
Serien & Stories

Frederic Tubb ist Professor für rätselhafte Phänomene und Artefakte. Eines Tages bekommt er ein seltsames Telegramm. Darin steht, dass in Kambodscha eine merkwürdige Entdeckung gemacht wurde. Die Reste einer fremdartigen Stadt. Alter: 70 Millionen Jahre.
Kaum bekommt die Öffentlichkeit Wind von der ganzen Sache, gerät Frederic Tubb in Kontakt mit merkwürdigen Personen, die versuchen, ihn von seiner weiteren Forschung abzuhalten. Doch Frederic lässt nicht locker. Weitere Entdeckungen werden gemacht, die Aufschluss darüber geben, dass vor unserer Zeit eine hypermoderne Kultur existiert hat. Waren es Außerirdische? Wer sind die Leute, die versuchen, Frederic Tubb von seinen weiteren Forschungen abzuhalten?
Frederic Tubb macht sich zusammen mit seinen Mitarbeitern Maki Asakawa und Hans Schmeißer daran, das Rätsel der Hyperzivilisation zu lösen. Dabei stößt er auf merkwürdige Vorkommnisse und bizarre Situationen.

Invasion der Doppelgänger
Prolog
Jims Coffee Shop gegen 20 Uhr. Jim bezeichnete diese Zeit immer als Geisterstunde. Erst nach den Kino- und Theatervorstellungen würden sich hier wieder Leute versammeln. Doch nun stand er alleine hinter der Theke, während vor den Fenstern einzelne Nebelschwaden vorbeiwaberten. Gelangweilt trocknete er ein paar Gläser.
Die einzigen Gäste bestanden aus einem einsamen alten Mann, der in einer Ecke saß und bereits das zweite Glas Whiskey trank, und Hans Schmeißer sowie Maki Asakawa, die schräg gegenüber der Theke an einem der Tische Platz genommen hatten.
Jim kannte Maki schon seit seinem Studium. Sie waren gute Freunde. Während sie der Uni treu blieb, hatte er nach Monaten vergeblicher Jobsuche dieses Café eröffnet. Sein Geschäft lief besser als gedacht. Er bereute seine Entscheidung nicht.
Jim stellte das saubere Glas zurück ins Regal. Hans und Maki hätten nicht unterschiedlicher sein können. Er wusste, dass der etwas pummelig wirkende Assistent von Frederic Tubb ihr manchmal ziemlich auf die Nerven ging. Das lag nicht allein an seinen dämlichen Sprüchen. Hans war schlicht und ergreifend eifersüchtig. Er wimmelte sofort jeden ab, der Maki näher kommen wollte.
Jim verstand nicht, weswegen sie ihn trotzdem traf. Wie ein offizielles Meeting sah es jedenfalls nicht aus. Überhaupt verhielt sich Maki diesmal eigenartig. Als sie das Café betreten hatte, hatte sie recht unwirsch auf Jims Begrüßung reagiert. Sie hatte sich sofort an den Tisch gesetzt und Jim keines Blickes mehr gewürdigt. Sie wirkte nervös. Ob es sich doch um ein Arbeitstreffen handelte? Jim wusste noch aus dem gemeinsamen Studium, dass Maki bei ihren Tätigkeiten überaus präzise vorging. Ungenauigkeiten bereiteten ihr schlaflose Nächte.
Jim grinste, während er mit dem Geschirrtuch das nächste Glas abtrocknete. Wahrscheinlich hatte Hans mal wieder etwas verbockt. Irgendetwas, von dem Tubb nichts wissen durfte. Jim kannte Hans nur flüchtig, aber durch Makis Berichte glaubte er, dass dies ihm ähnlich sehen würde.
Da beide nur leise miteinander sprachen, konnte er nicht verstehen, um was sich ihr Gespräch drehte. Die Jazzmusik, die aus den Lautsprechern drang, verhinderte, dass er auch nur eine Silbe verstehen konnte.
Was Jim allerdings nicht für möglich gehalten hatte, war Folgendes: Makis Augen füllten sich mit Tränen, während sie Hans’ Hände umfasste.
Jim hörte abrupt mit dem Abtrocknen auf. Was hatte das zu bedeuten? Tröstete sie Hans etwa? Dieser schien über Makis Verhalten genauso erstaunt zu sein wie Jim. Er glotzte Maki mit großen Augen an, während sich sein Kopf zunehmend rot färbte.
Auf einmal beugte sie sich über den Tisch und küsste ihn.
Jim rutschte das Glas aus der Hand. Es zersprang mit einem lauten Klirren vor seinen Füßen.
1
Hans spürte, wie ihm das Herz bis zum Hals schlug. Er konnte keine Minute lang ruhig sitzen. Daher ging er in dem Büro, das er mit Maki teilte, nervös auf und ab.
Es war sieben Uhr morgens. Draußen herrschte noch immer eine tiefe Dunkelheit. Regen prasselte gegen die beiden Fenster. Zum ersten Mal seit seiner Anstellung als Assistent von Frederic Tubb hatte er das Institut vorzeitig betreten. Normalerweise trudelte er immer gegen neun Uhr ein. Doch dieses Mal hatte er es nicht mehr länger zu Hause ausgehalten.
In seinem Kopf wirbelten die unmöglichsten Gedanken durcheinander. Er hatte versucht, sich auf die Arbeit an einem neuen Artikel zu konzentrieren, bisher hatte er aber nicht einmal ein einziges Wort geschrieben.
Auf Makis Schreibtisch, der seinem gegenüberstand, herrschte wie immer eine vorbildliche Ordnung. Ihre Notizzettel, die Bücher, die sie benötigte, und sogar die Kugelschreiber lagen alle an ihrem Platz.
Sein eigener Schreibtisch sah im Vergleich dazu aus wie ein Schlachtfeld. Ausdrucke, Artikelkopien, Bücher und Schreibzeug verteilten sich wirr über die ganze Arbeitsfläche. Ihm war Ordnung zuwider. Er brauchte das Chaos. Nur so gelang es ihm, klare Gedanken zu knüpfen.
Dieses Mal half ihm seine Liebe zum Durcheinander kein bisschen weiter. Seufzend setzte er sich an seinen Stuhl und knackte mit seinen Fingerknochen.
Maki kam meistens gegen acht Uhr ins Büro.
Sein Mund fühlte sich trocken an. Aus der Cafeteria hatte er sich einen Kaffee geholt, doch der war bereits ausgekühlt und schmeckte so noch ekliger als sonst. Er nahm die Tasse und goss mit ihrem Inhalt Makis Palme, die neben ihrem Schreibtisch stand. Sie mochte es nicht, wenn er Kaffee in den Topf schüttete, obwohl er gehört hatte, dass dies das Wachstum von Pflanzen positiv beeinflussen würde. – Nun ja, bei dem Kaffee des Instituts hatte Hans allerdings auch so seine Bedenken. Aber was soll’s. Es war sowieso nicht viel gewesen.
Er beschloss, nochmals die Cafeteria aufzusuchen. Diesmal hatte er Lust auf eine Tasse Tee.
Als er zurückkam, stand die Bürotür offen. Sein Herz vollführte sofort einen unangenehmen Looping. Er glaubte, sein Kopf würde durch das heftige Pochen jeden Augenblick zerspringen. Er schaute auf seine Uhr. Halb acht.
Hans holte tief Luft, bevor er über die Schwelle trat.
Maki saß bereits an ihrem Schreibtisch. Sie trug noch immer ihren schwarzen Mantel, während sie bereits die Emails durchging.
Hans setzte sich an seinen Tisch. Seine Hand, mit der er die Tasse hielt, zitterte.
»Hast du mal wieder meine Palme mit deinem abscheulichen Kaffee gefoltert?«
Hans’ Antwort belief sich auf ein unverständliches Krächzen.
Maki blickte kurz auf. »Bist du erkältet?«
Hans schluckte und schüttelte seinen Kopf.
Endlich zog sie ihren Mantel aus und hängte ihn über die Stuhllehne. Eigentlich konnte er es nicht leiden, wenn sie so geschäftig tat. Er hob die Tasse an, um einen Schluck zu trinken, verschüttete aber durch sein Zittern jede Menge Flüssigkeit. Während er mit einem Taschentuch den Tee aufwischte, schaute Maki erneut zu ihm herüber.
»Was ist dir denn über die Leber gelaufen?«
Er spürte, wie sein Gesicht rot anlief. Einmal musste er wohl darauf zu sprechen kommen. »Gestern …« Außer diesem einen Wort brachte er allerdings nichts anderes heraus.
»Was gestern?«, fragte Maki.
Hans fuchtelte mit seinen Händen in der Luft herum. »Na ja, gestern …« Er räusperte sich. »Darf … Kann ich dir eine … eine Frage stellen?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Nur zu.«
Hans hielt sich verkrampft an der Tischplatte fest, während er fragte: »Hast du das gestern ernst gemeint?«
Maki lehnte sich erstaunt zurück. »Was? Was soll ich ernst gemeint haben?«
»Dass …«, begann Hans, stockte aber wieder. Schließlich nahm er seinen restlichen Mut zusammen und fuhr fort: »Dass du in mich verliebt bist.«
Maki lachte laut auf. »Wie bitte?«
»Du … Also, du hast mir gestern eine Liebeserklärung gemacht. Und dann hast du mich geküsst …«
Makis Lachen erstarb augenblicklich. »Sag mal, spinnst du?«
Hans rollte auf seinem Stuhl verlegen hin und her. »Das hast du gestern gesagt.«
»Und dich geküsst?« Sie verzog ihr Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
»Deine Zunge hätte beinahe mein Gaumenzäpfchen berührt …«
Sie schlug mit ihrer flachen Hand auf den Schreibtisch. »Darf ich fragen, was für Tabletten du heute früh genommen hast?«
Hans runzelte die Stirn. »Dann hast du gestern anscheinend zu viel getrunken.«
»Ich habe gestern gar nichts getrunken! Ich möchte von dir wissen, was dieses Gerede soll!«
Hans verspürte auf einmal eine tiefe Niedergeschlagenheit. »Wahrscheinlich bereust du das inzwischen. Deswegen tust du so, als sei nichts gewesen.«
Maki brachte eine Art Lächeln zustande. »Es ist auch nichts gewesen.«
»Dann frag doch Jim! Immerhin haben wir uns in seinem Café getroffen. Er hat es bestimmt mitbekommen, was zwischen uns gestern …«
Maki zögerte einen Moment. Dann zog sie ihr Handy aus der Manteltasche und wählte Jims Nummer. »Ich bin’s. Hast du Hans und mich gestern in deinem Laden gesehen? – Was diese Frage soll? Sag lieber, ob du uns gesehen hast… - Wie bitte? – Weswegen ich so gereizt bin? Vergiss es einfach!« Sie schaltete ihr Handy aus und warf es auf den Tisch.
Hans getraute sich in diesem Moment keinen einzigen Mucks von sich zu geben.
Maki holte einmal tief Atem. »Was ist danach geschehen?«
»Danach?«
»Jim sagte, wir hätten sein Lokal eng umschlungen verlassen.«
»Das… Das willst du wahrscheinlich nicht hören.«
Makis Gesicht wurde bleich.
»An der U-Bahnstation konnte ich mich endlich von dir losmachen. Ich bin in den nächsten Zug gestiegen und nach Hause gefahren.«
Maki verschränkte die Arme vor ihrer Brust. »Du sagst nicht die Wahrheit.«
»Das stimmt aber. Mittwochabend läuft immer King of Queens. Das verpasse ich doch nicht.«
Ihre Miene verfinsterte sich. »Wie bitte? Du lässt mich wegen einer dämlichen Fernsehserie einfach sitzen?«
Hans wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Um ehrlich zu sein, du warst ein bisschen zu schnell für meinen Geschmack.«
»Was soll das jetzt wieder heißen?«
»Das möchtest …«
»…du gar nicht wissen. Schon kapiert.« Maki schaute ein paar Sekunden aus dem Fenster. Schließlich sagte sie: »Du willst sicher auch nicht wissen, dass ich das gar nicht gewesen bin.«
»Natürlich bist es du gewesen!«
»Ich war gestern Abend zu Hause«, erwiderte sie. »Ich habe gegen neun Uhr mit einer Freundin telefoniert. Das müsste also ungefähr die Zeit gewesen sein, in der du mich hast sitzen lassen.«
Hans verspürte in seinem Kopf einen noch größeren Wirrwarr als zuvor. Hätte Maki ihm gesagt, dass sie es sich anders überlegt hätte, wäre es bei Weitem nicht so schlimm gewesen, wie ihre Behauptung, dass sie es gar nicht gewesen war. »Kannst du mir dann sagen, wer so aussieht wie du, so spricht wie du und sich genauso verhält wie du?«
Maki versuchte sichtlich, ihre Ruhe zu bewahren. »Ich weiß es nicht.«
»Und was sollen wir jetzt machen?«
Sie seufzte und blätterte gedankenverloren in einem der Bücher. »Das weiß ich auch nicht.«
2
Etwa zwei Stunden später kämpfte Frederic Tubb mit ganz anderen Problemen.
Donnerstags blieb er zu Hause, da er an diesem Tag keine Sitzungen leitete. Das bedeutete für ihn, dass er zwischendurch weiter an seinen eigenen Forschungen arbeiten konnte. Diese bezogen sich seit fast zwei Jahren ausschließlich auf das Rätsel der prähumanen Hyperzivilisation. Ihm kam es vor, als würden sich die Geheimnisse um diese vorzeitliche Zivilisation vermehren, je mehr er sich mit ihr beschäftigte. Normalerweise stieß man irgendwann einmal auf Antworten. In diesem Fall aber ließen Lösungen auf sich warten. Ihr letztes Abenteuer im Himalajagebirge hatte Tubb schließlich völlig durcheinandergebracht. Er hatte geglaubt, seine Frau unter den Wächtern der bizarren Maschinentürme erkannt zu haben. Da die Hälfte ihres Gesichts durch eine sonderbare Maske verdeckt gewesen war, konnte er nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob sie es tatsächlich gewesen war. Seitdem kehrten seine Gedanken immer wieder zu dem Zeitpunkt zurück, als er sie dort gesehen hatte.
Hatten ihre Augen nicht auch eine Art von Wiedererkennen reflektiert?
Seine Frau galt seit mehr als drei Jahren als verschwunden. Es war Maki gewesen, die die Vermutung aufgestellt hatte, dass sie von der Hyperzivilisation entführt worden sein könnte. Die Prähumanen arbeiteten mit einem grotesken Transportsystem, dessen Koordinaten per Funk übermittelt wurden. Es schien jedoch nicht richtig zu funktionieren, wie sich damals unschwer erkennen ließ. Vielliecht erklärte dies das spurlose Verschwinden von Kathrin. Vielleicht erklärte es auch das spurlose Verschwinden von Paul Symmes. Und nicht zuletzt erkläre es vielleicht, wieso sich Victor Leng plötzlich in Luft aufgelöst hatte.
Eine Gänsehaut jagte über seinen Rücken, wenn er an diesen skrupellosen Unternehmer dachte.
Tubb trank einen Schluck Kaffee, während er auf einem Blatt Papier Notizen machte.
Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Auf dem Display erschien eine ihm bekannte Nummer aus Südkorea.
»Was gibt’s Neues, Jung-Kyo?«
»Was es Neues gibt?« Die Stimme seines Freundes klang alles andere als erfreut. Jung-Kyo Park hatte als Erster die Ruinen einer Millionen Jahre alten Stadt im kambodschaninen Dschungel entdeckt. Für Tubb und seine beiden Mitarbeiter Maki und Hans hatte damit die Suche nach weiteren Artefakten der prähumanen Hyperzivilisation begonnen.
»Bist du mit dem falschen Fuß aufgestanden?«
»Das kannst du laut sagen, Fred«, lautete Jung-Kyos Antwort. »Kannst du mir verraten, was das zu bedeuten hat?«
»Ich habe keine Ahnung, worüber du redest.«
Jung-Kyo ließ ein trockenes Lachen hören. »Das ist wirklich gut, Fred. Ich weiß ja nicht, was du damit bezweckst. Aber auf jeden Fall kostet mich dein Verhalten nicht nur meine Reputation, sondern wahrscheinlich auch meine Stelle an der Seoul University.«
Tubb versuchte sich an irgendetwas zu erinnern, was auf Jung-Kyos Anschuldigungen zutraf, fand jedoch keinen einzigen Anhaltspunkt. »Ich verstehe noch immer nicht, was du meinst.«
»Spielst du mir etwas vor, Fred? Dein Vortrag auf dem Kongress in Lissabon. Du hast dort öffentlich erklärt, dass all deine Veröffentlichungen und Äußerungen über eine vormenschliche Zivilisation nichts als reines Geschwätz gewesen sei! Du hast dort behauptet, dass die gefundenen Artefakte Fälschungen seien. Den Zwischenfall in der U-Bahn von Seoul hast du als Terroranschlag bezeichnet, der von nordkoreanischen Spionen ausgeführt worden war.« Auf einmal entrang sich seinem Freund ein Schluchzen. »Du hast damit meine ganze Arbeit zunichtegemacht, Fred. Was bezweckst du damit?«
Frederic Tubb betrachtete mit leerem Blick seine Bücherregale.
»Bist du noch dran?«, fragte Jung-Kyo.
Tubb fühlte sich, als würde kalte Säure durch seine Adern fließen. »Ich war auf keinem Kongress in Lissabon.«
»Wieso lügst du, Fred?«, fuhr der koreanische Wissenschaftler ihn an. »Bist du jetzt wie einer dieser dämlichen Politiker, die unangenehme Tatsachen als Fälschungen verkaufen? Ich rate dir einmal, auf die Homepage der Vereinigung für Grenzwissenschaften zu schauen. Dort findest du einen interessanten Artikel sowie eindeutige Fotos.« In der Leitung ertönte ein Klicken. Darauf folgte das Besetztzeichen.
