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Frederic Tubb ist Professor für rätselhafte Phänomene und Artefakte. Eines Tages bekommt er ein seltsames Telegramm. Darin steht, dass in Kambodscha eine merkwürdige Entdeckung gemacht wurde. Die Reste einer fremdartigen Stadt. Alter: 70 Millionen Jahre.
Kaum bekommt die Öffentlichkeit Wind von der ganzen Sache, gerät Frederic Tubb in Kontakt mit merkwürdigen Personen, die versuchen, ihn von seiner weiteren Forschung abzuhalten. Doch Frederic lässt nicht locker. Weitere Entdeckungen werden gemacht, die Aufschluss darüber geben, dass vor unserer Zeit eine hypermoderne Kultur existiert hat. Waren es Außerirdische? Wer sind die Leute, die versuchen, Frederic Tubb von seinen weiteren Forschungen abzuhalten?
Frederic Tubb macht sich zusammen mit seinen Mitarbeitern Maki Asakawa und Hans Schmeißer daran, das Rätsel der Hyperzivilisation zu lösen. Dabei stößt er auf merkwürdige Vorkommnisse und bizarre Situationen.

Und es gibt sie doch!
TEIL EINS: FUNDSACHEN
1
Ein Club im Stil der 60er Jahre. Psychedelisch anmutende Tapeten mit bunten Kreismustern, bunte Plastikmöbel und Leute, deren Frisuren und Kleidungsstücke jene Epoche überzeugend imitierten.
Aus den Lautsprechern klangen jedoch keine Beatles und auch nicht The Who, sondern Bert Kaempferts Wonderland by Night.
Maki Asakawa kam sich absolut fehl am Platz vor. Zum einen trug sie keine 60er Jahre Kleidung und zum anderen fragte sie sich, ob sie sich wohl bei der Adresse geirrt hatte. Sie sollte hier einen Experten für Expeditionsgeschichte treffen. Genauer gesagt handelte es sich um eine Historikerin, die seit Jahrzehnten in einem Archiv tätig war. Normalerweise hätte es Maki bevorzugt, diese Person an ihrem Arbeitsplatz zu treffen. Doch anscheinend besaßen auch Archivare einen gewissen Hang zur Exzentrik.
Sie stand noch immer an der Eingangstür und schaute sich verstohlen um. Ab und zu wurde ihr Blick von anderen Gästen mit unverhohlener Neugier erwidert. Schließlich entdeckte sie der Barmann, nickte ihr zu und deutete mit seinem Zeigefinger auf einen der runden Tische, die sich um die Tanzfläche herum gruppierten. Maki folgte mit ihren Augen der angezeigten Richtung und erkannte eine ältere Frau, die entspannt an einem Cocktailglas nippte. In ihrer anderen Hand hielt sie einen silbernen Zigarettenspitz.
»Schön, dass Sie es bis hierher geschafft haben.« Die Frau deutete ein Grinsen an, von dem Maki nicht sagen konnte, ob es ironisch oder herzlich gemeint war. Sie trug ein schwarzweiß kariertes Kleid, das eindeutig nicht zu ihrem Alter passte. Ihre Hornbrille verlieh ihr zudem ein recht stiefmütterliches Aussehen.
»Sind Sie Eleonora Mason?«, fragte Maki etwas unsicher.
»Wer sollte ich sonst sein? Der Weihnachtsmann?« Die Frau zog an ihrem Zigarettenspitz und betrachtete Maki abwartend.
Maki setzte sich ihr gegenüber auf einen grünen Plastikstuhl. »Mein Name ist Maki Asakawa…«
Mrs. Mason winkte ab. »Das ist für mich nichts Neues, Miss Asakawa. Ich habe Ihr Foto auf der Homepage der University of London gesehen. Zusammen mit ihrem leicht pummeligen Kollegen und Ihrem asketisch aussehenden Chef. Lloyd, der Barmann, wusste sofort Bescheid, als er Sie sah. Nicht unbedingt ein Geniestreich. Es war offensichtlich, dass Sie nicht im Sixtees-Look erscheinen würden.«
»Was ist das hier überhaupt?« Maki schaute sich um.
Mrs. Mason zuckte mit den Schultern. »Das sehen Sie doch, Schätzchen. Hier ergeben sich gelangweilte New Yorker ihren nostalgischen Gefühlen hin. Allerdings ist dieser Club einer einzigen Person geweiht. Bert Kaempfert. So lange Sie hier sitzen, werden Sie nur seine Musik hören. – Wollen Sie etwas trinken?«
»Vielleicht eine Cola.«
Eleonora Mason grunzte abwertend. »Eine Cola! Meine Kleine, wenn Sie schon einmal hier sind, dann probieren Sie doch dasselbe wie ich.« Sie winkte dem Barmann zu. Lloyd schien sofort zu verstehen. Er nickte und machte sich an die Arbeit.
Wonderland by Night verstummte. Stattdessen erklang nun das Stück Lady.
Maki fühlte sich bei dieser Frau nicht sonderlich wohl und hoffte, das Gespräch so schnell wie möglich wieder beenden zu können. Außerdem mochte sie es ganz und gar nicht als Schätzchen oder als Kleine bezeichnet zu werden. Mrs. Mason besaß jedoch dieses gewisse Etwas in ihrem Benehmen, das Maki sagte, dass sie immun gegenüber jeglicher Art von Tadel war. Sie ließ es daher auf sich beruhen und fragte: »Wieso wollten Sie, dass wir uns hier treffen und nicht in Ihrem Archiv?«
Mrs. Mason lehnte den Zigarettenspitz an den Aschenbecher. »Schätzchen, es war schon ziemlich delikat, diese Angelegenheit am Telefon zu erwähnen. Als ich hörte, was Sie wissen wollten, dachte ich, meine Füße stünden in zwei Eiskübeln.«
Lloyd erschien und stellte zwei Cocktailgläser auf den runden Tisch, dessen tiefes Orange Maki in den Augen schmerzte. Die Farbe des Cocktails passte dazu.
»Bevor Sie mich fragen, Schätzchen, das hier ist ein Screwdriver. Ganz ordinärer Wodka mit Orangensaft gemischt. Zum Wohle.«
Maki probierte einen Schluck.
»Und?«
»Ganz gut.«
Zum ersten Mal weiteten sich Mrs. Masons Lippen zu einem eindeutig heiteren Lächeln. »Vielleicht kommen Sie ja noch auf den Geschmack, Kleines. Wie alt sind Sie überhaupt?«
Maki machte die Frage leicht verlegen. Dennoch sagte sie: »Achtundzwanzig.«
»Sie sehen viel jünger aus, Miss Asakawa. Ich hätte Sie Anfang zwanzig geschätzt. So wie Sie aussehen, haben Sie doch bestimmt einen Freund?«
Maki wurde dieses Aushorchen zunehmend lästig. »Könnten wir bitte auf das eigentliche Thema zu sprechen kommen?«
»Haben Sie einen oder haben Sie keinen?«
Maki seufzte. »Es gibt niemanden, Mrs. Mason. Könnten wir bitte …?«
Die Frau nippte an ihrem Glas. »Nur mit der Ruhe, Schätzchen. Ihr jungen Leute habt es immer so eilig. Ich wollte Sie einfach näher kennenlernen. Das ist alles.«
Maki kam sich mit einem Mal unhöflich vor. Normalerweise lag ihr nichts daran, sich mit fremden Leuten zu unterhalten. Mrs. Masons Ausstrahlung besaß jedoch eine Konsistenz, die Maki unangenehm berührte.
Als ob Eleonora Mason ihre Gedanken lesen konnte, sagte sie: »Ich denke, meine Art verunsichert Sie ein wenig, Kleines. Aber keine Sorge, ich beiße nicht. Als Archivarin muss ich mich ab und zu von dem ständigen Staub erlösen. Nicht, dass dieser Job uninteressant wäre. Doch manchmal fühle ich mich zwischen den Regalen ziemlich einsam.«
Maki nahm noch einen Schluck des Cocktails. Vielleicht lag es am Alkohol oder daran, dass sie sich an Mrs. Masons Verhalten langsam gewöhnte. Auf jeden Fall fühlte sie sich auf einmal nicht mehr so angespannt. »Wieso gerade Expeditionsgeschichte?«
Eleonora Masons Augen weiteten sich gewitzt. »Oh, da wird jemand plötzlich gesprächig.« Sie nahm den Zigarettenstummel aus dem silbernen Spitz und steckte eine neue hinein. Nachdem sie diese angezündet und einmal daran gezogen hatte, fuhr sie fort: »Expeditionen haben mich schon seit meiner Kindheit interessiert. Während die anderen Mädchen mit ihren Puppen Hausfrau spielten, stellte ich mir vor, eine gefährliche Expedition durch den afrikanischen Dschungel zu leiten. Meine Katze musste stets als Menschen fressender Tiger herhalten. Ich weiß nicht mehr, wie oft sie die gerade noch zur Strecke gebrachte Bestie spielen musste. Auf jeden Fall hält die Faszination bis heute an. Ich verschlinge Expeditionsberichte wie andere Leute Comichefte.«
»Haben Sie selbst einmal an einer Expedition teilgenommen?«
Mrs. Mason winkte erschrocken ab. »Um Gotteswillen nein, meine Kleine. Ich leide unter Reiseangst. Ich bekomme schon schwitzende Handflächen, wenn ich nur einen Schritt vor die Tür mache. Ich frage mich stets, wer um Himmelswillen sich freiwillig solch heftigen Strapazen ausliefert. Ein eindeutig masochistisches Verhalten. Man könnte auch sagen, die Welt wurde von Masochisten entdeckt. Was halten Sie davon?«
Maki wusste nicht, was sie darauf hätte antworten sollen. Sie hatte sich bisher noch nie über solche Dinge Gedanken gemacht. Möglicherweise war dies jedoch die Chance, um auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen zu kommen. »Dann halten Sie Bruce Dolan ebenfalls für einen Masochisten?«
Mrs. Mason wirkte gelangweilt. »Bruce Dolan II., Schätzchen. Bruce Dolan war sein Vater. Irgendein reicher Industriemagnat. Ich frage mich allerdings seit Ihrem Anruf, wie Sie überhaupt auf Dolan Junior gekommen sind?«
»Durch ein Buch. Haben Sie schon jemals von einem gewissen Paul Symmes gehört?«
Eleonora Mason grinste. Eindeutig spöttisch. »Sie sprechen doch nicht etwa von seinem Buch Das Geheimnis der Hyperzivilisation? Du meine Güte, Schätzchen, ich habe Sie wirklich für etwas anspruchsvoller gehalten.«
»Dann halten Sie das Buch für Schund?«
Mrs. Mason leerte ihr Glas. Darauf erwiderte sie: »Ich habe es überflogen. Das heißt, die Einleitung hat mir gereicht. Die Vermutung einer Zivilisation, die vor der Menschheit existiert haben soll, fand ich als Historikern offen gestanden lächerlich. Ich bin nie Mr. Symmes begegnet und kann daher nicht sagen, ob er geisteskrank oder schlicht und ergreifend dumm ist. Dumm ist vielleicht das falsche Wort. Immerhin wurde das Buch zu einem Bestseller. Vielleicht sollte ich eher sagen, schlau. Allerdings befürchte ich, dass ihm dieses Geschreibsel wohl oder übel seine Reputation gekostet hat.«
»Nun ja, es war weniger sein Buch als vielmehr seine Beziehungen zu ein paar Studentinnen, die ihm in gewisser Weise seinen Job gekostet haben.«
Mrs. Mason kicherte leise. »Der Klassiker schlechthin. Ich hoffe, Ihr Mr. Tubb ist da eine Ausnahme.«
Maki spürte, wie sie etwas errötete.
»Nun?«, fragte Eleonora Mason, als Maki nichts antwortete.
»Er interessiert sich für Paul Symmes und dessen Theorie. Und hier kommt wiederum Bruce Dolan ins Spiel. Entschuldigung, Bruce Dolan II.«
Soeben erklang die Melodie Strangers in the Night.
Mrs. Mason bewegte ihren Kopf zum Takt und blickte verträumt in eine hinter Maki liegende Ferne. »Ich sagte Ihnen bereits, dass dieser Name fast schon ein böses Omen ist, Schätzchen. Daher das Treffen an dieser Stelle und nicht im Archiv. Natürlich ist mir der Name ein Begriff. Aber ich weiß auch, dass viele seiner Aufzeichnungen bis heute unter Verschluss sind.«
»Unter Verschluss?«
»Streng geheim, wenn dir das mehr sagt, Schätzchen.«
»Und aus welchem Grund?«
Mrs. Mason kramte auf einmal in ihrer Handtasche und zog einen kleinen Spiegel hervor. Während sie sich darin betrachtete, meinte sie: »Ich glaube, ich sollte noch etwas Lippenstift auftragen, meinen Sie nicht auch?«
»Tun Sie das«, murmelte Maki genervt.
Nachdem die Archivarin ihre Lippen wieder auf Vordermann gebracht hatte, beugte sie sich über den Tisch und flüsterte: »Man kann nie vorsichtig genug sein, Schätzchen. Also hören Sie zu: Bruce Dolan II. nahm in den 30er Jahren an drei Expeditionen in den Himalaja teil. Es handelte sich dabei um jeweils deutsch-amerikanische Forschungsprojekte. Mit dabei war auch ein gewisser Karl Schäfer, der später eng mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet hat. Dies bedeutete zugleich das Ende der Freundschaft zwischen Dolan und Schäfer. Aber es gab noch einen anderen Punkt, der zum Ende der Beziehung führte. Es kam heraus, dass Dolan für den SIS arbeitete.«
»SIS?«
»Signal Intelligent Service, aus dem im Zweiten Weltkrieg das OSS wurde, das Office of Strategic Services. Beide gemeinsam sind direkte Vorläufer des CIA.«
»Er war also eine Art Geheimagent?«, hakte Maki nach. Das Treffen mit Eleonora Mason schien sich doch noch gelohnt zu haben.
»Er arbeitete für diese Organisation. Ich weiß jedoch nicht, ob er wirklich auch ein Agent gewesen ist«, antwortete Mrs. Mason. Ihre Augen betrachteten Maki nachdenklich. »Sie untersuchen also wirklich Paul Symmes’ Unsinn?«
Maki umfasste ihr Glas mit beiden Händen. »Glauben Sie mir, Mrs. Mason, es ist alles, nur kein Unsinn. Frederic Tubb, Hans Schmeißer und ich haben bereits mehrfach unangenehme Bekanntschaft mit Dingen gemacht, die bisher ohne Erklärung dastehen. Alles weist allerdings darauf hin, dass Paul Symmes sich die Annahme einer Hyperzivilisation nicht aus der Nase gezogen hat.«
»Was für Dinge meinen Sie denn, Schätzchen?«
»Vor allem Maschinen. Gigantische Maschinen, deren Funktionsweise niemand versteht.« Die bizarren Wesen, denen sie auf dem Passagierschiff Expedition begegnet war, erwähnte sie lieber erst gar nicht.
Eleonora Mason zog erneut ihren kleinen Spiegel hervor und betrachtete sich darin. Danach legte sie ihn neben sich auf den Tisch. »Wenn Sie versuchen wollen, mein Weltbild ins Schwanken zu bringen, Kleine, dann haben Sie es beinahe geschafft. Mir ist jetzt schon ziemlich schwindelig. Ich habe noch immer keine Ahnung, von was Sie da eigentlich reden. Aber sollte es stimmen, wäre dies eine mögliche Erklärung dafür, dass Dolans Berichte noch immer unter Verschluss stehen. Was Dolans Expedition wollte, ist nicht genau bekannt. Es gibt allerdings Gerüchte. Diese ranken sich darum, dass der SIS Funksignale aufgefangen hat, die jedoch nicht entschlüsselt werden konnten. Es konnte nur eines geklärt werden. Die Funksignale wurden aus einem Gebiet im Himalaja gesendet.«
Maki vergaß völlig ihren Screwdriver. »Dann wurde die Expedition ins Leben gerufen, um diesen Signalen auf den Grund zu gehen?«
Mrs. Mason nickte bedeutsam. »So scheint es zumindest, Schätzchen. Man wollte herausfinden, wer diese seltsamen Codes sendete. Ob dies auch für die Deutschen zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Aber durchaus möglich. Wiederum basiert alles auf Gerüchten. Diese besagen, dass Karl Schäfer eigenartige Artefakte von seiner Himalajaexpedition mitgebracht haben soll. Sein Bericht galt lange Zeit als verschollen. Ende der 80er Jahre tauchte er jedoch bei einem Privatsammler hier in New York auf. Ich konnte noch keinen Blick hineinwerfen, da dieser Mann kaum jemanden in sein Haus lässt.«
Maki nickte. »Frederic Tubb hat die Erlaubnis bekommen, das Manuskript anzusehen.«
Mrs. Mason hob überrascht ihre Augenbrauen. »Tatsächlich?«
»Ken Elderson ist vor wenigen Monaten verstorben. Mr. Tubb bekam die Erlaubnis von dessen Witwe, da sie mit der Sammlung ihres Mannes nichts anfangen kann.«
Mrs. Mason blickte erneut in den Spiegel. Sie wirkte leicht beunruhigt. »Hm, da erzählen Sie mir wirklich etwas Neues, Schätzchen. Haben Sie übrigens Lust, zu tanzen?«
»Wie bitte?« Maki hätte beinahe ihr Glas umgeworfen.
»Tanzen, Schätzchen. Falls Sie es nicht können, kommen Sie trotzdem mit auf die Tanzfläche. Glauben Sie mir, es ist besser so.« Damit packte sie Maki an der Hand und zog sie mit sich fort auf das Parkett, wo bereits mehrere Paare zu den Klängen von Wimoweh tanzten.
Maki versuchte sich, von Mrs. Masons eisernem Griff zu lösen. »Was soll das? Ich habe keine Lust, zu tanzen.«
»Wir werden die ganze Zeit über beobachtet, Schätzchen«, raunte die alte Frau. »Ich sagte Ihnen doch bereits, dass Ihr Anruf nicht gerade das war, was andere als klug bezeichnen würden. Ich habe zwei Typen in meinem Spiegel gesehen. Einer von ihnen sprach irgendetwas in ein verborgenes Mikrophon.«
Maki wusste auf einmal nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Hatte die Frau nun endgültig ihren Verstand verloren oder wurde Maki tatsächlich verfolgt? Egal, welche Möglichkeit stimmte, beide bereiteten ihr ein gewisses Unbehagen. Doch dann merkte sie, dass Eleonora Mason überhaupt nicht wirklich mit ihr tanzte, sondern sie eher über die Tanzfläche in Richtung Ausgang schob.
»Machen Sie sich bereit zur Flucht, Schätzchen«, sagte die Archivarin. »Ich bleibe hier. Von einer alten Frau werden diese Kerle schon nichts wollen.«
Maki blickte über Mrs. Masons Schulter zu den Tischreihen, konnte jedoch nichts Außergewöhnliches entdecken. »Glauben Sie wirklich, dass …?«
»Keine Diskussionen, Kleine. Hören Sie lieber auf mich. Wir sind gleich beim Ausgang. - Und jetzt ab!«
Mrs. Mason öffnete die Tür und schob Maki hinaus in den kalten Abend.
Maki betrachtete noch für eine Weile die geschlossene Tür, durch welche weiterhin Bert Kaempferts bekannte Melodie drang. Schließlich zuckte sie die Achseln und wandte sich um. Abrupt blieb sie stehen. Vor ihr standen zwei Männer in dunklen Anzügen.
»Sind Sie Maki Asakawa?«
2
Augusta Elderson sah man kaum an, dass sie die Achzig weit überschritten hatte. Ihre lebendigen Augen und ihr beinahe faltenfreihes Gesicht ließen sie zwanzig Jahre jünger ausschauen. Ihre grauen Haare hatte sie im Nacken zu einem Zopf geflochten. Sie trug eine dunkle Hose sowie einen beige Bluse.
»Ich habe keine Ahnung, nach welchem System Ken seine Sammlung geordnet hat. Sicher ist nur, dass er sie zum Glück katalogisierte.«
Bereits der Vorraum des Hauses war mit Regalen vollgestellt. Danach folgte das Wohnzimmer sowie ein Esszimmer und die Küche. Überall standen Regale und überall stapelten sich Bücher. In der Tat war Ken Eldersons Sammlung so groß, dass der Platz in den Regalen nicht im geringsten dafür reichte. Daher türmten sich zahlreiche Bücher auf dem Boden, die den Freiraum in dem Haus ziemlich einschränkten.
Frederic Tubb saß zusammen mit der Hausherrin in der Küche, wo sich auf Hängeregalen ebenfalls Unmengen von Literatur befanden. Sogar am Küchentisch lagen Bücher.
Tubb trank einen Schluck Kaffee. »Die Sammlung überschreitet die Ausmaße eines Hobbys bei Weitem.«
Mrs. Elderson lachte auf. »Von Hobby sprachen mein Mann und ich schon lange nicht mehr. Ich bezeichnete es immer als seinen Wahn. Er selbst … Ich weiß nicht, ob er überhaupt irgendeinen Begriff dafür hatte, was er unserem Wohnraum damit aufbürdete. Nicht dass ich etwas gegen Bücher habe. Aber sie sind schwierig abzustauben, Mr. Tubb. Das können Sie mir glauben.«
»Interessieren Sie sich für dieselbe Thematik, auf die Ihr Mann so besessen war?«, fragte Tubb. Er nahm noch einen Schluck. Endlich mal wieder ein hervorragender Kaffee. Das Gebräu in seinem Hotel, in das Jack Arnold ihn und Maki verfrachtet hatte, schmeckte nach aufgelösten Aspirintabletten.
»Nur am Rande«, erwiderte die alte Frau. »Soweit ich weiß, las Ken bereits als Kind Reiseberichte und vor allem natürlich Reiseromane. Er liebte Abenteuergeschichten über alles. Doch im Grunde genommen setzte er sich selbst keine Grenzen. Er las einfach alles. Es musste sich dabei nur um eine Reise handeln. Und die finden Sie in unwahrscheinlich vielen Büchern. Wenn Sie sich hier genauer umsehen würden, so fänden Sie jede Menge Science Fiction und Fantasy. Auch etliche Krimis. Unheimliche Geschichten ebenfalls. Später begann er dann nach alten Manuskripten und Dokumenten zu forschen, in denen es ums Reisen ging.« Sie seufzte schwer. »Wenn Ken nicht gestorben wäre, dann würden wir jetzt wahrscheinlich auf Büchern sitzen und schlafen.«
»Wie kam er überhaupt an diese Manuskripte?«, wollte Tubb wissen. Zugleich versuchte er damit, das Gespräch in eine bestimmte Richtung zu lenken.
Mrs. Elderson hob ihre Hände und schüttelte dabei den Kopf. »Ich habe keine genaue Ahnung. Meistens besuchte er Antiquariatsmessen. Manchmal traf er sich mit Leuten, die ihm etwas zeigen wollten. Hierbei muss ich hinzufügen, dass Ken in der Szene ziemlich bekannt war. Daher kam es hin und wieder zu Treffen mit manchmal netten und manchmal seltsamen Menschen. Der ein oder andere Narr war natürlich auch dabei. Wenn mir eine Sache zu suspekt vorkam, versuchte ich meinen Mann daran zu hindern, sich mit jemandem zu treffen. Doch Ken war ein Dickkopf. Er traf sich fast mit jedem. Sie müssen wissen, dass es in der Szene auch schwarze Schafe gibt. Entweder verkaufen diese Fälschungen zu unverschämten Preisen oder sie versuchen, gestohlenes Gut an gutgläubige Sammler zu bringen.«
»Und wie kam Ihr Mann in den Besitz dieses einen Dokuments?«, hakte Tubb nach. »Der Bericht von Karl Schäfer galt immerhin als verschwunden.«
Mrs. Elderson runzelte die Stirn. »Lassen Sie mich einen Moment nachdenken. Als Sie mich vor ein paar Tagen anriefen, klingelte in mir etwas. Doch ich kam nicht darauf, mit was für einem Ereignis ich das in Verbindung bringen sollte. Ich nehme an, das hängt mit meinem Alter zusammen.«
»Hat vielleicht noch jemand nach diesem Manuskript gefragt?«, versuchte Tubb ihr auf die Sprünge zu helfen.
Ken Eldersons Witwe schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Das ist zum Verzweifeln. Einen anderen Anruf meinten Sie? Zur Zeit rufen recht viele Leute hier an. Sie müssen wissen, dass Ken niemanden in seine Bibliothek ließ. Natürlich bekamen wir Besuch von Freunden und so weiter. Aber keiner dieser anderen Sammler betrat jemals unser Haus. Ken achtete strickt darauf. Nun erhoffen sich Wissenschaftler, Hobbyforscher und sicherlich auch diverse Gauner Eintritt zu bekommen.«
Tubb schmunzelte. »Normalerweise wünscht sich doch ein Sammler, seine Schätze anderen präsentieren zu können.«
Mrs Elderson nickte. »Da haben Sie recht, Mr. Tubb. Aber Ken hatte Angst, dass einer seiner Kollegen heimlich etwas aus seiner Sammlung stehlen könnte. In dieser Hinsicht war er fast schon paranoid. Letztendlich starb er glücklich, wie ich meine. Inmitten seiner Sammlung und ohne dass er auch nur ein einziges Exemplar vermisste.«
Tubb trank den letzten Schluck aus der Tasse und fragte: »Wäre es möglich, einen Blick auf das Manuskript zu werfen?«
Augusta Elderson kicherte verlegen. »Aber natürlich. Schließlich sind Sie ja deswegen hier hergekommen. Und dabei haben Sie auch noch eine solch weite Reise auf sich genommen. Aus England kommen Sie, nicht wahr?«
»Das stimmt. Ich bin zusammen mit meiner Assistentin nach New York gekommen.«
»Mit Ihrer Assistentin? Und wo ist sie, wenn ich fragen darf?«
»Sie trifft sich gerade mit einer gewissen Eleonora Mason. Eine Historikerin, die sich mit Expeditionsgeschichte beschäftigt.«
Erneut runzelte Mrs. Elderson die Stirn. »Mason, sagen Sie? Ich glaube, diese Dame hat sich ebenfalls mehrmals bei meinem Mann gemeldet. Eine sehr exzentrische Person, wenn Sie mich fragen. Sie arbeitet in einem Archiv. Aber jetzt kommen Sie. Ich zeige Ihnen das Manuskript.«
Damit standen beide auf und verließen die Küche. Wie eine Expeditionsleiterin führte Augusta Elderson Frederic Tubb durch den Bücherdschungel ihres verstorbenen Mannes. Manchmal mussten sich beide recht dünn machen, um zwischen zwei nebeneinander stehenden Büchertürmen vorbeikommen zu können. Der Weg führte die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo sich dasselbe Bild wie im Erdgeschoss präsentierte. Sämtliche Wände waren mit Regalen voll gestellt und quollen über vor Büchern.
Schließlich blieb die Witwe vor einer verschlossenen Tür stehen. »Hier drinnen befinden sich die Manuskripte und Dokumente«, erklärte sie. Sie zog einen Schlüssel aus ihrer rechten Hosentasche. »Ken beharrte darauf, dass der Raum stets verschlossen bleibt. Ich setze seine Regel fort.« Damit schob sie den Schlüssel ins Schloss und sperrte auf.
Wie auch alle anderen Räume in diesem Haus, so stand auch hier ein Regal neben dem anderen. Auf den einzelnen Brettern standen jedoch keine Bücher, sondern häuften sich Mappen und zusammengeheftete Papiere.
Vor dem Fenster stand ein Zettelkatalog.
»Die Dokumente in diesem Raum hat Ken nie mit seinem Computer erfasst. Dafür verwendete er einen altmodischen Zettelkatalog. Fragen Sie mich nicht, warum. Es gibt einfach so vieles, was für immer Kens Geheimnis bleiben wird.« Mrs. Elderson schob eine der kleinen Laden heraus. »S-C-H«, murmelte sie. »Schäfer. Schäfer, Karl. Ein Bericht über die Expedition nach Tibet und in den Himalaja im Jahre 1935. Der Bericht müsste sich im rechten Regal neben Ihnen befinden. Drittes Fach, linke Seite.«
Tubb trat an das Regal, bückte sich und hob eine Mappe nach der anderen an, die sich im dritten Regal auf der linken Seite befanden.
Der Bericht lag zuunterst. Er war in eine schwarze Ledermappe eingeheftet worden. Eigenartigerweise bestand der gesamte Text nur aus dreißig Seiten. Schreibmaschine. Die Blätter waren stark angegilbt und wiesen Stockflecken auf.
»Darf ich fragen, wie Sie ausgerechnet auf diesen Bericht kommen?« Augusta Elderson betrachtete die Mappe, so als handelte es sich dabei um ein unbekanntes Tier.
»Sagt Ihnen der Name Paul Symmes etwas?«, erwiderte Tubb. »Ende der 70er Jahre veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel Das Geheimnis der Hyperzivilisation. Er behauptete darin, dass es vor den Menschen eine hochentwickelte Zivilisation gegeben habe, die sich jedoch durch einen Atomkrieg selbst zerstörte. In seinem Buch verweist er auf verschiedene Quellen als Belege für seine Behauptungen. So unter anderem auch auf diesen Text hier.«
Mrs. Elderson nickte nachdenklich. »Paul Symmes«, redete sie vor sich hin. »Ich denke, so langsam geht mir wieder ein Licht auf. Ich sagte Ihnen doch vorhin, dass mich der Text an irgendeinen Zusammenhang erinnerte. Vielleicht hatte es mit Symmes zu tun.« Auf einmal weiteten sich ihre Augen. »Paul Symmes besuchte uns einmal. Das war es. Er wollte wissen, ob Ken den Bericht habe. Das war irgendwann in den 70ern. Damals besaß Ken den Text natürlich noch nicht. Erst 1988 kaufte er ihn von jemandem. Ken schien damals sehr aufgeregt zu sein. Er erinnerte sich noch sehr gut an Symmes’ Besuch, da dieser ihn diese mysteriöse Angelegenheit mit Schäfers Bericht geschildert hatte. Jemanden wie Ken ließ dies nicht los. Ein verschollener Reisebericht. Ken war Feuer und Flamme.«
»Dann kannten Sie Symmes persönlich?«, staunte Tubb. »Was war er für ein Mensch?«
»Nun, ich würde ihn als ein bisschen barsch bezeichnen. Hätte ich nicht gewusst, dass er Wissenschaftler war, dann hätte ich ihn für einen ungebildeten Rohling gehalten, der noch dazu etwas zu tief ins Glas blickte. Ein eigenartiger Mensch. Später las ich in der Zeitung, dass er die Universität wegen irgendwelcher Frauengeschichten verlassen musste. Irgendwie sah ihm das ähnlich. Jedenfalls überraschte mich die Nachricht nicht.«
»Und von wem erstand Ihr Mann Schäfers Text?«, fragte Tubb weiter.
