb und sein Team die Heimreise nach London antreten. John Arnold trug zwar einen Verband, war aber weitestgehend wiederhergestellt.
Während ihres Fluges von Taiwan Taoyuan nach London Heathrow kam es zunächst in Hongkong und später in anderen chinesischen Küstenstädten zu einer Reihe merkwürdiger Zwischenfälle. Erst zersprangen beinahe sämtliche Fensterscheiben. Ein ganzes Bankgebäude wirkte auf einmal, als würde aus allen Etagen glitzerndes Konfetti regnen. In der Tat aber waren es Millionen von Glassplittern, welche in die Tiefe stürzten und dort unzählige Passanten verletzten. Diesem seltsamen Phänomen folgte kurz darauf eine weitere Katastrophe. Hochhäuser begannen zu schwanken. Risse bildeten sich im Beton. Ein tiefes, schmerzhaftes Summen führte bei vielen Bewohnern zu Angstzuständen. Als die ersten Wolkenkratzer in sich zusammenbrachen, führte dies zu Panik. Menschen rannten auf den Straßen hin und her. Viele bluteten aus Ohren und Nase. Über der Stadt beobachteten viele Menschen ein bizarres Fluggerät, das wie eine riesige Kugel aussah, von der Ketten hingen, die sich ständig auf und ab bewegten. Die Panik griff über auf andere Städte, in denen nach wenigen Stunden dieselben Phänomene auftraten. Hin und wieder kam es zu grässlichen Szenen, in denen Menschen auf offener Straße einfach zerplatzten.
Man musste nicht lange warten, bis auch aus anderen Teilen der Welt von ähnlichen Zwischenfällen berichtet wurde. In Europa betraf dies vor allem Italien, später Österreich und auch Deutschland. Von Mittelamerika bis in den Süden der USA zog sich ebenfalls eine Schneise der Verwüstung.
Angst und Schrecken erreichten nun auch Regionen, die von diesem unerklärlichen Phänomen überhaupt nicht heimgesucht wurden. Es kam zu Hamsterkäufern und nicht selten zu Plünderungen. In vielen Gebieten wurde eine mysteriöse Kugel gesichtet, welche schwerfällig durch die Luft schwebte, während ihre Tentakel aus Stahlketten sonderbare Bewegungen vollführten.
Niemand hatte eine Erklärung dafür. Angriffe seitens der Luftwaffe bewirkten nichts. Die abgefeuerten Raketen wurden, bevor sie ihr Ziel erreichten, durch die starken Vibrationen zerstört. Die Presse und andere Medien suchten indessen verzweifelt nach einem Namen für diesen neuartigen Schrecken. Schließlich war dieser gefunden. Eine Tageszeitung in Frankreich schrieb dick und fett nur einen einzigen Buchstaben: X.

7

Frederic Tubb traf sich mit seinem Team im Konferenzraum des Zentralgebäudes der LOGE.
Gegen die Fensterscheiben prasselten dicke Regentropfen. Es war genau sechzehn Uhr. Ein Fernseher zeigte Aufnahmen aus den zerstörten Gebieten. Schanghais Skyline glich einem Trümmerhaufen. Die Bilder aus anderen Städten wie Rom, Frankfurt oder Miami zeigten dasselbe Desaster.
Tubb fühlte sich erschöpft. Beinahe ohne Pause war er durch die halbe Welt gereist. Den anderen ging es nicht besser. Der Kaffee, den ihnen Arnolds neue Sekretärin gebracht hatte, half nur ansatzweise, die Müdigkeit zu vertreiben.
Tubb kam sogleich zur Sache. »John Wyndham hat innerhalb kurzer Zeit ein Muster erstellt, welches die Bewegungen von X darstellen.« Er drückte auf eine Taste des Laptops, der neben ihm stand. Sofort warf dieser mithilfe eines eingebauten Objektivs eine Weltkarte an die Wand. Gelbe Linien veranschaulichten die Bewegungsmuster. Diese konzentrierten sich bisher auf China, Mittel- und Nordamerika sowie einen Teil Europas.
»Die Muster wirken willkürlich«, bemerkte Maki als Erste.
»In der Tat«, bestätigte Tubb. »Die Kugeln scheinen nach keinem erkennbaren Plan vorzugehen.«
»Haben Sie eine Erklärung dafür?«, fragte Arnold. »Was für eine Strategie verbirgt sich dahinter?«
»Ich habe gehofft, dass jemand von euch eine Antwort darauf findet. Mir ist das Vorgehen schleierhaft.«
Während sich Mark Kaffee nachschenkte, meinte er: »X zerstört einfach alles. Die Waffe macht keinen Unterschied zwischen Handels- oder kulturellen Zentren.«
»Eines hat X allerdings bereits geschafft«, gab Tubb zu bedenken. »Die Aktienkurse sind weltweit in den Keller gerutscht.«
»Weil Banker in der Regel geldgeile Memmen sind«, erwiderte Arnold. »Scheißt sich einer in die Hose, beginnen die anderen bereits zu jammern.«
»Wissen die Leute vom CIA eigentlich etwas über Ihre antikapitalistische Sichtweise?«, hakte Richards nach.
»Jetzt ist keine Zeit für solche Dummheiten«, unterbrach Tubb den beginnenden Schlagabtausch. »Wir stehen einer globalen Gefahr gegenüber. Militärische Aktionen haben bisher keine Wirkung gezeigt.«
»Und was sollen wir dann dagegen unternehmen?« Arnold schaute jedem der Anwesenden ins Gesicht.
»Wir müssen herausfinden, wo meine Schwester hingebracht wurde«, erwiderte Maki.
»Die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.«
Maki schlug mit ihrer Faust auf den Tisch. »Wieso sagen Sie so etwas?«
Arnold blieb gelassen. »Weil es stimmt. Tubbs Annahmen haben sich nicht bewahrheitet. Auf drei der aufgetauchten Inseln befinden sich keine Kugeln mehr. Die Vierte haben wir mehr oder weniger durch Zufall zerstört. Was für andere Ansätze gibt es noch?«
Maki presste ihre Lippen zusammen und schwieg.
Für einige Zeit herrschte in dem Raum Stille.
»Nun ja«, meldete sich Mark zu Wort. »Vielleicht sollten wir uns in dieser Hinsicht mehr mit der Herkunft der Maschinen beschäftigen.«
Arnold wandte sich zu ihm um. »Können Sie sich auch klarer ausdrücken?«
»Nach unserer Theorie sind die Inseln an Orten aufgetaucht, die mit mythischen Kontinenten zusammenhängen. Da wäre zum einen Atlantis. Des weiteren Lemuria, Mu und Gondwana.«
»Ja und?«
»Vielleicht sollten wir unsere Suche auf andere mythische Orte konzentrieren.«
John Arnold verdrehte seine Augen. »Als ob das etwas an der zu untersuchenden Menge ändert!«
»Wir sollten nach weiteren Signalen suchen«, schlug Tubb vor.
»Es gibt doch nur diese vier.«
»Diese Information stammt von Victor Leng. Trauen Sie ihm etwa wissenschaftliche Fachkenntnis zu?«
John Arnold machte mit seiner rechten Hand eine wegwerfende Geste.
»Na also. Wir müssen unsere Leute auf weitere Signale dieser Art ansetzen. Selbst wenn es sich um ungewöhnliche Funksignale wie diejenigen damals aus Shangri-La handeln sollte, müssen wir ihnen nachgehen. Möglicherweise spüren wir somit den Ort auf, an dem Yui Asakawa gefangen gehalten wird.«
»Wieso Signale?«, fragte Arnold. »Wieso wollen Sie Miss Asakawas Schwester mithilfe von Signalen aufspüren?«
»Weil X ebenfalls Signale sendet.«
John Arnold lehnte sich zurück und atmete dabei hörbar aus. »Sie sind Optimist, was?«
»Keineswegs. Für mich zählen nur Tatsachen.«
Arnold trank seinen restlichen Kaffee aus. »Meine Leute werden sich über die Überstunden freuen.«
»Sie sollen sofort damit anfangen«, forderte Tubb. »Jede Minute zählt.«

8

Das Stampfen der Maschine dröhnte in ihren Ohren. Obwohl sie ihre Lider geschlossen hielt, brannte das grelle Licht in ihren Augen. Sie fühlte sich kalt und fröstelte. Ihr Körper fühlte sich wie eine leere Hülle an. Jegliche Kraft schien aus ihr gewichen zu sein. Der Druck, der sie in den harten Stuhl presste, umgab sie wie eine pulsierende Membran. Geradezu höllisch waren die Phasen, in denen die auf sie einwirkende Kraft rasant zunahm. Die Schmerzen erreichten dann einen schier unerträglichen Grad.
Auf einmal bemerkte sie einen Schatten, der sich über sie beugte. Sie presste ihre Augen noch fester zusammen. Sie wollte dieses Wesen nicht noch einmal sehen.

