Sie sind hier: Startseite - Stories & Lyrik - Serien - Prähuman - Frederic Tubb funkt SOS


Serien & Stories

Frederic Tubb ist Professor für rätselhafte Phänomene und Artefakte. Eines Tages bekommt er ein seltsames Telegramm. Darin steht, dass in Kambodscha eine merkwürdige Entdeckung gemacht wurde. Die Reste einer fremdartigen Stadt. Alter: 70 Millionen Jahre.
Kaum bekommt die Öffentlichkeit Wind von der ganzen Sache, gerät Frederic Tubb in Kontakt mit merkwürdigen Personen, die versuchen, ihn von seiner weiteren Forschung abzuhalten. Doch Frederic lässt nicht locker. Weitere Entdeckungen werden gemacht, die Aufschluss darüber geben, dass vor unserer Zeit eine hypermoderne Kultur existiert hat. Waren es Außerirdische? Wer sind die Leute, die versuchen, Frederic Tubb von seinen weiteren Forschungen abzuhalten?
Frederic Tubb macht sich zusammen mit seinen Mitarbeitern Maki Asakawa und Hans Schmeißer daran, das Rätsel der Hyperzivilisation zu lösen. Dabei stößt er auf merkwürdige Vorkommnisse und bizarre Situationen.

Frederic Tubb Funkt SOS

Prolog

Die Expedition gehörte mit ihren vierzehn Decks und einer Länge von etwa 350 Metern zu den größten Passagierschiffen der Welt. Dies wurde Herb Steward immer wieder bewusst, wenn er in einer seiner Pausen am Oberdeck stand, sich über die Reling beugte und dabei eine Zigarette drehte. Es grenzte für ihn jedes Mal von Neuem an ein Wunder, dass diese Tonnen von Stahl nicht einfach so untergingen. Würde es Herb jemals in den Sinn kommen, über die Reling zu springen, so würde er erst einmal über siebzig Meter in die Tiefe stürzen, bevor er auf die Wellen auftraf. Herbs Nachname verleitete seit Jahren viele seiner Kollegen zu diversen Wortwitzen. Herb hieß nicht nur Steward, er war es auch. Normalerweise arbeitete er auf Deck zehn, auf dem sich mehrere Kinos und Theater befanden. Doch seine Pausen genoss er stets an der frischen Luft.
Es war weit nach Mitternacht. Die Expedition hatte knapp dreitausend Passagiere an Bord und war damit nicht sonderlich ausgelastet. Zu dieser Zeit befanden sich außer Herb nur eine Handvoll Gäste am Oberdeck, die sich neben den Pools auf ihren Liegen fläzten. Es gab noch einen weiteren Grund, weswegen Herb das Oberdeck aufsuchte. Dieser bestand in einer hübschen, blonden Stewardess, die den Gästen Cocktails in den abstrusesten Farben brachte. Sie hieß Julia Gibson und war ein Jahr jünger als Herb. Wenn sie Zeit hatte, gesellte sie sich neben ihn an die Reling.
In dieser Nacht verwandelte der Vollmond den Ausblick in eine kitschige Hollywoodkulisse. Die Wellen wogten sanft, während das Mondlicht einen silbernen Streifen über sie legte, der sich wie eine verzauberte Straße bis zum Horizont erstreckte. Darüber erschien der nächtliche Himmel wie ein dunkelviolettes Tuch aus reiner Seide. Ein optimales Umfeld, um Julia Gibson zu sagen, was er für sie empfand.
Herb drehte sich eine Zigarette, nur um sie danach über Bord zu werfen. Seit einigen Monaten versuchte er auf diese Weise, sich das Rauchen abzugewöhnen. Elliot Sanderson, der ebenfalls auf Deck Zehn arbeitete, hatte es dadurch tatsächlich geschafft.
»Hallo, du einsamer Matrose.«
Herb wandte sich um. Hinter ihm stand Julia und lächelte ihn an. Das weiche Mondlicht erhellte ihr hübsches Gesicht wie ein Scheinwerfer auf einer Bühne. Hinter ihr glühten die Pools in einem grünlichen Blau.
»Hallo, Piratenbraut«, erwiderte er. »Deine fünf Gefangenen scheinen sich bei dir ja pudelwohl zu fühlen.«
Julia lehnte sich neben ihn an die Reling. »Dass du mir bloß keinen von denen aufweckst.«
»Ich hab nicht gesagt, dass du gleich wieder verschwinden sollst«, sagte er und grinste.
»Die wievielte Zigarette hast du heute über Bord gehen lassen?« fragte sie.
»Bei Nummer einhundertzehn habe ich aufgehört zu zählen«, antwortete Herb. Am liebsten hätte er gleich wieder eine gedreht. Julias Anwesenheit raubte ihm einfach den Atem. Bei dem Gedanken, was er ihr sagen wollte, klopfte ihm das Herz bis zum Hals.
Julia schien die Veränderung an ihm irgendwie zu bemerken. Sie schaute ihn für eine Weile an und meinte schließlich: »Du siehst aus, als hättest du eine Makrele verschluckt.«
Verlegen senkte Herb seinen Blick.
Aus einer unbestimmbaren Ferne erklang ein sonderbares, tiefes Quietschen, das wie ein Gespenst über das stille Meer schlich.
»Es ist nur so …«, versuchte Herb einen Anfang zu machen, brachte aber kein weiteres Wort über die Lippen.
Das unheimliche Quietschen hallte erneut durch die Ferne. Rostig, gewaltig und uralt.
Als Herb wieder Julia anschaute, stellte er schmerzvoll fest, dass sie nicht ihm, sondern der Weite des Ozeans Beachtung schenkte. Etwas hatte sich in ihrem Ausdruck verändert.
Herb seufzte. »In Ordnung. Ich hab schon kapiert.«
Julia schaute ihn verwirrt an. »Was hast du kapiert?«
Herb zuckte die Achseln. »Dass ich bei dir auf Granit beiße.«
Julia stieß ein lautes Lachen aus. »Mein Gott, Herb, denkst du, ich würde hier die Zeit mit dir verbringen, wenn ich nichts mit dir zu tun haben wollte?«
Das groteske Quietschen ertönte nun lauter. Es erinnerte an eine gigantische Zugbrücke, die langsam heruntergelassen wurde.
Herb glaubte, den Boden unter seinen Füssen zu verlieren. »Dann … Dann …«
Julia beugte sich näher zu ihm und küsste ihn leicht auf die Wange. »In Ordnung? Aber dabei bleibt es erst einmal, verstanden?«
Herbs Stimmung dämpfte sich etwas. Doch andererseits standen sie beide sowieso erst am Anfang.
»Was ist das denn?« Julia deutete mit einem Nicken in Richtung Meer.
Als Herb ihrem Blick folgte, spürte er, wie sich sein wallendes Blut augenblicklich in Eis verwandelte. »Was, um Gotteswillen, ist das?«
Das entsetzliche Quietschen drang nun schon zum dritten Mal an ihre Ohren. Diesmal gab es keine Zweifel, wo sein Ursprung lag.
Das Ding befand sich vor ihnen wie ein Gegenstand aus einer anderen Welt. Herb fiel es schwer, es irgendwie einzuordnen. Er hatte schlicht und ergreifend keine Ahnung, was das sein konnte. Ihm fehlten dafür die Worte.
»Wir müssen die Brücke benachrichtigen«, sagte Julia. »Es scheint, direkt auf uns zuzukommen.« Damit zog sie ein kleines Funkgerät aus ihrem Gürtel.
»Wahrscheinlich haben die es längst bemerkt«, meinte Herb. Seit wenigen Sekunden fühlte er sich äußerst unwohl.
»Julia Gibson an Brücke«, sagte Julia in das Funkgerät. »Sehe etwas backbord.«
»Hier Brücke«, meldete sich eine männliche Stimme. »Bist du noch auf, Julia?«
»Stan?«
Herb wunderte sich selbst, dass er im Angesicht dieses Monsters zu so etwas wie Eifersucht überhaupt fähig war. Doch dieser Stan bewirkte in der Tat diese paradoxe Gefühlsüberlappung.
»Sehen es auch«, fuhr Stan fort. »Haben aber nichts am Radar. Wir haben keine Ahnung, was das sein kann.«
»Wie wäre es mit einer Laune der Natur?« meldete sich Herb verstimmt zu Wort.
Im selben Augenblick traf das Schiff ein warmer Luftstoß, der den Geruch nach altem Stahl und rostigen Zahnrädern mit sich brachte.
Ein bis in Mark und Bein gehendes, metallisches Kreischen zerriss die Nacht, als würden sich längst vergessene Mechanismen unerwartet in Bewegung setzen. Seltsame Lichtexplosionen zeichneten sich auf diesem Ding ab, welche an Blitze erinnerten, die von einem über den Wolken fliegenden Flugzeug gefilmt wurden. Ein gewaltiges Brausen ertönte, so als würde sich in unmittelbarer Nähe ein Zyklon zusammenbrauen. Die Nacht jedoch war sternklar.
Im selben Moment fiel der Strom aus.
Das grünbläuliche Leuchten der Pools verschwand und verwandelte damit ihr Aussehen in zwei schwarze Löcher.
»Was hat das zu bedeuten?« Herb legte seinen Arm um Julia. Er fühlte auf einmal so etwas wie Angst in sich aufkommen.
Das Deck unter ihnen vibrierte.
Der ohrenbetäubende Ton eines überdimensionalen Nebelhorns zerriss ihnen beinahe das Trommelfell.
Das Ding hatte sich der Expedition in unglaublicher Geschwindigkeit genähert. Nun ragte es über das Passagierschiff empor wie ein urzeitliches Monstrum, das seiner Beute sicher war.
Herb packte Julia am Arm und rannte von der Reling weg. Er sah, wie die fünf nächtlichen Gäste in Panik das Oberdeck verließen.
Hinter ihnen verschwand die Reling in einem undurchdringlichen Nebel. Das Geräusch von zersplitternden Fenstern und Metall, das sich wie Butter verbog, mischten sich in die bereits vorhandene Kakophonie des Grauens.

TEIL EINS: POINT ZERO

1

Gegenüber der Weite des Ozeans wirkte der Helikopter wie eine Fliege, die über dem Boden einer Lagerhalle schwirrte. Es handelte sich um einen umkonstruierten Sikorsky, auf dessen Seitenflächen eine Weltkugel mit einem großen L in der Mitte abgebildet war. Das Rattern seiner Rotoren verlor sich in dem Rauschen des Meeres.
Frederic Tubb hielt seine Augen geschlossen. Sein Kopf pochte, als würde jemand mit einem Hammer dagegen schlagen. Wahrscheinlich hätte er einfach nicht soviel trinken sollen. Doch die seltsamen Ereignisse in London hatten ihn zu sehr durcheinandergebracht. Seine verschwundene Frau ein Opfer der Hyperzivilisation? Noch jetzt ließ ihn der Gedanke daran erbeben. Und dann war da noch die Sache mit Maki. Sie hatte ihn umarmt, und an den Rest erinnerte er sich einfach nicht mehr. Auf jeden Fall hatte sie neben ihm gelegen, als John Arnold ihn um vier Uhr morgens angerufen hatte. Angezogen. Er selbst hatte ebenfalls noch immer seine Kleidung getragen.
Tubb öffnete seine Augen. Maki saß ihm gegenüber und versuchte, seinem Blick auszuweichen. Mit verschränkten Armen tat sie so, als würde sie die Aussicht aus dem Bullauge des Helikopters genießen. Hans saß neben ihr. Er betrachtete beide, so als würde er ungeduldig darauf warten, in ein Geheimnis eingeweiht zu werden.
»Hab ich was verpasst?« fragte er nach einer Weile.
»Du verpasst ständig etwas«, erwiderte Maki, ohne dabei ihren Blick vom Fenster zu lösen.
Hans hob unschuldig seine Hände. »Ich dachte nur …«
»Manchmal solltest du einfach das Denken anderen überlassen.«
Verblüfft wandte er sich an Tubb. »Die ist heute aber mächtig sauer.«
Tubb zuckte nur mit den Schultern. Er schloss erneut seine Augen. Das Rattern der Rotoren war in der schalldichten Kabine kaum zu vernehmen.
Plötzlich rüttelte ihn jemand an der Schulter.
»Tubb, wenn Sie das nächste Mal einen drauf machen, dann rufen Sie mich vorher an.« Neben ihm saß John Arnold. Wie immer trug er einen tadellos sitzenden Anzug. Auf seinem Schoß lag ein Stapel Papiere.
Hans schaute Tubb fassungslos an. »Sie haben sich besoffen?« Darauf schien in ihm ein Licht aufzugehen. Er blickte mit weit aufgerissenen Augen zu Maki. »Dann hab ich also wirklich was verpasst?«
So als würde John Arnold die Gedanken von Hans lesen können, blickte er mit offenem Mund erst auf Tubb und dann auf Maki Asakawa.
»Seid ihr gerade beim Zahnarzt gewesen oder wieso bekommt ihr den Mund nicht zu?« Maki wandte sich sofort wieder dem Fenster zu.
»Passen Sie auf, Arnold, sonst rinnt Ihnen noch der Sabber aufs Papier«, fügte Tubb hinzu, was Maki dazu veranlasste, immerhin ein kleines Grinsen zustande zu bringen.
John Arnold räusperte sich und richtete seine Krawatte. Er mochte es augenscheinlich nicht, wenn Witze plötzlich auf seine Kosten gingen. »Also gut, Leute, Spaß beiseite. Ich hab hier ein paar Unterlagen hinsichtlich des verschwundenen Passagierschiffs.«
»Lassen Sie mich raten«, fuhr Hans dazwischen. »Irgendwas mit Riesenkraken.«
»Da muss ich Sie leider enttäuschen, Mr. Schmeißer«, fuhr Arnold fort. »Es handelt sich um das Passagierschiff Expedition. Registriert in Honolulu. Ein wuchtiger Kasten mit einer Länge von dreihundertfünfzig Metern, einer Breite von sechzig Metern und einer Höhe von etwa neunundsiebzig Metern. Vierzehn Decks mit allem, auf das der Durchschnittspassagier nicht verzichten möchte. Dieser mächtige Kahn tuckert mit einundzwanzig Knoten quer durch den Pazifik, als plötzlich etwas völlig Unerwartetes geschieht. Die Folge davon: Das Schiff verschwindet spurlos. Kurz davor sendet der Kapitän noch einen Notruf ab. Danach herrscht Stille. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich etwa dreitausend Passagiere und knapp tausendzweihundert Crewmitglieder an Bord. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Auf unseren Radars ist nichts zu erkennen. Ich schickte allerdings eines unsere Schiffe, die Nautic, zu den Koordinaten, bei denen es zu dieser unglaublichen Katastrophe gekommen ist. Kaum ist es dort eingetroffen, ereignet sich bereits der nächste Vorfall. Die Nautic wird beschossen und sinkt. Keine Überlebenden. Kurz vor diesem Ereignis bekamen wir ein verwackeltes Foto zugefunkt. Ich habe es ausdrucken lassen. Werfen Sie mal einen Blick drauf.« Damit verteilte er die Fotos an Tubb, Hans und Maki.
Tubb betrachtete das Bild eingehend. Das Foto zeigte ein verschwommenes Wolkenwirrwarr, in dem hier und da grelle Lichtpunkte aufleuchteten. Obwohl er Form und Größe nicht einschätzen konnte, wirkte dieses Etwas gewaltig. Die wuchtigen Wolkenformationen vermittelten den Eindruck, als würden sie den Fotographen jeden Augenblick erdrücken »Haben Sie irgendwelche Vorschläge, um was es sich dabei handeln könnte?« wandte er sich an seine beiden Mitarbeiter.
»Sieht aus wie ein verschwommenes Wolkenwirrwarr, in dem hier und da grelle Lichtpunkte aufleuchten«, erwiderte Hans.
»Ich dachte eher an brauchbare Informationen«, entgegnete Tubb.
»Dann muss ich passen«, sagte Hans. »Könnte so etwas wie Nebel sein. Allerdings habe ich noch nie bräunlichen Nebel gesehen. Erinnert irgendwie an den Qualm über einer chinesischen Industrieanlage.«
Maki betrachtete das Foto äußerst konzentriert. Sie sagte: »Ich glaube, die Wolken bewegen sich. Es könnte sich um eine Art Rotation handeln. Wie bei einem Wirbelsturm. Das könnte auch die Lichtpunkte erklären. Die Wolken sind elektrisch aufgeladen.«
»Sie haben es gehört, Arnold«, wandte sich Tubb an den Chef der LOGE. »Ich schließe mich übrigens Maki Asakawa an. Diese Lichtpunkte scheinen in der Tat auf eine Form von Elektrizität hinzuweisen. Das Ding, um was es sich auch immer handeln mag, ist also ziemlich geladen.«
»Tubb, die Witze hier mach immer noch ich«, warf Hans dazwischen.
»Also, Mr. Arnold, was halten Sie davon? Es wäre schön, wenn Sie nun das Ratespiel für beendet erklären und uns sagen, mit was wir es hier wirklich zu tun haben.«
John Arnold zögerte für einen längeren Augenblick. Schließlich erklärte er: »Um ehrlich zu sein, Tubb, wir wissen es selbst nicht. In meiner gesamten Laufbahn innerhalb der LOGE ist mir noch nie solch ein Ding untergekommen. Es ist … unglaublich. In wenigen Minuten sind wir dort. Ich verspreche Ihnen, Sie sind nicht umsonst hierher gekommen.«

2

Es war gewaltig. Ein echtes Monstrum.
John Arnold und sein Team hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, den grotesken Riesen als Point Zero zu bezeichnen. Das Problem mit Point Zero bestand darin, dass er ständig seinen Aufenthaltsort änderte.
Diese monströse Struktur bewegte sich. Sie durchpflügte mit etwa zwanzig Knoten die Weiten des Ozeans. Ein Rätsel, das bisher niemand lösen konnte, bestand in der unheimlichen Tatsache, dass dieses Ding bisher von keinem anderen Schiff bemerkt worden war. John Arnolds Team hatte innerhalb kürzester Zeit und mithilfe der neuesten Software sämtliche Datenbanken durchforstet, in denen es um Schiffsunfälle und Katastrophen sowie dem völligen Verschwinden einzelner Boote und Frachter ging. In keiner einzigen dieser Meldungen fand sich das, was Tubb durch das Fenster des Helikopters sah.
Point Zero ragte mehr als vierhundert Meter in die Höhe. Seine äußere Form glich derjenigen eines auf dem Kopf stehenden Kegels. Die obere Breite betrug zweitausend Meter. Die Stelle, an der dieser gewaltige Kegel die Meeresoberfläche berührte, nahm einen Umfang von etwa tausend Metern ein. Nicht weniger erstaunte seine äußere Zusammensetzung. Sie bestand aus graubraunen Wolkenformationen. Tubb konnte nicht feststellen, dass sich die Wolken bewegten. Vielmehr musste er bei ihrem Anblick an eine riesenhafte, dreidimensionale Fotographie denken, die jemand aus irgendwelchen Gründen in den Pazifischen Ozean gestellt hatte.
Tubb nahm ein tiefes Brummen wahr, das sowohl die Gegenstände um ihn herum, als auch seinen Körper in leichte Vibrationen versetzte.
Hans schaute sich verwirrt um. »Bringt hier gerade jemand einen Bassregler auf Touren?«
»Wir haben uns an diesen Ton bereits gewöhnt«, erwiderte Arnold. »Am Anfang kitzelt es ein wenig. Wir konnten noch nicht feststellen, durch was dieses Geräusch hervorgerufen wird.«
Vor und hinter dieser fremdartigen Struktur fuhren jeweils fünf Kriegsschiffe, eines davon ein Flugzeigträger.
Um den gigantischen Kegel herum kreisten drei Militärhubschrauber, deren Besatzungen versuchen sollten, genauere Daten über dieses Ungetüm zu gewinnen. Sie flogen in unterschiedlichen Höhen und hielten einen ungefähren Abstand von fünfzig Metern zu der dichten Wolkenhülle.
Ohne ihr Gesicht von dem Fenster abzuwenden, meinte Maki: »Ich verstehe nicht, wie ein solches Monstrum von keinem Radar erfasst werden kann. Irgendetwas müsste doch zu sehen sein.«
»Gibt es Berichte von ungewöhnlichen Wetterphänomenen?« nahm Tubb ihren Gedanken auf. »Immerhin könnten manche Leute, die dieses Ding aus der Ferne sahen, es für eine Art Zyklon gehalten haben.«
»Glauben Sie mir, Tubb, daran haben wir auch schon gedacht. Keinerlei Vorkommnisse.«
»Schon einmal darüber hinweg geflogen?« wollte Hans wissen.
»Von oben sieht es genau so aus wie von der Seite, Mr. Schmeißer. Nichts als Wolken.« Darauf fügte Arnold hinzu: »Wir umkreisen dieses Ding noch ein paar Mal, bevor wir auf der Argo aufsetzen. Vielleicht können Sie sich dadurch ein genaueres Bild machen.«
Da ihr Helikopter sich in einer Höhe von fünfzig Metern befand, ragte dieser ominöse Koloss bedrohlich über ihre Köpfe hinweg. Im Grunde genommen befanden sie sich nicht nur neben ihm, sondern auch unter ihm, da sich die Wolkenformationen mehr als dreihundert Meter über ihnen wie der dunkle Schirm eines Riesenpilzes ausbreiteten.
»Irgendwelche Radioaktivität?« fragte Tubb, während er die vorbeiziehenden Wolken betrachtete.
»Alles im normalen Bereich«, antwortete Arnold. »Wir haben es hier demnach nicht mit einer nuklearen Bedrohung zu tun.«
»Aber dennoch mit einer Bedrohung«, fügte Maki hinzu. Ihre Stirn lag in Falten. Ihre Augen drückten eine tiefe Besorgnis aus, die Tubb bei ihr bisher noch nicht gesehen hatte.
Die Stille kam völlig unerwartet. Von einer Sekunde auf die andere war das Brummen verstummt. Stattdessen kam es Tubb vor, als befänden sie sich in einem abrupt entstandenen Vakuum, in dem kein einziger Laut weitergeleitet wurde. Es herrschte eine gespenstische Geräuschlosigkeit. Er bekam das Gefühl nicht los, als hätte etwas sämtliche Energie eingesogen, die sich unvermutet in eine haarsträubende Manifestation verwandeln würde.
Wenige Augenblicke später ertönte ein tiefes, gewaltiges Quietschen, das bis in die schallisolierte Kabine vordrang. Es klang, so als würden sich tonnenschwere Scharniere nach Jahrhunderten wieder in Bewegung setzen. Dem folgte ein schweres Rasseln, das seinen Ursprung in kolossalen Stahlketten haben musste, die durch unbekannte Kräfte angehoben wurden. Das Ächzen von Metall begleitete dieses Kettengeräusch. Alles zusammen vermittelte den Eindruck, als würde dadurch ein gigantischer Mechanismus zurück ins Leben gerufen.
»Seht euch das an!« rief Hans.
In den schmutzigbraunen Wolkenformationen entstanden grelle Lichtexplosionen, die an das Aufflackern weit entfernter Detonationen erinnerten.
Die Wolken begannen, sich aus ihrer Starre zu lösen.
Sie umkreisten die kegelartige Form wie riesige Lastzüge, die sich schwerfällig in Bewegung setzten. Die quietschenden und rasselnden Geräusche nahmen an Intensität zu.
Schließlich bohrte sich der ohrenbetäubende Ton eines überdimensionalen Nebelhorns bis in die Kabine.
John Arnold beugte sich leicht vor und rief in Richtung Cockpit: »Jim, wir sollten machen, dass wir runterkommen.«
»Könnte ziemlich wacklig werden«, erklang die Stimme des Piloten.
»Bring uns einfach runter«, erwiderte Arnold.
»Was ist los?« Hans betrachtete Tubb und Arnold mit weit aufgerissenen Augen.
»Bist du blind?« fragte Maki. »Diese Lichtflecke sind bereits auf dem Foto zu sehen. Sie hängen anscheinend mit der Bewegung der Wolken zusammen. Ich denke, Point Zero steht kurz vor einer Entladung.«
John Arnold nickte. »Könnte sein. Seit wir diesen Koloss verfolgen, befindet es sich zum ersten Mal in Aktion. Doch wenn man bedenkt, was mit der Nautic geschehen ist, sollten wir uns auf das Schlimmste gefasst machen. Ich habe jedenfalls meinen Leuten den Befehl gegeben, zu schießen, falls dieses Monstrum krumme Dinger drehen sollte.«
»Sie wollen damit andeuten, dass wir uns in direkter Schusslinie befinden?« rief Maki erschrocken.
»Kein Grund zur Sorge, Mrs. Asakawa.« John Arnold grinste zwiespältig. »Jim wird schon dafür sorgen, dass wir rechtzeitig unten sind.«
Ein Lichtblitz grellte auf. Einer der Helikopter, der die Wolkenformationen umkreiste, wurde getroffen und regelrecht weggeschleudert. Er trudelte wie eine in Flammen stehende Heuschrecke auf das Meer zu, wobei er durch kleinere Explosionen auseinandergerissen wurde. Als er auf die Wellen auftraf, verfehlte er nur knapp das Deck der Argo.
»Sagten Sie nicht gerade, Jim würde uns rechtzeitig runter bringen?« Maki musterte Arnold geringschätzend.
Ein weiterer Lichtblitz schoss um wenige Zentimeter an ihnen vorbei.
Tubb nahm dabei einer Mischung aus Zischen und elektrischem Knistern wahr. Seine Nackenhaare stellten sich auf, so als wären sie statisch geladen. Er verspürte angesichts dieser Gefahr im Grunde genommen keine wirkliche Angst. Er glaubte aber, dass ihnen die Landung auf der Argo auch nicht gerade aus der Gefahrenzone bringen würde.
Als hätte dieser gigantische Mechanismus seine Gedanken erraten, traf ein Blitz die Kommandozentrale eines der Schiffe. Eine gewaltige Explosion brachte Glas und Metall zum Bersten.
»Ich denke, jetzt werden Ihre Leute garantiert zurückballern«, meinte Hans. Ohne es selbst zu bemerken, hielt er Makis rechten Unterarm fest umklammert.
In der Tat ließ die Antwort der LOGE nicht lange auf sich warten. Geschütze wurden ausgerichtet und Raketenabschussrampen positioniert.
»Sir, ich bekomme keinen Funkkontakt mehr«, meldete sich Jim aus dem Cockpit. »Stellen Sie sich am besten auf ein bisschen Rodeo ein.«
Inzwischen hatte die Anzahl der Lichtblitze erheblich zugenommen. Die blendenden Strahlen schossen in sämtliche Richtungen, sodass Tubb sich überlegte, ob dieser Angriff gewollt oder vielleicht doch eher eine willkürliche Erscheinung darstellte. »Es wird nicht gezielt geschossen«, bemerkte er Arnold gegenüber, während Jim in einem Zickzackkurs versuchte, den Strahlen auszuweichen.
»Was soll das heißen, nicht gezielt? Point Zero hat soeben den Kommandostand der Global Sea zerstört. Meinen Sie etwa, dieser Koloss weiß nicht, was er tut?«
»Wenn es sich wirklich um Entladungen handelt, dann ist das so«, beharrte Tubb auf seine Meinung.
»Es könnte sich aber genauso um eine Waffe handeln«, wandte Maki ein. »Diese metallischen Geräusche könnten ein Nebeneffekt ihrer Aktivierung sein.«
»Maki, seit wann widersprichst du unserem Chef?«, meldete sich Hans zu Wort.
»Wenn du nicht sofort meinen Arm loslässt, dann muss ich mir bald einen neuen kaufen.«
»Es scheint eher so, wie schon zuvor erwähnt. Point Zero erzeugt durch seine Fortbewegung eine Art Reibung, die zu solchen Nebeneffekten führt.« Tubb hielt die Idee, dass dieses Monstrum eine Waffe darstellte, für überzogen. Es war einfach zu schwerfällig und viel zu gigantisch, um eine brauchbare Effektivität hinsichtlich seines Einsatzes zu erzielen. Doch jetzt war garantiert nicht der geeignete Zeitpunkt, um sich mit Maki Asakawa auseinanderzusetzen.
Der Helikopter umkreiste weiterhin den riesigen Kegel, während über und unter ihm Blitze vorbeischossen. Fast schon elegant vollführte Jim einen Sinkflug, den er jedoch nach wenigen Metern wieder abbrechen musste, da direkt unter ihm mehrere Blitze auf einmal in Erscheinung traten. Mit verzerrtem Gesicht zog er den Helikopter wieder nach oben, wobei die Motoren vor Anstrengung aufheulten. Jim hatte vor wenigen Jahren eine Ausbildung zum Kunstflieger absolviert, bevor er zur Luftwaffe und schließlich zur LOGE gekommen war. Mit seinen sechsundvierzig Jahren gehörte er sicherlich nicht mehr zu den Jüngsten in seiner Truppe, aber er konnte mit einem Helikopter Dinge anstellen, an die andere nicht einmal zu träumen wagten.
Mehrere Meter vor ihnen flogen die beiden verbliebenen Hubschrauber der LOGE in zwei parallelen Flugbahnen. Auch sie hatten so ihre Schwierigkeiten, eines der Schiffe zu erreichen. Hinzu kam jetzt noch der Umstand, dass diese aus allen Rohren feuerten und somit eine zusätzliche Gefahr darstellten. Die Geschosse und Raketen pfiffen und sausten an den Helikoptern vorbei, um kurz darauf in den Wolkenformationen zu verschwinden. Hin und wieder wiesen harmlose Feuerfontänen darauf hin, dass das ein oder andere Geschoss irgendein Ziel im Innern dieser Wolken erreicht hatte.
Gerade als Jim den Helikopter weiter in die Höhe treiben wollte, traf ein gewaltiger Blitzstrahl einen der Hubschrauber vor ihm. Sofort ging dieser in Flammen auf und wurde gleichzeitig gegen die neben ihm fliegende Maschine geschleudert. Beide verschwanden in einem sich aufblähenden Feuerball. Trümmer und winzige Teile stoben in alle Richtungen davon. Ein Geräusch entstand, das Jim an Hagelkörner erinnerte, die auf ein Wellblechdach fielen. Die zerstörten Rumpfzellen stürzten wie glühende Metallgerüste in die Tiefe.
»Das war Glück im Unglück«, kommentierte John Arnold das Geschehen. »Jim haben Sie vor, die Spannung noch etwas weiter aufrecht zu halten?«
»Sir, ich arbeite an einer Lösung!«
»Um Gotteswillen, was ist das?« Maki starrte entsetzt aus dem Fenster.
»Sir, vier Missiles kommen direkt auf uns zu. Versuche Ausweichmanöver.«
»Der Junge hat echt Nerven.« Hans hatte aufgrund der heftigen Drehungen eine leicht grünliche Gesichtsfarbe angenommen.
Frederic Tubb hätte nie zuvor gedacht, dass man Raketen auf sich zufliegen sehen konnte. Alles geschah auf einmal wie in Zeitlupe. Die vier Missiles blieben auf ihrem Kurs. Tubb hatte keine Ahnung, wie Jim diesem Angriff entgegenwirken wollte. Er sah nur, dass die Flugkörper den Abstand zu ihnen unheimlich schnell verringerten.
Jim verließ sich ganz einfach auf sein Glück. Er wusste, dass die Missiles nicht ihnen galten, sondern dem Ding, das sie noch immer umkreisten. Unglücklicherweise befanden sie sich aber gerade zwischen den Fronten. Die Raketen schossen in einer rautenförmigen Konstellation auf sie zu. Jim wartete noch einen Augenblick.
Jeder normale Mensch hätte wahrscheinlich versucht, so schnell wie möglich vom Fleck zu kommen. Genau das war das Problem. Würde Jim die Geschwindigkeit erhöhen, so würden die Missiles sie gnadenlos treffen. Stattdessen behielt er das bisherige Tempo bei. Entscheidend war der mögliche Zeitpunkt des Aufschlags.