Kens Witwe runzelte einmal mehr die Stirn. »Ich denke, es war ein privates Treffen mit irgendeiner Person. Jedenfalls kehrte Ken damals zurück mit einem Gesicht, als wäre er soeben dem Weihnachtsmann begegnet. Stolz zeigte er mir den Text. Er war schon damals in dieses Leder gebunden. Doch wer dieser Mann war, der ihm den Text verkauft hatte, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht.«
Tubb betrachtete gedankenverloren die schwarze Mappe.
»Noch etwas«, sagte Mrs. Elderson plötzlich. »Sie fragten mich vorhin, ob noch jemand nach Schäfers Bericht gefragt hat. In der Tat, Mr. Tubb. Vor ein paar Tagen rief mich ein Mann an, der wissen wollte, ob er den Text einsehen könne. Er sprach mit einem starken Akzent. An seinen Namen kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Das heißt, sein Vorname klang englisch, sein Nachname jedoch … Vielleicht irgendwie asiatisch. Möglicherweise Chinese.«
Tubb blickte auf. »Wieso fragte er danach? War er Historiker?«
Augusta Elderson schüttelte ihren Kopf. »Mir kam es eher so vor, als wollte mir der Mann ein Geschäft vorschlagen. Allerdings nannte er keinen Preis. Doch keine Angst. Ich werde Kens Schätze nicht verkaufen. Nach meinem Tod werden sich unsere Kinder weiter darum kümmern. Ein Familienerbe sozusagen.«
»Das ist nicht nur ein Familienerbe, was Ihr Mann zusammengetragen hat, Mrs. Elderson«, sagte Tubb. »Ich würde es sogar als Kulturerbe bezeichnen. Ich habe noch von keiner anderen Sammlung dieser Art gehört. – Mrs. Elderson, dürfte ich mich mit diesem Text für eine kurze Zeit zurückziehen? Es ist sehr wichtig für mich, über den genauen Inhalt des Berichts Bescheid zu wissen.«
»Aber natürlich, Mr. Tubb. Im Zimmer nebenan steht ein bequemer Lehnstuhl. Wenn Sie wollen, können Sie es sich darin gemütlich machen. Ich werde inzwischen noch etwas Kaffee kochen. Sie sehen aus, als könnten Sie noch einen benötigen.«
»Sehr freundlich von Ihnen, Mrs. Elderson.«
»Doch eine Frage noch, Mr. Tubb. Glauben Sie wirklich daran, was dieser sonderbare Mr. Symmes geschrieben hat?«
Tubb nickte. »Glauben Sie mir, Mrs. Elderson, Paul Symmes mag zwar ein merkwürdiger Mensch gewesen sein, doch seine Annahmen entsprechen der Wahrheit. Meine Mitarbeiter und ich sind auf bizarre Artefakte gestoßen, die kaum eine andere Schlussfolgerungen zu lassen.«
»Das klingt alles sehr phantastisch, Mr. Tubb«, erwiderte die alte Frau. »Ich weiß nicht, wie Ken diese ganze Geschichte aufgefasst hätte.«
»Höchstwahrscheinlich kannte Ihr Mann Symmes’ Theorie«, mutmaßte Tubb. »Vielleicht hat ihn gerade dieses Wissen dazu angetrieben, an Schäfers Bericht zu kommen.«
Mrs. Elderson blickte ihn zweifelnd an. »Wenn Ken sich mit einer Sache beschäftigte, dann mit einem unerhörten Feuereifer. Ich weiß nicht, ob sich Ken tatsächlich mit dieser Hyperzivilisation beschäftigte oder er wirklich nur an dem Bericht interessiert war.«
»Es könnte noch mehr sein«, wandte Tubb ein. »Paul Symmes’ Theorie zufolge, wäre es möglich, dass die Hyperzivilisation noch immer existiert. Und zwar im Inneren unserer Erde. Sie wissen vielleicht, dass Paul Symmes seit einigen Jahren spurlos verschwunden ist. Vielleicht ist er auch bereits tot. Doch wenn er mit Ihrem Mann über die Existenz der Hyperzivilisation gesprochen hat, könnte es nicht sein, dass Mr. Elderson nach Reiseberichten suchte, die mit dieser Zivilisation zusammenhingen?«
Der Zweifel in Augusta Eldersons Augen lichtete sich ein wenig. »Ich glaube, das wäre möglich. Aber beenden wir am besten unsere Vermutungen. Lesen Sie zunächst diesen Bericht und ich bringe Ihnen noch einen Kaffee.«
Damit traten beide aus dem Zimmer zurück in den Flur. Mrs. Elderson schaltete das Licht in dem angrenzenden Raum an, in dem sich nahe am Fenster ein alter Lehnstuhl befand. »Machen Sie es sich ruhig bequem, Mr. Tubb.«
»Sehr freundlich von Ihnen, Mrs. Elderson.«
Als sich Tubb setzte, knarrte der Stuhl gefährlich unter ihm. Er lehnte sich zurück und öffnete den Einband von Karl Schäfers Expeditionsbericht. Die ersten Seiten überflog er, da darin nur die mitreisenden Personen erwähnt wurden. Unter anderem war dabei auch die Rede von Bruce Dolan, einem Amerikaner, der zusammen mit Schäfer mehrere Expeditionen in das Himalajagebiet unternommen hatte. Tubb hatte Maki auf dessen Spur angesetzt, weswegen sie sich in diesen Minuten höchstwahrscheinlich mit Eleonora Mason traf, die angeblich eine Expertin in Sachen Dolan war. Am liebsten hätte er Hans mitgeschickt, doch der erholte sich in Deutschland noch immer von seiner Beinahetransformation.
Tubb überblätterte ein paar Seiten.
Plötzlich fiel ihm ein unterstrichenes Wort ins Auge.
»Shangri-La«, las Tubb laut vor. »Shangri-La?« Sein Puls steigerte sich auf einmal. Karl Schäfer und Bruce Dolan suchten nach dem sagenumwobenen Shangri-La?
Aufgeregt las Frederic Tubb weiter.
Bruce Dolan zeigte mir eine Ausgabe von James Hiltons Lost Horizon. ‚Ich habe mir das bereits ein paar Mal durchgelesen, Karl. Völliger Blödsinn. Nachdem, was wir bisher von den Einheimischen gehört haben, scheint dieser seltsame Ort alles andere als ein Ort des Friedens zu sein.’ Ich kannte das Buch nicht. Ich war überrascht, dass Bruce es überhaupt erwähnte. Schließlich jagten wir keinen Hirngespinsten hinterher. Wir waren hier, um den Ort, der von den Einheimischen als Shangri-La bezeichnet wird, zu entdecken.
Tubb kannte das Buch. Heute würde man den Roman als einen Bestseller bezeichnen. Erschienen 1933. Die Protagonisten werden mit einem Flugzeug entführt und gelangen nach einem Crash im Himalaja in eine seltsame Gegend, in der so etwas wie Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Doch was viel erstaunlicher war, bezog sich darauf, dass Bruce Dolan und Karl Schäfer ihre Expedition ausgerüstet hatten, um das sagenumwobene Shangri-La zu finden. Ein Ort, der im Grunde genommen nur in den Legenden der Einheimischen zu finden war. Wenn Paul Symmes nach diesem Text gesucht hatte, würde dies bedeuten, dass er davon überzeugt gewesen war, dass Shangri-La etwas mit der Hyperzivilisation zu tun hatte.
Tubb überflog die folgenden Seiten, die Landschaftstypen und Wetteränderungen schilderten. Erst gegen Ende der dreißig Seiten kam Schäfer auf das Thema Shangri-La zurück.
Erstaunlich! Mitten im Gebirge des Himalaja lag vor uns ein tiefes Tal. Ein Ort, der mir schier den Atem raubte. Alles war bedeckt mit Schnee. Doch aus diesen Schneemassen ragten gigantische Artefakte hervor. Manche von ihnen gezackt, andere spitzwinkelig wieder andere oval oder beinahe kugelförmig. Ihre Oberflächen bestanden aus einer Art Metall, dessen Farbskala von Schwarz bis Dunkelgrau reichte. Unsere Führer gingen keinen Schritt weiter. Aus ihnen war jedoch herauszubekommen, dass bereits ihre Väter und Vorvorväter von diesen Konstruktionen wussten. Die Reste einer vergangenen Superzivilisation.
Zum Schluss des Berichts stand, dass es Karl Schäfer und Bruce Dolan gelang, kleinere Stücke dieser rätselhaften Artefakte zurück nach Berlin zu transportieren. Sie kamen zur näheren Untersuchung ins Pergamonmuseum.
Tubb klappte die Mappe zu. Überreste der Hyperzivilisation befanden sich in Deutschland. Er musste eine Möglichkeit bekommen, um sich diese anzusehen. Er glaubte nicht, dass sie einfach unter den Exponaten zu finden waren. Fremdartige Stücke wurden in der Regel zurückbehalten und von so vielen Forschern untersucht, bis sich entweder jeder seine eigene Meinung gebildet hatte oder sie zu einer kleinen Übereinkunft gekommen waren, um was es sich dabei handeln konnte. In der Regel spielten dabei mehr Machtfaktoren als Verstand eine Rolle.
Der weiche Ton der Türglocke hallte zu ihm hinauf.
Im selben Moment hörte das Scheppern in der Küche auf. Augusta Elderson schlurfte durch die Diele, wobei er sie sagen hörte: »Wer das wohl sein mag?«
Er vernahm, wie sie die Tür öffnete.
Danach herrschte eine gespenstische Stille.
3
Maki trat einen Schritt zurück. »Was wollen Sie von mir?«
Die beiden Männer versuchten erst gar nicht, freundlich zu sein. »Sie sollen mitkommen. Das ist, was wir wollen«, sagte der Linke. Seine platte Nase sowie sein kantiges Kinn verliehen ihm das Aussehen eines Preisboxers. Er ragte mehr als zwei Köpfe über Maki empor. Sein Kollege, der rechts von Maki stand, machte einen etwas anderen Eindruck. Seine rauen Gesichtszüge und seine schmale Statur stempelten ihn als Kleinganoven ab. Aus seinen Augen strahlte eine unbeschreibliche Kälte. Sein Mund glich einer dünnen Bleistiftlinie auf einem Blatt Papier. Als er sein Jackett kurz zur Seite schob, erkannte sie eine Pistole, die in einem Schulterhalfter steckte.
»Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind«, erwiderte Maki. Sie spürte, wie sich ihre Muskeln vor Anspannung verkrampften.
»Das ist auch nicht von Interesse«, gab der rechte Mann zurück. »Sie sollen einfach mit uns kommen. Der Rest ergibt sich dann von ganz alleine.«
Maki machte einen weiteren Schritt zurück. »Saßen Sie vorhin in diesem Lokal?«
Der schmale Mann zuckte mit den Schultern. »Und wenn es so wäre?«
»Dann hat es etwa mit der Sache zu tun, über die Mrs. Mason gesprochen hat?«
»Das ist uns völlig egal«, fuhr sie der Boxertyp an. »Halten Sie keine langen Reden. Mein Kumpel und ich sind nicht sonderlich geduldig.«
»Ich komme nicht mit«, sagte Maki, drehte sich um und ging ein paar Schritte. Als sie zurückschaute, stellte sie fest, dass die beiden Männer ihr folgten. Sie erhöhte ihr Schritttempo. Auf dem Gehsteig befanden sich kaum andere Personen. Sie wagte erneut einen Blick zurück. Die beiden Männer hatten die Verfolgung nicht aufgegeben. Wieso ergriffen sie sie nicht einfach und zerrten sie weg? Das wäre für sie viel einfacher gewesen, als ihr nur zu folgen. Natürlich hätte dies auf einer offenen Straße wie hier etwas Aufsehen erregt. Vielleicht warteten die beiden Typen lieber einen Zeitpunkt ab, der sich für ihr Vorhaben besser eignete.
Auf der Straße neben dem Gehsteig strömte der abendliche Verkehr vorbei. Ein Taxi, fuhr es ihr in den Sinn. Wenn sie nicht sofort von hier wegkam, würden sie ihre beiden Verfolger doch noch schnappen.
Maki ging noch schneller. Schließlich hielt sie es nicht mehr länger aus und begann, zu rennen.
»Verdammt, sie haut ab!«, rief der linke Mann.
»Dann schnapp sie dir endlich, du Vollidiot!«
Sofort holten sie stampfende Schritte ein. Eine Hand packte Maki am rechten Arm und riss sie herum. Sie stolperte und fiel zu Boden.
Der Boxertyp grinste höhnisch auf sie herab. »Nicht so hastig, Täubchen. Es ist besser, wenn wir das Spiel jetzt beenden.«
Maki erhob sich langsam und griff dabei in die Innentasche ihrer Jacke. »Das glaube ich auch.« Sie zog eine kleine Sprühdose hervor und hielt sie dem Mann direkt vor die Augen. »Ich befürchte, das wird jetzt ein klein wenig weh tun.« Damit drückte sie den Sprühkopf hinunter.
Sofort schrie der Mann auf, krümmte sich und bedeckte seine Augen mit seinen Pranken. »Verdammt, ich sehe nichts mehr!«
Die Passanten gingen hastig an ihr vorbei. Maki wusste, dass es heutzutage nicht einmal mehr etwas nutzte, Feuer zu schreien, wenn man sich in Bedrängnis befand. Eine Bekannte hatte ihr einmal erzählt, dass dies keine Hilfe, sondern nur einen Haufen Gaffer anlockte.
Der schmale Mann kam vorsichtig näher. »Smithers, du Idiot! Was soll das?«
Smithers gab ein unverständliches Wimmern von sich.
Mit seiner rechten Hand griff der Mann nach seiner Pistole. Seine kalten Augen richteten sich auf Maki. »Keinen Schritt weiter, sonst haben sie ein Loch in ihrer hübschen Stirn.«
Maki kümmerte sich nicht darum. Sie machte kehrt und lief weiter. Er würde es nicht wagen, in aller Öffentlichkeit herumzuballern.
Als ein Schuss knallte, wäre sie vor Schreck beinahe zu Boden gestürzt. Ein paar der Fußgänger brachten sich schreiend in Sicherheit. Während Smithers am Boden kauerte und sich noch immer die Augen zuhielt, stand der andere Mann mitten auf dem Fußweg und zielte mit seiner Pistole direkt auf Maki. »Ich sagte, stehen bleiben!«
Wieso gab es hier eigentlich keine Polizei? »Ich dachte, ich soll mit Ihnen kommen«, antwortete sie. »Wieso wollen Sie mich dann erschießen?«
»Ob Sie leben oder tot sind, ist mir völlig egal.«
»Aber bestimmt nicht Ihrem Auftraggeber.«
Der Mann zeigte für einen Augenblick etwas Unsicherheit. Er ließ die Pistole sinken.
Maki nutzte die Chance und sprang auf die Straße. Lautes Gehupe und quietschende Reifen waren die Folge. Sie zwängte sich zwischen den Autos hindurch, gefolgt von Flüchen und lautem Hupen. Gelegentlich folgte auch ein zweideutiger Pfiff.
»Bleiben Sie stehen!«, hörte sie ihren Verfolger schreien.
Vor ihr kam ein gelbes Taxi quietschend zum Stehen. Ohne einen weiteren Gedanken zu verlieren, riss sie die Beifahrertür auf und warf sich hinein. »Fahren Sie los!«
Am Steuer saß ein Inder, der in seiner Landessprache verzweifelt auf sie einredete. Erst jetzt merkte sie, dass hinter ihr ein eng umschlungenes Pärchen saß. »Egal, fahren Sie einfach!«
Der Mann aber sprach weiterhin auf sie ein und fuchtelte dabei energisch mit seinen Händen. Plötzlich hielt er inne, ergriff das Lenkrad und fuhr los.
Maki bemerkte erst jetzt, dass ihr Verfolger direkt neben dem Wagen stand, die Pistole noch immer in seiner Hand. Durch die Heckscheibe sah sie den Mann verschwinden.
Das Taxi hielt vor dem Hotel.
Maki stieg aus und deutete auf das Pärchen, das noch immer knutschend auf der Rückbank saß. Keiner von denen hatte auch nur irgendetwas bemerkt. »Die beiden zahlen«, sagte sie und warf die Tür zu. Daraufhin eilte sie zum Eingang.
Wenn sich John Arnold irgendwo befand, dann bestimmt in der Bar. Vielleicht war Frederic Tubb auch schon zurück. Besonders ihm würde sie die Leviten lesen. Was sollte das, sie in eine solch heikle Lage zu schicken? Wenn jedenfalls Hans dabei gewesen wäre. Doch dieser Faulsack ließ sich wahrscheinlich gerade von seiner Mutter das Mittagessen auftischen.
Wie sie es erwartet hatte, saß Arnold auf einem Barhocker und leerte gerade ein Glas Whiskey. Maki konnte John Arnold nicht wirklich leiden. Er besaß eine unangenehme Aura, die nicht allein davon kam, dass er zu viel trank und sich das Rauchen nicht abgewöhnen konnte. Sie mochte seine zynische Art nicht. Manchmal kam es ihr so vor, als würde er Menschen regelrecht verachten. Sie konnte sich nicht vorstellen, wodurch er diese Lebenseinstellung erhalten hatte. Vielleicht wurde man so, wenn man zu lange beim CIA gearbeitet hatte. Was noch hinzukam, hing mit seiner leicht sexistischen Art zusammen. Er hatte sie zwar noch nie angemacht, dennoch fühlte sie sich manchmal allein durch seine Anwesenheit bedrängt. Der Ausdruck in seinen Augen besaß gelegentlich eine Art, die sie in Verlegenheit brachte.
Sie setzte sich neben ihn.
Sein in sich gekehrter Ausdruck machte einer überraschten Miene platz. »Schon wieder zurück?«
Maki schlug verärgert auf den Tresen. »Was heißt hier schon zurück? Zwei Kerle wollten mich entführen. Ich hab es gerade noch hierher geschafft.«
Der Barkeeper kam an ihren Platz. »Ich muss Sie bitten, etwas leiser zu sein. Wollen Sie etwas trinken?«
»Einen Kaffee«, fauchte sie.
Der Mann wich erschrocken zurück. »Ihre Freundin?«, wandte er sich an Arnold.
»Zum Glück nicht«, erwiderte dieser.
Der Barkeeper zuckte mit den Schultern und ging zur Kaffeemaschine.
»Über was reden Sie überhaupt?«
»Über was ich hier rede? Darüber, dass ich zu erst in irgendeinem skurrilen Lokal einer durchgeknallten Archivarin begegnet bin und danach vor zwei Männern fliehen musste. Und falls Ihnen das noch immer nicht genug ist: Einer von denen hat sogar auf mich geschossen!«
Der Barkeeper stellte den Kaffee vor sie hin. »Geht aufs Haus. Aber seien Sie nun bitte etwas leiser.«
Maki machte mit ihrer linken Hand eine wegwerfende Geste.
John Arnold schob sein Glas von sich. »Für mich noch einen Whiskey.«
»Sie hatten bereits drei, Sir.«
»Sind Sie meine Mutter?«
Der Barkeeper seufzte und schenkte erneut ein.
»Ich darf hier drinnen nicht mal rauchen«, murrte Arnold.
»Die Regeln bestimme nicht ich, Sir«, erwiderte der Mann und schob ihm das Glas zurück. »Und jetzt entschuldigen Sie mich.« Damit machte er kehrt und versuchte, zu ihnen so viel Abstand wie möglich zu halten.
»Also nochmals von vorne«, fuhr Arnold fort. »Was genau ist Ihnen passiert?«
Als Maki die Tasse anhob, um einen Schluck daraus zu trinken, zitterte ihre Hand so stark, dass sie den Kaffee verschüttete. »Tubb gab mir den Auftrag, Eleonora Mason aufzusuchen. Das wissen Sie doch bereits. Eine verrückte alte Schraube. Auf jeden Fall spielte sie darauf an, dass Ihre Telefonleitung abgehört wird.«
Arnold zuckte mit den Achseln. »Aber Sie trafen Sie doch. Was hat das mit Ihrem Telefon zu tun?«
Maki schlug erneut auf den Tresen. »Ich hab sie von England aus angerufen, um einen Termin zu vereinbaren. Jetzt kapiert?«
Arnold nickte. »Verstanden.«
»Sie weiß über Bruce Dolan bescheit. Das heißt eigentlich über Bruce Dolan II. Sie sagte, dass fast alle seine Berichte als streng geheim eingestuft sind. Für mich heißt das, dass Paul Symmes wohl keinen über den Durst getrunken hat, als er Dolans Expeditionen nach Tibet in den Zusammenhang mit der Hyperzivilisation gebracht hat.«
»Klingt vernünftig. Und was hat das alles jetzt mit den beiden Männern zu tun?«
»Die beiden Typen warteten auf mich vor diesem dämlichen Lokal. Zuvor erwähnte Mrs. Mason noch, dass wir beobachtet werden. Sie forderten mich auf, mit ihnen zu kommen. Glauben Sie, dass diese Kerle etwas mit der ganzen Sache zu tun haben könnten?«
John Arnold drehte sein Glas in den Händen. »Wer sollte sich für die Hyperzivilisation so sehr interessieren, dass er Gewalt anwendet, um an Informationen zu kommen?«
»Das weiß ich doch nicht«, fuhr Maki ihn an. Sie trank einen weiteren Schluck und blickte zum Ausgang. Vor Schreck hätte sie beinahe die Tasse fallen gelassen. In der Lobby standen Smithers und der Mann, der auf sie geschossen hatte. Sie gingen direkt auf die Hotelbar zu.
Abrupt fuhr Maki herum und umarmte Arnold.
»Hey, Moment mal! Was ist jetzt wieder in Sie gefahren?«
»Die beiden Männer«, flüsterte Maki. »Sie stehen vor der Bar. Tun Sie so, als würden Sie mich küssen. – Ich habe gesagt, Sie sollen nur so tun!«
4
Tubb hörte die Stufen knarren.
Jemand schlich in den ersten Stock.
Er stellte sich hinter die Tür und wartete ab.
Die Person schien genau zu wissen, nach was sie suchte. Die Schritte näherten sich dem Zimmer, in dem sich die Dokumente befanden.
Tubb hielt den Atem an. Durch den schmalen Spalt zwischen Tür und Angel erkannte er einen asiatisch aussehenden Mann. Er trug eine schwarze Hose sowie eine schwarze Lederjacke. In seiner rechten Hand hielt er eine Pistole, deren Lauf durch einen Schalldämpfer verlängert wurde. Tubb durchfuhr es wie ein Stromschlag. Hatte der Unbekannte etwa Mrs. Elderson erschossen?
Der Mann zögerte.
Als er über die Schwelle trat, warf Tubb mit aller Kraft die Tür zu. Der Mann war auf diese unerwartete Attacke nicht vorbereitet. Die Tür knallte gegen ihn, sodass er verblüfft zurückstolperte und gegen das Treppengeländer stieß.
Im selben Moment schnellte Frederic Tubb aus seinem Versteck hervor und warf sich auf seinen Gegner. Doch dieser erwies sich nun als besser gewappnet. Er sprang zur Seite, sodass Tubb in die Luft griff und gegen das Geländer stolperte.
Ein spöttisches Lachen folgte Tubbs erfolgloser Aktion. »Ist das alles, was Sie zu bieten haben, Mr. Tubb?«
»Sie kennen mich?«
»Sagen wir lieber, ich kannte Sie.« Er richtete den Lauf seiner Pistole auf ihn und drückte ab.
Reflexartig hob Tubb den Reisebericht wie ein Schild vor sich. Im Grunde genommen eine völlig nutzlose Geste. Die Kugel würde durchgehen als wäre es ein Stück Butter.
Er spürte einen Schlag gegen das Dokument.
Der Mann fiel zu Boden.
Tubb begutachtete ungläubig die Person, die gerade auf ihn geschossen hatte und nun selbst leblos am Boden lag. Daraufhin schaute er auf den Umschlag des Dokuments. In der Mitte bemerkte er eine kleine Delle. Hier war wohl die Kugel aufgetroffen. Aber aus welchem Grund hatte sie die paar Seiten nicht einfach durchschlagen? Er betrachtete den Umschlag genauer und strich mit der Handfläche über die Oberfläche. Ob es sich hier wirklich um Leder handelte? Aus was dieses Material auch immer bestand, es hatte ihm auf jeden Fall das Leben gerettet.
Tubb kniete sich neben die Leiche. Die Kugel hatte den Fremden direkt ins Herz getroffen. So wie es aussah, war sie von dem Umschlag abgeprallt und zurück auf den Eindringling geschossen. Er durchsuchte die Taschen des Mannes. In seiner Jacke befand sich ein Führerschein, der auf den Namen Charles Peng ausgestellt war.
»Na, das trifft den Nagel mal wieder auf den Kopf.«
Mehr war über ihn nicht herauszubekommen.
Aus dem Erdgeschoss drang ein benommenes Stöhnen.
»Mrs. Elderson!« Tubb stand auf und lief die Treppe hinunter. Die alte Frau lag im Vorraum. Auf ihrer Stirn prangte ein großer, dunkler Fleck. Charles Peng hatte ihr anscheinend eines mit seiner Pistole übergezogen.
»Mrs. Elderson, können Sie mich verstehen?«
Die Frau öffnete kurz ihre Augen. »Dieser Mann hat mich einfach überfallen.«
Tubb griff ihr unter die Schultern und zog sie durch die Diele ins Wohnzimmer, wo er sie auf die Couch legte. »Ich rufe Ihnen einen Arzt.«
»Dieser Mann …«, ächzte Mrs. Elderson.
»Ich befürchte, er ist tot.« Tubb griff nach dem Telefon und wählte den Notruf. Nachdem er das erledigt hatte, schaute er nochmals nach Ken Eldersons Witwe. »Ich muss jetzt los. Es ist besser, wenn mich die Polizei hier nicht erwischt. Schäfers Bericht nehme ich lieber mit. Ich glaube, es steckt mehr dahinter, als wir alle glauben.« Damit eilte er aus dem Haus hinaus auf die Straße.
Er musste so schnell wie möglich John Arnold von seiner Entdeckung berichten. Ihre Nachforschung der Hinweise von Paul Symmes zur Hyperzivilisation begann, in eine seltsame Richtung zu steuern. Wer konnte ein so großes Interesse an diesen Belegen haben, dass er über Leichen ging, um in ihren Besitz zu gelangen? Niemand konnte mit den technischen Errungenschaften dieser geheimnisvollen Zivilisation etwas anfangen, da deren Funktionsweisen nicht nachvollzogen werden konnten. Noch immer rätselten die Experten der LOGE über die Technologie jener gigantischen Greifarme, von denen einer in Kambodscha außer Gefecht gesetzt worden war. Dasselbe galt für die bizarre Lichtkugel in Seoul und erst recht für Point Zero, ein monströses Gebilde in Form eines Wirbelstrums. Dessen Einzelteile befanden sich nun in unerreichbarer Tiefe des Pazifischen Ozeans. Schließlich noch dieser sonderbare Umschlag, der Karl Schäfers Bericht umgab. Das Material musste sofort in die Zentrale der LIGA gebracht werden, um es einer Untersuchung zu unterziehen.
Die Geräusche von herannahenden Polizei- und Krankenwagensirenen lösten ihn aus seinen Gedanken. Doch gab es da noch etwas anderes. Parallel zu Tubb fuhr auf der Straße eine schwarze Limousine im gemächlichen Schritttempo. Aufgrund ihres leisen Motors hatte er sie zunächst gar nicht wahrgenommen.
Die getönte Scheibe des Rückfensters fuhr summend herunter.
Tubb blickte in das grinsende Gesicht eines Mannes, das halb asiatische, halb europäische Züge aufwies. »Einen schönen Guten Abend, Mr. Tubb.«
»Was wollen Sie? Und woher wissen Sie, wer ich bin?« Tubb hatte keine Lust, stehen zu bleiben, um mit dieser fremden Person ein Pläuschchen abzuhalten. Er ging weiter, während die Sirenen lauter wurden. Zum Glück befand er sich bereits mehrere Häuser von Eldersons Privatbibliothek entfernt.
»Sie sind Professor Frederic Tubb, Experte für außergewöhnliche Phänomene und Artefakte. Ich habe viele Ihrer bemerkenswerten Artikel gelesen. Sie teilen die Forschungswelt in genau zwei Teile. Die einen bewundern Ihre Erkenntnisse, die anderen halten Sie für einen Spinner. Wenn Sie wissen wollen, zu welcher Sorte ich gehöre, so kann ich Sie beruhigen. Ich gehöre eindeutig zu Ihren Bewunderern.«
»Soll ich mich jetzt darüber freuen? Sie haben mir noch immer nicht gesagt, wie Sie heißen.«
Das Grinsen des Mannes wurde breiter. »Finden Sie nicht auch, dass unser Gespräch in einer etwas ungemütlichen Art und Weise stattfindet? Setzen Sie sich doch in meinen Wagen. Mein Cheuffeur bringt Sie zu Ihrem Hotel.«
Tubb blieb für einen Augenblick stehen. »Lieben Sie es, mir nachzuspionieren? Auf Ihr Angebot verzichte ich gerne.«
»Wie Sie wollen. Mein Name ist Victor Leng. Wenn Sie Genaueres über mich erfahren wollen, dann sehen Sie auf Wikipedia nach. Um es kurz zu machen, mich interessiert Ihre Arbeit.«
Tubb setzte seinen Spaziergang fort. »Und deswegen schicken Sie mir einen Killer auf die Fersen?«
Leng lachte. »Charles Peng ist leider manchmal unberechenbar. Was ist mit ihm überhaupt geschehen?«
»Er liegt tot in Ken Eldersons Privatbibliothek. Man könnte sagen, er hat sich selbst eine Kugel verpasst.«
Neben der Limousine rauschten zwei Polizeiautos und ein Sanitäter vorbei. Das Blaulicht spiegelte sich auf dem schwarzen Dach des Autos wider.