9

Maki Asakawa saß in der Cafeteria des Zentralgebäudes. Obwohl sich zu diesem Zeitpunkt viele Mitarbeiter darin aufhielten, hatte sie einen Tisch für sich. Nicht selten blickten andere Gäste zu ihr herüber. Als eine Frau, die vor ein paar Jahren beinahe zur Miss Tokyo gewählt worden wäre, zog sie die Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich.
Als Frederic Tubb sie erblickte, betrachtete sie gedankenversunken die Kaffeetasse und das Kuchenstück, die beide unberührt vor ihr standen. Tubb setzte sich zu ihr. »Bisher haben wir keine weiteren Signale gefunden.«
Maki schaute kurz auf. »Deswegen hättest du nicht unbedingt herkommen brauchen.«
In der Mitte des Tisches stand ein kleiner Tonkürbis, der Tubb mit seinen dreieckigen Augen fies anstarrte. Spooky, der Leiter der Cafeteria, war ein absoluter Halloweenfan. An jedem der Tische standen solche Windlichter. »Ich wollte dir nur bescheid sagen.«
Makis Gesichtszüge entspannten sich ein wenig. »Willst du auch einen Kaffee?«
»Ich hatte in der Besprechung schon genug. Wieso bist du danach einfach abgehauen?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Wo sollte ich denn sonst hin? Wie ich gesehen habe, gibt es ein Büro für einen gewissen Frederic Tubb, eines für einen gewissen Hans Schmeißer, aber keines für eine gewisse Maki Asakawa.«
»Arnolds Schuld. Als du nach dem Doppelgängervorfall verschwunden bliebst, hatte er gemeint, dass du …« Er sprach den Satz nicht zu Ende.
»Dass ich tot bin«, nahm sie ihm die Bürde ab. »Aber jetzt bin ich wieder hier.« Sie hielt für einen Augenblick inne. Dann fuhr sie fort: »Ob ich ein Büro habe oder nicht, spielt keine Rolle. Ich wollte nur ein wenig alleine sein.«
»Hast du eigentlich schon Hans angerufen?«
Maki schüttelte ihren Kopf. »Nein. Ich habe mir überlegt, ob ich es tun sollte, es dann aber sein lassen. Eigentlich wüsste ich gar nicht, was ich ihm sagen sollte.«
»Ich fände es gut, wenn er wieder zurück ins Team kommen würde. Auf mich hört er allerdings nicht. Er wartet auf irgendein Lebenszeichen von dir.«
»Weiß er überhaupt, dass ich wieder in London bin?«
»Na ja, nicht wirklich …«
»Du hast es ihm gesagt, nicht wahr?«
»Angedeutet.«
»Das ist wohl das Gleiche.« Nach einer kurzen Pause fragte sie: »Glaubst du, er kann uns bei der Suche nach Yui helfen?«
»Falls wir nochmals los müssen, kann John Arnold nicht mit. Seine Schusswunde macht ihm zu schaffen. Mark Ranger muss das Verschwinden der Octopus seinem Institut erklären und Richards ist ebenfalls anderweitig verpflichtet. Wir brauchen also noch jemanden.«
»Und es liegt an mir, Hans dazu zu überreden?«
»So ungefähr.«
»Ihr beide seid wirklich kompliziert.«
»Dann wäre das schon einmal geklärt.«
»Aber es stimmt. Ihr beide könnt untereinander nichts regeln. Stets braucht ihr mich dazu.«
»Sozusagen der Fels in der Brandung.«
»Ich hätte wohl eher einen Wohltätigkeitsverein gründen sollen als mich mit grenzwissenschaftlichen Themen zu beschäftigen.«
»Aber dann wären wir uns wohl kaum begegnet.«
Maki erwiderte seinen Blick. »Wäre das für dich so schlimm gewesen?«
»Es wäre schlimmer gewesen, wenn wir uns nicht getroffen hätten.«
Maki schaute sich um. »Das hier ist der falsche Ort, um romantisch zu werden.«
»Da siehst du’s. Ich bin stets zur falschen Zeit am falschen Ort.«
Ein Räuspern unterbrach ihre Unterhaltung. Mark Ranger stand an ihrem Tisch, in beiden Händen einen verstaubten Atlas haltend. »Störe ich?«
Tubb schob einen leeren Stuhl zur Seite. »Nehmen Sie Platz, Mr. Ranger. Das, was Sie mit sich bringen, sieht aus, als hätten Sie tief in unserer Bibliothek gekramt.«
Ranger legte den Atlas vor sich auf den Tisch, so als handelte es sich dabei um eine zerbrechliche Antiquität. »Das können Sie laut sagen. Gibt es hier auch so etwas wie Kaffee und Kuchen?«
Maki schob ihm ihren Teller hin. »Du kannst meinen haben. Fred ist so nett und holt dir eine Tasse.«
»Wieso soll ich…?«
»Weil du mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort bist.«
Nachdem Tubb zur Theke gegangen war, fragte Mark: »Ich störe wirklich nicht?«
Maki schüttelte den Kopf.
»Ich wäre wirklich nicht gekommen, wenn…«
»Zerbrich dir nicht weiter darüber den Kopf, Mark. Zeig mir lieber, was du gefunden hast.«
Marks Augen weiteten sich vor Begeisterung, als er den Atlas an einer bestimmten Stelle aufschlug. »Vier hypothetische Kontinente, vier Inseln, vier Kugeln.« Er schob Maki das aufgeschlagene Buch hin.
Eine Weltkarte füllte die Doppelseite komplett aus. Längen- und Breitengrade überspannten in Form eines schwarzen Gitters die Lage der sieben Kontinente. Das Besondere an dieser Karte jedoch war, dass sie nicht nur diese Landmassen darstellte, sondern vier weitere Kontinente zeigte, welche in heutigen Karten gänzlich fehlen. Die Ränder dieser Gebiete markierten gestrichelte Linien.
Frederic Tubb kehrte an den Tisch zurück und stellte eine dampfende Kaffeetasse vor Mark hin. »Was ist das?«
Mark trank einen Schluck. »Dieser Atlas stammt von Prof. Dr. Jeremy Williams. Er war eigentlich Geologe. Seine Leidenschaft aber gehörte den Parawissenschaften. Speziell interessierte er sich für versunkene Kontinente und verschollene Reiche. Dreimal dürfen Sie raten, wer an diesem Werk mitgearbeitet hat.«
Maki schlug das Deckblatt auf. »Unter Mitwirkung von Dr. Paul Symmes.«
»Da haben Sie es.«
»Von wann ist dieses Buch?«, wollte Tubb wissen.
»Neunzehnhundertachtundsechzig«, las Maki vor. »University of Hawaii Press.«
Mark streckte seinen Arm aus und fuhr mit seinem Zeigefinger über die Karte. »Wie Sie sehen, sind auf dieser Karte auch hypothetische Kontinente eingezeichnet. Es gibt mehr als nur vier. Geologen nehmen an, dass durch die Kontinentaldrift und durch das Auseinanderbrechen des Urkontinents Pangäa eine bestimmte Anzahl von Landmassen einfach versunken sein könnten. Gondwana, Mu, Lemuria und Atlantis sind lediglich die Bekanntesten, da sie mit rätselhaften Überlieferungen, Mythen und Legenden versehen sind. Die Lage von Gondwana verorten Williams und Symmes zwischen Südamerika und Afrika. Lemuria und Mu stimmen mit den plötzlich aufgetauchten Inseln ungefähr überein. Lemuria also zwischen Afrika und Indien. Mu vor der Küste Chinas. Bei Atlantis ist man sich nicht ganz sicher. Es könnte im Mittelmeer gelegen haben und daher bloß eine Insel gewesen sein oder es könnte sich dabei um einen Kontinent gehandelt haben, der zwischen Nordamerika und Europa lag. Wie dem auch sei, wichtig sind hierbei vor allem die Mythen. Diese beschränken sich nämlich auf die vier Gebiete, die wir bereits kennen. Ich habe mir Symmes’ Hyperzivilisation noch einmal vorgenommen. Er schreibt, dass Mythen nichts anderes als Überlieferungen sind. Überlieferungen können nur da entstehen, wo es auch Menschen gibt. Da allein Atlantis, Mu, Gondwana und Lemuria mit Mythen und Legenden behaftet sind, geht Symmes davon aus, dass die übrigen hypothetischen Kontinente wie z. B. Arctica, Vaalbara oder Kanorland ohne jegliche kulturelle Bedeutung sind. Das heißt nichts anderes, als dass diese Gebiete nie bewohnt waren. Wenn man demnach von einem Reich der Prähumanen sprechen möchte, dann umschloss dies unter anderem diese vier Kontinente.« Mark trank die restliche Tasse in einem Zug leer. »Nach unseren bisherigen Erkenntnissen können wir davon ausgehen, dass sich auf jeder dieser vier Landmassen mindestens eine dieser Waffen befand. Vielleicht dienten sie als eine Art Abschreckung wie heute die Atombomben. Andererseits, bedenkt man Überlieferungen wie etwa diejenigen der Posaunen von Jericho, so könnte es sein, dass diese Kugeln bereits früher einmal zum Einsatz gekommen sind.«
Tubb machte mit seiner rechten Hand eine verneinende Geste. »Sie vergessen, dass die Prähumanen vor uns Menschen existierten.«
»Vielleicht aber kamen sie immer wieder mal an die Oberfläche«, gab Maki zu bedenken. »Daher die Gerüchte über Supernationen wie Atlantis.«
»Es geht noch weiter«, fuhr Mark fort. »Augustus Le Plongeon. Sagt Ihnen dieser Name etwas?«
»War das nicht dieser Archäologe, der versuchte, die Theorie von Mu zu bestätigen?«, erwiderte Tubb.
»Ihnen muss man wirklich nichts erklären, Mr. Tubb.«
»Was ist mit diesem Mann?«, wollte Maki wissen. »Ich bin nicht so schlau wie der da.«
»Le Plongeon war ein Mann, der im neunzehnten Jahrhundert als Fotograf die Welt bereiste. Er beschäftigte sich ebenfalls mit versunkenen Kontinenten. Seine Theorie lautete, dass die Bewohner des Reiches Mu Atlantis errichtet und später die Ägypter zu ihrem kulturellen Aufstieg verholfen hätten. Die Nachfahren dieses geheimnisvollen Volkes seien schließlich nach Südamerika gezogen. Dort hätten sie genauso gewaltige wie seltsame Bauwerke errichtet. Sie hätten auch riesige Geoglyphen geformt, deren Bedeutung Forschern bis heute Rätsel aufgibt.«
»Nazca-Linien«, entfuhr es Tubb.
»Diese Linien, von denen Däniken behauptet, es seien Landeplätze von Außerirdischen?« Maki betrachtete Tubb besorgt. Sie konnte nicht nachvollziehen, was ihn daran so sehr aufregte.
»Nur dass es sich dabei um keine Landeplätze handelt«, antwortete Tubb. »Es sind Konstruktionen der Prähumanen.«
»Symmes…«
»Einen Augenblick«, unterbrach Tubb Mark. »Sie wissen es vielleicht nicht, aber Victor Leng ist in Shangri-La von einer Sekunde auf die andere wie durch Zauberhand verschwunden. Schuld daran war ein Transporter der Prähumanen. Leng erzählte, er sei kurz darauf in Peru in einem Schacht unterhalb der Nazca-Linien wieder zu sich gekommen.«
»Demnach existiert dort ebenfalls ein Transporter?«, fragte Maki.
»Leng hat keinen gesehen. Aber ich denke auch an etwas ganz anderes.«
»Ist es unhöflich zu fragen, an was?«, hakte Mark nach.
»An Yui Asakawa.«
Maki schreckte von ihrem Stuhl hoch. »Yui ist dort?«
Frederic Tubb stand ebenfalls auf. »Wir müssen mit Arnold sprechen. Seine Leute sollen das Nazca-Gebiet auf Signale hin untersuchen.«
Er wollte gehen, doch Maki hielt ihn am Arm fest. »Bist du dir auch ganz sicher?«
Tubb konnte nicht übersehen, wie sehr sie sich an diese neue Hoffnung klammerte. »Es ist eine Möglichkeit.«
Sie ließ ihn los und folgte ihm.