Tubb legte auf. Er konnte einfach nicht nachvollziehen, was in Jung-Kyo Park gefahren war. Er hatte keinen Kongress in Lissabon besucht. Er hatte auch nie behauptet, dass seine Arbeiten über die prähumane Hyperzivilisation völliger Quatsch seien. Aus welchem Grund hätte er so etwas überhaupt tun sollen? Er wusste, dass es diese geheimnisvolle Zivilisation gab. Nicht einmal im Traum würde er auf die Idee kommen, seine bisherigen Erkenntnisse zu leugnen.
Auf Google suchte er die Seite der von Jung-Kyo erwähnten Grenzwissenschaftlichen Vereinigung. Als er die Seite gefunden hatte, musste er keine weiteren Links anklicken, um die notwendigen Informationen zu erhalten. Gleich auf der Hauptseite stand in dicken Lettern:
FREDERIC TUBB BEZEICHNET SICH SELBST ALS BETRÜGER! PRÄHUMANE HYPERZIVILISATION GIBT ES NICHT!
Zu dem Artikel gab es tatsächlich Fotos. Tubb verstand die Welt nicht mehr. Die Aufnahmen zeigten ihn, wie er am Rednerpult stand. Hinter ihm warf ein Beamer die Aufschrift Kongress der Grenzwissenschaftlichen Vereinigung, Lissabon 17. – 19. Dezember 2010 an die Wand. Der Inhalt des Artikels gab ungefähr dasselbe wieder, was Jung-Kyo Park ihm soeben am Telefon mitgeteilt hatte.
Tubb versuchte, aufzustehen, doch seine Knie versagten ihm den Dienst. Was wurde hier gespielt?
3
Maki ahnte irgendwie, dass die peinlichen Äußerungen von Hans nicht das Einzige waren, das ihr an diesem Tag noch bevorstand.
Gegen neun Uhr ordnete sie ihre Unterlagen. In fünfzehn Minuten musste sie ein Seminar abhalten. Ihre Konzentration hatte sich seit dem unangenehmen Gespräch mit ihrem Kollegen praktisch in Luft aufgelöst. Seitdem tat Hans so, als wäre sie nicht vorhanden, was sie noch mehr durcheinanderbrachte. Schließlich hatte sie nicht Schuld daran, dass er nun Trübsal blies. Zugleich fragte sie sich ständig, wer diese eigenartige Person gewesen sein konnte, mit der sich Hans am vorigen Abend getroffen hatte. Diese geheimnisvolle Unbekannte musste ihr bis aufs Haar gleichen. Maki und Hans kannten sich seit fünf Jahren, sodass beiden genau ins Auge fiel, wenn einer von ihnen sich auch nur minimal anders verhielt als sonst. Jedes Mal, wenn sie an Hans’ Äußerungen dachte, kam es ihr vor, als wären es Erinnerungen aus einem schlechten Traum.
Während sie die Reihenfolge ihrer Notizen durchging, beschloss sie, mit Hans nach der Sitzung in ein Café zu gehen, um mit ihm nochmals darüber zu sprechen. So wie sich die Situation gerade darstellte, hielt sie die greifbare Spannung, die sich in dem Büro aufgebaut hatte, nicht länger aus.
Sie schaute auf ihre Uhr, stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort zu verlieren den Raum.
Wie immer erntete sie auf dem Flur sehnsüchtig-verliebte Blicke mancher Studenten. Im Seminarraum würde es noch schlimmer werden. Zwischen den Thesenblättern, die sie von ihren Studenten erhielt, steckten nicht selten romantische Liebeserklärungen. Sie nahm es gelassen.
Gerade als sie auf die Treppe in das obere Stockwerk trat, eilte ihr die Sekretärin des Institutsleiters entgegen.
Augusta Wright besaß eine unangenehm schrille Stimme. »Miss Asakawa, ich befürchte, Sie werden die heutige Sitzung nicht halten können.«
Maki blieb wie angewurzelt stehen. »Sind die Studenten nicht gekommen?«
Mrs. Wright hob zickig ihr Kinn in die Höhe. »Mr. Jensen wird Ihr Seminar übernehmen.«
Maki trat von der Stufe wieder herunter. »Wie darf ich das verstehen.«
»Prof. Dr. Finn lässt ausrichten, dass Sie und Mr. Schmeißer mit sofortiger Wirkung gekündigt sind.«
Maki blieb der Mund offen stehen. »Das meinen Sie bestimmt nicht ernst.«
Mrs. Wright kniff ihre Augen zusammen. »Sie wissen, dass Prof. Dr. Finn so gut wie nie zum Spaßen aufgelegt ist.«
»Und wieso teilen Sie mir das mit und nicht dieser Blödmann selbst?«
Augusta Wright zuckte sichtlich zusammen. »Aber Miss Asakawa! Wie können Sie so von unserem Institutschef sprechen?«
Maki ließ die Sekretärin stehen und ging direkt auf Finns Büro zu.
»Aber … Miss Asakawa! Das können Sie doch nicht!«
Ohne anzuklopfen riss sie die Tür auf und betrat den Raum.
Prof. Dr. Herman Finn schrie vor Schreck auf. Neben ihm stand eine Studentin, die sofort ihre Sachen packte und aus dem Zimmer eilte. »Miss Asakawa…!«
»Und, darf die junge Frau jetzt auf eine bessere Note hoffen?«
Finn richtete seine Krawatte. »Wieso platzen Sie ohne Anmeldung in mein Büro herein?«
»Weil mir Ihre freundliche Sekretärin etwas über eine sofortige Kündigung erzählt hat. Darf ich fragen, was das soll?«
Finn wischte sich mit einem gepunkteten Taschentuch über die Stirn. »Dafür dürfen Sie Ihrem Chef danken, Miss Asakawa. Seine Rede in Lissabon hat die akademische Welt in Unruhe versetzt und unserem Institut erheblichen Schaden zugefügt.«
»Lissabon? Mr. Tubb war noch nie in Lissabon.«
Finn steckte das Taschentuch zurück in sein Jackett. »So, war er nicht? Frederic Tubb hielt dort bei einem Kongress einen Vortrag, in dem er deutlich machte, dass alles, was er über eine prähumane Hyperzivilisation in schriftlicher wie mündlicher Form von sich gegeben hat, erstunken und erlogen ist. Das hat mich dazu veranlasst, den Schaden für unser Institut so gering wie möglich zu halten. Sämtliche Forschungsgelder, mit denen Mr. Tubbs und Ihre Stellen finanziert werden, wurden mit sofortiger Wirkung eingestellt. Sie haben bis zwölf Uhr Zeit, Ihr Büro zu räumen. Die entsprechenden Schreiben erhalten Sie per Post. Jede Form des Einspruchs wird von vornherein abgelehnt. Und jetzt verlassen Sie umgehend mein Büro.«
Maki dröhnten die Ohren. Sie drehte sich um und taumelte aus Finns Büro. Im Eingang stand Augusta Wright, ein hämisches Grinsen auf ihren Lippen. »Hier haben Sie noch ein Geschenk.« Sie drückte Maki eine Zeitschrift in die Hand und schloss hinter ihr die Tür.
Als sie in ihr Büro zurückkehrt, fühlte sie sich, als würden ihre Füße in Betonklötzen stecken. Sie warf das Magazin auf den Tisch und ließ sich in ihren Stuhl fallen.
Hans folgte ihren Bewegungen mit nicht geringem Staunen. »War wohl eine ziemlich kurze Sitzung, was?« Neugierig griff er nach der Zeitschrift.
»Die Sitzung hat überhaupt nicht stattgefunden«, murmelte sie. Ohne dass sie es verhindern konnte, traten ihr Tränen in die Augen. »Wir sind gefeuert.«
»Wegen dem hier?« Hans hob die Zeitschrift etwas an.
Maki achtete nicht darauf. »Sie haben Fred gefeuert. Und deswegen müssen wir auch gehen.« Sie schaute Hans direkt in die Augen. »Kapierst du überhaupt, was ich sage?«
Hans nickte. »Aber ich bin wohl etwas abgelenkt.«
Maki seufzte. »Ich hab keine Lust auf deine Späße.«
»Ich mach auch keine Späße. Ich denke aber, dass du eindeutig zugenommen hast.« Er drehte das Magazin um, sodass sie das Cover sehen konnte.
Maki brauchte einen Moment, bis sie registrierte, was sie auf dem Titelblatt sah. Dann sprang sie auf und riss Hans die Zeitschrift aus den Händen. Es handelte sich dabei um ein Magazin für Studenten, in dem sich vor allem Konzerttermine und Filmrezensionen aneinanderreihten. Auf dem Cover sah Maki sich selbst. In gestreiftem Bikini stand sie am Strand und lächelte in die Kamera. Die dazu gehörende Textzeile lautete:
Studieren macht wieder Spaß! – Unsere hübschesten Dozentinnen.
Mit rasendem Herzen blätterte sie die Zeitschrift durch. Entnervt knallte sie das Magazin auf die Tischplatte. Eigentlich hätte es sie überraschen sollen, wenn es keine weiteren Fotos gegeben hätte.
»Das auf dem Cover bin ich nicht!«
Hans zuckte mit den Achseln. »Genauso wenig wie gestern.«
Sie schleuderte ihm die Zeitschrift entgegen. »Du hast wirklich eine Schraube locker. Ich bin doch nicht bescheuert und lass mich als irgend so ein belämmertes It-Girl ablichten. Am besten, ich rufe gleich die Redaktion an. Das ist einfach unbegreiflich.«
»Sagtest du nicht, wir sollen bis zwölf Uhr von hier verschwinden?«
Maki biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte plötzlich einen anderen Einfall. »Wir müssen zu Fred. Was, wenn es sich hierbei um eine Intrige handelt?«
Hans stand auf und zog sich seine Jacke an. »Gehen wir am besten gleich. Dieser Laden geht mir sowieso schon längst auf den Keks. Es wundert mich, dass es Tubb hier solange ausgehalten hat.«
Maki runzelte die Stirn. »Dann glaubst du mir?«
»Was?«
»Dass ich das nicht bin.«
Hans grinste. »Ich sagte doch schon, dass du zugenommen hast. Aber die Fotos würde ich trotzdem gerne behalten …«
Maki rollte das Magazin zusammen und knallte es ihm auf den Kopf.
4
Frederic Tubb saß in John Arnolds Büro. Er umfasste mit beiden Händen eine Kaffeetasse, während er versuchte, sich zu sammeln. Aus dem Nebenzimmer vernahm er, wie Arnolds neue Sekretärin die Tastatur bearbeitete. Es klang wie entfernte Maschinengewehrsalven. John Arnold besaß einen recht hohen Verschleiß an weiblichen Mitarbeitern. Tubb fragte sich, ob es nun die siebte oder bereits die achte Angestellte war, die nebenan arbeitete.
Arnold saß hinter seinem Schreibtisch und löste gerade die Folie von einem Dauerlutscher mit Himbeergeschmack. Er hatte Tubb mitgeteilt, dass er sich fest vorgenommen habe, das Rauchen aufzugeben, und nun mit diversen Hilfsmitteln versuche, sein Vorhaben aufrechtzuerhalten. Nachdem er die klebrige Arbeit endlich beendet hatte, steckte er sich den Lutscher in den Mund und sagte: »Jetzt einmal alles der Reihe nach, Tubb. Was ist wie, wann und wo geschehen?«
Tubb drehte die Tasse in seinen Händen. »In Lissabon fand ein Kongress statt, an dem ich allerdings nicht teilgenommen habe.«
»Und wo liegt dann das Problem?« John Arnold zog den Lutscher rasch aus seinem Mund, betrachtete ihn angewidert und warf ihn kurzerhand in den Mülleimer. »Das Zeug gehört verboten.«
»Dass ich daran teilgenommen habe. Oder jemand, der mir verteufelt ähnlich sieht. Ich habe dieser Veranstaltung so gut wie keine Aufmerksamkeit geschenkt. Jung-Kyo Parks Anruf riss mich daher aus allen Wolken. Ich habe keine Ahnung, was das Ganze soll. Durch diesen Zwischenfall ist Jung-Kyos Stelle an der Uni in Gefahr.«
Arnold probierte inzwischen einen Lutscher mit Apfelgeschmack. »Und wie sieht es mit Ihrer Stelle aus? Es müsste doch auch für Sie irgendwelche Konsequenzen haben. Immerhin halten Sie Reden und veröffentlichen Artikel über die Hyperzivilisation. Ich kann mir vorstellen, dass die Fakultät nicht gerade darüber erfreut ist, dass Sie plötzlich Ihre eigenen Aussagen dementieren.«
Tubb runzelte die Stirn. »Um ehrlich zu sein, habe ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Sie haben allerdings recht. Es könnte sein, dass jetzt auch meine Stelle auf der Streichliste der Uni steht.«
»Und die Ihrer beiden Mitarbeiter.«
Frederic Tubb stellte die Tasse auf den Schreibtisch und stand auf. »Ich sollte Maki und Hans darüber informieren.«
Arnold winkte ab. »Das hat bereits meine Sekretärin übernommen.«
Tubb stutzte. »Wie das? Wussten Sie schon vorher darüber Bescheid?«
»Wir bekommen so ziemlich alles als Erste mit.«
»Dann haben Sie sicherlich auch schon die Fotos auf der Homepage der Vereinigung gesehen.«
John Arnold drehte den Computerbildschirm in Tubbs Richtung. »Ich habe mir die Bilder sofort angesehen, als ich davon erfuhr. Um ehrlich zu sein, ich wusste nicht, dass Sie auf Karos stehen.«
»Wie bitte?«
»Na, sehen Sie doch selbst.«
Tubb setzte sich wieder hin, um die Fotos besser betrachten zu können. Der Mann, der so aussah wie er selbst, trug in der Tat einen graublau karierten Anzug. Tubb hasste Karos. Er besaß keine derartige Kleidung. Er nicht sagen, ob ihn diese Erkenntnis erleichterte oder die ganze Sache vielmehr erschwerte.
John Arnold beförderte auch den zweiten Lutscher in den Mülleimer. »Die Kleidung beweist leider überhaupt nichts. Sie könnten sich den Anzug immerhin geborgt haben.«
Tubb überlegte für einen Moment. »In Ordnung, aber es gibt vielleicht eine andere Möglichkeit, um herauszubekommen, ob ich derjenige auf dem Foto bin.«
»Und die wäre?«
»Irgendwie muss ich ja nach Lissabon gekommen sein. Höchstwahscheinlich mit dem Flugzeug. In der Regel fliege ich Britsh Airways, da ich dort Meilen sammeln kann …«
Arnold grunzte vergnügt.
»Was?«
»Macht nichts. Reden Sie weiter.«
»Jedenfalls müssten die von British Airways wissen, ob ich tatsächlich dorthin geflogen bin.«
Arnold stützte seine Ellenbogen auf der Tischplatte ab. »Und was ist, wenn Sie mit dem Zug gefahren sind? Oder sogar mit dem Auto? Was ist, wenn Sie jemand mitgenommen hat?«
Tubb fühlte sich, als würden dunkle Wolken den zögerlichen Sonnenstrahl sofort bedecken. »Im Grunde genommen kann ich gar nichts beweisen.«
»Nun gut, die einfachste Sache ist die. Haben Sie sich während des Zeitraums, in dem der Kongress stattgefunden hat, mit jemandem getroffen? Zum Beispiel mit Miss Asakawa?« Arnold zwinkerte ihm zweideutig zu.
»An dem Wochenende kurierte ich einen Schnupfen aus. Es kam weder Besuch, noch betätigte ich irgendwelche Anrufe.«
John Arnold kratzte sich hinter dem Ohr. »Ich würde sagen, die Möglichkeit zu beweisen, dass Sie nicht dort gewesen sind, tendiert gegen null. Jeder, der die Fotos sieht, müsste glauben, dass Sie tatsächlich einen Rückzieher von Ihren bisherigen Arbeiten gemacht haben. Ihre Reputation können Sie sich an den Nagel hängen.«
»Genau diesen letzten Satz habe ich jetzt gebraucht. Danke dafür.«
John Arnold wippte ein paar Sekunden auf seinem schwarzen Bürostuhl hin und her. Schließlich fuhr er fort: »Da gibt es noch eine Sache, Tubb. Solange nicht bewiesen werden kann, dass Sie nicht in Lissabon gewesen sind, ist es mir leider nicht möglich, mit Ihnen weiterzuarbeiten.«
Tubb fuhr empor, so als hätte ihn der Blitz getroffen. »Was soll das heißen, Arnold? Dass Sie mir nicht glauben? Jemand versucht, meinen Ruf zu ruinieren! Wir müssen so schnell wie möglich herausfinden, um wen es sich dabei handelt!«
Arnold faltete gelassen seine Hände. »Es tut mir leid, Tubb. Aber ich habe auch meine Vorschriften. Durch Ihr Verhalten in Lissabon ziehen Sie nicht nur Ihre Fakultät, sondern auch unsere Organisation ins Lächerliche. Unsere Zusammenarbeit muss daher bis auf Weiteres ruhen.«
»Hören Sie, ich sagte Ihnen doch die ganze Zeit, dass ich nicht dort gewesen bin!«
»Und im selben Atemzug gaben Sie zu, dass Sie das nicht eindeutig beweisen können. Ich schlage daher vor, dass Sie zunächst diese Angelegenheit ins Reine bringen, bevor Sie sich hier wieder blicken lassen. Ich denke, Sie wissen, wo die Tür ist.«
Frederic Tubb griff wütend nach seinem Mantel. »Sie können mich mal, Arnold. Ich hätte nicht einmal im Traum gedacht, dass Sie ein solches Weichei sind.«
»Verlassen Sie sofort das Gebäude, sonst lasse ich Sie hinausschaffen.«
Tubb machte kehrt und verließ das Büro. Völlig außer sich, schritt er den langen Flur entlang, um zu einem der Fahrstühle zu gelangen. Er verstand die Welt nicht mehr. Hatten sich plötzlich alle gegen ihn verschworen? Was war auf einmal in John Arnold gefahren? Hatte er Druck von oben bekommen? Er versuchte, sich einen Plan zurechtzulegen, was er als Nächstes tun sollte. Allerdings bekam er kaum einen richtigen Gedanken zustande. Tubb wusste nur eines: Zuerst musste er Maki und Hans Bescheid sagen. Im schlimmsten Fall hatten beide seine missliche Lage bereits zu spüren bekommen. Er griff nach seinem Handy und wählte Makis Nummer, erreichte jedoch nur ihre Mailbox. Tubb versuchte es nochmals in ihrem Büro, aber auch dort meldete sich niemand. Bei Hans musste er es gar nicht versuchen, da er sein Handy ständig zu Hause liegen ließ.