»Das war gerade sein Empfangskomitee«, fügte Tubb hinzu.
Leng schien einen Moment nachzudenken. Schließlich sagte er: »Dann wissen Sie sicherlich schon, was ich gerne haben möchte.«
»Karl Schäfers Bericht. Wieso interessieren Sie sich überhaupt dafür? Sind Sie Tibetforscher?«
»Aus welchem Grund hegen Sie denn ein so großes Interesse daran, Mr. Tubb? Und wieso traf sich Ihre überaus hübsche Assistentin mit Eleonora Mason?«
Tubb blieb erneut stehen. Victor Lengs Anspielung auf Maki ging nun doch zu weit. Er hatte keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass sie sich in Gefahr begeben könnte, indem sie einer alten Archivarin ein paar Fragen stellte. Verärgert trat er auf die Limousine zu.
»Sie wollen also doch einsteigen?«, fragte Leng.
»Aus welchem Grund spionieren Sie meiner Assistentin nach? Sagen Sie endlich, was Sie wollen!«
Victor Leng machte Anstalten, die Tür zu öffnen. »Fahren wir eine Runde.«
Tubb schlug die Tür vor Lengs Nase wieder zu. »Suchen Sie sich jemand anderen für Ihre Gesellschaft. Ich habe Ihnen eine Frage gestellt.«
Leng verzog leicht seine Miene, setzte jedoch schnell wieder sein fassadengleiches Lächeln auf. »Ihrer hübschen Mitarbeiterin ist nichts geschehen, wenn Sie das glauben. Vielleicht sollte ich sagen, noch nicht. Es kommt darauf an, was ich von Ihnen erwarten kann. Es geht um Paul Symmes’ Erkenntnisse, Mr. Tubb. Der Bericht, den Sie bei sich tragen, spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Es gab drei Expeditionen nach Tibet, die Bruce Dolan und Karl Schäfer gemeinsam meisterten. Wieso nach Tibet, Mr. Tubb? Was gab es dort zu entdecken? Ich brauche einen Plan. Ich will sehen, was Sie gefunden haben. Und ich will diesen Bericht. Nachdem Charles seine Aufgabe versiebt hat, schlage ich Ihnen ein Geschäft vor. Wie wäre es mit zwei Millionen Dollar? Sie sehen, ich bin in erster Linie Geschäftsmann, auch wenn sich das Manuskript gerade in meiner Greifnähe befindet. Wie Sie bereits wissen, könnte ich jederzeit mit völlig anderen Methoden aufwarten, um Ihnen das Werk abzunehmen.«
»Der Text ist leider unverkäuflich, Mr. Leng«, erwiderte Tubb gelassen. Der genannte Geldbetrag ließ ihn völlig kalt.
»Ich erhöhe mein Angebot auf fünf Millionen Dollar, Mr. Tubb«, ließ der Mann in der Limousine nicht locker. »Fünf Millionen. Wissen Sie überhaupt, was das bedeutet?«
»Für Sie anscheinend nicht sehr viel. Sonst würden Sie mir den Betrag nicht so ohne Weiteres anbieten.«
Leng lachte trocken. »In gewisser Weise haben Sie nicht unrecht, Mr. Tubb. Überlegen Sie es sich noch einmal.«
»Da gibt es nichts zu überlegen.«
Der Mann nickte. »Wir sehen uns.« Darauf fuhr die getönte Scheibe in die Höhe. Die Limousine setzte sich geräuschlos in Bewegung.
5
John Arnold beobachtete die beiden Männer, während er so tat, als würde er Maki am Ohrläppchen knabbern. Das letzte Mal, als er sich in einer solchen Situation befand, hatte ihn seine Frau erwischt, die sich kurz darauf von ihm scheiden ließ. Damals hatte es mit wahrer Leidenschaft zu tun gehabt. Seine Sekretärin war eine richtige Wildkatze gewesen. Diesmal hatte er jedoch einen Job zu erledigen. Daher empfand er Makis Umklammerung alles andere als angenehm, auch wenn ihm ihr Parfum schier den Atem raubte. Im Gegenteil, sie hing wie ein schweres Gewicht an seinem Nacken, sodass er ständig gegenhalten musste, damit beide nicht von den Barhockern fielen.
Die beiden Männer standen am Eingang der Bar und ließen ihre Blicke über die Gäste schweifen.
Arnold und Maki waren die Einzigen, die am Tresen saßen.
Beide Männer sahen zwar aus, als wäre Intelligenz für sie ein Fremdwort, doch hätten sie zusätzlich auch noch blind sein müssen, um Maki Asakawa nicht zu entdecken.
»Sind sie weg?«, flüsterte Maki.
»Noch nicht.«
Der große, überaus kräftige Mann starrte zweifelnd in ihre Richtung. Seine Augen fielen durch ihre starke Rötung auf. Er setzte gerade an, in ihre Richtung zu gehen, als er von seinem dünnen Kollegen am Arm festgehalten wurde.
Zunächst konnte Arnold mit dieser Geste nichts anfangen. Der Hüne hatte Maki Asakawa mit Sicherheit erkannt. Wieso hielt ihn dann der andere zurück? Die Angelegenheit klärte sich auf, als der dünne Mann ein Handy aus seiner Hosentasche zog. Das Display leuchtete. Er hielt das Handy an sein Ohr und schien seinem Ausdruck nach jemandem zu zuhören. Kurz darauf steckte er es wieder zurück. Er klopfte dem kräftigen Mann auf die Schulter und deutete mit einem Kopfnicken an, ihm zu folgen. Wenige Augenblicke später hatten beide die Bar wieder verlassen.
John Arnold drückte Maki von sich. »Sie sind wieder gegangen.«
Maki schaute zum Ausgang. »Haben Sie mich erkannt?«
»Der Große scheint Sie erkannt zu haben. Er wollte auf Sie zugehen, doch sein Kollege hielt ihn zurück.«
»Der Riese heißt Smithers.«
»Jedenfalls sind sie jetzt verschwunden.«
Frederic Tubb eilte durch den Hoteleingang, wobei er beinahe mit zwei Männern zusammenstieß, die soeben das Hotel verließen. Er lief durch die Lobby und ereichte schließlich die Bar. Maki und John Arnold saßen an der Theke. Ohne weiter Zeit zu verlieren, setzte er sich zu ihnen und sagte: »Ich brauche einen Computer.«
»Gegenüber gibt es ein Internetcafé«, teilte ihm der Barkeeper mit.
»Sie sehen aus, als könnten Sie einen Drink vertragen«, meinte Arnold. »Zumindest klingt es so, als hätten Sie etwas herausbekommen.«
»Victor Leng«, erwiderte Tubb. »Schon einmal gehört?«
John Arnold überlegte, zuckte dann aber mit den Schultern. »Wer soll das sein?«
»Ein Typ, der es auf Karl Schäfers Bericht abgesehen hat.« Er schob den Text über den Tresen zu Arnold. »Der Umschlag hat mir übrigens das Leben gerettet.«
John Arnold strich mit seiner Handfläche über die raue Oberfläche. »Sie wollen mich wohl hinters Licht führen?«
»Sehen Sie die Delle in der Mitte?«
Arnold bemerkte tatsächlich eine winzige Mulde.
»Jemand hat auf mich geschossen. Ein Typ namens Charles Peng. Die Kugel prallte von dem Umschlag ab und traf ihn mitten ins Herz.«
»Glück gehabt«, meinte Maki. Doch irgendwie klang sie dabei recht wenig begeistert. »Wer hat schon einen Umschlag, der ihm das Leben rettet? - Und danke, dass du gefragt hast, was ich herausbekommen habe. Muss ja extrem wichtig für dich sein. Nur falls es dich interessiert, ich wurde von zwei seltsamen Typen bis hierher verfolgt. Sie wollten mich kidnappen.«
»Eleonora Mason«, schoss es Tubb durch den Kopf. »Tut mir leid, Maki, ich habe das fast vergessen. Immerhin wäre ich beinahe erschossen worden.«
»Den Grund würde ich gelten lassen«, pflichtete Arnold ihm bei.
Maki zuckte mit ihren Achseln. »Also gut, nur dieses eine Mal.«
»Und was hat Mrs. Mason dir erzählt?«, fragte Tubb.
Nach kurzem Zögern berichtete Maki, dass Bruce Dolans Expeditionsberichte bis heute der höchsten Geheimhaltungsstufe unterlagen. Sie erwähnte auch den eigentlichen Grund der Reisen nach Tibet. »Funksignale, die bis heute niemand entschlüsseln konnte.«
Frederic Tubb sah an Maki vorbei auf Arnold. »Sie haben doch die besten Kontakte zum CIA. Können Sie etwas über die Angelegenheit in Erfahrung bringen?«
»Dinge dieser Art, also mögliche außerirdische Leichen, Berichte über fremde Funksignale, also alles, was auf außergewöhnliche militärische Bedrohungen schließen lässt, lagern im Keller des Weißes Hauses. Als Mitglied der LOGE habe ich keinen Zutritt. Obama weiß nicht einmal, dass es unsere Sondereinheit gibt. Wenn ich denen erklären würde, weshalb ich nähere Informationen benötige, wäre unser Gespräch hier an der Bar das letzte, das wir für sehr lange Zeit führen würden. Höchste Geheimhaltungsstufe heißt, dass jeder, der auch nur eine Brise davon schnuppert, jahrelang irgendwo verschwindet.«
»Dann müssen wir Plan B durchführen«, erwiderte Tubb.
»Plan B? Ich wusste nicht einmal, dass wir überhaupt einen Plan haben.«
»Von der Zentrale in London aus müssen sich Ihre Spezialisten in die digitalisierten Archive einloggen. Ich nehme an, dass inzwischen die meisten Berichte und Fotos ungewöhnlicher Ereignisse und Dinge auf irgendeinem Server des CIA ruhen.«
»Vielleicht befindet sich ja ein Link dazu auf Obamas Homepage«, kicherte Arnold.
»Aber wieso plötzlich Victor Leng? Was möchte er?«, fragte Maki.
Tubb rieb sich das Kinn. »Ich hatte keine Ahnung, dass jemand, der von Wissenschaft keine Ahnung hat, sich überhaupt für die Hyperzivilisation interessieren könnte. Ich weiß nicht, was er mit den erhofften Informationen vorhat. Er möchte jedenfalls unbedingt in den Besitz von Schäfers Bericht kommen. Vor einer halben Stunde bot er mir fünf Millionen Dollar dafür an.«
»Fünf Millionen!«, rief John Arnold. »Jetzt sagen Sie mir bloß nicht, dass Sie abgelehnt haben.«
»Wieso hätte ich annehmen sollen? Geld spielt keine Rolle.«
»Für Sie vielleicht nicht«, sagte Arnold.
Maki seufzte. »Sollen wir jetzt weiter über Geld reden oder uns endlich über diesen Leng schlaumachen?«
»Gehen wir lieber, bevor sich Arnolds Pupillen in Dollarzeichen verwandeln.«
Das Internetcafé war zu diesem Zeitpunkt kaum besetzt. Tubb, Arnold und Maki wählten einen Computer in einer der hinteren Ecken.
»Wikipedia?« staunte John Arnold. »Wieso rufen Sie Wikipedia auf?«
Tubb tippte den Namen Victor Leng ein. »Das war sein Tipp gewesen.«
Arnold strich sich über die Stirn. »Ein Gangster, der Ihnen sagt, Sie sollen seinen Namen auf Wikipedia nachschlagen?«
»Jetzt lassen Sie ihn doch erst mal«, verteidigte Maki ihren Chef. »Sie würden wahrscheinlich auf irgendwelchen Schmuddelseiten nachschauen.«
Arnold wollte etwas erwidern, doch im selben Moment sagte Tubb: »Hier steht tatsächlich etwas.«
»Victor Leng, geboren neunzehnhundertdreiundsechzig in Hongkong«, las Maki vor. »Seine Mutter war eine ehemalige chinesische Zirkusakrobatin namens Mei Leng, die ihr Geld nun mit Malen verdiente, sein Vater ein englischer Börsenhändler namens Wilkie Dickson. Beide lernten sich in Monte Carlo kennen. Später nahm Victor den Nachnamen seiner Mutter an, da er seinen Vater nicht leiden konnte. Trotzdem erbte er einen beträchtlichen Teil des Vermögens, nachdem sein Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Er studierte asiatische Geschichte sowie Kolonialgeschichte. Über seine derzeitige Tätigkeit ist nur so viel bekannt: Er soll in regelmäßigen Abständen Forschungsreisen und archäologische Ausgrabungen mitfinanzieren. Außerdem geht das Gerücht um, dass er an dem chinesischen Konzern CAF beteiligt sein soll, der seit wenigen Jahren verstärkt in afrikanischen Ländern wie Angola, Zimbabwe und dem Sudan investiert.«
»Was sagen Sie dazu, Arnold?«, fragte Tubb.
Arnold runzelte die Stirn. »Was hier nicht erwähnt wird, ist, dass es Gerüchte gibt, hinter dem Konzern CAF könne der chinesische Geheimdienst stecken.«
»Dann ist Leng ein Agent?«, staunte Maki.
»Soweit würde ich erst einmal nicht gehen«, erwiderte Arnold. »Aber er scheint auf jeden Fall ein hohes Tier zu sein, das ein paar Strippen hinter den Kulissen zieht.«
»Hier steht noch etwas«, bemerkte Maki. »In den oben genannten Ländern unterstützt Leng auch Ausgrabungen chinesischer Archäologen der Peking Universität.«
»Merkwürdig«, meinte Tubb. »Die drei Länder erwähnt auch Paul Symmes. Er behauptete, dass man dort durchaus noch Reste der Hyperzivilisation entdecken könne. Er bezeichnet sie als prähumane Siedlungsgebiete.«
»Und genau dort sitzen nun Niederlassung von CAF und es werden Ausgrabungen getätigt«, sagte Arnold.
»Dann weiß also Leng über die Hyperzivilisation Bescheid«, mutmaßte Maki. »Aber aus welchem Grund verhält er sich dann wie ein Krimineller? Er hätte dir doch genau so gut eine Zusammenarbeit vorschlagen können.«
»Die Frage werden wir wohl oder übel bald lösen müssen«, erwiderte Tubb. »Ich befürchte, Leng wird uns so lange auf den Fersen bleiben, bis wir ihm geben, was er möchte.«
Maki schaute wieder auf den Bildschirm. »Zum Schluss gibt es noch einen kleinen Abschnitt. In China ist Victor Leng unter Historikern bekannt, als auch umstritten, da er gelegentlich Theorien publiziert, die auf seltsamen Behauptungen beruhen. Diese besagen nämlich, dass es vor dem Menschen bereits eine hoch entwickelte Zivilisation gegeben habe. Gelegentlich erscheinen seine Artikel in chinesischen Fachmagazinen. - Das klingt, als würde da jemand von dir abschreiben. - Erst vor Kurzem erregte er unter Kulturwissenschaftlern und Historikern Aufsehen, da er behauptete, der mystische Ort Shangri-La sei kein Hirngespinst, sondern würde tatsächlich existieren.«
»Shangri-La«, prustete Arnold. »In den 70ern sehnte sich jeder Hippie, der sich selbst einen Joint drehen konnte, nach Shangri-La. Der Ort der Erleuchtung.«
Tubb war gar nicht zum Lachen zumute. Er schlug den Bericht Karl Schäfers auf und blätterte kurz darin herum. Als er fand, was er gesucht hatte, hielt er John Arnold den Text direkt vor die Nase. »Vorletzte Zeile auf der rechten Seite.«
»Ist das so etwas wie ein Sehtest?«
»Lesen Sie einfach.«
Das Grinsen auf Arnolds Gesicht verschwand augenblicklich. »Shangri-La?« Er starrte Tubb direkt in die Augen. »Shangri-La?«
»Was Shangri-La?«, fragte Maki.
»Arnold ist gerade dabei, seine Weltsicht zu verändern.«
»Wurde auch langsam mal Zeit. Aber was ist an dem Wort so erstaunlich?«
»Karl Schäfer und Bruce Dolan waren in den 30ern auf der Suche nach eben diesem Ort. Aus dem Text geht hervor, dass sie ihn auch tatsächlich fanden. Karl Schäfer berichtet von bizarren Artefakten, die er dort vorfand. Teile davon befinden sich im Pergamonmuseum in Berlin.«
»In einem Museum?« Maki schaute Tubb ungläubig an. »Diese fremdartigen Fundstücke werden einfach ausgestellt?«
»Ich vermute eher, dass sie sich im Keller des Museums befinden, zusammen mit anderen Gegenständen, die noch auf ihre Untersuchung warten.«
Maki nickte. »Ich habe verstanden. Unser nächstes Ziel heißt also Deutschland.«
Tubb räusperte sich. »Ich würde vielmehr sagen, dein Ziel.«
Maki zuckte zusammen. »Ich soll alleine dorthin fliegen? Nachdem, was heute passiert ist? Nein, danke.«
»Ich werde Hans anrufen, dass er sich mit dir die Sachen mal genauer ansieht.«
Maki verdrehte verzweifelt ihre Augen. »Meine Güte. Das heißt, ich soll mal wieder Kindermädchen spielen. - Und wieso soll ich alleine fliegen?«
»Arnold und ich müssen nach London in die Zentrale der LOGE, um zu versuchen, uns in die CIA-Archive einzuklinken. Außerdem müssen wir den Umschlag untersuchen. Ich habe so eine Vermutung, dass es sich hierbei um prähumanes Material handeln könnte, das Karl Schäfer damals mitgebracht hat.«
TEIL ZWEI: ENTDECKUNGEN
1
»Das sieht dir mal wieder ähnlich!« Maki trat wutenbrandt an den Cafétisch.
Hans schaute von der Museumsbroschüre auf und grinste verlegen.
»Erst holst du mich nicht vom Flughafen ab und dann erst recht nicht von diesem beschissenen Bahnhof. Ich musste sogar alleine dieses gammlige Hotel finden. Und du sitzt hier völlig gelassen und tust so, als könntest du lesen!« Erst jetzt setzte sich. Der Flug war alles andere als angenehm gewesen. Zuviele Passagiere und zu unfreundliches Personal. Am Frankfurter Flughafen wurde sie durch eine Kontrolle aufgehalten, was zur Folge hatte, dass sie den von Hans angegebenen Zug verpasst hatte und über eine Stunde auf die nächste Verbindung warten musste. Der ICE erwies sich ebenfalls als vollkommen überfüllt. Und schließlich noch die Sache mit dem Hotel. Ein Besitzer, der seine schlechte Laune an den Gästen ausließ und ein Zimmer, bei dem sie sich fragte, wann es zum letzten Mal geputzt worden war.
»Hallo, Maki«, erwiderte Hans kleinlaut. Ihm war die Situation äußerst unangenehm. Nicht wegen Maki, sondern wegen der anderen Cafégäste, die erstaunt zu ihnen herüberschauten. Er grinste verlegen. »Ich bin erst gestern aus Kiel gekommen.«
»Aus Kiel!«, rief Maki. »Aber nicht aus New York!«
»Wie wäre es mit einem Kaffee?«, versuchte er schnell das Thema zu wechseln.
»Aber eine große Tasse«, schnaubte sie.
Während Hans den Kaffee holte, betrachtete sie sich die Broschüre genauer. »Liebeskunst der Alten Griechen. Etwas anderes hätte ich wahrscheinlich gar nicht erwarten sollen.«
Als Hans den Kaffee vor sie hinstellte, schien Maki sich wieder einigermaßen beruhigt zu haben. Er selbst hatte sich eine Flasche Cola gekauft.
»Wie geht es dir denn überhaupt?«, fragte sie, nachdem sie einen Schluck probiert hatte. Der Kaffee schmeckte zwar nicht sonderlich gut, doch wärmte er sie immerhin innerlich auf. Bei dem nasskalten Wetter ein kleiner Trost.
»Tja, gar nicht mal so schlecht. Die Nachwirkungen von diesen Beinahetransformationen haben inzwischen nachgelassen. Ich bin fast wieder der Alte.«
»Schade.«
»Und was ist bei dir los? Tubb klang am Telefon so, als habe er die apokalyptischen Reiter persönlich getroffen.«
»Ich wurde beinahe entführt, weil ich einer verrückten Archivarin ein paar Fragen gestellt habe«, erwiderte Maki. Danach aber berichtete sie ihm kurz, was sich in New York zugetragen hatte.
»Das mit dem Keller dieses Museums hier ist so eine Sache«, erklärte Hans. »Ein Prof namens Rüdiger Brüsken verwaltet diese ganzen Dinge. Termine kann man nur über seine Sekretärin ausmachen, und die befindet sich gerade im Urlaub. Der Witz ist, ich habe mit dem Prof selbst telefoniert, als er mir das gesagt hat.«
»Sind alle Profs in Deutschland so?«, erkundigte sich Maki. Ihre Augen spiegelten eine deutliche Skepsis wider.
»Rick meint, die meisten.«
»Wer ist Rick?«
»Ein alter Freund von mir«, antwortete Hans und grinste dabei bis über beide Ohren. »Meine Trumpfkarte. Er ist nämlich Assistent bei diesem Typen. Und er hat auch die Schlüssel für die Kellerräume. Er hat gesagt, er würde uns hier treffen.«
»Das heißt also, wir werden die Artefakte trotzdem zu Gesicht bekommen?«
Hans nickte. »Genau das. Dort drüben kommt er schon.«
Maki schaute hinüber auf die Rotunde, von der sich ein junger Mann mit langen Haaren, Vollbart und dicken Brillengläsern näherte. Er war nicht sonderlich groß. Seine Kleidung bestand aus einem schwarzen Iron Maiden-T-Shirt sowie einer schwarzen, ausgewaschenen Jeans. Als er Hans sah, formte er mit den Fingern seiner rechten Hand ein Peace-Zeichen. Als er Maki erblickte, weiteten sich seine Augen überrascht.
Hans stand auf und klopfte seinem Freund auf die Schulter. »Und, alles klar? Das hier ist Maki Asakawa. Meine Kollegin. Maki, der Typ hier ist Richard Schmidt. Aber nenne ihn einfach Rick.«
Rick schüttelte Maki die Hand, wobei er sie anstarrte, als wäre sie soeben aus einem Raumschiff ausgestiegen. »Hans hat schon viel von dir erzählt, Maki. Aber … Ich meine … Also …« Sein Gesicht rötete sich vor Verlegenheit. »Du warst wirklich Miss Tokio?«
Maki warf einen stechenden Blick auf Hans. »Nur der dritte Platz. Und das war vor drei Jahren. Wie ich sehe, hat mein Kollege nur die wirklich wichtigen Dinge über mich erzählt.« Sie kickte Hans gegen das Schienbein.
Dieser zuckte vor Schmerz zusammen. »Das war, glaube ich, die falsche Methode, mit meiner Kollegin ein Gespräch zu beginnen.«
»Freut mich trotzdem, dich kennenzulernen«, fuhr Maki fort. »Mit was beschäftigst du dich eigentlich?«
Rick lehnte sich nach vorne. »Also … Ich bin eigentlich Historiker. Jedenfalls noch ein Jahr.«
Maki schaute ihn fragend an. »Was heißt das, noch ein Jahr?«
»Hier in Deutschland gilt die sogenannte Sechs-Jahres-Regel«, platzte Hans dazwischen. »Das heißt, nach der Promotion dürfen Akademiker nur sechs Jahre lang an einer Uni angestellt sein. Wenn sie bis dahin nicht habilitiert sind, werden sie kurzerhand rausgeschmissen und bekommen nie wieder eine Stelle. Für den Rest ihres Lebens.«
Maki lachte erstaunt auf. »Eine solche dämliche Regel gibt es wirklich?«
Rick nickte. »Die gibt es. Leider. Völlig plemplem, aber trotzdem.«
»Du sagst es, Rick«, fügte Hans hinzu. »Erklär mal einem Büroangestellten, dass er nur sechs Jahre in seinem Beruf arbeiten darf und danach das Weite suchen soll. Vollkommen idiotisch. Wer die Regel erfunden hat, ist ein absoluter Vollidiot.«
Rick schüttelte seinen Kopf. »Dahinter steckt irgendein Gremium voller Wichtigtuer und Klugscheißer, die sich freuen, dass es ihnen damit gelungen ist, lästige Konkurenz auszuschalten. Immerhin verringert sich die Chance junger Akademiker, jemals an einer Uni tätig zu sein, um das Vielfache. Also müsstest du sagen, Vollidioten.«
Maki grinste. »Ihr beiden lasst wohl kein gutes Haar an euren Unis.«
»Was meinst du, weswegen ich ins Ausland geflohen bin«, sagte Hans. »Hier in Deutschland sehen die meisten Profs nicht einmal bis zu ihrem eigenen Tellerrand. Originalität ist für sie ein Fremdwort.«
Maki hob beschwichtigend ihre Hände. »Genug. Jetzt weiß ich jedenfalls, dass ich nicht an einer deutschen Uni arbeiten möchte. – Was ist überhaupt dein Spezialgebiet, Rick?«
»Ich hab eigentlich keines«, antwortete er. »Jedenfalls nicht wirklich. Ich erkläre immer das zu meinem Spezialgebiet, das mich gerade am meisten interessiert. Hans hat mir gestern von eurem Spezialthema berichtet. Irres Zeug. Wie war das noch mal? Hypergesellschaft?«
»Hyperzivilisation«, verbesserte ihn Hans.
»Du solltest das Wort prähuman noch hinzufügen«, sagte Maki.
Rick nickte. »Stimmt. Das war es. Hyperzivilisation. Hab zwar noch nie zuvor davon gehört, aber wenn ihr es sagt, dann muss was dran sein.«
»Hat Hans dir auch gesagt, weswegen wir hier sind?« Sie merkte, dass Rick ständig versuchte, ihr tief in die Augen zu blicken.
»Er hat von irgendwelchen Artefakten gelabert, die bei uns im Keller vor sich hingammeln sollen.«
»Da hat Hans ausnahmsweise einmal recht. Aber wahrscheinlich hat er dir nicht alles erzählt. Diese Artefakte stammen von einer Tibetexpedition aus den 30er Jahren. Hast du schon einmal was von einem Karl Schäfer gehört?«
»Der Tibetforscher? Klar. Aber ich würde seinen Namen hier nicht so laut nennen. Er arbeitete für die Nazis. Goebbels schickte ihn nach Tibet, um dort nach dem sagenumwobenen Shangri-La zu suchen.«
Maki überraschten Ricks Kenntnisse darüber. »Woher weißt du das denn?«
Rick wurde erneut rot. »Ich hab mich mal mit Tibet, Himalaja und solchem Zeug beschäftigt. Da tauchte der Name Karl Schäfer auf. Die Idee, nach Shangri-La zu suchen, fand ich echt irre.«
Maki beugte sich interessiert vor. »Hast du sonst noch etwas erfahren?«
»Eigentlich nicht viel. Früher wurde er bei seinen Expeditionen von einem Ami begleitet. Die Suche nach Shangri-la brachte nichts. Schäfer fand nicht mal nen Außerirdischen.« Nach einer kurzen Pause, in der er versuchte, nicht auf Maki zu schauen, fragte er: »Könnt ihr mir mal erklären, um was es hier eigentlich geht?«
»Deine Sache«, forderte Hans Maki auf. »Rick glaubt mir nämlich noch immer nicht, dass ich mich beinahe in einen kleinen, grünen, hässlichen Zwerg verwandelt habe.«
»Er hat dir nicht mal das Wort hässlich abgenommen?«
Hans stand beleidigt auf. »Ich hol dir was zu trinken, Rick.«
»Und … was ist mit Maki?« Ricks Gesicht verfärbte sich beinahe dunkelrot.