10

»Meine Güte, Tubb!« John Arnold stand vor dem Fenster seines Büros. Hin und wieder berührte er die Stelle, an der ihn die Kugel aus Lengs Maschinengewehr getroffen hatte. »Meine Leute haben die infrage kommenden Gebiete bereits untersucht! Sie wissen, dass es keine Signale gab. Was soll dann Ihr Gerede über die Nazca-Linien?«
»Lassen Sie Ihre Leute dort nochmals suchen«, beharrte Tubb auf seinem Vorschlag. »Sie könnten etwas übersehen haben.«
John Arnold wandte sich an Maki. »Was soll das, Miss Asakawa?«
»Suchen Sie einfach nochmals«, erwiderte sie.
»Ihr beiden scheint ja wirklich von irgendeinem Erkenntnisblitz getroffen worden zu sein«, gab Arnold zurück. »Meine Leute…«
»Werden sich über die Überstunden freuen«, beendete Tubb den Satz. »Das ist nichts Neues. Jedenfalls tun die endlich etwas für ihr Geld.«
John Arnold kratzte sich am Kopf. »Von wegen Geld. Uns wurde schon wieder das Budget gekürzt. Obama hat dem CIA wichtige Gelder gestrichen. Die Deppen haben die Kürzungen an uns weitergegeben. Ich kann froh sein, dass ich diesen Laden überhaupt noch einigermaßen instand halten kann.«
»Das ist wohl gerade die geringste Sorge, Arnold«, meinte Tubb. »Sorgen Sie lieber dafür, dass das Nazca-Gebiet noch einmal unter die Lupe genommen wird.«
John Arnold setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Er zögerte einen Moment. Schließlich betätigte er die Sprechanlage. »Robinson? Noch einmal Nazca. Und zwar sofort.«
»Aber das haben wir bereits…«
»Wollen Sie noch heute Ihre Kündigungspapiere sehen?«
»Geht klar, Chef.«
»Das hätte auch schneller gehen können«, tadelte Maki ihn. »Jede Sekunde zählt.«
John Arnold versuchte, Gelassenheit zu demonstrieren. »Schauen wir erst einmal, was Robinson und seine Bande herausbekommen.«
»Wie lange wird das dauern?«
»Schwer zu sagen.«
Die Sprechanlage blinkte. Arnold drückte auf einen Knopf und fragte: »Was ist los?«
Maki trat sofort an den Schreibtisch.
»Haben Sie Ihren Fernseher an?«
»Wyndham, wie kommen Sie jetzt darauf?«
Maki wandte sich enttäuscht wieder ab.
»X ist über London.«
»Verfluchte Scheiße«, hauchte Arnold. Er betrachtete Maki und Tubb, so als hätte er soeben die Nachricht über das Jüngste Gericht erhalten. »Sie haben es gehört, nicht wahr?«
»Es war kaum zu überhören«, stellte Tubb fest.
Maki stampfte mit ihrem Fuß auf. »Ich mache Robinson Beine!« Sie wollte gerade das Büro verlassen, als sie eine gewaltige Erschütterung zu Boden warf. Verputz rieselte von der Decke und den Wänden. In den Fensterscheiben bildeten sich winzige Risse.
Tubb half Maki wieder auf. »Alles in Ordnung?«
»Es geht schon.«
Ein tiefes Dröhnen drang an ihre Ohren. John Arnold erhob sich von seinem Stuhl und ging ans Fenster. Flammen stoben aus einem der gegenüberliegenden Häuser. Menschen rannten schreiend über die Straße. »Verfluchte…«
»Sie wiederholen sich, Arnold.«
»Ist das die Kugel?«, fragte Maki.
Das Dröhnen wurde lauter. Maki hob ihre Hände an die Ohren.
»Nicht!«, schrie Tubb und riss ihre Hände herunter. »Wenn du das machst, führen die Vibrationen in dir zu einem Überdruck und dein Kopf explodiert! Erinnerst du dich nicht an die Söldner auf der Leng
Maki erbleichte.
Tubb wandte sich an Arnold. »Sind wir hier in dem Gebäude sicher?«
»Sie wissen, dass die Zentrale das sicherste Gebäude in ganz London ist. Ich weiß allerdings nicht, ob es X standhalten wird.« Er schaute wieder aus dem Fenster. »Verfluchte …! Sie kommt!«
Tubb stellte sich neben ihn. Arnolds Büro lag im fünften Stock. Das Gebäude war eines von vielen anderen Bürohäusern, in denen sich vor allem Versicherungen und Banken befanden. Glasfassaden zersprangen, während über den Dächern eine dunkelgraue Kugel erschien, deren Ketten sich hoch und runter bewegten. Glitschige Algen hingen von einzelnen Gliedern. Die Kästen, die das Ende der Ketten bildeten, gaben ein sonderbares Glitzern von sich. Ob dieses von Regentropfen herrührte oder ein Phänomen war, das von etwas produziert wurde, was sich in den Kästen befand, konnte Tubb nicht sagen. Er kam aber auf eine andere Idee. »Wir haben noch den Stab, den wir einem der Wesen auf der Expedition abgenommen haben, nicht wahr?«
Arnold wandte sich von dem Fenster ab. »Was haben Sie damit vor?«
»Ich gehe aufs Dach und verpasse damit einem der Kästen einen Strahl.«
»Sind Sie verrückt? Die Vibrationen sind draußen um ein Vielfaches stärker als hier drinnen! Außerdem ist die Kugel immun gegen diese Strahlen.«
»Die Kugel, Arnold. Aber was ist mit den Kästen?«
John Arnold schaute nochmals aus dem Fenster. Die Kugel bewegte sich wie ein grotesker Ballon über die Bürohäuser hinweg. Die Außenhülle bedeckte weißer Muschelkalk. Kalk, der wahrscheinlich Jahrmillionen alt war. »Ich gebe Ihnen eine einzige Chance.« Er ging in einen angrenzten Raum, in dem sich ein Tresor befand. Er öffnete ihn und holte die sonderbare Waffe heraus, welche wie ein dreißig Zentimeter langer Stab aus braunschwarzem Kunststoff aussah, dessen Oberfläche geschwungene Linien verzierten. Ein ovaler Schalter saß genau in der Mitte dieses Dings. Drückte man darauf, schoss aus seiner vorderen Öffnung ein greller Lichtstrahl, der Menschen in Mumien verwandelte oder Maschinen in einen Haufen Schrott. Arnold wog die Waffe in seiner rechten Hand, so als wollte er damit ihr Gewicht abschätzen. »Eine einzige Chance, Tubb.« Damit reichte er ihm den Stab.
Frederic Tubb riss die prähumane Waffe an sich und rannte aus dem Büro. Die Vibrationen erschütterten das gesamte Gebäude. Dünne Risse zogen sich durch den Beton. Mitarbeiter liefen verängstigt durch die Flure. »Keine Hände an die Ohren legen!«, rief Tubb ihnen zu. Er benutzte das Treppenhaus, um auf das Dach zu kommen, das fünf Stockwerke über ihm lag. In dieser Situation einen Fahrstuhl zu benutzen, käme einem Selbstmord gleich. Die Schwingungen konnten jederzeit dazu führen, dass die Drähte rissen und die Kabine in die Tiefe stürzte.
Je höher Tubb stieg, desto lauter wurde das Dröhnen und desto stärker belasteten die Vibrationen seinen Körper. Seine Zähne klapperten unkontrolliert aufeinander.
Tubb erreichte die letzten paar Stufen. Die Metalltür, die hinaus auf das Dach führte, zitterte so stark, als würde sie jeden Augenblick aus den Angeln gerissen werden. Lange würde er es auf dem Dach nicht aushalten können. Die Vibrationen würden seinen Körper wie Papier auseinanderreißen. Wahrscheinlich hatte er in der Tat nur eine einzige Chance, um einen Schuss auf die Maschine abzugeben.
Tubb stolperte die schmale Treppe empor und öffnete die Tür. Der Lärm ließ ihn zurückfahren. Das ganze Dach bebte, so als befände sich darunter ein Vulkan, der kurz davor stand, auszubrechen. X schwebte mehrere Meter über ihm, während der Regen in dicken Tropfen herniederprasselte. In einem fast gemächlichen Tempo folgte es der Straße, welche das Zentralgebäude von den anderen Bürohäusern trennte. Tubb spürte bereits, wie seine Augen von einem unangenehmen Druck befallen wurden. Sein Kopf fühlte sich an, so als würde er sich auseinanderdehnen.
Er lief hinaus auf das Dach. Der Regen durchnässte sofort seine Kleidung. Die bizarre Maschine schwebte weiter, so als würde sie ihn nicht bemerken. Die Kugel war etwas kleiner als diejenige, welche sie auf der Insel im Indischen Ozean entdeckt hatten. Dennoch war ihre zerstörerische Kraft enorm. Tubb vernahm das Schreien von Menschen. Glas splitterte. Gasleitungen schlugen leck und detonierten.
Tubb zielte auf einen der Kästen. Sein Arm zitterte als stünde er unter Strom. Die Bewegungen der Ketten verursachten ein schweres Rasseln, so als würden kontinuierlich Ankerketten in die Tiefe gelassen. Er betätigte den ovalen Schalter. Ein greller Strahl schoss auf einen der Kästen zu, wurde von diesem jedoch abgelenkt und fuhr in ein gegenüberliegendes Gebäude, dessen Fenster bereits völlig zerstört waren. Tubb zielte noch einmal. Er wollte nicht glauben, dass auch die Kästen gegen die Strahlen immun waren. Erneut prallte das grelle Licht daran ab. Tubb spürte, wie ihm Blut aus der Nase rann. Er hatte sich bereits zu lange auf dem Dach aufgehalten. Wenn er nicht sterben wollte, musste er nun den Rückzug starten. Für einen Augenblick schwanden ihm die Sinne. Er taumelte zurück. Auf einmal griff eine schmale Hand nach der Waffe und nahm sie ihm ab. Maki stand neben ihm, zielte auf die Kugel und drückte ab. Der Strahl traf auf eine der Ketten. Funken sprühten. Die Glieder lösten sich voneinander. Die getroffene Kette fiel wie der leblose Arm eines riesigen Kraken in die Tiefe. Sofort schoss Maki ein weiteres Mal. Diesmal fuhr der Strahl in die Öffnung, aus der die restliche Kette hing. Von einer Sekunde auf die andere hörten die Vibrationen auf. X schwebte regungslos in der Luft. Doch dann begann sich die Oberfläche der Kugel zu verfärben. Risse bildeten sich auf der Außenhülle.
»Schnell weg von hier!« Maki half Tubb durch die offen stehende Tür zurück ins Treppenhaus. Sie blieben nicht stehen, um abzuwarten, was weiter geschehen würde. Alles andere als eine schlechte Idee. Denn kaum hatten sie den zehnten Stock erreicht, als beide eine gewaltige Explosion zu Boden schleuderte. Grelles Licht blendete sie. Ein entsetzliches Fauchen erfüllte die Luft, so als würden sie sich direkt neben einem Wirbelsturm aufhalten. Tische und Stühle wurden umgeworfen. Scheiben zersprangen. Erst nach mehreren Minuten ebbte das Phänomen ab.
Tubb lag noch immer auf dem Boden. Er betrachtete Maki, die ihn verschmitzt angrinste. »Wieso bist du mir gefolgt? Du hättest sterben können.«
»Die Show, die du abgezogen hast, sah nicht sehr vielversprechend aus«, erwiderte sie. »Du solltest nicht immer versuchen, den Helden zu spielen.«
»Habe ich das getan?«
»Ich habe keine Ahnung, was du getan hast. Es hat auf jeden Fall nicht funktioniert.«
»Tubb!« John Arnold schnaufte den Flur entlang. »Was sollte das eben gewesen sein? Haben Sie auf dem Dach eine Atombombe gezündet?«
»War es so schlimm?«, fragte Maki.
»Ich weiß nicht, was Sie unter schlimm bezeichnen, Miss Asakawa. Ich bin aber davon überzeugt, dass unser Zentralgebäude das Einzige in diesem Stadtteil ist, das noch einigermaßen bewohnbar ist.«
»Und was ist mit der Kugel?«
»Welche Kugel, Miss Asakawa? Das Ding zerfetzte wie ein Luftballon in tausend Einzelstücke, die jetzt wahrscheinlich über ganz London verteilt sind. Was machen Sie beide überhaupt auf dem Boden? Wenn Sie sich so gerne haben, dann gehen Sie besser dafür nach Hause.«
Tubb stand auf. Ihm war noch immer schwindelig. Er fühlte sich, als wäre er eine Vase, die jemand gegen die Wand geschleudert hatte und die darauf in mehrere Scherben zerbrochen war. »Danke für den Tipp.«
Arnold rieb sich verzweifelt über die Stirn. »Aus welchem Grund habe ich Sie nur als meine Mitarbeiter angestellt?«
Tubb half Maki beim Aufstehen. »Miss Asakawa ist noch überhaupt nicht Ihre Mitarbeiterin. Sie hat nicht einmal ein Büro.«
»Sie kann ja mit Ihnen zusammen…« Sein Handy klingelte. »Was gibt es, Robinson? Sind Sie sicher? Gute Arbeit.« Er steckte sein Handy zurück in seine Hosentasche.
»Was ist?«, wollte Maki wissen. Ihr Gesichtsausdruck zeigte große Besorgnis.
John Arnold wies beide mit einer Geste an, ihm zu folgen. »Robinson und seine Leute haben in der Tat Signale empfangen.«
Maki blieb abrupt stehen. »Aus der Nazca-Ebene?«
»Genau von dort. Es sind schwache Signale. Beim ersten Scannvorgang wurden diese anscheinend übersehen. Sie ähneln jedoch denen der Kugeln.«
»Dann müssen wir sofort dorthin!«
John Arnold wandte sich zu ihr um. »Nicht so schnell, Miss Asakawa.«
»Was wollen Sie dann tun?«, forderte sie ihn heraus.
Arnold blieb gelassen. »Ich meine damit lediglich, dass ich nicht mitkann. Tubb hat Ihnen vielleicht schon erzählt, dass ich noch immer Probleme mit meiner Schussverletzung habe. Sie sind also auf sich alleine gestellt.«
»Wir nehmen Hans Schmeißer mit«, sagte Tubb. »Er muss wieder zurück ins Team. Das ist die beste Gelegenheit dafür.«
Maki nickte. »Wann können wir los?«
»Morgen früh«, antwortete Arnold. »Tickets werden für Sie hinterlegt. Hans wird von Deutschland aus fliegen. Sie werden ihn in Peru am Flughafen treffen.«