Der helle Glockenton verkündete, dass der Aufzug das Stockwerk erreicht hatte. Die Türen rollten fast geräuschlos zur Seite. Als er in die Kabine treten wollte, stieß er mit jemandem zusammen.
»Verdammt, Tubb, was ist denn mit Ihnen los?«
Frederic Tubb prallte schockiert zurück. Vor ihm stand John Arnold. »Ich denke, Sie sitzen in Ihrem Büro?«
Arnold zog eine zerknitterte Zigarettenschachtel aus seiner Jacke und kicherte. »Vor zehn Uhr bin ich nie in meinem Büro, Tubb. Das müssten Sie eigentlich wissen.«
»Und wer ist das dann in Ihrem Büro? Falls Sie es genau wissen wollen, Sie haben mich gerade vorhin aus Ihrer Organisation geschmissen.«
John Arnold steckte die Schachtel Zigaretten langsam wieder zurück in seine Jacke. »Was sagen Sie da?«
Tubb packte ihn am Ärmel und zerrte ihn mit sich. »Wir müssen uns beeilen. Vielleicht ist dieser Typ noch da.«
»Hören Sie mal, Tubb, ich brauche erst einmal eine Tasse Kaffee …«
»Sparen Sie sich den für später! Irgendjemand versucht, uns mit Doppelgängern unschädlich zu machen! Jetzt kommen Sie schon!«
5
Maki und Hans fuhren mit dem knarrenden Aufzug in den dritten Stock, in dem Tubbs Wohnung lag. Über der Schaltfläche hing ein kleines Metallschild mit der Aufschrift: Baujahr 1959. Die Kabine war eng und roch nach ungewaschenen Füßen. Für den Bruchteil einer Sekunde geriet der Aufzug ins Stocken und das Licht ging aus. Danach setzte er seine ächzende Reise fort.
Hans begann auf einmal zu grinsen.
»Was ist jetzt schon wieder?«, wollte Maki wissen.
»Ich habe eine Idee, wie wir herausbekommen können, ob es sich bei der Frau von gestern tatsächlich um jemand anderen gehalten hat.«
»Natürlich hat es sich um jemand anderen gehandelt. Was glaubst du denn?«
»Aber sicher ist es nicht«, beharrte Hans auf seiner Meinung.
Maki fühlte sich auf einmal ziemlich niedergeschlagen. »Und wie lautet deine tolle Idee?«
Sein Grinsen wurde breiter. »Du küsst mich einfach nochmals. Vielleicht merke ich ja einen Unterschied.«
»Spinnst du? Eher lasse ich mich von einer Dampfwalze überrollen.«
Sein Grinsen machte schlagartig einer enttäuschten Miene platz. »Dann war es eben eine andere.«
»Sag ich doch.«
Der Fahrstuhl stoppte. Die Tür ratterte zur Seite.
Tubbs Wohnung befand sich am rechten Ende des Flurs. Kurz davor blieb Maki abrupt stehen. Indem sie Hans auf die Hand schlug, konnte sie ihn gerade noch daran hindern, die Klingel zu betätigen.
»Was soll das?«, protestierte ihr Kollege.
»Die Tür ist nur angelehnt«, flüsterte Maki.
»Dann hat er eben vergessen, sie zu schließen.«
»Er schließt immer die Tür.«
»Da spricht wohl eine aus Erfahrung.«
»Du bist wirklich so was von doof.«
»Und was jetzt?«
Maki drückte die Tür auf. Kein Laut drang aus der Wohnung.
Hans, der seine Ungeduld nicht länger zügeln konnte, drängte sich an Maki vorbei. »Tubb, deine Tür steht offen. Nur zur Information.«
Aus einem Nebenraum drang auf einmal ein Rascheln.
»Das kam aus dem Schlafzimmer«, stellte Maki verlegen fest. Sie erinnerte sich leider nur zu gut an die überaus peinliche Situation, in der sie neben Tubb aufgewacht war. In derselben Nacht hatte John Arnold den Zwischenfall des verschollenen Passagierschiffs gemeldet.
Hans schielte zu ihr hinüber, sagte aber nichts. Als er gegen die Tür klopfte, schwang diese abrupt auf.
Zunächst fiel es ihm schwer, zu ergründen, was an der Person so sonderbar war, die ihm gegenüberstand. Doch dann bahnte sich ein fröstelndes Gefühl durch seinen Körper. Er starrte in sein eigenes Gesicht.
Ihm blieb kaum Zeit, sich von seinem Schrecken zu erholen. Sein Doppelgänger stieß ihn brutal zur Seite und flüchtete aus der Wohnung.
Hans folgte ihm. Er rannte den Gang entlang, als hinter einer Ecke völlig unerwartet ein Fuß hervorschnellte. Hans schaffte es nicht mehr, auszuweichen. Er stolperte darüber und stürzte unsanft auf den weinroten Teppichboden.
Hände zerrten ihn an seinen Schultern wieder auf die Beine. Benommen schaute er seinem anderen Ich in die Augen. Sein Doppelgänger boxte ihm mehrmals in den Bauch und stieß ihn wieder von sich, sodass Hans erneut zu Boden stolperte. Der Schmerz raubte ihm beinahe den Atem. Dennoch rappelte er sich wieder auf.
Kaum stand er aufrecht, als er einen Tritt in den Rücken erhielt. Hans fuhr herum, um sich zu verteidigen. Doch sofort trafen ihn die Fäuste seines Gegners ins Gesicht und in den Magen. Hans sah für einen Moment alles verschwommen.
Zwei Arme umschlangen ihn von hinten und zerrten ihn wie einen übergroßen Kartoffelsack über den Flur. All dies geschah mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, sodass Hans gar nicht richtig begriff, was vor sich ging.
Die Arme ließen ihn abrupt los. Fäuste schlugen auf ihn ein. Schließlich folgte ein heftiger Stoß gegen seinen Brustkorb. Er taumelte für einen Moment wie ein Seiltänzer, der verzweifelt versuchte, sein Gleichgewicht zu halten. Im Gegensatz zu dem Akrobaten gelang es ihm nicht mehr, sich zurück in Position zu bringen. Er fiel nach hinten und stürzte dabei mehrere Stufen hinunter.
Als er seine Augen wieder öffnete, lag er völlig verkrümmt im Treppenhaus. Es stank nach billigem Putzmittel.
Ein Schatten beugte sich über ihn.
»Hans, hast du dir wehgetan?«
Schön, dass sich Maki immer erst dann um ihn Sorgen machte, wenn er mit einem Fuß im Jenseits stand. Er blieb einfach reglos liegen.
»Hans!«
Als sie begann, mit ihren Händen auf seine Schultern zu klopfen, überlegte er es sich dann doch lieber anders. Er besaß bereits genug blaue Flecken. Hustend richtete er sich auf und lehnte seinen Rücken gegen die kalte Betonwand. »Kriege ich jetzt einen Kuss?«
Das Klatschen der Ohrfeige, die darauf folgte, konnte man durch sämtliche Stockwerke hören.
6
»Nochmals von vorne, Tubb«, sagte Arnold. Er nippte an einem Pappbecher, den ihm ein Büromitarbeiter gebracht hatte. Der heiße Kaffee tat gut. Er verstand zwar nichts von dem, was Frederic Tubb ihm berichtete. Aber das störte ihn im Moment auch gar nicht. Wichtig war nur, dass der Kaffee ihn wieder in die Gänge brachte.
»Wie oft soll ich Ihnen das noch erklären, Arnold? Vor ein paar Minuten habe ich hier mit Ihnen gesprochen, während Ihre Sekretärin nebenan tippte.«
»Meine neue Sekretärin heißt übrigens Peter, falls Sie das nicht stört.«
»Was soll das jetzt schon wieder heißen?«, rief Tubb. Es war in der Tat nicht einfach, Frederic Tubb aus der Ruhe zu bringen. Doch nun wurde er gerade Zeuge, wie der Professor kurz vor einem Wutausbruch stand.
John Arnold stellte den Becher ab und begann zu erklären. »Ich habe keine Sekretärin mehr, Tubb. Die Verwaltung hat sich dazu entschlossen, mir einen Mann zur Verfügung zu stellen. Doch der ist seit gestern krankgeschrieben.«
»Und wieso einen Mann?«
Arnold nahm den Becher wieder zur Hand. »Tja, es gab anscheinend Beschwerden. Ich habe meine Sekretärinnen stets selbst ausgesucht. Doch daran lag es nicht. Vielmehr brachte mich dies auf den Weg ins Verderben. Sie verstehen sicher, was ich meine.«
»Keine Ahnung, was Sie da von sich geben.«
John Arnold, dem die Angelegenheit nun selbst zu peinlich wurde, winkte ab. »Vergessen Sie es einfach, Tubb. Zurück zu Ihrer Doppelgängermanie. Beim letzten Mal, als ich mich selbst sah, hatte ich drei Promille im Blut.«
Tubb schlug mit beiden Händen auf die Tischplatte. »Ich bin weder betrunken, noch leide ich unter Wahnvorstellungen! Ich habe vorhin mit einer Person geredet, die genau da saß, wo Sie jetzt sitzen. Sie … Schauen Sie in Ihren Papiereimer!«
John Arnold verschluckte sich beinahe. »Was soll ich machen?«
»In Ihren verfluchten Papiereimer schauen!«
Arnold zögerte. Hatte Tubb nun vollends seinen Verstand verloren? »Und was passiert, wenn ich es nicht mache?«
»Tun Sie es einfach.«
John Arnold gab endlich nach. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schob mit seinem rechten Fuß den Papiereimer näher heran.
»Und, was sehen Sie?«
Arnold betrachtete gedankenverloren den Inhalt des Eimers.
»Ich fragte soeben, was Sie sehen.«
»Nichts.« In dem Eimer lag nicht einmal einer seiner Nasenpopel. »Wieso sollte sich auch etwas darin befinden? Die Putzfrau leert ihn meistens am späten Abend. Hin und wieder auch in der Früh. Also kann nichts darin liegen.«
Frederic Tubb stand anscheinend am Rand der Verzweiflung. »Sie … Der Typ, der so aussah wie Sie, hat zwei Lutscher reingeworfen.«
»Was?«
Tubb holte tief Luft. »Zwei Lutscher. Einen mit Himbeer- und einen mit Apfelgeschmack. Sie wollten sich damit das Rauchen abgewöhnen.«
John Arnold zog instinktiv seine Zigarettenschachtel hervor. »Hören Sie hierzu einen Spruch meiner Mutter: Mit Süßkram kann man sich zwar die Zähne versauen, aber nicht das Rauchen abgewöhnen.«
Auf einmal klopfte es an die Bürotür.
»Was ist los?«
Ein stoppelbärtiger Mann öffnete und schaute finster in Arnolds Richtung. »Wir haben zwei seltsame Meldungen bekommen, Sir.«
»Muss ich Ihnen die Füße küssen, damit Sie mir sagen, was diese beinhalten?«
»Eine Frau behauptet, dass sich ihr Mann, mit dem sie kurz vor der Scheidung steht, auf einmal verdoppelt habe. Eine ähnliche Meldung stammt von einem Lehrer. Er behauptet, seine Schüler aus der zweiten Klasse wären auf einmal doppelt vorhanden und machten ihm nun das Leben zur Hölle.«
John Arnold schaute von dem Mann zu Frederic Tubb. Er fühlte sich auf einmal, als hätte ihm jemand Gift in den Kaffee gemischt.
7
Maki half Hans die Treppe hinauf. Auf seinem Gesicht hatten sich blaue Flecken gebildet. Die rote Backe stammte allerdings von ihr.
Als sie wieder Tubbs Wohnung erreichten, ließ sich Hans auf die Couch sinken. »Der Typ sah aus wie ich.«
»Das alles ging so schnell, dass ich überhaupt nicht mitbekommen habe, wer das gewesen ist«, erwiderte Maki. »Ich seh mich mal um, ob irgendetwas gestohlen wurde.«
»Am liebsten wäre mir jetzt etwas gegen meinen Brummschädel.«
»Vielleicht finde ich ja was.« Maki durchsuchte die einzelnen Zimmer, konnte aber nicht feststellen, ob etwas fehlte. Auf jeden Fall hatte der Eindringling nichts durcheinandergebracht. Im Badezimmer fand sie eine Packung Schmerztabletten. Nachdem sie aus der Küche auch noch ein Glas Wasser geholt hatte, kehrte sie zu Hans ins Wohnzimmer zurück. »Vielleicht haben wir ihn ja zu früh überrascht. Die Wohnung scheint in Ordnung zu sein.«
Hans schluckte gleich zwei der Tabletten. »Und im Arbeitszimmer?«
»Der Laptop ist noch an. Aber es fehlt, glaube ich, nichts.«
Hans stellte das Glas auf den niedrigen Tisch und wollte aufstehen. Sofort durchfuhr ihn ein stechender Schmerz, sodass er sich wieder hinsetzte. »Verdammt, tut das weh. Wieso hast du nicht auf den Bildschirm geschaut? Vielleicht ist ja noch eine Datei offen. Außerdem, wieso läßt Tubb den Computer an, wenn er weggeht? Er scheint es ja ziemlich eilig gehabt zu haben.«
Maki ärgerte sich, dass sie nicht selbst auf die Idee gekommen war, auf dem Laptop nachzusehen. Sie ließ Hans auf der Couch sitzen und kehrte zurück in das Arbeitszimmer.
Der Bildschirmschoner zeigte sonderbare Spirallinien, die sich ständig um sich selbst drehten. Durch die Bewegung der Maus verschwanden diese.
Sie betrachtete nun die Internetseite der Grenzwissenschaftlichen Vereinigung. Zunächst fielen ihr die Fotos auf, die Tubb an einem Rednerpult zeigten. Erst dann las sie die Überschrift auf der Homepage. Frederic Tubb bezeichnet sich selbst als Betrüger! Prähumane Hyperzivilisation gibt es nicht!
Maki spürte, wie ihre Knie an Kraft verloren. Sie ließ sich auf den Stuhl sinken, während sie den Artikel las, dessen Autor Tubbs Verhalten für einen regelrechten Skandal hielt und daher forderte, Frederic Tubb, »diesen Wichtigtuer und Scharlatan«, aus der Vereinigung auszuschließen und ihm auch jegliche akademische Stelle bis auf Weiteres zu versagen. Seine Artikel sollten nachträglich aus den entsprechenden Zeitschriften entfernt bzw. unleserlich gemacht werden, damit »seine Lügen die Leser nicht weiter an der Nase herumführen können«.
Prof. Dr. Herman Finn hatte also recht gehabt. Frederic Tubb war in Lissabon gewesen und hatte dort eine Rede darüber gehalten, dass alles, was mit einer prähumanen Kultur zusammenhing, völliger Blödsinn sei. So sehr Maki auch überlegte, sie kam nicht dahinter, was ihn dazu getrieben hatte, sich öffentlich selbst zu diffamieren. Auf jeden Fall bedeutete dies, dass ihre Stellen an der Uni von nun an Geschichte waren. Es handelte sich um eine regelrechte Katastrophe. Tubb hatte ihnen beiden damit keinen großen Dienst erwiesen. Sie würden es schwer haben, überhaupt noch eine akademische Stelle zu erhalten. Welche Uni nahm schon Wissenschaftler auf, die sich durch angebliche Fälschungen hervorgetan hatten? (Gut, es gab welche, aber da wollte Maki nun wirklich nicht hin).
In ihrem Kopf brauten sich dicke, schwarze Wolken zusammen. Sie klickte auf Tubbs Email-Programm und gab das dafür notwendige Passwort ein. Gleich die oberste Mail stammte von Finn. Der Institutsleiter wies Tubb darauf hin, dass seine Stelle ab sofort gestrichen sei und seine Studenten von nun an von Hilfskräften betreut werden würden. Zudem seien auch Maki Asakawa und Hans Schmeißer mit sofortiger Wirkung von ihren Pflichten entbunden. Denselben Inhalt würde er noch in Form eines amtlichen Schreibens erhalten.
Maki überflog die restlichen Emails, die Tubb noch nicht geöffnet hatte. Sie stammten von verschiedenen Wissenschaftlern, die Ferderic Tubb beschimpften und ihre Zusammenarbeit mit ihm aufkündigten. Darunter auch der Unterwasserarchäologe Mark Ranger, der mit an Bord der Expedition gewesen war und sich nun vorkam, als »sei er ganz schön hinters Licht geführt worden.« Tubbs wissenschaftlicher Gegner Lyon Caidin freute sich dagegen offen über die Niederlage und ließ es dabei an Spott und Hohn nicht fehlen.
Sie überlegte, ob sie Tubb auch etwas schreiben sollte. Nach einer kurzen Weile beschloss sie, ihn anzurufen. Sie wählte die Nummer auf ihrem Handy.
Tubb nahm sofort ab.
»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte sie.