»Die hat schon ihre Portion bekommen.«
»Bring mir trotzdem noch einen Kaffe, du kleiner, grüner, hässlicher Zwerg.« Nachdem Hans in Richtung Theke verschwunden war, fragte sie: »Hast du schon jemals jene seltsamen Artefakte gesehen?«
»Sind mir noch nicht aufgefallen«, erwiderte er. Da Hans nicht neben ihm saß, wirkte er noch unsicherer als zuvor. »Sie müssten sich im Lager für das asiatische Zeug befinden. Wie groß sollen diese Dinger überhaupt sein?«
Daran hatte Maki noch gar nicht gedacht. Welchen Umfang und welche Höhe besaßen wohl jene Gegenstände, die Schäfer zurück nach Deutschland gebracht hatte? »Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, auf welche Weise sie hierher transportiert worden waren. Im Grunde genommen kenne ich nur die Erwähnung der Expedition in Symmes’ Buch und die spärlichen Informationen einer gewissen Eleonora Mason, die in New York als Archivarin tätig ist.« Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Wir wissen nur, dass Paul Symmes’ Theorie über eine prähumane Hyperzivilisation nicht erfunden ist. Wir sind bereits drei Mal in Berührung damit gekommen.«
Rick nickte. »Hans hat mir davon erzählt. Trotzdem kann ich’s einfach nicht ganz glauben. Das klingt ziemlich abgefahren. Riesenmaschinen und solches Zeug.«
»Wir wissen eigentlich so gut wie gar nichts über diese Technologie. Und noch weniger über ihre Erschaffer. Daher beschloss Fred, die Quellen aufzuspüren, auf die sich Paul Symmes beruft. Hans hat dir sicherlich schon über Symmes’ Buch berichtet?«
»Hat er. Ich hab sogar in der Unibibliothek nachgesehen. Aber das Buch gibt es hier nicht. Wer ist eigentlich Fred?«
Maki spürte, eine gewisse Verlegenheit in sich aufkommen. Zum Glück saß in diesem Moment nicht Hans bei ihnen. Er hätte die Chance genutzt und einmal mehr seine dämlichen Witze über sie gemacht. »Das ist unser Chef. Frederic Tubb. Er ist Experte für außergewöhnliche Phänomene und Artefakte. - Jedenfalls brachte uns das auf die Spur dieser sonderbaren Expedition nach Tibet, die Paul Symmes mehrfach erwähnt. Daher suchen wir nach weiteren Hinweisen darüber. Diese fanden wir in New York bei der erwähnten Archivarin und bei der Witwe eines Sammlers von Reiseberichten. Er besaß ein Originalmanuskript Karl Schäfers.«
»Wow«, sagte Rick. »Und jetzt seit ihr also hier, um zu sehen, was Schäfer für Zeug hierher gebracht hat.«
»So ist es.«
Rick blickte vor sich hin, als würde er das Gesagte nochmals rekapitulieren. Nach einer längeren Pause fragte er schließlich: »Wie bist du überhaupt dazu gekommen? Ich meine zu Hans und Frederic Tubb?«
Die Frage kam für Maki wie aus heiterem Himmel. Eigentlich hatte bisher noch nie jemand wissen wollen, auf welche Weise sie Assistentin von Ferderic Tubb geworden war. Wahrscheinlich hatte Hans mal wieder irgendwelche peinlichen Sachen von sich gegeben. Außerdem sprachen Ricks Blicke inzwischen Bände. Es war einfach ärgerlich, dass sich Männer Hals über Kopf in sie verliebten. »Ich bin seit fünf Jahren dabei. Genau so wie Hans. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich wie er Mathematik studierte. Aber dafür fehlt mir ehrlich gesagt jegliche Begabung. Daher studierte ich Anthropologie und Volkskunde in Tokio. Später in London und schließlich auch für ein Semester in Straßburg. Ich beschäftigte mich dabei vor allem mit alten Kultstätten und Aberglauben. Während meiner Promotion erhielt ich von einem meiner Profs einen Anruf, dass ein Wissenschaftler namens Frederic Tubb für ein Projekt Mitarbeiter suchen würde. Es würde sich dabei um einen sehr außergewöhnlichen Fall handeln und es wäre schön, wenn ich mich bei ihm melden würde. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Ich war aber neugierig und rief Ferderic Tubb an. Er fackelte nicht lange, erklärte mir, um was es ging und fragte, ob ich mitmachen würde. Später erfuhr ich, dass er so gut wie keine Mitarbeiter gefunden hatte, da sich kaum einer mit Grenzfällen beschäftigt.«
Rick grinste. »Das stimmt. Heute studiert jeder, um danach einen langweiligen Job in der Personalberatung zu bekommen.«
»Das erste Treffen fand in London statt. Hans war auch dabei. Aber über ihn muss ich dir wohl kaum was erzählen.«
»Wirklich nicht. Bei ihm lief es ungefähr wie bei dir ab. Studium der Geschichte und Volkskunde. Allerdings hat er auch noch ein paar Semester Parapsychologie studiert. Und bei Geschichte interessierten ihn stets nur die ungeklärten Ereignisse, was unsere Profs immer wieder zur Weißglut brachte, da sie nur selten Antworten auf seine Fragen geben konnten.«
»Nun gut. Über den Rest jedoch darf ich dir nichts erzählen. Ich kann dir nur so viel sagen, dass es um einen rätselhaften Fall auf dem Südpol ging. Der Rest ist geheim. Hans und ich mussten sogar ein Formular unterschreiben, dass wir …«
»… die Fresse halten sollen«, beendete Hans ihren Satz. Er stellte das Tablett, auf dem drei Tassen Kaffee gefährlich hin und herrutschten, vor ihnen auf den Tisch. »Wie ich sehe, habt ihr inzwischen einen ersten Annäherungsversuch unternommen, während ich zwischen den Mitgliedern eines Seniorenclubs eingekeilt war.«
Rick reichte Maki ungeschickt eine Tasse und nahm sich darauf seine eigene. »Aber ihr könnt mindestens sagen, ob es mit dieser Hyperzivilisation zu tun hatte, oder?«
»Nein«, lautete die lakonische Antwort von Hans.
»Nein heißt, dass es nichts mit der Hyperzivilisation zu tun gehabt hat«, ergänzte Maki. »Mehr können wir nicht sagen.«
Hans schaute auf seine Uhr. »Fast zwölf. Wann geht dein Rüdiger denn zum Essen?«
»Er müsste eigentlich schon weg sein.«
»Trinken wir den Kaffee und sehen uns dann unten um«, sagte Maki. »Das Café hier wird mir so wie so langsam zu voll. – Hat dein Chef diese Artefakte überhaupt jemals erwähnt?«
»Nicht dass ich wüsste.«
»Und andere Besucher?«, fragte Maki weiter. »Haben schon andere danach gefragt?«
Rick stellte seine leere Tasse zurück auf den Tisch, nachdem er sie in nur zwei Zügen ausgetrunken hatte. »Es kommen immer wieder Wissenschaftler aus der ganzen Welt, die bestimmte Dinge untersuchen wollen. Ob sich jemand für dieses Zeug interessiert hat, weiß ich echt nicht.«
»Auf jeden Fall interessieren wir uns dafür«, erwiderte Hans. »Bin mal gespannt, was uns erwartet.«
»Hoffentlich verwandelst du dich nicht wieder in einen kleinen, grünen, häßlichen Zwerg.«
2
Das Zentralgebäude der LOGE gehörte zu den sichersten Gebäuden Londons. Doppeltes Panzerglas und zentimeterdicke Stahltüren schützten vor Angriffen jeglicher Art. Während die oberen Stockwerke die Verwaltung beinhalteten, befanden sich in den Kellergeschossen Labors sowie wissenschaftliche und technische Büros. Dort wurden auch außergewöhnliche Entdeckungen der Kryptozoologie gehalten sowie fremdartige Artefakte jeglicher Art aufbewahrt.
Tubb, John Arnold sowie ein Computerexperte der LOGE befanden sich in einem Büro des ersten Untergeschosses. Sie starrten auf einen großen Flachbildschirm, auf dem soeben drei Wörter erschienen: »Streng geheimes Material.«
»Ich bin drin«, teilte Steven Bauman mit. Er war Mitte zwanzig, wirkte aber aufgrund seines mit Narben übersäten Gesichts wesentlich älter. John Arnold hatte Tubb davon erzählt, dass Bauman als Teenager während eines Zeltlagers in ein Lagerfeuer gefallen war. Von daher rührten seine unzähligen Narben.
Arnold stellte seinen Kaffeebecher auf den Schreibtisch. »Und Sie sind sicher, dass uns die Sicherheitsheinis vom CIA nicht entdecken können?«
Steven Bauman wirkte völlig ungerührt. »Ich habe es so geregelt, dass deren Wachhunde glauben, ihr Chef Leo Panetta würde in diesen Archiven stöbern.« Er klickte auf ENTER.
Tubb trat vor den Bildschirm. »Wie ich sehe, ist das Archiv eingeteilt in unterschiedliche Bereiche. Von UFOs über Geister bis hin zu außergewöhnlichen Phänomenen, die niemand richtig einordnen kann.« Er zeigte dabei auf verschiedene Links, die unterschiedlich betitelt waren. Neben den UFO- und Geistererscheinungen existierten weitere Rubriken zu den Themen Außerirdische, prähistorische Tiere, Ungeheuer, Teleportation/spontane Selbstverbrennung, unbekannte Artefakte und Sonstiges. »Ich denke, wir sehen zunächst einmal unter den Artefakten nach. Wenn wir da nichts finden, dann unter Sonstiges.«
»Sonstiges«, schnaufte Arnold. »Typisch Beamte.«
Tubb schaute vom Computer auf. »Können Sie mir verraten, weswegen die geheimen Dokumente über außergewöhnliche Phänomene sich beim CIA befinden und nicht bei Ihnen? Ich dachte immer, die LOGE würde sich mit diesem Kram beschäftigen.«
John Arnold hob ahnungslos seine Hände. »Wenn Sie sich beschweren wollen, dann lassen Sie sich einen Termin bei Panetta geben. Würde mich, ehrlich gesagt, auch interessieren. Allerdings ist unsere Sonderabteilung noch relativ jung. Vielleicht werden die Dokumente bald an uns übergeben. Sie wissen doch, wie langsam Bürokraten arbeiten. Bisher herrscht auf alle Fälle eine Art eifersüchtiges Stillschweigen zwischen CIA und der LOGE. Das heißt, die Typen vom CIA haben es nicht gerne, wenn wir ihnen dazwischenfunken.«
Nachdem Steven Bauman auf den von Tubb angegebenen Link geklickt hatte, erschienen ganze Reihen von Ordnern. »Es muss sich hier um Hunderte von Themengebieten handeln«, bemerkte er.
»Wir können nur hoffen, dass jemand so schlau gewesen ist, die einzelnen Artefakte auch richtig zu betiteln«, sagte Tubb. »Ansonsten können wir uns auf ein paar nette Tage hier in dem Zentralgebäude freuen.«
Arnold machte einen erschrockenen Eindruck. »Sie wollen wirklich alles durchgehen?«
»Wenn es sein muss …«
»Aber ich denke, Miss Asakawa und Mr. Schmeißer sehen sich diese Teile in Berlin an«, fiel Arnold Tubb ins Wort. »Wieso sollen wir dann noch solch gefährliche Spielchen mit dem CIA treiben?«
»Es geht vor allem um die Funksignale«, erklärte Tubb. »Vielleicht finden wir dabei auch heraus, weswegen Bruce Dolans Berichte unter den Bereich Streng geheim fallen.« Er betrachtete sich die Ordner genauer. »Die Artefakte sind nach ihrer geographischen Herkunft eingeteilt. Sehen Sie? Einer der ersten Ordner wurde mit Alaska bezeichnet. Danach kommt Anden und so weiter. – Suchen Sie nach Himalaja. Falls wir dort nichts finden, dann Tibet.«
»Wieso nicht gleich Shangri-La?«, fragte Arnold. Er zündete sich eine Zigarette an, ein Zeichen dafür, dass seine Nervosität langsam überhandnahm.
»Shangri-La existiert offiziell nicht. Die Ordner sind nur mit Namen tatsächlicher Gebiete und Orte versehen.«
»Himalaja«, sagte Bauman. Er klickte auf den so beschrifteten Ordner.
Es erschienen eine Reihe weiterer Dateien. Diese waren allerdings mit Namen und Jahreszahlen betitelt.
»Bruce Dolan, sagten Sie?«
»Bruce Dolan oder Karl Schäfer«, erwiderte Tubb. »Wenn die Archivleute es genau nehmen, dann könnte auch Bruce Dolan II. auftauchen.«
»Schauen wir mal.« Bauman ging die Reihen der Dateien durch, wobei er seinen Curser von einer zur anderen schob.
»Hier unter B«, zeigte Tubb. »Jemand hat Bruce Dolan tatsächlich mit seinem Vornamen eingeordnet. Die Jahreszahl stimmt jedenfalls. Neunzehnhundertfünfunddreißig. Die letzte Expedition, die Dolan und Schäfer zusammen unternommen haben.«
Bauman klickte auf das Symbol.
Es erschienen wiederum Dateien, die jedoch in Bilddateien und Textdateien unterteilt waren. Die Anzahl der Symbole schränkte sich stark ein. Der Bildschirm zeigte drei Textdokumente und eine Bilddatei.
»Sie wollen sicherlich als Erstes die Bilder sehen«, meinte Steven Bauman.
»Schlaues Kerlchen«, entgegnete Arnold.
Es gab fünf Bilder. Bauman ließ sie der Reihe nach auf dem Bildschirm erscheinen. Vier von ihnen unterschieden sich im Grunde genommen durch nichts von anderen Expeditionsfotographien. Sie zeigten die Teilnehmer und deren Ausrüstung, während im Hintergrund prägnante Landschaftstypen im Dunst verschwanden. Bruce Dolan erwies sich als muskulöser Mann mit dickem Schnurrbart und dichtem, schwarzen Haar. In seinem Mund steckte stets eine dicke Zigarre. Karl Schäfer dagegen wirkte dürr und kantig. Er war größer als Dolan und schaute bei jedem der Bilder mit zusammengekniffenen Augen in die Kamera. Um sie herum hatten sich eingeborene Träger und Yaks versammelt. Das einzige Bild, das sich von den übrigen unterschied, zeigte keine Menschen, sondern eine weite, zugeschneite Ebene. Aus dem Schnee ragten sonderbare Formen empor. Manche von ihnen besaßen Ähnlichkeiten mit Kegeln, andere erinnerten an riesige Würfel. An manchen Stellen zeigten sich auch schmale, kaum erkennbare Dinge, die wie Antennen in die Höhe ragten.
»Was aussieht wie ein überdimensionaler Kinderspielplatz, müssen die Artefakte sein, von denen Schäfer in seinem Bericht spricht«, sagte Tubb. »Aber wieso gibt es nur dieses eine Bild? Ich würde doch annehmen, dass eine solch außergewöhnliche Entdeckung Dolan und Schäfer dazu animierte, diese mit mehreren Fotos zu dokumentieren.«
»Vielleicht hatten sie keinen Film mehr«, meinte Arnold.
»Jetzt klingen Sie schon fast wie Hans Schmeißer«, erwiderte Tubb. »Ich finde das nicht witzig, sondern ziemlich seltsam.«
»Soll ich eine der Texte öffnen?«, fragte Bauman. »Es handelt sich um gewöhnliche PDFs.«
Tubb nickte.
Der Text trug den Titel »Bericht über die Himalajaexpedition 1935. Von Bruce Dolan II.« Jemand hatte die Seiten des Originals eingescannt. Diese Person hatte anscheinend keine große Lust an seiner Arbeit gehabt. Manche Seiten waren schief, eine sogar verkehrt herum.
»Könne Sie das ausdrucken?«
»Es besteht die Gefahr, dass wir uns dabei verraten«, erklärte Steven Bauman. »Runterladen oder Ausdrucken von Dokumenten ist immer schlecht, wenn man in einer Tarnfunktion unterwegs ist.«
»Gut, dann überfliege ich den Text kurz.«
Der Bericht deckte sich mit den Schilderungen Karl Schäfers. In der Hauptsache beschrieb Dolan die Landschaftstypen sowie Luftdruck und Wetterlagen. In diesem Text erwähnte er jedoch nicht das, was auf dem Foto zu sehen war. Insgesamt umfasste Dolans Text knapp fünfzig Seiten.
»Wieso erwähnt er diese Gebilde nicht?«, wollte Bauman wissen.
»Haben Sie eine Antwort darauf?«, wandte sich Arnold an Frederic Tubb.
»Es könnte sein, dass dieser Artikel für eine offizielle Veröffentlichung gedacht war. Ein harmloser Text, der nur für eingefleischte Tibet- und Himalajafans von Interesse ist. Möglicherweise erschienen Teile davon in Tageszeitungen oder Magazinen.«
»Dann könnten wir also Glück haben und die anderen beiden Texte sind inoffizielle Versionen?« Arnold drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus.
»Das werden wir in Kürze erfahren«, sagte Tubb.
Gleich der zweite Bericht begann mit einem Knaller. Bruce Dolan schilderte detailliert, aus welchem Grund die Expedition ins Leben gerufen worden war. Er erwähnte die seltsamen Funksignale, die nicht decodiert werden konnten, deren Ursprung aber im Himalajagebirge liegen musste. Es herrschte große Aufregung innerhalb des SIS. Man befürchtete einen geheimen Stützpunkt der Japaner. Andere vertraten die These, dass China im Himalaja an neuartigen Waffensystemen bauen könnte, während der Westen dieses Land noch immer für einen drittklassigen Riesen hielt, der von sich aus keine technische Entwicklung zustande bringen konnte. Wieder andere behaupteten, dass die Signale, wenn auch nicht decodierbar, trotzdem typisch deutsch seien. Doch was hatten die Deutschen dort überhaupt verloren? Eine dritte Gruppe schließlich glaubte an das Vorhandensein einer Kolonie von Marsmenschen, die sich im Himalaja verbarg. Doch ganz egal, wer zu welcher Annahme stand, alle stimmten darin überein, dass den Signalen nachgegangen werden musste. Aus diesem Grunde wurde eine Expedition zusammengestellt, zu deren Leiter Bruce Dolan ernannt wurde. Er war nicht nur Mitglied des SIS, sondern hatte bereits andere Expeditionen geleitet und erschien daher am geeignetsten. Dolan aber wollte nur mitmachen, wenn sein Freund Karl Schäfer daran teilnehmen durfte. Schäfer galt als ein sehr erfahrener Bergsteiger und Tibetexperte. Vielleicht fand Schäfer ja etwas, das Dolan und sein Team übersahen. Nachdem Karl Schäfer keine politischen oder geheimdienstlichen Verbindungen nachgewiesen werden konnten, sondern seine Interessen rein wissenschaftlich begründet waren, genehmigten die oberen Direktoren von SIS Dolans Wunsch. Bruce Dolan bemerkte hierbei, dass auch noch ein anderer Grund für die Teilnahme Schäfers wahrscheinlich infrage kam. Falls die Funksignale in der Tat deutschen Ursprungs waren, wäre ein deutscher Teilnehmer an der Expedition von Vorteil, da seine Anwesenheit den geheimdienstlichen Zweck verschleiern würde.
»Das ist Geheimdienstlogik«, bemerkte Arnold nicht ohne Ironie. »Ich würde mir über diese Begründung keine größeren Gedanken machen. Was ich eher wissen möchte, ist, was das Ganze mit Shangri-La zu tun haben soll. Der Name ist bisher kein einziges Mal gefallen.«
»Vielleicht erwähnt es Dolan noch«, meinte Tubb. »Es wäre außerdem nicht schlecht, Schäfers Text als Vergleich gegenüberzustellen.«
»Ich befürchte, John Wyndham untersucht sowohl Umschlag als auch Papier in seinem Labor«, meldete sich Bauman zu Wort. »Ich sagte ihm bereits, er soll sich damit beeilen.«
»Wird er machen, wenn er sich nicht gerade von seinen fleischfressenden Pflanzen ablenken lässt«, kommentierte Arnold.
»Hat er schon wieder eine neue Kreation herangezüchtet?«, fragte Tubb.
»Was heißt eine?«, erwiderte Bauman und konzentrierte sich darauf wieder auf den Text.
Auf diese Gedanken und Schilderungen folgte der Bericht, der als offizielle Version ausgekoppelt wurde. Die Schilderungen des Tals und seines Geheimnisses folgten auf den letzten drei Seiten. Dolan lieferte keine Bemerkungen, dass dieser Ort im Zusammenhang mit Shangri-La stehen könnte.
Sollte diese Überlegung also von Karl Schäfer stammen? Soweit sich Tubb jedoch erinnerte, berichtete Schäfer davon, dass Dolan sich ebenfalls mit diesem mystischen Ort beschäftigt hatte. Dolan und Schäfer mussten demnach beide davon überzeugt gewesen sein, das sagenhafte Gebiet Shangri-La entdeckt zu haben.
»Öffnen Sie bitte den dritten Text«, wandte er sich an Bauman. Tubb hatte so einen Gedanken. Es musste drei Versionen ein und desselben Berichts geben. Einer war für die Öffentlichkeit bestimmt und daher nicht sonderlich interessant. Der zweite sollte den Direktoren des Geheimdienstes vorgelegt werden. Tubb vermutete, dass die dritte Version rein persönlicher Natur war und daher Dolans eigene Gedanken wiedergab.
Als der Text am Bildschirm erschien, fühlte er sich bestätigt. Es handelte sich um Hand beschriebene Blätter. Die Schrift war krakelig, aber lesbar. Gleich zu Anfang stand Folgendes:
Es gibt auf unserem Planeten noch eine Vielzahl ungelöster Geheimnisse. Ich glaube, dass mein Freund Karl Schaefer und ich nahe daran sind, eines davon zu lüften. Es handelt sich dabei um das sonderbare Reich Shangri-La, von dem niemand sagen kann, ob es nur in den Legenden Ostasiens oder auch in der realen Welt existiert. Wir befinden uns gerade in dem Kloster Samyai auf dem tibetischen Hochplateau auf etwa 4500 Meter Höhe. Der Abt ist ein aufgewecktes Kerlchen. Außer ihm befinden sich noch etwa 30 Mönche in dem Kloster. Da Schaefer perfekt tibetisch spricht, befragte er diese nach irgendwelchen außergewöhnlichen Vorkommnissen, die in letzter Zeit stattgefunden haben. Sie sprechen alle von einem hellen Licht im Osten, das in der Nacht die Konturen der Berge zum Leuchten bringe. Manche erwähnen zudem sonderbare Laute, die aus den Bergen zu kommen scheinen.
Als ich von meinen Vorgesetzten in das Geheimnis der Funksignale eingeweiht wurde, galt mein erster Gedanke sogleich Shangri-La. Ich erwähnte meine Gedanken jedoch nicht, da ich vor meinen Kollegen nicht als Vollidiot dastehen wollte. Obwohl, diejenigen, die an das Vorhandensein einer marsianischen Kolonie im Himalaja glauben, wurden nicht unbedingt als Spinner dargestellt.
»Eine Art Tagebuch«, stellte Tubb fest. »Dieser Text war nur für Dolan selbst bestimmt.«
»Aber wieso taucht er dann in diesem Archiv auf?« ,wollte Arnold wissen.
Steven Bauman räusperte sich. »Ich habe mir erlaubt, ein wenig herumzurecherchieren. Bruce Dolan starb völlig unerwartet, nachdem er zusammen mit einem Freund in einem Café gesessen hatte. Mögliche Ursache: Vergiftung. Verwandte berichten, dass kurz zuvor sein Haus durchsucht worden war. Anscheinend fand man dort diesen Bericht. Man hielt Dolan daher nicht mehr für vertrauenswürdig und entledigte sich seiner.«
»Interessante Geschichte«, sagte Arnold.
»Ebenso interessant ist der Name des Klosters«, bemerkte Tubb. »Samyai. Erinnern Sie sich nicht daran, Arnold? Wir besuchten es, als wir Jagd auf den Schneemenschen gemacht haben.«
So langsam dämmerte es John Arnold. »Hieß der Abt nicht Meister Samten?«
Tubb nickte.
»War es nicht er, der kurz darauf irgendeinem bekannten Bergsteiger ein zusammen gebasteltes Plüschmonster als Yeti verkaufte?«
Tubb grinste. »Da haben Sie auch recht. – Dolan und Schäfer besuchten dasselbe Kloster. Das heißt, irgendwo in dieser Gegend muss sich eine Gegend befinden, die als Shangri-La bezeichnet wird und die aller Wahrscheinlichkeit nach im Zusammenhang mit der Hyperzivilisation steht.«
Statt etwas darauf zu erwidern, zog Arnold eine weitere Zigarette aus der Schachtel.
Den restlichen Text überflogen sie nur noch mehr. Dolan und Schäfer fanden das Tal, doch konnten den möglichen Ursprung des Funksignals nicht lokalisieren. Dolan vermutete, dass in dem Tal eine Energie herrschte, die ihre Funkpeilgeräte unbrauchbar machte. Es gab keinen Hinweis darauf, welches dieser bizarren Gebilde kontinuierliche Funksignale aussandte. Dolan berichtete ein paar Seiten später, dass er mit Schäfer in Streit geriet, da Dolan während eines Trinkgelages seine Tätigkeit beim SIS ausplauderte. Karl Schäfer fühlt sich an der Nase herumgeführt. Trotz des Streits führten beide ihre Expedition zu Ende, wobei es ihnen gelang, Bruchstücke und kleinere Gebilde mitzunehmen. Dolan war erstaunt, dass manche Konstruktionen leicht wie eine Feder waren.
»Das erinnert mich in unguter Weise an diese Boten, die wie aus dem Nichts in London aufgetaucht sind«, sagte Tubb. »Obwohl sie aussahen wie schwere Eisenrüstungen, konnte man sie mit einer Hand anheben.«
»Tja, und Maki Asakawa als auch Hans Schmeißer haben gerade die Ehre, diese Proben zu untersuchen«, seufzte Arnold.
Frederic Tubb zuckte zusammen, so als würde er plötzlich von kaltem Wasser umspült werden. War es möglich, dass sich Maki und Hans in unmittelbarer Gefahr befanden?
»Ich habe hier noch etwas gefunden.« Steven Bauman zeigte aufgeregt auf den Bildschirm. »Eine Art Randnotiz. Auf jeden Fall scheint es ihm wichtig gewesen zu sein. Sie ist zweimal unterstrichen.«
Das Gekritzel stand am rechten Rand des vorletzten Blattes.
Bauman vergrößerte das Bild, doch zu einer leichteren Entzifferung der Wörter trug dies nur wenig bei. Nach längerem Hinsehen erkannte Tubb zwischen den Buchstaben auch Zahlen. Schließlich gelang es ihm, ein paar der Wörter zu entziffern. »Eine Notiz zu den Funksignalen«, stellte Tubb fest. »Die Frequenz lag anscheinend zwischen zehn und fünfzehn Gigahertz.«
»Das heißt wahrscheinlich, dass die Signale auf dem SHF-Band lagen«, mutmaßte Arnold. »Super High Frequency. Diese Frequenz wird für Radar und Richtfunk verwendet.«
»Wäre es möglich, auf dieser Bandbreite nach unbekannten Signalen zu suchen?«, fragte Tubb.
John Arnold fiel beinahe die Zigarette aus dem Mund. »Es ist doch nicht etwa Ihr Ernst, dass Sie nachschauen wollen, ob aus diesem Gebiet noch immer Signale gesendet werden? Die Expedition fand vor fünfundsiebzig Jahren statt. Selbst wenn es mit der Hyperzivilisation zu tun haben sollte, meinen Sie etwa, diese Typen hätten nichts Besseres im Sinn, als jahrelang dieselben Signale zu senden?«
»Ein Versuch wäre es wert«, erwiderte Tubb.
Arnold drückte energisch seine Zigarette aus. »Wir haben nicht einmal eine Beschreibung der Signale. Unsere Funker könnten alles Mögliche finden und es für etwas Fremdes halten.«
»Dann nehmen Sie bei jedem außergewöhnlichen Signal eine Funkpeilung vor«, beharrte Tubb auf seiner Idee.
John Arnold legte seine rechte Hand auf den Bildschirm. Er fuhr mit seiner Zunge nervös über seine Lippen und sagte: »Haben Sie überhaupt eine Ahnung …?« Er stockte und wischte sich über die Stirn. »In Ordnung. Suchen wir nach diesen dämlichen Signalen. Aber Sie geben inzwischen einen aus.«
»Einverstanden«, erwiderte Tubb.
3
»Die verdammte Tür geht einfach nicht auf«, flüsterte Rick.
»Du drehst den Schlüssel auch ständig in die falsche Richtung«, erwiderte Hans.
Beide standen zusammen mit Maki im Keller des Pergamonmuseums, wo diejenigen Skulpturen und Artefakte gelagert wurden, die entweder noch keiner Epoche zugeordnet werden konnten oder aufgrund ihrer Andersartigkeit auch keiner Kultur. Die Lagerräume teilten sich auf in verschiedene Themengebiete. Hans, Maki und Rick standen vor der Tür, hinter der sich die archäologischen Fundstücke aus Ostasien befanden.
Rick probierte es noch mal. Diesmal schob sich der Riegel zurück und die Tür schwang auf.
Eine muffige Luft trat ihnen entgegen, die nach Staub und alten Steinen roch. Rick betätigte einen Lichtschalter, worauf nacheinander mehrere Neonleuchten angingen.
Das weißliche Licht erhellte uralte Tempelfiguren, Dämonenstatuen sowie Teile seltsamer Mosaike. Zudem lagen auf dem Boden steinerne Sarkophage, deren Verzierungen kaum noch zu erkennen waren.
Maki fragte sich, welche dieser Gebilde wohl zu Karl Schäfers Fundstücken gehörten. Keiner dieser Gegenstände sah irgendwie nach einem Überbleibsel der Hyperzivilisation aus. Es handelte sich bei all diesen Stücken um Zeugnisse antiker Kulturen, die jedoch keinen außergewöhnlichen Technikstatus verrieten. Die Figuren und Statuen wirkten zwar ungewöhnlich, doch entsprachen sie andererseits auch wieder dem, was Forscher von der jeweiligen Epoche, aus der sie wahrscheinlich stammten, erwarteten. Eine dieser steinernen Gestalten besaß die Konturen eines Tintenfisches. Maki glaubte, irgendwo schon einmal von solch einer Götter- oder Dämonenfigur gehört zu haben, konnte sich aber nicht erinnern, wo.
Rick steuerte zielgenau durch den weiten Raum.
Erst jetzt bemerkte Maki, dass dort manche Gegenstände mit undurchsichtigen Plastikplanen abgedeckt waren.
»Worauf wartet ihr?«, rief Rick ihnen zu.
Maki und Hans folgten ihm.
Rick klopfte auf einen der abgedeckten Gegenstände. »Das hier dürfte was mit eurer Hypergesellschaft zu tun haben.«
»Hyperzivilisation«, erwiderte Maki.
»Die abgedeckten Artefakte wurden alle mit dem Namen Karl Schäfers etikettiert«, fuhr Rick fort. »Ich hab allerdings noch nie auch nur eine der Planen angehoben. Ich befürchte, wenn Brüsken zurückkommt und uns hier erwischt, wird das mal mein Job gewesen sein.«
»Mach dir nicht gleich ins Hemd«, sagte Hans. »Sagtest du nicht, du hättest sowieso nur noch ein Jahr bleiben dürfen?«
»Soll ich jetzt lachen?«
»Halten wir uns nicht länger auf als unbedingt nötig«, fuhr Maki dazwischen. »Sehen wir uns die Teile einmal an.« Sie zog eine der Planen weg, was sogleich eine dichte Staubwolke auslöste. Hustend vertrieb sie diese mit ihren Händen.
»Was ist das denn?« Rick staunte Bauklötze.
Hans zog inzwischen die übrigen Planen ab, was zu weiteren Staubaufwirbelungen führte.