11

Hans Schmeißer kam sich ziemlich verloren vor. Über dem Haupteingang des Flughafens stand der Name Aeropuerto Internacional. Er hatte aufgehört zu zählen, wie oft er seinen Blick über die Buchstaben hatte gleiten lassen. Wie war er überhaupt auf diese idiotische Idee gekommen, alleine von Frankfurt aus nach Lima zu fliegen? Er hätte zuerst nach London und darauf zusammen mit Tubb und Maki nach Peru weiterreisen sollen. Aber nein, er hatte ja unbedingt auf Maki Asakawa hören müssen. Als sie ihn vor eineinhalb Tagen angerufen hatte, wäre ihm beinahe das Herz stehen geblieben. Er hatte an vieles gedacht, nur nicht daran, dass sie sich bei ihm melden würde. Von Tubb hatte er zwar bereits erfahren, dass sie sich wieder in England aufhielt, doch hatte das noch lange nicht bedeutet, dass es zu einem Neuanfang kommen würde. Nun steckte er bereits mitten drin in einer Art Abenteuer, von dem er eigentlich nicht so genau wusste, um was es dabei ging. Maki hatte ihm kurz und knapp erzählt, dass sich in Peru mit großer Wahrscheinlichkeit ihre vermisste Schwester aufhalten würde. Sie hatte hinzugefügt, dass er unbedingt dabei sein solle. Kaum war das Gespräch beendet gewesen, hatte Hans seinen Koffer gepackt und sich auf den Weg gemacht.
Nun stand er tatsächlich vor dem Flughafen Limas und erfuhr, wie sich vierundzwanzig Grad in Peru anfühlten. Weniger schlimm, als er gedacht hatte.
Aus dem Gebäude ergoss sich eine Gruppe chinesischer Touristen. Eine Frau mit einer roten Fahne führte sie zu einem Reisebus. Von Tubb und Maki fehlte jede Spur. Zunehmend kamen in ihm Zweifel auf. Hatte sie wirklich Lima gesagt? Aber das Ticket, das auf seinen Namen hinterlegt worden war, hatte für einen Flug nach Peru gegolten. Es musste demnach stimmen.
Die Chinesen waren in dem Bus verschwunden.
Als er wieder auf den Eingang des Flughafens schaute, bemerkte er einen dürren Mann mit rotbraunen Haaren, dessen grauer Anzug nicht wirklich zu ihm passte. Er zog einen schwarzen Koffer hinter sich her. Neben ihm ging eine zierliche Japanerin mit langen schwarzen Haaren, die einen Kopf kleiner war als der Mann. Sie trug eine blaue Jeans und ein weißes T-Shirt. Nicht wenige Männer schauten sich nach ihr um. Maki war wirklich umwerfend.
»Was tust du denn da?«, rief sie mit gespielter Überraschung.
»Wirklich witzig, Maki«, erwiderte Hans. »Weißt du eigentlich, dass deine Doppelgängerin auf SM stand?«
»Bist du deswegen jetzt froh oder traurig?«, gab sie zurück und umarmte ihn.
Ihr Parfum war wie immer atemberaubend. »Es kommt ganz darauf an.«
Sie runzelte die Stirn. »Auf was?«
»Vergiss es einfach«, antwortete er schnell. »Ich fand es jedenfalls ziemlich…«
»Ich weiß«, unterbrach sie ihn. »Ich bin einfach abgehauen. Es tut mir leid. In Ordnung?«
»Nur wenn du mir zusätzlich einen Kuss gibst.«
»Lieber lasse ich mich von einer Vogelspinne beißen.«
»Deine Einstellung hat sich wirklich nicht geändert. Hast du mich überhaupt vermisst?«
»Vermisst du etwa eine eiternde Warze? Sag lieber deinem Chef Hallo.«
Hans seufzte. »Hallo, Tubb. Lange nicht gesehen, wie?«
Tubb klopfte ihm auf die Schulter. »Schön, dass du gekommen bist, Hans. Jetzt sind wir endlich wieder komplett. Es wäre ein Jammer gewesen, wenn sich unser Team einfach in Luft aufgelöst hätte.«
»Auch wenn wir jetzt wieder zusammen sind, habe ich trotzdem keine Ahnung, was wir hier zu suchen haben.«
»Ich habe dir doch von meiner Schwester erzählt«, wies Maki darauf hin.
»Natürlich hast du das. Aber gibt es auch so etwas wie einen Zusammenhang?«
»Den gibt es durchaus«, erwiderte Tubb und fasste die Ereignisse, die sich bisher zugetragen hatten, kurz zusammen.
Hans verschränkte seine Arme vor der Brust. »Die Kugeln haben also tatsächlich etwas mit Yui Asakawa zu tun? Sagt das bloß niemanden weiter. Wenn sie wieder auftaucht, flattert ihr umgehend ein Berg Rechnungen ins Haus. Ihr müsstet mal Frankfurt sehen. Von der Skyline ist nicht mehr viel übrig. Zum Glück bekam der Flughafen nicht viel davon ab. Sonst säße ich wahrscheinlich noch immer dort herum.«
»Jedenfalls kommen Signale auch aus der Nazca-Wüste. Deswegen sind wir hier. Nazca könnte das letzte Rückzugsgebiet der Prähumanen gewesen sein. Alles weist irgendwie daraufhin, dass hier der Ursprung der Gefahr liegt.«
»Mit der Betonung auf irgendwie, nicht wahr?«
Maki machte ein betroffenes Gesicht. »Sag nicht so etwas. Das hier ist die letzte Möglichkeit, wo wir nach meiner Schwester suchen können. Wenn sie nicht hier ist, dann…«
Hans griff nach ihrem Koffer. »Ich hab’s nicht so gemeint. Natürlich finden wir deine Schwester.« Plötzlich stockte er. »Hat jemand von euch überhaupt eine Idee, wie wir nach Nazca kommen?«
»Mit dem Flugzeug«, antwortete Tubb. »Arnold hat für uns bereits alles vorbereitet.«
»Praktisch wie im Urlaub.«
»Du sagst es«, erwiderte Maki genervt.

12

Die Wüste erstreckte sich unter ihnen wie ein ausgetrocknetes Meer. Nur selten durchbrach ein Hügel die weite Ebene. Sie näherten sich von Süden. Unter ihnen erschienen die ersten Linien, deren Bedeutung bis heute nicht zufrieden stellend geklärt werden konnte. Forscher nahmen an, dass die Geoglyphen zwischen 600 und 200 v. Chr. geschaffen worden waren. Da man ihren kulturellen Sinn nicht deuten konnte, gaben sie großen Spielraum für allerlei Spekulationen. Die nüchternste Theorie lautete, dass die Figuren bestimmte Sportarenen kennzeichnen würden. Die bekannteste Behauptung setzte die Bilder in einem Zusammenhang mit einem Weltraumhafen. Erich von Däniken verdiente mit dieser Annahme Millionen. Beweisen ließ sich seine Theorie nicht, genauso wenig wie alle anderen.
»Der Wal«, sagte der Pilot. Er hieß Miguel Cervantez. »Danach kommt der Astronaut.«
Tatsächlich sah die zweite Figur wie ein Mann in einem Raumanzug aus. Die gigantische Ausdehnung der Figuren war beeindruckend.
»Die Typen, die das gemacht haben, mochten längliche Köpfe«, bemerkte Hans. »Sie banden kleinen Kindern Holzbretter um den Schädel, damit diese eine längliche Form erhielten. Als man die Ersten davon in Gräbern fand, hielten irgendwelche Spinner sie für die Schädel von Außerirdischen.«
»Die Typen, die das gemacht haben, könnten Prähumane gewesen sein«, stellte Tubb richtig.
Hans schaute mit großen Augen aus dem Fenster. »Die Linien stammen von Prähumanen?«
»Wenn du zuvor Fred richtig zugehört hättest, dann würdest du jetzt keine dummen Fragen stellen«, bemerkte Maki.
»Prähumane?«, schaltete sich Cervantez in das Gespräch ein. »Noch nie etwas davon gehört.«
»Ein rätselhaftes Volk, das wahrscheinlich in dieser Gegend spurlos verschwunden ist«, erklärte Tubb. »Es gibt keine genauen Angaben darüber. Meine Leute und ich versuchen, hinter das Geheimnis dieser Kultur zu kommen.«
»Ich habe schon viele Wissenschaftler hier herumgeflogen, aber von so etwas hat bisher keiner gesprochen.«
Sie überflogen das Symbol der Spinne.
»Weiter drüben werden wir landen«, teilte ihnen der Pilot mit.
»Haben Sie hier in der Gegend in letzter Zeit irgendwelche seltsamen Phänomene wahrgenommen?«, wollte Tubb wissen.
»Was meinen Sie mit seltsam?«
Maki beugte sich nach vorne. »Hat es hier in letzter Zeit merkwürdige Erschütterungen oder Ähnliches gegeben?«
»So etwas wie ein Erdbeben?«
»Irgendetwas in dieser Art.«
Cervantez schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ich habe nichts davon mitbekommen. Auch keine Lichter, wenn dies Ihre nächste Frage sein sollte. Was Sie hier sehen sind lediglich die Reste einer ausgestorbenen Kultur. Ich setze jetzt zur Landung an.«
Das Flugzeug drehte eine große Schleife, wobei es den Abstand zum Boden verringerte. Schließlich setzte es auf einem provisorischen Rollfeld auf.
Cervantez brachte das Flugzeug zum Stehen.
Tubb öffnete die Tür. »Dann bis später.«
»Viel Glück, egal, nach was Sie hier suchen.«
»Können wir gebrauchen«, gab Hans zurück.

13

Der Sand knirschte unter ihren Füßen. Es war unangenehm heiß.
Tubb schaute sich um. Sie hätten genauso gut auf einem fremden Planeten landen können. Ein weiteres Propellerflugzeug, das Touristen über die Ebene flog, röhrte über sie hinweg.
Hans schulterte seinen Rucksack. »Wohin gehen wir jetzt?«
Tubb setzte sich in Bewegung. »Immer der Nase nach.«
»Hast du auch so etwas wie einen Plan?«
»Sehe ich so aus?«
»Ich hätte wohl besser nicht fragen sollen.«
»Als Erstes sollten wir einen der Brunnenschächte aufsuchen. Das Symbol der Spinne ist gleich dort drüben.«
»Oh, Makis Sternzeichen.«
»Halt den Mund.«
Ein leichter Wind wehte Staubwolken über die Wüste. Tubb schaute sich um. Völlig unerwartet blieb er stehen.
Maki betrachtete ihn verwirrt. »Was ist?«
»Habt ihr das eben auch gehört?«
»Was sollen wir gehört haben?«, fragte Hans.
»Eine Art Stampfen«, präzisierte Tubb. Plötzlich kniete er sich hin und berührte mit seinen Handflächen den Boden.
Hans trank einen Schluck aus der Wasserflasche. »Spielst du jetzt Indianer?«
»Leichte Erschütterungen«, stellte Tubb fest. »Woher diese auch immer kommen mögen.«
Maki kniete sich ebenfalls hin. »Ich spüre nichts. Du musst dich getäuscht haben.«
Tubb, der mit seinen Handflächen weiterhin den Boden berührte, sagte: »Sie sind abgeklungen.« Er wollte bereits wieder aufstehen, als Maki auf einmal rief: »Jetzt spüre ich es auch!«
Die Erschütterungen fühlten sich an, als würde der Boden ständig vibrieren. Die Bewegungen nahmen in Wellen an Stärke zu und wieder ab. In ihrem schwachen Zustand spürte man sie kaum.
»Und was ist mit dem Stampfen?«, wollte Hans wissen.
Tubb lauschte. Er schüttelte den Kopf. »Vielleicht habe ich mich getäuscht.« Zusammen mit Maki stand er wieder auf. »Fünf Meter von hier befindet sich ein Spiralbrunnen, den die Nazca errichtet haben. Normalerweise gibt es am Grund einen Zugang zu dem Kanalsystem.«
»Worauf warten wir dann noch?« Hans setzte sich sofort in Bewegung.
Der Brunnenschacht besaß etwas Hypnotisches an sich. Die Spiralen führten in immer enger werdenden Kreisen in die Tiefe. Am Grund schimmerte trübes Wasser. Er war am Kopfende des Spinnensymbols gebaut worden.
Tubb merkte, wie Makis Nervosität schlagartig zunahm. Manchmal gelang es ihr durch eine gewisse Ausdruckslosigkeit, ihre Gefühle zu verbergen. Diesmal schaffte sie es nicht. »Machen wir uns auf die Suche.« Er schritt voran in die Tiefe. Maki und Hans folgten ihm.