3

Maki gab ein erschrockenes Quieken von sich. Gleichzeitig packte sie Hans und warf sich mit ihm auf den Boden.
»Zu einem anderen Zeitpunkt hätte ich das gut gefunden!«
»Keine schmutzigen Gedanken!«
John Arnold betrachtete Tubb skeptisch. »Machen Sie dasselbe jetzt bloß nicht mit mir.«
»Kopf runter!« rief Tubb. Der Reflex war unwiderstehlich, zugleich aber auch völlig sinnlos. Zum einen befanden sie sich nicht am Boden, sondern in einer Höhe von beinahe hundert Metern. Zum anderen würde ein Treffer nichts mehr von ihnen übrig lassen. Egal, ob sie nun den Kopf einzogen oder nicht.
»Festhalten!« schrie Jim aus dem Cockpit.
Der Helikopter vollführte eine unglaubliche Drehung. Tubb hielt sich gerade noch rechtzeitig am fest genieteten Stuhlbein fest, während John Arnold quer durch die Kabine rutschte. Hans und Maki taten es Tubb gleich.
Die vier Raketen schossen mit einem schrillen Heulen an dem Helikopter vorbei, sodass dieser sich genau dazwischen befand. Danach verschwanden sie in den graubraunen Wolken, um kurz darauf eine stechende Feuerfontäne auszulösen, die den Helikopter um haaresbreite streifte.
»Wenn ich nicht durch die Gegend gerutscht wäre, hätte ich Jim jetzt einen Orden verliehen«, meldete sich Arnold vom hinteren Teil der Kabine.
»Geben Sie ihm trotzdem einen«, erwiderte Tubb. »Mit euch alles in Ordnung?«
Hans und Maki lagen so fest umschlungen am Boden, dass man alles Mögliche denken konnte.
»Solange mich Maki umklammert, geht es mir prima! – Aua!«
»Ich glaube, die Blitzstrahlen lassen etwas nach! Versuche erneut ein Landemanöver auf der Argo
»Lassen Sie sich durch nichts aufhalten«, erwiderte Arnold, der sich ächzend wieder auf die Füße stellte.
Maki und Hans erhoben sich ebenfalls.
Tubb saß bereits wieder am Fenster und beobachtete, wie sie sich langsam der Meeresoberfläche näherten. Die Aktivität der grellen Blitze schien tatsächlich nachzulassen. Dennoch setzten sie ihr Werk der Zerstörung unvermindert fort. Ein Blitz traf eine Gefechtsstation des Flugzeugträgers und löste sie in einen rot glühenden Feuerball auf. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sich keines der Flugzeuge in der Luft bewegte. Der Helikopter, in dem sich Tubb zusammen mit seinen Mitarbeitern und John Arnold befand, war das einzige Flugobjekt weit und breit.
»Keine Flugzeuge?« wandte er sich an Arnold.
Dieser warf sich gerade in den Sitz neben ihn. »Die sollten erst zum Einsatz kommen, wenn wir herausbekämen, um was es sich bei diesem Monstrum hier handelt. Andere bezeichnen solch ein Verhalten auch als Bürokratie.«
»Und ich dachte, so etwas gibt es nur in Deutschland«, erwiderte Hans entgeistert.
»Jetzt hast du den Beweis dafür, dass es nicht so ist«, sagte Maki.
Der Funkkontakt funktionierte noch immer nicht. Doch anscheinend hatten die Besatzungen der Schiffe endlich gemerkt, dass sich noch ein Helikopter in der Luft befand. Dementsprechend feuerten sie ihre Geschosse und Raketen nun so ab, dass Tubb und sein Team sich nicht mehr in der direkten Zielzone befanden.
»In ein paar Minuten sind wir unten«, teilte ihnen John Arnold mit.
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, als ein gleißender Blitz direkt an ihnen vorbei schoss und auf der Meeresoberfläche verdampfte.
Die Rotoren gaben auf einmal stotternde Geräusche von sich.
»Jim, was ist los?« rief Arnold.
»Der Strahl hat uns gestreift, Sir! Kompletter Systemausfall!«
»Was machen wir jetzt?« Maki schaute bestürzt in die Runde.
Der Helikopter begann, an Höhe zu verlieren.
»Türen auf und raus!« Frederic Tubb stolperte zusammen mit Arnold zur Helikoptertür.
Maki und Hans folgten ihnen.
»Das hätte ich nicht besser vormulieren können«, rief Jim. »Wir sehen uns unten!«
»Habe ich gerade richtig verstanden? Der Pilot macht sich aus dem Staub?«
»Machen Sie sich darüber keine Gedanken, Hans«, erwiderte Tubb. »Machen Sie sich lieber auf einen Sprung in den Ozean bereit.« Mit einem kräftigen Ruck löste er die Notverriegelung. Die Tür schwang zur Seite. Kalte Luft fauchte ins Innere des Helikopters, während das Krachen der Geschütze sowie die unheimlich-metallischen Laute des Monstrums ohrenbetäubende Ausmaße annahmen. »Nichts wie raus!«
»Ich spring da nicht raus, Tubb!« Hans starrte panisch aus der offenen Tür, die jeden Moment drohte, sich aus ihrer Verankerung zu lösen.
»Nun mache Sie schon, Mr. Schmeißer!« brüllte John Arnold durch den Lärm.
Ohne jegliche Vorwarnung umschlang Maki Hans mit ihren Armen und stürzte sich aus dem trudelnden Helikopter. »Das wolltest du doch schon immer!«
»Aber doch nicht so!« erwiderte Hans, während sie durch die Luft segelten. Das letzte Wort klang ziemlich langgezogen und verhallte im Krachen, Quietschen und Brausen der sie umgebenden Szenerie.
»Machen Sie dasselbe bloß nicht mit mir«, wandte sich John Arnold an Tubb.
»Dann bis später!« Frederic Tubb nahm kurz Anlauf und stürzte mit einem gekonnten Hechtsprung aus dem Helikopter.
»Angeber!«, brüllte Arnold und sprang hinter ihm her.

4

Frederic Tubb hatte völlig vergessen, Maki und Hans vorzuwarnen. Bei der letzten Konferenz über neuartige Supertechnologien hatte John Arnold ihm ein neues Rettungssystem erklärt, das auf allen Schiffen der LOGE installiert worden war. Tubb hatte es damals selbst ausprobiert. Sein Eindruck, den er dadurch gewonnen hatte, war wie folgt: Wenn man nicht wusste, was auf einem zukam, befand man sich nahe an einem Herzinfarkt.
Als Hans Schmeißer und Maki Asakawa auf den Wellen auftrafen, besaßen sie daher nicht die geringste Ahnung, was ihnen noch bevorstand. Tubb und Arnold fielen genau neben ihnen ins Wasser.
Hinter ihnen stürzte der Helikopter wie ein schwerer Metallklumpen ins Meer und sorgte für eine gewaltige Wasserfontäne.
Maki spürte etwas Klitschiges, das sich unerwartet um ihr rechtes Bein schlängelte. Etwas Ähnliches geschah mit ihrem linken Arm. Vielleicht handelte es sich ja um Algen, versuchte sie sich zu beruhigen. Doch gab es diese Pflanzen auch mitten auf dem Meer? Maki hielt ihre Augen geschlossen, während das Wasser ihre Fallgeschwindigkeit abbremste. Es hatte keinen Sinn, vorher schon zu versuchen, wieder an die Oberfläche zu strampeln, da dies zu viel Energie verbrauchen würde. Doch die glitschigen Berührungen verunsicherten sie. Maki öffnete ihre Augen. Im selben Moment presste ihr etwas die verbliebene Luft aus den Lungen. Die glitschigen Umklammerungen lockerten sich und verschwanden. Maki spürte eine unbeschreibliche Panik in sich aufkommen. Bis an die Oberfläche würde sie es bestimmt nicht mehr schaffen.
Auf einmal drängte das Wasser zurück, so als würde es in rasanter Geschwindigkeit in einem Abfluss versickern. Um sie herum bildete sich ein gläserner Kokon. Sie öffnete ihren Mund und holte tief Luft. Plötzlich zuckte sie zusammen, als etwas an der Außenhülle entlang quietschte.
»Verdammt!« schrie Hans. »Hier ist alles voller Kalmare!« Kaum hatte er sich unter Wasser befunden, als sich unvermutet ein glitschiger Tentakel um seine Hüften geschlängelt hatte. Doch der durchsichtige Kokon, der sich um ihn herum wie von Geisterhand gebildet hatte, hatte die ungewollte Liebkosung unterbrochen. Vor seinen Augen spielte sich eine groteske Szenerie ab. Um ihn herum wimmelte es nur so von kleinen und größeren Kalmaren, die wie verrückt durch das Meer schossen. Mit ihren Glotzaugen betrachteten manche von ihnen Hans, so als verspräche dieser eine interessante Abwechslung auf ihrem Speiseplan. Der Ausblick durch das eigenartige Glas brachte jedoch noch eine weitere Absonderlichkeit zutage. Keine hundert Meter von ihm entfernt führte ein gewaltiges Rohr, dessen Außenwand mit Tang und Muschelkalk bedeckt war, hinab in den schwarzen Abgrund.
»Das muss zu Point Zero gehören«, staunte Hans. »Das ist verrückt! Vollkommen verrückt!«
»Wenn du das sagst, muss es ja stimmen.«
»Was soll das jetzt schon wieder? Bist du das, Maki?« Er schaute sich um, konnte aber nirgendwo etwas entdecken, dass wie eine Art Lautsprecher aussah. Allerdings erspähte er durch das Gewusel der Kalmare einen weiteren Kokon.
»Eigentlich hatte ich gehofft, dich endlich los zu sein«, vernahm er erneut ihre Stimme. »Doch stattdessen musste ich deinem unaufhörlichen Gebrabbel zuhören.«
»Ich hätte Sie vorwarnen sollen«, vernahm er nun Frederic Tubb. »Das hier sind Rettungskapseln. Arnolds neueste Errungenschaft.«
»Allerdings nur Prototypen, die auf Nanotechnologie basieren«, schaltete sich John Arnold in das Gespräch ein. »Wir planen eine neue Version, in der sich auch eine Steuerung sowie andere Spielereien befinden werden.«
»Und was sollen all die Kalmare da draußen?« hakte Hans nach.
»Wahrscheinlich werden die Kopffüßler von diesem Ding angelockt«, mutmaßte Tubb. »Es scheint sie irgendwie zu animieren.«
»Tubb, sagen Sie jetzt bloß nicht, dass diese Viecher gerade geil wie ein Rudel rammelnder Karnickel sind.«
»Hans, am besten du schließt nicht immer gleich von dir auf andere.«
»Wirklich witzig, Maki.«
Währenddessen wurden die vier gläsernen Kokons mithilfe von Stahlseilen in Richtung Argo gezogen. Hin und wieder klatschte ein Kalmar gegen eine der Außenwände, ohne diese aber zu beschädigen. Allerdings stellten alle vier fest, dass die Größe der Kalmare gelegentlich unheimliche Dimensionen erreichten. Anscheinend lockte der Koloss auch so manches Exemplar aus der Tiefsee an.
Die vier Kokons wurden durch eine Öffnung im Schiffsbauch der Argo gezogen, wo sie sich genau so schnell wieder auflösten, wie sie sich gebildet hatten. Zurück blieben kleine, tulpenförmige Gebilde, die sich am Ende eines jeden Stahlseils befanden. Zurück blieben ebenfalls vier klatschnasse Personen, die etwas unsicher auf ihren Beinen standen. Die Öffnung im Schiffsbauch sah von innen aus wie ein kreisrunder Pool. Das Geräusch der Bordkanonen drang wie entferntes Donnergrollen an ihre Ohren.
Ihnen gegenüber standen zwei Männer in dunkelblauen Uniformen. Beide salutierten, während einer von ihnen sagte: »Schön, Sie wieder an Bord zu haben, Sir.«
»Schon in Ordnung, Jungs«, erwiderte Arnold. »Was ist mit Jim?«
»Er konnte nicht mehr gerettet werden, Sir«, lautete die Antwort. »Einer der größeren Kalmare hat sich ihn geschnappt und in die Tiefe gezogen.«
»Tut mir leid, das zu hören. Jim war ein guter Junge.«
Beide Männer nickten anerkennend.
»Wie verhält sich Point Zero
»Er gibt weiterhin Strahlen von sich, Sir. Auf der Argo sind jedoch noch keine Schäden zu verzeichnen.«
»Also gut.« John Arnold deutet auf Tubb, Maki und Hans. »Ich bringe meine Freunde zu den vorbereiteten Kabinen. Bleiben Sie hier und passen auf, dass keines dieser Viecher dort draußen seine Tentakel herinstreckt.«
»Aye, Sir.«
Der andere Mann jedoch zögerte, wobei sein Kopf rot anlief. »Sir, wir wussten nicht, dass auch eine … eine Frau mit an Bord kommt.«
»Was wohl soviel heißt, dass ich mir Männerkleidung anziehen soll«, seufzte Maki.
Hans gab ein leises Kichern von sich.
John Arnold betrachtete sie abschätzend. »Was unter diesen Umständen gar nicht so schlecht ist. Meine Leute sind seit Monaten auf See, Mrs. Asakawa. Bei Ihrem jetzigen Aussehen könnte es sein, dass ich im Nu ein Rudel heulender Wölfe um mich habe.«
»Na toll, jetzt befinde ich mich nicht nur mitten auf dem Pazifik in der Nähe irgendeines seltsamen Dings, das wie blöde herumballert, sondern auch noch an Bord eines Schiffes, das von einem Haufen notgeiler Sexisten gesteuert wird.«
»Sir, wir haben auch noch ein zweites Problem«, fuhr der Mann unsicher fort. »Da wir von der Dame nichts wußten, haben wir nur zwei Kabinen hergerichtet.«
Hans klatschte begeistert in die Hände.
»Ein flasches Wort von dir und ich schmeiß dich zurück in den Ozean.«