»Das … Wenn ich das früher gewusst hätte, dann …« Rick brachte einfach keinen einzigen Satz zu Ende.
»Dann was?«, fragte Hans.
Rick starrte weiterhin auf die sonderbaren Gegenstände als könnte er noch immer nicht glauben, was er da vor sich sah. Er zuckte bloß mit den Achseln.
Währenddessen schritt Maki die Artefakte ab. Es handelte sich um vier bizarre Konstruktionen. Von dem fünften Teil existierte nur ein Bruchstück, das sie nicht einordnen konnte.
Eine der vier Gebilde glich einem Boten. Sie hatten bereits in London damit Bekanntschaft gemacht, als drei dieser menschenförmigen Rüstungen einen Zug, ein Bankgebäude und das Institutsgebäude, in dem Tubb unterrichtet hatte, vernichtet hatten. Ihre geschwungenen Körper bestanden aus einem schwarzen Metall, dessen Oberfläche seltsame Verzierungen aufwies und, wie sie wussten, absolut kugelsicher war. Die waagerechten Schlitzen ihrer Kugelaugen dienten dazu, grelle Strahlen abzufeuern, die alles, was sie trafen, in Sekundenschnelle zu Staub verwandelten oder mumifizierten. Das Besondere an ihnen war zudem ihre extreme Leichtigkeit.
Die übrigen drei Artefakte sahen Hans und Maki zum ersten Mal. Es handelte sich um eine silberne Kugel, deren Oberfläche glänzte, als wäre sie soeben frisch poliert worden, eine Art Antenne, welche die Form einer Spirale aufwies, und schließlich um einen grotesken Würfel, der zugleich das eigenartigste Stück der Sammlung bildete.
Dieser Würfel bestand aus verschiedenen Ebenen, die durch dünne Stäbe miteinander verbunden waren. Genau in der Mitte steckte auf einem waagrecht verlaufenden Stab eine Sanduhr, deren Glas leichte Trübungen aufwies. Rechts und links neben diesem Messinstrument befanden sich zwei Spulen. Das gesamte Gerät zeichnete sich durch matt glänzendes Kupfer aus.
»Kann … kann mir einer erklären, wieso dieses ganze Zeug in einer … in einer Antikensammlung lagert?«, stammelte Rick. Er starrte auf Maki, doch in seinem Blick spiegelte sich diesmal mehr Erstaunen als Verzückung. »Das … das hier sind … Das hier sind doch eindeutig irgendwelche … Erfindungen. Dieser Würfel hier hat doch sicherlich irgendwas mit Elektrizität zu tun. Das alles schaut aus wie … wie … Ach, das ist einfach völlig verrückt!«
Hans klopfte ihm auf die Schulter. »Beruhig dich wieder, Kumpel. Was glaubst du, wie es uns erging, als wir zum ersten Mal mit so einem Zeug konfrontiert wurden?«
Maki kniete sich vor den Würfel. Mit der Fingerspitze ihres rechten Zeigefingers tippte sie leicht gegen die Sanduhr.
»Was machst du da?« Rick versuchte erst gar nicht mehr, seine Nervosität unter Kontrolle zu halten.
»Von manchen Dingen kann Maki einfach nicht ihre Hände lassen«, bemerkte Hans.
»Das musst gerade du sagen. Der einzige Mensch auf diesem Planeten, der sich von einer Vogelscheuche hypnotisieren ließ.« Sie unterstrich ihre Aussage mit einem giftigen Blick. Danach fuhr sie fort: »Ich frage mich, was wohl passiert, wenn man die Sanduhr umdreht. Ob dadurch irgendeine Energie freigesetzt wird?«
Hans klopfte auf die kupferne Oberfläche. »Bis du jetzt völlig betrunken? Dieses Teil ist alt und rostig.«
»Die Spulen deuten mindestens darauf hin, dass irgendwelche Kraftfelder im Spiel sein müssen.«
Hans schlug mit der flachen Hand nochmals gegen die Oberfläche. Der Laut, der dadurch entstand, glich einem gedämpften Gong. »Wenn es dich interessiert, dann probier es einfach.«
Maki betrachtete für einen Moment die schön geschwungene Sanduhr. Es interessierte sie tatsächlich. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn dieses prähumane Gerät noch funktionierte. Die Sanduhr schien im wahrsten Sinne des Wortes das Herzstück dieses Würfels zu sein. Die gesamte Erscheinung konzentrierte sich darauf. Ohne weiter zu überlegen, griff sie danach und dreht sie um.
Der dunkelviolette Sand rieselte in den unteren Glaskolben.
»Oh Mann«, kommentierte Rick das Geschehen. Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf.
»Bisher ist noch nichts Interessantes passiert«, versuchte Hans seinen Freund zu beruhigen. »Außer du findest es interessant, Maki zu beobachten, wie sie vor diesem Gerät kniet und dem Sand zu sieht.«
»Vergiss es einfach«, erwiderte Rick und trat verärgert ein paar Schritte zurück.
Maki spitzte ihre Ohren. »Ich glaube, die Spulen geben eine Art Brummen von sich.«
»Das kommt vom Sand«, meinte Hans. Er berührte die Oberfläche des Würfels erneut. Erschrocken fuhr er mit seiner Hand zurück. »Ich hab gerade so etwas wie einen Schlag abbekommen!«
»Wenn du noch einen Schlag kriegen willst, dann berühr doch einfach das hier.« Maki deutete mit ihrem Zeigefinger auf die beiden Spulen. Um sie herum bildete sich ein leichter Nebel, in dem hin und wieder kleine Funken stoben.
»Geh lieber davon weg.« Rick blickte sorgenvoll in ihre Richtung.
»Du kennst Maki nicht«, erwiderte Hans gelassen. »Wenn es sein muss, dann nimmt sie es sogar mit grünen Kobolden auf.«
»Aber was ist, wenn dieses Ding plötzlich explodiert?«
»Es gibt hier nichts, was mir um die Ohren fliegen könnte«, sagte Maki. »Aber danke für deine Antteilnahme.«
Der Nebel um die Spulen verdichtete sich. Die Anzahl der Funken nahm zu. Das Brummen intensivierte sich. Maki spürte, wie ihr Körper kribbelte. Auf ihren Armen bildete sich eine Gänsehaut.
Muss wohl an der Elektrizität liegen, dachte sie.
Der Sand rieselte unvermindert weiter. In wenigen Augenblicken würde sich im oberen Kolben nichts mehr davon befinden. Maki verspürte eine gewisse Enttäuschung. Außer dem Brummen und dem Nebel passierte nicht viel. Für was sollte dieses Gerät dann von Nutzen sein?
Die letzten paar Körner fielen durch die Taille.
Maki wartete noch einen Augenblick. Als sich dann nichts tat, sagte sie: »Seht ihr, es passiert ni …«
Hans und Rick starrten auf die Stelle, an der sich Maki gerade eben noch befunden hatte. Keiner von beiden brachte auch nur irgendein Wort heraus. Sie konnten einfach nicht glauben, dass sich Maki Asakawa direkt vor ihren Augen in Luft aufgelöst hatte.
»Das ist doch …!« Mehr brachte Rick nicht zusammen.
Hans trat hastig vor den Würfel. Außer einem winzigen Hauch von Makis Parfüm gab es nichts, das darauf hinwies, dass sie gerade eben noch da gewesen war. Er streckte seine rechte Hand nach dem Gerät aus, doch schreckte sofort zurück, ohne es berührt zu haben. Den Würfel umgab eine Art Energiefeld. Als er ihn genauer untersuchte, erkannte er, dass sich auf den Spulen Eis gebildet hatte. Das Glas der Sanduhr bedeckten unzählige Eiskristalle.
»Das ist mal wieder typisch für sie«, sagte Hans. »Kaum ist sie da, schon ist sie wieder weg.«
»Und wohin?«, fragte Rick. Er hatte sich keinen Zentimeter von seiner Stelle bewegt.
»Gute Frage. Auf jeden Fall ist sie nicht mehr hier. Das Gerät könnte alles Mögliche sein. Eine Zeitmaschine, eine Maschine, die Wurmlöcher zu Parallelwelten öffnet, oder einfach ein dämlicher Zauberkasten.«
»Wenn das ein Zauberkasten sein soll, dann ist er auf jeden Fall äußerst wirkungsvoll.«
»Das denke ich auch. Also muss es Maki irgendwohin katapultiert haben.«
»Das ist echt extrem.«
»Du sagst es.«
Ein Zischen unterbrach ihre Unterhaltung. Zu diesem gesellte sich ein blechernes Klacken. Beide Geräusche intensivierten sich. Sie vermischten sich zu einer bizarren Geräuschkulisse, die schnell an Lautstärke zu nahm.
Rick sprang erschrocken zurück und prallte dabei gegen eine der Götterstatuen. Nach einigem Hin- und Herschwanken stürzte diese schließlich zu Boden und zerbrach in mehrere Stücke. Dass er soeben einen einzigartigen archäologischen Fund zerstört hatte, störte ihn in diesem Moment so gut wie gar nicht. Seine Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf ganz andere Dinge.
Die Oberfläche der Metallkugel begann zu leuchten. Neben ihr setzte sich die Metallrüstung in Bewegung, wobei sich ihre Sehschlitze mit grellem Licht ausfüllten. Währenddessen erhob sich die Kugel in die Höhe, so als würde sie jemand mithilfe eines Drahtseiles emporziehen. Ein blendender Strahlenkranz umhüllte sie. Sein Umfang gewann unheimlich schnell an Größe.
Hans rannte an dem Würfel vorbei und packte seinen Freund, der dastand, als hätte er sich soeben selbst in eine Statue verwandelt. »Wir sollten hier schleunigst verschwinden!«
»Was passiert hier?«, stammelte Rick.
»Ich nehme an, dass der Würfel mit seiner Energie die anderen beiden Dinger wieder belebt hat.«
»Ist das überhaupt möglich?«
»Was weiß ich! Wir müssen auf jeden Fall weg von hier!«
Hans zerrte Rick zum Ausgang.
Gerade als er an dem Türgriff zerren wollte, öffnete sich die Tür nach innen und schlug dabei schmerzhaft gegen seine Hand. Vor ihm stand ein schmächtiger Mann, der seine Anwesenheit mit einem erstaunten Blick quittierte. Er besaß kurzes, schwarzes Haar und einen Schnurbart. Seine Kleidung bestand aus einem karierten Hemd und einer blauen Jeans. Nachdem sich der Mann von seinem ersten Schrecken erholt hatte, senkte er verärgert seine Augenbrauen. »Ich muss schon sagen! Was erlauben Sie sich denn? Dies hier ist nichts für Museumsbesucher. Hier haben nur Experten Zutritt!«
»Herr Brüsken!«, rief Rick. »Wir müssen schnell weg!«
Das Erstaunen kehrte abrupt in Brüskens Mimik zurück. »Richard Schmidt! Was soll das? Erklären Sie mir das bitte!«
»Hier gibt es nichts zu erklären«, erwiderte Hans. »Es sei denn, Sie haben eine Erklärung dafür!« Damit zeigte er auf die schwebende Lichtkugel und den bedrohlichen Boten.
Brüsken schrie entsetzt auf. Er taumelte zurück und stieß dabei gegen einen Mann, der direkt hinter ihm stand. Dieser trug einen perfekt sitzenden Anzug, der alles andere als billig aussah. Sein Gesicht besaß asiatische Züge. »Was haben Sie hier gemacht?«, schrie Brüsken außer sich.
Die Kugel gewann zunehmend an Höhe und erreichte schließlich die Decke. Dort endete ihre Reise nicht. Sie glitt durch den Beton, als handelte es sich dabei um reine Luft. Untermalt wurde dieser Vorgang von einem knisternden Geräusch, das eine Ähnlichkeit mit dem sprühender Wunderkerzen besaß. Die Neonröhren flackerten und gingen mit einem lauten Knall aus.
Hans und Rick wechselten überraschte Blicke. Die Kugel bestand aus Stahl. Wie konnte sie da einfach durch Wände gehen?
Wenige Augenblicke später drangen aus dem Stock über ihnen entsetzte Schreie und schrilles Kreischen.
Hans drängten sich unvermittelt die alptraumhaften Bilder der U-Bahnstation in Seoul auf, als unzählige Fahrgäste, die auf den Zug gewartet hatten, von einer ähnlichen Kugel angegriffen worden waren. Ihre Silhouetten hatten sich in Boden und Wände der Station eingebrannt.
»Wären Sie so freundlich, mir zu erklären, was hier los ist?«, fragte der Mann hinter Brüsken. »Und wer sind diese beiden jungen Männer?«
»Entschuldigen Sie, Mr. Leng«, erwiderte Ricks Chef völlig aufgebracht. »Hier geschehen gerade äußerst sonderbare Dinge. Dies hier ist Richard Schmidt, mein Assistent. Die andere Person kenne ich nicht.«
»Mein Name ist Hans Schmeißer. Ich bin Mitarbeiter von Professor Frederic Tubb.«
»Tubb?« Mr. Leng starrte Hans eigenartig an. Kurz darauf schien er sich wieder im Griff zu haben. »Aber ja doch. Ich konnte mich nur nicht gleich an Ihren Namen erinnern. Wie geht es denn Ihrer überaus charmanten Kollegin?«
»Wir müssen hier weg«, überging Hans Lengs Frage. »Das gesamte Gebäude muss evakuiert werden, diese Kugel wird jeden umbringen, der ihr in den Weg kommt. – Woher kennen Sie überhaupt Tubb? Und woher wissen Sie, wer ich bin?«
Leng setzte ein mysteriöses Grinsen auf. »Ich bin auf der Suche nach denselben Fundsachen wie Sie. Herr Brüsken wollte so freundlich sein, mir diese zu zeigen. Aber anscheinend haben Sie mit dem Spaß bereits ohne mich angefangen.« Er griff in sein Jackett und zog eine Pistole hervor. »Das war sehr unklug von Ihnen, Mr. Schmeißer.«
Rick schrie auf, als er die Waffe sah.
»Was ist denn in Sie gefahren, Mr. Leng!« Rüdiger Brüsken schien mit der Situation völlig überfordert. Dem Krach und den Schreien zufolge, die von oben herunter drangen, leistete die Kugel bereits ganze Arbeit.
In der Tat rannten viele der Besucher, die sich im ersten Stock befanden, um ihr Leben. Zunächst hatten die meisten die Kugel für eine bloße Attraktion gehalten, mit der das Museum die Gäste bei Laune halten wollte. Doch als die ersten drei Besucher von dem gleißenden Licht versengt wurden, glaubte niemand mehr an einen Scherz. Im Nu brach Panik aus. Vitrinen und Ausstellungsstücke wurden von der rennenden Masse umgestoßen.
»Sie sagten mir, ich könnte mir in Ruhe diese Gegenstände ansehen«, zischte Leng. »Aber wie ich sehe, haben Sie mich belogen.«
»Ich konnte doch nicht wissen, dass …«
Ein heller Strahl schoss quer durch den Raum und zersplitterte eine Dämonenstatue. Die Metallrüstung schwebte etwa dreißig Zentimeter in der Luft und näherte sich ihnen.
»Um Gotteswillen!«, rief Brüsken. »Ich dachte immer, das ganze Material wäre reiner Schrott! Ein Scherz, den niemand verstand! Wie kann das denn überhaupt möglich sein?«
Die Ablenkung durch die Strahlen nutzte Hans sogleich aus. Mit einem gekonnten Schlag beförderte er Lengs Pistole aus dessen Hand. Sie sauste ein paar Meter durch die Luft, bevor sie auf dem Boden aufschlug und sich ein Schuss löste. Der zweite Schlag traf Leng ins Gesicht. Er taumelte mehrere Schritte zurück.
»Hauen wir ab!«, rief Hans.
Leng wollte sich auf ihn stürzen, doch im selben Moment zischte ein Strahl an ihm vorbei, der auf die Wand hinter ihm traf. Die Mauer zerfiel buchstäblich zu Staub. Die Decke, die durch die Position der Wand abgestützt worden war, krachte herunter.
Leng konnte sich gerade noch mit einem hechtenden Sprung retten. Mit einem tödlichen Blick fixierte er Hans. »Wir sehen uns wieder! Verlassen Sie sich darauf!« Er rannte die Stufen hinauf ins Erdgeschoss und verschwand in der tobenden Menge.
Der Bote schwebte an Hans, Rick und Brüsken vorbei, so, als hätte er auf einmal jegliches Interesse an ihnen verloren. Er gewann dabei an Höhe und entschwand durch das Loch in der Decke. Kurz darauf vernahmen sie erneut das Zischen seiner Strahlen.
»Wir sollten jetzt ebenfalls das Weite suchen«, bemerkte Hans. »Wenn dieses Gerät einmal loslegt, dann gibt es einfach keine Chance mehr.«
Brüsken stampfte verärgert mit seinem linken Fuß auf. »Ich möchte für all das eine Erklärung!«
»Wenn Sie wollen, können Sie ja hier bleiben, Professor Brüsken«, sagte Rick. »Aber ich schließe mich meinem Freund an.« Er wandte sich an Hans. »Weiter vorne im Keller gibt es ebenfalls einen Ausgang.«
Die Strahlen des Boten verwandelten schreiende Menschen in staubige Mumien. Getroffene Wände stürzten in sich zusammen und rissen dabei Teile der Decke mit sich. Die Stufen des Pergamonaltars säumten mehrere mumifizierte Körper. Als die Strahlen des Boten das Bauwerk selbst trafen, fiel es wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Währenddessen schwebte die Lichtkugel durch das Café, in dem zuvor noch Hans, Maki und Rick gesessen hatten. Eine der Kellnerinnen verglühte und wurde dabei in einen schwarzen Schatten transformiert, der sich in den Boden einbrannte. Auf die gleiche Weise traf es Mitglieder eines Seniorenclubs, die nicht schnell genug davon wegkamen.
Hans und Rick gelangten durch die Kellertür ins Freie. Brüsken folgte ihnen, wenn auch widerwillig.
Vor dem Museum standen bereits Polizeiautos und Krankenwagen. Besucher, die hinausgelangt waren, suchten sofort das Weite.
Eine Gruppe Polizisten, bewaffnet mit Pistolen und Maschinengewehren, machte sich gerade daran, in das Gebäude zu stürmen. Doch bevor sie den Befehl dazu erhielten, stürzte einer der Seitenflügel in sich zusammen.
»Die haben keine Chance«, sagte Hans. Kaum hatte er das gesagt, als die Fassade des Hauptgebäudes einfach umfiel. Der Blick in das offene Gebäude zeigte noch verbliebene Besucher, die vor dem Boten und der Lichtkugel flohen.
»Mein Gott, was ist das?«, hörten sie mehrere Polizisten rufen.
»Vielleicht können wir diese Dinger von hier erwischen«, mutmaßte einer der Beamten.
»Nicht nachdenken!«, brüllte einer der Vorgesetzten. »Machen Sie es, verdammt noch mal!«
Sofort gingen Maschinengewehre und Pistolen in Anschlag. Eine Sekunde später war die Luft erfüllt vom Knattern und Knallen der Waffen. Während die Lichtkugel keinerlei Reaktionen zeigte, sprühten von der schwarzen Metallrüstung unzählige Funken.
Der Bote drehte sich langsam, beinahe in Zeitlupe, in die Richtung, aus der die Schüsse kamen. Für einen Moment schwebte er reglos im zweiten Stockwerk des Museums. Schließlich erwiderte er die unzähligen Kugeln mit seinen grellweißen Strahlen.
Polizisten fielen als Mumien zu Boden und Autos wurden innerhalb eines Wimpernschlags zu rostigen Karosserien transformiert.
Ein lautes Ächzen übertönte auf einmal die Kampfgeräusche.
Das Hauptgebäude schwankte. Mit einem ohrenbetäubenden Lärm stürzte das Dach ein. Als würde der Bote eine Gefahr wittern, hörte er für einen Moment auf, seine Strahlen auf die Polizisten abzufeuern.
Das Ächzen verstärkte sich. Die Decke stürzte auf die Metallrüstung und riss sie zu Boden. Schließlich brachen beide Stockwerke durch. Das Museum zerfiel zu einem Haufen Schutt und begrub dabei den Boten als auch die Leuchtkugel unter sich.
»Das darf nicht wahr sein!«, jammerte Brüsken. »All diese Kunstschätze! Verloren! Unwiederbringlich verloren!«
»Seien Sie froh, dass Sie noch am Leben sind«, sagte Hans. Ihm ging der Professor ziemlich auf die Nerven.
Brüsken schoss zu ihm herum, als wäre er in den Rücken gestochen worden. »Sie! Sie! Das ist alles Ihre Schuld! Sie haben all diesen Schaden verursacht! Dafür werden Sie büßen!«
»Nur mal halblang«, verteidigte sich Hans. »Wenn Sie jemanden was in Rechnung stellen wollen, dann bitte meiner Kollegin. Die hat mit allem angefangen. Zweitens scheinen Sie überhaupt nicht zu kapieren, um was es hier geht. Und drittens möchte ich von Ihnen wissen, wieso Sie mit diesem Mr. Leng aufgetaucht sind.«
»Das geht Sie überhaupt nichts an«, rief Brüsken außer sich.
Hans beugte sich leicht vor. »Das tut es wohl, Herr Brüsken. So wie es aussieht, kennen Sie Frederic Tubb nicht. Wahrscheinlich haben Sie auch noch nie von der Hyperzivilisation gehört. Meine Kollegin kam gerade erst aus New York und erzählte mir, was dort alles geschehen ist. Unter anderem berichtete sie von einem gewissen Victor Leng, dessen Männer sie bedroht haben und der über Leichen geht, um an das Geheimnis der Hyperzivilisation heranzukommen. Wieso also zeigen Sie einem üblen Verbrecher diese Fundsachen?«
Rüdiger Brüsken presste auf einmal seine Lippen aufeinander. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines Jungen, dem von einer Sekunde auf die andere gewahr wurde, dass er etwas ziemlich Schlimmes angestellt hatte. »Gehen wir ein paar Schritte. Ich ertrage den Anblick des zerstörten Museums nicht.«
Alle drei entfernten sich von dem riesigen Schutthaufen, der einmal das Museum gewesen war.
»Ich kenne keinen Frederic Tubb, muss ich gestehen«, fuhr Brüsken fort. »Victor Leng stellte sich mir als sachkundiger Archäologe vor, der Interesse an ein paar eigenartigen Stücken zeigte, die von einer Expedition Mitte der Dreißiger aus Tibet hierher gebracht worden waren. Er behauptete, Informationen darüber habe er von einer gewissen Eleonora Mason erhalten, einer Archivarin, die anscheinend kürzlich verstorben sei.«
»Verstorben ist gut«, entgegnete Hans. »Leng hat sie sicherlich ermordet, nachdem er an seine Informationen gekommen war.«
Brüsken blieb stehen. Auf der Straße neben ihnen heulten mehrere Feuerwagen vorbei. »Und woher haben Sie überhaupt Ihre Informationen? Was meinen Sie mit Hypergesellschaft? Und wer ist dieser ominöse Herr Tubb?«
»Frederic Tubb ist Experte für außergewöhnliche Phänomene und Artefakte. Ich und Maki Asakawa sind seine Assistenten. Vor einiger Zeit kamen wir in Kambodscha auf die Spur eben dieser Hyperzivilisation. Es handelt sich dabei um eine Kultur, die vor den Menschen existiert hat. Niemand weiß Genaueres über sie, viele halten das alles für bloße Legende. Aber sie existierte. Und vielleicht existiert sie sogar noch immer. Ein Wissenschaftler namens Paul Symmes behauptete jedenfalls, dass noch Reste dieser Kultur innerhalb unseres Planeten leben könnten. Und Tubb, Maki und ich haben ebenfalls unliebsame Bekanntschaft mit Maschinen und anderen Dingen gemacht, die wahrscheinlich zu dieser Hyperzivilisation gehören.«
Trotz seiner Bestürzung über das zerstörte Museum brachte Brüsken eine Art Grinsen zustande. »Es tut mir leid, aber ich muss Ihnen sagen, dass ich bisher noch nie, auch nicht in Ansätzen, einen solchen Unfug gehört habe.«
Hans fühlte sich, wie vor den Kopf gestoßen. »Dann glauben Sie mir nicht?«
»Ich habe den Namen Paul Symmes noch nie gehört. Und dass Sie sich zusammen mit Ihrem sogenannten Professor und Ihrer Kollegin mit einem solchen Schund beschäftigen, zeigt nur, wie töricht manche Wissenschaftler sind. Was heißt Wissenschaftler! Ha! Ich denke, Wichtigtuer oder Scharlatan passt besser. Falls Sie es noch nicht wissen, ich betreibe hier ernsthafte Wissenschaft. Keinen Hokuspokus oder irgendwelchen Schamanismus. Wenn Sie etwas Gruseliges erlebt haben, dann gehen Sie besser nach Freiburg zu diesen Spinnern der Parapsychologie!«
»Aber Professor Brüsken«, wandte Rick ein. »Sie haben doch diese Rüstung und diese Lichtkugel gesehen! Das ganze Museum ist zerstört! Wie wollen Sie denn das alles erklären?«
Brüsken drückte seinen Zeigefinger gegen Ricks Brust. »Mein lieber Herr Schmidt, ich muss schon sagen. Sie lassen Fremde einfach in die Katakomben des Museum herumspazieren und zeigen ihnen Dinge, die nur der Expertenwelt vorbehalten sind. Sie haben mich hintergangen. Sie sind auf der Stelle entlassen! Und wie ich mir das alles erkläre? Ich gestehe, dass ich keine Ahnung habe. Aber irgendeine logische Erklärung wird es geben. Da bin ich ganz sicher. Und diese Erklärung, Herr Schmeißer, wird garantiert nichts mit einer lachhaften Hyperzivilisation zu tun haben. Und jetzt guten Tag, meine Herren. Sie werden verstehen, wenn ich mich von den Geschehnissen erholen muss.«
Hans und Rick blickten dem Professor nach, wie dieser schnaufend von dannen schritt.
»Na immerhin habe ich mit ihm gesprochen, ohne vorher einen Termin von seiner Sekretärin erhalten zu haben.«
»Und ich bin erst mal meinen Job los«, fügte Rick hinzu.
»An deiner Stelle hätte ich meine Stelle bei diesem Blödmann schon längst hingeschmissen. Aber ich kenn dich ja, für Geld machst du so ziemlich alles. Ein anderes Problem betrifft Maki. Wie sollen wir sie wieder zurückholen?«
Rick ließ seine Schultern hängen. »Das ist in der Tat schwer, da wir nicht einmal wissen, wohin sie geraten ist.«
4
Die Cafeteria trug den bezeichnenden Namen Paranormal. Sie lag im Erdgeschoss des Zentralgebäudes der LOGE. Ihr Innendesign konnte sich mit dem modischer Cafés durchaus messen lassen. Angenehme Lehnstühle und weiche Sitzbänke, die sich um niedrige Glastische gruppierten. Das einzige Problem stelle die Farbe dar. Es ging das Gerücht um, dass ein Beamter seinen Haken an der falschen Stelle des Katalogs gemacht hatte. Eine Woche später lieferte ein Möbelhaus die gewünschten Möbel in einem grässlichen Grün. Das allein war noch nicht das Schlimmste. Denn die Farbe passte keineswegs zu den hellorangenen Wänden und dem tristen Grau des Teppichbodens. Somit erhielt der Name des Lokals bei den Mitarbeitern eine doppelte Bedeutung.
An den Wänden hingen eingerahmte Fotos von schrecklichen Monstern, Geistererscheinungen und ungeklärten archäologischen Funden. Spooky, der Leiter der Cafeteria, hatte die Tische mit Leuchten in Form von Halloweenkürbissen geschmückt.
Frederic Tubb und John Arnold saßen an einem der Fensterplätze. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben. Arnold zog genüsslich an seiner Zigarette, während vor ihm ein leeres Whiskeyglas stand.
Tubb versuchte mit seinem Handy, Maki zu erreichen, bekam aber keinen Kontakt. Als er nach der Nummer von Hans suchte, der sich seit Kurzem doch ein Handy zugelegt hatte, geschahen zwei Dinge beinahe gleichzeitig.
Zum einen stürmte Steven Bauman in die Cafeteria und teilte ihnen aufgeregt mit, dass das Pergamonmuseum in Berlin eingestürzt sei. Zum anderen erhielt Tubb einen Anruf von Hans, der ihm aufgeregt erzählte, dass Maki spurlos verschwunden sei und ein Bote zusammen mit einer Lichtkugel das Museum zerstört habe.
Tubb fühlte, wie es ihm kalt den Rücken hinunterlief. »Verschwunden? Was soll das heißen?«
Daraufhin erklärte Hans, was sie in dem Keller des Museums gefunden hatten und auf welche Weise Maki sich auf einmal in Luft aufgelöst hatte. »Und außerdem ist hier ein gewisser Victor Leng aufgetaucht«, fügte Hans noch hinzu. »Ich glaube, er hat diese Archivarin, die Maki getroffen hat, umgebracht.«
Tubb forderte Hans auf, Makis Sachen aus dem Hotel zu holen und so schnell wie möglich nach London zu kommen.
»Da haben Ihre beiden Mitarbeiter also ganze Arbeit geleistet«, sagte Arnold.
»Maki Asakawa ist spurlos verschwunden«, erwiderte Tubb. Er spürte, wie seine Hand vor Nervosität zitterte. Dies hatte nicht nur damit zu tun, dass niemand sagen konnte, was mit Maki tatsächlich geschehen war, sondern auch damit, dass plötzlich die Erinnerungen an das Verschwinden seiner Frau über ihn hereinbrachen. Was, wenn bei Kathrin ein ähnlicher Apparat eine Rolle gespielt hatte?
»Irgendwann müssen Sie mich über Ihre eigentliche Beziehung zu Miss Asakawa aufklären.«
»Etwas anderes fällt Ihnen wohl nicht ein, was?«
Arnold drückte seine Zigarette aus. »Sie wissen selbst, dass diese Arbeit mit Risiken verbunden ist. Tut mir Leid, wenn ich das sagen muss, aber ich habe schon viele Leute dabei draufgehen gesehen.«
»Wieso werden Sie nicht einfach Seelsorger? Sie könnten mit Ihren Aussagen sicher vielen Leuten Trost spenden.«
Steven Baumans Handy klingelte. Während er den Anruf annahm, entfernte er sich ein paar Schritte, nur um gleich wieder an den Tisch zurückzukehren. In seinen Augen spiegelte sich großes Erstaunen.