»Tja, es sieht so aus, als sei es das gewesen.«
Die Ruhe, mit der Tubb dies sagte, verblüffte sie. »Hast du dir eigentlich überlegt, was du da in Lissabon gemacht hast? Wieso hast du das getan? Hans und ich wissen, was wir erlebt und gesehen haben …«
»Es beweist aber nicht, dass es die Prähumanen wirklich gibt. Wir haben seltsame Maschinen gesehen. Sie könnten genauso gut zu irgendeinem Geheimprojekt gehören.«
Maki schüttelte den Kopf. »Ich verstehe dich nicht, Fred. Alles stimmt bisher mit den Beschreibungen von Paul Symmes überein. Und was ist mit deiner Frau? Hast du nicht geglaubt, dass sie ein Opfer der Hyperzivilisation sein könnte? Hast du nicht geglaubt, sie in dem Tal im Himalaja wiedergefunden zu haben?«
»Erinnere mich nicht an Kathrin«, fuhr Tubb sie an. »Sie ist seit drei Jahren verschwunden. Tatsächlich dachte ich, dass sie es wäre. Aber du hast mich zurückgehalten, als ich ihr folgen wollte! Inzwischen denke ich, du wolltest nicht, dass ich sie wiederfinde! Das ist es doch, nicht wahr?«
Maki blieb die Sprache weg. Sie spürte, wie ihre Finger, mit denen sie das Handy umfasste, zitterten.
»Ich verachte dich deswegen, Maki. Deine Eifersucht ist widerlich. Und noch etwas: Deine penible Art, nach Informationen zu recherchieren, ging mir seit jeher auf den Geist. Das und dein Verhalten mir gegenüber. Beides geht mir inzwischen derart gegen den Strich, dass ich froh bin, dich nie mehr wieder sehen zu müssen. Flieg zurück nach Tokio. Dort ist jedenfalls die Chance gering, dass ich dir durch Zufall über den Weg laufe.«
Maki ließ benommen ihren Arm sinken. Sie saß noch eine Weile wie leblos da. Dann stand sie auf und eilte aus dem Arbeitszimmer.
Hans sah inzwischen fern. Als Maki heulend an ihm vorbei lief, hätte er beinahe die Tüte Chips fallen gelassen, die er unter dem Couchtisch gefunden hatte. Mit einem lauten Knall fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. »Frauen«, seufzte er.
8
»Meine Güte, telefonieren Sie jetzt oder hören Sie mir zu?«
Frederic Tubb schaltete sein Handy aus. »Ich war kurz abgelenkt.«
John Arnold zündete sich eine Zigarette an. »Das hab ich gemerkt, Tubb. Und jetzt erzählen Sie mir, was Sie in Lissabon gemacht haben.«
»Wie oft soll ich Ihnen denn noch erklären, dass ich nicht dort gewesen bin?«
Arnold zuckte mit den Achseln. »Dann eben, was Ihr Doppelgänger dort gemacht hat.«
Tubb berichtete ihm nochmals, was er von Hyun-Kyo Park erfahren und was er auf der Homepage der Grenzwissenschaftlichen Vereinigung gesehen hatte. Während er all dies berichtete, glaubte er, sich endgültig in einem Alptraum verfangen zu haben. Wer auch immer versuchte, ihn zu schädigen, er hatte es bereits geschafft.
»Also gut, Tubb, wäre Felix nicht mit seinen idiotischen Berichten über die Frau und den Lehrer gekommen, dann hätte ich Sie nun eigenhändig in der Irrenanstalt abgegeben. Dieser … dieser andere John Arnold, sah der genau so aus wie ich?«
»Haargenau so. Glauben Sie, ich hätte mich täuschen lassen, wenn es anders gewesen wäre?« Am liebsten hätte er ein Glas Whiskey gehabt, um damit seine Nerven zu beruhigen. »Ich habe einen Doppelgänger, Sie haben einen …« Auf einmal hielt er inne.
»Was ist?« Arnold drückte die restliche Zigarette in dem hässlich grünen Aschenbecher aus.
Tubb spürte, wie es ihm kalt über den Rücken lief. »Wenn es von uns beiden Doppelgänger gibt, dann wahrscheinlich auch von Maki und Hans.«
Arnold stand auf und sah aus dem Fenster. »Es gibt also zwei Dinge, denen wir nachgehen müssen. Zum einen, wo befinden sich nun die Doppelgänger, und zum anderen, von wem geht diese sonderbare Aktion aus?«
Die Tür ging auf, und Felix, der stoppelbärtige Mann, trat erneut ein. »Wieder Neuigkeiten, Sir. Diesmal in einer U-Bahn. In einem Wagon tauchten auf einmal Doppelgänger der Fahrgäste auf. Die Folge davon war eine Massenpanik. Es gibt mehrere Schwerverletzte. Jemand hat die Notbremse betätigt und die Türen geöffnet. Anscheinend irren die meisten Passagiere jetzt auf den Tunnelgleisen herum.«
John Arnold drehte sich um. »Das wird ja immer verrückter. Wir sollten so schnell wir möglich etwas unternehmen …«
Felix wollte das Büro gerade wieder verlassen, als Tubb rief: »Warten Sie einen Augenblick! Sagten Sie, die Doppelgänger seien plötzlich erschienen?«
Felix überflog nochmals den Zettel. »In der Tat, Sir. Anscheinend sind diese Typen völlig unerwartet da gewesen. Vielleicht gibt es Bilder der Überwachungskameras.«
»Besorgen Sie diese«, erwiderte Arnold.
Tubb klatschte in die Hände. »Plötzlich erschienen! Das ist es! Mein Doppelgänger muss auf ähnliche Weise auf dem Kongress aufgetaucht sein. Genau so wie Ihrer hier in diesem Büro.«
»Wirklich tolle Erklärung, Tubb. Denn genau das hilft uns kein bisschen weiter. Woher kommen diese Gestalten? Verdammt noch mal, wir haben keinerlei Anhaltspunkte.«
Tubb machte Anstalten, das Büro zu verlassen. »Dann bleibt uns zunächst nichts anderes übrig, als zu warten. Rufen Sie mich an, wenn Sie das Bildmaterial bekommen haben.«
John Arnold blickte ihm verdutzt nach. »Hey, was haben Sie vor?«
»Ich habe zu Hause noch ein paar Sachen zu erledigen.«
9
Frederic Tubb wunderte sich nicht schlecht, als er Hans in seinem Wohnzimmer vorfand. Als er seine Wohnung betreten hatte, hatte er sich bereits gefragt, wieso der Fernseher lief. Er konnte sich nicht daran erinnern, ihn zuvor angeschaltet zu haben. Vormittags schaute er sich zwar gelegentlich die Frühnachrichten an, aber danach drehte er das Gerät sofort wieder ab.
Hans saß auf der Couch und aß Chips aus einer Tüte. Um ihn herum hatten sich bereits mehrere Krümel versammelt. Doch das war es nicht allein, was Tubb zum Staunen brachte. Es hing auch damit zusammen, dass das Gesicht seines Mitarbeiters aussah, als sei er mit dem Gesicht mehrmals gegen eine Wand gerannt. »Hallo, Tubb.«
Fred kratzte sich an der Stirn. »Darf ich fragen, was du hier machst?«
Hans schob sich eine Handvoll Chips in den Mund. »Sagen wir mal so: Maki und ich dachten, wir sollten uns um dich kümmern. Stichwort Lissabon. Klingelt da etwas bei dir?«
»Ich habe bereits Arnold erklärt, dass ich nicht dort gewesen bin …«
Hans nickte. »Zweites Stichwort: Doppelgänger.«
Tubb hielt kurz inne und setzte sich dann neben ihn auf die Couch. »Dann wisst ihr also Bescheid?«
»Kann man wohl sagen. Wusstest du, dass uns dieser Heini Finn vor die Tür gesetzt hat?«
»Dann stammen von ihm die blauen Flecken?«
»Soll ich jetzt lachen, Tubb?« Hans reichte ihm die Tüte. Tubb nahm gleich eine Handvoll Chips. »Ich wurde ziemlich übel verschlagen. Ein Typ, der genauso aussah wie ich, hat’s mir so richtig gezeigt. Als Zuschlag gab es einmal Treppe runter werfen. Daher sehe ich jetzt so aus, wie ich aussehe. Etwas mitgenommen.«
»Wo bist du deinem Doppelgänger begegnet?«, fragte Tubb.
»Er schnellte plötzlich aus deinem Schlafzimmer.«
»Er war in meiner Wohnung?«
»Deine Tür stand einen kleinen Spalt offen, Tubb. Das nächste Mal solltest du abschließen, bevor du deine Wohnung verlässt.«
»Ich habe abgeschlossen«, erwiderte Tubb nachdenklich. »Wieso befand sich dein Doppelgänger hier?«
»Das konnte ich ihn leider nicht fragen.«
Tubb stand auf und lief ins Schlafzimmer. Er untersuchte die Schubladen der Kommode und des Bettkastens, beides machte einen unangetasteten Eindruck. Im Kleiderschrank herrschte weder Unordnung, noch schien etwas zu fehlen. Er stellte sich mit dem Rücken zum Fenster und ließ seinen Blick erneut durch das Zimmer schweifen. Es fehlte nichts. Was hatte der Doppelgänger hier gewollt?
Tubb ballte seine Hände zu Fäusten. Er musste diesem Tohuwabohu ein Ende bereiten.
Er verließ gerade das Wohnzimmer, als sein Handy klingelte.
Es war Arnold. »Ich hab Ihnen das Bildmaterial als Anhang geschickt.«
Tubb eilte in sein Arbeitszimmer. Bevor er es betrat, wandte er sich nochmals an Hans. »Wo ist eigentlich Maki?«
Hans prostete ihm mit einer Dose Cola zu. »Schön, dass du dich auch noch an sie erinnerst. Sie ist heulend aus deinem Arbeitszimmer gerannt, und seitdem hab ich sie nicht mehr gesehen.«
Tubb setzte sich an seinen Computer. Als der Bildschirmschoner verschwand, befand er sich sofort in seiner offenen Email-Box. »Sie konnte es wohl einfach nicht lassen.« Er wusste, dass Maki sein Passwort kannte. Allerdings sah sie nur nach seinen Mails, wenn er sie darum bat.
Er klickte John Arnolds Nachricht an. Nachdem er den Anhang geöffnet hatte, sah er das grobkörnige Bild einer Überwachungskamera. Die Aufnahme zeigte das Innere eines U-Bahnwagons. Da die Rushhour längst vorbei war, saßen und standen weniger Menschen darin. Auf einmal gab es einen kurzen Stromausfall. Als das Licht nach wenigen Sekunden wieder anging, hielten sich plötzlich doppelt so viele Menschen in dem Wagon auf. Panik brach aus. Der Zug stoppte unerwartet, sodass viele Passagiere ihren Halt verloren und zu Boden stürzten oder gegen andere Fahrgäste stießen. Ein hektisches Gedränge entstand. Die Türen wurden geöffnet und die Fahrgäste flüchteten aus dem Wagon, während verletzte Personen am Boden liegen blieben.
Tubb wählte Arnolds Nummer. »Sieht danach aus, als würde es zu einer plötzlichen Energieabnahme kommen, bevor die Doppelgänge erscheinen.«
»Dasselbe habe ich auch gedacht. Aber hilft uns das weiter?«
Natürlich tat es das nicht. »Es bleibt nichts anderes übrig, als herauszubekommen, woher die Doppelgänger kommen.«
»Haben Sie auch eine Idee, wie?«
Tubb überlegte für einen Moment. Dabei fiel sein Blick zufällig auf eine alte Straßenkarte. »Wie wäre es mit einem Peilsender?«
»Dazu müssten wir einen der Doppelgänger erst einmal in die Finger kriegen.«
»Wir müssen sicher nicht lange darauf warten, bis wir einem begegnen.«
10
Die Anzahl der Fälle, in denen wie aus dem Nichts Doppelgänger erschienen, nahm weiter zu. Den ganzen Tag über trudelten Meldungen in das Zentralgebäude der LOGE ein, in denen es um Polizisten ging, die statt einem, plötzlich zwei Verbrechern gegenüberstanden; von Autofahrern, deren Doppelgänger auf einmal auf dem Beifahrersitz saß, was zu einer großen Anzahl von Unfällen führte; von Ehemännern, die sich unglücklicherweise zwei Schwiegermüttern gegenübersahen. Zum größten Zwischenfall kam es gegen Abend am Londoner Hauptbahnhof. Wie auch bei allen anderen Fällen, fiel für wenige Augenblicke der Strom aus. Kurz darauf kam es zu einer Massenpanik, als sich Besucher und Fahrgäste ihren zweiten Ichs in die Augen starrten. Es kam zu mehreren Toten und einer großen Zahl von Verletzten.
Maki befand sich zu dieser Zeit in ihrer Wohnung. Sie saß auf der Couch in dem Wohnzimmer. Der Fernseher flimmerte ohne Ton. Sie achtete nicht auf die Bilder, sondern schaute vor sich hin ins Leere.
In ihrem Schlafzimmer stand ein gepackter Koffer. Sie hatte, kurz nachdem sie zu Hause angekommen war, ein Reisebüro angerufen und sogar noch für den nächsten Tag ein Ticket nach Tokio erhalten. Danach hatte sie ihre Mutter angerufen und ihr mitgeteilt, dass sie am übernächsten Tag am Tokioter Flughafen ankommen würde.
Ihr Plan, zurück in ihre Heimat zu fliegen, hatte sich genau so spontan entwickelt wie ihre damalige Entscheidung, nach Europa zu kommen. Sie hatte auf einmal jede Energie verloren. Schuld daran waren Tubbs Vorwürfe ihr gegenüber gewesen. Eine Zeit lang hatte sie mit sich gerungen, ob sie ihn nochmals anrufen oder es lieber bleiben lassen sollte. Schließlich war sie zu dem Schluss gekommen, es bleiben zu lassen. Was für einen Sinn hätte es auch gehabt? Sie konnte sich nicht vorstellen, was plötzlich in ihn gefahren war. Er schien unter enormen Stress zu leiden. Unter diesem Druck hatte er schließlich das zu ihr gesagt, was er anscheinend tatsächlich von ihr hielt. Nicht einmal im Traum hätte sie geglaubt, dass Frederic Tubb so über sie dachte. Sie erinnerte sich noch an seinen Gesichtsausdruck, als sie ihn davor bewahrt hatte, der Person zu folgen, die er für seine verschollene Frau gehalten hatte. In seinen Augen hatte sich eine Mischung aus Wut, Erstaunen und Angst widergespiegelt. Sie hatte nicht gedacht, dass die Wut auf sie bezogen war. In der Tat hatte sie ihm das Leben gerettet. Denn im selben Moment, als er dieser seltsamen Person folgen wollte, hatte sich die gewaltige Turbine, zwischen deren Blättern seine »Frau« verschwunden war, zu drehen begonnen.
Der zweite Punkt betraf ihre Arbeitsmethode. Sie wusste, dass sich Tubb damit nicht wirklich zufrieden zeigte, da sie für Recherchen zu lange brauchte. Einmal hatte sich sogar das Erscheinen einer Textsammlung über ungelöste Rätsel aus der Menschheitsgeschichte um mehrere Monate verzögert, da sie mit ihrem Artikel einfach nicht fertig wurde. Natürlich hatte es damals Ärger gegeben. Sie selbst dachte schon gar nicht mehr daran. Sie hatte allerdings keine Ahnung gehabt, dass Tubb sich so sehr über ihre Vorgehensweise aufregte.
So wie so spielte es keine Rolle mehr. Tubb hatte sich praktisch selbst versenkt, indem er seine eigenen Behauptungen über die prähumane Hyperzivilisation für null und nichtig erklärte. Alles zusammen hatte letztendlich zu ihrem spontanen Beschluss geführt. Sie wollte nicht mehr länger in London oder Europa leben, sondern sich eine kurze Auszeit gönnen. Maki betrachtete die Zeichnungen ihrer älteren Schwester, die sie in das Wohnzimmer gehängt hatte. Yui lebte als freie Künstlerin in Osaka. Sie hatte Maki schon öfters vorgeschlagen, ob sie nicht ihre Galerie, in der sie ihre Bilder ausstellte und verkaufte, leiten wollte. Nun, vielleicht würde Maki diesmal den Vorschlag ja annehmen.
Sie seufzte. In diesem Fall tat ihr Hans besonders leid. Er stand gewissermaßen zwischen den Stühlen. Wahrscheinlich wusste er überhaupt nicht, um was es ging. Seine ungestüme Art ging ihr zwar ziemlich auf die Nerven, dennoch hatte sie ihn sehr gerne. Sie fragte sich, ob er alleine überhaupt zurechtkommen würde. Maki hatte ihn über ihre Entscheidung noch nicht informiert. Wahrscheinlich würde sie es auch nicht tun. Jedenfalls nicht, solange sie sich noch in London aufhielt. Nachdem sie ihre Mutter angerufen hatte, hatte sie ihr Handy ausgeschaltet und das Telefon ausgesteckt. Vielleicht würde sie ihm einmal eine Email schreiben. Aber jetzt gerade erschien ihr alles zuviel.
Plötzlich ging der Fernseher aus. Maki riss die unerwartete Dunkelheit aus ihren Gedanken. Nach ein paar Sekunden schaltete sich das Fernsehgerät mit einem dumpfen Schlag wieder an.
Aus dem Schlafzimmer vernahm sie ein lautes Schluchzen.
Hatte sich der Radiowecker durch den unerwarteten Stromausfall selbst eingeschaltet?
Sie stand auf und trat vor die angelehnte Tür des Schlafzimmers.
Das Weinen, das sie vernahm, war erfüllt von einem tiefen Schmerz. Abends hörte sie nie Radio. Vielleicht handelte es sich ja um irgendein Hörspiel.
Maki öffnete die Tür und schaltete das Licht ein.
Auf der Anzeige des Radioweckers blinkten durch den Stromausfall vier Nullen. Es würde noch ein paar Minuten dauern, bis das Funksignal wieder hergestellt war. Sie erkannte zudem, dass das Radio nicht lief.
Das Schluchzen kam von der anderen Seite des Bettes.
Mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, hockte dort eine Frau mit langen schwarzen Haaren, die das Gesicht zwischen ihren angewinkelten Knien verbarg.
Das Fenster war geschlossen. Wie hatte diese Person dann hier hereinkommen können?