5

Der Kommandostand bot eine groteske Aussicht. Point Zero ragte nur wenige Hundert Meter davor aus dem Wasser, während sich steuerbord die Weite des Ozeans erstreckte. Weiterhin schossen Blitze aus den rotierenden Wolken. Die Schiffe erwiderten das Feuer unvermindert. Den Ausblick nach backbord versperrte der Flugzeugträger. Tubb sah keine Düsenjäger starten. Er fragte sich inzwischen, ob ihr Einsatz überhaupt etwas bringen würde. Weder Bordkanonen, noch abgefeuerte Raketen zeigten bisher irgendwelche Wirkung.
John Arnold sowie zwei weitere Männer standen um einen Tisch, dessen Oberfläche von einer großen Seekarte verdeckt wurde. Tubb gesellte sich zu ihnen, gefolgt von Maki Asakawa und Hans Schmeißer. Während Hans die blaue Uniform tadellos passte, erwies sich diejenige für Maki als viel zu weit. Jacke und Hose hingen an ihr herunter wie schlaffe Segel. Verärgert erwiderte sie Tubbs Blick, wobei sie mit ihren Händen ständig ihre Hose festhielt.
Arnold blickte auf und versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken. »Meine Herren, ich möchte Sie kurz unterbrechen, um Ihnen Frederic Tubb sowie seine Mitarbeiter Maki Asakawa und Hans Schmeißer vorzustellen. Alle drei beschäftigen sich mit außergewöhnlichen Phänomenen und seltsamen Artefakten. Mr. Tubb ist zurzeit Gastprofessor an der Universität in London. Er kam auf die Spur von Paul Symmes, einem Historiker, der behauptete, dass es vor unserer Zeit eine hochtechnologisierte Zivilisation gegeben hat, die er als Hyperzivilisation bezeichnete.« John Arnold wies mit einer Handbewegung auf die neben ihm stehenden Männer. »Dies hier ist Mark Ranger, ein bekannter Unterwasserarchäologe. Die Person links ist Lyon Caidin. Er arbeitet in einem ganz ähnlichen Bereich wie Sie, Tubb.«
Während Mark Rangers Aussehen dem eines Mannes glich, der täglich fünf Stunden Bodybuilding absolvierte und sich den Rest des Tages auf dem Strand vergnügte, bestand Lyon Caidins Auftreten im genauen Gegensatz dazu. Er besaß eine dürre, schlaksige Statur und schien seit Jahren keine Sonne mehr gesehen zu haben. Er betrachtete Tubb durch dicke, kreisrunde Brillengläser. Sein Gesichtsausdruck verriet dabei alles andere als Sympathie.
»Als Mr. Arnold in New York von einem bekannten Experten für außergewöhnliche Phänomene sprach, hätte ich wissen sollen, dass es sich dabei um Sie handelt, Tubb.« Caidins Stimme klang arrogant und abfällig.
»Auf jeden Fall war es keine gute Idee von ihm, Sie mit an Bord zu nehmen«, konterte Tubb.
Caidins Miene versteinerte sich. »Ich habe noch nie etwas von Ihren Theorien gehalten, Tubb. Und glauben Sie mir, es gibt genug Leute, die auf eine ähnliche Art und Weise denken. Nur weil Ihre Artikel Aufsehen erregen, heißt das noch lange nicht, dass sie auch ernst zu nehmen sind.«
»Höre ich hier etwa ein wenig Eifersucht heraus?« Hans konnte wie immer seinen Mund nicht halten.
Caidin schnaufte verächtlich. »Hans Schmeißer. Mich bei einer Podiumsdiskussion als einen von Hämorriden geplagten Schwachkopf zu bezeichnen, reicht Ihnen wohl nicht aus, wie? Aber das zeigt zumindest Ihre vollkommene Amateurhaftigkeit. Wie ich sehe, versuchen Sie sich noch immer an Mrs. Asakawa heranzumachen.«
Maki seufzte laut. »Caidin, Sie können uns nicht leiden und wir können Sie nicht leiden. Also lassen wir es dabei. Es sei denn, Sie wollen etwas daran ändern. Dann können Sie von mir aus auch über Bord gehen.«
Lyon Caidins Lippen verzog sich zu einem schmalen Grinsen, während aus seinen Augen jedoch unangenehm kalt blieben.
»Also gut, meine Herren«, schaltete sich John Arnold dazwischen. »Lassen wir unsere persönlichen Problemchen für kurze Zeit beiseite. Wir stehen hier einer völlig unbekannten Gefahr gegenüber. Es wäre also schön, wenn Sie so etwas wie Professionalität an den Tag legen würden. – Ich hoffe, dass Sie nicht ebenfalls an diesem persönlichen Konflikt beteiligt sind, Mr. Ranger.«
»Keine Sorge.« Rangers Stimme klang unerwartet hoch. »Aber ich bin Ihrer Meinung. Wir sollten unsere Arbeit so schnell wie möglich erledigen. Point Zero könnte sonst noch schlimmere Dinge anrichten.«
»Dann wissen Sie etwas darüber?« Tubb versuchte so gut es ging, die Anwesenheit seines Kontrahenten Caidin zu übergehen.
Mark Ranger verschränkte die Arme vor seiner Brust. »Sagen wir einmal so, im Laufe meiner Forschungstätigkeit stieß ich in gewissen Abständen auf Schiffswracks, deren Zustand ich mir keineswegs erklären konnte. Aus diesem Grund startete ich ein internationales Programm. Durch Zufall stieß ich auf Mr. Arnold. Er stellt die Gelder für dieses Programm bereit. Ich muss Ihnen ja nicht sagen, wie idiotisch manche Universitäten ihre Gelder verteilen. Auf jeden Fall wollte niemand unser Projekt finanzieren. Die Sache startete vor knapp eineinhalb Jahren. Bis jetzt sind Wissenschaftler aus den USA, England, Deutschland und Japan daran beteiligt. Wir suchen nach ganz speziellen Wracks. So ähnliche wie dieses hier.« Ranger reichte Tubb eine großformatige Fotographie.
Frederic Tubb konnte außer einem Haufen Schutt nichts erkennen. Es gab weder ein Schiffsgerippe, noch etwas anderes, das darauf schließen ließ, dass auf dem Foto tatsächlich die Reste eines Schiffes zu sehen waren. Er reichte das Bild an Hans weiter.
»Das sind die Reste der Nordsee, einem Schiff, das im Laufe des Zweiten Weltkriegs spurlos verschwand. Angeblich war sie eines der modernsten Kriegsschiffe der damaligen Zeit. Der letzte Funkkontakt lautete: Feindkontakt. Danach schien das Schiff wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt keine Berichte seitens der Aliierten, dass sie dieses Schiff versenkt hätten. Sie wußten davon und machten Jagd darauf, doch niemand konnte sich rühmen, ihm auch tatsächlich begegnet zu sein.« Er reichte Tubb eine weitere Fotographie. »Hier sehen Sie die Reste eines japanischen Kriegsschiffes aus der Zeit des russisch-japanischen Krieges um 1904. Derselbe Zustand. Wir haben keine genauen Hintergrundinformationen darüber, da die japanische Regierung bis heute viele Dokumente aus der damaligen Zeit noch unter Verschluß hält. Es könnte sich jedoch um dasselbe Phänomen handeln.«
Auf der dritten Fotographie, die ihm Mark Ranger reichte, erkannte Tubb Reste von Kanonen aus dem 18. Jahrhundert. Manche von ihnen waren platt gedrückt, andere sahen aus, als hätte sie jemand zerschreddert.
»Die Star of the Sea«, erläuterte Ranger. »Ein Piratenschiff, das in Berichten aus dem Jahr 1756 immer wieder Erwähnung findet. Angeblich soll es in eine Art Wirbelsturm geraten und nie wieder in Erscheinung getreten sein. Und hier habe ich noch etwas für Sie. Dieses Bild zeigt eine römische Galeone. Wir fanden hierbei ebenfalls dieselben Formen der Zerstörung wie bei allen anderen Schiffen. Ich könnte Ihnen noch etwa hundert weitere Fotos zeigen, doch diese hier dürften zunächst reichen. Trotz der üblen Zustände, in denen sich die Wracks befinden, gelang es uns dennoch, einen rätselhaften Umstand aufzudecken. Sozusagen eine Art Gemeinsamkeit. Diese besteht darin, dass bestimmte Teile der Schiffe fehlen.«
»Was meinen Sie damit?« hakte Tubb nach. Er nahm von Maki die Fotos entgegen und blätterte sie noch einmal durch.
»Bei dem japanischen Schiff fehlen fast sämtliche Geschütze. Das deutsche Schiff besitzt keinen Motor. Geschütze fehlen ebenfalls. Und so weiter.«
»Wenn Point Zero dafür verantwortlich ist, dann haben wir hier ein wirkliches Problem«, fügte John Arnold hinzu. »Tubb, Sie wissen sicher, was ich meine.«
»Point Zero ist nicht erst jetzt in Erscheinung getreten, sondern durchpflügt die Weltmeere seit Jahrtausenden«, sprach Tubb den in der Luft schwebenden Gedanken aus. »Er sammelt anscheinend betsimmte Schiffsbauteile, wie auch immer dies vor sich gehen mag. Möglicherweise ein weiterer Artefakt der Hyperzivilisation.«
»Nicht nur möglicherweise.« John Arnold wandte sich an Lyon Caidin, der bisher mit gekrauster Stirn das Gespräch verfolgt hatte. »Mr. Caidin, Sie haben es tatsächlich geschafft, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.«
»Zunächst einmal möchte ich eines klarstellen«, begann Caidin und schaute dabei vor allem auf Tubb. »Diese Theorien über eine prähumane Hyperzivilisation halte ich für völligen Mist. Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass ich eine frühere Assistentin dieses ominösen Paul Symmes getroffen habe. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie wusste nichts Gutes über ihn zu berichten. Sie hielt ihn für einen Spinner, der es vor allem auf eines abgesehen hat: junge Studentinnen. Und genau diese Eigenschaft brachte ihm schließlich das Ende seiner Karriere. Seine Vorlesungen wurden nur deswegen so viel besucht, da er im Gegensatz zu anderen Professoren über die abstrustesten Theorien und Vorkommnisse referierte. Im Gegensatz zu einem Seminar über Immanuel Kant ist das natürlich ein Volksfest. Und dies bringt mich dazu, speziell Ihr Verhalten, Mr. Tubb, infrage zu stellen. In Ihren Artikeln berufen Sie sich auf eben diesen Möchtegern-Casanova. Sie verbreiten seine Theorien, so als handele es sich dabei um reine Wahrheit. Ich finde Ihr Vorgehen alles andere als wissenschaftlich, Tubb. Sie sind in meinen Augen nichts anderes als ein Scharlartan.«
»Wie wäre es, wenn Sie endlich auf den Punkt kommen würden?« Tubb wusste, dass Lyon Caidin jeden, den er nicht leiden konnte, mit Reden dieser Art traktierte, bevor er endlich zu dem eigentlich Zweck seiner Ansprache kam. Aus welchem Grund auch immer, doch ihre Wege kreuzten sich seit dem Ende seiner Studienzeit. Bereits seit damals konnte man den Kontakt zwischen ihnen nicht gerade als Freundschaft bezeichnen. Und dies lag nicht daran, dass Lyon Caidin um vieles älter war als Tubb.
Caidin stützte sich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab. »Nun gut, wie gesagt, ich glaube nicht an diese Spinnereien. Ich denke auch, dass eine Schnellanalyse wie ich sie vor wenigen Stunden durchführte, fehlerhaft ist. Bevor Sie hier ankamen, Tubb, haben wir es tatsächlich geschafft, ein wenig von diesen bräunlichen Wolkenformationen unter die Lupe zu nehmen. Die Formationen bestehen aus einer Art Aerosol und ähneln damit den Bestandteilen natürlicher Wolken. Mr. Arnold bat mich, mithilfe seiner an Bord befindenden Geräte, das grobe Alter dieser Teilchen zu bestimmen. Wie gesagt, eine Schnellanalyse ist in der Regel fehlerhaft.«
»Und wie alt ist das Zeug nun?« Hans konnte es nicht leiden, wenn jemand nicht gleich sämtliche Informationen herausrückte. Bei Lyon Caidin kam noch hinzu, dass er diese Person absolut nicht ausstehen konnte. Soweit er wusste, hatte er einmal versucht, Maki Asakawa für eines seiner dubiosen Projekte zu gewinnen, hatte dabei aber auf Granit gebissen.
»Die ältesten Teilchen besitzen ein Alter von achtzigmillionen Jahren.«
John Arnold stieß einen lauten Pfiff aus. »Alter Bursche, was?«
Caidin versuchte sich, zu beherrschen. »Wir müssten die Probe in das Labor einer Universität schicken, um genauere Ergebnisse zu erlangen.«
»Soweit ich weiß, besitzt John Arnold die neueste Technik«, entgegnete Tubb gelassen. »An den meisten Unis herrscht dagegen noch finsteres Mittelalter. Auch wenn die Analyse grob ist, könnte es durchaus stimmen. Wenn Sie an die Hyperzivilisation nicht glauben wollen, dann ist das Ihre Sache. Was mich jedoch interessieren würde, wäre, was Sie für eine Erklärung hinsichtlich von Point Zero haben.«
Caidins Blick wurde noch finsterer. »Es könnte sich um eine Art Wirbelsturm handeln, der sich seit langer Zeit aufrechterhält. So etwas wäre gar nicht so abwegig, wie Sie vielleicht meinen. Denken Sie an das Auge des Jupiter zum Beispiel.«
Frederic Tubb konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Hören Sie, Caidin, Sie mögen ja in gewissen Kreisen Begeisterung im Hinblick auf Ihre Schlussfolgerungen hervorrufen. Allerdings sind Sie hier an der falschen Adresse. Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben sollten, wiederhole ich Ihnen gerne das, was Sie anscheinend noch nicht wissen. Dieses Ding mit seinem unteren Durchmesser von einem Kilometer und einem oberen Durchmesser von zwei Kilometern ist auf keinem einzigen Radar zu sehen. Wie also kann es sich hierbei um einen gewöhnlichen Wirbelsturm handeln?«
Caidin setzte bereits zu einer Antwort an, als das panische Schrillen eines Alarms ihn zusammenfahren ließ.
»Sir, wir haben etwas auf dem Radar!« rief der erste Offizier. Er stand vor dem Instrumentenpult und betätigte gerade ein paar Schalter. »Etwas Großes, Sir. Es taucht mit hoher Geschwindigkeit auf. Es könnte zu einem Zusammenstoß kommen.«
»Ausweichmanöver!« befahl Arnold.
»Aye, Sir«, erwiderte der Kapitän und betätigte das Steuer.
Frederic Tubb trat näher an die Fensterwand. Die Wolkenformationen hatten aufgehört, sich zu bewegen. Dementsprechend schossen gerade keine Blitze durch die Gegend. Er vernahm jedoch ein beklemmendes Geräusch, das Ähnlichkeiten mit einem tiefen Dröhnen aufwies. Das Deck unter seinen Füßen vibrierte leicht, während die Argo von Point Zero abdrehte. Er beobachtete, dass auch der Flugzeugträger schwerfällig versuchte, einen anderen Kurs einzuschlagen.
»Sir, das Ding steuert anscheinend auf die Challanger zu«, meldete der erste Offizier. »Es schießt hoch wie eine Rakete.«
Um den Flugzeugträger herum begann das Meer, zu schäumen. Augenblicklich bekam die Challanger Schlagseite.
»Noch weniger als zweihundert Meter, Sir!«
Aus dem Meer tauchten gewaltige, stählerne Spitzen auf, die sich, je mehr sie aus dem Wasser ragten, als Teile einer gigantischen Klauenhand erwiesen, die am Ende eines extrem flexiblen Arm befestigt war, der aus einer ungeheuren Anzahl einzelner Gelenke bestand. Sie packte den Flugzeugträger von unten und stemmte ihn auf ihrem Handteller in die Höhe. Das metallische Kreischen, das dabei entstand, ging Tubb und den anderen durch Mark und Bein. Einzelne Düsenjäger stürzten wie Spielzeug in den Ozean. Etwa fünfzig Meter über den Wellen schlossen sich die Klauen um die Challanger und zerdrückten sie wie eine Coladose. Alles Übrige erledigten vereinzelte Explosionen.
Die Klauen öffneten sich wieder und gaben dadurch einen tonnenschweren Metallklumpen frei, der zurück ins Meer stürzte. Als er auf das Wasser auftraf, entstand eine gewaltige Fontäne. Die durch den Aufprall entstandene Welle schwappte über das Deck der Argo und brachte sie leicht von ihrem eigentlichen Kurs ab.
»Das ist fast so wie in Kambodscha!« Hans konnte sich noch genau daran erinnern, wie ihn damals eines dieser Biester beinahe zermantscht hätte. Doch diese Klauen besaßen mehr als doppelt so große Ausmaße.
Der tiefe, alles durchdringende Ton eines Nebelhorns lenkte die Aufmerksamkeit von Tubb und den anderen auf Point Zero. Seine Wolkenformationen begannen erneut, zu rotieren.
Die todbringenden Klauen öffneten sich. Wie schon in Kambodscha, so besaß auch diese Maschine an der Stelle, an der die einzelnen Glieder zusammenliefen, einen roten Punkt.
»Ich befürchte, das heißt nichts Gutes.« Tubb beobachtete, wie die rote Stelle zu glühen begann. Auf einmal kam ihm eine Idee. »Arnold, steuern Sie den Kahn auf Point Zero zu!«
»Was? Sind Sie nun komplett übergeschnappt?«
»Überlegen Sie doch mal«, erwiderte Tubb ungeduldig. »Es wird doch nicht seinesgleichen angreifen.«
»Hören Sie nicht auf ihn!« wandte Lyon Caidin ein. Seine Stirn glänzte vor Schweiß. Seine weit aufgerissenen Augen betrachteten John Arnold beinahe flehend. »Machen Sie lieber, dass wir von hier wegkommen!«
Tubb drehte sich genervt zu ihm um. »Glauben Sie wirklich, dass dieser Greifarm uns wegfahren lässt? Ich habe so etwas schon einmal in Aktion gesehen, Caidin. Wir haben so gut wie keine Chance.«
Der rot glühende Strahl traf eine der Bordkanonen. Die Erschütterungen warfen Caidin zu Boden.
Mark Ranger hielt sich erschrocken an der Tischplatte fest.
»Sollen wir das Feuer erwidern, Sir?« Der Offizier wartete auf weitere Befehle, so als handelte es sich hierbei lediglich um eine Übung.
»Von Kambodscha her wissen wir, dass der Arm selbst resistent gegen alle Arten von Munition ist. Wir müssten seinen Ansatz zerstören, um ihn unschädlich zu machen. Doch der liegt wahrscheinlich Tausende von Metern in der Tiefe. Kapitän, steuern Sie auf Point Zero zu.«
Dieser zögerte für einen Moment. Doch dann sagte er: »Aye, Sir.«
Die Argo änderte erneut ihren Kurs. Niemand wusste, was passieren würde, wenn das Schiff die Wolkenformationen erreichte. Doch so sehr Tubb auch überlegte, eine andere Möglichkeit existierte einfach nicht.
Ein zweiter Strahl traf das Deck unterhalb der Kommandozentrale. Ein großes Loch klaffte nun dort, wo sich zuvor noch mehrere Radarantennen befunden hatten. Auf den Sichtfenstern bildeten sich durch die Wucht der Explosion mehrere Risse.
»Drücken Sie aufs Gas!« schrie Arnold.
»Die Maschinen geben ihr Letztes, Sir!«
Voller Sorge sah Maki, wie sich innerhalb der Wolken jene nichts Gutes verheißenden Lichtpunkte bildeten. Der nächste Lichtstrahl traf auf einen plötzlich entstandenen Blitz. Ein lauter Knall zerriss die Luft. Funken sprühten wie bei einem Feuerwerk. Maki glaubte nicht, dass Point Zero sie vor dem Greifarm schützen wollte. Vielmehr hatte es sich bei der Entladung wohl um reinen Zufall gehandelt.
»Das war knapp«, bemerkte Hans neben ihr.
Maki nickte. »Der Strahl war direkt auf die Kommandozentrale gerichtet.«
»Wir haben Point Zero gleich erreicht.« Der Kapitän hielt unbeirrt Kurs.
Auf einmal erstarben die Geräusche der Schiffsmotoren. Sämtliche Systeme fielen aus. Der Radarschirm besaß dieselbe Nützlichkeit wie eine erloschene Ampel. Der Offizier drückte mehrere Schalter, doch nichts passierte.
»Sir, nichts geht mehr. Wir steuern weiter auf Point Zero zu.«
Das Deck in der Kommandozentrale erzitterte, als ein weiterer Strahl eine nahe gelegene Gefechtsstation vernichtete.
Der Bug der Argo verschwand in den sich drehenden Wolken. Die Sicht war alles andere als gut. Tubb wurde das Gefühl nicht los, als würden sie ein gewaltiges Tor passieren, das sich wie ein schattenhafter Umriss in den Wolkenformationen abzeichnete. Seltsame Bewegungen huschten durch den bräunlichen Nebel, die von einem hallenden Pochen begleitet wurden. Die Argo gab ein entsetzliches Ächzen von sich, so als würde sie jeden Moment auseinandergerissen werden. Die Reling verbog sich. Die Risse in den Sichtfenstern wurden größer.
»Haben Sie eine Ahnung, was das sein könnte?« John Arnold musterte Tubb besorgt.
»Es herrscht zu dichter Nebel. Diese schattenhaften Umrisse erinnern jedoch irgendwie an gigantische Kolben.«
»Sie meinen wie bei einer Dampfmaschine?«
»Durchaus ähnlich.«
»Der Nebel lichtet sich, Sir!« Mit ausgestreckter Hand wies der Kapitän in Richtung Bug.
Nach und nach verblassten die Wolkenschwaden. Die äußere Kraft, welche die Argo dazu gebracht hatte, qualvolle Töne auszustoßen, ließ nach. Ein eigenartiges, bronzefarbenes Licht sorgte dafür, dass der Ort nicht vollständig in Dunkelheit getaucht wurde. Die Oberfläche des Meeres besaß eine Glätte wie das Wasser in einem Schwimmbecken. Wände, die sich trichterförmig nach oben hin öffneten, begrenzten diesen Ort. Sie bestanden aus einem Sammelsurium der bizarrsten Mechanismen, die Tubb je zuvor gesehen hatte. Er erkannte Zahnräder in unterschiedlichster Größe, Gewichte, die an Seilen herabhingen, sich hin und her bewegende Kolben sowie Spulen und Federn, die wie lebendig pulsierten. In der Mitte des Sees (so bezeichnete Tubb für sich dieses merkwürdige Gewässer) erhob sich ein würfelartiges Gebilde, dessen Oberfläche grünlich schimmerte. Hinter seiner gegenüberliegenden Seite ragten die vierzehn Decks eines Passagierschiffes empor.
Frederic Tubb hatte keine Ahnung, was all das zu bedeuten hatte. Er wusste nur eines: Ihr Abenteuer war längst noch nicht zu Ende.

Teil Zwei - Erstkontakt

1

Es roch vor allem nach brackigem Wasser.
Frederic Tubb stand am Außendeck vor der Kommandozentrale und ließ seinen Blick über diese außergewöhnliche Konstruktion schweifen. Eine bizarre Kakophonie aus Ticken, Stampfen und Rasseln erfüllte das Innere von Point Zero. Hin und wieder ertönte ein Zischen, wobei an manchen Stellen weißer Dampf aus den Wänden schoss.
Das obere Ende dieser gigantischen Apparatur verbarg sich in einer wabernden Dunkelheit. Tubb wollte nur zu gerne wissen, was sich dort wohl noch für Überraschungen bereithielten. Doch dort hinauf zu kommen, war schier unmöglich. An den Wänden existierten keine Leitern oder sonstige Hilfsmittel, mit denen er hätte emporklettern können.
Tubb stand direkt neben dem Einschussloch, welches der Greifarm zuvor verursacht hatte. Interessanterweise hatte der rot glühende Strahl nur Level eins beschädigt. Das darunter liegende Deck war völlig unversehrt. Von den versengten Rändern stieg leichter Rauch auf.
»Ich hoffe, Sie haben eine gute Versicherung, Mr. Arnold.« Hans ging neben dem Loch in die Hocke und berührte vorsichtig den Rand. Ein leichter Stromstoß zuckte durch seine Finger.
»Die Versicherung juckt mich wenig. Ich würde lieber wissen, wie wir von hier wieder wegkommen.« John Arnold warf Tubb einen skeptischen Blick zu.
»Ich sagte doch, dass wir von hier verschwinden sollen«, jammerte Caidin. »Wie konnten Sie nur auf einen Menschen wie diesen Pseudowissenschaftler hören? Im Grunde genommen hat er doch nicht die geringste Ahnung.«
»Mehr als Sie auf jeden Fall«, fuhr Arnold ihn an. »Bei der nächsten Gelegenheit dürfen Sie Ihre Sachen packen und von Bord gehen.«
Lyon Caidin gab ein bitteres Lachen von sich. »Falls es überhaupt eine Gelegenheit dafür gibt, Mr. Arnold. Mir scheint eher, dass wir hier drinnen wie die berühmte Maus in der Falle sitzen.«
»Ich persönlich finde das überaus interessant«, meldete sich Mark Ranger zu Wort, während er wie alle anderen die kolossalen Wände betrachtete. »Wenn das stimmt, was Sie behaupten, Mr. Tubb, dann haben wir hier eine der wohl ältesten Maschinen der Welt vor uns. Und zwar eine funktionierende Maschine. Das ist kaum zu glauben. Ein Millionen Jahre alter Mechanismus, der von einer Zivilisation konstruiert wurde, von der Paul Symmes annahm, dass sie sich innerhalb der Erde befindet. Wenn dies hier kein Beweis dafür ist, dann weiß ich auch nicht.«
»Sie hoffen doch bloß, eine Erklärung für Ihre dämlichen Schiffswracks zu finden«, entgegnete Caidin. »Auch wenn diese so abartig und konfus klingt, wie das, was Sie eben sagten.«
»Ich denke, wir sollten versuchen, irgendwie auf diesen Würfel zu gelangen«, wechselte Tubb das Thema. Caidins Geschwafel ging ihm ziemlich auf die Nerven.
»Haben Sie eine Vermutung, was es damit auf sich haben könnte?« Ranger kniff seine Augen zusammen, so als wäre es ihm dadurch möglich, das viereckige Gebilde besser in Augenschein zu nehmen.
»Ich vermute, es hängt mit diesem Rohr zusammen«, antwortete Maki. »Es verläuft unterhalb von Point Zero senkrecht in die Tiefe. Möglicherweise befindet sich auf dem Würfel ein Zugang.«
»Wäre möglich.« Tubb schaute erneut in die Höhe. Etwas irritierte ihn. Vielleicht war es auch eine Art Vorahnung. Auf jeden Fall schien es ihm, als würde dort oben in der Dunkelheit etwas vor sich gehen, dessen Konsequenzen sie in Kürze zu spüren bekämen. Er vernahm eine Art Rasseln, das begleitet wurde von unheimlichen Schwinggeräuschen.
Aus der seltsam pulsierenden Finsternis schälte sich eine gewaltige Kette, die wie ein Pendel hin und her schwang. An ihrem Ende hing ein geschwungener, spitz zulaufender Haken, dessen Größe etwa derjenigen eines Menschen entsprach. Mit jedem Schwung verringerte die Kette ihren Abstand zur Argo. Schweigend beobachteten alle das unheimliche Geschehen. Sogar Caidin hielt ausnahmsweise seinen Mund. Die Glieder der Kette besaßen einen solch gewaltigen Umfang, dass es für zwei Personen unmöglich gewesen wäre, diese mit ihren Armen so zu umfassen, dass sich ihre Hände berührten. Der letzte Schwung schleuderte den Haken mit einem lauten Krach auf das Außendeck, wo er mit seiner Spitze ein Loch schlug und sich dadurch verkeilte.
»Jetzt würde ich mir aber wirklich Gedanken über eine Versicherung machen«, kommentierte Hans den Aufschlag.
Die Kette spannte sich. Aus der Dunkelheit drangen klickende Geräusche. Die Argo setzte sich in Bewegung. Mit einer unvorstellbaren Kraft zerrte der Haken das Schiff in Richtung Expedition.
»Die Vermutung von vorhin scheint also in der Tat zuzutreffen«, sagte Tubb. »Point Zero fängt Schiffe.«
»Wenn ich an die Schiffswracks denke, überkommt mich allerdings ein recht mulmiges Gefühl«, setzte Mark Ranger hinzu. »Bei dem bloßen Fangen bleibt es sicher nicht.«
Tubb warf einen flüchtigen Blick auf Caidin. Mit einem Ausdruck des Entsetzens starrte dieser auf den Haken und die Kette, so als könnte er einfach nicht glauben, was er mit eigenen Augen sah.
Backbord glitten die senkrecht aus dem Wasser ragenden Seiten des Würfels an ihnen vorbei. Sie schienen so gut wie keine Unebenheiten zu besitzen.
Die Argo umrundete den Würfel und kam neben dem Passagierschiff zum Stehen. Viele Fenster der insgesamt vierzehn oberen Decks wiesen Schäden auf.
Der Abstand zwischen der Argo und der Expedition hätte knapper nicht sein können. Ihre Außenwände rieben aneinander, während das Kriegsschiff in Position gebracht wurde. Nach dem die Argo auf diese Weise platziert worden war, löste sich der Haken mit einem Ruck und verschwand zusammen mit der Kette zurück in der Dunkelheit.
Hans begutachtete ihre neue Lage. »Tubb, so etwas wie einen Plan auf Lager?«
»Ich meine, wir sollten herausbekommen, ob sich noch jemand an Bord der Expedition befindet. Möglicherweise können wir dadurch auch feststellen, was Point Zero weiter mit uns vorhat.«
John Arnold rieb sich das Kinn. »Wir gehen da nicht rein ohne Verstärkung. Ich sorge dafür, dass ein paar meiner Leute uns Feuerschutz geben, während wir darin herumturnen.«
»Ich verlasse dieses Schiff nicht«, rief Lyon Caidin trotzig. »Niemand weiß, was auf der Expedition vor sich geht. Wir sollten hier bleiben und warten. Sorgen Sie lieber dafür, dass die Systeme wieder funktionieren, damit wir so schnell wie möglich von hier wegkommen.«
»Meine Männer tun bereits alles, was in ihrer Macht steht, Caidin. Natürlich können wir hier an Bord bleiben und Tee trinken. Aber wenn wir schon einmal hier sind, dann können wir uns genau so gut einmal umsehen.«
»Das hört sich danach an, als seien Sie überstimmt, Caidin«, sagte Hans. Als Antwort erntete er einen finsteren Blick.
»Also ich bin dabei.« Mark Ranger schien durch das unglaubliche Geschehen seinen Hang zum Abenteuer entdeckt zu haben. »Wir müssen herausfinden, was dieser Mechanismus mit den Schiffen anstellt. Dabei sollten wir die Frage nach dem Wieso ebenfalls nicht aus den Augen lassen.«
»Bleibt nur die Frage offen, wie wir an Bord des Passagierschiffs kommen.« Maki deutete mit einem Nicken zum Deck der Expedition, das sich fast fünfzehn Meter über ihnen befand.
John Arnold grinste. »Dafür sorgen schon meine Männer.«