Arnold blickte Bauman mit sichtlicher Skepsis an. »Sagen Sie jetzt nicht, dass noch etwas zerstört wurde.«
»Das kam eben von der Funkzentrale«, sagte Bauman. »Die Leute dort haben tatsächlich ein Signal aufgefangen, das sie nicht deuten können. Und raten Sie mal, woher er stammt.«
»Tibet«, antwortete Tubb.
Bauman nickte. »Etwa fünfzehn Kilometer entfernt von dem Kloster, über das Sie zuvor gesprochen haben.«
»Doch nicht etwa Samyai?«, erkundigte sich Arnold.
»Genau so ist es«, antwortete Bauman.
»Hat sich Wyndham schon wegen des Umschlags gemeldet?«, hakte Tubb nach.
Bauman machte ein nachdenkliches Gesicht. »Soviel ich mitbekommen habe, wird er nicht schlau daraus. Die Laserbestrahlung ergab kein bekanntes Spektrum, was soviel heißt, dass wir es hier mit einem unbekannten Material zu tun haben. Das Papier, auf dem der Text getippt wurde, ist allerdings gewöhnlich. Eine Altersbestimmung des Materials hat er noch nicht durchgeführt.«
»Muss er auch nicht«, sagte Tubb. »Es dürfte offensichtlich sein, dass Schäfer dieses Stück aus Shangri-La hat.«
»Was sollen wir jetzt machen?«, wollte Bauman wissen.
»Sie können sich freinehmen«, antwortete Tubb, was bei Bauman ein breites Grinsen hervorrief. »Arnold und ich haben noch ein paar Dinge zu besprechen.«
»So, haben wir das?«, fragte Arnold, nachdem sich Bauman entfernt hatte.
»Wir müssen eine Expedition nach Tibet zusammenstellen«, erklärte Tubb. »Es ist wichtig, dass wir herausfinden, was es mit Shangri-La wirklich auf sich hat. Wir benötigen dafür einen Ihrer Leute. Sie wissen, wen ich meine.«
»Sam Richards. Wen sonst.«
»Falls wir irgendwie in Bedrängnis geraten.«
»Und Sie glauben wirklich, dass es so einfach ist, mit einem bis zu den Zähnen bewaffneter Major nach Tibet zu gelangen? Ich wette, Sie sind schneller in irgendeinem chinesischen Verließ verschwunden, als Sie überhaupt denken können.«
»Dann lassen Sie sich etwas einfallen«, erwiderte Tubb. »Sie haben das nötige Knowhow, nicht ich.«
John Arnold zog mit nachdenklicher Miene eine weitere Zigarette aus der Schachtel. »Vielleicht kann ich was über ein paar Freunde organisieren. Ist allerdings ein Prototyp. Sie nennen es Mr. Invisible.«
»Klingt wie ein Comicheld.«
»Ist aber ein Transporter mit Stealth-Funktion. Kann sich dank Nanotechnologie anscheinend unsichtbar machen. Jedenfalls fast. Und das Gute dabei ist, dass dieses Teil senkrecht starten und landen kann. Das heißt soviel wie scheiß auf die lebensgefährlichen Landebahnen in Tibet. Aber wie gesagt, ist ein Prototyp. Wenn wir abgeschossen werden, ist das Ihr Problem.«
»Klingt zumindest nach etwas.«
»Und weiter?«, fragte Arnold.
»Wie und weiter? Wir warten, bis Hans hier ist. Danach rufen Sie Richards.«
»Nach Ihrer Miss Asakawa wollen Sie nicht suchen?«
John Arnold schaffte es immer wieder, die Stimmung zu drücken. »Wir wissen nicht, was mit ihr geschehen ist. Und diesen merkwürdigen Apparat können wir ebenfalls nicht untersuchen, da er unter Tonnen Schutt begraben liegt. Das heißt soviel wie, dass wir für Maki gar nichts tun können.« Während Tubb dies sagte, spürte er, wie es ihm die Kehle zuschnürte.
»Also gut, Tubb, es ist Ihr Programm. Drücken Sie auf Start und die Sache geht los.«
»Dann auf nach Tibet.«
5
Steven Bauman stieg aus seinem Auto in der Tiefgarage seines Wohnhauses. Seit er das Zentralgebäude der LOGE verlassen hatte, wurde er den Verdacht nicht los, dass ihm jemand nachspionierte. Bei Blicken in den Rückspiegel konnte er allerdings nie etwas Verdächtiges feststellen.
Er schritt durch die nach Abgasen stinkende Garage zum Aufzug. Na toll, irgendjemand hatte in der Kabine mal wieder sämtliche Knöpfe gedrückt, und der Aufzug hielt erst mal an jedem Stockwerk, bis er endlich bei ihm ankommen würde.
Auf einmal packten ihn schwielige Hände und knallten ihn gegen die Aufzugstür. »Was soll das? Nicht mehr ganz klar im Kopf?«
Jemand tastete ihn nach einer Waffe ab. Darauf wurde er unsanft herumgedreht.
Steven Bauman blieben die Worte im Rachen stecken, als er den elegant gekleideten Mann vor sich sah. Er wurde eingerahmt von einem regelrechten Hünen, der ihn mit geröteten Augen anstarrte, und einem schlanken, widerwärtig aussehenden Gaunertypen, dessen Anzug nicht nur zerknittert, sondern deutlich zu klein war. Der Mann in der Mitte besaß leicht chinesische Züge. Er wirkte äußerst gepflegt. Seine Augen jedoch zeigten alles andere als Mitgefühl.
»Sicherlich haben Sie bereits von mir gehört«, begann der Mann. »Mein Name ist Victor Leng. Ich weiß, dass Sie mit Frederic Tubb zusammenarbeiten. Daher meine Frage: Was ist sein nächstes Ziel?«
»Wieso fragen Sie ihn nicht selbst?« Bauman lauschte auf das Geräusch des Fahrstuhls, doch dieser ließ sich Zeit.
»Sagen wir einmal so, Mr. Tubb und ich sind nicht unbedingt das, was man als Freunde bezeichnen könnte. Ich hoffe also, Sie zeigen ein wenig Kooperation.«
Der Hüne sowie der Gauner knackten mit ihren Fingerknochen.
TEIL DREI: SHANGRI-LA
1
Atisha gehörte seit etwa zwei Monaten dem Kloster an. Er verrichtete die Arbeiten eines Novizen. Er selbst bezeichnete seine bisherigen Wochen hier in einem der wohl abgelegensten Orte der Welt als Probezeit. Seinen Wunsch, Mönch zu werden, trug er bereits seit seiner Jugend mit sich herum. Nun war er einundzwanzig Jahre alt und sehnte sich im Grunde genommen nicht nach seinem weltlichen Leben zurück. Trotzdem verspürte er seit ein paar Tagen eine seltsame Unruhe in seinem Herzen. Er konnte sich das selbst nicht genau erklären. Irgendetwas ging in ihm vor. Atisha traute sich nicht, mit seinem Meister darüber zu reden. Jedenfalls noch nicht. Er wollte zunächst versuchen, die Quelle seiner Nervosität selbst zu ergründen.
Ein eisiger Wind wehte vereinzelte Schneeflocken über den alten Klosterhof. Atisha hatte die Aufgabe erhalten, den Boden zu kehren. Sein Meister stattete zurzeit einen Besuch bei einem anderen, weit entfernten Kloster ab. Er würde frühestens morgen Früh wieder zurückkehren. Außer Atisha befanden sich noch sieben Mönche in dem Kloster. Ein jeder von ihnen verrichtete eine andere Tätigkeit. Um fünf Uhr, das hieß in zwei Stunden, würde es Abendessen geben. Danach standen Meditationen an.
Ein lauter werdenden Heulen unterbrach seine Tätigkeit. Er blickte hinauf in den Himmel. Außer dunkelgrauen Wolken konnte er nichts erkennen. Aber er war sicher, dass das Heulen aus der Luft kam. Schließlich erreichte es eine solche Lautstärke, dass Atisha sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zuhielt. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie die übrigen Mönche neugierig und erschrocken zugleich aus dem Tempel und der Küche liefen. Alle schauten nach oben. Er sah zwar, wie sich ihre Münder bewegten, konnte aber nichts von dem verstehen, was sie sprachen.
So schnell, wie das entsetzliche Geräusch begonnen hatte, verstummte es auch wieder. Die Stille, die danach herrschte, hatte etwas Gespenstisches an sich.
»Ob das die aus dem Tal sind?«, fragte einer der Mönche.
Die übrigen schüttelten ihren Kopf. »Bisher ist keiner hierher gekommen.«
Atisha wusste, wovon sie sprachen. Das Tal bezeichnete ein seltsames Gebiet in den Bergen. Von dort gingen in manchen Nächten eigenartige Lichterscheinungen aus. Auch konnte man, wenn der Wind aus dieser Richtung kam, ein unheimliches Stampfen hören. Atisha kannte ein paar Legenden, die sich um dieses Gebiet rankten. Zum einen hatte ihm sein Meister darüber erzählt, zum anderen der alte Einsiedler, den er manchmal besuchen sollte, um ihn mit Lebensmitteln zu versorgen.
Als nach dem Heulen keine weiteren außergewöhnlichen Dinge folgten, zuckten die Mönche nur mit den Schultern und kehrten zurück an ihre Arbeit. Auch Atisha machte sich wieder daran, den Boden aufzukehren.
Doch kaum hatte er begonnen, den Besen zu schwingen, als ein weiteres Ereignis dazwischenkam.
Jemand klopfte von außen gegen das Tor.
Atisha rührte sich nicht.
Das Klopfen wiederholte sich.
Einer der Mönche trat aus der Küche und rief ihm zu: »Willst du nicht öffnen? Da draußen steht jemand!«
Also löste er sich aus seiner Starre, schritt über den Hof und schob den Riegel des schweren Holztors zurück. Da das Tor etwas schief stand, schwang der linke Flügel wie von selbst auf.
Vor ihm standen vier Männer, einer davon ein Soldat.
Sein Herz gefror zu Eis.
Etwa eine Durchsuchung?
Erst beim zweiten Blick wurde ihm bewusst, dass er es mit keinen Chinesen zu tun hatte. Der Mann, der an vorderster Stelle stand, besaß ein fast asketisches Profil. Seine rotbraunen Haare wirkten ungeordnet, so, als wäre seine Frisur vom Wind durcheinandergebracht worden. Hinter ihm stand ein dicklicher Mann mit rundem Kopf und hellblonden Haaren. Der Mann daneben besaß ein kantiges Gesicht, hatte kurze schwarze Haare und rauchte eine Zigarette. Der Soldat trug einen weißen Tarnanzug und Spiegelbrille. Gegenüber ihren Staturen kam sich Atisha wie ein Strohhalm vor.
»Was … Wer sind Sie?«, stotterte er. Die angespannte Situation erdrückte ihn beinahe.
Der asketische Mann reichte ihm die Hand. »Mein Name ist Frederic Tubb. Ich bin Wissenschaftler. Dies hier ist mein Assistent Hans Schmeißer. Dieser Zigarettenraucher heißt John Arnold. Und der Mann in Weiß heißt Sam Richards.«
Atisha brachte keine Erwiderung zustande.
Der Mann namens Tubb grinste. »Ich war schon einmal hier in diesem Kloster. Aber an dich kann ich mich nicht erinnern.«
»Ich bin Atisha«, zwang er sich endlich zu einer Antwort. »Ich bin Novize und erst seit zwei Monaten hier. Aber vielleicht kennen Sie einen der Mönche.«
»Und Meister Samten? Ist er auch hier?«
»Mein Meister besucht gerade ein anderes Kloster«, antwortete Atisha. »Morgen früh ist er wieder hier.«
»Atisha!« rief auf einmal jemand hinter ihm. »Lass unsere Gäste nicht vor dem Tor stehen, sondern bitte sie herein!«
Eine Hand drückte ihn sanft zur Seite.
»Es freut mich, dich wieder zu sehen, Frederic Tubb.«
»Gampopa?«
Beide umarmten sich herzlich.
Gampopa war Anfang vierzig. Wenn Meister Samten nicht da war, leitete er das Kloster. »Es ist lange her.«
»Drei Jahre«, sagte Tubb. »Seitdem halten wir den Schneemenschen bei angenehm kühlen Temperaturen in London.«
»Er war eine richtige Plage. Aber tritt ein. Meister Samten hat dein Fax erhalten. Am besten, ihr wärmt euch zunächst bei einer Tasse Tee auf.«
2
Tubb kam die Versammlungshalle, an deren Ende eine große, goldene Buddhastatue auf ihn herabblickte, nur unwesentlich wärmer vor als die Minusgrade, die draußen herrschten.
Der Flug in dem Stealth-Transportflugzeug hatte überraschend gut geklappt. Auch wenn es sich bei dem Prototyp um eine ausrangierte Tupolev handelte, hatte niemand von ihnen einen Schraubenzieher in die Hand nehmen müssen. Noch am Flughangar in der Nähe des Lake District hatte sich Tubb davon überzeugen können, dass die Außenhülle der Maschine zwar nicht unsichtbar, doch zumindest nicht deutlich zu erkennen war. Nun bestand ein Problem jedoch darin, dass das Flugzeug bei der senkrechten Landung tief in den Schnee eingesunken war. Dies hatte einen Teil der Nanopartikel abgerieben, sodass die untere Hälfte des Flugzeugs sichtbar glänzte. Sie konnten also nur hoffen, dass sich keine chinesischen Soldaten hierher verirrten.
Frederic Tubb sowie alle anderen saßen im Lotussitz auf flachen Polstern, während ihnen ein Mönch grünen Tee in schmale Tontassen einschenkte.
Hans hatte so seine Schwierigkeiten, da er seine Beine nicht richtig anwinkeln konnte. Daher hockte er verkrampft neben Tubb und stützte sich mit seiner linken Hand am Boden ab, während er mit der andern seine Tasse hielt.
»Was verschafft uns die Freude, dich hier wieder zu sehen?«, begann Gampopa, worauf er an der Tasse nippte.
»Shangri-La«, antwortete Tubb. Er beobachtete dabei Gampopa, wie dieser bei dem Namen aufhorchte.
»Habe ich das eben richtig verstanden? Du suchst nach dem legendären Shangri-La?«
»Aus diesem Gebiet wird ein eigenartiges Funksignal gesendet, das bisher niemand decodieren konnte. Wie wir herausgefunden haben, besteht dieses Signal seit über siebzig Jahren.« Einer der Funker, der die Funkpeilung durchgeführt hatte, hatte es Tubb in dem Zentralgebäude vorgespielt. Es bestand aus unerklärlichen Quietschlauten, die einem nicht erkennbaren Muster folgten. Nach etwa zwei Minuten herrschte für fünf Sekunden Stille, bevor es wieder von vorne begann. Neben dieser nicht zu dechiffrierenden Signalfolge gab eine andere Sache Tubb ebenfalls zu denken. An wen richteten sich diese Signale? Und aus welchem Grund wurden sie seit so geraumer Zeit gesendet?
Gampopa trank seiner Tasse leer und stellte sie vor sich auf den blank geputzten Boden. »Also Shangri-La. Wie du sicherlich weißt, gibt es viele Gerüchte über dieses Gebiet. Für uns Buddhisten ist es ein heiliger Ort. Ein Ort der Erleuchtung, dessen Existenz allerdings unterschiedlich interpretiert wird. Für die einen ist es ein rein spirituelles Ziel, für andere eines der letzten Geheimnisse unserer Welt.«
Tubb nickte. »So weit ich weiß, verwaltest du die alten Schriften dieses Klosters. Dann hast du sicherlich von Bruce Dolan und Karl Schäfer gehört, die in den dreißiger Jahren versuchten, Shangri-La zu finden.«
Gampopa strich über den Henkel der Tasse. »Unter den Schriften existieren in der Tat Berichte und Tagesbücher. Es gibt Erwähnungen über Expeditionen, die in den Bergen nach diesem Ort suchten. Wahrscheinlich erhofften sie sich dadurch enormen Reichtum oder Ähnliches.«
»Bevor ihr hier weiter fachsimpelt, möchte ich die Sache gerne etwas beschleunigen«, unterbrach Arnold das Gespräch. »Die Funksignale, Mr. Gumpopa, stammen aus einer Region, die keine fünfzehn Kilometer entfernt von diesem Kloster liegt. Ich vermute also, dass Sie schon einmal dort gewesen sind oder zumindest irgendetwas bemerkt haben, das Sie zum Nachdenken gebracht hat.«
Der Mönch verneigte sich leicht. »Da haben Sie nicht unrecht. Seit einiger Zeit beobachten wir nachts ein seltsames Leuchten, das aus einem Gebiet in den Bergen stammt. Hinzu kommen manchmal eigenartige Laute, so wie das Stampfen und Schmauchen einer gewaltigen Maschine. In der Nähe dieser Region lebt ein alter Einsiedler. Ich selbst habe ihn schon lange nicht mehr besucht, doch unser Novize Atisha geht einmal wöchentlich hin, um ihm Essen und Kleidung zu bringen. Er ist zwar ziemlich ängstlich, doch gleichzeitig extrem neugierig. Mich würde es nicht wundern, wenn er einmal einen Abstecher in dieses Gebiet gewagt hat.«
Hans setzte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht in eine andere Position. »Wieso sind wir eigentlich nicht mit dieser Schrottmaschine drüber geflogen? Dann wüssten wir jetzt bescheid und könnten getrost Urlaub nehmen.«
John Arnold zog seine Zigarettenschachtel hervor. »Das Gebiet hier gilt als recht tückisch. Richards kann ein Lied davon singen.«
»Ich muss Sie bitten, hier nicht zu rauchen«, wies ihn Gimpopa darauf hin.
Arnold betrachtete sehnsuchtsvoll die zerknitterte Schachtel. Schließlich steckte er sie wieder weg.
Seit dem Abflug trug Sam Richards eine Katerstimmung mit sich herum. Während der gesamten Reise hatte er so gut wie kein Wort gesprochen. Es hatte ihn genervt, dass Arnold ausgerechnet ihn als Begleitschutz ausgewählt hatte, obwohl dieser wusste, dass er erst kürzlich seinen lang ersehnten Urlaub angetreten hatte. Zudem hatte ihn Julia Gibson, mit der er seit den Geschehnissen auf der Expedition zusammen gewesen war, einfach sitzen lassen. Soviel er wusste, hatte sie sich einen bekannten Fernsehmoderator geangelt. Julia hatte von Anfang an davon geschwärmt, Karriere in diesem Medium machen zu wollen. »Sir, erfahrene Flieger sprechen immer wieder davon, dass ab einem bestimmten Punkt die Messinstrumente nicht mehr richtig funktionieren. Ähnlich wie im Bermuda-Dreieck, so kommt es auch hier zu außergewöhnlich vielen Abstürzen. Bisher konnte keine Ursache dafür gefunden werden. Allerdings wurde dieses Gebiet auch noch nicht sonderlich gut untersucht. Die chinesische Regierung lässt nicht gerne Ausländer in diese Region. Auch keine Forscher, Sir.«
»Ich kann Ihrer Aussage zustimmen«, betonte der Mönch. »Es kommt hier in der Tat öfters zu tragischen Abstürzen. Ihre Entscheidung war daher gut, nicht darüber hinweg zu fliegen. Vielleicht hätten Sie es nicht überlebt.«
»Verstanden. Vorwurf zurückgenommen. Kann ich dafür noch was von dem Tee haben?« Hans hielt seine Tasse in die Höhe.
Gumpopa grinste und klatschte zweimal in die Hände. »Sie haben sich kein bisschen verändert, Herr Schmeißer.«
»Ich hoffe, dass meinen Sie jetzt nicht positiv«, knurrte Arnold.
Der Mönch, der zuvor den Tee ausgeschenkt hatte, kehrte in die Halle zurück und füllte die Tassen auf. Als er Gumpopa nachschenkte, flüsterte dieser ihm etwas zu.
Kurz nachdem der Mönch verschwunden war, betrat Atisha die Halle. Er betrachtete die Anwesenden furchtsam, da er nicht wusste, weswegen er gerufen worden war.
»Komm zu uns.« Gumpopa winkte ihm zu. »Du besuchst doch öfters den alten Mann in den Bergen. Ist dir da nie etwas Sonderbares aufgefallen? Du weißt, was ich meine. Etwas, das mit dem verbotenen Tal zu tun hat.«
Atisha klopfte das Herz bis zum Hals. Hatte Gumpopa gemerkt, dass er sich manchmal diesem unheimlichen Gebiet näherte?
»Du brauchst keine Angst zu haben«, bemerkte Tubb. »Wir interessieren uns lediglich dafür. Daher sind wir für jede Information dankbar.«
Atisha warf einen flüchtigen Blick auf Gumpopa, um zu sehen, ob dieser tatsächlich keine Verärgerung zeigte. Da dieser seine Augen wie zur Meditation geschlossen hielt, fühlte Atisha, dass seine Situation nicht unbedingt kritisch war. Er verbeugte sich kurz und sagte: »Ich habe manchmal merkwürdige Gestalten beobachtet, die gelegentlich aus dem Tal kommen. Sie tragen dunkle Umhänge und verstecken ihre Gesichter hinter Masken. Einmal musste ich mich sogar vor ihnen verstecken, da sie in meine Richtung liefen.«
»Hast du gesehen, was diese Gestalten machen?«, fragte Tubb.
Atisha schüttelte seinen Kopf. »Vielleicht suchten sie etwas. Ich habe keine Ahnung.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »In der Nacht gibt dieser Ort einen seltsamen Schein von sich, der die Berge erhellt. Und dann ist da noch dieses Stampfen.«
»Davon haben wir bereits gehört.« John Arnold zeigte sich enttäuscht, da er nichts Genaueres über Shangri-La erfahren hatte.
Frederic Tubb dankte Atisha für die Informationen.
»Was werdet ihr also tun?«, fragte Gumpopa.
»Wir werden das Gebiet morgen aufsuchen«, beschloss Tubb. »Vielleicht kann uns Atisha bis zu einem gewissen Punkt begleiten, damit wir uns nicht verlaufen.«
»Hast du keinen Kompass dabei?« Hans wechselte erneut seine Position.
»Wenn das mit den Navigationssystemen der Flugzeuge stimmt, dann nutzt uns auch kein Kompass«, meinte Arnold.
Gumpopa rieb sich die Hände. »Gut. Doch zuerst solltet ihr euch stärken. Meine Brüder bereiten soeben das Essen vor.«
Hans grinste. »Dafür bin ich immer zu haben.«
3
Die Kammer, die Tubb und Hans sowie Arnold und Richards zur Übernachtung erhalten hatten, stellte sich als so eng heraus, dass Hans sich fragte, wie es vier Personen darin aushalten konnten. Auf dem leicht angehobenen Holzboden lagen dicke Matten sowie Wolldecken. Ein Haufen weiterer Decken am rechten Ende der Holzfläche machte den Schlafplatz noch enger. Hans erhielt natürlich den Platz genau daneben. So wie es aussah, nisteten wahrscheinlich ein paar Spinnen zwischen den Stoffschichten, die in der Nacht über sein Gesicht krabbeln würden. Er hasste diese Viecher. Schon beim Anblick eines kleinen Exemplars bekam er einen Starrkrampf.
Dementrpechend schlief Hans schlecht, während er Arnold, Tubb und Richards nach wenigen Minuten tief atmen hörte. Diese drei hatten zuvor mit Gumpopa einen Kräutertee getrunken, auf den Hans lieber verzichtet hatte. Er befürchtete nämlich, nachts plötzlich aufs Klo zu müssen, was bei dieser Kälte und dieser Finsternis ein unangenehmer Gedanke war.
Aus den Stoffschichten vernahm er ab und zu ein unheimliches Rascheln. Sein Herz schlug dabei heftig gegen seinen Brustkorb. Er war nahe daran, Tubb aufzuwecken, um mit ihm die Plätze zu tauschen, ließ es dann aber doch sein. Die Geräusche verfolgten ihm bis in seine Träume. Er beobachtete darin eine gespenstische, dürre Frau in einem weißen Gewand, die ächzend über den Hof schlurfte. Ihr Schlurfen näherte sich seinem Schlafplatz. Vor Angst gab Hans keinen Mucks von sich. Der Holzboden knarrte, als sich diese unheimliche Frau neben ihn hinlegte … - Hans öffnete erschreckt seine Augen. Er lag mit dem Gesicht zu den Stoffballen. Und starrte direkt in das fahle, vom Mond beschienene Gesicht einer Frau.
Er sprang schreiend auf als hätte ihn eine Tarantel gestochen.
Doch die Frau verschwand nicht. Sie kroch aus den Stoffdecken und richtete sich auf. »Hast du nicht mehr alle Tassen im Schrank?«
Hans glaubte, einer Ohnmacht nahe zu sein.
Hinter ihm regten sich die anderen.
»Irgendein Problem?«, hörte er Richards murmeln.
»Das darf doch nicht wahr sein!« Tubb stand auf und drängte sich an Hans vorbei. »Maki? Wie um alles in der Welt kommst du hierher?« Er legte seine Hände auf ihre Schultern.
»Du … du lagst die ganze Zeit neben mir?«, krächzte Hans.
»Und musste deinen üblen Mundgeruch ertragen«, fügte sie hinzu. »Wegen dir bin ich doch überhaupt in diese idiotische Lage gekommen.«
Hans lachte verdutzt auf. »Wegen mir? Du musstest doch unbedingt an diesem dämlichen Apparat herumfummeln.«
»Weil du und dein Freund nur herumgestanden und doofe Sprüche geklopft habt. Ich hab nicht mal was Gescheites anzuziehen.« Sie trug noch immer ihren dunklen Pullover, ihre blaue Jeans sowie ihre braune Herbstjacke. Für dieses Klima eindeutig zu dünn.
»Dann hättest du dir eben etwas Wärmeres anziehen sollen.«
»Wer hat denn gesagt, in Berlin wäre es zwar kalt, aber nicht so kalt?«
»Kriegt euch wieder ein, Kinder«, fuhr Tubb dazwischen. »Wenn jemand Schuld hat, dann sicherlich ich. Ich habe euch beide in das Museum geschickt. Es wäre besser gewesen, wenn ich die Sache alleine in die Hand genommen hätte.«
Maki schaute verlegen zu Boden.
»Kehren wir lieber zur Anfangsfrage zurück.« Arnold hatte bereits wieder eine Zigarette im Mund. »Wie sind Sie hierher gekommen, Miss Asakawa?«
»Durch die Maschine«, erklärte sie. Daraufhin beschrieb sie so gut sie konnte das Aussehen dieses ominösen Geräts. »Ich befand mich also noch im Museum, und ohne dass ich irgendetwas wahrgenommen hatte, kniete ich plötzlich mitten im Schnee. Das heißt, ich spürte ein unangenehmes Kribbeln und für kurze Zeit eine Art Ziehen. Doch damit hat es sich auch schon. Auf jeden Fall fror ich mich hier halb zu Tode. Noch dazu wusste ich nicht einmal, wo ich mich befand. Ganz in der Nähe sah ich eine Hütte, aus deren Schornstein Rauch aufstieg. Also begab ich mich dorthin. Ein alter Mann saß dort auf dem Boden und rauchte eine Pfeife. Ich hab kein Wort von dem verstanden, was er mir gesagt hat, aber er bot mir Tee und etwas zu essen an. Nachdem ich etwas gegessen hatte, musste ich mich unerwartet übergeben. Ich denke, das rührte von dieser Teleportation her. Danach ging es mir wieder besser.«
»Du willst doch nicht damit behaupten, dass du dem Alten die Hütte vollgekotzt hast?«, unterbrach Hans ihren Bericht.
Maki verdrehte ihre Augen. »Du hast echt Probleme. Nach ein paar Tagen kam ein junger Mönch zu uns. Er heißt Atisha und spricht etwas Englisch. Er führte mich in dieses Kloster. Bis dahin war ich völlig durchgefroren und konnte mich kaum noch bewegen. Das Beste aber ist, dass wir schon früher einmal hier gewesen sind. Als wir den Yeti suchten. Könnt ihr euch noch erinnern? Meister Samten, der Abt des Klosters, erkannte mich jedenfalls wieder. Gumpopa auch. Sie kümmern sich seitdem um mich.«
Hans betrachtete sie skeptisch. »Hast du bereits gewusst, dass wir kommen?«
Maki grinste. »Der Abt hat es mit mitgeteilt.«
Ihr Gespräch wurde von einem Klopfen gegen die Holztür unterbrochen.
»Was gibt es?«, rief Tubb.
Die Tür öffnete sich knarrend. Der Schein einer Petroleumlampe fiel in die Kammer. Gumpopa lugte durch den Türspalt und fragte: »Ich habe lautes Schreien und Rufen gehört. Ist alles in Ordnung?«
»Du hast uns gar nicht erzählt, dass sich Maki hier aufhält«, warf Hans ihm vor.
Der Mönch verneigte sich lächelnd. »Das sollte eine Überraschung sein. Meister Samten hatte gemeint, die Freude würde sich dadurch vergrößern.«
»Na ja, Freude ist vielleicht übertrieben«, murmelte Hans.
Maki trat ihm auf den Fuß.
Gumpopa öffnete die Tür ganz. Sein Lächeln machte einem ernsten Ausdruck platz. »Eigentlich ist es gut, dass ihr auf seid. Die Berge sind von diesem sonderbaren Leuchten erhellt. Am besten, ihr seht selbst.«
Die Kälte draußen war kaum zu ertragen. Doch der Anblick, der sich Tubb und den anderen bot, verwandelte die Minusgrade in eine reine Nebensache. Obwohl das Kloster in völlige Dunkelheit gehüllt war, erkannte Tubb die hohen, zerklüfteten Berge des Himalaja, als wäre es heller Tag. Sie brachen sich aus der Dunkelheit wie ein gigantisches Wesen aus einer fremden Welt. Ein Teil des Gebirges leuchtete in einem seltsamen, grünlich schimmernden Schein. Von einem Naturschauspiel konnte keine Rede sein. Die Quelle für dieses ominöse Licht musste eine andere Ursache haben.
Für Hans besaßen diese unheimlich leuchtenden Berge ein gespenstisches Aussehen. Er erinnerte sich an ein Buch über Sagen aus dem Alpenraum, das er als Kind mehrmals gelesen hatte. In manchen Geschichten wurden ebenfalls seltsame Leuchterscheinugnen erwähnt. Ob diese Erzählungen auf ähnliche Phänomene beruhten, wie das, welches Hans gerade vor sich sah? Die mächtigen Berge ragten gewaltig in die Höhe. Das grünliche Schimmern verlieh ihnen eine phantasische Aura, so als würden sie aus einer anderen Dimension stammen, die sich sobenen vor ihnen geöffnet hatte.
Maki zitterte vor Kälte. Es kam ihr jedoch nicht in den Sinn, zurück in die Kammer zu gehen und sich in die Decken zu wickeln. Der außergewöhnliche Anblick zog sie in ihren Bann, sodass sie fast alles um sich herum vergass. Sie hatte den Eindruck, als würde das mystische Leuchten ihr Gesicht in einen grünlichen Schein tauchen. Als sie aber flüchtig zu den anderen sah, stellte sie fest, dass deren Gesichter kaum zu erkennen waren. Es musste sich demnach um eine optische Täuschung handeln. Jemand zupfte sie an ihrem Ärmel. Als sie ihren Kopf wandte, erkannte sie den jungen Novizen Atisha, der sie von dem Einsiedler ins Kloster gebracht hatte. Er betrachtete sie sorgenvoll, wobei er ihr eine dicke Jacke aus Yakleder hinhielt. »Du wirst sonst krank«, sagte er.
»Danke, Atisha.« Sie nahm die Jacke entgegen und zog sie sich an.
»Obwohl du bereits seit ein paar Tagen bei uns bist, siehst du diese Erscheinung zum ersten Mal, nicht wahr?«
Maki knöpfte die Jacke zu. »Es ist eigenartig. Faszinierend, aber zugleich eigenartig. Für dich ist es wohl schon zur Gewohneit geworden, was?«
»Gewohnheit ist das falsche Wort. Es ist einfach da. Aber ich habe Angst davor. Werdet ihr da hingehen?«
Maki blickte kurz hinüber zu Tubb, der wie erstarrt vor dieser Erscheinung stand. »Es bleibt uns nichts anderes übrig. Schließlich sind Tubb und die anderen deswegen hierhergekommen. Vielleicht finden wir endlich eine Erklärung für die Hyperzivilisation.«
»Es muss eine unglaubliche Kultur sein, die sich dahinter verbirgt«, meinte Atisha. »Immerhin baute sie Apparate, mit denen Personen wie durch Zauberei von einem Ort zum anderen gelangen können. Es muss für deine Freunde ein Schock gewesen sein, als du auf einmal verschwunden warst.«
Maki hatte zunächst nur mit halbem Ohr zugehört. Der letzte Satz aber brachte sie beinahe aus dem Gleichgewicht. Auch wenn sie diesen Apparat verteufelte, durch den sie nach Tibet katapultiert worden war, glaubte sie aufgrund von Atishas Gespräch, einem wesentlichen Geheimnis um einen großen Schritt näher gekommen zu sein. Sie ließ den Novizen alleine und gesellte sich neben Tubb.
»Ich denke, ich weiß jetzt, wieso Paul Symmes spurlos verschwunden ist.«
Tubb löste sich verwirrt von dem Anblick der leuchtenden Berge. »Wie meinst du das?«
»Ich glaube, Symmes hat einen ähnichen Apparat wie ich benutzt.«
Frederic Tubb vergaß von einem Moment auf den anderen das eigenartige Phänomen. »Du meinst dieses Gerät, das dich hierher gebracht hat? Aber seine Spuren verlieren sich in Island.«
»Weil er dort auf dieses Gerät stieß«, erwiderte Maki.
Hans trat neugierig zu ihnen. »Darf ich fragen, über was ihr hier nuschelt?«
Tubb wiederholte Makis Gedankengang. Es handelte sich hierbei um eine erstaunliche Erkenntnis. Immerhin aber konnte es sich um eine erste Antwort auf all die Fragen handeln, die sich über Paul Symmes sowie die Hyperzivilisation angehäuft hatten.
»Wenn es einen Sender gibt, dann existiert auch ein Empfänger«, schlussfolgerte Hans.
Maki hob ihre Augenbrauen. »Wie meinst du das jetzt schon wieder?«
»Ganz einfach, du bist hier gelandet, weil der Apparat auf diese Gegend hier eingestellt war. Das heißt aber auch, dass es dort, wo du angekommen bist, ein ähnliches Gerät geben muss.«
»In der Hütte des Einsiedlers gab es so etwas nicht.«
Hans tippte ihr mit dem Zeigefinger gegen die Schulter. »Du bist auch nicht in der Hütte gelandet, sondern höchstwahrscheinlich in der Nähe des Ortes, nach dem wir suchen. In der Nähe von Shangri-La.«
Tubb überlegte für einen Moment. »Das würde bedeuten, dass die Geräte nicht punktgenau funktionieren, sondern es auch zu Abweichungen kommen kann.«
»Glück für sie«, bemerkte Hans. »Wenn sie genau dort gelandet wäre, wo sich das Empfangsgerät befindet, hätten wir sie wahrscheinlich gar nicht mehr gefunden.«
»Danke für deine Besorgnis.« Maki hätte Hans am liebsten wieder gegen sein Bein getreten.
»Möglicherweise sorgt irgendeine Kraft für diese Abweichung«, führte Tubb den Gedanken fort. »Dieses Leuchten scheint wohl oder übel auf eine mysteriöse Energie hinzuweisen. Wir sollten also keine weitere Zeit verlieren. Machen wir uns sofort auf den Weg. Wir müssen die Quelle dieses Lichts erkunden.«
»Sagten Sie nicht, dass sich das Funksignal etwa fünfzehn Kilometer von hier entfernt befindet?«, schaltete sich Richards in das Gespräch ein. »Das wird ein schöner Fußmarsch, Sir. Ich wette, danach werden Ihnen sämtliche Knochen schmerzen.«
»Ich hoffe, Sie nehmen auf meine Raucherlunge Rücksicht«, sagte Arnold.
Tubb klatschte in die Hände. »Na dann, los!«
4
Der Marsch in die Berge dauerte beinahe vier Stunden.
Atisha hatte sich ihnen angeschlossen. Gumpopa hatte ihm ein Bündel mit Nahrungsmitteln mitgegeben, da er in der Hütte des alten Einsiedlers vorbeischauen sollte.
Je mehr sie die Distanz zu den Bergen verringerten, desto intensiver wurde das grünliche Leuchten. Es blendete zwar nicht, doch als sie von dem Licht umschlossen wurden, bekam der Anblick der felsigen Landschaft einen psychedelischen Charakter. Aus einer unbestimmbaren Richtung hallte ein monotones Stampfen, ähnlich den Geräuschen schwerer Kolben, die sich hin- und herbewegten, so als ob irgendwo im Gebirge eine gigantische Maschine stand, die unentwegt am Laufen war.
Der Novize jedoch lenkte die Aufmerksamkeit von Tubb und seinem Team auf etwas anderes.
»Dort drüben steht die Hütte des Einsiedlers.« Atisha deutete mit seinem rechten Zeigefinger auf ein windschiefes Gebäude in etwa zweihundert Metern Entfernung. Er ließ seine Hand sinken. »Merkwürdig. Es sieht so aus, als würde in seiner Hütte Licht brennen.«
»Wieso ist das merkwürdig?«, fragte Hans. »Du willst ihn doch besuchen.«
»Ich besuche ihn normalerweise nie so spät. Wenn ich bei ihm ankomme, dann ist es später Nachmittag oder früher Abend. Ich übernachte dann immer bei ihm. Daher weiß ich, dass er nachts nie das Licht brennen lässt.«
»Das Licht und dieses nervende Stampfgeräusch hatten ihn sicherlich aufgeweckt«, meinte Hans.
»Ich kann nur bestätigen, was Atisha sagt«, erwiderte Maki mit sorgenvollem Blick. »Der alte Mann geht ziemlich früh schlafen. Ich habe nicht mitbekommen, dass er einmal nachts aufgestanden wäre.«
John Arnold rieb sich genervt die Hände. »Wollen Sie sich jetzt um diesen Mann kümmern oder nach der Ursache des Lichts suchen?«
»Ich gehe mit Atisha zur Hütte«, sagte Maki. Sie hatte sich bereits gedacht, dass Arnold auf eine solche Weise reagieren würde.
Hans trat neben sie. »Ich komme mit. Diesmal passe ich auf, dass sie nicht nochmals verschwindet.«
Tubb wies zur Hütte. »Dann gehen wir besser alle hin. Wir wissen nicht, was uns in dem verbotenen Gebiet erwartet. Eine Aufteilung in zwei Gruppen wäre alles andere als gut.«
Arnold schnaufte. »Meine Güte. Sie haben heute wohl alle Ihren sozialen Tag.«
»Im Gegensatz zu Ihnen«, konterte Maki.
Inzwischen hatte sich Atisha bereits auf den Weg gemacht. Als Maki ihn erreichte, stand er vor einem der Fenster. Seine Haltung verriet, dass etwas nicht stimmte.
Maki drückte sich neben ihn an die Hauswand und schielte vorsichtig durch die Scheibe. Sofort schrak sie zurück. Das konnte nicht wahr sein. Sie hatte Smithers und diesen anderen Typen erkannt, vor denen sie in New York geflohen war.
Tubb bemerkte an Makis und Atishas Reaktionen, dass etwas nicht in Ordnung war. Beide hatten die Hütte mit einem größeren Vorsprung erreicht, sodass er zusammen mit Hans, Arnold und den schweigsamem Richards erst jetzt ankam. Er sah, wie Maki sich zu ihnen umdrehte und sie mit Handzeichen aufforderte, vorsichtig zu sein.
Ihre Warnung kam jedoch zu spät.
Die wackelige Brettertür öffnete sich knarrend.
»So spät noch unterwegs, Mr. Tubb?« Victor Leng hielt eine Pistole in der Hand. Er schnellte zu Atisha, riss ihn vom Fenster weg und hielt ihm die Mündung an den Kopf. »Sagen Sie Ihren Freunden, sie sollen Ihre Waffen wegwerfen.«
»Macht, was er sagt«, rief Tubb.
Mit sichtlichem Widerwillen legte Richards sein Maschinengewehr sowie seine Pistole in den Schnee.
»Sie auch, Mr. Arnold«, sagte Leng.
John Arnold öffnete seinen Anorak und zog seine Waffe aus dem Schulterhalfter.
»Wie wäre es, wenn Sie endlich zur Sache kämen«, rief Tubb. »Sie sind doch sicherlich nicht nur deswegen hergekommen, um uns Ihre Pistole zu zeigen.«
Victor Leng stieß den Novizen von sich, der sich sofort neben Maki flüchtete.
»Mein Gott«, murmelte Hans, »jetzt verdreht die auch noch Mönchen die Köpfe.«
»Was sagten Sie soeben, Mr. Schmeißer?«, fuhr Leng ihn an.
»Ich sagte gerade, dass Sie sich Ihre Pistole in den Allerwertesten stecken können.«
Victor Leng grinste hämisch. »Die Sprüche werden Ihnen schon noch vergehen. Sagte ich Ihnen nicht in Berlin, dass wir uns wieder sehen werden? Sie schlugen mir damals ins Gesicht. Ich werde Ihnen noch zeigen, was das für Konsequenzen mit sich bringt. Und um Ihre Frage zu beantworten, Mr. Tubb, ich bin aus denselben Gründen hier wie Sie. Ihr Mitarbeiter Bauman hatte die Güte, uns das Ziel Ihrer Reise nach einigem Zögern mitzuteilen. Ich möchte herausfinden, was dieses Leuchten und diese Geräusche verursacht.«
»Indem Sie alte Männer bedrohen?«, zischte Maki.
Leng wandte sich langsam in ihre Richtung. »Oh, Miss Asakawa. Es ist mir eine Freude, Sie ebenfalls begrüßen zu dürfen. Ich glaube, Smithers hat noch ein Hünchen mit Ihnen zu rupfen. Seine Augen sind noch immer entzündet.«
»Schade für ihn.«
»Das können Sie ihm gleich selbst sagen, wenn wir uns gemeinsam auf den Weg in diese Region machen, in Ihr angebliches Shangri-La. Aus diesem Grund statteten wir dem alten Einsiedler einen Besuch ab, in der Hoffnung, ein paar Tipps zu erhalten, was uns dort erwarten wird. Doch leider kann sich dieser Mann nicht einmal an seinen eignen Namen erinnern.«
»Was erhoffen Sie sich eigentlich von den Artefakten, die sich in Shangri-La befinden?«, fragte Tubb. »Sicherlich verfolgen Sie keine wissenschaftlichen Ziele.«
Victor Lengs Lachen hallte durch die seltsam erhellte Nacht. »Da haben Sie durchaus Recht, Mr. Tubb. Im Gegensatz zu Ihnen will ich Dinge nicht einfach nur verstehen, sondern aus ihnen gleichzeitig einen finanziellen Gewinn erzielen. Mein Ziel ist es, die Technik dieser unglaublichen Artefakte zu ergründen, um sie wieder nutzbar zu machen. Glauben Sie mir, die Militärs auf der gesamten Welt würden sich danach die Finger lecken. Ist das nicht ironisch? Im Grunde genommen verachtete ich meinen Vater aufgrund seiner abscheulichen Geldgier. Und jetzt stehe ich hier und trachte genau nach demselben Stoff. Vielleicht auf einer etwas anderen Ebene, doch das Resultat ist das gleiche. Wie ich Ihnen schon sagte, Mr. Tubb, verfolgte ich Ihre Artikel über die Hyperzivilisation mit großem Erstaunen. Eines Tages begriff ich, dass es so etwas wie Schicksal war. Während Sie nur Ihren Forscherdrang befriedigen wollen, ist es meine Aufgabe, das prähumane Wissen zu vermarkten. Ich könnte in wenigen Sekunden Milliarden verdienen.«
»Es ist uns noch nicht gelungen, die Funktionsweise der Maschinen zu ergründen, denen wir bisher begegnet sind«, entgegnete Tubb. »Wollen Sie Ihren Kunden leere Kästen präsentieren?«
Lengs Hand verkrampfte sich um den Griff der Pistole. »Sie werden sich also mehr anstrengen müssen, Mr. Tubb. Ich weiß, dass Sie zugleich eine andere Motivation vorantreibt. Sie wollen endlich hinter das Geheimnis Ihrer verschwundenen Frau gelangen.«
Tubb trat wütend einen Schritt vor, doch Arnold hielt ihn an seinem Arm zurück. »Machen Sie jetzt keinen Scheiß. Das ist es doch, was diese Knalltüte will.«
Tubb beruhigte sich wieder. »Sie haben recht.«
Victor Leng entfernte sich etwas von der Tür. »Ich schlage also vor, dass wir uns nun auf den Weg machen. Die Kälte steigt mir langsam in die Glieder.«
Atisha zeigte ihm das Bündel, in dem sich die Lebensmittel befanden. »Ich muss das dem Einsiedler geben. Es ist bloß etwas zu essen.«
Leng riss ihm das Bündel aus der Hand. »Wenn es bloß etwas zu essen ist, dann frage ich mich nach der Wichtigkeit deiner Aufgabe.« Damit schleuderte er das Bündel durch die offene Tür in die Hütte. »Smithers und Carlson, kommen Sie endlich raus. Sie haben sich lang genug ausgeruht.«
Im Türrahmen erschienen Lengs Handlanger. Sie trugen genau wie er Bergsteigerkleidung. Warme Mützen bedeckten ihre Köpfe.
»Smithers, Sie nehmen sich Miss Asakawa an. Carlson, Sie greifen sich den Mönch.«
»Aber mit Vergnügen«, donnerte Smithers. Er stampfte durch den Schnee auf Maki zu, zerrte sie unsanft von der Hauswand weg und stieß sie vor sich in den Schnee. »Erinnerst du dich noch an mich, du Miststück? Du hast mir meine Augen ruiniert. Dafür wirst du noch bezahlen!«
»Seien Sie nicht allzu grob, Smithers«, rief Leng ihm zu. »Und nun, meine Herren, darf ich Sie bitten, vor mir her zu schreiten. Und keine Dummheiten.« Er deutete dabei auf seine Pistole.
Carlson zog Atisha mit sich. Er blieb neben Richards stehen und hob dessen Waffen auf. Das Maschinengewehr hängte er sich um die Schulter, die Pistole steckte er zwischen Gürtel und Hosenbund. »Wie fühlt man sich so ohne Zähne?« kicherte er und boxte Richards dabei in den Magen.
Sam Richards krümmte sich nicht einmal. Er sagte: »Sie müssen schon fester zuschlagen, wenn Sie mich beeindrucken wollen.«
Carlson zeigte eine verunsicherte Miene und entfernte sich schnell von ihm.
»Und jetzt los!«, befahl Victor Leng. »Wir wollen doch nicht den Rest unseres Lebens hier verbringen.«
5
Die stampfenden Laute wurden lauter, das Licht stärker.
Frederic Tubb erklomm eine steile, mehrere Meter hohe Hügelkuppe, gefolgt von John Arnold und Sam Richards. Hans rutschte mehrmals wieder hinunter, bevor er sich schließlich neben Tubb auf den Bauch legte. Hinter ihnen folgten Maki und Atisha, die von Smithers und Carlson in Schach gehalten wurden. Victor Leng bildete das Schlusslicht.
Wie viele Kilometer sie zurückgelegt hatten, konnte Tubb beim besten Willen nicht sagen. Seine Armbanduhr zeigte drei Uhr nachts. Sie waren demnach nochmals zwei Stunden durch das Gebirge geirrt. Merkwürdigerweise fühlte er sich kaum erschöpft. Er glaubte sogar, noch genug Energie zu besitzen, um eine Strecke von weiteren Kilometern zurücklegen zu können. Möglicherweise aber hatte er dieses Gefühl auch seinem Adrenalin zu verdanken. Er verspürte eine unsagbare Wut gegenüber diesem Verbrecher und seine beiden widerwärtigen Schoßhunde. Hätte sich Maki nicht in direkter Gefahr befunden, so hätte er zusammen mit Arnold und Richards versucht, einen Plan auszuhecken. Leng, Smithers und Carlson schienen jedoch unberechenbar zu sein. Leng traute er allemal einen Mord zu. Nach dem Bericht von Hans zufolge, hatte er die Archivarin Eleonora Mason kaltblütig umgebracht. Vielleicht war es auch Smithers oder Carlson gewesen. Auf jeden Fall schien Leng nicht versucht zu haben, dies zu verhindern. Er hoffte nur, dass Bauman noch am Leben war.
John Arnold riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Er war direkt auf die Kuppe geklettert, sodass er sehen konnte, was sich dahinter befand. »Das ist … Verflucht, das ist unglaublich! Tubb, wenn Sie es sich nicht gleich selbst anschauen, halten Sie mich für den Rest Ihres Lebens für verrückt!«
Tubb setzte sich in Bewegung und folgte Arnold zu dessen Aussichtspunkt.
»Was ist?«, hallte Lengs Stimme von weiter unten. »Bleiben Sie da, wo Sie sind! Haben Sie etwas gefunden?«
Hans gesellte sich schnaufend neben Tubb.
Richards wartete auf Maki. Er wollte zwar nicht den edlen Ritter spielen, doch er stellte fest, dass Maki sich beim Aufstieg schwer tat. Mit Genugtuung bemerkte er, dass Smithers langsam aus der Puste kam. Er war zwar groß, doch schien er längere Anstrengungen nicht aushalten zu können. Als Maki in seine Nähe kam, ergriff er ihre Hand und zog sie zu sich hoch. Für ihn fast eine Leichtigkeit, da Maki so gut wie nichts zu wiegen schien.
John Arnold breitete die Arme wie zum Gebet aus. Tubb hatte noch nie erlebt, dass der Ex-Agent von einer Sache so sehr fasziniert war. »Sehen Sie sich das an, Tubb!«
Als Frederic Tubb die andere Seite des Hügels hinabschaute, konnte er Arnolds Erregung sehr gut nachvollziehen. Die Anstrengungen hatten sich gelohnt. Was dort vor ihnen lag, übertraf jede Vorstellung, die er sich die ganze Zeit über von diesem Ort gemacht hatte. Dass sich um Shangri-La eine mysthische Aura gebildet hatte, empfand er nun als alles andere als eine rätselhafte Entwicklung. Menschen, die so etwas sahen, mussten einfach an eine höhere Macht glauben. Ob sie es nun als einen Ort der Erleuchtung oder als ein Versteck Gottes bezeichneten oder demgegenüber doch mehr prophanen Vorstellungen an außerirdische Kolonisten nachhingen. Was sich vor ihnen erstreckte, besaß eine geradezu kosmische Ausstrahlung. Ein Gigantismus ohnegleichen.
Zugleich warf es aber auch neue Fragen auf. Fragen, deren mögliche Antworten mit einem schleichenden Schrecken durchzogen waren.
Vor ihnen erstreckte sich ein weites Tal, das sich in der Ferne im Dunst der Berge und Hügel verlor. Dieses geologische Gebilde schien alles andere als natürlichen Ursprungs zu sein. Die Ränder des Tals fielen steil hinab. Die Hänge zeigten erstaunlich glatte Oberflächen, die keineswegs durch tektonische Kräfte hervorgerufen worden sein konnten. An manchen Stellen führten in den Fels gehauene Wege in die Senke. Auch dies ein eindeutiges Indiz dafür, dass jemand dieses Tal künstlich erschaffen hatte.
In den unteren Hälften der Hänge erkannte Tubb in regelmäßigen Abständen kolossale Turbinen. Allerdings befand sich keine von ihnen in Funktion. Das Hauptaugenmerk richtete sich jedoch auf die bizarren Konstruktionen im Zentrum des Tales. Sie erstreckten sich über die gesamte sichtbare Länge der unteren Ebene und schimmerten teilweise auch noch durch den entfernten Dunst hindurch.
Es handelte sich um turmartige Erscheinungen, deren äußere Formen aus würfelartigen Gebilden, Kegeln und Kugeln bestanden. An manchen der Türme bewegten sich tonnenschwere Kolben auf und ab. Tubb erkannte riesige Räder, die durch gummiartige Bänder miteinander verbunden waren und sich gegenseitig antrieben. Zwischen den Türmen schossen immer wieder grünliche, gezackte Strahlen hin und her. Auch die Konstruktionen selbst strahlten jenes sonderbare, grüne Licht von sich, das sich weit über einen Teil des Himalaja erstreckte. Die Talebene schien von diesem Licht regelrecht überflutet zu sein und wirkte dadurch, als stünde es unter Wasser.
Die stampfenden Geräusche brachten den Boden zum Vibrieren. Wie ein tiefer Basston setzten sie sich in Tubbs Körper fort.
»Haben das Dolan und Schäfer in Ihren Berichten erwähnt?« Hans glaubte nicht recht, was er da vor sich sah.
Tubb schob sich etwas näher an den Rand. »Das ist es eben, was mich nachdenklich stimmt. Wir sahen das Foto. Es zeigte eine weite Ebene, in denen nur Bruchstücke von den Dingen herumlagen, die wir nun vor uns sehen. In ihren Berichten ist keine Rede von Türmen oder von Dingen, die auf irgendeine Art und Weise noch funktionierten. Nicht einmal die Turbinen fanden bei ihnen eine Erwähnung.«
John Arnold kramte in seiner Anoraktasche nach seiner Zigarettenschachtel. »Sie wollen damit hoffentlich nicht sagen, dass Wer-auch-immer diese Gebilde inzwischen wieder aufgebaut hat?«
Tubbs Miene verfinsterte sich. »Eine andere Erklärung kann ich mir nicht vorstellen.«
»Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in der Nähe dieses Tals im Schnee gelandet bin.« Gestützt durch Richards hockte sich Maki auf einen hervorspringenden Felsen. »Das ist unheimlich.«
Atisha ließ sich neben sie nieder. »Gumpopa hat mir nie gesagt, ob es schon immer so war. Seit ich im Kloster lebe, hat sich jedenfalls nichts verändert.«
»Die letzte Suche nach Shangri-La fand 1944 statt«, erklärte Tubb. »Seitdem hat niemand mehr nach diesem Ort gesucht. Das heißt, es blieb genug Zeit, das dort unten zusammenzubauen. Es muss eine Maschine oder vielleicht sogar mehrere Maschinen sein. Atisha, erwähntest du nicht etwas von maskierten Männern?«
Der Novize schaute sich reflexartig um, so als befürchtete er, einer dieser Männer stünde in unmittelbarer Nähe von ihnen. »Ich habe welche gesehen. Sie befanden sich in der Nähe der Hütte.«
»Das heißt also, dass sie gelegentlich ihr Versteck hier verlassen«, sagte Arnold. Plötzlich erhielt er einen unsanften Schlag auf den Hinterkopf.
»Nehmen Sie Ihre Hand langsam aus Ihrer Tasche.« Hinter ihm stand Carlson, der ihn grimmig fixierte.
»Bloß Zigaretten.«
»Das ist mir egal. Ich will auf jeden Fall Ihre Hände sehen«, schrie Carlson. »Das nächste Mal bin ich nicht mehr so freundlich.«
Victor Leng lachte. »Sie müssen meinen Mitarbeiter entschuldigen, Mr. Arnold. Doch hierbei muss ich ihm leider recht geben. Es ist besser für Sie, wenn Sie Ihre Hände nicht in irgendwelchen Taschen verschwinden lassen. Nicht einmal, wenn es nur um Zigaretten geht. – Sehen Sie es doch einfach mal so. Ich gebe Ihnen soeben die Chance, mit dem Rauchen aufzuhören.« Er stieß Tubb gegen die Schulter. »Und, was halten Sie von diesem Anblick? Ist er nicht wunderbar? Einfach berauschend. Zum ersten Mal sehe ich eine fremdartige Technologie in Aktion. Was glauben Sie, um was es sich hierbei handelt?«
»Es produziert auf jeden Fall Energie«, lautete Tubbs Antwort. »Mehr kann ich nicht sagen.«
Victor Leng knirschte entgeistert mit den Zähnen. »Damit Sie etwas dazu sagen können, schlage ich vor, dass wir uns diesen Weg dort drüben vornehmen und hinabsteigen.«
Der in den Fels gehauene Weg erwies sich zwar als schmal, doch glücklicherweise nicht als allzu steil. Der Boden besaß eine raue Oberfläche, sodass die Gefahr ausblieb, plötzlich auszurutschen und abzustürzen.
»Wie ich gelesen habe, halten Sie nichts von Berichten über Außerirdische, Mr. Tubb«, sprach Victor Leng, der hinter ihm marschierte. »Wieso eigentlich nicht? Wenn Menschen solch unglaubliche Konstruktionen wie diese hier sehen, würden die meisten von ihnen an eine geheime Kolonie von Aliens denken. Sie verzeihen sicherlich meine Neugier, doch diese Frage interessiert mich schon seit Langem. Wieso glauben Sie nicht an außerirdische Besucher?«
Tubb hatte dieses Thema Leid. Diese Fragen tauchten immer wieder auf Kongressen auf. Auch seine Studenten kamen öfters auf diesen Bereich zu sprechen. Daher wiederholte er genervt eine seiner gängigen Antworten. »Ich bezweifle nicht, dass es auf anderen Planeten Leben gibt. Allerdings glaube ich nicht, dass sie uns in nächster Zeit besuchen werden. Sie befinden sich höchstens auf demselben Entwicklungsstand wie wir. Jetzt betrachten Sie sich unsere Weltraumtechnik. Wir sind bisher nur auf dem Mond gelandet. Andere Wesen werden, wenn überhaupt, ebenfalls nur Planeten oder Monde angeflogen haben, die in unmittelbarer Nähe zu ihrer Heimat liegen.«
»Und woher nehmen Sie sich die Freiheit, dies anzunehmen? Was, wenn Sie sich täuschen? Sehen Sie sich doch die prähumane Hyperzivilisation an. Glauben Sie nicht, dass diese Raumschiffe besessen hat, mit denen sie fremde Planeten in anderen Galaxien erkunden konnten?«
Tubb musste hier auf einmal passen. Da für ihn die Erkundung des Weltraums keine Rolle spielte, hatte er sich darüber auch noch keine Gedanken gemacht. Was, wenn die Hyperzivilisation tatsächlich versucht hatte, Kontakt mit Lebewesen in fremden Galaxien aufzunehmen? Schließlich versuchten dies auch heutige Wissenschaftler. Im Grunde genommen also kein abwegiger Gedanke. Er ging schweigend weiter.
Victor Leng kicherte. »Anscheinend habe ich Sie soeben an einem wunden Punkt erwischt, wie? Aber keine Sorge, niemand ist unfehlbar.«
6
Nach etwa zwanzig Minuten erreichten sie die Talsohle.
Die Luft war erfüllt von Elektrizität. Das tiefe Grün verursachte zudem leichte Kopfschmerzen. Die grotesken Türme ragten nun monströs vor ihnen empor. Die Bewegungen der riesigen Räder sowie der Kolben erweckte in Tubb beinahe ein Gefühl der Ehrerbietung. Wie er jetzt erkannte, gab es zwei Arten von Strahlen, die in unterschiedlicher Höhe zwischen den Türmen hin und her schossen. Die einen verliefen ungefähr in Augenhöhe, die anderen drei Meter über ihren Köpfen. Eine Mischung aus Zischen und Knistern entstand, wenn sich die Strahlen von einer Konstruktion zur anderen bewegten.
Auf dem Boden lag kein Schnee. Tubb sah, dass sie nicht einmal auf Felsen standen. Das Material unter seinen Füßen schimmerte leicht und fühlte sich unter seinen Sohlen etwas flexibel an.