Maki näherte sich vorsichtig der Unbekannten. Sie trug dieselbe Kleidung wie sie selbst. »Wer … Wer sind Sie?«, brachte Maki mühsam hervor.
Das Schluchzen veränderte sich. Maki bemerkte, wie die Schultern der Frau unkontrolliert zuckten. Langsam hob sie ihren Kopf.
Maki starrte entsetzt in das kichernde Gesicht einer ihr durchaus bekannten Person. Sie stolperte zurück und fiel dabei über den Koffer. Die Frau erhob sich, weiterhin lachend. Es war niemand anderer als Maki selbst.
Maki rappelte sich sofort wieder empor. Ihre rechte Schulter schmerzte.
Ihre Doppelgängerin bewegte sich auf sie zu, wobei ihr helles Kichern einen eindeutig schizophrenen Klang annahm.
Maki wollte nur eines: so schnell wie möglich von hier weg. Die Frau, die exakt so aussah wie sie selbst, löste in ihr eine panische Furcht aus. Sie sprang zur Tür und schrie auf.
Ein Mann versperrte ihr den Weg.
»Du?«, hauchte sie.
Sein leerer Blick ließ sie frösteln.
Völlig unerwartet griff er ihr an den Hals und drückte mit den Fingern zu.
11
Hans war endlich wieder zu Hause. Der Tag hatte sich verdammt lange hingezogen, was er sich teilweise auch selbst zuschreiben musste. Wäre diese dämliche Sache mit Maki nicht gewesen, so hätte ihn die Uni vor zehn Uhr morgens gar nicht gesehen.
Tubb hatte ihn mit seinem Auto nach Hause gefahren. Sie hatten einen Abstecher ins Zentralgebäude der LOGE gemacht, wo ihnen Arnold jeweils einen Silberknopf in die Hand drückte, den er großspurig als Peilsender bezeichnet hatte. Angeblich hatte sein Laborchef John Wyndham noch welche auf Lager gehabt. Ob sie überhaupt funktionierten, zu dieser Frage war Hans erst gar nicht gekommen. Tubb hatte ihn wieder mit sich gezerrt und in seiner Wohnung abgeliefert.
Während ihrer Fahrt war es zum Glück zu keinen Zwischenfällen mit Doppelgängern gekommen, auch wenn im Autoradio immer wieder von weiteren Vorkommnissen berichtet wurde.
Das Schmerzmittel, das er am späteren Vormittag zu sich genommen hatte, ließ in seiner Wirkung langsam nach. Sein Kopf brummte. Er setzte sich ächzend auf einen alten Lehnstuhl, den er vor etwa zwei Jahren in einem Secondhand-Laden gekauft hatte. Er hätte gern gewusst, was Maki einmal wieder zum Heulen gebracht hatte. Auch wenn sie so tat, als würde ihr Kritik nichts ausmachen, nahm sie manche Dinge viel zu persönlich. Sie besaß zwar durchaus Selbstironie, doch hin und wieder ließ diese sie im Stich. In solchen Momenten wirkte sie extrem verbissen, und man konnte mit ihr nicht viel anfangen.
Um seiner Grübelei ein Ende zu bereiten, griff er nach dem Telefon und wählte ihre Nummer. Eine Stimme teilte mit, dass der Anschluss zurzeit nicht erreicht werden konnte. Also versuchte er es auf ihrem Handy. Aber auch das hatte sie ausgeschaltet.
Hans fühlte eine gewisse Unruhe in sich aufkommen. Eigentlich war es bisher noch nie der Fall gewesen, dass sich Maki auf diese Art abgekapselt hatte. Er wählte nochmals ihre Festnetznummer. Noch immer nicht zu erreichen.
Einmal mehr nagte die Eifersucht an ihm. Ob sie sich gerade mit jemand anderem traf? Hans verdrängte den Gedanken sofort wieder. Maki hatte zurzeit keinen Freund. Aber sicher war er sich dabei nicht.
Eine Zeit lang überlegte er noch hin und her, bis ihn endlich die Müdigkeit übermannte.
Plötzlich fuhr er aus seinem Stuhl.
Die Türklingel hatte ihn geweckt. Er schaute auf die Uhr. Es war beinahe Elf. Er hatte fast eine Stunde geschlafen.
Das Läuten wiederholte sich. Hans stand schwerfällig auf und humpelte an die Eingangstür. Er staunte nicht schlecht, als er durch den Türspion Gregor McIntire erkannte, den Inspektor, der vor einiger Zeit erfolglos eigene Ermittlungen durchgeführt hatte, um zu ergründen, welches Geheimnis hinter Angriffen steckte, durch welche sich lebende Menschen innerhalb von Sekunden in verwelkte Mumien verwandelten. Genau dieser Inspektor stand nun vor seiner Tür und starrte mit übermüdeten Augen vor sich hin, während hinter ihm zwei Streifenpolizisten warteten.
Hans öffnete. »Ich nehme an, Sie sind nicht hierher gekommen, um ein Stück Kuchen zu bekommen.«
Die blutunterlaufenen Augen des Inspektors schienen, ihn festnageln zu wollen. »Ganz Recht, Mr. Schmeißer. Ich bin hier, um Sie vorläufig zu verhaften.«
Hans lachte auf. »Guter Scherz, Inspektor.«
McIntires Miene blieb steinern. »Kein Scherz. Wilson, Philips, nehmen Sie ihn fest.«
Die beiden Polizisten traten vor und griffen ihm unter die Arme.
Hans bekam es nun doch etwas mit der Angst zu tun. »Sie spinnen doch, McIntire! Weswegen wollen Sie mich überhaupt verhaften?«
»Klingt Mord wie ein Grund für Sie?«
»Mord?«
»Ganz Recht, Mr. Schmeißer. Also los, Leute, nehmt ihn mit.«
Hans wehrte sich dagegen, indem er versuchte, seine Arme aus den festen Griffen der Beamten zu befreien. »Halt! Darf ich zuvor auch erfahren, wen ich ermordet haben soll?«
Gregor McIntire schnaufte verächtlich. »Das wissen Sie doch wohl am besten. Aber wenn Sie darauf bestehen. Ich verhafte Sie wegen des Mordes an Ihrer Kollegin Maki Asakawa.«
Hans verschlug es buchstäblich die Sprache.
»Na, da staunen Sie, wie? Also los jetzt. Wilson, nehmen Sie seine Jacke mit.«
Hans hätte sich nicht schlimmer gefühlt, wenn ihm jemand einen Hammer auf den Kopf geschlagen hätte. Hatte er McIntire richtig verstanden? Nach einer halben Stunde Autofahrt zerrten ihn die Beamten in einen Obduktionssaal. Sein Magen zog sich zusammen. Auf einem der Tische lag ein mit einem Leintuch zugedeckter Körper. Ein alter Mann, der seinem Aussehen nach kurz vor der Pensionierung stand, lehnte daneben und knabberte an einem Sandwich.
»Nur damit Sie sehen, dass wir keinen Spaß machen«, sagte McIntire und nickte dem Mann zu.
Dieser warf gelassen das Leintuch zurück.
Hans lief es kalt den Rücken hinunter, als er darunter Maki erkannte.
»Kommt sie Ihnen bekannt vor?« McIntire trat an den Tisch und deutete auf dunkle Flecken, die sich an ihrem Hals abzeichneten. »Würgemale. Wir mussten nicht lange suchen, bis wir auf Sie kamen, Mr. Schmeißer. Ein gewisser Jim Benson erzählte uns, dass Sie extrem eifersüchtig auf Miss Asakawa seien. Wir zählten also eins und eins zusammen und schon hatten wir Sie.«
Hans schüttelte seinen Kopf, als wollte er dadurch ein paar Fliegen verscheuchen. »Das hier muss ein Doppelgänger sein.«
Gregor McIntire baute sich direkt vor ihm auf. »So? Ein Doppelgänger? Wir dachten das zunächst auch. Daher suchten wir Miss Asakawas Wohnung auf. Ich muss wohl nicht extra betonen, dass sie dort nicht anzutreffen war.«
Auf seiner Stirn bildete sich kalter Schweiß. »Es kann doch nicht sein, dass … Hören Sie, ich habe Maki nicht ermordet. Ich war die ganze Zeit über bei Frederic Tubb und bin erst vor einer Stunde nach Hause gekommen …«
»Die Frau da wurde genau vor einer Stunde ermordet«, gab der alte Mann mit vollem Mund von sich.
»Wo … Wo fanden Sie überhaupt ihre … ihre Leiche?«
»In einem Park, der ganz in der Nähe Ihrer Wohnung liegt, Mr. Schmeißer«, erwiderte der Inspektor. »Ich nehme an, Sie haben kein Alibi?«
Hans ließ die Schultern hängen. »Ich habe geschlafen.«
McIntire kicherte. »Geschlafen! Na, wenn das kein gutes Alibi ist.«
»Was ist mit Fingerabdrücken?«, entgegnete Hans verzweifelt.
»Nur keine Angst, Mr. Schmeißer, das ist alles schon vorbereitet.«
»Sind Sie …? Ich meine, sind Sie überhaupt sicher, dass sie tot ist?«
Nun begannen auch Wilson und Philips zu lachen.
»Mausetot«, antwortete der Mann und biss in sein Sandwich.
Das war eindeutig zu viel. Hans sah auf einmal alles verschwommen. Er schien in einem Karusell zu stehen, das sich von Sekunde zu Sekunde schneller drehte. Kurz darauf fiel er in Ohnmacht.
Als er wieder zu sich kam, lag er auf der Pritsche einer Gefängniszelle. Anscheinend wurde er beobachtet. Denn kaum hatte er sich aufgesetzt, als die Tür aufgeschlossen wurde und Wilson hereintrat. »Der Chef will Sie nochmals sprechen.«
12
Durch das Spiegelglasfenster konnten Frederic Tubb und John Arnold beobachten, wie Hans an dem Tisch des Verhörraums gebracht wurde.
Beide waren sofort von dem Fund der Leiche und der Verhaftung in Kenntnis gesetzt worden. Als Tubb Maki auf dem Obduktionstisch gesehen hatte, hatte er kein einziges Wort hervorgebracht. Noch immer kam ihm die Vorstellung fremd vor, dass Maki tot sein sollte. Ein entsetzlicher Gedanke, der jeglicher Logik zu widersprechen schien. Aber er hatte ihre Leiche gesehen. Er brauchte nicht lange zu überlegen, ob Hans als Mörder überhaupt infrage kam. Er wusste, dass sein Mitarbeiter gelegentlich auf Maki eifersüchtig war. Doch diese Art von Eifersucht reichte, seiner Meinung nach, bei Weitem nicht aus, um einen Mord zu begehen.
»Ich denke dasselbe wie Sie, Tubb«, murmelte Arnold neben ihm. »Hans ist alles andere als ein Mörder. McIntire ist eine absolute Niete, was das Kombinieren von Sachverhalten anbelangt. Das ist das Hauptproblem. Es könnte aber sein, dass der Täter ein Doppelgänger gewesen ist.«
»Aus welchem Grund wurde Maki überhaupt umgebracht?«
John Arnold zündete sich eine Zigarette an.
»Rauchen ist hier nicht gestattet, Sir«, sagte Philips hinter ihm.
»Ich scheiß drauf, Kleiner«, erwiderte Arnold und inhalierte kräftig.
Philips machte eingeschüchtert einen Schritt zurück.
An Tubb gewandt, fuhr Arnold fort: »Sie selbst haben doch bereits angedeutet, dass jemand versucht, unser Team zu zerschlagen. Sie sind Ihren Posten an der Uni los. Es gibt für Sie nicht den kleinsten Beweis dafür, dass Sie die Rede in Lissabon nicht gehalten haben. Normalerweise müsste sich der Gegner damit zufriedengeben. Einen aus unserem Team zu ermorden führt da schon einen großen Schritt zu weit. Das bedeutet, jemand möchte unser Team nicht nur zerschlagen, sondern schlicht und ergreifend auslöschen.«
»Die Prähumanen?«, schoss es Tubb durch den Kopf.
John Arnold dachte einen Moment nach. »Ein Mord ist für die wahrscheinlich dasselbe wie für uns eine Ameise zu zertreten. Viel Mitgefühl traue ich denen jedenfalls nicht zu.«
»Wenn die Prähumanen dahinterstecken, so bedeutet dies, dass sie Angst davor haben, wir könnten ihr Geheimnis lüften. Aus diesem Grund planen sie, unser Team zu vernichten.«
In diesem Moment trat Gregor McIntire in den Verhörraum. In seiner rechten Hand hielt er ein Blatt Papier. Sein gehässiges Grinsen ließ auf nichts Gutes schließen. Er setzte sich Hans gegenüber und sagte: »Sie wollten doch Aufschluss über die Fingerabdrücke erhalten, nicht wahr?«
Hans nickte.
»Ich darf Ihnen gratulieren, Mr. Schmeißer. Es ist hiermit einwandfrei bewiesen, dass Sie der Mörder von Maki Asakawa sind. Die Abdrücke stimmen überein. Gentests und solcher Kram erübrigen sich also.«
Hans schlug mit seinen Handflächen auf den Tisch. »Ich bin es nicht gewesen! Wieso sollte ich Maki umbringen?«
»Den Grund habe ich Ihnen bereits gesagt. Jim Benson wird das vor Gericht nochmals bestätigen.«
»Jim Benson«, flüsterte Tubb. »Ich denke, wir sollten uns Makis angeblich besten Freund einmal vorknöpfen.«
13
Als sie Jims Coffee Shop betraten, waren alle Tische voll besetzt. Laute Jazzmusik klang aus den Lautsprechern.
Tubb und Arnold drängelten sich an die Theke.
Jim mixte gerade einen seiner speziellen Cocktails. Er grinste, als er Tubb sah. »Heute nur zu zweit?«
Arnold packte Jim am Kragen und zog ihn fast über die Theke. Gäste schrieen auf. »Hör mal zu, du Weichei! Du hast Hans Schmeißer da in eine äußerst miese Sache verwickelt!«
»Von … von was reden Sie überhaupt?«, krächzte Jim, der nicht einmal versuchte, sich von Arnolds Griff zu lösen.
»Maki Asakawa ist tot«, zischte Arnold. »Sie wurde ermordet. Und du hast Hans den Mord in die Schuhe geschoben.«
Jim wurde kreidebleich. »Maki ist tot?«
Tubb klopfte Arnold auf die Schulter. »Lassen Sie ihn wieder los.«
»Sind Sie bekloppt? Der Typ haut doch sofort ab.«
»Lassen Sie ihn los, Arnold.«
Der ehemalige CIA-Agent knirschte mit seinen Zähnen. »Also gut, Tubb. Am liebsten würde ich diesem Dreckskerl grün und blau schlagen.« Er lockerte seinen Griff, sodass der Barkeeper wieder aufrecht stehen konnte.
Jim brachte seinen Hemdkragen in Ordnung. Mit geröteten Augen wandte er sich an Tubb. »Sagten Sie eben, dass Maki tot ist?«
»Sie wissen noch nichts davon?«, fragte Tubb.
»Wie sollte ich? Ich bin den ganzen Tag hier gewesen.«
»Sie wurde erwürgt. Der Inspektor, der diesen Fall leitet, behauptet, dass Sie ausgesagt hätten, Hans Schmeißer sei der Mörder.«
»Wie bitte?« Jim starrte Tubb an, als hätte sich dieser soeben in einen Goldfisch verwandelt. »Ich habe zu niemandem etwas gesagt. Schon gar nicht solchen Blödsinn. Außerdem stand ich die ganze Zeit hinter dem Tresen. Meine Mitarbeiterin kann das bezeugen. Wie heißt dieser Inspektor?«
»Gregor McIntire«, antwortete Arnold gereizt.
»Noch nie gehört. - Hören Sie, ich habe keine Ahnung, was da los ist. Dass Maki tot sein soll, schlug bei mir gerade ein wie eine Bombe. Ich habe sie erst gestern Abend gesehen. Zusammen mit Hans.« Plötzlich grinste er. »Ich nehme an, die beiden haben sich endlich gefunden.«
»Was?«, nahm Arnold Tubb die Worte aus dem Mund.
»Nun ja, sie haben sich gestern Abend hier getroffen. Ich weiß nicht, was in Maki gefahren ist, doch sie hat sich plötzlich vorgebeugt und Hans geküsst. Ich dachte, ich sehe nicht richtig. Beide haben sogar eng umschlungen das Lokal verlassen.«
John Arnold schüttelte den Kopf. »Das hört sich einer an.«
Frederic Tubb machte ein nachdenkliches Gesicht. »Das klingt gar nicht nach ihr.«
Arnold erstarrte. »Sie meinen …?«
»Einen Doppelgänger. Hans hat ihren Doppelgänger getroffen. Vielleicht handelte es sich sogar bei beiden um Doppelgänger.«
Jim musterte beide verwundert. »Ich kenne Maki seit Jahren. Es war sie und niemand anderer.«
John Arnold tätschelte Jims Wange. »Du kapierst es nicht, Kleiner. Das würde heißen, dass die Leiche nicht die von unserer Maki ist, sondern von einer anderen.«
»Oder auch nicht«, fügte Tubb resigniert hinzu. »Das ständige Auftauchen von Doppelgängern führt in London zunehmend zu einer wahren Paranoia. Niemand kann mehr sagen, wer er eigentlich ist. Weiß ich, ob Sie ein Doppelgänger sind, Arnold? Oder …?«
John Arnold packte Jim von Neuem am Kragen. »Woher wissen wir eigentlich, dass du kein Doppelgänger bist, Kleiner? Kannst du uns das verraten?«
»Sie müssen es mir einfach glauben«, röchelte Jim. »Wieso sollte ich Hans für irgendetwas anschwärzen? Ich kenne ihn nicht einmal richtig. Maki kann sich treffen, mit wem sie will. Es hat mich gestern nur gewundert.«
Arnold ließ ihn wieder los. »Aber wenn die tote Maki nicht die echte Maki ist, wo ist dann die echte?«
»Woher soll ich das wissen?«, brachte Jim zwischen trockenem Husten hervor. »Sehen Sie doch bei ihr zu Hause nach. Oder rufen Sie bei ihr an.«
»Handy und Telefon sind ausgeschaltet«, erklärte Tubb. »Anscheinend hat sie versucht, mich heute Mittag anzurufen. Auf jeden Fall stand ihre Nummer auf meinem Display.«
»Dann sehen Sie nach«, gab Jim zurück. Er reichte Tubb eine Visitenkarte. »Und rufen Sie mich bitte an, wenn Sie etwas wissen.«
Auf der Straße vor dem Café quietschten auf einmal Reifen, gefolgt von einem Höllenlärm, als mehrere Fahrzeuge ineinander krachten.
»Bestimmt wieder Doppelgänger«, meinte Arnold.
14
Auf ihrem Weg zu Makis Wohnung entkamen Tubb und Arnold nur knapp einer plötzlichen Massenpanik. Gerade als sie an einem Kino vorbeifuhren, vor dem sich eine lange Menschenkette gebildet hatte, erlöschten auf einmal Reklametafeln und Straßenlaternen. Sie waren nur wenige Meter weit gefahren, als die Kinofassade und die Strasse wieder im grellen Licht erstrahlten, die Menschen aber, von denen es plötzlich doppelt so viele zu geben schien, schreiend und kreischend durcheinanderliefen. Die Eingangstüren wurden aufgerissen, und unzählige Kinobesucher flüchteten auf die Straße. Autos bremsten mit quietschenden Reifen, andere erkannten die unerwartete Situation zu spät und schlitterten in die außer sich geratene Menschenmenge.
John Arnold hatte Tubb schon lange nicht mehr so nervös erlebt. Das letzte Mal, an das er sich erinnern konnte, lag mehrere Jahre zurück. Damals war Tubbs Frau spurlos verschwunden. Arnold hatte zu jenem Zeitpunkt geglaubt, dass Tubb sein Leben direkt zur Müllhalde getragen hatte. Er hatte begonnen, zu trinken, lief wochenlang in derselben Kleidung herum und mied das Bad, so als hätten die Stadtwerke bei ihm das Wasser abgestellt. Er wusste, dass es Maki Asakawa zu verdanken war, dass Tubb sich wieder unter Kontrolle gebracht hatte. Seitdem fragte er sich, ob zwischen beiden etwas lief. Arnold hoffte, dass, falls der schlimmste Fall eintreten sollte und es sich bei der Leiche, die sie gesehen hatten, wirklich um Maki handelte, Tubb nicht wieder ausrasten würde.
»Wir sind da«, sagte er und stellte das Auto am Straßenrand ab.
Tubb wartete erst gar nicht, bis Arnold den Motor abgestellt hatte, sondern sprang sofort aus dem Wagen. Er eilte zum Hauseingang und drückte einen der Klingelknöpfe.
Arnold folgte ihm. »Haben Sie keinen Schlüssel?«
»Wieso sollte ich einen haben?«
Statt eine Antwort zu geben, betätigte Arnold sämtliche Klingeln nacheinander. Als sich endlich eine Stimme meldete, sagte er: »Polizei. Aufmachen.«
Tatsächlich wurde der Türsummer betätigt, und John Arnold öffnete den Eingang. »Welches Stockwerk?«
»Das dritte.«
»Waren Sie schon einmal hier?«
Tubb lief wortlos die Treppe empor.
»Dachte ich mir’s doch.« Er hasste Treppensteigen. In dem Haus, das aus ingesamt fünf Stockwerken bestand, gab es keinen Aufzug.
Tubb stand bereits vor der Tür, klingelte und klopfte gegen das dunkle Holz. »Maki! Bist du da?«
John Arnold zog gelassen seine Geldtasche aus dem Jackett, entnahm ihr eine Kreditkarte und machte sich daran, einen ziemlich alten Trick anzuwenden.
Die Tür schwang auf. John Arnold spürte sofort, dass sie hier niemanden finden würden. Die Stille, die ihm entgegentrat, besaß etwas Bedrückendes, vielleicht sogar etwas Endgültiges. Eventuell irrte er sich auch, doch während seiner Zeit beim CIA hatte er so seine Erfahrungen gemacht. Er tastete nach einem Lichtschalter. Wenige Sekunden später erhellte eine Lampe einen engen Vorraum. Am Boden standen mehrere Paar Schuhe.
Tubb trat in den angrenzenden Raum und schaltete auch dort das Licht an. Es handelte sich um das Wohnzimmer. An dem Fernseher brannte das rote Standby-Signal. Arnold hatte so gut wie keine Ahnung von Kunst, doch die surrealen Bilder, die an der Wand hingen, faszinierten ihn. Sie zeigten seltsame Landschaften und bizarre, langgezogene Figuren. Vor allem gefielen ihm die Farben. »Sind das Originale?«
»Von ihrer Schwester.« Tubb schienen die Bilder nicht zu interessieren.
»Sie hat eine Schwester?« Arnold erstaunte die Antwort.
»Wieso interessiert Sie das? Wollen Sie statt Peter lieber wieder eine Sekretärin?«
John Arnold nervte die Anspielung. Gleichzeitig fühlte er sich etwas erleichtert. Tubbs Ironie ließ darauf schließen, dass er den Verlust bisher noch einigermaßen verkraftete. »Wäre vielleicht eine Idee.«
Das Zimmer war nur spärlich möbliert. Außer einer schwarzen Ledercouch, einem Sessel und einem niedrigen Couchtisch, stand an der Wand gegenüber der Balkontür ein schmales Bücherregal. Arnold machte sich nicht viel aus Literatur. Er wusste nicht einmal, wann er das letzte Mal ein Buch zuende gelesen hatte. In dem Regal standen mehrere Bücher über Kunst und ein paar wenige Romane. Zudem gab es einige Bücher auf Japanisch.
Arnold kniete sich hin. Die Telefonbuchse befand sich neben dem Regal. Das Kabel war herausgenommen worden. »Schon mal ein Grund, weswegen Sie sie nicht erreichen konnten.«
Tubb zeigte ihm Makis Handy. »Grund Nummer zwei. Ausgeschaltet.«
An das Wohnzimmer grenzten drei weitere Räume. Eine Küche, das Bad und das Schlafzimmer. Die Küche glänzte wie neu. Arnold schätzte, dass Maki hier nicht viel gekocht hatte. Da hatten sie immerhin eine Gemeinsamkeit. Er selbst nahm sein Abendessen am liebsten in dem indischen Schnellrestaurant bei ihm um die Ecke zu sich. Das kühle Bier folgte dann in der Regel bei ihm zu Hause. Es sei denn, er befand sich mal wieder in Damenbegleitung. Dann gab es bei ihm irgendetwas Stimulierendes. In dem Badezimmer fand Arnold ebenfalls nichts Außergewöhnliches.
Als er Tubb ins Schlafzimmer folgte, wunderte sich Arnold, dass sein Freund dastand, als hätte ihn jemand mit Blei ausgefüllt. »Was gefunden?«
Tubb deutete auf einen schwarzen Reisekoffer, der neben dem Bett am Boden lag. »Anscheinend wollte sie weg.«
Arnold sah sich kurz in dem Raum um. Es gab einen großen Kleiderschrank und einen Bettkasten mit Lampe darauf. »Um ehrlich zu sein, wenn ich erfahren würde, dass mein Job gestrichen wurde, dann würde mich auch nichts mehr hier halten. Ich nehme an, sie wollte zurück nach Japan.«
»Was sie aber nicht ist.«
»Der Koffer ist jedenfalls noch hier.«
Tubb versuchte, seinem Blick auszuweichen.
»Scheiße«, war alles, was John hervorbrachte. In diesem Augenblick hasste er sich dafür, dass sein Gefühl ihn nicht betrogen hatte. Er ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. »Verfluchter Mist.«
15
Für London wurde es eine unruhige Nacht.
Die Polizei war im Dauereinsatz. Plötzlichen Stromausfällen folgten Panik, Schrecken und Tod. Leute sprangen entsetzt aus den Fenstern, schossen um sich oder starben bei Unfällen. Niemand fühlte sich mehr sicher. Doppelgänger konnten überall und zu jeder Zeit auftauchen. Dort, wo sie erschienen, ging die Ordnung über in Chaos.
Es kam zu mehrere Explosionen und Bränden. Ständig hörte man das Heulen von Sirenen.
Hans brachte in seiner Zelle keine ruhige Minute zu. Die Schreie und das Sirenengeheul drangen bis zu seinen Ohren. Im gesamten Gefängnis herrschte Unruhe. Er hörte Gefangene schreien und gegen die Zellentüren schlagen. Zum Glück hatte er eine Zelle für sich. Ein Psychologe hatte ihn für einen gemeingefährlichen Psychopathen erklärt, der eine Bedrohung für jeden Zellengenossen darstellte. Die Untersuchung hatte aus zwei belanglosen Fragen bestanden. Der Psychiater hatte ihm dabei kaum eines Blickes gewürdigt, dafür hatte sein rechtes Auge unkontrolliert gezuckt.
Hans fand das Ergebnis der Untersuchung insoweit in Ordnung, da er sich nun nicht mit irgendwelchen Verbrechern herumärgern musste, die ihn daran hindern wollten, aufs Klo zu gehen.
Er lag auf der harten Pritsche, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er kam sich vor, wie in einem schlechten Buch. Wer hätte am Morgen gedacht, dass er noch am selben Abend im Gefängnis landen würde? Nicht einmal seine Mutter hatte ihm geglaubt, als es ihm endlich erlaubt worden war, sie anzurufen. Sie hatte lediglich gesagt, dass er mit Sicherheit nicht ihr Sohn sei, da Hans gerade neben ihr im Wohnzimmer auf der Couch sitze und Lanz kocht im Fernsehen sehe.
»Aber ich hasse Lanz kotzt!«, hatte er ihr geantwortet. »Das weißt du doch!«
Worauf sie geantwortet hatte: »Es heißt auch nicht Lanz kotzt, sondern Lanz kocht.« Danach hatte sie aufgelegt.
Ein schönes Schlamassel. Wie konnte man ihn überhaupt für einen Mörder halten? In Ordnung, es hatte mehrere Momente gegeben, in denen Hans Maki durchaus die Gurgel hätte umdrehen können. Das hieß aber noch lange nicht, dass er als gemeiner Mörder kategorisiert werden konnte. Jedenfalls wusste er, dass er sie nicht erwürgt hatte. Überhaupt fiel es ihm schwer, zu glauben, dass Maki wirklich tot war. Bei der Leiche musste es sich um einen Doppelgänger handeln. Eine andere Lösung schien ihm ausgeschlossen. Er wollte sie auf jeden Fall ausschließen. Es durfte einfach nicht sein, dass Maki nicht mehr lebte.
Aber wie sollte er seine Unschuld beweisen? Dafür müsste die wirkliche Maki Asakawa auftauchen. So lange er in dieser stinkenden Zelle hockte, konnte er nichts unternehmen, um sie zu suchen. Tubb und Arnold ließen sich natürlich nicht blicken. Und was sein Doppelgänger trieb, das wollte er lieber erst gar nicht wissen. Der Gedanke an sein Double brachte ihm plötzlich wieder etwas in Erinnerung. Er trug noch immer einen der Peilsender in seiner Hosentasche. Man hatte ihm bisher keine Gefängniskleidung gegeben. Vielleicht musste er sich nur in Geduld üben, bis er den Sender verwenden konnte. Die Herkunft der Doppelgänger war ein eindeutiges Rätsel, ihre Aktionen dagegen klar und deutlich. Sie agierten gezielt und erfolgreich. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie es geschafft, ihr Team handlungsunfähig zu machen. Tubb konnte seine Reputation an den Nagel hängen, wodurch Hans und Maki ihre Stellen verloren hatten. Hans saß jetzt im Knast, Tubb wurde von niemanden mehr ernst genommen und Maki … An diesem Punkt wollte er plötzlich seine Überlegung nicht mehr zuende führen. Auf jeden Fall schien es das gewesen zu sein.
Mit diesem trüben Gedanken schlief Hans schließlich doch noch ein.
Am nächsten Morgen weckten ihn das Rasseln von Schlüsseln und das Quietschen von Türriegeln, die zurückgeschoben wurden. Etwas stimmte nicht. Dieses Gefühl packte ihn plötzlich, als er seine Augen öffnete. Zunächst nahm er einen völlig anderen Geruch war. Danach bemerkte er die Stille. Und schließlich wurde ihm klar, dass er sich in einer ganz anderen Zelle aufhielt. Es umgaben ihn keine sechs Quadratmeter Beton, sondern dicke Gitterstäbe, wodurch es ihm möglich war, in die anderen Zellen zu blicken. – Er hätte besser seine Neugier zügeln sollen. Das, was er sah, gefiel ihm ganz und gar nicht. In der rechten Nachbarzelle lag ein vermoderter Leichnam, in der linken ein Haufen staubiger Knochen. Er trat an die verriegelte Gittertür. Von hier aus erkannte er einen weitläufigen Gefängnistrakt, der wie eine Galerie um ein Treppenhaus verlief, dessen Geländer und Stufen aus rostigem Metall bestanden. In den Zellen auf der anderen Seite herrschte eine zu tiefe Dunkelheit, sodass er nicht erkennen konnte, ob sich dort ebenfalls Leichen oder Skelette verbargen. Die Galerie und das Treppenhaus erfüllte ein farbloses Licht.
Schritte hallten durch den Trakt.
Zwei Männer in dunklen Uniformen und schwarzen Stiefeln hielten vor seiner Zelle. Einer von ihnen trug einen schweren Schlüsselbund.
»Sie haben Besuch.«
»Wo bin ich hier?«, fragte Hans.
Die Männer antworteten nicht. Der mit den Schlüsseln entriegelte die Tür und öffnete sie. Der andere hielt eine Art Waffe auf Hans gerichtet. Der Lauf erinnerte entfernt an eine Muskete.
Er vernahm nun weitere Schritte sowie ein sonderbares Geräusch, das klang, als würde jemand beim Gehen vor Mattigkeit seine Füße nicht anheben können. Hans wollte seinen Kopf aus der Tür strecken, um seinen ominösen Besucher entgegen zu blicken, wurde von den Wärtern jedoch zurückgedrängt. Durch die Stäbe der anderen Zellen bemerkte er zwei Schatten, die sich ihm näherten.
Kurz darauf hielten die Schritte und das Schlurfen vor der offenen Tür.
Auf diesen Schrecken war Hans keineswegs vorbereitet. Er begann, sich schwindelig zu fühlen, und hätte sich am liebsten gesetzt. Vor ihm stand Maki Asakawa oder jedenfalls jemand, der ihr verteufelt ähnlich sah. Sie trug dieselbe Kleidung wie die beiden Wärter. Neben ihr stand ein Doppelgänger von Hans. Um seinen Hals trug er ein ledernes Band mit stählernen Dornen. Daran war eine Leine befestigt, deren anderes Ende das Maki-Double in der Hand hielt. Sein Doppelgänger fixierte ihn mit roten Augen und gab ein aggressives Knurren von sich.
»Und wie fühlt man sich so im Knast?«
Hans erkannte die Stimme sofort wieder. Andererseits aber schwang ein sonderbarer Beiklang mit. Sie wirkte streng. »Maki?«, flüsterte er.
Die Frau ihm gegenüber kicherte schrill. »Bin ich wirklich die, nach der du dich sehnst?« Darauf fiel sie erneut in ihr krankes Kichern zurück. Sein Doppelgänger gab eine Mischung aus Keuchen und Wiehern von sich. Das Maki-Double zog an der Leine und zischte: »Ruhig!«
Die Frau glich Maki Asakawa als wäre sie ihr Spiegelbild. Doch Maki hatte bisher noch nie schwarze Lidschatten mit weißen Totenkopfmustern verwendet. In seinen Gedanken bezeichnete er sie daher als Maki 2.
»Wo bin ich hier?«, fragte er. Im selben Augenblick dachte er an den Peilsender, was ihn noch unruhiger erscheinen ließ. Bevor er ihn bei ihr anbrachte, musste er kurz draufdrücken, damit er aktiviert würde. Er brauchte eine geeignete Chance.
»Seit wann siezen wir uns denn, Hans? Oder tust du so, als würdest du mich nicht kennen? Wo du hier bist? Das siehst du doch. In einem Gefängnis.«
»Auf diese Idee wäre ich jetzt nicht gekommen. Darf man auch wissen, in welchem Gefängnis? Wie bin ich überhaupt hierher gekommen?«
Die Frau grinste. »John Albert wird von nun an der Fluchthilfe bezichtigt. Anscheinend hat er dich aus dem Gefängnis geschmuggelt …«
»Wo bin ich und wie kam ich hierher?«, fuhr Hans sie an.
Maki 2 hob überrascht ihre Augenbrauen. »Ungeduldig wie immer.«
Sein Doppelgänger fletschte die Zähne. Maki zog wieder an der Leine. »Ich sagte schon, dass du dich in einem Gefängnis aufhältst. Und wie du hierher kamst? Frag dich lieber, wieso du hier bist. Die Antwort darauf lautet: Wir wollen sichergehen, dass du im Gefängnis bleibst und nicht wegen guter Führung eines Tages entlassen wirst.«
»Wo ist eigentlich die echte Maki Asakawa?«
»Das musst du doch am besten wissen, Hans. Schließlich hast du sie ermordet.«
Hans schlug wütend gegen die Gitterstäbe. »Ich habe sie nicht umgebracht!«
Maki 2 ließ einmal mehr ihr Kichern hören. Sie ruckte an der Leine. »Auch wenn es dein Doppelgänger hier gewesen ist, Hans, so ist das Resultat das gleiche. Sie ist tot. Ich habe sie sterben sehen. Und ich befürchte, dass ihre letzten Gedanken sicherlich nicht dir gegolten haben. Ihr Blick war irgendwie ins Leere gerückt.«
Hans lief es kalt den Rücken hinunter. Sollte Maki also doch tot sein? War die Leiche im Obduktionssaal tatsächlich die von Maki Asakawa gewesen? Er spürte, wie sich sein Herz verkrampfte.
»Eigentlich hatten wir vorgehabt, Maki Asakawa in Frederic Tubbs Apartment unschädlich zu machen. Dein Doppelgänger hatte dummerweise nicht mit dir gerechnet. Daher setzten wir Plan B um. Und dieser lautete, ihr in ihrer Wohnung aufzulauern.«
Die Gelassenheit, mit der die Frau dies vortrug, bestürzte Hans. Er hatte es mit einer eiskalten Killerin zu tun. Wahrscheinlich gehörte diese Eigenschaft zu den wesentlichen Merkmalen der Doppelgänger. Sie unterschieden sich durch eine radikale Gefühllosigkeit von den wirklichen Menschen. »Was bezwecken Sie überhaupt?«
»Euer Team zu zerstören. Das ist doch offensichtlich, oder nicht? Ihr seid eine Gefahr für uns. Je mehr ihr über uns herausfindet, desto geringer stehen die Chancen, unsere Pläne durchzuführen.«
Hans stockte der Atem. »Dann gehören Sie zur prähumanen Hyperzivilisation?«
Die Frau schmunzelte. Eine Antwort blieb sie ihm jedoch schuldig. Ihm kam dies seltsam vor. Er hätte erwartet, dass ihm Maki 2 mindestens eine großspurige Erklärung über ihr Handeln geben würde. Es fiel ihm schwer, das Schweigen zu deuten. Konnte sie mit seiner Frage vielleicht gar nichts anfangen? Wer wusste schon, wie diese Doppelgänger tickten.
Je länger er Maki 2 betrachtete, desto schmerzhafter wurde der Anblick. »Wieso mussten Sie Maki umbringen? Sie hätten sie doch auch ins Gefängnis stecken können.«
Maki 2 riss erstaunt die Augen auf. »Anscheinend hast du selbst nicht kapiert, was sie für eine Rolle in diesem ganzen Theater spielte. Sie war der Motor von allem. Durch sie hielt euer Team doch nur zusammen. Sie war das Herzstück. Es reichte also nicht, sie hinter Gittern zu bringen.«
Hans hätte es nie für möglich gehalten, dass er einmal um Maki trauern würde. Doch in diesem Moment fiel es ihm schwer, seine Tränen zurückzuhalten.
Ihre Doppelgängerin schien dies zu amüsieren. Neugierig trat sie in die Zelle, gefolgt von seinem gestörten Double. »Ich liebe es, anderen Leuten Schmerzen zuzufügen.« Sie trat näher und streckte ihre Hand aus. Ihr Zeigefinger strich über seine Wange.
Die Berührung fand Hans alles andere als angenehm. Ihr Finger fühlte sich kalt und trocken an, wie die Haut eines Reptils. Andererseits hatte er auf einen solchen Augenblick gewartet, in dem die Entfernung zwischen ihnen beiden nur mehr wenige Zentimeter betrug. In Sekundenschnelle holte er den Peilsender hervor und drückte darauf. Er wollte ihr das Metallstück zustecken. Dabei musste er zu seinem Leidwesen eines feststellen: Ihr Anzug besaß keine Taschen.
»Hast du vor, mich zu kitzeln?«
Der silberne Knopf rutschte ihm aus der Hand und fiel klimpernd zu Boden.
16
Arnolds Handy klingelte. Er hatte die Nacht auf Makis Couch verbracht, da Tubb die Hoffnung nicht aufgeben wollte, dass seine Assistentin zurückkehren würde.
Es war niemand zurückgekehrt.
Frederic Tubb öffnete seine übermüdeten Augen. Er saß auf dem Stuhl gegenüber. »Was gibt es?«
Arnold schaltete aufgeregt sein Handy aus. »Wyndham meldet: Wir haben ein Signal!«
Tubb richtete sich auf. »Von wo?«
»Das konnt er noch nicht genau feststellen.«
»Hans?«
»Er muss es jemandem zugesteckt haben.« Arnold sprang auf seine Füße und machte sich daran, die Wohnung zu verlassen. »Tubb, worauf warten Sie noch? Vom Zentralgebäude aus können wir das Signal besser verfolgen!« Damit lief er ins Treppenhaus.
Tubb schaute für einen Moment zurück, bevor er die Tür schloss und Arnold folgte.
17
»Was haben wir denn da?« Maki 2 und Hans bückten sich gleichzeitg. Die Frau aus Neugierde, Hans, um so schnell wie möglich wieder in den Besitz des Senders zu kommen.
Im selben Augenblick huschte eine dritte Hand nach vorne und ergriff den glänzenden Knopf. Hans’ Doppelgänger betrachtete das silberne Ding interessiert, bevor er es sich in den Mund stopfte und runterschluckte.
Maki 2 zerrte heftig an der Leine. »Das war gar nicht lieb von dir! Gib das wieder her!«
18
Tubb und Arnold rasten mit quietschenden Reifen durch die Straßen, als Arnolds Handy klingelte.
»Was ist jetzt schon wieder?«, fragte Tubb, nachdem sein Freund das kurze Telefonat beendet hatte.
»Wyndham. Das Signal ist etwas schwächer geworden.«
»Hat er es mindestens lokalisiern können?«
»Er wollte nochmals anrufen.«
Tubb verdrehte genervt seine Augen.
19
Maki 2 zerrte wütend an der Leine und schlug dem Doppelgänger mit der flachen Hand auf den Kopf. »Los! Du sollst das Ding wieder ausspucken!«
Hans kam sich vor wie in einer Irrenanstalt. Sein Double griff sich plötzlich an den Hals und begann zu husten. Sein Kopf lief erst rot und darauf violett an. Seine Augen traten aus den Höhlen, wobei sie einen glasigen Ausdruck annahmen.
»Das kommt davon, wenn man nicht artig ist!«, schimpfte Maki 2. Sie klopfte ihm auf die Schultern. Ergebnislos. Das Husten verkam zunehmend zu einem Röcheln. Hans’ Doppelgänger fiel auf die Knie, die Frau hämmerte unaufhörlich auf seinen Rücken ein.
Hans schaute für einige Zeit dem Treiben regungslos zu, als ihm mit einem Mal auffiel, dass weder Makis Doppelgängerin, noch die beiden Wärter auf ihn achteten. Diese Erkenntnis ließ sein Herz höher schlagen. Er überlegte, wie er die beiden Wärter am besten außer Gefecht setzen konnte. Es würde nicht allzu schwierig sein, da beide nebeneinanderstanden. Maki 2 oder besser die Frau, die Maki Asakawa wie aus dem Gesicht geschnitten war, hatte gerade andere Sorgen. Sein Doppelgänger lag in den letzten Zügen.
Alles in allem lieferte die jetzige Situation die besten Voraussetzungen für eine Flucht. Er nahm Anlauf, sprang über Maki 2 und seinen Doppelgänger hinweg und brachte die beiden überrumpelten Wärter mit zwei gekonnten Karateschlägen zu Fall. Daraufhin hechtete er aus der Zelle in die Galerie und rannte von dort zu den rostigen Treppen. Als er die ersten Stufen erreichte, hallte zwischen den Gitterstäben ein wilder Schrei hervor.
20
Tubb riss das Steuer herum. Der Wagen beschrieb eine kreischende Kurve, wobei er auf die gegenüberliegende Fahrbahn schlitterte und dort direkt neben dem Bordstein zum Stehen kam.
Ihr Ziel hätte eigentlich das Zentralgebäude der LOGE sein sollen. Fast schon zu spät hatte Tubb bemerkt, dass Polizeiwagen das Hochhaus umstellten. Nichts Gutes ahnend, hatte er im wahrsten Sinne des Wortes die Bremse gezogen.
»Was soll der Mist?«, fluchte Arnold. »Was machen die Polypen vor der LOGE?«
»Sieht beinahe wie eine Razzia aus«, meinte Tubb. Er konnte sich nicht vorstellen, was die Polizei bei ihnen suchte. Es sei denn, es hatte etwas mit Hans zu tun.
Arnolds Handy klingelte. »Scheiße, Wyndham, was ist bei euch los?«
»Die Polizei sucht nach Ihnen«, lautete die lakonische Antwort.
»Nach mir?«
»Anscheinend sollen Sie Hans Schmeißer zur Flucht verholfen haben, Sir«, fuhr Wyndham fort.
»Was heißt hier anscheinend?«, brüllte Arnold ins Handy. »Wo ist Mr. Schmeißer überhaupt? Und wieso ich? Ich war die ganze Zeit über mit Frederic Tubb zusammen.«
»Das weiß ich auch nicht, Sir. Fakt ist, dass McIntire stinke sauer auf Sie ist und Sie aufs Präsidium bringen möchte.«
John Arnold wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Dabei muss es sich einmal mehr um diese verfluchten Doppelgänger handeln. - Haben Sie endlich das Signal lokalisiert?«
Arnolds Gesicht nahm einen Ausdruck an, den Tubb nicht mehr so schnell vergessen würde. Unglaube, Staunen und Skepsis mischten sich darin zu einer Struktur, deren Abbildung ein Garant für den nächsten Weltfotopreis gewesen wäre. »Woher kommt das Signal? Was hat Wyndham gesagt?«
John Arnold schaltete das Handy aus, so als hätte er soeben den Termin für das Jüngste Gericht erfahren. »Jims Coffee Shop. Er sagte tatsächlich, Jims Coffee Shop.«
Frederic Tubb sah im Rückspiegel, wie einer der Polizeiwagen auf sie zusteuerte. Er ließ den Motor aufheulen. »Dann sollten wir uns beeilen.«
21
Hans eilte mehrere Stufen der Treppe empor, bis er wie erstarrt stehen blieb. Das rostige Metallkonstrukt hörte ein paar Meter über ihm plötzlich auf, so als hätte ein Riese den Rest abgebrochen. Es existierte auch keine obere Galerie. Die Treppe endete unerwartet mitten in der Luft. Die Wände des Gefängnisses gingen über in unfertiges Mauerwerk, was dem Ganzen den Charakter einer grotesken Ruine verlieh.
Hans eilte die Stufen wieder hinunter. Das Treppenhaus hörte vor der Ebene auf, in der seine Zelle lag. Es war nicht an dem übrigen Bau befestigt, sondern schwebte einfach in der Luft. Keine Stufen führten weiter nach unten. Nun, dann musste er eben schauen, ob es einen anderen Weg aus diesem Trakt gab.
Er setzte seinen Fuß auf den Boden und drehte sich um.
Direkt vor ihm stand Maki 2. Sie starrte ihm wütend in die Augen. Ruckartig hob sie ihre rechte Hand, an der so etwas wie dunkelroter Schleim klebte. Zwischen ihren Fingern hielt sie den Peilsender. »Was ist das?«
22
»Wyndham meldet, dass das Signal wieder stärker geworden ist.«
23
Hans antwortete nicht. Er schaute hinüber zu seiner ehemaligen Zelle. Eine Blutlache breitete sich zwischen den Gitterstäben aus.
Einer der Wächter humpelte benommen aus der Öffnung. Maki hielt dessen Waffe in ihrer anderen Hand. Sie hob ihren Arm und drückte auf den Auslöser. Eine Lichtkugel schoss blitzschnell durch die Luft, traf den Wächter an der Brust und schleuderte ihn zurück in den engen Raum. Darauf drückte sie Hans die Mündung gegen den Bauch. »Soll ich bis drei zählen?«
»Ein Sender«, platzte es aus ihm heraus. Er hatte keine Lust auf eine Bekanntschaft mit diesem Lichtteil. »Ich nehme an, dass Tubb und Arnold inzwischen wissen, wo wir uns aufhalten.«
Makis Doppelgängerin kicherte schrill. »Falls sie überhaupt an ihr Ziel kommen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Eure Zentrale ist von Polizei umstellt. Die einen nehmen soeben euren Laden auseinander, die anderen verfolgen Frederic Tubb und John Arnold quer durch London.«
»Etwa auch Doppelgänger?«
»Ich glaube, inzwischen weiß in London niemand mehr so richtig, wer wer ist.«
»Und ist es erlaubt zu fragen, was Sie nun mit mir vorhaben?«
Die Frau grinste gefühllos und deutete mit einem Nicken auf den Sender. »Dich dafür bestrafen.«
24
Tubb und Arnold wurden inzwischen von zehn Polizeiwagen verfolgt. Hinzu kam ein Helikopter, der wie eine lästige Fliege über den Häusern kreiste.
»Sollten Sie nicht ein bisschen mehr aufs Gas drücken?«, meinte Arnold, der ungeduldig durch die Heckscheibe blickte.
»Wir sind gleich da«, vermeldete Tubb. »Das Einzige, das uns gelingen muss, ist, als Erste in Jims Laden zu kommen. Wir müssen den Zugang zu dem Ort finden, wo sich der Doppelgänger, dem Hans den Sender zugesteckt hat, aufhält.«
Arnold schaute kurz durch die Frontscheibe, bevor er wieder zurückblickte. »Wer sagt Ihnen denn überhaupt, dass dies die Quelle der Doppelgänger ist? Vielleicht wollte einer von denen nur einfach einen Kaffee trinken.«
Tubb schaute Arnold von der Seite an. »Ich weiß es nicht. Woher sollte ich es auch wissen? Aber von dort kommt nun einmal das Signal.«
Arnold wischte sich über die Stirn. »Sie haben wirklich Nerven, Tubb. Ich frage mich, wo Ihr Mr. Schmeißer steckt. Wie ist er überhaupt aus dem Gefängnis entwischt?«
»Ich denke, er hält sich dort auf, von woher das Signal kommt. Immerhin hat er es dort aktiviert.«
John Arnold ballte seine Hände zu Fäusten. »Ich werde diesem Jim Benson ganz schön in den Arsch treten, Tubb. Das können Sie mir glauben. Der Typ steckt mit denen unter einer Decke. Da verwette ich meinen Nachttopf.«
»Wollen Sie den wirklich verwetten?«
»Ach, vergessen Sie’s!«
Die Straße mündete in einem großen Kreisverkehr. Auf der gegenüberliegenden Seite zeichneten sich die Worte Jims Coffee Shop in geschwungenen Buchstaben auf einer dunkelgrünen Markise ab.
»Für was braucht der eine Markise?«, murrte Arnold. »Es ist Winter und die Sonne scheint auch nicht.«
»Wie wäre es mit abregen, Arnold?«
»Wie soll ich denn still sitzen und Däumchen drehen, während unsere gesamte Organisation demontiert wird? Wir sind so gut wie fertig, Tubb, falls Sie das noch nicht bemerkt haben. Es sei denn, uns gelingt es, diesem Treiben der Doppelgänger ein Ende zu setzen. Und selbst dann werden wir es sehr schwer haben, funktionsfähig zu sein.«
Tubb blieb eine Antwort schuldig. Er steuerte das Auto über den Kreisverkehr und hielt unterhalb der Markise. Die Polizeiwagen stoppten direkt hinter ihnen. Eines der Autos fuhr an ihnen vorbei und blieb quer vor ihnen stehen.
»Verraten Sie mir jetzt auch, wie wir als Erstes da drin sein sollen?«
Tubb hatte auf etwas mehr Spielraum gehofft. Doch nun sah es in der Tat so aus, als würde sein Plan nicht aufgehen.
Die Beifahrertür des vorderen Wagens öffnete sich. Niemand anderer als Gregor McIntire stieg aus. Er spazierte gelassen zu ihnen herüber und klopfte gegen das Fahrerfenster.
25
Im selben Moment als Makis Doppelgängerin abdrückte, schlug Hans ihr die Waffe aus der Hand. Das leuchtende Geschoss traf auf die Metallstufen, wo es ein großes Loch hinterließ. Die Pistole flog ein paar Meter durch die Luft, bevor sie schlitternd am Boden aufkam.
Die Frau wollte der Waffe hinterher hechten, doch Hans packte sie an ihrem Arm, zog sie zurück und verpasste ihr ein paar Ohrfeigen. Diese ließ sich davon nicht beeindrucken. Im Gegenteil, sie setzte zu einem Angriff an, indem sie mit ihren Beinen gegen ihn trat. Hans wehrte die Tritte ab. Er suchte nach einer Chance, und als diese kam, schlug er ihr ein paar Mal ins Gesicht.
Maki 2 taumelte zurück.
Hans rannte zu der am Boden liegenden Waffe, hob sie auf und zielte. Im letzten Moment aber zögerte er. So kaltblütig war er nun doch wieder nicht.
Die Frau kicherte hysterisch. »Es ist klar, dass du dafür zu feige bist.«
Hans ließ den Spott an sich abprallen. Er hatte eine andere Idee. Er stieß sie vor sich her und sagte: »Zeigen Sie mir lieber, wo der Ausgang liegt.«
»Du willst mich also nicht abservieren?«, fragte sie höhnisch. Vielleicht klang auch ein wenig Erstaunen darin.
»Ich habe keine Lust, den Rest meines Lebens hier zu verbringen.«
»Es liegt wohl eher daran, da ich deiner geliebten Kollegin so sehr ähnlich sehe.«
Hans seufzte. »Wenn Sie sie wären, dann hätte ich wahrscheinlich abgedrückt.«
Die Frau quittierte diesen Satz mit einem verwirrten Ausdruck.
»Und jetzt vorwärts.«
Sie marschierten den Trakt entlang, bis sie zu einer stählernen Sicherheitstür kamen. Auf dem Weg dahin hatte Hans bemerkt, dass in fast allen Zellen, an denen sie vorbeigingen, menschliche Skelette oder Mumien lagen. Auf seine Frage, was dies überhaupt für ein Gefängnis sei, hatte Maki 2 nur ein leeres Grinsen auf Lager gehabt.
Hans vermutete, dass sie es nicht wusste. Es handelte sich bei ihr um einen Doppelgänger, der schlicht und ergreifend nur dazu ins Leben gerufen worden war, um eine einzige Aktion auszuführen. Ähnlich wie eine Maschine, die nur für einen speziellen Arbeitsgang programmiert war, konnte sie nichts anderes tun. Ihre Lebensspanne, wie lange diese auch immer währte, beschränkte sich nur darauf, dieses bestimmte Ziel zu verfolgen. Er empfand beinahe so etwas wie Mitleid mit ihr. Sie kannte keine Alternativen und würde andere Möglichkeiten nie in Erwägung ziehen. Über ihre Handlungen dachte sie nicht nach, da ihr dafür die reflektierenden Eigenschaften fehlten.
»Der Wärter hat die Tür wieder abgesperrt«, sagte sie gelassen. »Willst du zurück und die Schlüssel hohlen oder soll ich es tun?«
Hans richtete den Lauf der ominösen Waffe auf das Türschloss. Als er den Auslöser betätigte, spürte er einen leichten Rückstoß. Die Lichtkugel knallte gegen den Riegel und löste ihn praktisch in Luft auf. Die Tür schwang nach außen hin auf. »Den Schlüssel braucht jetzt wohl niemand mehr.«
Er stieß sie durch den Türrahmen und folgte ihr. Eine steinerne Treppe führte vor ihnen empor und endete nach etwa hundert Stufen an einer weitern Stahltür. Hans benutzte erneut die Waffe, um diese zu öffnen.
Was er dahinter sah, ließ ihn glauben, einer Wahnvorstellung zu erliegen.
26
»Jetzt hören Sie zu«, flüstere McIntire, während er sich vor das Fenster beugte. »Ich bin Gregor McIntire. Mein Doppelgänger wollte mir ans Leder, aber ich habe ihn zur Strecke gebracht. Wer die Bullen um Sie herum sind, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass die Sie kaltstellen wollen, Mr. Arnold. Mr. Schmeißer ist aus dem Knast entkommen. Fragen Sie mich nicht, wie er das geschafft hat. Auf jeden Fall haben diese Typen diesen Sachverhalt jetzt so herumgedreht, dass Sie sozusagen der Buhmann sind. Sie werden polizeilich gesucht, da man Ihnen Beihilfe zur Flucht vorwirft. Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung, ob Sie das wirklich getan haben oder Ihr Doppelgänger. Mir ist das auch ziemlich egal. Ich will nur, dass dieses Chaos endlich aufhört. Erst kürzlich erhielt ich einen Anruf meiner Frau, dass sie mich verlassen wolle, um ihren ehemaligen Mathelehrer zu heiraten. Der ist schon bald neunzig. Verstehen Sie, was ich meine?«
»Und haben Sie einen Plan?«, wollte Tubb wissen.
McIntire zuckte zusammen. »Ich habe gehofft, Sie hätten einen.«
»Eigentlich wollten wir in dieses Café, da wir glauben, dass wir dort etwas finden könnten, das uns weiterbringt.«
»In einem Café?«
»Glauben Sie ihm einfach, Mac«, erwiderte Arnold.
Gregor McIntire wirkte auf einmal bei Weitem erschöpfter als sonst. »In Ordnung. Dann schlage ich vor, dass wir da rein gehen. Ich hab keine Ahnung, wie die Bullen reagieren werden.«
»Wenn es hier etwas gibt, dann werden sie auf jeden Fall reagieren«, meinte Tubb. Er öffnete die Tür und stieg aus.
John Arnold folgte seinem Beispiel.
Die Polizisten blieben in ihren Wagen sitzen. Die getönten Frontscheiben reflektierten die Umgebung so sehr, dass Tubb nicht auf die Insassen sehen konnte. Es hätte sich genau so gut um eine Reihe verlassener Autos handeln können.
»Dann gehen wir jetzt rein«, sagte Tubb.
McIntire zog seine Pistole. »Es sollte mindestens einen Anschein von Gefangennahme haben.«
Während sie die drei Stufen zur Eingangstür hinaufstiegen, öffneten sich wie auf Kommando die Türen der übrigen Autos. Auf den Fahrer- und Beifahrerseiten stiegen Polizisten aus. Sie machten jedoch keine Anstalten, ihnen zu folgen, sondern blieben wie Wachsfiguren neben ihren Wagen stehen.
Tubb öffnete die Tür und trat, gefolgt von Arnold und dem Inspektor, in das Lokal.
Es brannte kein Licht, sodass die Schatten dominierten und die Farben blasser aussahen. Eine Tür hinter der Bar wurde geöffnet. Jim Benson trat aus seinem Büro und blieb stehen, so als wäre er unerwartet in einen Haufen Hundekot getreten. »Mr. Tubb! Ich …!«
Arnold preschte im selben Moment nach vorne und verpasste ihm einen Kinnhaken. Jim stolperte zurück und stieß dabei mit seinem Rücken gegen die Theke. »Sie verdammter Hurensohn!«, brüllte Arnold. »Sie haben es die ganze Zeit über gewusst!«
Jim schnappte keuchend nach Luft. »Die … Die haben mich dazu gezwungen!«
»Wie gezwungen?«, fragte Tubb. »Mit Hundertpfundnoten?«
Arnold packte Jim am Kragen. »Du hast also doch herumposaunt, dass Hans Maki Asakawa umgebracht hat. Ist es nicht so?«
Jim verdrehte die Augen, so als wäre er einer Ohnmacht nahe. »Sie … Sie gaben mir Geld! In Ordnung? Sie gaben mir soviel Knete, dass ich meine verdammten Schulden zurückzahlen konnte! Dafür sollte ich nur dieses dämliche Gerücht in Umlauf bringen. Das alles passierte einen Tag, nachdem Hans und Maki hier gewesen waren. Davor wusste ich nicht einmal, dass es so einen Scheiß wie diese Doppelgänger gibt!«
Arnold riss Jim am Kragen herum und schleuderte ihn gegen einen der Tische. »Von wo aus agieren die Doppelgänger?«
Jim, der sich nur schwer aufrecht halten konnte, sagte: »Im Keller.«
27
Der Boden glich einer spiegelnden Fläche, die eine genaue Karte von London wiedergab. Darüber schwebte ein rechteckiger Klotz, der durch Schläuche und Kabel mit einer gigantischen Maschine verbunden war, die wie ein staubiger, bronzefarbener Kasten von der Decke hing. Ein beständiges Klackern erfüllte den Saal. Aus manchen Öffnungen der Maschine trat zischender Dampf. An dem der Karte zugewandten Ende des Klotzes steckte so etwas wie ein rundes Objektiv, das leer nach unten starrte und ihm das Aussehen eines altertümlichen Diaprojektors gab. Auf einmal machte es einen heftigen, metallischen Schlag. Der Klotz sauste an eine andere Stelle der Karte. Ein grelles Licht strahlte aus dem Objektiv und traf auf die spiegelnde Oberfläche.
Hans beugte sich nach vorne. »Soho«, las er.
Genau so schnell, wie der Strahl entstanden war, genau so schnell verschwand er auch wieder. Der Klotz verweilte reglos an seiner neuen Stelle. Das Klackern erfüllte wieder die Stille.
»Wie funktioniert das?«, fragte Hans. »Die Strahlen senden die Doppelgänger an die gewünschte Stelle? Aber woher wissen Sie, welche Menschen kopiert werden sollen?«
Maki 2 antwortete nichts. Sie betrachtete die Maschine regungslos.
Natürlich wusste sie die Antwort nicht. Für einen Augenblick hatte er völlig vergessen, dass sie dazu nicht in der Lage war.
Erneut bewegte sich der Klotz. Der Strahl traf diesmal auf die Worte »Buckingham Palace«.
Etwa hundert Meter von ihm entfernt, an der gegenüberliegenden Seite des Saales, erspähte Hans eine weitere Tür. »Geht es dort drüben hinaus?«
Maki 2 hielt ihr Schweigen aufrecht.
»Dann probieren wir es einfach aus.« Er stieß die Frau vor sich her über die glatte, braungraue Fläche. Inzwischen vollführte der Klotz eine weitere Bewegung zu einer anderen Stelle der Karte. Als der Strahl die Oberfläche berührte, verspürte Hans ein sonderbares Kribbeln auf seiner Haut.
Die Tür war abgeschlossen. Hans feuerte eine Kugel auf das Schloss ab. Das Problem war damit gelöst.
Ohne Vorwarnung drehte sich Maki 2 zur Seite und nahm ihm mit einem gekonnten Schlag gegen seine Hand die Waffe ab. Die Mündung richtete sich nun direkt auf seinen Kopf.
Merkwürdigerweise erkannte er keinen Ausdruck der Überlegenheit in ihrem Gesicht. Vielmehr schien es so, als würde sie mit sich selbst kämpfen. Als würde sie nach einem Gedanken suchen, der sich plötzlich wieder verflüchtigt hatte. Sie wandte sich von ihm ab und rannte zurück auf den Stadtplan.
»Was haben Sie vor?«, rief Hans ihr zu.
Sie stand genau auf der Mitte der Spiegelfläche. Ihr Blick richtete sich auf die Maschine über ihr.
Hans konnte die Lage nicht einschätzen. Natürlich hätte er einfach durch die Tür verschwinden können. Doch irgendetwas hielt ihn davon zurück.
Maki 2 stieß plötzlich einen ohrenbetäubenden Schrei aus, hob die Waffe und schoss mehrere Kugeln in die Maschine. Funken sprühten und dicke Dampfstrahlen platzten aus dem Metallkörper hervor. Der rechteckige Klotz schnellte sofort an die Stelle, an der sie stand. Maki 2 feuerte zwei Kugeln in das Gerät. Zugleich traf sie der grelle Strahl aus dem Objektiv.
Hans bekam noch mit, dass sie zu ihm herüberblickte, bevor sie gänzlich von dem Leuchten verschluckt wurde. Während der Strahl weiter die Spiegelfläche erhellte, wurde der Klotz von mehreren Stößen durchgerüttelt. Das Licht erstarb. Aus dem Inneren der Maschine ertönte eine ungute Mischung aus Krachen, Zischen und mechanischem Aufheulen. Der metallene Koloss löste sich von der Decke und krachte auf den Plan von London. Funken sprühten aus dem Wrack und dichter Rauch quoll aus seinen Öffnungen.
»Ich nehme an, das war es erst einmal.« Hans drehte dem Schauplatz den Rücken zu und stieß die Tür auf.
Er schrak zurück.
Vor ihm standen Frederic Tubb und John Arnold, die ihn betrachteten, als hätten sie alles Mögliche, nur nicht ihn erwartet.
28
»Wie kommen Sie hierher?«, rief Arnold außer sich.
»Dasselbe könnte ich Sie fragen«, erwiderte Hans. »Was ist das überhaupt für ein ätzender Geruch?«
»Willkommen am Stillen Örtchen von Jims Coffee Shop«, sagte Tubb.
Erst jetzt erkannte Hans die weißen Kacheln und die Pissoirs im Hintergrund. »Wird anscheinend nicht so oft geputzt.«
»So wie es ausschaut, fast gar nicht«, gab Arnold zurück.
Tubb interessierte sich indessen mehr für den qualmenden Schutthaufen, der sich hinter Hans auftürmte. »Haben Sie mal wieder etwas kaputt gemacht?«
Hans schaute mit einem beklommenen Gefühl zurück. »Das war nicht ich, sondern Makis Doppelgängerin.«
Tubb zwängte sich an Hans vorbei, um den Metallhaufen besser sehen zu können. »Und wo ist ihre Doppelgängerin jetzt?«
Hans deutete auf die zerstörte Maschine. »Sie hat dieses Gerät angegriffen, bevor sie von dem Strahl erwischt wurde. Ein merkwürdiger Kasten. Ich habe keine Ahnung, was genau das war und schon gar nicht, wie es funktionierte. Es stand anscheinend mit dem Erscheinen der Doppelgänger irgendwie im Zusammenhang. Ich nehme an, die Maschine sendete möglicherweise die Doppelgänger an die entsprechenden Orte von London. Aber … Aber wieso ausgerechnet Makis Double dem ein Ende setzte, ist mir ein Rätsel. Sie war eine Killerin. Eiskalt. Sie hat meinem Doppelgänger den Sender aus der Kehle gerissen.«
»Autsch«, sagte Arnold. »Aber wie kam der Sender überhaupt dorthin?«
»Er hat ihn gegessen.«
»Tja, was sonst sollte man mit einem Peilsender tun?«
»Mir schien sie zum Schluss ziemlich nachdenklich zu sein«, setzte Hans seine Überlegungen fort. »Eigenartig. Wirklich eigenartig.«
Tubb runzelte die Stirn. Unverständlich für alle anderen, murmelte er: »Hoffen wir, dass es sich dabei wirklich nur um einen Doppelgänger gehandelt hat.«
»Und jetzt?«, wollte McIntire wissen, der sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten hatte.
Alle Blicke richteten sich auf Frederic Tubb.
Gedankenverloren betrachtete er das mechanische Ungetüm. »Ab nach Hause«, sagte er schließlich.
29
In ganz London hatten sich die Doppelgänger plötzlich in Luft aufgelöst.
Als Tubb zusammen mit Arnold, Hans und dem Inspektor aus dem Café trat, erwartete sie eine Reihe leer stehender Polizeiwagen.
Der Spuk hatte sich von einer Sekunde auf die andere verflüchtigt. In den folgenden Tagen untersuchten John Wyndham und seine Leute den Metallklumpen, konnten aber dessen Funktionsweise nicht ergründen. Das Innere der Maschine bestand aus einer bizarren, schleimartigen, roten Flüssigkeit, die in mehreren Tanks aufbewahrt wurde, welche durch den Absturz des tonnenschweren Geräts keinen Schaden genommen hatten. Die Flüssigkeit beinhaltete menschliches Zellgewebe und lose herumtreibende Nervenfasern. Wyndhams Vermutung lautete, dass die galertartige Masse den Grundstoff der Doppelgänger bildete. Er konnte sich allerdings keinen Reim darauf machen, wie diese mit den von Hans beschriebenen Lichtstrahlen in Zusammenhang gebracht werden konnte. In dem Metallwrack fanden sie außerdem einen seltsamen Motor, der einer Dampfmaschine nicht unähnlich war, sowie Schläuche und Kabel. Es gab Zahnräder, Spulen und Federn, sodass alles auf eine mechanische Funktionsweise schließen ließ. Doch wie die Maschine grelle Strahlen verschießen und dadurch Doppelgänger ahnungsloser Londoner Bürger entstehen lassen konnte, blieb ein Geheimnis. Der Zugang zu dem Gefängnis, in dem Hans Maki 2 begegnet war, konnte nicht mehr benutzt werden. Statt einer Tür fanden sie ein großes Stahlsiegel, das keine dem Menschen verfügbare Kraft entfernen konnte. Das Siegel aber gab einmal mehr Aufschluss darüber, dass bei der Invasion der Doppelgänger die prähumane Hyperzivilisation ihre Hände im Spiel gehabt hatte.
Epilog
Seit den seltsamen Ereignissen waren inzwischen mehrere Wochen vergangen. Frederic Tubb hatte sein Büro im Institut für Kultur und Volkskunde geräumt. Im Grunde genommen empfand er dies als keinen großen Verlust, da er sich nun ganz auf das Problem der prähumanen Hyperzivilisation konzentrieren konnte. Vor den meisten seiner Kollegen brauchte er sich zwar aufgrund der skandalösen Rede, die sein Doppelgänger auf dem Kongress in Lissabon gehalten hatte, nicht mehr zu zeigen, aber das störte ihn auch nicht weiter. Im Gegenteil, er fand es geradezu amüsant, dass gerade die Wissenschaftler, die sich mit paranormalen Grenzfällen beschäftigten, nicht wahrhaben wollten, dass Tubb an dem ganzen Tumult, den der Vortrag verursacht hatte, keine Schuld traf.
Von nun an finanzierte die LOGE seine Untersuchungen. Der Doppelgänger-Vorfall hatte gezeigt, dass mit den Prähumanen keineswegs zu spaßen war. Die Hyperzivilisation versuchte, ihre Forschungen zu verhindern und legte dabei ein äußerst aggressives Verhalten an den Tag. Die Prähumanen hätten es beinahe geschafft, ihre Organisation zu zerschlagen. Mit Sicherheit hatten sie der LOGE einen nicht zu leugnenden Dämpfer versetzt.
Während Tubb in seinem neuen Büro im Zentralgebäude der LOGE saß, kehrten seine Gedanken immer wieder zurück zu Maki Asakawa. Ihre Leiche wurde seit der Zerstörung der ominösen Maschine vermisst. Tubb hielt diesen Punkt als Indiz dafür, dass Maki höchstwahrscheinlich noch lebte. Doch wo hielt sie sich auf? Oder sollte sich seine dunkelste Ahnung als wahr herausstellen? Sofort verdrängte er diese abstruse Befürchtung. Er hoffte inständig, dass die Person, die Hans für einen Doppelgänger gehalten hatte, nicht Maki selbst gewesen war.
Hans Schmeißer war für längere Zeit nach Deutschland zurückgekehrt. John Arnold hielt auch für ihn ein Büro frei, doch Hans wollte es sich noch überlegen, ob er weiter machte. Tubb wusste, dass ihm das Verschwinden Makis stark zusetzte. Ihm erging es da kaum anders. Mit Makis Verschwinden hatte er einen weiteren Halt verloren.
Die Suche nach der prähumanen Hyperzivilisation aber durfte deswegen nicht aufgeschoben werden und schon gar nicht aufhören. Einmal mehr hatte ihm dieser Zwischenfall gezeigt, dass die Technik der Prähumanen derjenigen der Menschen bei Weitem überlegen war. Und wenn ihm etwas in diesem Augenblick deutlich wurde, dann dies: Die prähumane Hyperzivilisation stellte nicht nur eine große Bedrohung für die LOGE dar, sondern ebenso für die gesamte Menschheit.

Die Abenteuer von Frederic Tubb und seinem Team gehen weiter in
Prähuman Band 6
»Welt in Gefahr! «
Copyright © 2011 by Max Pechmann
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