2

Ein Kletterhaken pfiff durch die Luft und krallte sich mit einem metallischen Laut an der Reling fest. Ihm folgten zwei weitere, wobei Nummer drei zunächst gegen eines der Rettungsboote schlug und dann auf das Deck prallte, bevor er sich an der Reling verhakte.
An Bord der Argo machte sich ein Einsatzkommando von etwa zehn Spezialisten bereit, als erstes die gespannten Seile emporzuklettern.
John Arnold trat zu ihnen und klopfte ihrem Anführer auf die Schulter. »Sichern Sie zunächst Deck zwei und drei. Dort befinden sich die meisten Kabinen. Ballern Sie nicht gleich drauf los, wenn Sie etwas bemerken. Es könnten noch immer Passagiere an Bord sein.«
»Keine Sorge, Chef«, antwortete der Mann, der die Einheit leitete. Sein mit Narben gezeichnetes Gesicht erzählte von diversen Kampfeinsätzen. »Wir erledigen unsere Aufgabe gründlich.«
»Manchmal auch zu gründlich.«
Der Mann verzog unmerklich seine Mundwinkel nach oben. »Noch weitere Befehle, Sir?«
»Seien Sie immer ein Deck über uns, wenn wir oben sind.«
»Verstanden, Chef. Keine unnötigen Überraschungen und so weiter.«
»Sie haben es erraten, Richards. Und jetzt Abmarsch.«
Richards wandte sich an seine Männer. »Ihr habt gehört, was Mr. Arnold gesagt hat, Jungs. Seid ihr bereit? Dann los!« Er packte das Seil und kletterte daran hoch, als ob es die einfachste Sache der Welt wäre. Ihm folgten in Abständen von etwa einem Meter die übrigen Soldaten.
»Glauben Sie nicht, dass die guten Leute ein bisschen zu viel Munition und Waffen dabei haben?« fragte Hans etwa verunsichert. »Ich meine, einer von denen hat immerhin eine Panzerfaust auf seinem Rücken geschnallt.«
John Arnold zuckte nur mit den Schultern. »Die Spezialeinheit der LOGE ist bekannt dafür, dass sie sich für alles Mögliche und Unmögliche rüstet. Meine Abteilung bekämpft keine Armeen, Mr. Schmeißer. Wir haben es in der Regel mit Ungeheuern und solchen Dingen wie Point Zero zu tun. Da kann man nie wissen. Lieber zu viel als zu wenig.«
»Wenn Sie schon so viele Waffen dabei haben, Mr. Arnold, wäre es da nicht besser, zu versuchen, ein Loch in dieses Ding zu sprengen? Dann wäre es nämlich möglich, relativ schnell von hier zu verschwinden.« Lyon Caidin betrachtete John Arnold wie ein tadelnder Lehrer einen Schüler, der keine Ahnung hatte, für was man ein Lineal verwendete.
»Die Betonung liegt hier auf relativ, Caidin. Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben sollten: weder Schiffsmotor, noch Elektronik funktionieren zurzeit. Wer weiß, was noch alles aus dieser Dunkelheit dort oben kommt, wenn wir versuchen sollten, uns geräuschvoll zu verabschieden.«
»Mein Problem besteht zurzeit eher darin, dass bestimmt die Hose rutscht, wenn ich an dem Seil emporklettere.« Der Themenwechsel kam so abrupt, dass Maki zunächst auf eine Mauer des Schweigens stieß. »Ich kann kaum glauben, dass ich in die Kleidung Ihres kleinsten Matrosen zweimal reinpasse.«
John Arnold faltete entzückt seine Hände. »Mrs. Asakawa, Sie sehen darin dennoch hinreißend aus.«
»Wenn das gerade eine Anmache gewesen sein sollte, dann springe ich lieber zu den Kalmaren ins Wasser.«
»Was Mr. Arnold tatsächlich damit ausdrücken wollte, Maki, ist, dass du einfach mehr essen solltest.«
»Hans, hat jemand die Null gewählt?«
»Falls Sie nichts dagegen haben, Mrs. Asakawa, dann könnte ich Sie auf meinen Schultern da hinauftragen«, sagte Mark Ranger.
»Und dabei macht der auch noch so ein unschuldiges Gesicht«, erwiderte Hans.
»Das ist sehr nett von Ihnen, Mr. Ranger. Vielleicht komme ich auf Ihr Angebot zurück.«
Hans trat empört einen Schritt auf Maki zu. »Wie bitte? Du kannst doch nicht …«
»Deck eins und zwei sicher!« schallte da Richards Stimme von der Expedition. Er beugte sich über die Reling und winkte zu ihnen herunter.
»Gut gemacht, Richards!« rief Arnold zurück. An die Übrigen gewandt, sagte er: »Ihr habt es gehört, Kinder. Machen wir uns auf den Weg.«
Zu seinem Ärger musste Hans feststellen, dass Maki sich tatsächlich von Mark Ranger, diesem gebräunten Muskelarchäologen, nach oben tragen ließ. Dieser verzog bei dem zusätzlichen Gewicht nicht einmal seine Miene.
»Tubb, das ist doch … Das geht doch einfach nicht«, sagte er, während er gemeinsam mit ihm darauf wartete, als Nächstes die Außenwand des Passagierschiffes emporzuklettern.
»Anscheinend schon.«
Hans verschränkte nachdenklich seine Arme vor der Brust. »Sagen Sie mir noch eins, Tubb, bevor wir uns da hinaufwagen. Haben Sie und Maki vorletzte Nacht tatsächlich …?«
Tubb packte das Seil und begann, sich daran hochzuziehen. »Wir sind dran, Hans. Passen Sie auf, dass Sie nicht loslassen. Entweder werden Sie von den beiden Schiffswänden zerquetscht oder, falls Sie es bis ins Wasser schaffen, von einem Kalmar gefressen.«
Hans blickte Tubb ungläubig hinterher. »Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass die Leute etwas gegen mich haben?«

3

Lyon Caidin kam als Letzter über die Reling geklettert. Er verhielt sich dabei so ungeschickt, dass er sich in einem gespannten Draht verfing und auf das Deck knallte. Mark Ranger wollte ihm aufhelfen, doch Caidin schüttelte seine Hand knurrend ab.
»Wir sollten uns aufteilen«, schlug Tubb vor. »Jeweils Zweiergruppen. So können wir schneller die einzelnen Decks durchsuchen.«
Hans drängte sich zwischen Maki und den Unterwasserarchäologen. »Eine Gruppe hat sich bereits gefunden.«
»Danke, dass ich mich entscheiden durfte«, erwiderte Maki. Ihr Gesichtsausdruck zeigte alles andere als Begeisterung.
»Gut, dann bilden John Arnold und ich sowie Caidin und Mr. Ranger die anderen beiden Gruppen. Die Spezialeinheit ist zwar immer vor uns, was aber nicht bedeutet, dass wir uns in Sicherheit wiegen können. Wir wissen nicht, welche Überraschungen noch auf uns warten. Deswegen ist Vorsicht das oberste Gebot.«
»Sie haben uns noch immer nicht gesagt, nach was wir überhaupt suchen sollen, Tubb«, erinnerte Caidin ihn daran. »Oder haben Sie vor, hier Ihren Urlaub zu verbringen?«
»Point Zero ist ein Mechanismus, der dazu dient, Schiffe einzufangen. Was danach mit ihnen geschieht, ist unbekannt. Mark Ranger zufolge aber sprechen die von ihm entdeckten Wracks nicht gerade für ein zimperliches Vorgehen. Suchen Sie also nach Hinweisen, die möglicherweise Aufschluss darüber geben, was hier genau geschieht.«
Caidin hob seine rechte Hand. »Einen Moment noch. Wenn Sie herausfinden wollen, was es mit diesem Ding auf sich hat, wieso versuchen Sie dann nicht gleich, auf diesen ominösen Würfel zu gelangen? Mir erscheint es albern, in diesem Schiff herumzuwandern. Albern und unnötig.«
Tubb trat einen Schritt auf ihn zu. »Keine Sorge, Caidin, das werden wir auch noch machen. Das Problem aber, das Sie hier übersehen, bezieht sich auf den Tatbestand, dass wir keinerlei Ansatzpunkte über die Funktion der hyperzivilisatorischen Technik besitzen. Betrachten wir jedoch unsere eigene Technologie und erkennen darin irgendwelche Veränderungen, so ist dies eine Möglichkeit, herauszubekommen, mit was wir es zu tun haben.«
Caidin schnaufte verächtlich. »Wie in Ihren Vorträgen, Tubb. Bloß fehlt Ihnen hier ein größeres Publikum.«
»Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Caidin, das werde ich schon noch haben. Und jetzt sollten wir keine weitere Zeit verschwenden.«
Hans rieb sich geschäftig die Hände. »Na dann los.«

4

Der Flur erinnerte Hans an den Film Shining. Er war ausgelegt mit einem weinroten Teppichboden und wies in gleichmäßigen Abständen auf beiden Seiten Kabinentüren aus dunklem Holz auf. Was Hans auf den Vergleich mit diesem Film brachte, lag in der unheimlichen Leere, die den Flur ausfüllte und seine Nackenhaare aufstellte. Ständig schaute er über seine Schulter zurück, da er das Gefühl nicht los wurde, beobachtet zu werden.
Die meisten der Kabinentüren standen offen, sodass das bronzenfarbene Licht von draußen durch die einzelnen Räume in den Flur drang. Entweder ein Zeichen dafür, dass die Spezialeinheit gründlich vorgegangen war oder dass die Passagiere panikartig aus ihren Kabinen gestürmt waren. Höchstwahrscheinlich traf irgendwie beides zu. Als sicher konnte nur eines gelten: dass wie auf der Argo auch an Bord der Expedition nichts funktionierte, was irgendwie mit Elektrizität zu tun hatte.
Während sich Hans und Maki Deck eins vorknöpften, sollten Caidin und Mark Ranger das zweite Deck unter die Lupe nehmen. Tubb und John Arnold befanden sich bereits auf Deck drei, während Richards und seine Männer Deck vier durchsuchten.
In manchen Kabinen herrschte ein großes Durcheinander. Am Boden lagen zum Teil Splitter der Bullaugen und Fenster herum. Andere dagegen wirkten sauber und aufgeräumt, so als warteten sie bereits auf ihre nächsten Besucher.
Maki betrat eine der Kabinen und öffnete den Kleiderschrank.
»Suchst du was Bestimmtes?« wollte Hans wissen.
»Ich habe diese dämliche Uniform satt«, erklärte sie. »Mach, was du willst, aber ich ziehe mich erst einmal um.«
Hans konnte nicht glauben, was Maki soeben gesagt hatte. »Du klaust einfach ein paar Kleider?«
»Ausleihen klingt besser. Und jetzt geh vor die Kabine und warte, bis ich rauskomme.«
»Bist du verrückt? Und was ist, wenn dir hier drinnen etwas passiert?«
Maki machte mit ihren Händen eine weit ausholende Bewegung. »Siehst du hier etwa jemanden oder etwas?«
»Nein, aber …«
»Also dann bis später.« Damit wandte sie sich wieder dem Schrank zu.
Vor der Kabinentür blieb Hans nochmals stehen und sagte: »Wenn du in drei Minuten nicht raus kommst …«
»Schon gut. Ich beeile mich ja.«
Obwohl er Maki in der Kabine rumoren hörte, fühlte sich Hans in dem Flur nicht besonders wohl. Schutzlos klang vielleicht etwas genauer. Möglicherweise führte die in dem Gang herrschende Leere bei ihm zu einem gewissen Verfolgungswahn. Ständig fühlte er sich von unsichtbaren Augenpaaren beobachtet.
Die Tür öffnete sich so unerwartet, dass Hans beinahe aufgeschrieen hätte. Einen zweiten Schrei konnte er jedoch nicht mehr unterdrücken. Maki stand vor ihm in einem weißen, mit großen schwarzen Punkten übersäten Sommerkleid. Dass sie auf einmal größer wirkte, lag an den Stöckelschuhen, die sie gegen die übergroßen Uniformschuhe ausgetauscht hatte.
»Und sonst geht es dir noch gut?«, brachte er als Einziges heraus.
»In dem Schrank gibt es nur solche Kleider«, versuchte sie sich zu verteidigen. »Es gab noch rote, blaue und grüne Punkte. Schwarz ist da noch die beste Alternative.«
»Erst stehlen und dann noch meckern.«
»Geliehen«, betonte Maki nochmals. »Und jetzt gehen wir weiter. Ich fühle mich hier überhaupt nicht wohl. Es war keine gute Idee, uns in drei Gruppen aufzuteilen.«
»Du bist heute wohl nur noch am Kritisieren, was?«
»Aber es stimmt. Tubb sollte vorsichtiger sein. Wir hätten zusammen in einer Gruppe bleiben sollen.«
»Da fällt mir ein, was sollte das eigentlich mit diesem Trinkgelage? Ist da etwas geschehen, von dem ich wissen sollte?«
Vor dem Ende des Gangs befand sich eine breite Wendeltreppe, die hinauf zu Deck zwei führte. Wenige Meter dahinter glänzten auf beiden Seiten zwei Aufzugtüren. Da der Strom nicht funktionierte, mussten sie wohl oder übel mit der Treppe vorlieb nehmen.
Maki lehnte sich gegen das Geländer und runzelte die Stirn. »Nichts. Da war nichts. Für John Arnolds schmutzige Fantasie kann ich nichts. Kein Besäufnis. In Ordnung?«
»Aber irgendetwas ist vorgefallen, hab ich recht? Immerhin seid ihr gemeinsam zum Flughafen gekommen, bevor wir hierher geflogen sind.«
Maki fühlte sich auf einmal innerlich zerrissen. Hans war ein guter Kollege und trotz seines nervenden Charakters auch ein guter Freund. Würde sie ihm allerdings erzählen, was vor zwei Abenden in Tubbs Wohnung vor sich gegangen war, würde er es garantiert falsch verstehen. Wahrscheinlich wäre es ihr nicht anders ergangen, wenn Hans ihr von irgendeinem dämlichen Vorfall dieser Art berichtet hätte.
Sie hob ihre Hand und kniff Hans in die rechte Wange. »Da war nichts. Klar? Absolut nichts.«
Hans blickte noch immer zweifelnd, dann aber nickte er. Auf einmal weiteten sich seine Mundwinkel zu einem hämischen Grinsen. »Und was ist mit diesem Mark Ranger?«
Maki boxte ihm gegen die Schulter. »Jetzt mach, dass du rauf kommst, sonst hast du meinen Schuhabsatz im Auge.«
»Ladys first«, entgegnet Hans.
»Damit du mir unter den Rock schauen kannst? Kommt gar nicht infrage. Los, jetzt mach schon.«
Ein zischendes Geräusch lenkte ihre Aufmerksamkeit plötzlich zum Ende des Gangs. Die Tür des rechten Aufzugs stand offen.
Das, was sich darin befand, ließ Maki augenblicklich aufkreischen.
Hans’ Augen weiteten sich vor Entsetzen. Er versuchte, die plötzlich aufkommende Übelkeit zu unterdrücken. Eines war nun auf jeden Fall klar: An Bord der Expedition lauerte eine schreckliche Gefahr.

5

Mark Ranger hätte nie im Leben daran gedacht, jemals in solch ein bizarres Abenteuer zu geraten. Als Unterwasserarchäologe hatte er es im seltensten Fall mit Schatzräubern zu tun, die in der Regel ihre Funde gerne gegen Bares eintauschten. Bis vor Kurzem hatte seine Arbeit hauptsächlich darin bestanden, Gelder für die Weiterführung seiner Forschungen einzuwerben. Universitäten unterstützten zur Zeit lieber Projekte, die von der Wirtschaft gefordert und gefördert wurden. Als Archäologe hatte er hier eindeutig das Nachsehen. Daher war für ihn das Zusammentreffen mit John Arnold ein überaus glücklicher Zufall. Von der Annahme einer prähumanen Zivilisation hatte er bis dahin nur am Rande etwas mitbekommen. Um so erstaunlicher war es für ihn daher, dass diese Theorie, zu deren Anhängern anscheinend Frederic Tubb gehörte, seine eigenen Untersuchungsergebnisse in einen neuen Rahmen stellten.
»Hatten Sie schon zuvor Kontakt mit diesem Tubb?« Lyon Caidin besaß gelegentlich die unangenehme Fähigkeit, exakt die Dinge zu erwähnen, an die Mark Ranger im selben Moment dachte.
In dem Gang, in dem sie sich gerade befanden, schien es nichts Auffälliges zu geben. Es schadete also nicht, ein kurzes Gespräch zu führen. Während er langsam über den weinroten Teppichboden schritt, antwortete Mark: »Es ist das erste Mal, dass ich Ferderic Tubb treffe. Anscheinend kennen Sie ihn bereits von früher, nicht wahr?«
Caidin verzog seine Miene zu einer finsteren Maske. »Ich kann Tubb und seine beiden Mitarbeiter nicht leiden. Da mache ich keinen Hehl draus. Ich beschäftige mich wie er mit grenzwissenschaftlichen Problemen. Meine Arbeiten sind wissenschaftlich fundiert. Bei Tubb habe ich da so meine Zweifel. Er beruft sich auf Quellen, die andere für einen puren Jux halten. Auch sein Vorgehen gefällt mir nicht. Wissen Sie, dass bei einer seiner sogenannten Feldforschungen Hans Schmeißer beinahe umgekommen wäre?«
Mark schaute in eine offene Kabine. »Das wusste ich nicht.«
Caidin machte eine bedeutende Geste. »Das ist in der Tat so gewesen. Vor ein paar Jahren suchte Tubb im schottischen Hochmoor nach irgendeinem seltsamen Wesen, das Hufspuren auf den Fensterbrettern der umliegenden Häuser hinterließ. Diese Spuren befanden sich nicht im Erdgeschoss, sondern ab dem ersten Stock aufwärts. Dies rief jedenfalls Tubb auf den Plan. Natürlich durchsuchte er dabei auch das Moor. Schmeißer fiel dabei in ein Schlammloch und wäre beinahe darin versunken.«
»Um ehrlich zu sein, können solche Unfälle auch in meinem Bereich geschehen«, kommentierte Mark das Gesagte. »Immerhin arbeite ich unter Wasser und tauche durch alte Schiffswracks. Da kann schon so einiges passieren.«
»Wussten Sie, dass vor wenigen Monaten eine ganze Forschungsgruppe in Kambodscha spurlos verschwunden ist? Tubb befand sich damals ebenfalls vor Ort. Oder sehen Sie sich die jetzige Situation an. Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zu kommt, wäre ich nie an Bord der Argo gegangen.«
Mark Ranger blieb stehen und betrachtete Caidin eingehend. »Darf ich fragen, aus welchem Grund John Arnold ausgerechnet Sie ausgewählt hat, um dieses Phänomen zu untersuchen? Sie sind ständig nur am nörgeln. Während Tubb versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, wollen Sie lieber Ihre Taschen packen und abhauen. So etwas finde zum Beispiel ich unwissenschaftlich.«
Überraschenderweise blieb Lyon Caidin gelassen. »Ich beschäftige mich unter anderem mit der Auswirkung des Wetters auf Zivilisationsverläufe. Anscheinend glaubte Arnold, in mir die richtige Person gefunden zu haben, als er von dieser Hyperzivilisation hörte. Tubb reichte ihm wahrscheinlich nicht. Die genauen Gründe sind mir allerdings unbekannt. Es ist mir aber auch egal, solange die Kasse klingelt.«
»Ich weiß, ohne Geld gäbe es auch keine Professoren.«
Caidin verzog unmerklich seine Lippen.
Gerade als sie den Flur weitergehen wollten, ertönte ein dumpfer Schrei.
»Das muss Mrs. Asakawa gewesen sein.« Mark Ranger lief die wenigen Meter zurück bis zum Ansatz der Wendeltreppe. Direkt dahinter führten breite Stufen empor auf Deck drei. Rechts und links davon befanden sich die nicht funktionierenden Aufzüge, deren Schächte sich wie grazile Chromsäulen bis zum Oberdeck erhoben.
Caidin blickte ihm spöttisch nach. »Dämlicher Weiberheld.« Ein lautes Rumpeln aus einer der Kabinen ließ ihn zusammenfahren. Er getraute sich nicht, sich umzudrehen. Statt dessen rannte er Mark Ranger hinterher. »Warten Sie doch auf mich, verdammt!«

6

»Midnight Lounge«, las John Arnold das Schild vor der Bar. »Das hört sich gut an, finden Sie nicht?«
Tubb folgte ihm in einen großen Saal im Heck des Schiffes. Zerbrochene Weingläser übersäten den Boden. An manchen Tischen brannten noch Kerzen. Stühle lagen umgeworfen herum. Alles in allem lieferte das Bild den Eindruck einer Filmkulisse, in der gerade eben eine Schlägerei gedreht worden war.
»Point Zero hat unter den Gästen für Panik gesorgt.« Tubb ließ seinen Blick über das Chaos schweifen. »Die Frage ist nur, wohin die Passagiere verschwunden sind. Die Kabinen sind leer. Was ist mit ihnen geschehen?«
John Arnold trat hinter die Theke und begutachtete die sich in dem Regal drängelnden Flaschen. »Lust auf eine kleine Stärkung?«
Frederic Tubb setzte sich auf einen der Hocker. »Nein danke.«
Arnold gab ein lautes Glucksen von sich. »Oh, ich hab vergessen, dass Sie sich bereits im Beisein einer angenehmeren Gesellschaft als mir einen zu viel genehmigt haben. Sie sind mir vielleicht ein Schlingel.«
»Ihre Andeutungen in allen Ehren, Arnold, aber hierbei muss ich Sie leider enttäuschen.«
Dieser nahm eine Flasche Whiskey vom Regal, öffnete sie und roch daran. »Wollen Sie mir etwa weismachen, dass zwischen Ihnen beiden nichts passiert ist?«
»Wenn es Ihnen Spaß macht, dann bleiben Sie eben dabei. Was interessiert Sie das überhaupt? Oder funktionieren Ihre Wanzen in meiner Wohnung nicht mehr?«
Arnold lachte. »Ich wusste gar nicht, dass Sie paranoid sind, Tubb. Ich habe Ihre Wohnung natürlich nicht verwanzt. Wieso sollte ich? Mit so etwas geben sich die Typen vom CIA ab. Einer meiner Leute hat gesehen, wie Mrs. Asakawa Sie besucht hat. Das ist alles.«
»Aha, also doch überwachen.«
»Kommen Sie, Tubb, das war doch eine Abmachung zwischen uns, dass wir auf Sie aufpassen. Leider gibt es in meiner Truppe den ein oder anderen, der sich durch übertriebenen Fleiß erhofft, Karriere zu machen. Aber das gibt es wohl in jeder Organisation. Jedenfalls sah er Sie beide nach meinem Anruf aus Ihrer Wohnung kommen.«
»Und Sie haben dann einfach mal eins und eins zusammengezählt.«
John Arnold nahm einen Zug aus der Flasche. »Um Gotteswillen, ist das ein Fusel. Ist das hier die Dritte Klasse? – Ich bin seit drei Jahren geschieden, Tubb. Auch wenn diese verflixte Sekretärin nicht gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich scheiden lassen. Jetzt kennen Sie meine Perspektive.«
»Hat man Sie wegen Ihrer dämlichen Perspektive vom CIA in die LOGE strafversetzt?«
Arnold deutete mit dem Zeigefinger auf Tubb und kicherte: »Der war wirklich gut. Aber in Ordnung, lassen wir den Quatsch. Was halten Sie bisher von diesem Kahn?«
Tubb faltete seine Hände auf der Theke. »Die äußeren Schäden kommen sicherlich von Point Zero. Ähnlich wie bei der Argo führte ein äußerer Druck zu gewissen Zerstörungen. In dieser Bar hier befindet sich der erste Hinweis dafür, dass die Passagiere in Angst und Schrecken weggelaufen sind. In den Kabinen finden sich jedoch keine Anzeichen dafür. Sicher ist nur, dass es hier an Bord entweder keine Menschen mehr gibt oder dass sie sich an irgendeinem zentralen Ort aufhalten. Allerdings hätten sie sich dann spätestens bei unserer Ankunft in dieser Maschine bemerkbar gemacht. Deswegen befürchte ich, dass sie sich nicht mehr an Bord befinden. Beinahe so wie in Kambodscha. Bis heute wissen wir nicht, was mit Parks Forscherteam geschehen ist.«
»Ein paar meiner Leute sucht noch immer nach diesem Paul Symmes. Bisher erfolglos. In Island verschwinden seine Spuren auf einmal. Aus diesem Grund nehmen wir zurzeit Plan B in Angriff und versuchen, nähere Informationen über seine Vergangenheit herauszubekommen. Was allerdings auch nicht gerade einfach ist. Bis auf diesen einen Skandal scheint Symmes das Leben eines absoluten Einsiedlers geführt zu haben. Keiner seiner Kollegen weiß irgendetwas Genaueres über ihn. Keinerlei Aufzeichnungen und keine Tagebücher. Nichts. Wenn es nicht dieses Buch von ihm geben würde, könnte man sich die Frage stellen, ob Paul Symmes wirklich lebt bzw. gelebt hat.«
»Was uns wiederum zu diesem Idioten Caidin bringt«, sagte Tubb. »Können Sie mir verraten, wieso Sie diesen Witzbold angeheuert haben? Ich hoffe nicht wegen seiner angeblichen Kompetenzen. Dann erkläre ich nämlich unsere Zusammenarbeit ab sofort für beendet.«
John Arnold stellte die Whiskeyflasche zurück ins Regal. »Lyon Caidin sprach mich während eines Kongresses über ungeklärte Zivilisationsverläufe an. Er gab sich einerseits als Grenzwissenschaftler und andererseits als Experte dafür aus, wie klimatische Veränderungen den gesellschaftlichen Wandel beeinflussen können. In meinen Ohren klang das interessant. Ich ließ mir ein paar seiner Artikel kommen und dachte mir, diesen Typen könnten wir brauchen. Ich glaubte, dass er vielleicht nützliche Erklärungen im Hinblick auf die Hyperzivilisation liefern könnte.«
Tubb erhob sich von seinem Hocker und fragte: »Aber Sie glaubten nicht, erst mich zu fragen, ob Caidin ein geeigneter Kandidat wäre?«
Arnold trat hinter der Theke hervor und spazierte auf den Ausgang zu. »Setzen wir unsere Suche fort.«
Tubb lief ihm nach und packte ihn am Arm. »Wieso beantworten Sie nicht meine Frage?«
Arnold erwiderte seinen Blick mit heruntergezogenen Augenbrauen. »Ich weiß inzwischen auch, dass Caidin ein Klugschwätzer ist und man nicht viel von ihm erwarten kann. Aber …«
Hinter ihnen schepperten die Flaschen im Regal. Darauf folgte ein leises Knarren. Als Tubb und Arnold zurückschauten, erkannten sie, dass es wie eine Geheimtür offen stand.
»Hallo?« Die Stimme klang schwach und voller Angst. »Sind Sie hier, um mir zu helfen?«