Die Turbinen in der Felswand besaßen einen Umfang von nicht weniger als fünf Metern.
Tubb erinnerte sich an Dolans Bemerkung, dass aufgrund irgendwelcher Störungen der Ursprung des Funksignals nicht weiter ausgemacht werden konnte. Hans hatte ein Peilgerät mitgenommen. Bisher hatten sie es nur nicht verwendet, da sie zu sehr auf das eigenartige Licht fixiert gewesen waren, das sie alles andere vergessen ließ. Wenn sie etwas Näheres über dieses gewaltige Bauwerk erfahren wollten, sollten sie vielleicht als Erstes versuchen, die Funkquelle zu orten.
»Hans, ich brauche den Funkpeiler.«
Hans nahm seinen Rucksack von den Schultern und öffnete ihn.
Sofort trat Carlson an ihn heran und stieß ihn davon weg. »Sagte ich nicht, dass hier niemand in irgendwelchen Taschen kramen soll?«
In Tubb stieg eine fast unbändige Wut auf. Er trat neben Carlson und fuhr ihn an: »Wollen Sie unsere Arbeit behindert, Sie Vollidiot? Wir benötigen den Peiler, um zu bestimmen, von wo aus das Signal stammt.«
Carlson schien auf Tubbs ruppige Art nicht gefasst zu sein. Er blickte seinen Chef fragend an.
»Lassen Sie ihn machen, Carlson. Und behindern Sie nicht nochmals Mr. Tubb bei seiner Tätigkeit.«
Carlson wich zurück.
Hans überreichte Tubb das schmale Gerät. Tubb schaltete es ein und fuhr die vier kleinen Antennen aus. Einer der Techniker im Zentralgebäude hatte den Funkpeiler bereits auf die Frequenz voreingestellt. Falls es funktionierte, mussten sie sich somit nur an dem Ausschlagen des Geräts orientieren.
Tubb hatte sich nicht viel davon erhofft. Um so erstaunter war er daher, als das kleine Gerät in seinen Händen tatsächlich ein Signal empfing. »Wir müssen weiter das Tal hinunter.«
»Sie haben gehört, was Mr. Tubb gesagt hat«, rief Victor Leng.
Smithers packte daraufhin Maki an ihrem linken Oberarm und schob sie vor sich her. Carlson vollführte dieselbe Aktion mit Atisha.
Was niemand bemerkte, waren die schattenhaften Gestalten, die sie beobachteten – und ihnen folgten.
7
Das Signal verstärkte sich.
Tubb hatte die Anzahl der Türme nicht gezählt, an denen er vorbeigelaufen war. Das Ausschlagen des Funkpeilers hatte nur langsam zugenommen. Vielleicht lag dies an dem sie umgebenden Energiefeld, das die Funksignale nicht sonderlich gut leitete. Er vermutete, dass aus diesem Grund Dolan und Schäfer keine Signale mehr empfangen konnten, als sie dieses Tal erreicht hatten. Heutige Geräte wurden feiner abgestimmt.
Frederic Tubb verringerte seine Geschwindigkeit und blieb schließlich ganz stehen. Der Funkpeiler befand sich kurz vorm Durchdrehen. Aber auch ohne dieses Gerät wäre es wohl kaum schwergefallen, zu ergründen, welcher der Türme die Funksignale aussandte.
»Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?«, hauchte Arnold.
»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«, erwiderte Tubb.
»Meine Fresse«, kommentierte Hans das Gebilde auf seine Weise. »Die Reise hat sich gelohnt, Tubb. Obwohl wir diese Idioten mitschleppen müssen.«
»Mr. Schmeißer, Ihre Ausdrucksweise gefällt mir nicht.« Victor Leng kam neben ihm zum Stehen. »Ich sage das nur zu Ihrer eigenen Sicherheit. Smithers und Carlson sind in dieser Hinsicht sehr empfindlich. Doch genießen wir zunächst einfach diesen unglaublichen Anblick.«
Der Turm war deutlich größer und breiter als die übrigen Konstruktionen. Auf einem gigantischen Kubus ragte ein weiteres Würfelgebilde empor, dessen Höhe und Breite Tubb auf über zehn Meter schätzte. Der Würfel bestand nur aus einer äußeren Schicht. In gleichmäßigen Abständen setzte sich diese Form innerhalb seiner Konturen immer kleiner werdend fort. Die einzelnen Schichten wurden durch Stahlstreben miteinander verbunden. Genau in der Mitte steckte eine Art Sanduhr auf einer waagrecht verlaufenden Stange. Ihre Größe entsprach der eines Menschen. Tubb beobachtete, wie rötlicher Sand aus dem oberen Kolben durch die Taille nach unten rieselte. Auf dem Würfel stand ein Kegel, der mit sonderbaren Sensoren und Antennen ausgestattet war.
»So ein Ding hat mich hierher gebracht!« Maki starrte zu dem kolossalen Gebilde empor. »Wir sollten lieber nicht zu nahe kommen!«
Hans sah noch immer vor seinen Augen, wie sich Maki ohne Vorwarnung in Luft aufgelöst hatte. Vor ihr hätte er es nie zugestanden, doch damals wäre ihm vor Schreck beinahe das Herz stehen geblieben.
»Warten wir ab, was passiert«, stimmte Tubb ihr zu.
»Ich hoffe, dass wir nicht zu lange warten müssen«, drohte Leng. »Sie wissen sicherlich, dass meine Geduld durchaus ihre Grenzen hat.«
»Der Sand ist gleich durch.«
Die letzten Körner fielen in den unteren Kolben.
Die Sensoren glühten in einem tiefen Rot. Zwischen ihnen und den Antennen zuckten grelle Blitze. Ein Rauschen erfüllte die Luft über dem Turm. Dann ein gellender Schrei. Ein menschlicher Körper stürzte aus großer Höhe hinab, prallte gegen den Turm und schlug mit einem unappetittlichen Geräusch auf dem Boden auf.
»Da hast du aber echt Glück gehabt, Maki!«
»Den Kommentar hättest du dir wirkich sparen können, Hans.«
Das Rauschen verflüchtigte sich.
Tubb wartete nicht weiter ab. Er lief zu dem leblosen Körper.
Victor Leng folgte ihm auf den Fersen.
Als sich auch Arnold und Richards dorthin bewegen wollten, wurden sie durch Carlson aufgehalten. Er entsicherte das Maschinengewehr und rief: »Sie bleiben hier!«
»Mit diesem Knilch mach ich noch kurzen Prozess«, flüsterte Arnold.
»Ich warte nur auf einen geeigneten Augenblick«, antwortete Richards. »Ich habe den Stab dabei, den wir auf der Expedition erbeutet haben.«
John Arnold zuckte erstaunt zusammen.
»Diese Trottel halten es noch immer für eine Taschenlampe.« Doch solange Smithers Maki und Carlson Atisha in ihrer Gewalt hatten, wagte er nicht, die Waffe einzusetzen.
Tubb kniete sich vor den toten Mann. Gleich beim ersten Anblick wusste er, dass er es mit keinem gewöhnlichen Menschen zu tun hatte. Seine Haut war weiß, beinahe farblos. Jedenfalls an den Stellen, an denen kein Blut klebte. Die Iris seiner leblosen Augen irritierte durch ihr kaltes Grau. Der Mann trug einen dunkelbraunen Umhang, dessen Kapuze beim Absturz heruntergerutscht war. Auf seinem Kopf wuchsen so gut wie keine Haare. Seine restliche Kleidung bestand aus einem weiten, weißen Hemd und einer schwarzen Lederhose. Aufgrund dieser Kleidung wurde Tubb den Eindruck nicht los, einen Menschen aus dem 18. Jahrhundert vor sich zu haben. Nur ein Utensil passte nicht dazu. Es handelte sich um eine rote Maske, die Wangen und Mund umschloss. Tubb erkannte keinen Hinweis darauf, auf welche Weise die Maske befestigt war. Auf jeden Fall musste sie sehr fest sitzen, da sie sich durch den Aufprall nicht gelöst hatte, geschweige denn zersprungen war. Den Bereich vor dem Mund verzierten fünf schmale, senkrecht verlaufende Schlitze.
Tubb griff nach der Maske, um daran zu ziehen. Sie bewegte sich keinen Millimeter. Er tastete nach den Ansätzen über den Wangen. Dabei fühlte er rechts und links einen Druckknopf. Als er sie mit den Zeigefingern berührte, löste er dadurch ein trockenes Klicken aus.
Die Maske ließ sich mühelos von dem Gesicht ziehen.
Der Anblick, der sich darunter verbarg, war alles andere als ansehnlich. Der Mann besaß keine Lippen, sodass er Tubb sein farbloses Zahnfleisch entgegenbleckte, in dem sich kaum Zähne befanden. Der restliche Teil, der von der Maske verdeckt worden war, bestand aus fauligem Fleisch.
»Etwa ein Mitglied Ihrer Hyperzivilisation?«, lautete Lengs spottende Bemerkung.
»Sie vergessen, dass sich diese Zivilisation durch einen Atomkrieg fast vollkommen selbst auslöschte. Möglicherweise handelt es sich hierbei noch immer um die Nachwirkungen der Radioaktivität.«
»Eine Leiche bringt uns nicht weiter, Mr. Tubb«, sagte Victor Leng. »Ich möchte lieber von Ihnen wissen, wie dieses Ding funktioniert. Das würde sich sicherlich großartig vermarkten lassen, meinen Sie nicht auch? Ich denke, ich lasse die Militärs wie bei einer Auktion bieten. Anfangspreis Zweimilliarden. Finden Sie diese Zahl dafür angebracht?«
Tubb erhob sich. »Ihr Geld interessiert mich einen verdammten Dreck. Und wenn Sie wissen möchten, was das ist, so hätten Sie auf Miss Asakawa hören sollen. Eine Art Transporter. Ich nehme an, dass die Funksignale allein dazu dienen, die übrigen Geräte wie etwa das in Berlin auf diesen Ort hier auszurichten. Allerdings scheint es nicht sonderlich gut zu funktionieren. Maki landete weit außerhalb dieser Zone und dieser Mann … Nun, das sehen Sie ja selbst.«
Victor Leng wirkte auf einmal nervös. »Auch wenn Sie meine finanziellen Angelegenheiten nicht interessieren, Mr. Tubb, so wüsste ich doch gerne von Ihnen, aus welchem Grund diese Hyperzivilisation hier draußen agiert, wenn Paul Symmes in seinem Buch behauptet, sie lebe im Inneren unseres Planeten?«
»Was es auch immer bedeutet, es bedeutet sicherlich nicht Gutes.«
Zunächst nahm Hans die huschenden Bewegungen nur aus den Augenwinkeln wahr. Er hielt dies als Erstes für eine optische Täuschung, die durch das grüne Licht und die unheimliche Atmosphäre ausgelöst wurde, welche an diesem Ort herrschte.
Doch sein Eindruck veränderte sich schlagartig.
Auf einmal sah er sich mehreren Personen gegenüber, die genau so gekleidet waren wie der Tote, der zuvor aus dem Himmel gefallen war. Ihre bleichen Gesichter und ihre grauen Augen, mit denen sie Hans und die anderen anstarrten, hatten schon beinahe etwas Außerirdisches an sich. Hinzu kamen rote Masken, die nur den Mund sowie die untere Gesichtshälfte bedeckten. Hans zählte zehn dieser sonderbaren Gestalten. Bei einer handelte es sich um eine Frau. Sie besaß braunes, welliges Haar und äußerst zarte Gesichtszüge. Irgendwie passte sie nicht zu den anderen Wesen, die fast vollständig kahl waren und ausgezehrte Gesichter vorwiesen.
Hans hätte sie unter anderen Umständen durchaus als hübsch empfunden.
»Keinen Schritt näher!«, krächzte Carlson. Er ließ Atisha los und umfasste mit beiden Händen das Maschinengewehr.
Smithers Hände krallten sich in Makis Schultern. Er schaute sich Hilfe suchend nach seinem Chef um. Victor Leng beachtete ihn jedoch kein bisschen. Vielmehr schien dieser von dem plötzlichen Auftauchen dieser Personen überaus fasziniert zu sein.
»Lassen Sie mich endlich los«, schrie Maki. Sie wandte sich unter seinen Pranken. Tatsächlich gelang es ihr, sich aus seinem erstarrten Griff zu befreien. Sie lief hinüber zu Hans. »Danke, dass du mir geholfen hast.«
Smithers deutete mit offenem Mund auf sie, ohne ein Wort zu artikulieren. In seinen Augen spiegelte sich panische Furcht.
Frederic Tubb konnte seine Augen nicht von dieser seltsamen Frau lassen. Er befürchtete, einer Wahnvorstellung zu erliegen. Diese Haare, ihr Gesicht, auch wenn es halb von einer Maske verdeckt wurde, sowie ihre Körperhaltung - irrte er sich? Die Polizei hatte die Leiche von Kathrin nie gefunden. Sollte dieser Transporter bei ihrem spurlosen Verschwinden eine Rolle gespielt haben? Das völlig verrostete Auto sprach dafür, dass es von einem Boten unter Beschuss genommen worden war. Hatte die Hyperzivilisation seine Frau entführt?
So sehr er sich davor ängstigte, so gab es doch nur eine Möglichkeit, um dies herauszufinden. »Kathrin?« Tubb machte ein paar Schritte auf sie zu. »Kathrin?«
Die Frau erwiderte seinen verstörten Blick teilnahmslos.
Stattdessen baute sich der Mann neben ihr vor ihm auf. Seine tiefe Stimme hatte einen herrischen, abgehackten Ton. Tubb verstand kein einziges Wort. Zudem galt seine Aufmerksamkeit ganz der Frau, die ihn auf schmerzvolle Art an Kathrin erinnerte. Er ließ den Mann einfach stehen und stellte sich vor sie. »Bist du es, Kathrin?« Er griff nach ihren Händen. Seine Fingerspitzen hatten nicht einmal die ihren berührt, da wurde er von dem Mann gepackt und zu Boden geschleudert. Gefolgt wurde diese Attacke von einer Reihe weiterer unverständlicher Wortsalven.
In diesem Augenblick verlor Carlson vollends seine Beherrschung. Er schrie entsetzt auf und begann, wild um sich zu schießen.
Zwei der Wesen wurden getroffen.
Maki und Hans warfen sich auf den Boden.
Sam Richards sah endlich seine Chance gekommen. Schnell zog er aus seinem Anorak die sonderbare Waffe, deren Aussehen an einen Metallstab erinnerte. Er zielte auf Carlson und drückte auf den Knopf, der genau in der Mitte angebracht war. Der grelle Strahl traf Carlson in Brusthöhe. Er drehte sich kreischend im Kreis, wobei er noch ein paar Salven abfeuerte. Sein Körper verfaulte in Zeitraffer. Durch seine taumelnden Bewegungen geriet er zwischen zwei der Türme. Einer der regelmäßig auftauchenden Strahlen schoss auf ihn zu und fuhr durch seinen Kopf, der augenblicklich explodierte.
»Carlson!«, schrie Smithers bestürzt. Er wich vor Richards zurück.
Die Verwendung der Waffe hatte zur Folge, dass Sam Richards auf einmal mit drei der bleichen Männer rang, die ihm den metallenen Stab abnehmen wollten.
»Wie wäre es, wenn du ihm mal hilfst«, forderte Maki Hans auf.
»Das wollte ich sowieso.« Er stand auf und mischte sich sogleich in die Keilerei. Sein Karate- sowie Boxtraining kamen ihm dabei sehr zugute. Mit gezielten Schlägen setzte er einen von ihnen außer Gefecht. Bei dem weiteren Gerangel löste sich erneut ein Strahl. Dieser traf die riesige Sanduhr, deren Glas sofort anlief und zersprang. Die roten Körner rasselten über die Außenfläche des Würfels und kullerten über den Boden. Die surreale Würfelkonstruktion bog sich nach innen, so als würde aus ihr Luft entweichen. Der darauf positionierte Kegel geriet in Schräglage. Funken sprühten aus Antennten und Sensoren. Die Außenfläche erhielt tiefe Dellen, so als würde eine unsichtbare Riesenhand dagegenschlagen.
Die Wesen erstarrten in ihren Bewegungen. Mit sichtbarem Unbehagen folgten sie den drastischen Veränderungen, die sich an dem Turm abspielten.
»Was ist hier plötzlich los?« Hans blickte erst den Turm, dann seinen Gegner an, der abrupt von him gelassen hatte, um das Geschehen mit äußerster Konzentration zu betrachten.
Tubb erhob sich. »Weg von dem Turm!« Er wollte den anderen folgen, blieb aber plötzlich stehen. Die Frau sah ihn an, so als würden sich in ihrem Kopf verwirrende Gedanken langsam zu einem Bild zusammenfügen.
Die anderen bleichen Menschen hatten sich bereits zu einer der Turbinen geflüchtet, zwischen deren monströsen Blättern sie hindurchschlüpften.
Tubb näherte sich ihr, trotz der Gefahr, die von dem Turm ausging, der auf gespenstische Art zusammengedrückt wurde. Kaum hatte er sie erreicht, als sie sich spontan umwandte und weglief.
Tubb folgte ihr.
Sie gelangte zur Turbine und trat zwischen die Blätter in die dahinter liegende Dunkelheit.
Frederic Tubb wollte ihr nach, wurde aber im selben Augenblick festgehalten. Wutendbrandt drehte er sich um.
Maki stand bei ihm. »Du kannst da nicht durch!«
»Wieso hältst du mich auf?«, fuhr er sie an.
»Weil …«
Das ohrenbetäubende Quietschen von Metall ließ Tubb zurückfahren. Erst jetzt sah er, dass sich die Turbine bewegte. Ihre Rotation beschleunigte rasch. Ein Sog enstand, der an Tubbs und Makis Kleidung zerrte. Auch die übrigen Turbinen hatten ihre Funktion aufgenommen. Eine Mischung aus Rattern und quietschenden Geräuschen verband sich mit dem zerstörerischen Akt, durch den der Sendeturm heimgesucht wurde.
»Sie werden schön hier bleiben!« Wie aus dem Nichts stand Smithers vor ihnen, in seinen Händen eine Metallstange. Aus seinen geröteten Augen sprach der reine Wahnsinn. Um seine Lippen hatte sich Schaum gebildet. »Sie kommen hier nicht mehr weg, verstanden?« Er holte zu einem Schlag aus.
Tubb und Maki wichen gerade noch rechtzeitig aus. Die Stange traf mit voller Wucht den Boden.
Smithers brachte der Fehlschlag noch mehr in Rage. Gerade als er ein weiteres Mal ausholte, stieß Maki ihn mit einem gezielten Tritt in den Magen. Smithers taumelte zurück in Richtung Turbine. Die Stange geriet zwischen die Rotorblätter. Durch die enorme Kraft wurde sie ihm aus der Hand gerissen, wodurch er weiter zurücktaumelte. Ein schrilles Kreischen entrang sich seiner Kehle, als ihn die Turbine erfasste. Die Blätter verfärbten sich augenblicklich dunkelrot.
»Nichts wie weg.« Tubb nahm Makis Hand und rannte mit ihr den anderen nach, die sich bereits mehr als hundert Meter von dem Schauplatz entfernt hatten.
Das plötzliche Heulen, das sich hinter ihnen bildete, verhieß nichts Gutes. Tubb wagte einen Blick zurück. Der Turm hatte sich in eine unkenntliche Masse aus Metall und Stahlstreben verwandelt. Grelle Blitze schossen daraus hervor, welche die angrenzenden Türme trafen. Diese platzten regelrecht auseinander, wobei Teile von ihnen gegen die Turbinen krachten, sodass diese aus ihren Verankerungen gerissen wurden.
»Wie wäre es, wenn wir ein bisschen schneller rennen würden?«
»Hätte nichts dagegen!«
Beide holten die anderen ein. Sam Richards trug Atisha wie einen Kartoffelsack über der rechten Schulter, da dieser nicht hatte mit ihnen mithalten können.
»Schnell aus dem Tal raus!«, rief Tubb.
Hinter ihnen setzte sich die Welle der Vernichtung fort. Türme explodierten, Turbinen wurden durch herumfliegende Teile demoliert.
Der steile Weg nach oben sollte nochmals zu einer kräftezehrenden Anstrengung werden. Doch schließlich gelangten sie an die Hügelkuppe. Im selben Moment bildete sich da, wo sich der Sendeturm befunden hatte, eine blendende Lichtkugel. Sie zog sich zunächst wieder zusammen, bevor sie auseinandergerissen wurde und einen glühenden Sturm auslöste, der durch das gesamte Tal raste. Der Boden erzitterte unter dieser gewaltigen Energieentladung und löste an manchen Stellen Geröll, das donnernden in die Tiefe stürzte. Die blendende Helligkeit zerriss die Dunkelheit der Nacht, die über dem Gebirge lag, nachdem sich das grüne Leuchten verflüchtigt hatte.
»Wenn das nicht den chinesischen Geheimdienst auf den Plan ruft, dann weiß ich auch nicht«, sinnierte Arnold, während er sich eine Zigarette anzündete.
»Wenn Sie das da unten gemacht hätten, dann hätten Sie sich das Streichholz erspart«, meinte Hans.
»Sollte das eben eine Art Witz gewesen sein?«
»So wie ich Hans kenne, gibt er normalerweise nur brauchbare Tipps von sich«, sagte Maki.
»Huch! Zum ersten Mal steht die da auf meiner Seite.«
»Träum ruhig weiter.«
»Wir sollten uns auf den Weg zurück ins Kloster machen«, schlug Atisha vor. »Gumpopa und meine anderen Brüder werden sich sicherlich bereits ums uns sorgen.«
Die glühende Lichtfontäne verblasste langsam.
Tubb stand auf und schaute mit zwiespältigen Gefühlen in das Tal hinunter. Die Turbinen hingen schief in ihren Verankerungen oder lagen wie verbogene Räder auf dem Boden. Schutt häufte sich um sie herum. Die Türme glichen verkümmerten Gewächsen, die einem Brand zum Opfer gefallen waren. Vereinzelte Stahlteile ragten wie Mahnmale in die Höhe. Was für eine zerstörerische Kraft hatten sie da ausgelöst? Eine zweite Frage, die tief in seiner Seele brannte, hing mit jener Frau zusammen. Ob sie diese verheerende Explosion überlebt hatte? Ob es wirklich Kathrin gewesen war? Oder hatte ihn diese überraschende Ähnlichkeit so überrannt, dass er einem schmerzhaften Trugbild anheimgefallen war?
Maki stellte sich neben ihn. Ein eisiger Wind ließ ihre schwarzen Haare wie eine Fahne wehen. »Sie war es nicht.«
»Und wenn doch?«
»Ich habe sie doch auch gekannt. Sie kann es nicht gewesen sein.«
Hans warf Maki einen winzigen Stein an den Rücken. »Hey, wenn ihr mit eurer Schmuseeinheit zu Ende seid, können wir dann endlich los?«
»Soll ich dir auch mal einen Stein nachwerfen?«, rief Maki zurück.
»Wenn’s dir Spaß macht!«
Maki schaute seufzend in den Himmel. »Wieso ist der bloß so?« Sie nahm Tubbs Hand und ging mit ihm zu den anderen.
Epilog
Frederic Tubb schaute aus dem Fenster seines Londoner Büros. Von hier aus konnte er den gesamten Campus überblicken. Es nieselte. Er sah Maki, die über den Platz auf das Institut zu spazierte und dabei einmal mehr fast sämtliche Blicke auf sich zog. Zum ersten Mal schien sie ihren Hang zur Pünktlichkeit abgelegt zu haben. Hans Schmeißer und John Arnold saßen bereits an seinem runden Besprechungstisch.
»Wie wäre es, wenn wir einfach mal anfangen?«, warf Hans in den Raum. Seine Ungeduld brachte ihn dazu, krakelige Strichmännchen auf seinen Notizblock zu zeichnen.
John Arnold spielte inzwischen mit seinem Feuerzeug. Tubb hatte ihm verboten, in seinem Büro zu rauchen.
Nach wenigen Minuten vernahmen sie hallende Schritte im Gang.
Hans legte seinen Kugelschreiber zur Seite. »Na endlich.«
Die Tür öffnete sich und Maki Asakawa trat rasch in das Büro.
»Fünfzehn Minuten zu spät«, sagte Hans. »Das heißt, du darfst gleich wieder raus gehen und uns Kaffee holen.«
Maki ließ sich ihm gegenüber auf den Stuhl fallen. »Und sonst hast du keine Wünsche?«
»Wünsche schon, aber …«
Maki kickte ihm gegen das Schienbein. »Hol uns lieber mal Kaffee.«
Hans blickte erstaunt in die Runde. »Wieso soll ich …?«
John Arnold schob ihm etwas Kleingeld über den Tisch. »Und nicht von dieser jämmerlichen Cafeteria. Etwas weiter die Straße hinauf gibt es einen Coffeeshop.«
Zwanzig Minuten später verteilte Hans die heißen Kaffeebecher, wobei er ein ziemlich finsteres Gesicht zog. »Wieso muss ich das immer machen?«
»Nenn es einfach Schicksal«, erwiderte Maki.
Frederic Tubb hatte inzwischen eine Karte von Tibet an die Wand gehängt, auf der er das Gebiet rot umkreist hatte, das von Dolan und Schäfer als Shangri-La bezeichnet worden war. »Es bleiben immer noch Fragen offen«, begann er, während er sich mit der Schulter gegen die Karte lehnte. »Eine davon hat indirekt etwas mit der Hyperzivilisation zu tun. Victor Leng ist während des Kampfes spurlos verschwunden. Er war auf einmal nicht mehr da, so als habe er sich einfach in Luft aufgelöst.«
Hans grinste. »Kommt dir das nicht irgendwie bekannt vor, Maki?«
Sie wollte ihm wieder gegen das Schienbein treten, doch Hans wich vorzeitig aus.
»Da könnte etwas dran sein«, meinte Arnold. »Möglicherweise hat die plötzliche Fehlfunktion des Senders dazu geführt, dass Leng weggebeamt wurde. Fragt sich nur, wohin?«
»Na hoffentlich weit weg«, sagte Hans.
Tubb nickte. »Es muss etwas mit dem Transporter zu tun haben. Hoffen wir also, dass wir von Leng nie wieder etwas hören werden. Die anderen beiden Fragen haben direkt mit unserer Suche zu tun. Die Konstruktion und vor allem die Funktion des Senders weisen darauf hin, dass die Mitglieder der Hyperzivilisation versuchen, erneut an der Erdoberfläche zu agieren. Was auch immer sie damit bezwecken. Wir sollten auf jeden Fall achtsam sein.«
John Arnold hob seine Hand, als befände er sich in einem Klassenzimmer. »Sie übersehen, dass das Transportsystem nicht einwandtfrei funktioniert. Miss Asakawa landete außerhalb der Zone und dieser unheimliche Mensch fiel praktisch direkt aus den Wolken. Ich würde es mehr als eine Testphase bezeichnen, in dem sich diese Technologie befindet.«
»Dennoch ist die Hyperzivilisation im Besitz solcher Möglichkeiten. Sie werden sie weiterentwickeln und perfektionieren. Zugleich dürfte sie die Antwort auf eine unserer zentralen Fragen liefern. Wohin Paul Symmes verschwunden ist. Seine Spur verliert sich auf Island. Es könnte durchaus sein, dass ein solcher Apparat, wie er sich in Berlin befand, eine Rolle dabei gespielt hat. Allerdings hilft uns das nicht unbedingt weiter, da wir nicht genau sagen können, wohin Symmes dadurch gebracht worden ist. Kam er nach Shangri-La? In das hypothetische Reich der Hyperzivilisation? Oder an einen ganz anderen Ort? Darauf läßt sich noch keine Antwort geben.«
Nach einer kurzen Pause meldete sich Hans zu Wort. »Eine weitere Frage ist, welcher Rangordnung diese bleichen Menschen innerhalb der Hyperzivilisation angehören. Da wir nichts über ihr soziales System wissen, müssen wir im Grunde genommen immer davon ausgehen, dass wir in Kontakt mit ihrer Elite treten.«
Tubb bemerkte, dass Maki ihn von der Seite her ansah. Er hatte überlegt, ob er die Begegnung mit einer Frau der Hyperzivilisation, die erstaunliche Ähnlichkeiten mit Kathrin aufgewiesen hatte, nochmals erwähnen sollte, entschied sich dann aber anders. Die Frage konnte nicht geklärt werden. Jedenfalls noch nicht. Auch wenn ihn das Geheimnis um diese Person nicht mehr loslassen würde. Er entschied sich dafür, dies als etwas Persönliches zu handhaben. Daher sagte er: »Möglicherweise handelte es sich dabei um Techniker, deren Aufgabe es gewesen ist, die Anlage zu warten und durch Tests zu verbessern. Sie besaßen keine Kampferfahrung wie diese grünen Wesen auf der Expedition. Sie hatten auch keine Waffen bei sich.«
Nachdem die Besprechung beendet war, trat Frederic Tubb wieder ans Fenster. Der Nieselregen hatte sich inzwischen verstärkt. John Arnold hatte sich zurück ins Zentralgebäude der LOGE begeben, um den Leuten in der Funkzentrale neue Anweisungen zu geben. Sie sollten nach weiteren fremdartigen Funksignalen suchen. Hans und Maki hatten sich anscheinend wieder wegen irgeneiner Sache in die Haare gekriegt. Er vernahm ihre lauten Stimmen aus dem Nebenbüro.
Tubb betrachtete die Studenten, die über den Platz gingen. Den Bewegungen an sich haftete etwas Zielloses an. Dennoch beherbergten sie einen konkreten Sinn. Er übertrug den Gedanken auf die Hyperzivilisation. Auch hier schien es kein Ziel zu geben, sondern das Vorgehen vielmehr von Willkür bestimmt zu sein. Mit Sicherheit aber lag ein Sinn in deren Unternehmungen.
Tubb fühlte, wie sich seine Muskeln verkrampften.
Was würden sie als Nächstes tun?

Die Abenteuer von Frederic Tubb und seinem Team gehen weiter in
Prähuman Band 5
»Invasion der Doppelgänger«
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