14

Vor ihnen klaffte der dunkle Eingang zu einem der Kanäle. Die Kühle hier unten stand im konkreten Gegensatz zu der staubigen Hitze, der sie bis vor Kurzem noch ausgesetzt gewesen waren. Es roch nach altem, feuchtem Gemäuer. Das trübe Wasser reichte ihnen bis zu den Knien.
Hans reichte Tubb eine Taschenlampe. »Die werden wir wohl brauchen.«
Frederic Tubb knipste sie an, bückte sich und leuchtete in das Innere des waagrecht verlaufenden Schachts. An den Steinen, mit denen die Tunnelwand ausgelegt war, hafteten dunkle Flechten. Der Schacht wirkte nicht wie der Zugang zu einem geheimnisvollen Ort. Tubb fragte sich, ob er sie überhaupt irgendwohin führte oder sie irgendwann in einem anderen Spiralbrunnen wieder zum Vorschein kämen. Er hätte Maki nicht so große Hoffnungen machen sollen. Seine Idee, ihre Schwester hier unten zu finden, drohte, zu zerbröckeln. »Gehen wir weiter.«
Es nutzte nichts, wenn er sich bückte. Ständig stieß er mit dem Kopf gegen die Decke und rieb seinen Rücken an den Steinen wund. Also nahm er die Taschenlampe in den Mund und kroch auf allen vieren weiter, auch wenn dies bedeutete, dass ihm gelegentlich etwas von der ekligen Brühe in den Mund schwappte.
Maki, die hinter ihm ging, tat es ihm gleich. Nun hingen zwar ihre Haare ins Wasser, doch war dies allemal besser als ein Kopf voller Beulen.
Hans, der die Nachhut bildete, hatte Probleme mit seinem Rucksack. Während er auf allen vieren hinter Maki her kroch, rutschte dieser immer wieder zur Seite. Zudem erkannte er nicht viel, da das Licht der Taschenlampe durch Tubb und Maki beinahe völlig verdeckt wurde.
Nach mehreren Metern hielt Frederic Tubb an. Er lauschte in die Dunkelheit. Die Bewegungen des Wassers verursachten Geräusche, die an eine Mischung aus ständigem Tropfen und Plätschern erinnerten. Er glaubte, auch etwas anderes wahrzunehmen, das durch den Tunnel hallte. Wie aus weiter Ferne dröhnte das Stampfen von Maschinen. Er kroch weiter. Seiner Meinung nach hatten sie etwa zweihundert Meter zurückgelegt, als er in der linken Tunnelwand eine schwarze Öffnung bemerkte. Tubb leuchtete hinein. Vor ihm erstreckte sich ein weiterer Kanal, der sich im Dunkeln verlor. Das Stampfen hörte sich an dieser Stelle allerdings ein wenig lauter an. Auch kam es ihm vor, als wehte ihm aus der Öffnung ein lauwarmer Luftzug entgegen. Der Geruch nach altem, nassem Keller besaß eine weit größere Intensität als in dem Schacht, in dem sie sich gerade aufhielten. Tubb nahm die Taschenlampe aus dem Mund. »Versuchen wir es mal hiermit.«
»Was ist, wenn es sich um eine Art Labyrinth handelt?«, malte Hans einmal mehr den Teufel an die Wand.
Tubb war zuvor derselbe Gedanke gekommen. Er wagte nicht, es sich auszudenken, wenn sie hier unten nichts finden würden und sich das Stampfen als akustische Halluzination herausstellte. »Sehen wir uns den Kanal mindestens einmal an.«
Sie setzten ihren ungewöhnlichen Spaziergang unterhalb der Nazca-Linien fort. Sie waren völlig durchnässt. Trotz der milderen Luft, die in diesem Tunnel herrschte, fröstelten sie.
Sie hatten etwas mehr als hundert Meter hinter sich gebracht, als Tubb auf einmal die Taschenlampe aus dem Mund fiel und ins Wasser platschte. Sofort umgab sie tiefe Dunkelheit.
»Was ist jetzt passiert?«, fragte Hans.
Tubb tastete mit seiner rechten Hand nach der Lampe. »Ich hoffe, die Lampe ist wasserdicht.« Jedenfalls leuchtete sie nicht mehr.
»Wasserdicht?«, wiederholte Hans. »Die Lampe stand die ganze Zeit über auf dem Bettkasten meiner Mutter.«
»Du hast die Taschenlampe deiner Mutter mitgebracht?« Makis Stimme hallte schrill von den Wänden wider.
»Taschenlampe ist Taschenlampe.«
»Anscheinend nicht.«
»Toll. Jetzt bin ich wohl wieder an allem Schuld!«
Tubb tastete weiter nach dem verlorenen Gegenstand. Er bewegte sich dabei ein wenig vorwärts. Dabei stellte er etwas Merkwürdiges fest. In einiger Entfernung erhellte ein heller Punkt die Finsternis. Ob es sich dabei um den Ausgang zu einem weiteren Brunnen handelte? Er konzentrierte sich weiter auf die Suche. Vielleicht hatte eine leichte Strömung die Lampe mehrere Zentimeter entfernt. Endlich umfassten seine Finger den Stil aus Aluminium. Er hob sie aus dem Wasser und knipste sie an. Es blieb dunkel.
Plötzlich schrie Maki erschreckt auf.
»Was ist jetzt schon wieder?«, seufzte Hans.
»Was los ist? Du hast mir gerade an meinen Po gefasst.«
»Bist du jetzt völlig krank in der Birne?«
»Gibt es hier sonst noch jemanden?«
»Ich war es aber nicht. Das bin ich.«
»Hey!«
»Siehst du?«
»Kriegt euch wieder ein, Leute.« Tubb schüttelte die Taschenlampe. Licht flackerte kurz auf und erlosch wieder. Ein weiterer Schlag gegen die Lampe führte dazu, dass sie wieder funktionierte. Er drehte sich zur Seite und leuchtete zurück. Maki und Hans kniffen die Augen zusammen. Genau an der Stelle, an der sich Maki befand, gab es in der Kanalwand eine schmale Mulde. Der Arm eines Skeletts ragte heraus.
»Da haben wir ja den Verdächtigen«, stellte Hans fest.
Maki schaute zurück. »Hier wurden Menschen begraben?«
»Sieht ganz danach aus.« Hans zog an dem Arm. Sofort rutschte das restliche Skelett aus der Mulde ins Wasser. Sein Schädel wies eine längliche Form auf, was ihn als Mitglied der Nazca-Kultur kennzeichnete.
»Gehen wir weiter.« Tubb drehte sich wieder um. Erneut steckte er sich den Stil der Taschenlampe zwischen die Zähne.
Tatsächlich wurde das Licht am Kanalende heller. Die feuchten Wände schimmerten.
Er schaltete die Taschenlampe aus. Besser, sie sparten mit den Batterien.
»Ist dir die Lampe wieder heruntergefallen?«, wollte Hans wissen.
»Dort vorne ist Licht.«
Maki versuchte, über Tubbs Schultern etwas zu erkennen. »Ein anderer Brunnen?«
»Das dachte ich zunächst auch. Aber dieses Licht hier ist viel heller. Beinahe farblos. Es kommt mir künstlich vor.« Er lauschte. Das Stampfen war nun deutlich zu hören.
Je näher sie der Öffnung kamen, desto intensiver leuchtete das Licht. Die Geräusche der Maschinen nahmen an Lautstärke zu. Die Decke des Schachts verlief nun schräg in die Höhe.
Tubb stand auf. Er konnte kerzengerade stehen, ohne dass sein Kopf die Decke berührte. Als würde er wie eine Motte vom Licht angezogen, stapfte er weiter durch das Wasser auf die Schachtöffnung zu.

15

Der Schacht öffnete sich in eine kreisrunde Halle, in deren Mitte ein runder Felsen wie ein gewaltiger, umgekippter Mühlstein aus dem trüben Wasser ragte. Ein greller, farbloser Lichtstrahl schoss wie eine endlose Wasserfontäne aus dem Artefakt an die Decke. Außer dem Stampfen der Maschinen erklangen keine weiteren Geräusche.
Frederic Tubb stapfte durch das Wasser auf den Felsen zu. Er betrachtete dabei die glatten Wände des Raumes, in die seltsame Symbole eingraviert waren. Manche von ihnen erinnerten an Labyrinthe, andere an den Versuch, Sternbilder wiederzugeben. Der Ort ähnelte der Halle in der Felseninsel. Über dem Felsen aber schwebte keine Kugel. Es herrschte eine stickige Wärme.
Erst als Tubb direkt vor dem runden Felsen stand, erkannte er, dass es sich hierbei mehr um eine Art Steinring handelte als um einen Sockel. Der Felsen bildete sozusagen den Rahmen, durch den der Lichtstrahl emporschoss. Auch das Stampfen und Ächzen der Maschinen schien dort seinen Ursprung zu haben.
Bereits von der Felseninsel wusste Tubb, dass das Licht ihm nichts anhaben konnte. Damals hatte es lediglich die Grube unterhalb der Kugel erhellt. Er lehnte sich daher an den Rahmen und beugte sich vor. Als er so in das Licht hineinragte, warf er einen grotesken Schatten an die Decke. Vielmehr aber faszinierte ihn der Anblick, den er durch den Ring hindurch wahrnahm.
Maki stellte sich neben ihn, um ebenfalls einen Blick hinunter zu werfen. Auch Hans konnte seine Neugierde nicht lange zügeln.
Ein Stahlgerüst führte mehrere Meter in die Tiefe. Es umgab einen mysteriösen Mechanismus, der wie eine auf dem Boden liegende Turbine aussah und von dem das grelle Licht ausging.
»Können wir da hinunter?« Hans betrachtete Tubb mit unverhohlener Skepsis.
»Wir müssen sogar da hinunter«, lautete die Antwort.
»Das habe ich mir bereits gedacht.«
»Und wieso fragst du dann noch?«, wollte Maki wissen.
»Die Hoffnung stirbt als Letztes.«
Tubb schwang sich auf den Rahmen. Er setzte sich so, dass seine Beine in die Tiefe baumelten. Er erkannte Haken, die aus dem Felsring ragten und an denen sie sich bis zum Gerüst hinunterhangeln konnten. »Dann los.«

16

Die Haken zu überwinden, erwies sich als der schwierige Teil. Als er das Gerüst erreichte, war es relativ einfach, den Abstieg fortzusetzen. Maki kletterte direkt über ihm. Hans folgte zum Schluss.
Tubb wechselte an die Außenseite des Gerüsts. Er blieb für einen Augenblick stehen, um sich umzusehen. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass es mehrere solcher Lichtturbinen gab, welche von einem Stahlgerüst umrahmt wurden. Sie verteilten sich auf einer felsigen Ebene und umringten dabei einen ähnlichen Mechanismus, der allerdings um das Vielfache größer war. Innerhalb dieses mächtigen Lichtstrahls, der etwa fünfzig Meter von ihm entfernt aus dem Boden schoss, nahm er die Konturen einer gewaltigen Kugel wahr.
Maki starrte in dieselbe Richtung. Für ein oder zwei Sekunden wirkte sie wie festgefroren. Dann durchzog ein heftiges Zittern ihren Körper. Sie wechselte einen kurzen Blick mit Tubb.
»Wir sollten nichts überstürzen«, warnte er sie.
»Überstürzen? Ich muss zu dieser Kugel!«
»Hast du hier irgendwo Prähumane gesehen?«
»Wieso fragst du das?«
»Die ganze Angelegenheit kommt mir auf einmal zu einfach vor«, gab Tubb seine Befürchtung preis. »Keiner kontrolliert die Turbinen. Niemand hält sich dort unten auf. Ich glaube kaum, dass die uns einfach herein- und wieder hinausspazieren lassen.«
Maki kämpfte mit ihren Tränen. »Wir müssen zumindest sehen, ob sie dort ist.« Gleichzeitig war damit für sie die Diskussion beendet. Sie kletterte an Tubb vorbei in die Tiefe.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
Hans, der die Debatte notgedrungen mitgehört hatte, verkniff sich diesmal ein Kommentar. Er teilte Tubbs Meinung. Die Abwesenheit der Prähumanen war kein gutes Zeichen. Andererseits, auch wenn er sich dies selbst nur ungern zugestand, konnte er Makis Gefühle sehr gut nachvollziehen. Er wusste nur zu gut, was Verlust bedeutete.
Bereits nach wenigen Minuten hatte Maki den Boden erreicht. Als sie ihre Füße auf den felsigen Untergrund stellte, nahm sie eine Reihe nicht enden wollender Erschütterungen wahr. »Hier ist es geradezu unheimlich.«
»Die Vibrationen stammen wahrscheinlich von den Lichtmaschinen«, meinte Tubb, nachdem er vom Gerüst gestiegen war und nun das seltsame Phänomen selbst wahrnahm. »Ich glaube kaum, dass die hier unten X zum Einsatz bringen werden. Es sei denn, sie haben einen Hang zur Selbstzerstörung.«
Als Hans sich zu ihnen gesellte, fragte er: »Und wie geht es jetzt weiter?«
Tubb schaute in Richtung der gewaltigen Lichtsäule. »Das liegt wohl oder übel auf der Hand. Wir sehen nach, was sich mit Ausnahme der Kugel noch innerhalb des Lichtstrahls befindet, und machen danach sofort kehrt.«
Maki sah von ihm weg. »Und was ist, wenn wir Yui dort finden? Machen wir dann ebenfalls sofort kehrt?«
Tubb legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Du weißt, wie ich das gemeint habe.«
Sie senkte ihren Kopf.
Hans richtete seinen Rucksack. »Sind wir hier, um ein Schwätzchen abzuhalten oder um Taten sprechen zu lassen?«
»Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich dir zustimmen«, gab Maki zurück. »Sehen wir endlich nach.«
Die Entfernung zu dem gewaltigen Lichtstrahl legten sie ohne Probleme zurück. Die Ebene blieb leer und verlassen. Ob es sich um eine aufgegebene Anlage handelte? Aber aus welchem Grund liefen noch immer die Maschinen?
Die breite Turbine, aus welchem der Strahl kerzengerade in die Höhe stieg, umgab ebenfalls ein Stahlgerüst. Die Lücken zwischen den Stäben waren so groß, dass es keine Schwierigkeit darstellen würde, an einer dieser Stellen hindurchzuschlüpfen. Innerhalb des nebligen Lichtes erkannten sie die Konturen der riesigen Kugel genauer. Sie schwebte wie ein fremdartiger, schattenhafter Koloss vier bis fünf Meter über ihren Köpfen.
»Auf mein Kommando«, sagte Tubb.
»Lass das Zählen, Fred. Gehen wir einfach.«
»Ich hätte es nicht besser formulieren können«, stimmte ihr Hans zu.
Daraufhin betraten sie den Lichtkreis.