7

Die Wände des Aufzugs waren übersät mit unzähligen Blutspritzern, so als hätte jemand versucht, ein makabres Grafitti anzubringen. Am Boden der Kabine lag ein menschlicher Körper in einer dunkelroten Blutlache. Das Gesicht bestand aus einer einzigen roten Masse.
Hans unterdrückte ein Würgen. Trotz des schrecklichen Anblicks näherte er sich den offen stehenden Türen. Zu dem Ekel mischte sich nach und nach Verblüffung. Die Leiche besaß eine ungefähre Größe von einem Meter fünfzig. Sie wirkte plump, und ihre Arme schienen etwas länger zu sein als bei gewöhnlichen Menschen. Die Füße fielen durch ihre eigenartige Breite auf. Als sonderbar erwies sich auch die Hautfarbe. Sie bestand in einem extrem hellen Grün, das beinahe in ein Weiß überging. Um die Hüften trug sie einen breiten Streifen dunkelbraunen Stoffs.
Hans wischte sich mit der flachen Hand über die Stirn. »Der sieht mir nicht gerade nach einem der Passagiere aus.«
Maki trat neben ihn, um den leblosen Körper genauer anzusehen. Der Schrecken saß ihr weiterhin in den Gliedern. Hinzu kam ein mulmiges Gefühl in ihrem Magen, das durch den gräßlichen Zustand der Leiche ausgelöst wurde. »Er wurde erschossen.«
»Richards Leute können es nicht gewesen sein. Das Blut an den Wänden ist längst trocken.«
Hinter ihnen rumpelten Schritte die Wendeltreppe herunter.
»Mrs. Asakawa! Ist Ihnen etwas passiert?« Mark Ranger starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. »Oh … Das Kleid steht Ihnen. Sehr hübsch.«
»Dein neuer Liebhaber«, murmelte Hans.
Maki stieß ihm ihren Ellenbogen in die Seite.
Hinter Ranger kam Lyon Caidin fast schon gelangweilt die Stufen herunter.
»Alles in Ordnung«, erwiderte Maki. »Jedenfalls mit mir. Bei demjenigen im Aufzug habe ich allerdings so meine Zweifel.«
Als Ranger das viele Blut und die Leiche erblickte, erhielt seine gebräunte Haut einen äußerst blassen Ton. »Sehen Sie sich das an, Caidin.«
Lyon Caidin verzog zwar keine Miene, doch seine plötzliche Starrheit sprach für sich.
»Die Tür ging auf und dieses Wesen lag darin«, erklärte Hans missmutig. Er mochte Rangers Aufdringlichkeit gegenüber Maki überhaupt nicht.
Ranger ging vor dem Aufzug in die Knie. »So etwas habe ich wirklich noch nicht gesehen. Vermutlich hat einer der Passagiere auf ihn geschossen. Der Körperbau wirkt beinahe frühmenschlich. Die Hautfarbe ist mir ebenso ein Rätsel. Im Grunde genommen müssten wir den Leichnam auf die Argo schaffen, um ihn genau untersuchen zu können. Haben Sie Tubb schon informiert?«
»Wie denn?« fragte Hans. »Keine Elektrizität, also auch keine Kommunikation. Und selbst wenn, ich habe überhaupt kein Handy.«
»Tubb müsste sich jetzt auf Deck drei aufhalten«, meinte Maki.
Caidin blickte einen nach dem anderen an. »Am besten wir lassen alles so, wie es ist. Auf jeden Fall fasse ich nicht dieses … Monster an.«
»Schon die Hosen voll, Caidin?«
»Das hat wohl nichts mit Angst zu tun, Mr. Schmeißer. Hier geht es nur um reine Vernunft. Und diese sagt mir, dass wir die Expedition nie hätten betreten sollen. Ich war von Anfang an dafür, zu versuchen, einen Weg aus dieser Maschine zu finden. Aber hier hört ja niemand auf mich. Dafür haben wir jetzt das hier vor uns. Und wo sich einer von denen befindet, gibt es bestimmt auch noch andere.«
Mark Ranger wandte sich um. »Da könnten Sie recht haben, Caidin. Möglicherweise verstecken sich noch mehr von denen hier an Bord. Haben Sie sich überhaupt schon überlegt, was mit den knapp dreitausend Passagieren geschehen sein könnte?«
»Nun gut, das hier deutet auf einen Kampf hin«, mutmaßte Maki. »Aber das ist auch schon alles. Falls diese Wesen die Passagiere tatsächlich überfallen hätten, dann müsste es hier an Bord noch mehr Blut geben. Auf Deck eins ist jedoch nichts davon zu sehen. Es gibt auch keine sonstigen Hinweise für eine Auseinandersetzung.«
»Auf Deck zwei gibt es ebenfalls nichts Außergewöhnliches«, fügte Mark hinzu.
»Dann bleibt noch die Möglichkeit, dass es an Bord zu Einzelkämpfen gekommen sein könnte«, brachte Hans den Gedanken ins Spiel. »Was aber noch immer nicht erklärt, wieso sich die übrigen Passagiere nicht gewehrt haben.«
»Sie sollten sagen, gegen was auch immer gewehrt haben«, fügte Caidin hinzu.
Maki wandte sich von dem Aufzug ab. »Gehen wir zu Tubb. Die Leiche stellt die gesamte Situation in ein völlig anderes Licht.«
»Und falls es Sie interessiert, Mr. Ranger, Mrs. Asakawa wird nicht vor Ihnen diese Treppe emporsteigen.«
Mark blickte Hans verdutzt nach.
»Jetzt wissen Sie, weswegen ich diese Leute nicht leiden kann.« Caidin drehte sich um und folgte den anderen widerwillig.

8

Die Frau wirkte sichtlich verstört. Sie hatte blondes, welliges Haar und trug eine Stewardessenuniform, die teilweise in Fetzen von ihr herabhing. An manchen Stellen hatte sich ihre Kleidung mit dunklen Blutflecken vollgesogen.
»Wer … wer sind Sie?« brachte sie nur mit Mühe hervor.
John Arnold kratzte sich verlegen am Kopf. »Ich nehme an, Sie gehören zur Besatzung, Mrs …?«
»Gibson. Julia Gibson. Ich bin normalerweise auf Deck vierzehn tätig.«
»Ich bin John Arnold. Und der Kerl neben mir heißt Frederic Tubb. Wir … Nun ja, Sie werden uns wahrscheinlich nicht glauben, wenn wir Ihnen sagen, welchem Beruf wir nachgehen.«
Julias Augen spiegelten Trauer und Furcht wider. »Ich denke eher, dass Sie mir nicht glauben, wenn ich Ihnen erzähle, was hier vorgefallen ist.«
Tubb griff ihr sanft unter den Arm und führte sie zu einem der Stühle. »Am besten, Sie trinken erst etwas, Mrs. Gibson.«
»Ich vertrage keinen Alkohol.«
»Sie haben gehört, Arnold. Etwas ohne Alkohol.«
»Bin ich hier jetzt das Kindermädchen?«
»Machen Sie es einfach.«
»Ist Ihr Freund immer so?« fragte Julia.
Tubb winkte ab. »Achten Sie nicht auf ihn. Meinen Namen kennen Sie ja bereits. Ich bin Wissenschaftler und beschäftige mich mit außergewöhnlichen Phänomenen. John Arnold gehört einer Organisation an, die ebenfalls mit solchen Dingen zu tun hat. Wir haben ein SOS-Signal der Expedition empfangen, kurz bevor sie vom Radar spurlos verschwunden ist. Als wir hierher kamen, fanden wir dieses gewaltige Ding, in dem wir uns nun befinden. Können Sie uns sagen, was passiert ist?«
Arnold stellte eine Colaflasche vor sie auf den Tisch.
Julia griff danach und trank gierig einen Schluck nach dem anderen. Als die Flasche halb leer war, stellte sie diese zurück auf die Tischplatte. »Ich war zusammen mit Herb Steward am Oberdeck, als dieses gigantische Etwas auf uns zu kam. Wo ist Herb überhaupt? Haben Sie ihn irgendwo gesehen?«
Arnold setzte zu einer Antwort an, doch Tubb kam ihm rasch zuvor. Er wusste nur zu gut, dass Arnolds Antworten auf gewisse Fragen nie das waren, was die Betroffenen zu hören bekommen wollten. »Wir suchen nach ihm. War er Ihr Freund?«
Julias Miene wirkte auf einmal leicht verträumt. »In gewisser Weise ja. Wir waren erst seit ein paar Minuten zusammen, als all das Schreckliche passierte.« Auf einmal brach sie in Tränen aus.
»Schon gut, Mrs. Gibson. Trinken Sie noch etwas.«
Nachdem sich Julia wieder einigermaßen im Griff hatte, setzte sie ihren Bericht fort. »Wir liefen unter Deck. Hinter uns entstand ein höllischer Lärm, als dieser merkwürdige Nebel das Schiff berührte. In den oberen Decks herrschte irrsinnige Panik. Die Passagiere rannten schreiend hin und her. Ich denke, dass manche sogar versuchten, das Schiff zu verlassen. Herb hielt mich ständig an der Hand. Doch auf einmal wurde er von mir weggerissen, als eine tobende Menschenmenge an uns vorbeiströmte. Ich hörte Schüsse und entsetzliche Schreie. Herb versuchte, sich wieder zu mir durchzukämpfen. Der Menschenstrom war jedoch zu stark. Er rief mir zu, ich solle mich in den unteren Decks irgendwo verstecken. Er würde mich später suchen. Das … das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.«
»Wieso Schüsse?« hakte John Arnold nach. Seine raue Stimme ließ seine Frage beinahe vorwurfsvoll klingen.
Julia kämpfte erneut mit den Tränen. »Plötzlich waren da diese … diese Wesen. Relativ klein. Hellgrüne Haut. Ihre Gesichter waren entsetzlich. Einfach scheußlich. Wie Fratzen aus einem Horrorfilm. Sie gingen leicht vorgebeugt, beinahe so wie Affen. Obwohl sie so überaus primitiv wirkten, besaßen sie schreckliche Waffen, aus denen grelle Strahlen schossen. Wurde jemand davon getroffen, verwandelte er sich augenblicklich in eine Art Mumie. Ich weiß, das klingt wie aus einem schlechten Traum, doch wenn Sie nach oben gehen, werden Sie diese vertrockneten Körper sicherlich noch sehen.«
Arnold und Tubb wechselten erstaunte Blicke. Bisher hatten sie es immer nur mir sonderbaren Maschinen zu tun gehabt. Sollten sie hier zum ersten Mal Kontakt mit Mitgliedern der Hyperzivilisation bekommen? Die Beschreibung dieser Wesen entsprach allerdings nicht gerade den Vorstellungen, die sich Frederic Tubb von dieser geheimnisvollen Gesellschaft machte. Doch war jetzt nicht der geeignete Augenblick, um darüber mit John Arnold zu diskutieren. Sie mussten zunächst herausbekommen, was weiter auf der Expedition geschehen war.
»Ich weiß, welche Wirkung diese Strahlen besitzen«, erwiderte Tubb. »Vor kurzer Zeit passierte etwas Ähnliches in London. Haben Sie so etwas wie Maschinen bemerkt? Irgendwelche seltsamen Körper aus Metall?«
»Nein. Das heißt doch. Aber diese wirkten wie bizarre Vogelscheuchen. Sie standen in den unteren Gängen. Ein unheimliches Licht strömte aus ihren Augen. Als ich sah, dass Menschen, die in dieses Licht schauten, wie zu Stein erstarrten, hielt ich ständig meinen Kopf gesenkt.«
»Nochmals zurück auf die Schüsse, Mrs. Gibson«, kam Arnold erneut auf seine Frage zu sprechen. »Wer schoss auf wen?«
Julias wirrer Blick verriet, dass soeben das ganze Geschehen nochmals vor ihren Augen ablief. Schließlich sagte sie: »Es gibt an Bord Sicherheitspersonal. Die besitzen auch Waffen. Sie schossen auf diese Wesen. Es war gräßlich. Wurde eines dieser Ungeheuer getroffen, so explodierte es beinahe. Bei einem wurde der halbe Kopf weggerissen. Bei einem anderen platzte regelrecht die Brust auf. Alles war voller Blut.«
»Wurden Sie ebenfalls angegriffen?« wollte Tubb wissen. Er deutete Arnold mit einem Fingerzeig an, Julia eine zweite Flasche zu bringen. Dieser quittierte dies mit einem genervten Gesichtsausdruck.
»Ein paar Mal konnte ich ihnen entwischen. Einmal aber sprang eines dieser Wesen wie aus einem Hinterhalt auf mich zu. Es besaß keine Waffe, sondern schlug mich und zerriss meine Kleider. Ich viel dabei zu Boden, während dieses scheußliche Monster weiter auf meinem Rücken hockte und mich quälte. Ich schrie um Hilfe, aber irgendwie scheint in der Not so ziemlich jeder lieber zum Egoismus zu neigen, als anderen zu helfen. Zum Glück aber gab es noch einen vernünftigen Menschen. Stan Wilders, einer der Offiziere. Wir beide sind seit langer Zeit gute Freunde. Stan hatte sich irgendwoher einen Golfschläger genommen. Er sah aus, als hätte er in Blut gebadet. Als das Wesen Stan sah, ließ es augenblicklich von mir ab und hechtete mit einem Satz auf ihn zu. Stan schlug dem Ungeheuer den Schläger gegen die Stirn, worauf dieses reglos wie eine Fliege auf den Boden klatschte. Darauf half er mir auf und lief mit mir ein paar weitere Decks hinunter. Schließlich gelangten wir hierher. Er zeigte mir dieses Versteck und sagte, er wolle versuchen, die Monster von diesem Ort wegzulocken. Ich habe keine Ahnung, was danach mit ihm geschehen ist.«
Arnold tippte Tubb an die Schulter und zeigte ihm mit einem leichten Nicken an, dass er kurz mit ihm alleine sprechen wollte.
»Entschuldigen Sie uns für einen Moment«, sagte Tubb.
»Sie glauben mir nicht, stimmt’s oder hab ich recht?«
»Das hat damit nichts zu tun. Wir sind gleich wieder bei Ihnen.«
John Arnold lehnte mit dem Rücken zu Julia an der Bar. Er stützte sich mit den Ellenbogen an der Theke ab, wobei er seine Hände unterhalb seines Kinns andächtig zusammenfaltete. Hätte Tubb John Arnold nicht gekannt, so hätte er wohl tatsächlich angenommen, dass er beten würde. Doch John Arnold war der geborene Atheist. Er betrat Kirchen nicht aus spirituellen Gründen, sondern allein, um ihre Architektur und die darin stehenden Skulpturen zu würdigen.
»Was ist?«
John Arnold räusperte sich leise. »Kleine grüne Männchen und Vogelscheuchen. Diese Frau hat eindeutig nicht mehr alle Tassen im Schrank. Bis jetzt haben wir nichts gesehen, was auf einen Kampf oder Unruhe an Bord schließen lässt.«
»Sie erwähnte doch, dass all dies in den oberen Decks geschehen ist«, wandte Tubb ein. »Vielleicht haben Richards und seine Leute bereits etwas entdeckt.«
»Dann wären sie schon längst wieder hier untern gewesen, um Bericht zu erstatten. Wenn das mit diesen grünen Männchen stimmen sollte, wieso sind diese dann nicht auch auf der Argo erschienen? Ich bleibe bei meiner Meinung, diese Frau spinnt.«
»Wir können ihre Aussage nur überprüfen, indem wir selbst weiter nach oben gehen.
Arnold schlug genervt auf die Theke. »Tubb, kapieren Sie es doch endlich! Hier an Bord gab es etwa dreitausend Passagiere! Was soll mit diesen Menschen geschehen sein? Haben sie sich in Luft aufgelöst? Wenn das stimmt, was Julia Gibson uns erzählt hat, dann müsste das gesamte Schiff von Anzeichen eines Konfliktes übersät sein.«
Tubb runzelte die Stirn. »Sehen Sie es doch mal aus einer anderen Perspektive, Arnold. Wieso sollte sie sich so etwas ausdenken? Kleine, grüne Wesen, die die Menschen an Bord heimsuchen. Würde sie uns einen Bären aufbinden wollen, so hätte sie sich nicht etwas so Abwegiges ausgedacht. Ihre Angst ist echt. Ihre Kleidung ist völlig zerrissen und blutdurchtränkt. Etwas Fürchterliches muss hier an Bord geschehen sein. Das mit den Vogelscheuchen ist natürlich so eine Sache. Doch was ist, wenn diese Geräte zur Hypnose dienten?«
»Jetzt haben Sie aber auch nicht mehr alle Tassen im Schrank, Tubb. Was meinen Sie überhaupt damit?«
»Mrs. Gibson erwähnte, dass diejenigen, die direkt in das Licht gesehen haben, wie zu Stein erstarrten. Für mich klingt das nach Hypnose. Oder haben Sie eine andere Erklärung?«
»Verdammt, Tubb, ich wünschte ich hätte eine.«
»Dann sollten wir uns schleunigst die oberen Decks ansehen.«
»Und was sollen wir mit ihr machen?«
Tubb blickte kurz über die Schulter. Julia Gibson saß eingesunken auf ihrem Stuhl. »Wir können sie auf keinen Fall hier lassen.«
John Arnold griff in die Innentasche seines Jacketts und zog eine Packung Zigaretten heraus. »Wieso schaff ich es eigentlich nie, mir das Rauchen abzugewöhnen? Muss wohl an Ihnen liegen, Tubb.«
»Herb Steward zündete sich immer eine Zigarette an und warf sie danach über Bord. Das war seine Methode, sich das Rauchen abzugewöhnen.«
Arnold und Tubb drehten sich um.
Julia Gibson erwiderte ihre Blicke mit einer Art Lächeln. »Sie haben nicht gerade leise geredet. Tut mir leid.«
»Und dieser Mann war früher einmal tatsächlich CIA-Agent«, setzte Tubb noch eines oben drauf.
»So? Bei seiner Lautstärke hätte ich eher auf Ansager in einem Fußballstadion getippt.«
»Da sehen Sie es, Arnold. Eindeutig Berufsverfehlung.«
Verärgert schmiss Arnold die glimmende Zigarette zu Boden und zertrat sie, so als handelte es sich dabei um ein nervendes Insekt. »Wenn Sie schon alles mit angehört haben, dann verraten Sie uns doch gleich, ob wir Sie hier lassen sollen oder ob Sie mitkommen wollen.«
Julia erhob sich mit leicht zitternden Beinen. »Ich komme mit. Ich muss wissen, was mit Herb geschehen ist. Es wäre aber nett, wenn Sie mir etwas helfen würden. Irgendwie kann ich mich nicht ganz aufrecht halten.«
»Ihre Sache, Tubb. Sie sind hier der Frauenheld.«
»Ihre Anspielungen sind langsam langweilig, Arnold.« Damit trat Tubb auf Julia zu, um sie abzustützen.
»Was für Anspielungen denn?« wollte sie wissen.
Ihr Interesse kam so unerwartet, dass Tubb es nicht verhindern konnte, rot zu werden. »Arnold leidet seit ein paar Tagen unter Wahnvorstellungen. Hören Sie einfach nicht auf ihn.«
»Also los, Tubb, dann suchen wir eben jene kleinen, grünen Männchen.« Arnold verließ damit als Erster die Midnight Lounge.
Tubb und Julia folgten ihm.
Kurz darauf erschallten von weiter oben die ersten Schüsse.

9

Sam Richards kam sich auf Deck fünf beinahe vor wie in einer Einkaufspassage. Beinahe. Vor ihm erstreckte sich nach beiden Seiten eine Reihe Shops, die von billigem Klunker bis teuren Zigarren so ziemlich alles verkauften. Von den Fassaden hingen Fahnen unterschiedlicher Nationen. Weiter vorne entdeckte er sogar ein Hamburger-Restaurant. Er war noch nie zuvor auf einem Kreuzfahrtschiff gewesen. Daher erstaunte es ihn, an Bord quasi eine Welt für sich vorzufinden. Allerdings eine Welt ohne Menschen. Eine Welt, in der die Fensterscheiben der Läden eingeschlagen waren und Blut an Wänden und Boden klebte. In manchen Geschäften hatte er Leichen endteckt, die Mumien nicht unähnlich sahen. Den entsetzlichsten Anblick jedoch hatte die Disco geboten, in der sich unzählige dieser Mumien zu einem makabren Hügel stapelten. Es gab auch noch andere Leichen. Sie stammten von Wesen, die eine Größe von weniger als einem Meter fünfzig besaßen und eine sonderbare Hautfarbe aufwiesen. Richardson hatte zunächst angenommen, dass das eigentümliche Grün die Körper nur bedeckte. Ähnlich wie bei Make-up oder Bodypainting. Doch es stellte sich heraus, dass dies ihre tatsächliche Hautfarbe darstellte.
Von Deck eins bis Deck vier hatte Richards keine Auffälligkeiten finden können. Dann dieser Schlag ins Gesicht. Seit er für die LOGE arbeitete, hatte Richards schon die unglaublichsten Dinge erlebt. Der Anblick, der sich ihm hier bot, schlug allerdings so ziemlich alles. Die Situation hatte etwas Groteskes und Surreales an sich. Mumien und tote Wesen, deren Aussehen an Kobolde erinnerte. Die hässlichen Fratzen sprachen für sich. Runde Knopfaugen, die tief in den Augenhöhlen saßen. Eine breite, platte Nase. Ein Mund, der die Form eines Fischmauls nachempfand. Hinter den breiten Lippen verbargen sich spitze Zähne. Richards konnte nicht beurteilen, ob diese zugefeilt oder natürlichen Ursprungs waren. Auf dem Kopf dichtes, schwarzes Haar, das wirr nach allen Seiten stand. Diese Wesen schienen einem gemeinen Alptraum entsprungen zu sein. Die meisten ihrer Leichen wiesen grauenhafte Wunden auf. Auf Brust und Bauch fanden sich kratergleiche Löcher. Bei manchen fehlte das ganze Gesicht.
Was auch immer hier geschehen war, es musste die Hölle gewesen sein.
Richards schulterte sein Gewehr und deutete seinen Kameraden mit einem Fingerzeig an, ihm in Richtung Hauptrestaurant zu folgen. Dieses befand sich am Heck des Schiffes. Schon hier auf der Einkaufsstraße wiesen mehrere Schilder in seine Richtung.
»Ob es in den restlichen Decks genau so aussieht?« fragte Pope. Er war erst vor wenigen Wochen der LOGE beigetreten. Jason Pope hatte sich als einfacher Soldat gemeldet. Keine großen Ambitionen. Davor hatte er bei Blackwater gearbeitet, den Job jedoch nervlich nicht durchgehalten. Richards fragte sich, ob er noch immer glaubte, es bei der LOGE besser zu haben.
»Werden wir sehen«, knurrte er. Er mochte es nicht, wenn seine Leute sich Sorgen auf Dinge machten, die im Moment nicht von Bedeutung waren. Das wies darauf hin, dass sie sich nicht voll konzentrierten. Eine Unachtsamkeit im falschen Moment und ihnen allen könnte der Hintern weggepustet werden.
Zum Glück hatten sich seine übrigen Jungs besser im Griff. Ihre stechenden Augen suchten nach möglichen Gefahrenquellen, den Finger dabei ständig am Abzug.
Das Hauptrestaurant hätte genau so gut ein Ballsaal sein können. Richards fragte sich, wie viele Kellner wohl notwenig waren, um alle Gäste zufriedenzustellen. Den Saal umgaben dem Barock nachempfundene Balkone, die sich drei Stockwerke übereinander fortsetzten. Riesige Luster baumelten von der Decke.
Das Chaos in der Einkaufsstraße ging hier ohne Übergang weiter. Tische und Stühle lagen umgeworfen auf dem Deck. Mumien erwiderten ihre Blicke mit leblosen, aber vor Schreck weit aufgerissenen Augen. Manche hingen über den Balustraden der Balkone, so als hatte sie jemand dort hinaufgeworfen. Leichen der koboldartigen Wesen fanden sie keine.
»Sollen wir auf den Balkonen nachsehen?«, wollte Jack Varley wissen. Er war bereits seit einigen Jahren bei der LOGE dabei. Richards hatte zusammen mit ihm im Auftrag John Arnolds vor etwa fünf Jahren eine seltsame Festung erkundet, die sich mitten auf einer einsamen Insel befand. Tubb und seine beiden Mitarbeiter waren ebenfalls dabei gewesen. Damals hätte nicht viel gefehlt, und alle wären drauf gegangen.
»Gehen wir ein Deck höher«, erwiderte Richards. »Laut Plan haben wir jetzt wieder drei Decks mit Kabinen vor uns.«
Varley fluchte. »Ich hasse diese Kabinendecks. Eintönig und zugleich gefährlich. Eine pure Ansammlung von Hinterhalten.«
Der grelle Strahl traf Varley direkt in den Rücken. Reflexartig griff er sich an die Stelle, an der sein Körper versengt worden war. Im selben Moment veränderte sich sein Aussehen auf grauenvolle Weise. Sein Gesicht verfaulte in Sekundenschnelle. Nach wenigen Augenblicken sackte er in sich zusammen und blieb reglos liegen. Er war innerhalb kürzester Zeit zu einer leblosen Mumie verkümmert.
»Dort!« schrie Pope. Er zielte mit seinem Gewehr auf die Balustrade eines der Balkone und drückte ab. Blut spritzte in alle Richtungen.
Richards übrige Männer schossen nun ebenfalls auf alles, was sich dort oben bewegte. Er hätte sie eigentlich dazu auffordern sollen, das Feuer einzustellen. Immerhin hätten dort oben auch noch Passagiere sein können. In seinem tiefsten Innern aber glaubte er selbst nicht daran, dass sie hier an Bord der Expedition noch irgendjemandem helfen konnten.
Einer dieser grünen Kobolde lugte über das Geländer eines Balkons und zielte mit einem langen, schwarzen Stab direkt auf Richards. Dieser sprang gerade noch zur Seite. Der Strahl traf das Deck und hinterließ einen dunklen Brandfleck. Als er sich wieder aufrichtete, konnte er das groteske Wesen nirgendwo mehr sehen.
Nun schossen Strahlen von anderen Balkonen in den Saal. Seine Jungs erwiderten das Feuer. Viel richteten sie nicht aus. Die Kobolde erwiesen sich als schnell und raffiniert.
»Rückzug!« befahl Richards. »Wir sind hier auf deren Präsentierteller!«
Um sich schießend, verließen sie das Hauptrestaurant.
»Was jetzt?« Pope zitterte am ganzen Körper.
Richards fasste rasch eine Entscheidung. »Wir müssen wieder runter zu den anderen. Wahrscheinlich verstecken sich diese Monster im gesamten Schiff.«
Sie eilten die Einkaufsstraße zurück, bis sie an eine der breiten Treppen kamen, die hinunter auf Deck vier führte. Als Richards zurückschaute, lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Die Wesen folgten ihnen. Angst oder etwas Ähnliches schienen sie nicht zu kennen.
»Feuer!« brüllte er.
Die Schüsse hallten ohrenbetäubend von den Geschäftsfassaden wider. Die grünen Wesen gaben eine Salve glühender Strahlen ab. Ein weiterer seiner Männer wurde dadurch getroffen. Trotz hoher Verluste ließen die Kobolde nicht von ihnen ab.
»Runter auf Deck vier!« befahl Richards. Die Stellung zu halten erwies sich als sinnlos. Er machte kehrt und stolperte zusammen mit seinen acht verbliebenen Soldaten die breite Treppe hinab.

10

Caidin wirkte bestürzt. »Das war vorhin noch nicht da.«
Alle vier standen am oberen Ansatz der Wendeltreppe und schauten in Richtung Bug, wo der Gang vor zwei Glastüren endete, die hinaus auf eine Terrasse führten. Den Weg dorthin versperrte jedoch ein sonderbarer Gegenstand, der wenige Meter vor den Glastüren mitten im Flur stand.
»Lassen wir das erst einmal«, sagte Maki. »Wir müssen zunächst Tubb benachrichtigen.«
»Tubb kann warten«, erwiderte Hans. »Dieses Ding könnte interessant sein.« Sogleich marschierte er darauf zu. Für Maki musste es längst offensichtlich sein, dass er nichts mehr hasste, als zu warten. Immerhin kannten sie sich seit mehr als fünf Jahren. Geduld war für ihn so etwas wie ein Fremdwort. Er konnte es einfach nicht leiden, Dinge auf die lange Bank zu schieben. Natürlich artete dies des Öfteren in Streit aus. Doch Hans konnte sich einfach nicht bremsen. Es musste für ihn alles schnell und am liebsten sofort geschehen. Von ihm aus konnten die anderen auch schon vorgehen, auch wenn es ihm gar nicht gefiel, Maki längere Zeit mit diesem Mark Ranger alleine zu lassen.
»Besser, wir folgen ihm«, seufzte Maki.
Mark wirkte nachdenklich. »Vielleicht hat Mr. Schmeißer recht damit, dass dies hier wichtiger ist. Auf jeden Fall ist es unheimlich.«
Caidin zögerte standesgemäß. »Mir gefällt das nicht. Mr. Ranger, Sie wissen doch auch, dass wir hier vorhin nichts gefunden haben. Woher kommt dieses Ding?«
»Die Frage läßt sich nur beantworten, wenn wir es näher in Augenschein nehmen«, entgegnete Mark. »Sie können ja hier auf uns warten, Mr. Caidin. Es wird so wie so nur kurze Zeit in Anspruch nehmen.«
Caidin verzog missmutig sein Gesicht.
Hans blieb wenige Zentimeter davor stehen. Es handelte sich um eine Figur, deren Aussehen grob an eine groteske Vogelscheuche erinnerte. Sie hatte etwas Gespenstisches an sich. Sie bestand aus zwei Stangen, deren Material auf Anhieb nicht zu erkennen war und die sich zu einer Art Kreuz zusammenfügten. Über der quer verlaufenden Stange hing ein silbern glänzender Stoff, den eigenartige, spiralförmige Muster überzogen. Der Kopf, der auf der senkrecht verlaufenden Stange saß, schien dazu gedacht, bei dem jeweiligen Betrachter eine Gänsehaut zu verursachen. Er besaß die Form eines Pferdekopfes. Seine gelben Augen, die wie bei einem Menschen beide nach vorne sahen, hatten etwas Schlangenartiges an sich. Die Haut, von der Hans nicht sagen konnte, ob es sich hierbei um etwas Organisches handelte, zierten dieselben Muster des Stoffes.
Die senkrecht verlaufende Stange stützten am Boden vier zusätzliche Beine ab. Alles in allem machte diese Figur einen äußerst primitiven Eindruck. Sie hätte genau so gut in einem Dschungeldorf stehen können, dessen Bewohner einer bizarren Religion nachgingen. Andererseits passte dieser Artefakt zu dem merkwürdigen Wesen, das sie unten im Fahrstuhl gefunden hatten. Seine Proportionen deuteten auf eine frühmenschliche Entwicklung hin. Wäre es da nicht denkbar, dass sie solche einfachen Statuen errichteten?
In Hans kam eine schleichende Unsicherheit auf. Er war zu sehr mit der Figur an sich beschäftigt gewesen, dass er sich zunächst gar nicht danach gefragt hatte, aus welchem Grund sie überhaupt hier mitten im Gang stand. Und vor allem: Wer hatte sie hier hergestellt?
Als Hans erneut den Kopf betrachtete, gaben dessen Augen einen schwachen Schimmer von sich. Er schüttelte seinen Kopf, da er sich auf einmal schwindelig fühlte. Das Glühen verstärkte sich. Hans wusste selbst nicht, wieso er weiter in die Augen starrte und sich nicht lieber umdrehte, um sich den anderen anzuschließen. Etwas hinderte ihn daran. Das inzwischen gleißende Licht brannte in seinen Augen. Es fühlte sich an, als würde es durch seine Pupillen hindurch in seinen ganzen Körper hineinstrahlen. Gleichzeitig durchströmte ihn eine angenehme Wärme, die seine Nerven beruhigte. Er fühlte sich mit einem Mal schläfrig. Hans hatte keine Ahnung, was mit ihm passierte. Doch in diesem Moment kümmerte es ihn auch nicht. Seit langer Zeit spürte er zum ersten Mal eine völlige Entspanntheit. Er sorgte sich nicht um seine Mutter, die alleine in Deutschland lebte, er machte sich keine Gedanken um seine Arbeit und ihn quälte kein bisschen Eifersucht im Hinblick auf Maki. Das Licht verlor unmerklich an Intensität. Es entfernte sich und wirkte schließlich wie ein heller Punkt am Ende eines langen Tunnels.
Als auch dieses verblasste, spürte er gar nichts mehr.
»Entweder will Hans uns auf den Arm nehmen oder er hat endlich völlig seinen Verstand verloren«, bemerkte Maki. Obwohl sie sich über sein Verhalten ärgerte, konnte sie ihre Sorge nicht unterdrücken. Er stand nun schon mehrere Sekunden vor dieser Figur und rührte sich nicht. Zuvor hatte sie einen kalten Lichtschimmer bemerkt, der seinen Kopf umgeben hatte wie ein Strahlenkranz. Sie rüttelte an seinem Arm. »Was ist los, Hans? Hast du vor, mich zu erschrecken?«
Seine Augen blieben geschlossen. Sein Gesicht und überhaupt seine ganze Körperstellung vermittelten den Eindruck, als wäre er zu Stein erstarrt.
»Passen Sie auf, Mrs. Asakawa!« Ranger packte sie unerwartet und zerrte sie von der Figur weg.
Die Augen dieses häßlichen Kopfes glühten gelblich.
Maki wurde das beklemmende Gefühl nicht los, dass er sie anstarrte. Ein leichter Schwindel befiel sie. Nur mit Mühe gelang es ihr, ihr Gesicht von dem starrenden Blick abzuwenden. Der Schwindel ließ nach. Eine panische Erkenntniss schoss in ihr empor. Hans stand unter Hypnose. Die Augen hatten ihn in ihren Bann gezogen.
Sie riss sich von Mark Ranger los, der erschrocken aufschrie, und warf die Figur mit einem kräftigen Stoß um. Mit einem lauten Scheppern knallte diese auf den Teppichboden. Der Kopf löste sich von der Stange und gab den Blick frei auf drahtartige Schlingen, die ihn mit dem Rest verbanden.
»Haben Sie ein Messer?«
Mark griff in seine Hosentasche. Er trug immer ein Taschenmesser bei sich. Als Archäologe konnte man nie wissen, wann man über den nächsten Fund stoplerte. Und so hatte er auf jeden Fall stets ein Utensil dabei, mit dem er Artefakte grob von Schmutz und Erde befreien konnte.
Maki nahm das Messer entgegen und klappte es auf.
»Darf ich fragen, was Sie da vorhaben?«
»Nennen Sie es von mir aus Kastration.« Sie kniete sich hin und umfasste die Schlingen mit ihrer linken Hand. Sie fühlten sich an, als wären sie von einem dünnen Schleimfilm umgeben. Mit ihrer rechten Hand setzte sie die Klinge an und durchtrennte die Drähte. Ein matschendes Geräusch erklang und eine gelbliche Flüssigkeit trat aus den gekappten Strängen.
»So, das hätten wir.« Sie reichte Mark das Messer wieder zurück.
»Was haben Sie jetzt vor?« Ihre plötzliche Agression überraschte Mark unangenehm. Er hatte Maki Asakawa für eine nette, junge Frau gehalten, die vielleicht etwas naiv wirkte, aber nicht einmal einer Fliege etwas antun könnte. Über ihre Naivität war sich Mark noch uneins, doch ihre Messerattacke erübrigte weitere Gedanken über die Fliege.
»Wir müssen Hans in eine der Kabinen bringen. So können wir ihn ja wohl schlecht stehen lassen. Danach müssen Sie weiter nach Tubb suchen. Ich bleibe inzwischen hier und passe auf ihn auf.«
»Soll ich nicht lieber bei Ihnen bleiben?«
Maki stampfte erbost mit ihrem linken Fuß auf. »Jetzt machen Sie schon!«
Mark beschloß, bei Maki Asakawa auch das Wörtchen nett zu streichen. Während Lyon Caidin zuschaute, mühten sich er und Maki ab, Hans in eine der nächstgelegenen Kabinen zu schleppen. Obwohl Mark Ranger durch sein Muskeltraining gewohnt war, schwere Gewichte zu heben, stellte Hans eine große Herausforderung dar. Nur mit Mühe gelang es, die knapp neunzig Kilo über den Teppichboden zu zerren und auf das Bett der Kabine zu hieven.
Caidin weigerte sich strickt, mitzuhelfen. Ihm war es ein Graus, fremde Menschen zu berühren. Noch schlimmer wurde es, wenn es sich um Personen handelte, die er absolut nicht ausstehen konnte.
Mark wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ein ziemlich schwerer Brocken.«
»Hans isst gerne und viel, auch wenn er den schwarzen Gürtel in Karate besitzt und nebenher Boxtrainings absolviert. Und jetzt Abmarsch. Finden Sie Tubb so schnell wie möglich. Wir müssen einen Weg finden, um Hans von seinem jetzigen Zustand zu befreien. Ich befürchte, er wurde von diesem Ding hypnotisiert.«
»Sie kennen sich nicht zufällig mit Hypnose aus, Mr. Caidin?«
Lyon Caidin stand bereits wieder im Flur vor der Kabine. »Sie machen wohl Spaß, was Mr. Ranger? Ich bin Wissenschaftler und kein Scharlatan.«
»Hans’ Zustand erinnert nicht gerade an Scharlatanerie«, fuhr Maki ihn an. »Hauen Sie endlich ab.«
Mark Ranger eilte aus dem Zimmer, packte Caidin und zerrte ihn mit sich. »Es ist, denke ich besser, es nicht mit ihr anzulegen, Mr. Caidin.«
Maki warf die Tür hinter ihnen zu und schloss ab. Während sich die Stimmen der beiden entfernten, durchsuchte sie die Kabine. Im Wandschrank befand sich Kleidung sowie eine Tragetasche mit drei Golfschlägern darin.
»Besser als gar nichts.«
Sie zog einen der Schläger heraus und schloss den Schrank. Die Kleidungsstücke gehörten augenscheinlich einem Mann. Irgendein Mittvierziger, der sich wahrscheinlich erhofft hatte, an Bord jüngere Frauen anbaggern zu können.
So ähnlich wie dieser Mark Ranger. Offensichtlich hielt er sie für irgendein naives Flittchen. Verärgert ließ sie sich am Bettrand nieder. Zumindest hatte sie es geschafft, diese groteske Vogelscheuche außer Kraft zu setzen.
Mit sorgenvollem Blick betrachtete sie Hans, der mitten auf dem Bett lag, so als wäre er kein Mensch, sondern eine Statue. Sie berührte mit der rechten Hand seine Stirn. Kalt. Erschreckt fuhr sie auf. Sie berührte seine Wangen und seine Hände. Ebenfalls kalt. Nach einigem Zögern beugte sie sich nach vorne, um ihr Ohr an seine Brust zu legen.
Erneut wurde sie von einem Schwall Panik erfasst. Sie hörte seinen Herzschlag kaum. Als sie ihren Zeige- und Mittelfinger auf sein Handgelenk legte, fühlte sich sein Puls schwach an.
Unversehens traten Tränen in ihre Augen. »Verdammt. Wieso bist du auch so doof. Wer außer dir stellt sich vor eine Vogelscheuche und wird dabei hypnotisiert? Wenn Fred davon erfährt, glaubt er bestimmt, ich hätte einen Dachschaden.«
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Meine Güte, wieso heule ich überhaupt? Und zwar wegen dir! Das ist wirklich nicht zu fassen.«
Plötzlich hielt sie inne. Ein schweres, metallisches Dröhnen hallte wie ein unmelodiöser Gong durch das Schiff. Was hatte das nun schon wieder zu bedeuten? Wahrscheinlich handelte es sich dabei um ganz normale Schiffsgeräusche, versuchte sie sich zu beruhigen. Sicherlich war dieser Ton schon mehrmals aufgetaucht, doch aufgrund der Aufregung hier an Bord hatte sie ihn bisher noch nicht wahrgenommen.
Sie setzte sich zurück an den Bettrand. »Wieso muss ich mich eigentlich immer um die anderen kümmern? In Filmen retten immer die Männer die Frauen. Entweder habe ich die falschen Filme gesehen oder du und Fred seid die falschen Männer.« Sie stand auf und sah aus dem Kabinenfenster. Draußen konnte sie nicht viel erkennen. Das bronzefarbene Licht erhellte wie ein surrealer Sonnenuntergang die Umgebung. In der Ferne ragten die Wände von Point Zero in die Höhe. »Möchtest du wissen, was vor zwei Tagen wirklich los gewesen ist?« Sie wandte sich von dem Fenster ab und blieb am Fußende des Bettes stehen. »Ich habe Fred besucht. Er war aber stockbesoffen. Ich … Also gut, ich umarmte ihn. Doch er sackte einfach zu Boden. Also zerrte ich ihn durch seine Wohnung und wuchtete ihn irgendwie auf sein Bett. Danach war ich so erschöpft, dass ich einfach neben ihm eingeschlafen bin.« Sie spürte, wie sie rot wurde. »Eigentlich ist das absolut peinlich. Wenn du wieder zu dir kommst und dich daran erinnerst, was ich gerade gesagt habe, dann … Aber Fred tut mir irgendwie leid. Wenn es einen Menschen auf dieser Welt gibt, der wirklich einsam ist, dann ist er es. Seit seine Frau verschwunden ist, da … Ich glaube, es ist sehr schwer für ihn. Vor drei Jahren …« Sie stockte. Etwas ging draußen im Flur vor sich.
Maki schlich vor den Schrank und hob den Golfschläger auf. Sie ließ ihn ein paar Mal durch die Luft sausen, um zu prüfen, welche Schläge sie damit am besten ausführen konnte.
Sie hob den Schläger gerade erneut an, als ein weiterer, tiefer Gong ertönte. Das Schiff schwankte heftig. Maki verlor dabei das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Im selben Augenblick krachte etwas von außen gegen die Kabinentür. Maki rappelte sich auf und trat ein paar Schritte zurück. Ein lang anhaltendes Stöhnen durchzog das Schiff, gefolgt von einem gespenstischen Knarren. Ohne Vorwarnung wurde Maki erneut zu Boden geschleudert. Die Kabinentür befand sich in einem leicht schrägen Winkel über ihr. Die Position von Hans hatte sich auf dem Bett durch die Schlagseite etwas verändert.
Vor der Tür blieb es still. Maki spürte jedoch, dass es keineswegs so bleiben würde. Etwas anderes lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Ein Schatten schwebte vor dem Fenster vorbei und kehrte kurz darauf zurück, um das Zimmer fast vollständig in Dunkelheit zu hüllen. Eine gigantische Kette hatte sich vor dem Fenster positioniert.
»Hans, wieso wachst du nicht endlich auf? Hier wird es zunehmend ungemütlicher. Draußen geschieht irgendetwas.« Sie trat ans Bett und schnippte mit ihren Fingern direkt vor seinen Ohren. Hans veränderte nicht einmal seine Miene. Sie gab ihm leichte Ohrfeigen, doch auch das half nichts. Hans blieb liegen, als wäre er nicht mehr am Leben.
Nur mit Mühe gelang es Maki, ihr Schluchzen zu unterdrücken. Jetzt war keine Zeit, zu heulen. Sie mussten schleunigst von Bord.
Der zweite Schlag gegen die Tür brachte das Holz zum Splittern.