17

Das Licht brannte leicht in den Augen. Es verursachte keine weiteren Reaktionen. Es gab nicht einmal eine spürbare Wärme ab. Innerhalb der Lichtsäule herrschte dieselbe Temperatur wie außerhalb.
Die Kugel, die über ihnen wie ein stählerner Fremdkörper schwebte, besaß einen Durchmesser von zehn Metern. Tubb konnte nicht feststellen, welche Kraft sie in der Luft hielt. Ihrem Aussehen nach musste sie mehrere Tonnen wiegen. Die stählerne Hülle musste früher einmal unterschiedliche Farben und Symbole aufgewiesen haben. Nur noch ansatzweise zeigte sich auf der rechten Hälfte eine Art Gelb oder Orange sowie die schemenhafte Darstellung einer Sonne. Die andere Hälfte musste früher einmal schwarz gewesen sein. Auch hier erkannte Tubb nur noch teilweise farbige Stellen. Vier Ketten hingen an ihr herunter. Wiederum befanden sich an ihren Enden jene mysteriösen Kästen.
»Die ehemaligen Verzierungen stimmen mit den Bildern deiner Schwester überein«, sagte er. »Auch die Höhlenzeichnungen, die Edwin Rouge entdeckt hat, scheinen auf diese Maschine zurückzugehen. Demnach muss diese ganze Anlage ein unvorstellbares Alter besitzen. Nicht nur das. Wenn damalige Menschen in Indien und Afrika diese Kugel gezeichnet haben, mussten sie schlicht und ergreifend davon gewusst haben. Dieser Punkt wirft allerdings weitere Fragen auf. Auf welche Weise…«
Hans unterbrach seinen Vortrag, indem er ihm auf die Schulter klopfte.
Tubb wusste zunächst nicht, was Hans dazu bewegt hatte. Dieser deutete mit einem Nicken auf Maki.
Alle drei standen auf einer zwei Meter breiten Ebene, welche einen senkrecht hinabführenden Schacht umgab. Tubb hatte sich von Anfang an so sehr auf die Kugel konzentriert, dass er den Boden bzw. das, was sich unter ihm befand, überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Maki stand am Rand des Stegs, der den Schacht kreisförmig umgab, und schaute wie gebannt hinunter.
Tubb folgte ihrem Blick. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Der Grund des Schachts lag in etwa fünf Meter Tiefe. Aus dem Fels gehauene Stufen führten hinunter. Alles erfüllte ein blendendes Weiß. In der Mitte saß auf einem thronartigen Stuhl eine Person. Tubb traute seinen Augen nicht. Er wusste, wie Yui Asakawa aussah. Doch die junge Frau, die dort unten saß, wirkte irgendwie anders. Sie trug ein weißes Gewand. Ihre Gesichtszüge wirkten leer. Sie hatte ihre Augen geschlossen. Mit ihren auf den Lehnen ruhenden Armen und ihrer aufrechten Haltung schien sie zu meditieren. »Was ist das?« Tubb zeigte auf schwarze Schläuche, die aus der Rückenlehne des Thrones heraustraten und im Boden des Schachts verschwanden.
»Es ist mir egal, was das ist«; erwiderte Maki. »Wir haben sie tatsächlich gefunden. Oder jedenfalls jemanden, der Yui irgendwie ähnlich sieht.«
»Sehen wir uns die Sache aus der Nähe an«, gab Tubb zurück. Er stieg als Erster die Stufen hinab.

18

Der Boden des Schachts bestand aus durchsichtigem Material. Darunter drehten sich die Blätter einer Turbine. Die Wände des Schachts waren glatt wie Porzellan. Es gab keine Verzierungen.
Der Thron ähnelte demjenigen auf der Insel im Indischen Ozean. Er war aus einem Stück Felsen gehauen und glänzte wie Marmor. Yui Asakawa regte sich nicht. In ihrem veränderten Aussehen wirkte sie unheimlich und schön zugleich. Das Kleid, das sie trug, ähnelte einem Priesterinnengewand aus der Antike. Auf dem Thron hätte genauso gut eine Wachsfigur sitzen können. Es zeigten sich weder Muskelbewegungen noch gab es Anzeichen dafür, dass sie atmete.
Maki berührte ihre rechte Hand und fühlte den Puls an ihrem Handgelenk. »Ihr Puls geht gleichmäßig.«
»Wir müssen also nicht das Schlimmste befürchten«, meinte Tubb.
»Sie lebt«, pflichtete sie ihm bei. »Aber in was für einen Zustand befindet sie sich? Aus welchem Grund rührt sie sich nicht? Was haben die mit ihr gemacht?« Sie streichelte Yuis Wange. Sie versuchte erst gar nicht, ihre Tränen zurückzuhalten.
Hans trat hinter die Stuhllehne. »Vielleicht fließen ja irgendwelche Drogen durch diese Schläuche.« Er umfasste einen davon. Das Material fühlte sich sonderbar klebrig an.
Tubb stellte sich vor den Thron. »Egal, was da hindurchfließt, wir müssen sie hier wegbekommen.« Er beugte sich nach vorne und fasste Yui unter die Achseln. Im selben Moment, in dem er sie aus dem Sitz heben wollte, wackelten die Schläuche.
»Stopp!«, schrie Maki. »Sie ist tatsächlich damit verbunden!« Wie bizarre Würmer ragten die Schläuche aus Yuis Rücken. Es waren insgesamt drei. Sie zog an einem davon. Der Schlauch löste sich von ihr, wobei eine lange Nadel zum Vorschein kam. Eine grüne Flüssigkeit tropfte von der Spitze.
Im selben Augenblick durchzogen heftige Zuckungen Yuis Körper. Reflexartig klammerte sie sich an Tubbs Armen fest. Ihr Mund öffnete sich. Eine Mischung aus Röcheln und Würgen drang aus ihrer Kehle. Im selben Moment hob sie ihre Augenlider.
Tubb starrte in ein gleißendes Licht, das aus ihren Augen strömte. Zugleich jagte eine Kakofonie aus Bildern durch seinen Kopf. Er sah die Kugeln, wie sie ganze Orte zerstörten. Menschen, die flüchteten. Menschen, die durch die schrecklichen Vibrationen, welche von den Kugeln ausgingen, ums Leben kamen. Er sah unerklärliche Symbole. Seltsame Schaubilder und Zeichnungen. Als würden Reißbrettzeichnungen in Zeitraffer vor seinen Augen vorbeiziehen und dabei Baupläne zu obskuren Maschinen offen legen. Eine Skizze zeigte eine Person, die unterhalb einer Kugel saß. Pfeile wiesen auf andere Kugeln, die wesentlich kleiner waren als diejenige über dem Mann. Plötzlich wechselten die Eindrücke. Tubb glaubte, einen Einblick in eine völlig fremde Welt zu erhalten. Ein riesiges Schlachtfeld breitete sich vor ihm aus. Zwei Armeen standen sich gegenüber. Fahnen, die im Wind flatterten. Eine Kugel, die hinter einer der beiden Armeen am bewölkten Himmel erschien.
Tubb stolperte zurück und fiel zu Boden. Schweiß bedeckte seine Stirn. Er keuchte. Yuis Augen waren noch immer geöffnet und starrten direkt in seine Richtung. Grünlicher Speichel rann über ihr Kinn. Tubb wandte sich sofort ab. Er richtete sich auf und taumelte gegen die Schachtwand.
Maki zog hastig die beiden anderen Schläuche aus Yuis Rücken. Erneut wurde ihre Schwester von heftigen Kontraktionen heimgesucht. Diesmal drang ein schmerzvoller Schrei aus ihrem Mund. Kurz darauf erbrach sie grünlichen Schleim.
Tubb wagte sich wieder nach vorne. »Nehmen wir sie mit.«
»In ihrem Zustand?« Makis Ausruf verriet ihre Sorge, die sie sich um ihre Schwester machte. »Ich weiß nicht einmal, was ich überhaupt getan habe!«
Über ihnen erzitterte die Kugel.
Hans schaute nach oben. »Du hast auf jeden Fall dieses Ding aktiviert.«
Ein tiefes Summen nahm langsam an Lautstärke zu. Die Ketten rasselten langsam und schwerfällig nach oben.
»Wir müssen hier weg!«, schrie Tubb.
Maki achtete nicht auf ihn. Sie wunderte sich über etwas ganz anderes. »Wieso bewegt sich die Kugel erst jetzt?«
Tubb versuchte, Yui zu tragen. »Wir haben deine Schwester zu schnell von diesem Zeug befreit. Vielleicht hat dies eine Art Fehlfunktion ausgelöst.«
Hans reichte Tubb seinen Rucksack. »Du nimmst lieber das hier.« Daraufhin hob er Yui an und legte sie sich wie einen Sack Kartoffeln über die Schulter. Yui erbrach sich erneut. »Na toll«, seufzte Hans. »Ich habe mich schon gewundert, weswegen heute noch niemand mein T-Shirt vollgekotzt hat.«
Maki quittierte sein Kommentar mit einem finsteren Blick.
Die Ketten senkten sich hinab. Das Summen nahm dabei an Kraft zu.
Tubb winkte beiden zu, ihm die Treppe empor zu folgen. Er hatte kaum ein paar Stufen hinter sich gebracht, als er abrupt stehen blieb. Jemand stand am oberen Ende des Aufgangs. Der Anblick dieser Person löste in ihm ein unverkennbares Grauen aus. Handelte es sich dabei um einen Menschen? Das Wesen war auf jeden Fall lebendig. Es ging aufrecht auf zwei Beinen. Doch für seine Körperform gab es keine exakte Kategorie, um sie darin einzuordnen. Das, was Frederic Tubb sah, glich einer geschmolzenen Wachsfigur. Der Kopf war länglich und wies unzählige Runzeln auf. Die Hautfarbe lag irgendwo zwischen einem schmutzigen Grau und einem fleischigen Rosa. Vertiefungen schienen auf Augen und einen Mund hinzuweisen. Die dürren, lang gezogenen Arme gingen über in schmale, zerbrechlich wirkende Spinnenhände. Die Beine waren leicht eingeknickt. Seine Kleidung glich einer olivgrünen Tunika. Das Ding starrte zu ihnen herunter. Seine erstarrte Haltung zeigte, dass ihm das Geschehen innerhalb des Lichtkreises ganz und gar nicht gefiel. Das Wesen schien dadurch eine Art Schrecken, vielleicht sogar Entsetzen auszudrücken. Tubb vernahm so etwas wie eine Stimme. Ein krächzender Aufschrei. Eine Sekunde später war das Wesen aus dem Lichtkreis verschwunden.
Seltsamerweise war ihm diese Gestalt keineswegs fremd vorgekommen. Etwas Ähnliches hatte er schon einmal gesehen. Er konnte sich auch erinnern, wo. Yui Asakawa hatte ähnlich aussehende Figuren auf mehreren ihrer Bilder verewigt.
»Das schaut alles verdammt schlecht aus«, bemerkte Hans hinter ihm. »Oben wartet wahrscheinlich bereits ein ganzes Empfangskomitee auf uns.«
»Da kannst du recht haben«, pflichtete Tubb ihm bei. »Trotzdem sollten wir von hier verschwinden.« Er verspürte bereits einen zunehmenden Druck in seinem Kopf.
Sie stiegen die Stufen weiter empor. Kaum waren sie auf dem Rand der Ebene angekommen, als aus der Grube ein lautes Krachen ertönte. Der Thron, auf dem Yui gesessen hatte, war in sich zusammengebrochen. Statt auf den sorgfältig gefertigten Sitz, blickten sie nun auf einen chaotischen Steinhaufen. Auf dem durchsichtigen Boden hatten sich Risse gebildet. Erst jetzt merkte Tubb, dass auch die Lufttemperatur stark zugenommen hatte.
Er trat durch den Lichtschleier hinaus auf die Ebene. Etwas sauste auf ihn zu. Tubb bückte sich reflexartig. Dabei bemerkte er, dass ihn zwei Prähumane von der Seite angriffen. Einer von ihnen hatte versucht, ihm mit dem Kolben seiner Muskete eins über den Schädel zu ziehen. Tubb richtete sich auf und parierte den nächsten Schlag mit seinem Unterarm. Eindeutig eine schmerzvolle Erfahrung. Der Schmerz schoss hinauf bis in seine Schulter. Als beide zugleich einen Angriff starteten, kam Hans Tubb zu Hilfe. Trotzdem er Yui über seiner Schulter hängen hatte als wäre sie nichts als ein Mantel, vollführte er mit seinen Beinen ein paar gekonnte Karateschläge, wodurch die beiden Prähumanen zu Boden gingen.
Maki ergriff sofort eine ihrer Waffen.
Tubb zögerte einen Augenblick. Dann nahm er sich die zweite Muskete. Erst jetzt warf er einen genaueren Blick auf die vor ihm liegende Ebene. Anscheinend hatten die Prähumanen vorgehabt, den Lichtkreis zu umzingeln. Doch das unerwartete Ereignis, das Tubb, Maki und Hans durch die Befreiung von Yui ausgelöst hatten, hatte sie durcheinandergebracht. Die Prähumanen wichen vor ihnen zurück. Das Wesen, das zuvor zu ihnen in die Grube geblickt hatte, wankte mit ihnen und gab dabei sonderbare Laute von sich. Anscheinend versuchte es, die chaotische Mannschaft zur Ordnung zu rufen. Tatsächlich blieben welche stehen und legten ihre Musketen an.
Hans schluckte laut. »Tubb, sag jetzt bloß nicht, dass du vergessen hast, wie es hier wieder raus geht.«
»Dort hinüber mit euch«, antwortete Tubb und deutete mit der Muskete auf ein Gerüst, das rechts von ihnen lag.
Seine plötzliche Bewegung führte dazu, dass ein paar der Prähumanen auf sie feuerten. Die Strahlen verfehlten sie nur knapp. Tubb erinnerte sich noch zu gut, an den Streifschuss, den er auf der Felseninsel abbekommen hatte. Seine Haut war an dieser Stelle eigenartig verfärbt und wirkte beinahe wie mumifiziert. Noch immer schmerzte sie, aber bei Weitem nicht so schlimm wie kurz nach dem Treffer.
Maki schoss zurück. Sie war ein guter Schütze. Die Strahlen trafen drei der Angreifer, die sofort leblos zu Boden sanken.
Angetrieben von dem Gekreische des Wesens, formierten sich die Prähumanen neu.
»Zurück in den Lichtkreis!«, rief Tubb.
»Aber die Kugel!«, wandte Maki ein.
»Zurück, habe ich gesagt!«
Kaum hatten sie sich hinter das Lichtfeld zurückgezogen, als auch schon mehrere Strahlen auf sie abgefeuert wurden. Eigenartigerweise prallten die Strahlen von der Lichtsäule ab und wurden zu Querschlägern. Unter den Prähumanen kam es erneut zu Panik. Teilweise prallten die Strahlen auf sie zurück und führten zu Lücken in ihren Reihen.
Inzwischen vibrierte der Boden unter ihren Füßen. Die Kugel gab ein unheimliches Dröhnen von sich.
»Wir müssen hier weg!« Maki schaute sich verzweifelt um. Ihre Augen röteten sich. Als sie sah, wie Blut aus Yuis Ohren tropfte, schrie sie entsetzt auf.
»Raus, Tubb!«, schrie nun auch Hans. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Er spuckte Blut auf den Boden.
Über ihnen bewegte sich X wie ein mechanisches Insekt, das jemand dort aufgehängt hatte. Ein Schuss gegen die Maschine würde nichts bringen. Es gab keine Zeit, um zu überlegen. Sie mussten von hier fort. Und zwar so schnell wie möglich. Tubb schaute hinunter in die Grube. Die Risse hatten sich vermehrt. Die Energie, die hier wirkte, war schier unglaublich. Hatte dieses Phänomen etwas mit der Turbine zu tun?
»Tubb!« Hans’ Schrei hörte sich an wie reine Verzweiflung.
Frederic Tubb richtete die Mündung der Muskete auf den grell leuchtenden Boden der Grube. Er feuerte mehrere Strahlen ab. Das durchsichtige Material löste sich auf wie brennendes Zelluloid. Eine blendende Lichtexplosion breitete sich schlagartig aus.
»Weg!«, brüllte Tubb.
Alle drei verließen den Lichtkreis, während die blendende Energie nach oben schoss. Kaum hatten sie die Ebene erreicht, als ein silbriges Gleißen die Kugel erfasste. Die Bewegungen der Ketten hörten abrupt auf. Das Dröhnen jedoch wurde mit einem Mal lauter.
Die Prähumanen starrten entsetzt auf das Geschehen. Manche von ihnen flüchteten.
Das Wesen starrte mit einer Mischung aus Wut und Hass in ihre Richtung. Auf einmal riss es eine Muskete aus der Hand eines der Prähumanen und zielte in ihre Richtung. Bevor er abdrücken konnte, feuerte Maki einen Strahl auf ihn ab. Das Wesen kreischte auf. Seine Form veränderte sich wie die einer schmelzenden Kerze. Sein Kreischen verebbte. Zurück blieb ein Haufen rauchender Gallertmasse.
»Meine Fresse«, kommentierte Hans das Geschehen.
»Los jetzt!«, befahl Maki.

19

Hans schaffte es ohne Probleme Yui auf dem Gerüst nach oben zu tragen. Maki und Tubb folgten ihm. Frederic Tubb warf immer wieder einen Blick zurück. Von den Prähumanen fehlte jede Spur. Das Dröhnen, welches X von sich gab, zerriss beinahe das Trommelfell. Geröll fiel von der Decke.
Während Hans Yui durch den kurzen Schacht in die Halle mit den Verzierungen trug, beobachtete Tubb, wie sich die Gerüste der anderen Lichtturbinen nacheinander verbogen. Er schickte Maki voran. Kurz darauf folgte er ihr. Kaum hatte er die Haken des Schachts erreicht, als auch die Stangen unter ihm plötzlich nachgaben. Die Konstruktion verbog sich zu einer Art Schraubstock, bevor es in sich zusammenkrachte.
Vor ihnen lag die dunkle Kanalöffnung. Wiederum schickte Tubb Hans voran. Diesmal erwies es sich für ihn eindeutig schwerer, Yui auf seiner Schulter zu tragen, da der Kanal nach wenigen Metern äußerst eng wurde. »Jemand muss mit der Taschenlampe nach vorne.«
Tubb zog sie aus dem Rucksack und reichte sie Maki.
»Wehe du berührst nochmals meinen Hintern«, wandte sie sich an Hans.
»So toll war das auch wieder nicht.«
Beleidigt fuhr Maki herum und übernahm wortlos die Führung.
»Hab ich etwas Falsches gesagt?«, fragte Hans Tubb.
»Glaubst du, jetzt ist wirklich Zeit darüber zu diskutieren?«
Durch die Kanalwände zogen sich breiter werdende Risse. Das Wasser sprudelte, so als befänden sie sich in einem Whirlpool. Hinter ihnen leuchtete auf einmal die Halle in einem schier blendenden Licht auf. Eine ohrenbetäubende Explosion erschütterte ihre Umgebung. Die Wände brachen noch weiter auf. In der Halle stürzte Geröll von der Decke.
Auf allen vieren krochen Maki, Hans und Tubb durch den engen Schacht. Wie lange sie brauchten, bis sie den Zugang zu dem quer verlaufenden Kanal erreichten, wusste Tubb nicht. Es war ihm auch ziemlich egal. Sicher war nur, dass sie so gut wie keine Zeit mehr hatten, um zurück in den Spiralbrunnen zu gelangen. Hinter ihnen stürzten bereits Teile der Kanaldecke ein.
»Beeil dich, Maki!«, drängte Hans.
Diese kroch so schnell sie konnte vorwärts. Weiter vorne sah sie bereits das Licht des Ausgangs. Nach mehreren Minuten erreichte sie schließlich den Grund des Spiralbrunnens. Sie wartete, bis Hans zusammen mit Yui aus der Öffnung kroch. Erst als sie sicher war, dass mit Yui soweit alles in Ordnung war, schritt sie den spiralförmigen Weg nach oben.

20

Die gesamte Nazca-Ebene bebte.
Hans, Maki und Tubb rannten von dem Spinnensymbol weg in Richtung Rollfeld, wo noch immer das Propellerflugzeug auf sie wartete.
Miguel Cervantes stand neben seine Maschine und warf den dreien fragende Blicke zu. »Meine Güte! Was habt ihr dort unten gemacht?«
»Erklären wir Ihnen später«, gab Hans zurück. »Jetzt sollten wir einfach nur verschwinden.«
Cervantes startete den Motor, während Maki, Hans und Tubb ins Flugzeug kletterten. »Und wer ist diese junge Frau?«
»Meine Schwester«, antwortete Maki.
Der Pilot lachte laut auf, während das Flugzeug über das Rollfeld stotterte. »Ihre Schwester?«
»Ganz recht. Meine Schwester.«
Das Flugzeug hob ab.
Cervantes flog einen weiten Bogen quer über die Nazca-Linien. Über der gesamten Ebene bildeten sich Rauchsäulen. Auf einmal wirbelte Staub auf. Die Linien zogen sich auseinander und verformten die Symbole. Der Boden erzitterte. Gestein schleuderte durch die Luft. Cervantes schrie auf. Er flog Zickzacklinien, um den Geschossen auszuweichen. »Was um alles in der Welt habt ihr da unten gemacht?«
Tubb enthielt sich einer Erklärung. Wie gebannt beobachtete er das Geschehen auf der Ebene. Eine gewaltige Druckwelle erfasste das Flugzeug und rüttelte es durch.
Dort, wo über Jahrtausende hindurch die Nazca-Linien die Wüste verziert hatten, klaffte nun ein gewaltiger Krater.

21

John Arnold knallte Tubb ein Schreiben auf den Tisch, auf dessen Briefkopf Regierung von Peru stand.
»Was soll das?« Tubb lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wartete auf Arnolds Erklärung. Seit ihrem Abstecher nach Südamerika waren inzwischen zwei Wochen vergangen. Wie so oft herrschte vor dem Zentralgebäude der LOGE tristes Regenwetter. Yui Asakawa erholte sich nur langsam von den Qualen, die sie erlitten hatte. Sie lag in der Krankenhausabteilung des Zentralgebäudes, wo sich verschiedene Spezialärzte um sie kümmerten. John Wyndham, ihr Laborchef, hatte die grüne Flüssigkeit chemisch untersucht und dabei herausgefunden, dass sie mit Bestandteilen einer unbekannten Pilzart versehen war. Wyndham hatte zudem vorgeschlagen, mit Yui PSI-Tests durchzuführen, was Maki ihm allerdings untersagt hatte.
»Was das soll?«, wiederholte Arnold. »Das ist eine Rechnung aus Peru von über mehreren Millionen Dollar. Sie geben uns die Schuld daran, dass diese beschissenen Sandkastenbilder völlig zerstört wurden. Der Präsident trauert weniger den Linien nach als vielmehr dem finanziellen Verlust durch ausbleibende Touristen.«
»Sein Bier«, sagte Tubb.
»Dann kam noch ein Mahnschreiben der UNESCO. Wir werden beschuldigt, absichtlich ein Weltkulturerbe zerstört zu haben. Haben Sie sonst noch Fragen?«
Tubb schob den Brief zur Seite. »Mehr als genug. Wir wissen noch immer nicht, aus welchem Grund ausgerechnet Yui Asakawa in einer geistigen Verbindung zu den Prähumanen stand. Sie zeichnete bereits seit ein paar Jahren jene seltsamen Wesen, von denen wir eines zu Gesicht bekommen haben. Der Traum von der Kugel plagt sie seit über einem Jahr. Maki beschreibt die damit einhergehenden psychischen Auffälligkeiten wie eine Art Schizophrenie oder vielleicht Besessenheit. Jedes Mal, wenn Yui von der Kugel träumte, war sie den darauf folgenden Tag überaus aggressiv. Wyndham darf ihre Schwester nicht untersuchen, Also bleiben die Antworten darauf aus.«
»Vielleicht ist es auch besser so. Das letzte Mal, als Wyndham jemanden hypnotisieren sollte, fiel er für mehrere Wochen in ein Wachkoma.«
»Als mich Yui in jener Grube direkt anstarrte, wurde ich auf einmal von einer Vielzahl von Bildern heimgesucht, so als würden durch die Strahlen aus ihren Augen Informationen weitergeleitet werden. Unter anderem erkannte ich Pläne, welche sich anscheinend auf die Funktionsweise von X bezogen. Wenn ich die Zeichnungen richtig deute, so scheint es so zu sein, dass diese Riesenkugel eine Art Sender darstellte, durch den andere Maschinen gesteuert wurden. Vielleicht war es früher anders, und jede Kugel benötigte einen speziellen Sender. Ihre Technik hat sich möglicherweise weiterentwickelt, sodass sämtliche Kugeln zentral gesteuert wurden. Als Sender fungierte Yui Asakawa, die mit bizarren Drogen vollgepumpt wurde, um ihre mentalen Fähigkeiten zu kontrollieren. X diente als Waffe. Sie besaß ein extremes Zerstörungspotenzial. Wir haben das ja selbst erlebt. Die eingestürzten Bürogebäude um uns herum dienen noch immer als sichtbares Beispiel. Ich glaube, dass die Prähumanen niemanden mehr hatten, den sie als Sender verwenden konnten. Als sie Yui ausfindig machten, ermöglichte dies ihnen, ihre Maschinen endlich wieder zu aktivieren.«
»Schön, wie Sie sich das alles zusammenreimen, Tubb. Aber hilft uns das irgendwie weiter?«
»Es bleibt uns nichts anderes übrig, als aus den Dingen, die wir gesehen haben, mögliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Uns fehlen zu viele Fakten. Das Buch von Paul Symmes erweist sich in dieser Hinsicht als keine große Hilfe. Symmes wusste selbst nicht, wer oder was die Prähumanen sind.«
»Jedenfalls darf ich Ihre Eskapaden wieder einmal ausbaden. Würde mich nicht wundern, wenn uns ab jetzt noch mehr Kürzungen ins Haus stehen.«
»Wenn ich Sie daran erinnern darf: Die LOGE existiert seit Mitte der 50er Jahre. Wenn man die Organisation bisher nicht aufgelöst hat, wird man es auch in Zukunft nicht tun.«
Maki erschien im Rahmen der offen stehenden Tür. »Störe ich euch gerade bei einem kleinen Ehekrach?«
»Arnold ist sauer wegen der zerstörten Nazca-Linien. Was gibt es? Wieso bist du nicht bei deiner Schwester?«
»Yui möchte, dass du zu ihr kommst.«
Tubb wechselte einen flüchtigen Blick mit John Arnold. »Vielleicht bekommen wir ja jetzt ein paar Antworten.«
Arnold zündete sich eine Zigarette an. »Darauf möchte ich nicht gerade wetten.«

22

Yui hatte ein Zimmer für sich. Sie saß am Bettrand und drückte sich einen Polster an den Bauch. Sie wirkte erschöpft und nachdenklich. Maki setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter.
Hans stellte ein Tablett mit Kaffee auf den Tisch, der neben dem Bett stand.
Maki grinste. »So kenne ich dich noch gar nicht.«
Hans errötete leicht. »Heute mache mal eine Ausnahme.«
»Yui, pass bloß auf, dass du keinen neuen Verehrer bekommst.«
»Keine Sorge«, gab sie zurück. Ihre Stimme klang geschwächt. »Danke für den Kaffee.«
Hans reichte ihr eine Tasse. »Ich werde immer zum Kaffeeholen verdonnert. Diesmal bin ich denen einfach zuvor gekommen.«
»Aber du hast keinen Kuchen mitgebracht«, erwiderte Maki. »Also, worauf wartest du noch?«
Yui schüttelte den Kopf. »Keinen Kuchen. Ich kann Kuchen nicht ausstehen.«
»Du hast es gehört, Maki«, gab Hans zurück. »Wenn du also etwas willst, dann hol es dir selbst.«
»Dann reich mir mindestens auch eine Tasse.«
Tubb räusperte sich. »Können wir auf den eigentlichen Zweck des Treffens kommen?«
Maki seufzte. »Fred, schalte einfach mal einen Gang runter.«
Yui trank einen Schluck. »Ich wollte euch allen danken. Maki hat mir erzählt, was ihr unternommen habt. Mr. Tubb, ohne Ihre Hilfe wäre ich jetzt wahrscheinlich noch immer dort gefangen. Und vielleicht… Vielleicht wäre Maki gar nicht mehr am Leben, wenn Sie nicht nach Osaka zurückgekehrt wären.«
»Maki war zum Glück nicht so schlimm verletzt.«
»Stimmt«, fügte Hans hinzu. »Weich in der Birne war sie schon immer.«
Maki streckte ihm die Zunge raus.
»Leider kann ich mich kaum an etwas erinnern«, fuhr Yui fort. »Maki hat mich bereits ausgefragt. Wenn ich kurz zu mir kam, blendete mich grelles Licht. Ich sah eine eigenartige Gestalt. Mir war ständig übel. Maki sagte, man hätte mich unter Drogen gesetzt. Ich kam erst hier langsam wieder zu mir. Um ehrlich zu sein, wusste ich gar nicht, was mit mir geschah. Jetzt weiß ich, dass durch mich Menschen gestorben sind. Der Gedanke daran ist einfach nur schrecklich.«
»Sie haben keine Schuld daran«, erklärte Tubb. »Sie wurden von den Prähumanen benutzt. Die Kugeln, die Sie gesteuert haben, sind im selben Augenblick funktionslos geworden, als wir Sie dort herausholten.«
»Wer war dieses Wesen?«
Tubb zuckte mit den Achseln. »Er machte auf mich den Eindruck, als würde er eine Art Wissenschaftler oder Ingenieur sein. Sein Aussehen gibt natürlich Rätsel auf. Vielleicht rührt es von der Strahlung her.«
Yui riss entsetzt ihre Augen auf. »Werde ich einmal auch so aussehen?«
»Mit Sicherheit nicht«, beruhigte er sie. »Um so auszusehen, muss man wahrscheinlich mehrere Jahre der Strahlung ausgesetzt sein.« Er griff nach einer der Tassen auf dem Tablett. Seine Stirn legte sich in Falten. »Mich würde interessieren, ob Sie sich an irgendwelche Beweggründe erinnern können, die dazu führten, dass Sie jene Wesen malten. Was stellen die Landschaften dar, die Sie immer wieder erschaffen?«
Yui drehte ihre Kaffeetasse nervös in den Händen. »Wenn ich ein Bild male, bin ich wie in Trance. Ich kann mich nur selten daran erinnern, wie ich ein Bild geschaffen habe. Das Motiv kehrt einfach immer wieder. In unterschiedlichen Variationen, aber im Grunde genommen tauchen darin stets jene mysteriösen Gestalten auf.«
»Sie fühlen sich nicht auf irgendeine Art beeinflusst?«
»Beeinflusst? Sie meinen eine äußere Kraft, die auf mich einwirkt? So etwas ist mir bisher nicht aufgefallen. Maki meint allerdings, dass ich mich nach den Kugelträumen stets anders als sonst verhalte. - Glauben Sie, diese Wesen werden versuchen, mich nochmals zu entführen?«
Tubb schüttelte den Kopf. »Wir haben X zerstört. Ich glaube kaum, dass die Prähumanen Sie erneut aufsuchen werden.«
»Wirklich nicht?«
»Auf keinen Fall.«
Yui wirkte erleichtert.
»Was hat deine Schwester jetzt vor, Maki?«, wollte Hans wissen. »Düst sie wieder zurück nach Japan?«
»Frag sie doch selbst. Sonst bist du doch auch nicht so schüchtern.«
»Ich muss wieder zurück«, antwortete Yui. »Ich kann meine Galerie nicht länger geschlossen halten. Außerdem ist mein Freund sicherlich schon halb verrückt vor Sorge. Oder er hat sich vor Eifersucht inzwischen umgebracht. Wäre eigentlich auch nicht schlimm.«
Maki schlug ihre Schwester gegen die Schulter. »Was redest du da?«
»Aber er nervt. Eine solche Nervensäge kannst du dir wirklich nicht vorstellen.«
»Sie sollten sich noch einige Zeit ausruhen«, bemerkte Tubb. »Überstürzen Sie lieber nichts. Wenn Sie etwas brauchen, dann sagen Sie einfach bescheid. Ich muss leider wieder gehen…«
Maki stand von dem Bett auf. »Du willst schon wieder weg?«
Tubb wirkte verunsichert. »Du hast es ja mitbekommen. Es gibt Ärger wegen unseres Aufenthalts in Peru. Die Regierung verlangt Schadensersatz, weil wir die Nazca-Linien demoliert haben.«
»Demoliert ist gut«, gab Hans zurück. »Hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, dass ich einmal diese Kultstätte zerstören würde, hätte ich wahrscheinlich laut losgelacht.«
»Nun ja, auf jeden Fall muss ich mit Arnold noch ein paar Sachen besprechen.«
»Ich fände es schöner, wenn du noch bei uns bleiben würdest.«
Yui kicherte. »Ich hab es ja gesagt, Mr. Tubb. Meine Schwester leidet unter Liebeskummer.«
Maki stampfte verärgert mit ihrem Fuß auf. »Ich hätte dich wirklich in Peru lassen sollen.«
»Du hast mich doch sowieso nur gerettet, damit du nicht selbst kochen musst.«
»Du bist manchmal einfach nur doof.«
»Und du…«
Tubb klatschte in die Hände. »Ist ja gut, ihr beiden.«
»Sie bleiben also?«
»Wenn ihr aufhört zu streiten.«
»Sind die beiden eigentlich immer so?«, fragte Hans.
»Irgendwie schon.«
»Na dann gute Nacht.«
»Ganz meine Meinung.«

23

Drei Wochen später flog Yui zurück nach Japan. Vor ihrem Abflug hatte sie Tubb einen Zettel in die Hand gedrückt. Erst in seiner Wohnung faltete er ihn auf. Der Text bestand nur aus drei Sätzen: Achten Sie bitte auf meine Schwester. Sie hat Sie wirklich sehr gerne (Und ich weiß, dass Sie sie auch mögen).
Er legte den Zettel auf den Schreibtisch und schaltete den Laptop ein. Dreiundsechzig Emails lagerten auf seiner Mailbox. Die meisten stammten von Wissenschaftlern, die sich darüber aufregten, dass Frederic Tubb und sein Team es »auf welche Art auch immer« fertiggebracht hätten, die Nazca-Linien zu zerstören. Dass diese Linien im Zusammenhang mit einer prähumanen Hyperkultur standen, wollte niemand glauben. Und dass diese Zivilisation die Menschheit bedrohte schon gar nicht.
Er war daher auf eine andere Idee gekommen.
Bereits am folgenden Morgen betrat er das Foyer des British Museum. Der Kurator namens David Trust, mit dem er einen Termin vereinbart hatte, kam ihm entgegen. »Mr. Tubb, ich fürchte, Ihre Idee kann nicht umgesetzt werden.«
Tubb blieb wie angewurzelt stehen. »Sie fürchten sich wohl um den Aufschrei, den diese Ausstellung hervorrufen würde?«
David Trust hob abwehrend seine Hände. »Mr. Tubb, hören Sie mir zunächst bitte zu. Es gibt keine solchen Artefakte.«
»Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen? Ich weiß von dem Unterwasserarchäologen Mark Ranger, dass diese Artefakte in einem Ihrer Kellerräume gelagert werden.«
Trust rieb seine Hände aneinander. »Es ist mir ehrlich gesagt peinlich, Ihnen sagen zu müssen, dass diese Artefakte plötzlich nicht mehr zu finden sind. Der angegebene Raum ist leer.«
Frederic Tubb biss sich auf die Unterlippe. »Sie sind sicher?«
»Vollkommen sicher, Mr. Tubb. Um ehrlich zu sein, kenne ich nicht einmal den Wert dieser Sammlung. Sie wurde versteckt gehalten. Es gab nur wenige, die sich dafür interessierten. Und es gab viele, die wollten, dass die Artefakte nie an die Öffentlichkeit gelangen sollten. Daher kann ich nicht verstehen, aus welchem Grund sie plötzlich unauffindbar sind.«
»Dann wurden sie gestohlen?«
David Trust tupfte sich mit einem karierten Taschentuch über die Stirn. »Das wissen wir ebenfalls nicht, Mr. Tubb.«
»Wie meinen Sie das?«
»Der Raum wurde nicht aufgebrochen. Er war einfach leer.«
Frederic Tubb atmete einmal tief durch. Etwas ruhiger geworden, fragte er: »Kann ich mir den Raum selbst einmal ansehen?«
Trust verneigte sich leicht. »Aber gerne.«
Wenige Minuten später musste Tubb den Tatsachen selbst ins Auge sehen. In dem Raum, in dem über mehr als ein Jahrhundert hinweg jene ominösen Artefakte der Challenger Expedition gelagert hatten, fanden sich nicht einmal die geringsten Spuren davon.
Enttäuscht verließ er das Museum. Er griff nach seinem Handy und wählte Makis Nummer.
»Was gibt es?«
»Wir müssen reden.«
»Reden? Über was?«
Tubb zögerte. Er kam sich unendlich verloren vor. Als wäre er der einzige Mensch im gesamten Universum. »Einfach nur reden.«

Epilog

»Ich bin daher überzeugt, dass manche Phänomene, die wir bis heute nicht erklären können, auf die prähumane Hyperzivilisation zurückzuführen sind. Wie sie diese zustande bringt oder was sie damit bezweckt, kann ich nicht genau beurteilen. Nur eines ist sicher: Sie regierte bereits einmal unseren Planeten. Wieso sollte sie es daher kein zweites Mal tun?«

Paul Symmes Das Geheimnis der Hyperzivilisation

Fortsetzung folgt ...

Die Abenteuer von Frederic Tubb und seinem Team gehen weiter in

Prähuman Band 8

»Spur ins Ungewisse«

Copyright © 2011 by Max Pechmann

 

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