11

»Gehen Sie in Deckung!«
Vor ihnen herrschte auf einmal das reinste Chaos.
Richards und seine verbliebenen Männer rannten die Treppe hinunter, wobei sie immer wieder Schüsse ins obere Deck abfeuerten. Das Knallen der Gewehre wurde von Strahlen beantwortet, die den Boden und die Wände versengten.
Das Schiff gab währenddessen entsetzliche Geräusche von sich, die in Tubb die Befürchtung aufkommen ließen, dass die Expedition jeden Moment auseinanderbrechen würde. Kaum waren das Ächzen und Knarren verklungen, da bekam das Passagierschiff Schlagseite, was dazu führte, dass er, Arnold und Julia Gibson das Gleichgewicht verloren und zu Boden stürzten.
Richards stolperte zu ihnen. »Sie können da nicht rauf! Wir müssen uns zurückziehen. Die sind viel zu viele!«
Tubb konnte sich weitere Fragen ersparen. Auf der Treppe erschienen kleine, hellgrüne Wesen, deren Aussehen dem von Urmenschen glich. Sie waren nackt bis auf ein Tuch, das sie um ihre Hüften trugen. In den Händen hielten sie schwarze Stäbe, aus denen grelle Strahlen schossen. Als eines der Wesen von einer Kugel getroffen wurde, platzte seine Brust auf, so als hätte sich darunter eine Sprengladung befunden.
»Das sind sie!« schrie Julia. Das Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Folgen wir dem Rat von Richards und hauen von hier ab.« Ein Strahl traf direkt vor Arnold auf den Boden. »Und zwar schnell!«
»Aber was ist mit Herb!«, kreischte Julia. »Sie sagten, Sie würden ihn suchen!«
Tubb packte sie am Arm und riss sie mit sich. »Sie sehen doch, dass dies gerade unmöglich ist.«
Julia machte sich mit einem Ruck von ihm los. »Sie verdammter Mistkerl! Dann suche ich ihn eben selbst!«
Richards trat ihr in den Weg. »Das würde ich an Ihrer Stelle nicht machen, Ma’am. Dort oben gibt es hauptsächlich Tote. Ich glaube nicht, dass in den oberen Decks jemand überlebt hat.«
»Aber ich muss zu ihm!« Julia beharrte darauf.
Hinter Richards wurde ein Soldat getroffen, der sich augenblicklich in eine Mumie verwandelte.
Tubb packte Julia erneut und zerrte sie mit sich zur Treppe, die hinunter auf das zweite Deck führte.
»Lassen Sie mich los!«
»Ich lasse Sie erst los, wenn wir in Sicherheit sind!« Ein Strahl schoss über ihn hinweg und traf eine Neonlampe, die in sprühende Funken aufging. »Und jetzt beeilen Sie sich besser!«
Auf der Treppe kamen ihnen Mark Ranger und Lyon Caidin entgegen.
Tubb ließ Julia los und eilte auf beide zu. »Was ist los? Wo sind Maki und Hans?«
»Ich befürchte, Hans Schmeißer geht es nicht so gut«, erwiderte Mark.
»Was meinen Sie damit, Ranger?«
»Er wurde von irgendeinem sonderbaren Ding bestrahlt und befindet sich in einer Art Koma. Mrs. Asakawa meint, er sei hypnotisiert worden.«
»Das … Die Vogelscheuchen!« rief Julia. »Sie standen überall verteilt auf den Decks!«
»Und Maki?«
»Sie ist bei ihm. Sie beide sind unten in einer der Kabinen.«
Arnold grinste. »Einmal hat Mr. Schmeißer das, was er will, und kann es nicht einmal genießen.«
»Schön, dass Sie immer nur an das eine denken«, antwortete Tubb. An Ranger gewandt, fragte er: »Wo befindet sich die Kabine?«
»Darauf habe ich nicht geachtet, Mr. Tubb. Doch direkt daneben liegen die Reste dieser Vogelscheuche.«
»Die Reste?«
»Mrs. Asakawa hat sich erlaubt, dieses Ding einen Kopf kürzer zu machen.«
»Tubb, ich denke, Sie sollten ab jetzt wirklich aufpassen.« Kaum hatte John Arnold diesen Spruch von sich gegeben, da stürzte er verblüfft zu Boden.
Tubb und die übrigen konnten sich nur mit Mühe auf den Beinen halten, als die Expedition erneut in Schlagseite geriet.
»Was geschieht jetzt?« Einer der Soldaten deutete erstaunt auf die Kobolde.
Der Strahlenbeschuss hatte abrupt aufgehört. Die seltsamen Wesen schienen ihre Gegner völlig vergessen zu haben. Sie rannten die Stufen empor auf das vierte Deck und verschwanden dort.
Frederic Tubb folgte dem Geschehen mit ängstlichem Blick. »Diese Geräusche. Mit der Expedition geschieht etwas.«
»Dann nichts wie von Bord«, rief Arnold.
»Zuerst müssen wir Maki und Hans retten.«
Richards schulterte sein Gewehr und schritt an den beiden vorbei. »Am besten ich gehe vor. Man kann nicht wissen, was dort unten noch so lauert.«

12

Makis Verzweiflung wuchs von einer Sekunde zur anderen. Die Kette vor dem Fenster spannte sich unter lautem Quietschen und Ächzen. Die einzelnen Glieder dehnten sich unter argem Protest, hielten aber stand. Inzwischen glaubte Maki zu wissen, zu welchem Zweck sie diente. Point Zero versuchte, das Passagierschiff aus dem Wasser zu heben. Das würde allerdings bedeuten, dass an anderen Stellen der Expedition ebenfalls Ketten angebracht waren. Aber zu welchem Zweck? Was hatte der Mechanismus mit dem Kreuzfahrtschiff vor? Mit einem Mal fielen ihr die Fotos der Wracks ein, die Mark Ranger ihnen gezeigt hatte. Bis zur Unkenntlichkeit zerstörte Schiffe, die verteilt am Grund der Weltmeere lagen. Zerdrückte und zerschrädderte Kanonen. Stand der Expedition ein ähnliches Schicksal bevor? Falls ja, wie sollte es überhaupt noch gelingen, rechtzeitig von Bord zu kommen?
Hans lag weiterhin auf dem Bett, ohne sich zu rühren. Sein Gesicht besaß inzwischen einen extrem bleichen Teint. Ihr kam vor, dass sein Körper noch kälter geworden war. Sie hatte ihn in Decken gehüllt, obwohl sie wusste, dass dies wahrscheinlich nichts brachte. Hinzu kamen quälende Vorwürfe, die damit zusammenhingen, dass sie ihn überhaupt in die Nähe dieser seltsamen Vogelscheuche hatte gehen lassen. Sie hätte ihn einfach davon abhalten und mit sich zerren sollen. Ob Hans im Sterben lag? Sie versuchte, diesen schockierenden Gedanken sofort aus ihrem Kopf zu verdrängen. Dennoch konnte sie eine Sache nicht aus ihren Gedanken löschen. Hans brauchte Hilfe. Und zwar äußerst schnell.
Ein dritter Schlag gegen die Tür führte zu weiteren Rissen in der Holzfläche. Wer sich auch immer vor der Kabine befand, wusste, dass sich jemand darin aufhielt. Für wenige Sekunden vernahm Maki ein Geräusch, das wie das Fauchen eines Schweißbrenners klang. Mit klopfendem Herzen wich sie weiter zum Fenster zurück. Die Tür verfärbte sich. Sie nahm eine dunkle Brauntönung an, bevor sie ein verrottetes Schwarz überzog. Der darauf folgende Schlag brachte die Tür zum Zerbersten. Gammlige Holzstücke schleuderten in die Kabine.
Vom Türrahmen aus starrten sie drei scheußliche Augenpaare an. Wie krankhafte Knopfaugen saßen sie tief in dunklen Augenhöhlen. Scheußliche Münder öffneten sich und gaben den Blick frei auf Reihen spitzer Zähne. Die hellgrüne Haut unterstrich zusätzlich das alptraumhafte Aussehen dieser Kreaturen. Erst vor wenigen Minuten hatte Maki einen von ihnen tot im Aufzug gesehen. Ohne Gesicht. Im Nachhinein stellte sich dies als Segen heraus. Denn ihre Fratzen entsprangen regelrechten Urängsten und schienen zu nichts anderem gedacht, als andere Lebewesen in Panik zu versetzen.
Die drei Ungeheuer drängten sich durch den Türrahmen. Jeder von ihnen trug einen eigenartigen Stab mit sich. Vor dem Bett schulterten sie diesen mit ledernen Bändern und begannen, Hans aus dem Bettzeug zu wickeln.
Maki löste sich abrupt aus ihrer Starre. Sie machte einen Schritt nach vorne und schlug mit dem Golfschläger auf den Boden. »Laßt das! Haut gefälligst wieder ab!«
Die Wesen gaben ein unverständliches Gurgeln von sich. Einer dieser Kobolde sprang plötzlich auf sie zu. Maki wich zur Seite und vollführte dabei einen heftigen Schwung mit dem Golfschläger. Dieser traf das Wesen mitten ins Gesicht. Die Wucht des Schlages schleuderte es gegen die Wand und dann zu Boden. Maki würgte. Der Kopf des Kobolds lehnte gegen die Wand, während sein restlicher Körper merkwürdig verrenkt am Deck lag. Sein rechtes Auge trat hervor und drohte, jederzeit herauszufallen. Blut troff aus seinem Mund und zeichnete bizarre Linien auf seine Brust.
Indessen zerrten die beiden übrigen Wesen Hans vom Bett. Hinter Maki splitterte Glas. Eine weitere dieser häßlichen Kreaturen lugte durch das Fenster und verzog ihren Mund zu einem grotesken Grinsen. Es machte Anstalten, in die Kabine zu klettern.
Als Maki wieder zu den anderen beiden sah, schrie sie erschreckt auf. Hans war verschwunden und mit ihm jene beiden Alptraumwesen.
Sie konnten noch nicht weit sein.
Gerade als Maki durch die Tür treten wollte, schnitt ihr völlig unerwartet eine der beiden Kobolde den Weg ab. Erschreckt machte Maki ein paar Schritte zurück. Hinter ihr stand noch immer jenes andere Wesen, das zuvor durch das Fenster geklettert war. Maki umfasste den Golfschläger fester, während sie versuchte, beide Wesen nicht aus den Augen zu lassen.
Die Kreatur vor ihr zielte mit ihrem Stab auf sie.
Was es auch immer damit auf sich hatte, es konnte nichts Gutes bedeuten. Erneut spürte Maki so etwas wie Verzweiflung in sich aufkommen. Ihre Lage schien völlig aussichtslos. Doch immerhin hatte sie es geschafft, einen von ihnen außer Gefecht zu setzen. Vielleicht klappte dies ja auch ein zweites Mal. Sie hob den Schläger und startete zum Angriff.
Ein greller Strahl schoss durch die Kabine.

13

Während Tubb durch den Flur hetzte, spürte er, wie der Boden unter seinen Füßen schwankte. Point Zero bereitete die Expedition auf ihre letzte Reise vor. Wie auch immer diese aussehen mochte. Das Quietschen und Knarren von Metall, das sich anhörte, als würde das Schiff durch eine immense Kraft auseinandergerissen werden, schienen diese Vermutung zu belegen. Tubb konnte nur raten, durch was dieses starke Schwanken ausgelöst wurde. Er hoffte inständig, dass er mit seinen Gedanken falsch lag. Denn ansonsten würde dies bedeuten, dass sie keine Chance mehr hatten, von Bord zu kommen. Als Erstes galt es allerdings, Maki und Hans zu finden. Solange beide nicht wieder bei ihm waren, würde er die Expedition nicht verlassen.
Hinter ihm rannte Richards. Er versuchte, Tubb aufzuhalten, da dieser unbewaffnet war. Richards wusste von John Arnold, dass Frederic Tubb es ablehnte, Waffen jeglicher Art auch nur anzufassen. Tubb als Pazifisten zu bezeichnen, erschien ihm jedoch als zu übertrieben. Seine Zusammenarbeit mit der LOGE gliche ansonsten einem regelrechten Paradoxon. Was ihn aber am meisten erstaunte lag in der Tatsache, dass dieser schlanke, hohlwangige Mann einen solchen Zahn drauf hatte.
Frederic Tubb blieb wie angewurzelt vor einer der offenen Kabinen stehen. Die Tür fehlte. Stattdessen lagen modrige Holzstücke über dem Teppichboden verteilt. Keinen Meter von der Kabine entfernt befanden sich die Reste eines seltsamen Relikts, das aus zwei Stangen, einem Umhang und einem abgetrennten pferdeähnlichen Kopf bestand. Beim Blick in die Kabine überzog ein Schauer seinen Rücken. Sein Herz blieb für einen Moment stehen, als er das Chaos und das viele Blut in der Kabine sah. Tubb zählte zwei Wesen, die regungslos in größer werdenden Blutlachen lagen. Zwischen beiden befand sich eine Mumie, deren Körper an verschiedenen Stellen aufgesprungen war.
»Mein Gott, was ist denn hier passiert?« Richards ließ seinen Blick verwundert durch den Raum schweifen.
Tubb starrte angespannt auf die Mumie, deren Kopf von schwarzen Haaren umgeben war. Er trat über die Schwelle und kniete sich neben sie hin.
»Eines muss man Ihren Leuten lassen, Tubb. Sie wissen, was zu tun ist.« John Arnold war von dem Spurt ziemlich außer Atem.
»Jemand hat hier eindeutig unsere Arbeit erledigt«, bemerkte Richards. »Gibt es hier etwa noch einen Profi an Bord?«
»Die Mumie …« Mark Ranger bebte am ganzen Körper.
Tubb erhob sich. »Ist eine von denen. Wenn Hans noch immer nicht bei Bewusstsein ist, dann muss Maki alleine hier gewütet haben. Diese Kreatur hat einen Strahl abbekommen. Die andere hier an der Wand scheint Bekanntschaft mit dem blutigen Golfschläger gemacht zu haben, der auf dem Bett liegt. Und dieser Kobold am Fußende des Bettes scheint sogar noch größere Bekanntschaft damit gemacht zu haben. Außerdem fehlt ihm sein Stab.«
Arnold fuhr überrascht herum. »Mein Gott, Tubb, jetzt sind Sie aber pervers.«
»Ich meine, seine Waffe, Arnold. Die anderen beiden besitzen sie noch.«
Richards trat an eine der Leichen und hob das schwarze Gerät auf. Es besaß die Form eines Miniaturwurfspeers. Seine Oberfläche verzierten spiralförmige Muster. Genau in der Mitte befand sich ein runder Knopf. Richards streckte die Waffe von sich und presste seinen Daumen darauf. Ein greller Strahl zischte durch die Kabine und traf den Fensterrahmen, der sofort zu rosten begann.
»So langsam sollten wir sie vielleicht mit ihren eigenen Waffen schlagen.«
John Arnold hob den zweiten Stab auf. »Sie sagen es, Richards.«
»Bleibt noch die Frage, wo sich Maki und Hans befinden.« Tubb öffnete den Wandschrank, fand jedoch nur Kleidungsstücke und Golfschläger vor.
»Alleine kann Mrs. Asakawa Mr. Schmeißer nicht weggetragen haben«, überlegte Mark. »Sie hatte bereits große Mühe, ihn zusammen mit mir auf das Bett zu legen.«
»Vielleicht wurde dieser Mr. Schmeißer von den Kreaturen weggetragen«, meldete sich Julia zu Wort. »So etwas ist auch hier an Bord geschehen. Die Kobolde haben sich diejenigen geschnappt, die von den Vogelscheuchen hypnotisiert worden waren, und haben sie weggeschleppt.«
»Wenn das zutrifft, dann ist Maki ihnen höchstwahrscheinlich gefolgt«, erwiderte Tubb. »Möglicherweise sind sie sogar von Bord gegangen.«
»Von Bord? Wohin sollen sie denn gegangen sein?« Caidin breitete seine Arme aus, so als wollte er das gesamte Schiff umarmen.
»Ich schätze, auf den Würfel«, sagte Richards. Er stand am Fenster und beugte sich über den Rahmen nach draußen. »Falls es Sie interessiert, wir befinden uns nicht mehr im Wasser, sondern hängen irgendwie in der Luft.«
»Das erklärt mindestens die Geräusche«, sagte Tubb. »Das Anheben belastet das Schiff ungemein.«
»Genau, wie ich gesagt habe«, jammerte Caidin. »Wir werden es nicht mehr schaffen, von Bord zu kommen. Tubb hat uns alle in diese dämliche Sache hineingeritten. Wir werden alle sterben.«
Richards beugte sich zurück. »Ich bin eher dafür, dem ganzen Treiben ein Ende zu bereiten. Ich habe soeben Ihre Lady da unten gesehen, Mr. Tubb. Und auch ein paar dieser grünen Typen. Wenn die es geschafft haben, dann schaffen wir es auch.«
Sofort trat Tubb ans Fenster und schaute hinunter. Zunächst erkannte er nur dreißig Meter Schiffsrumpf und etwas Wasser. Als das Schiff wieder zurückschwankte, erhaschte er einen Blick auf einen Teil der Würfeloberfläche. In der Tat lief dort unten Maki Asakawa herum. Allerdings trug sie nicht mehr die blaue Uniform, die ihr zu groß gewesen war, sondern irgendein weißes Kleid. Von den Kobolden sah er allerdings nichts. Er schätzte, dass der Schiffsrumpf etwa fünf Meter über dem Würfel hing. »Also los, suchen wir den Ausgang.«
Richards warf den schwarzen Stab einem seiner Männer zu. »Ich kann mir bereits denken, wo sich dieser befindet. Folgen Sie mir einfach.«

14

Maki lief barfuß über die Oberfläche des Würfels. Der Boden fühlte sich rauh an, war zugleich aber auch weich und glitschig. Die Stöckelschuhe hatten sie jedenfalls nur behindert. Die Würfeloberfläche wurde in der Mitte von einem kreisrunden Loch unterbrochen, dessen Durchmesser Maki auf ungefähr fünfzig Meter schätzte. Zuvor hatte sie einen kurzen Blick hineingeworfen, war aber sofort wieder zurückgeschreckt. Das Loch bildete die Öffnung zu einem Schacht, der kerzengerade in eine unendliche Tiefe führte. An den Schachtwänden glühten kleine Lichter. Sie waren ringförmig angeordnet und setzten sich in regelmäßigen Abständen bis ins Unermessliche fort.
Nur wenige Meter über ihr schwankte das gewaltige Passagierschiff wie ein Uhrenpendel hin und her. Die Expedition hing an vier Ketten, die am Bug und Heck sowie an beiden Seiten mithilfe von riesigen Haken befestigt waren.
Erschreckend leicht hatte es Maki geschafft, ihre Gegner in der Kabine zu überwältigen, zumal der Kobold, der vor ihr gestanden hatte, sie mit dem Strahl verfehlt und seinen Mitstreiter getroffen hatte. Bevor sich das Wesen von seiner Verblüffung erholen honnte, hatte sie selbst die Initiative ergriffen und ihm eines mit dem Golfschläger verpasst. Möglicherweise war sie dabei etwas zu rabiat vorgegangen. Zumindest besaß sie nun eine der Strahlenwaffen. Allerdings hatte sie diese bisher noch nicht verwendet. Möglicherweise hätte sie Hans nicht bis auf die Würfeloberfläche folgen zu brauchen, wenn sie es getan hätte. Doch die Gefahr hatte darin bestanden, damit Hans zu treffen und ihn somit in eine Mumie zu transformieren. So war sie den Kobolden lieber durch das Schiff bis auf die glitschige Oberfläche des Würfels gefolgt, in der Hoffnung, eine Chance zu erhalten, Hans zu befreien.
Die hellgrünen Kreaturen schienen kein Interesse daran zu haben, Maki auf irgendeine Art und Weise los zu werden. Entweder nahm sie das Tragen des menschlichen Körpers zu sehr in Anspruch oder sie fühlten sich bereits wie die Gewinner eines Spiels, dessen Regeln nur sie alleine verstanden. Selbst hier an der Oberfläche des Würfels, wo es nicht die geringste Deckung gab und Maki wie auf dem Präsentierteller hinter ihnen herlief, drehte sich keiner von ihnen um, um ihr eine Strahlenladung zu verpassen. Der Abstand zwischen ihr und den Kobolden betrug etwa dreißig Meter. Trotz ihrer kleinen Statur und der Last, die sie mit sich schleppten, besaßen sie eine so hohe Geschwindigkeit, die es Maki unmöglich machte, aufzuholen.
Auf einmal blieben die drei Wesen stehen.
Auch Maki hielt an, um zu beobachten, was weiter geschehen würde.
Direkt vor den Kreaturen öffnete sich eine sperrige Bodenluke. Als sie eine senkrechte Position eingenommen hatte, hörte die Bewegung auf. Die Wesen traten in die entstandene Öffnung und verschwanden darin. Darauf begann die Luke, sich zu senken.
Sofort rannte Maki los, um zu versuchen, den Spalt noch zu erreichen, bevor sich dieser wieder schließen würde. Die Bodenplatte hatte gerade einen Winkel von fünfundvierzig Grad unterschritten, als Maki die Stelle erreichte und hindurchschlüpfte. Vor ihr führten mehrere Stufen in die Tiefe. Sie stieg diese hinab und befand sich in einem weiten, grünlich schimmernden Raum, an dessen gegenüberliegenden Ende sich so etwas wie ein Fahrstuhl befand. Maki konnte gerade noch sehen, wie sich die glänzenden Schiebetüren schlossen.
»Langsam wird es Zeit, dieses Ding hier zu benutzen.« Sie hob den Stab an und drückte auf einen Knopf, der sich genau in ihrer Mitte befand. Sofort flammte ein heller Strahl quer durch den Raum. Er traf die Türen in der oberen Hälfte. Das Metall wurde trübe und rostig. Der Aufzug öffnete sich mit einem schmerzvollen Quietschen. Einer der Kreaturen beugte sich heraus und schaute sich erstaunt um. Maki feuerte ein zweites Mal. Das Monster sackte als Mumie in sich zusammen.
Sie vernahm gurgelnde Laute. Augenscheinlich schienen sich die beiden verbliebenen Kobolde zu beraten, was zu tun sei. Kurz darauf schossen zwei helle Strahlen aus der Türöffnung ungefähr in Makis Richtung. Maki beantwortete das Feuer nicht, da ein fehl geleiteter Strahl Hans treffen konnte. Erneutes Gurgeln. Sie sah, wie sich etwas in dem Fahrstuhl bewegte. Das Gurgeln wurde für einen Moment lauter, wirkte beinahe herrisch. Nach einer kurzen Pause trat eine weitere Kreatur vorsichtig aus dem Fahrstuhl. Sie hatte jedoch keine Zeit mehr, zu reagieren. Maki feuerte einen Strahl ab.
»Mumie Nummer Zwei.«
Aus dem Fahrstuhl drang ein Rumpeln an ihre Ohren. Der dritte Kobold erschien an der Tür. Doch dieser erwies sich als vorbereitet. Bevor er selbst nach außen trat, feuerte er mehrere Strahlen ab, sodass Maki zur Seite springen musste, um nicht getroffen zu werden. Als sie sich wieder aufrichtete, stand das Wesen bereits mitten im Raum und starrte mit einem bösartigen Grinsen in ihre Augen. Ein Gurgeln entrang sich seiner Kehle. Es legte seine Waffe an.
Maki zielte ebenfalls. Sie war unwahrscheinlich wütend. Zum einen auf sich selbst und zum anderen auf Hans, der sie überhaupt in diese Situation gebracht hatte. Es musste wirklich ein Wunder geschehen, damit sie lebend zurück an die Oberfläche des Würfels kam. Sie hätte auf Tubb und Arnold warten sollen. Dann stünde sie jetzt nicht hier mit der Gewissheit, innerhalb kürzester Zeit in eine Mumie verwandelt zu werden.
Maki und die Kreatur feuerten gleichzeitig ihre Waffen ab. Die Strahlen trafen aufeinander und lösten dadurch eine grelle Lichtexplosion aus. Reflexartig warf Maki den Stab auf den Boden, und dies keine Sekunde zu spät. Die Explosion setzte sich rasend schnell in beide Richtungen fort. Der Stab wurde herumgeschleudert und zersprengte in mehrere Stücke.
Die Kreatur starrte ungläubig auf das Geschehen und vergaß dabei, seine Waffe wegzuschmeißen. Die Explosion erfasste den Stab, der in seinen Händen zerplatzte. Grelles Licht strömte darauf über seinen Körper, der regelrecht durchgeschüttelt wurde, bevor er auseinanderriss.
Maki nahm sich nicht die Zeit, sich auszuruhen. Ihre düsteren Gedanken von vorhin waren mit einem Mal verfolgen. Sie lief durch den Raum und trat in den Aufzug. Hans lag dort auf einer Bare. Als sie ihn sah, verflog ihre Erleichterung genau so schnell, wie sie gekommen war. Seine Gesichtszüge wirkten eingefallen. Sie bekam den Eindruck nicht los, als befände sich kein bisschen Leben mehr in ihm. Als sie seine Stirn berührte, fühlte sich diese wie die Innenwand eines Kühlschranks an. Sie kämpfte mit den Tränen.
»Halte einfach nur durch. Wenn du es schaffst, dann verrate ich dir endlich, weswegen ich damals an diesem dämlichen Miss-Tokyo-Wettbewerb teilgenommen habe.« Sie stellte sich vor die Bare und umfasste die Griffe. Kaum hatte sie dies getan, als sich diese wie von Geisterhand anhob und mitten in der Luft schwebte. »Da kannst du von Glück reden. Ich hätte dich nämlich sonst einfach hier liegen lassen.«
Maki steuerte die Bare aus dem Aufzug und durch den Raum. Bei den Stufen stellte sich ein neues Problem. Die Bodenluke hatte sich wieder verschlossen. So wie es aussah, würde Maki sie sicherlich nicht aufstemmen können. Kaum aber hatte sie die erste Stufe erreicht, vernahm sie ein leises Summen. Die Luke öffnete sich schwerfällig.

15

John Arnold strafte Richards mit einem finsteren Blick. »Wenn ich das nächste Mal wissen möchte, wo sich der Ausgang befindet, dann frage ich lieber gleich meine Großmutter!«
Richards beugte sich verlegen über die Reling, an der die Kletterhaken hingen, mit deren Hilfe sie an Bord der Expedition gekommen waren. Die Seile reichten nicht bis zur Oberfläche des Würfels, sondern endeten genau am Rumpf des Schiffes, das hieß also fünf Meter darüber.
»Wir werden uns alle Knochen brechen, wenn wir da hinunterklettern«, jammerte Caidin, der sich verzweifelt an den Kopf griff.
»Aber wie hat es dann Maki geschafft, da hinunterzukommen? Irgendwie muss es doch klappen.« Was Tubb allerdings wunderte, hing damit zusammen, dass Maki nirgendwo zu sehen war. Ob sie sich in dem Schacht versteckte? Er hoffte nicht. Denn seit sie sich wieder an der Reling befanden, erfüllte ein mysteriöses Rauschen Point Zero, dessen Ursprung eindeutig innerhalb des Schachts lag. Er beugte sich etwas vor und erkannte hinter dem linken Rand des Würfels den Bug der Argo. Wenn der Mechanismus mit der Expedition fertig war, würde er sich höchstwahrscheinlich Arnolds Flaggschiff vorknöpfen. Die Chancen, lebend aus Point Zero herauszukommen, lagen demnach fast bei null. Richards hatte recht. Sie sollten endlich einmal beginnen, den Mechanismus und seine sonderbaren Bewohner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Zuerst mussten sie so schnell wie möglich das Passagierschiff verlassen. Tubb war sicher, dass es nicht mehr lange existieren würde. Die Lampen, die in dem Schacht glühten, erstrahlten inzwischen in einem roten Licht. Im Normalfall bedeutete dies nichts Gutes.
Tubb umfasste eines der Seile und kletterte über die Reling.
»Was machen Sie da, Tubb?« Arnold packte ihn am Arm, um ihn zurückzuhalten.
»Von mir aus können Sie hier weiter stehen bleiben und herumdiskutieren«, erwiderte Tubb. »Vielleicht aber überlegen Sie es sich ja auch noch, wenn Sie einen Blick in den Schacht werfen.«
Das Heulen einer Sirene erfüllte plötzlich den gesamten Mechanismus. Darunter mischte sich der warnende Klang einer Glocke.
Tubb hing bereits am Seil. »Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren!«
»Verdammt nochmal!« fluchte Arnold. »Also gut, Leute, die Seile runter, und zwar schnell!«
»Aber was ist mit Herb Steward?« Julia Gibson sah aus, als wollte sie sofort wieder ins Innere des Schiffes verschwinden.
Richards legte seine Hand auf ihre Schulter. »Sie müssen von Bord, Miss. Sie haben doch selbst gesehen, was geschehen ist. Ich glaube nicht, dass es außer Ihnen noch weitere Überlebende gibt.«
Julia zögerte einige Sekunden, in denen Arnold der festen Überzeugung war, dass sie tatsächlich zurück ins Schiff laufen würde. Doch schließlich packte sie zu seiner Erleichterung das Seil und folgte Tubb in die Tiefe.
Während Tubb das Seil hinunter kletterte, beobachtete er zwei seltsame Phänomene. Zum einen betraf dies den Schacht, in dessem Inneren eigenartige optische Effekte auftraten, zum anderen eine sich öffnende Bodenluke an der Oberfläche des Würfels, aus der Maki Asakawa trat und eine Bare vor sich herschob. Die optischen Effekte führten dazu, dass der Schacht sich ständig dehnte und zusammenzog, wobei die roten Lichter verschwammen und wieder an Klarheit gewannen.
Tubb beschleunigte seine Kletteraktion, bis er schließlich am losen Ende baumelte. Jetzt oder nie, dachte er. Er ließ los und stürzte fünf Meter hinab, bevor er auf der Oberfläche des Würfels aufschlug.
»Und lebt er noch?« fragte Arnold, der bei Tubbs Sturz weggeblickt hatte.
»Putz und munter!« Richards grinste über das ganze Gesicht. »Er scheint sich nicht mal etwas verstaucht zu haben.«
»Dann komme ich als Nächster«, drängelte sich Lyon Caidin nach vorne.
John Arnold hielt ihn an der Schulter fest. »Caidin, Sie Jammerlappen, Sie kommen ganz zum Schluss. Verstanden?«
Durch den weichen Boden war Tubbs Landung relativ sanft ausgefallen. Er schaute zur Reling empor und winkte den anderen zu, als Zeichen, dass es ihm gut ging. Dann lief er Maki entgegen.
Sie sah ziemlich mitgenommen aus. Ihr weißes Kleid, das mit schwarzen Punkten übersäht war, verunzierten dunkle Blutflecke. Sie lief barfuss. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass die Bare mitten in der Luft schwebte.
Maki ließ die Griffe los und eilte auf Tubb zu. Die Trage sank sanft zu Boden. »Wenn man dich braucht, bist du nicht da! Ich hab die ganze Arbeit alleine machen müssen! Außerdem, was ist hier überhaupt los? Dieser Lärm ist ja unerträglich!« Sie wollte Tubb umarmen, stockte aber in ihrer Bewegung.
Tubb tat so, als hätte er ihre Geste nicht bemerkt. »Wir müssen so schnell wie möglich von hier verschwinden. Ich glaube, das Schiff wird gleich in den Schacht hineingezogen. Du siehst schrecklich aus. Wie geht es überhaupt Hans?« Er ging an ihr vorbei zur Bare. Hans sah in der Tat schlimm aus. Einer der Soldaten hatte sich den Pferdekopf auf den Rücken geschnallt. Vielleicht fanden sie heraus, wie die Vogelscheuche funktionierte. Er machte sich allerdings keine große Hoffnungen. Bisher hatten sie es nicht einmal ansatzweise geschafft, hinter die Funktionsweisen der prähumanen Technik zu kommen.
»An Komplimenten hat es dir noch nie gemangelt, was? Und danke der Nachfrage, mir geht es ziemlich beschissen. Hans übrigens auch. Er muss sofort untersucht werden. Was soll das überhaupt, dass das Schiff in den Schacht gezogen wird?«
»Im Innern baut sich eine Singularität auf. Sie wird das Schiff zu dem machen, was Ranger uns auf seinen Fotos gezeigt hat. Wahrscheinlich werden durch diesen Prozess wichtige Schiffselemente entfernt. Wir müssen auf jeden Fall den Würfel verlassen. Wie bist du überhaupt von der Expedition gekommen?«
»Die kleinen grünen Männchen haben mit ihren Strahlen ein Loch in den Kielraum gebohrt. Dort bin ich hinaus. Aber du willst natürlich allen imponieren und versuchst es auf die harte Tour.«
»Das war Richards Idee. Er meinte, das sei der einzige Weg von Bord. Ich bin nur als Erster hinuntergeklettert, da sich die anderen mal wieder in die Haare gekriegt haben.«
Aus dem Schacht hallte ein entsetzliches Fauchen. Der Rand verdunkelte sich.
»Ich störe Ihre Schmuseeinheit ja nur ungern, Tubb, aber wir sollten nun wirklich von hier fort.« John Arnold duckte sich erschrocken, als das Schiff über ihren Köpfen metallische Kreische ausstieß. »Ich hau jedenfalls ab.«
»Geh vor«, sagte Tubb. »Ich nehme die Bare.«
»Er muss sofort in die Krankenstation.«
Beide folgten Arnold. Lyon Caidin befand sich schon fast am Rand des Würfels. Julia Gibson und Richards begleiteten Tubb und Maki. Die Soldaten bildeten das Schlusslicht.
»Wenn wir an Bord sind, dann feuern Sie aus diesem Stab ein paar Ladungen gegen die Wände von Point Zero«, sagte Tubb.
»Wieso nicht jetzt gleich?«
»Ich denke, es ist besser, wenn wir bereit zum Ablegen sind.«
Hinter ihnen dehnte sich die Expedition quietschend auseinander. Sie sah aus wie eine Teigform, die zu Boden tropfte. Einzelne Teile brachen auseinander. Als Erstes wurde der Bug in den Schacht gezogen, während sich um ihn herum ein Wirbel aus Licht und Schatten bildete.
Die Mannschaft der Argo hatte inzwischen eine Gangway ausgefahren, deren anderes Ende auf der Würfeloberfläche ruhte. Caidin stolperte als Erster hinüber. Ihm folgten John Arnold und Mark Ranger, bevor schließlich Frederic Tubb und Maki die Gangway passierten. Als auch Richards und Julia sowie die verbliebenen Soldaten das Deck erreicht hatten, wurde die Gangway wieder eingefahren.
»Bericht, Captain!« rief Arnold.
Der Kapitän salutierte. »Wir haben uns erfolgreich gegen grüne Wesen verteidigt, Sir. Alles wieder unter Kontrolle.«
»Sehr gut. Dann machen Sie die Maschinen klar, wir machen uns auf den Heimweg.«
Der Kapitän schaute verdutzt. »Sir, die Maschinen funktionieren nicht, seit wir hier drinnen sind.«
»Hoffentlich wird sich das gleich ändern.«
Die Expedition drehte sich um die eigene Achse. Sie besaß das Aussehen eines schmelzenden Eiswürfels. Mehr und mehr Trümmer stürzten in den Schacht.
»Die Wände, haben Sie gesagt, Mr. Tubb?« vergewisserte sich Richards noch einmal.
»Feuern Sie einfach drauflos.«
Richards legte den Stab an und betätigte den Knopf. Der helle Strahl traf eines der Zahnräder. Es hörte auf, sich zu bewegen, und begann augenblicklich, zu rosten. Nun ließ Richards den Strahl quer über die Wände streifen. »Das macht richtig Spaß!«
Überall zerfiel die Mechanik in ihre Einzelteile.
»Und zum Schluss noch einen Gruß nach oben«, rief Tubb.
Richards feuerte den Strahl direkt in die wabernde Dunkelheit.
Das Deck unter ihren Füssen erbebte.
Der Erste Offizier lief auf sie zu. »Sir, die Maschinen funktionieren wieder!«
»Haben wir noch ein paar Raketen auf Lager?« fragte Arnold.
Der Offizier nickte wohl wissend. »Geht in Ordnung, Sir.«
Im Hintergrund stürzten die Reste der Expedition auf die Würfeloberfläche. Das Sirenengeheul erstarb und mit ihm auch das nervende Läuten.
»Die Singularität wurde aufgehoben«, bemerkte Tubb. »Anscheinend wurde alles von dort oben gesteuert.«
»Dummerweise werden wir diesen Mechanismus nie verstehen«, meldete sich Caidin zu Wort. »Sie haben alles zerstört, Tubb. Uns bieten sich nun keine Möglichkeiten mehr, diese Maschine genauer zu untersuchen.«
»Wenn Sie wollen, dann bleiben Sie doch einfach hier, Caidin«, antwortete Tubb.
Dieser verzog sein Gesicht zu einer beleidigten Grimasse und wandte sich von den übrigen ab.
Der Greifarm hatte zwar ein paar der Waffensysteme an Bord der Argo zerstört. Zum Glück aber nicht alle. So war der Raketenwerfer noch voll einsatzfähig. Von der Kommandozentrale aus positionierte der Erste Offizier ihn auf die Wand vor dem Bug. Nach wenigen Sekunden schossen zwei Missiles darauf zu. Die darauf folgende Detonation sprengte ein gewaltiges Loch in den Mechanismus. Helles Tageslicht strömte herein. Als Nebeneffekt bildeten sich unerwartet Risse in den übrigen Wänden, die dazu führten, dass die seltsamen Apparaturen auseinanderfielen und wie surreale Hagelkörner auf das Wasser und auf das Deck der Argo schlugen.
»Bringen Sie die Motoren zum Heulen«, rief Arnold.
Das Flaggschiff der LOGE setzte sich in Bewegung.

16

Vom Heck der Argo aus beobachtete Tubb, wie Point Zero in sich zusammenbrach. Die graubraunen Wolkenformationen hatten sich aufgelöst. Dies gab den Blick frei auf einen Giganten aus geschwärztem Stahl, dessen Form derjenigen des Wolkenwirbels entsprach. Die von Rissen durchzogenen Wände stürzten wie ein Kartenhaus zusammen, was zu gewaltigen Gischtfontänen führte. Ungern musste er Lyon Caidin recht geben. Es war ihnen unmöglich, die Funktionsweise von Point Zero zu ergründen. So würden sie nie erfahren, was sich innerhalb jener wabernden Dunkelheit abgespielt hatte. Dass sich dort so etwas wie die Steuerzentrale befand, stand außer Frage. Aber wer brachte die einzelnen Elemente zum Funktionieren? Tubb glaubte nicht, dass die hellgrünen Wesen dafür verantwortlich waren. Diese verrichteten nur die einfachen Arbeiten. Hinter der Dunkelheit musste es andere gegeben haben. Auch blieb es ein Rätsel, wie die Singularität in dem Schacht zusammengekommen war und weswegen die Prähumanen einen solch komplizierten und schier unmöglichen Prozess verwendeten, um sich das zu hohlen, was sie von den Schiffen brauchten oder wollten. Tubb zerbrach sich den Kopf, fand jedoch keine Antwort auf seine Frage. War es pure Neugier? Bauten sie die Technik in ihre eigenne Errungenschaften ein? Entwickelten sie diese weiter?
Point Zero verschwand nun endgültig in der Tiefe des Ozeans. Dort, wo sich der Koloß zuvor noch befunden hatte, brodelte das Meer wie Wasser in einem Kochtopf. Bereits nach kurzer Zeit verflüchtigte sich der Schaumteppich. Von Point Zero blieb nichts als eine unglaubliche Erinnerung.

17

Hans öffnete langsam seine Augen. Er bekam das Gefühl nicht los, als würden Steine seine Lider beschweren. Um sich herum nahm er nur verschwommene Umrisse wahr. Nach und nach gewannen die Umrisse feste Konturen. Als er wieder klar sehen konnte, erkannte er als Erstes Maki, die sich über ihn beugte.
»Hast du mich etwa wach geküsst?« Seine Stimme besaß den Klang von Schmiergelpapier.
»Wenn ich das gemacht hätte, würdest du mich jetzt reihern sehen.«
Hans schaute sich um. »Wo bin ich überhaupt? Sind wir noch auf der Expedition
Maki setzte sich an den Bettrand. »Wir sind seit ein paar Tagen wieder in London. Das hier ist die Krankenstation im Zentralgebäude der LOGE. Du wurdest von dieser seltsamen Vogelscheuche hypnotisiert. Danach entführten dich kleine, grüne Männer und ich habe dich wieder von ihnen befreit.«
Hans richtete sich auf. Sein Kopf schmerzte etwas, aber es ging. »Du meinst solche wie diesen Typen, den wir im Fahrstuhl gefunden haben?«
»Genau dieselben.«
Hans grinste. »Und du hast mich befreit?«
»Eigentlich fand ich es ganz gut, dass du endlich weg warst. Aber irgendwie bekam ich dann doch ein schlechtes Gewissen. Vor ein paar Stunden haben zwei Ärzte deinen Kopf mit Laserstrahlen akupunktiert, da sie meinten, dass dies die Hypnose aufheben könnte. Sie nahmen an, deine Gehirnströme wären durch diese Hypnose verändert worden. Sie wollten mir nicht glauben, dass du eigentlich gar kein Hirn hast.«
»Wirklich, Maki, deine Witze sind noch schlechter als meine.«
Maki biss sich auf die Unterlippe. Nach einer kurzen Pause fragte sie vorsichtig: »Hast du wirklich gar nichts mitbekommen, als du dich in Hypnose befandest?«
»Du meinst, ob ich noch weiß, was du zu mir in der Kabine geschwafelt hast?«
Maki sprang erschrocken auf. »Du hast alles mitgekriegt?«
Hans klatschte erfreut in die Hände. »Keine Sorge. Das war nur ein Witz. Ich kann mich an gar nichts erinnern. Wieso? Gab es etwas Bestimmtes?«
Maki schüttelte ihren Kopf. »Nichts.«
»Wieso bist du dann so nervös?«
Verärgert setzte sie sich zurück an den Bettrand. »Ich bin icht nervös. Übrigens, du brauchst dich auch nicht dafür zu bedanken, dass ich dir das Leben gerettet habe. War ja nur eine reine Nebensache.«
»Dann vielen Dank dafür.«
»Keine Ursache.«
»Wo sind eigentlich die anderen?«
»Tubb und Arnold besprechen gerade etwas mit irgendwelchen Wissenschaftlern. Es geht, glaube ich, um Point Zero. Dieser Klotz ist übrigens im Meer versunken.«
»Und was ist mit Lyon Caidin und deinem Verehrer Mark Ranger?«
»Caidin befindet sich zum Glück bereits auf dem Flug nach New York. Wäre er auch nur eine Sekunde länger hier geblieben, dann hätte es bestimmt einen Mord gegeben. Und Mark Ranger … Wieso soll er mein Verehrer sein?«
»Blicke sagen mehr als tausend Worte.«
»Du bist so bescheuert, Hans. Außerdem würde das überhaupt nicht klappen. Ranger ist nämlich …«
»Schwul.«
Beide schauten überrascht zur Tür des Krankenzimmers, wo Mark Ranger am Türrahmen lehnte. »Sie müssen sich also keine Sorgen machen, dass ich Ihnen Ihre wunderbare Mrs. Asakawa wegnehmen werde.«
Für Maki war die Situation mehr als nur peinlich. »Es tut mir leid, Mr. Ranger. Hans ist …«
Mark winkte ab. »Schon in Ordnung. Ich wollte eigentlich nur vorbeischauen, um mich zu vergewissern, dass es Ihnen gut geht, Mr. Schmeißer. Außerdem wollte ich mich zugleich von Ihnen beiden verabschieden. Ich muss unbedingt ein Treffen mit den Mitgliedern meines Forschungsprojekts arrangieren. Die Begegnung mit Point Zero hat unsere ganzen Befunde in ein völlig anderes Licht gerückt. Aber sicherlich werden wir uns wieder einmal über den Weg laufen. Frederic Tubb will weiter mit mir zusammenarbeiten. Ach ja, und wundern Sie sich nicht, wenn demnächst Hochzeitsglocken läuten. Ich denke, Richards und Julia Gibson haben sich irgendwie gefunden.«
»Wer ist Julia Gibson?« fragte Hans erstaunt.
Maki klopfte ihm auf die Schulter. »Laß es gut sein. Du musst nicht alles wissen.«
»Also bis bald, Mr. Schmeißer. Kümmern Sie sich gut um Ihre Kollegin. Machen Sie es gut, Mrs. Asakawa. Wenn Sie Zeit haben, dann schreiben Sie mir doch einfach mal. Sie haben ja meine Adresse.«
»Wie bitte? Du hast …?«
»Das werde ich bestimmt einmal machen, Mr. Ranger. Bis bald.«
Nachdem Mark Ranger das Zimmer verlassen hatte, setzte sich Hans sofort auf. »Du hast … Du hast wirklich seine Adresse?«
»Der Arzt sagte, du sollst dich nicht aufregen.«
»Aber …!«
»Einfach tief durchatmen.«
»Willst du mich etwa jetzt auch hypnotisieren?«
»Ich denke, ein bisschen Schlaf wird dir sicher gut tun.«

Epilog

Maki Asakawa rührte gedankenverloren in ihrem Kaffee. Sie saß zusammen mit Frederic Tubb und John Arnold in Jims Coffee Shop.
Hans befand sich inzwischen bei seiner Mutter in Kiel. Er sollte sich dort für ein paar Wochen erholen. Was Maki ihm verschwiegen hatte, als er vor ein paar Tagen wieder zu sich gekommen war, bestand in der seltsamen Tatsache, dass sich auf der Fahrt zurück nach London grünliche Punkte auf seiner Haut gebildet hatten, die jedoch durch die Lasebehandlung wieder verschwunden waren. Die Ärzte duskutierten seitdem, was mit ihm geschehen wäre, wenn sie ihn nicht rechtzeitig von der Hypnose geheilt hätten.
John Arnold aß als einziger Kuchen zu seinem Kaffee. »Meine Vorgesetzten haben mir die Hölle heißgemacht. Ein Flugzeugträger und vier Kriegsschiffe komplett zerstört. Die Argo ein zusammengeflickter Haufen Schrott. Nachdem wir in Point Zero verschwunden sind, hat dieser Greifarm noch weiter gewütet. Der Mannschaft der New Century gelang es schließlich, der Maschine eine Rakete genau in sein rotes Auge zu feuern. Das hat ihm anscheinend nicht gefallen. Er ist auf der Stelle im Meer verschwunden. – Meine Güte, ich sollte öfters hier herkommen, der Kuchen ist wirklich gut.« Er schaute hinüber zur Kellnerin, die gerade Gläser spülte. Diese achtete jedoch nicht auf ihn.
Tubb trank einen Schluck Kaffee. »In dem Pferdekopf befindet sich ein Mechanismus, der mithilfe einer gelblichschleimigen Flüssigkeit in Gang gesetzt wird. John Wyndham, der die Untersuchung leitet, fand heraus, dass durch die Bewegung der Zahnräder und winzigen Kolben die Flüssigkeit zu leuchten beginnt. Er fand ebenfalls heraus, dass durch die Augen des Kopfes ein gewisser Rhythmus aus Licht und Schatten geleitet wird, was höchstwahrscheinlich dazu führt, dass die Betrachter äußerst schnell in Hypnose versetzt werden.«
Maki blickte auf. »Was heißt höchstwahrscheinlich? Hans befand sich doch unter Hypnose.«
Tubb nickte. »Das ist uns allen klar, Maki. Aber diese Methode erscheint äußerst wirkungsvoll und könnte sogar dazu benutzt werden, mehrere Menschen auf einmal in einen solchen Zustand zu versetzen.«
»Was die Situation an Bord der Expedition erklärt, die Julia Gibson geschildert hat.« Arnold spießte ein weiteres Stück Kuchen auf. »Was aber nicht die grünen Flecken erklärt, die sich zwischendurch auf seiner Haut gebildet haben.«
»Was aber wiederum das Vorhandensein dieser Kobolde erklärt«, konterte Tubb.
Arnold spuckte den Kuchen beinahe wieder aus. »Wollen Sie mich etwa auf den Arm nehmen?«
»Diese Vogelscheuchen hypnotisieren nicht nur Menschen, sondern transformieren sie gleichzeitig in diese Wesen.«
»Mrs. Asakawa, rufen Sie bitte einen Krankenwagen. Tubb sollte schleunigst eingeliefert werden.«
Maki griff Tubb an die Stirn. »Könnte in der Tat Fieber sein.«
»Aus welchem Grund sollte sich Hans sonst auf diese ungewöhnliche Art verändert haben?« erwiderte Tubb. »Er hat sich nirgendwo gestoßen und ist auch nicht verwundet worden. Es handelt sich also nicht um fremdartige Bakterien. Es muss mit dieser Strahlung zusammenhängen.«
Arnold fasste sich an die Stirn. »Leute, ich kriege Kopfschmerzen. Ich brauche unbedingt was Hochprozentiges.«
Die Eingangstür des Cafés öffnete sich. Herein trat Jim Benson, den Maki zu ihren besten Freunden zählte. Ihm gehörte der Laden. Sie hob sofort ihre Hand und schnippte mit den Fingern.
Jim schaute überrascht auf. »Maki! Was gibt’s? Du bist doch sonst nur vormittags hier.«
»Er will deine Spezialmischung.«
Jim betrachtete etwas verlegen ihre Begleiter. »Kommt sofort.«
»Um Gotteswillen«, fuhr Arnold fort, »erzählen Sie das bloß nicht diesem Caidin, wenn Sie ihn wieder einmal treffen sollten. Er würde sofort versuchen, Ihre Reputation endgültig in den Matsch zu treten.«
»Caidin«, schnaufte Tubb. »Ich hoffe, ihm wachsen schmerzhafte Furunkel auf seinem Hintern, wenn er wieder in den USA angekommen ist. Sie haben mir übrigens immer noch nicht meine Frage beantwortet. Wieso haben Sie ihn engagiert?«
Arnold lehnte sich etwas nach vorne. »Lyon Caidin hat Ihnen damals nicht die volle Wahrheit gesagt, Tubb.«
»Er erwähnte, dass er Paul Symmes’ frühere Assistentin getroffen habe.«
»Sicherlich traf er seine Assistentin. Und wissen Sie auch aus welchem Grund? Weil er früher einmal selbst als Assistent bei Symmes tätig gewesen war. Das muss so in den Siebzigern gewesen sein. Caidin wandte sich allerdings gegen ihn, indem er Symmes’ Forschungen bei Workshops und Kongressen ins Lächerliche zog. Sie werden es nicht glauben, aber er erhielt dadurch tatsächlich Unterstützung von anderen Wissenschaftlern, von denen einer ihn sogar anstellte.«
Tubb und Maki starrten John Arnold an, so als hätte er soeben einen ziemlich ungezogenen Witz von sich gegeben.
»Und wieso haben Sie das nicht schon früher gesagt?« fragte Maki.
»Das hätte doch alles nur verkompliziert.«
Tubb schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Verkompliziert? Ich denke, dass vielmehr Sie verkompliziert sind. Wir hätten Caidin in die Mangel nehmen können.«
John Arnold lachte auf. »Anscheinend kennen Sie Lyon Caidin nicht gut genug. Wenn er etwas nicht sagen will, dann sagt er es auch nicht. Es sei denn, es bringt ihm irgendwelche Vorteile.«
»Hier ist Ihr Bomber.« Jim stellte ein schmales Glas vor Arnold, das gefüllt war mit einer rotgrünen Flüssigkeit. »Sie sollten allerdings danach jemanden haben, der Sie nachhause bringt. – Ich glaube, Sie sind Mr. Tubb, habe ich recht?«
Tubb schüttelte Jims ausgestreckte Hand.
»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mr. Tubb. Maki schwärmt ja in den höchsten Tönen über Sie.«
»Danke. Nett, dass Sie das erwähnen.«
Maki schlug Jim hektisch gegen den Arm. »Du kannst wieder gehen, Jim.«
John Arnold kicherte. »Oh, da werden aber zwei Leute rot.«
»Hier wird niemand rot«, sagte Tubb. »Trinken Sie lieber nicht so viel von diesem Zeug.«
»Ich denke, er wird schon allein von dem Geruch betrunken.«
»Ist ja gut, ist ja gut«, wehrte Arnold ab. »Sagen Sie lieber, was Sie als Nächstes vorhaben.«
»Wir sind den Prähumanen nun schon zum dritten Mal begegnet, ohne dabei etwas Näheres über sie zu erfahren«, begann Tubb. »Deswegen sollten wir der Spur nachgehen, die Paul Symmes im Laufe seiner Forschungen eingeschlagen hat. Wir müssen herausfinden, woher er seine Quellen hat, woher überhaupt seine Informationen über eine prähumane Hyperzivilisation stammen. Ich weiß nicht, wohin uns das führen wird. Aber ich hoffe, dass wir endlich Antworten finden werden.«
»Wohin Sie das führen wird, Tubb? Nun, Symmes erwähnte in seinem Buch ja recht sonderbare Gegenden in Tibet. Gab es da nicht auch irgendetwas in New York?«
»Gewiss, es wird eine anstrengende Tour werden. Und sicherlich nicht ungefährlich.«
»Sie machen auch mit, Mrs. Asakawa?«
Maki nickte. »Jemand muss doch auf ihn aufpassen.«
»Gut, dann bin ich auch dabei. So zu sagen als Anstandsdame …«
Jim schaute hinter seiner Theke entsetzt auf, als er Makis lautes Geschimpfe vernahm.

Die Abenteuer von Frederic Tubb und seinem Team gehen weiter in

Prähuman Band 4

»Und es gibt sie doch«

Copyright © 2010 by Max Pechmann

 

© by 2010
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox