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Serien & Stories

Frederic Tubb ist Professor für rätselhafte Phänomene und Artefakte. Eines Tages bekommt er ein seltsames Telegramm. Darin steht, dass in Kambodscha eine merkwürdige Entdeckung gemacht wurde. Die Reste einer fremdartigen Stadt. Alter: 70 Millionen Jahre.
Kaum bekommt die Öffentlichkeit Wind von der ganzen Sache, gerät Frederic Tubb in Kontakt mit merkwürdigen Personen, die versuchen, ihn von seiner weiteren Forschung abzuhalten. Doch Frederic lässt nicht locker. Weitere Entdeckungen werden gemacht, die Aufschluss darüber geben, dass vor unserer Zeit eine hypermoderne Kultur existiert hat. Waren es Außerirdische? Wer sind die Leute, die versuchen, Frederic Tubb von seinen weiteren Forschungen abzuhalten?
Frederic Tubb macht sich zusammen mit seinen Mitarbeitern Maki Asakawa und Hans Schmeißer daran, das Rätsel der Hyperzivilisation zu lösen. Dabei stößt er auf merkwürdige Vorkommnisse und bizarre Situationen.

Angriff der Anderen

Prolog

Clark Smith hatte einmal gehört, dass die Kanalisation Londons auf das Jahr 1858 zurückzuführen sei. In irgendeiner Sendung im Fernsehen hatte er das aufgegabelt. Wahrscheinlich bei einer dieser elendigen Quizsendungen, die sich seine Frau täglich anschaute. Der Sommer jenes Jahres sei in die Geschichte Londons unter der Bezeichnung »Der große Gestank« eingegangen. Damals verliefen die Abwasserkanäle noch oberirdisch. Die Hitze hatte angeblich dazu geführt, dass die ganze Scheiße nicht mehr abfloss, sondern mitten in den Straßen vor sich hin gammelte. Merkwürdigerweise konnte sich Smith sogar noch an den Namen des Mannes erinnern, der die Kanalisation im Auftrag der Regierung baute. Joseph William Bazalgette.
»Verdammter Hurensohn«, fluchte Smith. »Ohne dich wäre ich jetzt nicht hier unten.«
Es war der 25. Oktober. Sonntag. Die Überwachungssysteme der Kanalisation hatten in der Nähe des Towers eine Störung gemeldet. Kurz darauf stürzte das Computersystem ab. Smith saß gerade mit seiner Frau beim Frühstück, als das Telefon klingelte.
»Für dich«, hatte Pamela gesagt und ihm den Hörer hingehalten.
Eine halbe Stunde später hatte ihn sein Kollege Simon Hardt mit dem Arbeitswagen abgeholt.
Ungefähr an der Stelle, an der sich die Störung befinden sollte, hatten sie den Kanaldeckel geöffnet und Mr. Buck, ihren Kanalroboter, den Schacht hinuntergelassen. Die Videoübertragung funktionierte einwandfrei. Doch eine Minute später brach der Kontakt ab. Also zogen sie die Kabel wieder ein, nur um feststellen zu müssen, dass Mr. Buck fehlte. An der Stelle, an der sich dieser dämliche Roboter befinden sollte, blickten sie auf durchgetrennte Kabel.
»Etwas Scharfes?«, hatte Simon Hardt vermutet. Allerdings gehörte Hardt nicht gerade zu den Hellsten. Wie konnte »etwas Scharfes« zwei Kabel, die beide jeweils vier Zentimeter dick waren, einfach so durchtrennen?
Clark Smith beleuchtete mit seiner Stablampe die feuchten Ziegelwände des Kanals. Die Lampe auf seinem Helm spendete noch zusätzliche Helligkeit in diesem urbanen Darmtrakt. Hinter ihm stand Hardt. Normalerweise sollte immer einer von beiden oben bleiben, um auf den offenen Schacht aufzupassen. Doch dieses Mal pfiff Smith auf die Regelung. Die Sache erschien ihm etwas zu unheimlich.
»Hier irgendwo muss Mr. Buck gewesen sein«, schätzte Smith. Er betrachtete den schmalen Steg, auf dem sie entlang schritten, während neben ihnen Londons Fäkalien vorbeirauschten.
Von Mr. Buck war nichts zu sehen.
»Gehen wir weiter«, raunte Smith. Ihm stieg beinahe die Galle hoch bei dem Gedanken, von seinem Vorgesetzten wegen des Verlusts von Mr. Buck zusammengeschissen zu werden. Sollte dieser Drecksack doch am Sonntagmorgen selbst in den Kanal steigen.
Smith stoppte so abrupt, dass Hardt gegen ihn prallte.
»Was ist?«, fragte sein Kollege.
»Psst!« machte Smith und hob dabei seine rechte Hand. »Hast du etwa nichts gehört?«
»Was gehört?«
Bevor Smith antworten konnte, erklang das Geräusch wieder. Weiter vor ihnen, sodass das Licht ihrer Lampen nicht mehr hinreichte. Es klang wie ein Schaben. So, als würde jemand schweres Metall über den Boden zerren.
»Verdammte Scheiße«, fluchte Smith.
»Was war das?«
»Seh ich so aus, als wüsste ich es?«
Erneut hallte das Schaben durch den fast zweihundert Jahre alten Kanal. Ganz vorne bewegte sich etwas.
»Ach du heilige …« Auf einmal erlosch das Licht ihrer Lampen.
»Wir müssen zurück!« Smith erkannte den Klang seiner eigenen Stimme nicht mehr.
»Aber es ist stockdunkel!«
»Taste dich an der Wand entlang! Und beeil dich, verdammt!«
Die alten Ziegelsteine fühlten sich schmierig an. Simon Hardt hatte für seine Verhältnisse ein irrsinniges Tempo drauf. Trotzdem kam es Smith so vor, als würden sie auf der Stelle treten.
Endlich erkannte er trübes Licht, das wie ein Zeichen Gottes senkrecht von oben herabfiel. Der Schacht!
Zugleich vernahm er das metallische Schaben direkt hinter sich. Er spürte, wie seine Knie weich wie Pudding wurden.
Smith wollte schreien. Doch dazu kam er nicht mehr.

1

Das Autodach ragte wie ein großer Fels aus dem eiskalten Wasser des Flusses. Gerade zurrte ein Taucher die Ketten fest, mit denen ein Kran das Gefährt aus dem Wasser hieven sollte.
Dunkle Wolken trieben über einen trostlosen Dezemberhimmel. Es war vier Uhr nachmittags. Vor zwei Stunden hatte Tubb den Anruf erhalten, dass seine Frau einen tödlichen Unfall gehabt habe. Doch gab es da noch etwas. Robertson, der Polizist, der Tubb angerufen hatte, rang mit den Worten. Irgendetwas gab ihm Rätsel auf. Das Autodach wirkte ziemlich verrostet. Mehr konnte Frederic Tubb nicht erkennen.
Der Taucher machte per Handzeichen ein Signal, dass der Kranführer loslegen konnte. Die Ketten spannten sich und verursachten dabei ein Geräusch, als würde ein Gespenst durch ein Burgverlies rasseln. Daraufhin hob sich das Auto langsam aus dem strömenden Wasser. Die Polizei hatte Kathrins Leiche nirgendwo finden können. Tubbs Frau schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Robertson hatte ihn unsanft darauf hingewiesen, dass die Leiche aufgrund der Strömung bereits mehrere Kilometer weit weggetrieben sein konnte.
Das Auto schwebte nun beinahe zwei Meter über den Wellen. Erst jetzt erkannte Tubb, was den Polizisten so sehr verwirrte. Bei dem Wagen handelte es sich eindeutig um Kathrins Auto. Schon allein das Nummernschild ließ keine Zweifel offen. Das Problem war das Auto selbst. Der viele Rost und das aufgesprungene Aluminium gaben ihm das Aussehen, als wäre es seit mehr als zwanzig Jahren in dem Fluss gelegen …
Diese Erinnerungen gingen Frederic Tubb durch den Kopf, während John Stubbard stockend und holprig ein Referat über urbane Legenden hielt. In dem Sitzungsraum des Instituts für Kultur und Volkskunde der Universität von London befanden sich dreizehn weitere Studenten, die gelangweilt vor sich hin ins Leere starrten, während Stubbard nicht müde wurde, sie mit seinem schlecht vorbereiteten Vortrag zu quälen. Vor den Fenstern des Raumes herrschte ein tristes Novembergrau. Regentropfen hingen trostlos an den Scheiben.
Frederic Tubb schaute auf die Uhr am Ende des Raumes. Es war beinahe elf. Stubbard, dem seine Vorliebe für Burger durchaus anzusehen war, redete nun schon seit beinahe vierzig Minuten. Er studierte die brotlosen Fächer Philosophie und Geschichte. Aber genau das fand Tubb irgendwie sympathisch. Junge Leute, die sich nicht den ökonomischen Zwängen unterwarfen, sondern einfach das machten, wozu sie Lust hatten. Er kannte Jura- und Volkswirtschaftstudenten zur Genüge, sodass er wusste, dass die meisten von ihnen nur des Geldes wegen studierten. Von Interesse oder Wissen konnte keine Rede sein. Stubbard war ein Beispiel dafür, dass es auch noch so etwas wie Idealismus gab. Tubb selbst hatte Volkskunde und Parapsychologie studiert und deswegen von seinen Eltern tierisch eins aufs Dach bekommen. Mit was wolle er denn später sein Geld verdienen, hatte das häufigste Argument gelautet. Tubb wusste selbst nicht, was er mit diesen beiden Fächern später anfangen sollte. Die Themen interessierten ihn einfach. Erst in der Endphase seines Studiums ergab es sich, dass er die Weichen für eine akademische Laufbahn stellte. Frederic Tubb bezeichnete diesen Wendepunkt stets als seinen ersten Fall.
Beim nächsten Blick auf die Uhr war es zehn Minuten nach elf. Stubbard schien noch immer meilenweit von einem Ende entfernt zu sein. Er betete gerade die Thesen Jan Brunvands herunter, einem der Begründer der Erforschung urbaner Legenden.
Tubb überlegte, wieso Stubbard diese Thesen nicht an den Anfang seines Referats gestellt hatte, als auf einmal der Strom ausfiel.
Stubbard schien den plötzlichen Ausfall des Lichts zunächst gar nicht zu bemerken. Erst nach einigen Sekunden stockte er und rief: »Na nu?«
Mit verwirrten Augen blickte er auf Tubb und die Studenten.
Frederic Tubb hasste solche Situationen. Sie waren peinlich, da man beginnen musste, zu improvisieren. Meistens brachte dies eine große Unruhe unter den Studenten mit sich. Doch hier konnte man im Grunde genommen von Glück reden.
Tubb stand auf und sagte: »Vielen Dank für Ihr ausfürliches Referat, Mr. Stubbard.«
»Aber ich bin noch nicht zu Ende«, protestierte dieser.
Tubb winkte ab. »Macht nichts. Kommen Sie später in meine Sprechstunde. Dann können wir das Thema nochmals aufgreifen.« Damit wandte er sich an die Studenten und wollte auf die kommende Stunde hinweisen, als ein plötzliches Beben ihn beinahe von den Füßen warf. Er stolperte gegen die Tafel, während er beobachtete, wie der Overheadprojektor vom Tisch rutschte und klirrend auf dem Boden aufschlug.
Als sich Tubb wieder aufrichtete, bemerkte er, dass zwei der Studenten von ihren Stühlen gefallen waren und Stubbard verzweifelt seine am Boden verstreuten Aufzeichnungen einsammelte.
»Hat sich jemand von Ihnen verletzt?«, fragte Tubb.
»Es geht schon«, erwiderte Rose, die sich mit wackeligen Beinen vom Boden erhob. Sie gehörte zu denjeningen, die zum ersten Mal eine seiner Sitzungen besuchte.
Aus den Fluren drangen aufgeregte Stimmen in den Sitzungsraum. Leute liefen hin und her. Von der Straße ertönten entsetzte Schreie.
Im Nu packten die anwesenden Studenten ihre Taschen.
»Ich weiß nicht, was ihr denkt«, rief Jim Hall, »aber mich halten hier keine zehn Pferde.« Tubb wusste von Hans, dass Hall mehrmals versucht hatte, Makis Aufmerksamkeit in Form von öffentlichem Krafttraining auf sich zu ziehen. Nun eilte er durch den Raum, riss die Tür auf und verschwand in dem Gemänge, das sich auf dem Flur abspielte.
Tubb klatschte in die Hände. »Also gut, Leute. Lassen wir es für heute.« Er wusste einfach nicht, was er sonst noch hätte sagen sollen.
»Was sollte das eben gewesen sein?«, wollte Stubbard wissen, der endlich seine Notizen wieder beisammenhatte.
Frederic Tubb wollte gerade etwas erwidern, als ein erneutes Beben Stühle und Tische verrutschte und eines der Fenster zum Bersten brachte. Ein schweres, rostiges Quietschen ertönte. Im selben Moment stürzte der Raum in die Tiefe. Frederic Tubb, Stubbard und die übrigen Studenten wurden zu Boden geschleudert. Tubb kam sich vor wie in einem Fahrstuhl, der unerwartet abwärts raste. Aus dem Flur drangen panische Schreie. Mit einem heftigen Stoß endete der Sturz.
Frederic Tubb rappelte sich auf und wankte zum Fenster. Er traute seinen Augen nicht. Normalerweise befand sich der Sitzungsraum im dritten Stock. Als er nun hinausblickte, lag der Boden des Raumes auf fast derselben Ebene wie der vor dem Gebäude verlaufende Rasen. Menschen rannten hin und her, andere standen wie erstarrt und glotzten das Institutsgebäude an, so als hätte sich dieses soeben in ein riesiges Ungeheuer verwandelt.
Doch Tubb beobachtete noch etwas Unglaubliches. Wie aus dem Nichts schoss ein breiter, orangefarbener Strahl, der drei Studenten, die sich eilends von dem Gebäude entfernten, in den Rücken traf. Einer von ihnen drehte sich reflexartig um. Wie in Zeitraffer zerfiel sein Körper zu einem vertrockneten Etwas und sackte der Länge nach hin. Auf recht ähnliche Weise geschah dies mit den beiden anderen. Sie hatten sich von einem Moment auf den anderen in Mumien verwandelt.

2

Hans Schmeißer stand am Bahnsteig der Farringdon Station. Er war spät dran. In wenigen Minuten sollte ein Meeting mit Frederic Tubb und Maki Asakawa stattfinden. Aber einmal mehr hatte seine Mutter dafür gesorgt, dass er zu spät seine Wohnung verließ. Seine Mutter rief ihn jeden Mittwoch und Sonntag an. Meistens gerade im ungünstigsten Augenblick. Da er kein Handy besaß, konnte er nicht auf dem Weg in die Uni mit ihr telefonieren. Er haßte Handys. Vor ein paar Jahren hatte er einmal eines besessen. Doch das ständige Erreichbarsein ging ihm schon bald ziemlich auf die Nerven. Andere schienen ohne dieses Stück Plastik nicht mehr existieren zu können. Jedes Mal wenn Hans bekannt gab, dass er kein Handy besaß, starrten ihn seine Gesprächspartner an, als hätte er soeben behauptet, seinen besten Freund ermordet zu haben. Der Nachteil bestand in den langen Reden seiner Mutter. Doch das nahm Hans auf sich.
Seit dem Tod seines Vaters wohnte seine Mutter alleine in einer Vierzimmerwohnung in der Nähe von Kiel. Sie sorgte sich noch immer um ihn, so als wäre er nie über seine Kindheit hinausgekommen.
Hans ging auf dem Bahnsteig auf und ab. Es war kalt und regnete. Gleichzeitig spürte er eine innere Unruhe, da der nicht gerne unpünktlich bei solchen Meetings erschien. Frederic Tubb nahm es zwar recht locker, doch Verspätung war nun einmal Verspätung. Außerdem hasste es Hans, auf etwas zu warten. Für ihn musste immer alles gleich geschehen. Seine Ungeduld übertrug sich auch auf seine Arbeit. Er mochte keine langen Artikel, langes Gerede und schon gar keine Theorien, bei denen man sich erst tagelang den Kopf zerbrechen musste, bis man sie verstand.
Endlich ertönte das Signal für den einfahrenden Zug der Circle Line.
Hans hörte auf, herumzugehen. Wenige Sekunden später vernahm er das Schleifen und Quietschen des Zuges.
Plötzlich ertönten entsetzte Ausrufe.
Hans schaute auf. Er traute seinen Augen kaum. Was da auf Gleis Vier heranfuhr, schien wohl ein schlechter Scherz zu sein. Das Quietschen und Schleifen wurde langsamer. Schließlich stoppte dieses ominöse Gefährt mit einem erschöpften Zischen.
Hans wusste nicht, ob er lachen oder vor Schreck erstarren sollte. Einige der Leute, die ebenfalls auf dem Bahnsteig gewartet hatten, rannten schreiend davon. Der Zug, der soeben eingefahren war, glich einer seit Jahrzehnten vor sich hinrostenden Schrottlaube. Das Metall war völlig zerfressen, viele der Fensterscheiben entweder trüb angelaufen oder aus dem Rahmen gefallen. Ein schieres Grauen packte ihn jedoch, als er die Passagiere bemerkte. Sie saßen an den Fenstern oder standen im Mittelgang. Andere befanden sich bereits bei den Türen. Doch keiner von ihnen bewegte sich. Sie alle glichen unheimlichen Mumien, die in ihrer Alltagskleidung bestattet worden waren.
»Oh Scheiße«, flüsterte Hans. Gerade in diesem Moment hätte er gerne ein Handy gehabt.

3

Maki Asakawa saß in einem Café und beendete gerade ihr Frühstück, als ihr Handy summte. Sie hatte gestern von Frederic Tubb die Nachricht erhalten, dass sich ihr Treffen um eine Stunde verschieben würde. Danach hatte sie versucht, Hans anzurufen, ihn aber nicht erreicht. Schließlich war sie wie beinahe jeden Abend auf ihrer Wohnzimmercouch eingeschlafen und hatte die Mitteilung an Hans völlig vergessen. So war sie jedenfalls zu ihrem wöchentlichen Ritual gekommen, indem sie bei Jims Coffeeshop ein ordentliches Frühstück zu sich nahm. Ansonsten beschränkte sich ihre morgendliche Nahrungsaufnahme auf eine Tasse schwarzen Kaffee. Das Café gehörte Jim Benson, einem guten Freund von ihr. Er hatte mit ihr den Masterstudiengang in Volkskunde absolviert, danach allerdings vergeblich einen Job gesucht. Schließlich eröffnete er dieses Café, das in der Nähe einer U-Bahnstation lag und daher immer recht voll war. Gelegentlich setzte sich Jim zu ihr an den Tisch, um über alles Mögliche zu plaudern. Er gehörte zu den wenigen Männern, die nicht versuchten, sie herumzukriegen.
Auf dem Display des Handys stand keine Rufnummer. Sie seufzte, da sie schon ahnte, wer sie gerade anrief.
»Hallo, Hans«, sagte sie.
»Hal… Woher weißt du eigentlich, dass ich es bin?« Seine Stimme klang wie immer überaus nervös.
»Nur so geraten«, erwiderte sie. Sie hörte, wie er Münzen einwarf.
»Hör mal, Maki«, fuhr Hans fort, wobei sich seine Stimme beinahe überschlug, »ich bin gerade in einer Telefonzelle beim Farringdon-Bahnhof. Du wirst es nicht glauben, aber vorhin ist ein völlig verrosteter Zug der Circle Line eingefahren. Innen ist alles voller Mumien.«
»Und sonst hast du keine Probleme?«, fragte sie mürrisch. Wieder das Geräusch von einwerfenden Münzen.
»Meinst du, ich verplempere hier mein Kleingeld, um dir völligen Mist zu erzählen?«
Maki seufzte. »Hast du das Tubb schon gemeldet?«
»Nein, ich wollte erst dir …«
»Ruf ihn lieber an, Hans«, unterbrach sie ihn. Nun vernahm sie das Heulen von Polizeisirenen. Leute schrien. Sie runzelte die Stirn. Etwas schien dort wirklich vorzugehen. »Also gut, Hans, ich erledige das für dich. Bleib am besten dort und beobachte, was weiter geschieht.«
»Und das Treffen?«
»Tubb und ich kommen am besten zum Bahnhof.«
Damit legte sie auf.
Jim stand neben ihr und schenkte ihr Kaffee nach. »Was passiert?« fragte er.
»Hans hat gerade angerufen«, sagte sie.
»Oh, dein heimlicher Verehrer.«
»Am Farringdon-Bahnhof ist anscheinend etwas Seltsames passiert.«
»Mit seltsamen Dingen kennt ihr euch ja aus«, bemerkte Jim und grinste.
Maki schaute nachdenklich aus dem Fenster. Sie dachte auf einmal an Frederic Tubb und jenem seltsamen Zwischenfall, bei dem seine Frau spurlos verschwunden war. Noch immer gab das verrostete Aussehen des Autos der Polizei Rätsel auf …
»Hey, was ist das denn?«
Jims Stimme holte sie aus ihren Gedanken zurück. Sie bemerkte, wie immer mehr Menschen auf dem Bürgersteig stehen blieben und auf eines der Bankenhäuser zeigten, das sich gegenüber des Cafés auf der anderen Seite der Kreuzung befand. Sie sah, wie die Glasfassade von Stockwerk zu Stockwerk trüb anlief und sich glänzende Metallstreben in Sekundenschnelle rostbraun verfärbten. Innerhalb kürzester Zeit sah das Gebäude aus, als hätte sich seit Jahrzehnten niemand mehr darum gekümmert.
Wenige Augenblicke später stürzte das Bauwerk in sich zusammen.

4

Ein zischender Lichtstrahl traf einen der Bäume, der sogleich verfaulte und auf den Rasen fiel. Frederic Tubb hatte seine Studenten aus einem der Fenster klettern lassen, bevor er selbst den Seminarraum verließ.
Noch immer rannten viele Studenten und Angestellte schreiend um ihr Leben, während die Strahlen ziellos in die Menge schossen. Der Boden war übersäht mit mumifizierten Körpern, die vor wenigen Minuten noch junge, gesunde Menschen gewesen waren. Darunter befand sich auch Rose, die kurz nachdem sie aus dem Fenster geklettert war, von einem der Strahlen getroffen wurde.
Das Institutsgebäude selbst ragte nur noch mit dem dritten Stock sowie dem Dachgeschoß aus dem Boden.
»Los, los! Nun macht schon!«, schrie Frederic Tubb ein paar Studenten zu, die das alles anscheinend für einen Scherz hielten und gemähchlich über den Rasen spazierten. Als einer der Strahlen vor ihnen den Boden traf, zuckten sie zusammen und nahmen ihre Beine in die Hand.
Das, was die Strahlen verursachte, stand wenige Meter von dem Institutsgebäude entfernt. Es handelte sich dabei um eine grotesk wirkende Maschine, die wenige Zentimeter über dem Boden schwebte. Ihre schwarzen Stahlplatten verzierten sonderbare Muster, die auf Tubb in gewisser Weise einen ästhetischen Eindruck machten. Die äußere Form der Maschine glich einem Menschen. Sie besaß einen schmalen, mit großen Augen versehenen Kopf, breite Schultern sowie eine perfekt geschwungene Taille. Arme und Beine glichen aufgrund ihrer Rundungen barocken Puffärmeln. Die stählernen Augen besaßen schmale Schlitze, aus denen die todbringenden Strahlen abgefeuert wurden.
Frederic Tubb glaubte, sich daran erinnern zu können, dass er ein solches Gebilde oder jeden Falls etwas, das diesem sehr ähnlich sah, schon einmal irgendwo gesehen hatte. Soweit er sich erinnern konnte, stand irgendeine Ausgrabung damit in Verbindung.
Ein Strahl schoss um Haaresbreite an Tubb vorbei und traf ein Auto, das am Straßenrand parkte. Sofort begann dieses, sich in ein rostiges Etwas zu verwandeln. Leute, die sich dahinter in Sicherheit gebracht hatten, stoben auseinander, um woanders Deckung zu suchen.
Nun lag es an Tubb, sich aus der Gefahrenzone zu entfernen. Er lief quer über den Rasen und folgte dabei einer Gruppe Studenten, deren Kleidung teilweise in Fetzen hing. Ob sie aus dem Institutsgebäude stammten? Während sie rannten, schoss eine ganze Batterie von Strahlen in ihre Richtung. Die Studenten begannen, zu schreien. Tubb spürte, wie sein Herz bis zum Hals klopfte.
Das Zischen der Strahlen wurde auf einmal mit dem Knattern von Maschinengewehren beantwortet. Es ertönten hell klingende Geräusche, als die Kugeln am Stahlpanzer der Maschine abprallten. Die Maschine selbst erwiderte das Feuer. Ihre Strahlen trafen einen Polizisten, der die Schüsse abgegeben hatte. Als Nächstes tranformierten sie einen Einsatzwagen in einen Haufen Schrott.
Die Studenten und Wissenschaftler, die sich bisher hinter parkenden Autos verschanzt hatten, eilten davon, in der Hoffnung, sicher aus dem Schussfeld der Maschine zu geraten. Diese feuerte nun wie verrückt in sämtliche Richtungen, was dazu führte, dass die Opferzahl rasch anstieg. Autos wurden zerstört und ein gegenüberliegendes Gebäude brach in sich zusammen.
Das Heulen von Sirenen zeigte an, dass noch mehr Polizeiwagen im Anmarsch waren. Es herrschte ein heilloses Durcheinander. Menschen rannten orientierungslos herum und Lichtsrahlen zischten durch die Gegend, während weitere Maschinengewehre und Pistolen zum Einsatz kamen.
Frederic Tubb hatte sich inzwischen hinter einem VW-Bus in Sicherheit gebracht. Gemeinsam mit anderen Leuten hockte er auf dem nassen Asphalt, in der Hoffnung, dass diese bizarre Situation ein rasches Ende nahm.
»Was ist das nur?«, hörte er eine Studentin schluchzen. »Was ist das für ein Ding?«
Tubb selbst hielt es für angebracht, keine Erklärungen von sich zu geben. Im Grunde genommen wusste er selbst nicht, was es mit dieser Maschine auf sich hatte. Doch er hegte so seine Vermutungen. Seit einiger Zeit dachte er über die E-Mail nach, die er und seine beiden Mitarbeiter Ende Oktober erhalten hatten. »Der Angriff erfolgt in Kürze«, so lautete ihr Inhalt. Selbst John Arnold, der das Sonderkommando LOGE leitete, wusste mit dieser Meldung nichts anzufangen. Tubb aber glaubte, dass sie mit den Geschehnissen in Kambodscha und Südkorea zu tun hatte. Konnte es sich hierbei wiederum um eine Art Lebenszeichen der mysteriösen Hyperzivilisation handeln, die angeblich eine solch hochentwickelte Technik besaß, dass diese von Menschen nicht verstanden wurde? Doch aus welchem Grund war diese geheimnisumwitterte Zivilisation, die angeblich im Inneren der Erde existierte, den Menschen von Anfang an feindlich gesinnt?
»Denken Sie bloß nicht dasselbe wie ich.«
Frederic Tubb wandte sich überrascht um. Hinter ihm kniete John Arnold und grinste ihn an. Wie immer trug er einen teuren Anzug, der ihm wie angegossen saß. Er zündete sich eine Zigarette an. Wie war er auf einmal hierher gekommen? Tubb hatte ihn nicht um Hilfe gerufen.
Arnold schien diese Frage in Tubbs Gesichtsausdruck abzulesen. »Satelliten«, sagte er und deutete mit einem Nicken nach oben. »Wieso haben Sie das nicht eher gemeldet, Mr. Tubb?«
»Wieso haben Sie nicht schon eher etwas unternommen?«, entgegnete dieser. »Woher kommt es überhaupt?«
»Wir sahen es plötzlich auftauchen. Es gibt drei von ihnen.«
»Drei?«
Arnold nickte. »Ein Bankengebäude wurde vollständig vernichtet. Ebenso ein Zug.« Er zog an seiner Zigarette und fuhr fort: »Die beiden anderen Maschinen verschwanden kurz darauf wieder, so als hätte es sie nie gegeben. Die hier scheint hartnäckig zu sein.«
»Oder es ist ein Fehler aufgetreten«, meinte Tubb.
Nun lag es an John Arnold, Tubb verblüfft anzuschauen. »Wie meinen Sie das?«
Frederic Tubb zuckte die Achseln. »Nur so eine Idee. Die Maschine hier kann nicht zurück. Deswegen schießt sie aus allen Rohren, um sich bis zum Schluss zu verteidigen.«
»Ich befürchte, das wird noch eine ganze Weile so weiter gehen. Unsere Waffen richten an diesem Ding nichts aus. Und Raketen können wir hier schlecht abfeuern. Es sei denn, wir wollen damit halb London zerstören.«
»Es hat aufgehört!«
Tubb und Arnold blickten verwirrt auf einen Studenten, der sich mit einem Freudensprung aufrichtete.
»Bist du wahnsinnig?«, rief Arnold. »Geh sofort wieder in Deckung!«
»Aber es hat aufgehört!«, wiederholte der junge Mann.
Auch andere Menschen erhoben sich. Ein erleichteres Raunen ging durch die Menge.
Nachdem auch die letzten Schüsse der Polizei verhallt waren, herrschte eine gespenstische Ruhe.
»Die sind völlig übergeschnappt«, kommentierte Arnold das Verhalten.
Frederic Tubb hörte nicht auf ihn, sondern erhob sich ebenfalls.
Die Maschine stand mitten auf dem Rasen. Ihre Beine schwebten nicht mehr über dem Boden, sondern berührten die Erde. Sie stand etwas schräg, da ihr linkes Bein anscheinend leicht in den feuchten Rasen eingesunken war.
»Wie ein Vorbote der Apokalypse«, meinte John Arnold und warf seine Zigarette auf den Asphalt.
Frederic Tubb stimmte seiner Aussage in Gedanken zu. Die Maschine und die über den ganzen Rasen verteilt liegenden mumifizierten Körper gaben ein unheimliches Bild ab.

5

Die Polizei hatte den Bahnhof weiträumig abgesperrt. Der gespenstische Zug stand noch immer auf Gleis Vier. Die mumifizierten Körper blickten aus den Fenstern, so als wären sie Touristen aus der Hölle.
Bisher war niemand erschienen. Hans stand ungeduldig im Bahnhofsgebäude und spähte immer wieder auf die Straße, in der Hoffnung, dass Frederic Tubb und Maki Asakawa jeden Moment auftauchen würden. Neben ihm rauchte Inspektor Gregor McIntire eine Zigarette. Nachdem Hans erwähnt hatte, dass er ein Mitarbeiter Tubbs war, behielt McIntire ihn hier, da er sich anscheinend erhoffte, erste brauchbare Schlussfolgerungen zu erhalten. Doch Hans wusste genau so wenig wie dieser dürre Mann, der mit übernächtigten Augen beobachtete, wie die Leute von der Spurensicherung gerade den Zug durchsuchten.
Hans reichte es schließlich. »Kann ich Ihr Handy benutzen?«
Der Inspektor griff in seine Manteltasche und wollte es ihm gerade reichen, als es zu klingeln begann. »Was gibt’s?«, fragte McIntire.
Hans bekam mit, wie sich die Miene des Mannes in eine Mischung aus Staunen und Schrecken verwandelte. Sofort klappte er das Handy zu und warf seine Zigarette weg. »Zwei weitere Anschläge«, sagte er. »Einer davon an dem Ort, wo Ihr Chef arbeitet.«
Hans zuckte zusammen. »Sie meinen das Institut für Volkskunde und Kulturwissenschaft?«
»Exakt«, erwiderte der Inspektor. »Ich muss sofort hin. Kommen Sie mit?«
»Hoffen Sie, dass ich jetzt Nein sage?«
Die drei Zwischenfälle hatten in ganz London Panik ausgelöst. Obwohl McIntire mit Blaulicht fuhr, kam es kaum ein Durchkommen. Die Straßen waren mit Autos nur so verstopft. An manchen Kreuzungen hatten sich Unfälle ereignet, die den Verkehr noch zusätzlich behinderten. Hans bekam den Eindruck, als versuchten sämtliche Bewohner, die Stadt gleichzeitg zu verlassen.
An einer der größeren Kreuzungen erhob sich zwischen zwei Bankgebäuden ein gewaltiger Berg aus Schutt.
Davor standen mehrere Krankenwagen und Polizeiautos. Leute mit Spürhunden erkundeten den Haufen, um nach eventuellen Überlebenden zu suchen.
»Meine Güte«, bemerkte der Inpektor. Für alles weitere fehlten ihm die Worte.
Hans fühlte sich bei diesem Anblick gar nicht gut. Was hatte all das plötzlich zu bedeuten?
McIntire hielt vor einem der Polizisten an, die um das abgesperrte Areal Stellung bezogen hatten, um Neugierige davon abuhalten, das Gelände zu betreten. »Schon was Neues?«, erkundigte sich der Inspektor.
Der Polizist beugte sich leicht nach vor und sagte: »Die Leute hier sprechen von irgendeiner merkwürdigen Maschine, Sir. Wir haben allerdings bisher noch nichts dergleichen gefunden.«
»Sagten Sie soeben eine Maschine?«, hakte McIntire nach.
Der Polizist nickte. »Ja, Sir. Die Aussagen sind einstimmig. Eine menschenähnliche Maschine, die mit Strahlen auf das Gebäude schoss.«
»Meine Güte«, wiederholte McIntire. Dann verabschiedete er sich mit einem Nicken und kurbelte das Fenster wieder hoch.
Währenddessen hatte Hans auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung jemanden entdeckt, der ihm bekannt vorkam. Er schlug dem Inspektor an die Schulter und rief: »Ich glaub´s nicht! Dort drüben steht Maki! Wir müssen sie mitnehmen, Inspektor! Sie gehört zu unserem Team.« Er kurbelte das Fenster herunter, beugte sich aus dem Wagen und winkte ihr aufgeregt zu. »Maki!«
Zunächst schien sie ihn nicht zu bemerken. Zu viele Autos fuhren vor ihnen vorbei. Hans ließ jedoch nicht locker und winkte kräftig weiter, wobei er auch immer wieder ihren Namen rief.
Endlich reagierte Maki auf sein Getue. Die ersten paar Sekunden schaute sie zwar recht verwundert zu ihm herüber, doch dann winkte sie ihm zurück.
»Los, Inspektor, wir haben keine Zeit zu verlieren!«
»Meine Güte, haben Sie nicht gerade gehört, was dieser Mann gesagt hat?«, erwiderte McIntire. »Die Leute haben eine Maschine gesehen, die irgendwelche Strahlen abgefeuert hat. Und trotzdem haben Sie nur Augen für diese Frau dort drüben?«
Hans konnte nicht verhindern, dass sein Gesicht knallrot anlief. »Das da ist Maki Asakawa, Herr Inspektor. Sie ist meine Kollegin. Wenn jemand hier überhaupt einen Plan hat, dann ist sie es.«
McIntire konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Eine solche Kollegin hätte ich auch gern, Mr. Schmeißer.« Daraufhin drehte er die Sirene auf, was ihm mehr oder weniger eine schmale Gasse zwischen den Autos bereitete, die sich über die Kreuzung drängten.
Nach wenigen Minuten hielten sie direkt vor Maki. Während sie sich auf die Rückbank setzte, sagte Hans: »Das haben wir mal wieder gern, Maki. Während wir uns hier sämtlichen Gefahren ausliefern, gehst du Kaffee trinken.«
»Ich hab gesehen, wie dieses Hochhaus einstürzte«, erwiderte sie kühl. »Es veränderte zunächst sein Aussehen, bevor es zusammenbrach.«
»Es veränderte sein Aussehen?«, hakte McIntire nach.
»Ja, sein Aussehen«, fuhr Hans aufgeregt dazwischen. »Haben Sie nicht gehört, was Mrs. Asakawa gerade gesagt hat?«
Maki zwickte ihn in sein linkes Ohr.
»Autsch! Das nenne ich Fingernägel.«
»Die Fenster liefen irgendwie an«, wandte sie sich an den Inspektor. »Und gleichzeitig begannen die Stahlstreben, in Sekundenschnelle zu rosten. Dann brach das Hochhaus in sich zusammen.«
»Am Farringdon-Bahnhof befindet sich ein verrosteter Zug, dessen Passagiere allesamt mumifziert sind«, berichtete der Inspektor. Hans bemerkte, dass er etwas zu oft in den Rückspiegel sah. »Die andere Sache betrifft ihr Team. An dem Institut, wo Sie unterrichten, kam es ebenfalls zu einem genau so katastrophalen wie seltsamen Vorfall.«
»Das Institut?«, rief Maki bestürzt. »Frederic Tubb hatte heute Morgen ein Seminar. Eigentlich hätten wir uns dort treffen sollen.«
»Soweit ich gehört habe, gab es dort eine große Anzahl an Opfern«, fuhr McIntire fort. »Das Gebäude selbst scheint ebenfalls schwer beschädigt zu sein.«
»Hast du Tubb überhaupt angerufen?«, wollte Hans wissen.
Mit zitternder Hand zog sie ihr Handy hervor. Sie wähte Tubbs Nummer, aber erreichte ihn nicht. Erst beim zweiten Blick auf das Display bemerkte sie die Angabe Kein Empfang.

6

Frederic Tubb kniete neben dieser seltsamen Maschine auf dem feuchten Rasen. Es hatte wieder zu nieseln begonnen. Hinter ihm tummelten sich Polizisten und Leute von der Spurensicherung, welche die herumliegenden Mumien untersuchten. Die bereits markierten Körper wurden von Leuten der Gerichtsmedizin abtransportiert.
Das Metall des eigenartigen Körpers knackte, so als wäre es am Abkühlen.
Neben Tubb ging John Arnold in die Hocke. Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch über die glänzende Oberfläche des Metalls. »Verdammte Scheiße«, fluchte er.
Vorsichtig legte Tubb seine Handfläche auf den Rumpf des bizarren Körpers. Die Oberfläche war lauwarm. Die Verzierungen der Maschine fühlten sich im Gegensatz zum übrigen Metall rau an.
»Kann man das auch öffnen?«, fragte Arnold.
Tubb suchte nach Hinweisen dafür. »Vielleicht nützt Aufschweißen etwas.«
»Aufschweißen«, schnaufte Arnold. »Mein Gott, Tubb. Praktisch wie eh und jäh, was?« Er klopfte gegen das Metall. »Aufschweißen. Ich möchte, ehrlich gesagt, gar nicht wissen, was das für eine Legierung ist. Keine einzige Delle zu sehen, obwohl wir das Ding beschossen haben wie noch was. Und da reden Sie von Aufschweißen.«
»Man kann es zumindest versuchen«, erwiderte Tubb. Er selbst glaubte zwar ebenfalls nicht daran, dass eine solche Aktion etwas bringen würde, aber immerhin sollte man keine Möglichkeit ausschließen.
»Wahrscheinlich explodiert dieses Ding mit einem gewaltigen Atompilz, wenn Sie mit dem Schweißbrenner darangehen.«
Tubb betrachtete indessen eingehend die Konturen der Maschine. »Ich kann mich irgendwie daran erinnern, solch ein Gerät schon einmal gesehen zu haben. Wahrscheinlich besitze ich sogar eine Fotographie davon in meinem Archiv.«
John Arnold riss überrascht seine Augen auf. »Sie wollen mich jetzt nicht etwa auf den Arm nehmen?«
»Keineswegs«, antwortete Tubb. »Je länger ich überlege, desto mehr bin ich der Meinung, dass ein solches Gerät vor mehreren Jahren in Japan gefunden wurde.«
Arnold warf den Zigarettenstummel ins nasse Gras. »In Japan?«
»Möglicherweise ging es dabei um irgendwelche Ausgrabungen.«
»Also doch die Hyperzivilisation«, meinte Arnold. »Ich hatte gehofft, Sie hätten einen anderen Gedanken wie ich verfolgt.«
»Das Geschehnis passt zusammen mit der Warnung in der E-Mail«, bemerkte Tubb. »Was ich aber nicht verstehe, ist, aus welchem Grund diese Zivilisation uns feindlich gegenübersteht. Was für einen Zweck verfolgt sie?«
»Wir müssten einen dieser Wichte in die Finger bekommen«, stellte Arnold fest.
»Ach du grüne Neune!«, hörten sie auf einmal jemanden rufen. »Das Institutsgebäude haben Sie ja ganz schön zugerichtet, Mr. Tubb!«
Frederic Tubb und John Arnold wandten sich um.
Hans Schmeißer, Maki Asakawa und ein Mann in Trenchcoat kamen über den Rasen auf sie zu.
»Ich glaube, unser Meeting fällt heute ins Wasser«, bemerkte Hans und schüttelte erst Tubb, dann Arnold die Hand.
»Wir haben allerdings noch ein Problem«, bemerkte Maki und deutete dabei auf ihr Handy. »Kein Empfang.«
Wie auf Kommando zogen alle ihr Handy hervor.
»Sie haben recht«, stellte Arnold fest. »Ich erreiche nicht einmal meine Zentrale.«
»Ihre Zentrale?«, hakte McIntire nach.
Arnold reichte ihm die Hand. »John Arnold. Ich leite den militärischen Geheimdienst LOGE. Eine Unterabteilung des CIA. Wir arbeiten seit Langem mit Frederic Tubb zusammen.«
»Aber Sie wissen nicht zufällig, was all das hier zu bedeuten hat?«, fragte der Inspektor herausfordernd.
Arnold grinste. »Scotland Yard. Ich hätte es wissen müssen.«
»Glauben Sie, dass die etwas Neues planen?«, kam Maki auf das eigentliche Thema zurück. »Das Telekommunikationsnetz ist ausgefallen. Was hat das zu bedeuten?«
»Das bedeutet, dass in diesem Augenblick etwa eintausend Büroangestellte keinen Telefonsex haben können«, bemerkte Hans.
Maki blickte verzweifelt nach oben. »Witzig wie immer.«
»Und was soll überhaupt diese alberne Figur hier?«, fuhr Hans fort. »Ist das etwa der Übeltäter?«
»So kann man das durchaus behaupten«, meinte Tubb. »Wir müssen versuchen, dieses Ding aufzubekommen.«
»Schweißen«, sagte Hans.
Arnold schnaufte. »Jetzt fängt der auch noch damit an!«
»Wieso? Hab ich was Falsches gesagt?«
Maki klopfte ihm auf die Schulter. »Hans, falls du es noch nicht bemerkt hast: Du sagst immer etwas Falsches.«
McIntire bückte sich und versuchte, die Maschine anzuheben. »Was soll das sein? Ein Luftballon?« Zur Verblüffung aller hatte er es geschafft, die Maschine ohne Kraftanstrengung auf die Beine zu stellen. »Das Ding ist leicht wie eine Feder.«
Nun versuchte es auch Tubb. Er griff der Maschine unter die Arme und hob sie mühelos an. »Das ist wirklich seltsam. Die Maschine hielt sämtlichen Kugeln stand.«
»Ich schlage vor, dass sich meine Leute weiter darum kümmern«, sagte Arnold. »Wir haben hier in London ein gut ausgestattetes Labor.«
»Ich denke, dass dies doch viel eher Sache der Polizei ist«, wandte McIntire ein.
»Ich glaube nicht, dass Sie bei dieser Sache weiterkommen werden, Inspektor«, entgegnete Arnold gelassen. »Soweit ich erfahren habe, haben Ihre Leute bei der Kanalgeschichte ebenfalls noch nichts erreicht.«
Frederic Tubb schaute erst Arnold, dann den Inspektor an. »Welche Kanalgeschichte?«
»Jetzt sagen Sie bloß nicht, Sie haben darin mein Frühstück entdeckt«, fuhr Hans dazwischen.
»Erzählen Sie Frederic Tubb ruhig, was Sie seit einer Woche bedrückt«, forderte Arnold den Inspektor auf.
Dieser runzelte verärgert seine Stirn. »Vor etwa einer Woche kam es zu einer Vermisstenmeldung. Zwei Kanalarbeiter waren wie vom Erdboden verschluckt. An einem Sonntag wurde eine Störung in einem der Kanäle gemeldet. Die beiden machten sich auf, um die Sache zu untersuchen. Als sie bis zum Abend nicht zurückgekehrt waren, machten sich ihre Kollegen auf die Suche. Sie fanden ihren Arbeitswagen und die durchgetrennten Kabel eines Kanalroboters, aber von den beiden Männern fehlte weiterhin jede Spur. Also suchten wir ein paar der Kanäle durch. An einem stillgelegten Seitenarm fanden wir sie. Beide sahen so aus wie diese Menschen, deren Leichen gerade abtransportiert werden.«
»Sie meinen, sie waren mumifiziert?«, fragte Tubb erstaunt.
»Genau das meine ich«, erwiderte McIntire. »Allerdings haben wir bis heute keinen einzigen Anhaltspunkt, der uns irgendeine brauchbare Erklärung liefern würde.«
»Anscheinend haben Sie diese jetzt doch«, meinte Maki.
»Wie wäre es, wenn wir von nun an in dieser Sache zusammenarbeiten?«, schlug Arnold vor.
»Inspektor McIntire«, sagte Tubb, »glauben Sie mir, dass es so besser ist. Sie wissen nicht, mit was Sie es hier zu tun haben. John Arnold und ich haben in Kambodscha noch ganz andere Dinge gesehen.«
»Was für Dinge?«
»Gigantische Maschinen, die alles vernichtet haben«, antwortete Arnold und zündete sich dabei eine weitere Zigarette an.
»Lassen Sie sich von John Arnold alles erklären, Inspektor«, fuhr Tubb fort. »Auch wenn Sie zu dem Schluss kommen sollten, dass er verrückt ist, glauben Sie ihm trotzdem. Ich mache mich inzwischen auf, um mein Archiv zu durchstöbern. Vielleicht finde ich ja brauchbare Hinweise zu dieser Maschine.«

7

Tubb stand in dem Arbeitszimmer seines Büros und durchwühlte einen von drei Aktenschränken, in denen sich das Papier nur so stapelte. Eigentlich war von Anfang an sein Anliegen gewesen, sämtliche Papiere nach Themen geordnet abzuheften. Doch dazu kam es nie. Ständig wurde sein Vorhaben durch andere Tätigkeiten in eine ferne Zukunft verschoben. Das rächte sich nun. Tubb wusste stets nur ungefähr, wo sich welches Papier befinden musste. Das hieß allerdings nicht, dass er es dort auch finden würde.
Maki half ihm bei der Suche. Sie stand vor dem zweiten Aktenschrank und ging die staubigen Blätter einzeln durch. Wenn sie etwas bearbeitete, dann stets mit größter Genauigkeit. Hans brachte dies in der Regel außer Rand und Band, da er äußerst ungeduldig war und Dinge, die er nicht für wichtig hielt, einfach überging. Auf eine ähnliche Weise arbeitete sich gerade Frederic Tubb vor. Er suchte keineswegs sorgfältig nach den Unterlagen, sondern zog vielmehr stichprobenartig einzelne Blätter heraus.
Hans kam mit zwei Kaffeetassen aus der Küche gestapft. »Ich weiß ja nicht, was Sie unter Kaffee verstehen, Tubb, aber das Zeug, das Sie verwenden, können Sie genauso gut als Schießpulver verkaufen.« Damit stellte er beide Tassen auf dem Schreibtisch ab. »Und, schon was gefunden?«
»Noch nicht«, erwiderte Maki. »Aber du könntest uns zum Beispiel helfen, statt dämliche Sprüche zu klopfen.«
»Ich hab euch immerhin dieses Zeug da gebraut«, entgegnete Hans. »Wirklich Tubb, das schlägt jede Pershing Zwei.«
»Meine Güte, Hans, jetzt halt endlich mal deinen Mund und hilf uns«, fuhr Maki ihn an.
»Ist ja gut«, erwiderte er. »Bei deinem Tempo ist es kein Wunder, dass ihr noch nichts gefunden habt.«
Maki fuhr zu ihm herum und stampfte mit ihrem rechten Fuß auf den Boden.
»Kriegt euch wieder ein, Kinder«, sagte Tubb. Er war mit den Sticheleien seiner beiden Mitarbeiter bestens vertraut. Gelegentlich arteten sie in echten Streit aus. Trotzdem leisteten beide hervorragende Arbeit. Zumindest jeder auf seine Weise. Aber auch als Team kamen sie im Grunde genommen hervorragend zurecht. Makis Problem bestand darin, dass sie nie genau wusste, wann eine Arbeit beendet war. Öfters schoss sie dabei über ihr Ziel hinaus. Wenn er sie darauf hinwies, wirkte sie verletzt oder begann gelegentlich sogar, zu weinen. Im Gegensatz dazu nahm Hans manche Dinge einfach zu locker. Ihn musste er gelegentlich dazu drängen, genauere Recherchen anzustellen. Doch beide waren absolute Experten in ihrem Gebiet.
Hans stellte sich vor den dritten Aktenschrank und durchwühlte aufs Geratewohl die einzelnen Papierstapel. »Suchen Sie etwa das hier?«
Tubb drehte sich um. Hans hielt mehrere zusammengeheftete Papiere in der Hand. Das oberste Blatt zeigte die Abbildung einer Skulptur, die große Ähnlichkeiten mit der Maschine auf dem Unigelände aufwies.
»Das muss es sein«, sagte Tubb. Er nahm die Papiere entgegen und setzte sich damit an seinen Schreibtisch.
Maki nahm leicht verärgert eine der Kaffeetassen und trank einen Schluck. Sofort verzog sie ihr Gesicht. »Um Gotteswillen, was hast du da zusammengepanscht?«
Hans zuckte die Achseln. »Frederic Tubb benutzt ein Pulver für seinen Kaffee, das andere für Dynamit verwenden. Mit einem Wort: Geschmacksverstimmung.«
»Das Zeug war im Sonderangebot«, erklärte Tubb, während er den Text überflog. »Ich hab es selbst noch nicht probiert.«
»Wenn Sie vorhaben, alt zu werden, dann sollten Sie das auch nicht«, sagte Hans.
»Sehr eigenartig«, bemerkte Tubb auf einmal. Er legte die Blättersammlung auf den Schreibtisch und schaute für einen Moment aus dem Fenster. Von hier aus schien London unverändert. Nichts ließ darauf schließen, dass vor wenigen Stunden ein Bankengebäude, ein Zug und eine Universität von fremdartigen Maschinen angegriffen worden waren.
»Was ist eigenartig?«, wollte Hans wissen. »Heraus mit der Sprache, Tubb. Was steht da drinnen?«
Frederic Tubb faltete seine Hände auf der Schreibtischplatte. »Im Jahr 1974 wurde auf Hokkaido eine Skulptur entdeckt, deren Aussehen dem unserer Maschine gleicht. Sogar die Muster sind identisch. Das Material der Skulptur konnte nicht bestimmt werden. Man fand etwas Ähnliches auch in keinem anderen Gebiet Japans. Manche Forscher hielten diesen Gegenstand für ein Kunsthandwerk und schätzten es auf Anfang des 16. Jahrhunderts. Eine kleine Gruppe Wissenschaftler kam zu dem Schluss, dass es sich hierbei um den Prototyp eines Astronautenanzugs handeln könnte. Das Problem dieser Annahme bestand darin, dass es damals keine Raketen oder Ähnliches gab, mit denen man hätte in den Weltraum fliegen können. Deswegen wurden sie nicht ernst genommen. Eine dritte Gruppe schließlich ließ eine Antwort auf diese Frage offen. Sie hielten dieses Gebilde für so außergewöhnlich, dass es dafür zunächst einfach keine Erklärung gab.«
»Und das war’s?«, wunderte sich Hans. »Mehr steht nicht darin?«
Tubb lehnte sich zurück. »Das Beste kommt wie immer zum Schluss. Im Jahr 2001 wurde versucht, diese Skulptur zu öffnen. Aber es gelang nicht. Weder Schweißbrenner, noch Laser führten zum Erfolg. Deswegen kam man auf die Idee, es zu röntgen. Interessanterweise gelang dies tatsächlich.«
»Und was fand man heraus?«, wollte Maki wissen.
»Die Figur bestand in ihrem Innern aus einer Reihe obskurer Zahnräder. Mehr war nicht zu erkennen.«
»Zahnräder?«, staunte Hans.
Tubb nickte. »Aus diesem Grund hielt man diesen als Skulptur bezeichneten Gegenstand für einen Automaten. Das Problem aber bestand nun darin, dass es kein Loch für einen Schlüssel gab, um damit den Mechanismus aufzuziehen. Wie also sollte dieser Automat funktionieren? Sie sehen, das Rätsel konnte eigentlich nicht gelöst werden. Aber ein Jahr später kam es zu einer weiteren Veröffentlichung zu diesem Thema. In diesem Artikel wurde geschildert, dass man 1974 rund um die Skulptur mumifizierte Leichen entdeckt hatte. Dies war der Grund dafür, dass manche Forscher diesen Gegenstand für eine Skulptur hielten, die eventuell als Grabbeigabe diente. Der Autor dieses letzten Artikels behauptete allerdings, dass es sich bei diesem Fundort um kein Grab oder Gräber gehandelt hat. Vielmehr seien die damaligen Archäologen zu dem Schluss gekommen, dass sie ein Schlachtfeld entdeckt haben.«

8

»Sollten wir das nicht John Arnold mitteilen?«, fragte Maki. »Ich meine, er und seine Leute untersuchen gerade dieses Ding.«
»Wie denn?«, fragte Hans. »Die Handys funktionieren noch immer nicht. Es gibt auch keine Festnetzverbindungen.«
»Wahrscheinlich war dieser vorige Angriff nur eine Art Vorgeschmack«, überlegte Tubb. »Die planen etwas noch Größeres. Machen wir uns auf den Weg. Mit dem Auto sind wir in zehn Minuten beim Labor.«
Die Fahrt dauerte beinahe eine halbe Stunde. Staus und Verkehrsunfälle verhinderten ein schnelles Vorwärtskommen. Die durch die Angriffe erzeugte Panik hatte sich noch nicht gelegt. Im Gegenteil, es schienen immer mehr Menschen zu werden, die versuchten, London so schnell wie möglich zu verlassen.
John Arnold hatte Tubb Ausweise ausstellen lassen, die es ihm ermöglichten, ohne Schwierigkeiten, das Labor zu betreten. Dieses befand sich in einem der wohl bestgesicherten Gebäude der Stadt. Überwachungskameras, Alarmanlagen und einbruchsichere Fenster und Türen sollten verhindern, dass allzu Neugierige sich Zutritt verschafften. Das Labor selbst befand sich im dritten Untergeschoß des dreistöckigen Gebäudes. Die oberen Stockwerke belegten zahlreiche Büros der LOGE. Besser wäre es gewesen, das ganze Haus als eine Art Kuriositätenkabinett zu bezeichnen. Seit dem Jahr, in dem die LOGE ins Leben gerufen worden war, hatten sich schier unglaubliche Artefakte und Lebewesen darin angesammelt. In einem der Käfige wurde tatsächlich ein Schneemensch aus dem Himalaja bei etwa zwanzig Grad minus gehalten. Ihm gegenüber in einem anderen Käfig gab es einen weiteren Affenmenschen, der im US-amerikanischen Volksmund als Big Foot bekannt war. Die Mehrheit der Leute hielten diese Lebewesen für reine Legende. Aber wie es so schön heißt: Jede Legende hat einen wahren Ursprung. Diese Wahrheiten fand man im Zentralgebäude der LOGE. In einem gigantischen Behälter wurden die Überreste eines bis heute nicht zu identifizierbaren Lebewesens gehalten, das an die sechs Tonnen wog. Es gab Seeschlangen und Riesenkalmare von einer Länge bis zu zwanzig Metern. In einem Becken schwamm eine Art Plesiosaurus, der auch als das Ungeheuer von Loch Ness bekannt war. Das Tier stank penetrant nach altem Fisch, sodass es Tubb neben dem Schwimmbecken nie lange aushielt. Und dann gab es natürlich noch die unerklärlichen Artefakte früherer Hochkulturen oder unbekannter Kulte. Zum Beispiel eine bizarre, mit Sonnenenergie funktionierende Rechenmaschine aus dem alten Ägypten, eigenartige Flugmaschinen aus dem Zeitalter der Inka und Maya oder einen Stein, der beschrieben war mit vier unterschiedlichen Sprachen. Drei konnte man schnell identifizieren. Es handelte sich dabei um Latein, Griechisch und Altägyptisch. Die vierte Schrift jedoch war bis heute unbekannt. Ihre spiralförmige Schreibweise wirkte äußerst fremdartig.
Der Aufzug brachte Tubb und seine beiden Mitarbeiter hinunter ins Labor. Es war eingeteilt in verschiedene Bereiche, die sich spezialisierten auf archäologische Funde, technische Geräte, Kunstwerke und Lebewesen. Der Bereich für die Untersuchung von Lebewesen war durch dicke Stahltüren und Sicherheitsglas von den übrigen Bereichen abgeschirmt. Gerade versuchte darin eine Gruppe Wissenschaftler, die Beine einer menschengroßen Vogelspinne festzubinden. Ein schwieriges Unterfangen. Das Tier wehrte sich und schleuderte einen der Männer gegen die Wand.
»Die Sicherheitsleute haben mir bereits gesagt, dass Sie kommen«, begrüßte sie Arnold. »Oh, das da ist Fritzi. Sie ist heute früh mal wieder ausgebüchst.«
»Nettes Tierchen«, bemerkte Hans.
»Ich nehme an, Sie haben in Ihrem Archiv gefunden, wonach sie suchten«, fuhr Arnold fort. Er geleitete sie dabei durch mehrere Gänge, bis sie zu dem Bereich der technischen Untersuchungen kamen.
»Ganz recht«, antwortete Tubb. Er fasste nochmals zusammen, was er in den Papieren gelesen hatte.
John Arnold nickte. »Das stimmt mit unseren bisherigen Erkenntnissen überein. Es stimmt, dass dieses Ding Röntgenstrahlen nicht widersteht. Wir haben dabei eine interessante Entdeckung gemacht. Eines der Zahnräder scheint defekt zu sein.«
Sie betraten das Labor. In der Mitte lag auf einem breiten Stahltisch die seltsame Maschine. Über ihr hing ein Röntgenapparat, der eine Ähnlichkeit mit der Abdeckung einer Sonnenbank besaß. Währenddessen saßen zwei Wissenschaftler an verschiedenen Computern und betrachteten wirre Tabellen und seltsame Kurven. Ein Beamer warf ein Bild an die Leinwand, das anscheinend das Innenleben einer mechanischen Armbanduhr präsentierte. Es zeigte ineinandergreifende Zahnräder unterschiedlichster Größe sowie diverse Spulen und Federn.
John Arnold trat vor die Leinwand und deutete mit seinem rechten Zeigefinger auf eines der Räder. Es wirkte leicht verbogen und es fehlten ihm mehrere Zähne. »Das hier dürfte der Grund sein.«
»Also ist diese Hyperzivilisation anscheinend doch nicht so perfekt wie wir das zuvor angenommen haben«, meinte Tubb.
Arnold nickte. »Auch ihren Konstrukteuren unterlaufen Fehler.«
Maki trat näher an die Leinwand, während einer der Wissenschaftler sie dabei interessiert beobachtete. »Aber ich sehe keine Vorrichtungen für Waffen«, sagte sie. »Woher kamen die Strahlen?«
»Sie haben einmal mehr meine Bewunderung verdient, Mrs. Asakawa«, erwiderte Arnold. »Wir haben bisher keine Vorrichtungen entdecken können, die irgendeine Ähnlichkeit mit Waffensystemen haben. Nur Zahnräder und Spulen.«
»Hier kommt wieder das Argument meines Kollegen Park zum Tragen«, sagte Tubb nachdenklich. »Er meinte, dass die Technik dieser Hyperzivilisation ein so hohes Niveau erreicht habe, dass sie von uns als solche gar nicht mehr wahrgenommen werden würde.«
John Arnold machte einen verwirrten Eindruck. »Gehören Ihrer Meinung nach Zahnräder, Spulen und Federn zu einer hochgradigen Technologie? All das gibt es seit dem 15. Jahrhundert.«
»Das stimmt«, fuhr Tubb fort, »doch anscheinend scheint dieser Mechanismus dazu in der Lage zu sein, Strahlen zu erzeugen, die Häuser und Menschen in Sekundenschnelle zum Altern bringen.«
»Wohin sind übrigens die Mumien gebracht worden?«, erkundigte sich Hans.
»McIntire lässt seine Lahmärsche daran herumfummeln«, antwortete Arnold gereizt. »Wieso hab ich mit ihm nur diese dämliche Zusammenarbeit beschlossen. Er teilte mir übrigens mit, dass in dem gesamten Kanalsystem keine weiteren Auffälligkeiten bemerkt wurden. Wenn es also eine dieser Maschinen war, die diese beiden Arbeiter in Mumien verwandelt hat, dann stellt sich die Frage, wie sie so ohne Weiteres in den Kanal gekommen ist. Sicherheitshalber habe ich heimlich drei meiner Leute hingeschickt, die den Kanal nochmals überprüfen.«
»Hört sich gut an«, meinte Tubb. »Aber da weder Handy, noch Telefon funktioniert, müssen wir warten, bis Ihre Leute wieder zurück sind.«
»Vertreiben wir uns doch bis dahin die Zeit, indem wir Maki Asakawa erzählen lassen, wieso sie vor drei Jahren beinahe zur Miss Tokio gewählt worden wäre«, schlug Hans mit einem breiten Grinsen vor.
»Zur Miss Tokio?«, staunte Arnold. »Meinen Sie das etwa ernst?«
Maki seufzte genervt. »Lassen Sie Hans einfach labern. Irgendwann beruhigt er sich schon wieder.«
»Tubb«, wandte sich John Arnold diesen. »Miss Tokio?«
Frederic Tubb klopfte ihm auf die Schulter. »Ist ja gut. Vielleicht wird Maki irgendwann einmal das Geheimnis lüften. Aber ich denke, dass wir gerade etwas andere Probleme haben.«
»Sie sagen es, Tubb«, erwiderte Maki. Sie wirkte leicht genervt. »Und bevor Hans noch einen weiteren Joker aus seinem Ärmel zieht, hole ich mir lieber einen Kaffee.« Damit nahm sie ihre Jacke und durchquerte das Labor.
Tubb, Hans und Arnold schauten ihr nach, als hätte sie gerade ihre Kündigung eingereicht.
Maki öffnete die Tür, um in den Flur hinauszutreten, als sie plötzlich gegen etwas prallte. Überrascht schreckte sie zurück. Was hatte das jetzt schon wieder zu bedeuten? Vor ihr stand eine große, breitschultrige Gestalt, die in einem schmutziggrauen Taucheranzug aus dem 19. Jahrhundert steckte. Der mit sonderbaren muschelähnlichen Mustern verzierte Helm wies mehrere Abschürfungen auf. Das Gesicht hinter dem Visier konnte Maki nicht erkennen. Sie hatte den Eindruck, als herrschte dahinter stockdunkle Nacht.
»Wer sind Sie?« Etwas anderes kam Maki gerade nicht in den Sinn.
Statt eine Antwort zu geben, stieß der Taucher sie zur Seite, sodass sie zurücktaumelte und zu Boden fiel. Daraufhin stapfte der bizarre Mann in das Labor. Ihm folgten zwei weitere Gestalten, die ebenfalls in solch grotesken Anzügen steckten.

9

»Sind Ihre Besucher immer so einfühlsam?« Wie immer hatte Hans auch in der bizarrsten Situation einen Spruch auf Lager.
Die drei Gestalten stapften durch das Labor, wobei sie Computer und andere Geräte von den Tischen fegten. Im Hintergrund rappelte sich Maki leicht benommen auf.
»Die sind eindeutig neu hier«, kam es von Arnold zurück.
»Ich nehme an, die kommen, wegen dieser Maschine«, vermutete Tubb.
Wenige Meter vor ihnen blieben die drei Gestalten in einer Reihe stehen.
Maki lehnte sich an die offene Tür.
»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, rief Tubb ihr zu.
»Habe mich nie besser gefühlt«, antwortete sie trocken.
Die mittlere Gestalt hob ihren rechten Arm und deutete damit auf die Maschine, die noch immer unter dem Röntgengerät lag.
»Tatsächlich«, murmelte Arnold. »Die wollen ihr Spielzeug zurück.«
»Eine andere Frage ist, wie diese Typen überhaupt in das Gebäude gekommen sind«, meinte Hans. »Ich glaube wohl kaum, Mr. Arnold, dass Ihre Leute Typen in alten Taucherkostümen einfach so hereinspazieren lassen.«
»Wir sind hier im untersten Stockwerk, nicht wahr, Arnold?«, erkundigte sich Tubb. Er ließ dabei die drei Taucher nicht aus den Augen.
John Arnold seufzte. »Wollen Sie jetzt hier etwa fachsimpeln? Aber na gut, wir sind hier im untersten Stock.«
»Andere sagen auch Keller dazu.« Das kam mal wieder von Hans.
»Dann kamen diese … Taucher aus dem Boden«, schlussfolgerte Tubb.
Ein ohrenbetäubendes Quietschen unterbrach ihr Gespräch. Das entsetzliche Geräusch ging über in eine Art statisches Rauschen, das immer wieder von kurzen Tönen und Klängen unterbrochen wurde. Für Tubb klang es so, als würde jemand den Empfangsregler eines Radios ununterbrochen verstellen.
Ein tiefes Summen löste das Rauschen ab.
Die mittlere Gestalt zuckte mit ihrem ausgestreckten Arm. »Geben Sie uns den Boten.« Die Stimme klang wie trockenes Papier.
Tubb und Arnold wechselten überraschte Blicke.
»Den Boten?«, fragte Tubb. »Sie meinen die Maschine?«
»Den Boten«, erwiderte die Stimme.
John Arnold hob abwährend seine Hände. »Einen Moment mal. Ich denke, Sie sind uns ein paar Erklärungen schuldig. Wieso haben Sie unsere Stadt angegriffen? Wer sind Sie überhaupt?«
Der rechte Taucher trat auf Arnold zu, packte ihn am Kragen seines Jacketts und schleuderte ihn über einen der Schreibtische, sodass er zusammen mit einem Computerbildschirm zu Boden fiel.
»Autsch!«, rief Hans.
Tubb lief um den Schreibtisch herum und kniete sich neben Arnold hin. »Alles in Ordnung?«
»Fragen Sie das jeden, der eins von diesen Typen auf den Deckel kriegt?«, ächzte Arnold.
Tubb half ihm beim Aufstehen.
»Das ist nicht gerade die englische Art«, meinte Arnold darauf. Er zog eine Pistole aus seinem Schulterhalfter. »Also, meine Herren, wer sind Sie und woher kommen Sie?«
»Den Boten!«
»Können Sie auch noch etwas anderes sagen?« Hans stand nun als Einziger den drei Gestalten gegenüber.
»Bringen Sie uns den Boten.«
»Wow«, erwiderte Hans.
Je länger Tubb über diese eigenartige Situation nachdachte, desto sonderbarer kam sie ihm vor. Aus welchem Grund nahmen sich diese Taucher die Maschine nicht selbst? Sie hätten ohne Weiteres zum Röntgenapparat gehen und die Maschine nehmen können. Aus welchem Grund taten sie das aber nicht? Als Tubb zufällig auf das Bild mit den Zahnrädern blickte, das der Beamer noch immer an die Leinwand warf, entwickelte sich in ihm eine erstaunliche Annahme.
»Arnold, wissen Sie was?«, begann er. »Ich denke, diese Typen vertragen keine Röntgenstrahlen.«
»Hören Sie, Tubb, ich wurde soeben über den Tisch geschubst, nicht Sie.«
Tubb schüttelte den Kopf, als Zeichen, dass es ihm ernst war. »Der Apparat, unter dem die Maschine liegt, ist immer noch an. Überlegen Sie doch einmal, aus welchem Grund diese Taucher ihren Boten nicht einfach nehmen und wieder verschwinden.«
John Arnold rieb sich das Kinn. »Verdammt, Tubb, Sie könnten recht haben. Aber was sollen wir machen?«
»Geben Sie uns den Boten!« Der mittlere Taucher trat auf Hans zu und schubste ihn vor sich her, bis er gegen das Röntgengerät stieß.
»Ich weiß, ich weiß«, seufzte Hans. »Mit mir kann man das ja machen. Aber was sagen Sie dazu?« Damit holte Hans zu einer kräftigen Rechten aus, die er dem Taucher direkt in die Magengegend platzieren wollte. Zu seinem großen Entsetzen ging seine Faust durch den Körper des Wesens hindurch, so als bestände es aus reiner Luft.
Als Antwort auf diese Aktion, griff der Taucher Hans an den Hals und drückte seine Finger langsam zu. »Den Boten, habe ich gesagt.«
Tubb sah, wie das Gesicht seines Mitarbeiters dunkelrot anlief. Er eilte auf das Röntgengerät zu und hob die Maschine daraus hervor. »Lassen Sie ihn los!«, rief Tubb. »Hier haben Sie Ihre Maschine!«
Sofort lockerte der Taucher seinen Griff.
Hans sackte röchelnd zu Boden.
Maki eilte herbei. »Hans! Geht es dir gut?« Sie kniete sich neben ihn hin.
»Na, hab ich dich beeindruckt?«, grinste Hans. Seine Stimme klang wie eine rostige Schraube, die sich langsam aus ihrer Halterung löste.
»Denk jetzt ja nichts Falsches«, entgegnete sie. »Sonst knall ich dir auch noch eine.«
Die drei Taucher, die nun im Besitz ihres Boten waren, wandten sich zum Gehen.
»Sind Sie uns nicht eine Erklärung schuldig?«, rief Tubb ihnen nach. »Sie haben Ihre Maschine bekommen. Erzählen Sie uns also, woher Sie kommen und wieso Sie diese Stadt angegriffen haben?«
Die drei Taucher blieben stehen. Der Mittlere von ihnen drehte sich langsam um. »Wir sind uns schon einmal begegnet, Mr. Tubb. Denken Sie nach.«
Tubb verstand die Welt nicht mehr. »Schon einmal begegnet? Was meinen Sie damit?«
Der Taucher wandte sich um und stapfte mit den anderen beiden aus dem Labor.
Tubbs Gedanken schwirrten herum wie wild gewordene Fliegen. Schon einmal begegnet? Aber wo? Etwa Kambodscha? Seoul? Aber dort geschahen doch ganz andere Dinge. Andere Maschinen und andere Techniken waren dort am Werk gewesen. Es musste mit einer anderen Sache zu tun haben. Einer Angelegenheit, die weiter zurücklag. Etwas, das mit diesen Boten im Zusammenhang stand.
»Wir sollten Ihnen nach, Tubb«, holte Arnold ihn aus seinen Gedanken. »Wir müssen wissen, wie sie hierher gekommen sind.«
Vor dem Labor verlief ein langer Gang, der auf der linken Seite an einer Stahltür endete, die normalerweise immer geschlossen war. Doch diesmal stand die Tür offen.
»Dort entlang«, sagte Arnold. Er umfasste den Griff seiner Pistole mit beiden Händen.
Hinter der Tür führte eine Treppe mehrere Meter hinunter.
Tubb hörte hallende Schritte sowie ein seltsames Geräusch, das ihn irgendwie an das Heulen eines Staubsaugers erinnerte. Er drängte sich an Arnold vorbei und lief die Stufen hinunter.
»Sind Sie wahnsinnig, Tubb? Lassen Sie mich vorangehen. Ich hab immerhin eine Waffe.«
Doch Tubb dachte nicht daran. Er wollte unbedingt wissen, wie es die drei Taucher geschafft hatten, an die Oberfläche zu kommen. Er hörte Arnold fluchen und dann seine Schritte, die ihm folgten.
Nach einigen Metern endete der Gang an einer Doppeltür, die dem Eingang zu einer Lagerhalle ähnelte. Beide Flügel standen offen. Grünliches Licht schimmerte durch die Öffnung hindurch.
Tubb begann, zu rennen. Hinter dem Durchgang erstreckte sich tatsächlich eine weite Halle, deren Wände mit Regalen voll gestellt waren, die bis an die Decke reichten. In diesen Regalen erkannte Tubb unzählige Ordner, Kartons, Bücher und lose Stapel aus Papier, die von diesem sonderbaren, grünen Schimmern erhellt wurden.
Das Licht hatte seinen Ursprung in einer unglaublichen Apparatur, die halb aus dem Boden ragte. Sie besaß das Aussehen eines riesigen Delphins, vor dessen Maul eine Reihe Schaufelräder befestigt waren, die anscheinend dazu dienten, Tunnel durch den Boden zu graben. Das gesamte Gefährt besaß eine in Bronze schimmernde Außenhülle und kreisrunde Bullaugen. Das grünliche Licht stammte von in die Hülle eingebauten Scheinwerfern.
Tubb beobachtete gerade, wie die Taucher durch ein Schott ins Innere des Gefährts traten. Das Schott schloss sich hinter ihnen. Wenige Sekunden darauf nahm das Heulen an Intensität zu. Der Boden begann zu vibrieren. Schließlich setzte sich das Gefährt in Bewegung und verschwand im Boden.
Tubb wollte sich gerade dem Loch nähern, als ihn eine plötzliche Hitzewelle zurückwarf und er der Länge nach zu Boden fiel. Als er sich wieder aufrichtete, bemerkte er eine Wölbung aus Stahl, die das Loch versiegelte.

10

»Die Telefone funktionieren wieder!«, rief Maki begeistert, als Tubb und Arnold zurück ins Labor kamen. »Ihre Leute haben sich gemeldet, Mr. Arnold. Sie haben in der Kanalisation eine eigenartige Stahlversiegelung gefunden.«
Arnold nickte. »Ein weiteres Beispiel dafür, dass McIntires Leute blind durch die Gegend rennen.«
»Und was war mit den Tauchern?«, fragte Hans. Er schien sich von dem Angriff wieder erholt zu haben.
Tubb erzählte ihnen rasch, was er gesehen hatte. »Wir wissen jetzt, dass sie tatsächlich aus dem Inneren der Erde kommen«, schlussfolgerte er. »Bei den Tauchern muss es sich um Mitglieder der Hyperzivilisation gehandelt haben. Vielleicht aber waren sie selbst ebenfalls Maschinen.«
»Da gibt es noch etwas«, sagte Maki. »Uns haben Meldungen aus der ganzen Welt erreicht. In anderen Großstädten ist es ebenfalls zu Zwischenfällen mit diesen Boten gekommen. New York, Tokio, Berlin und andere Orte weisen teilweise eine größere Zerstörung auf als London.«
»Ein globaler Angriff«, sagte Tubb nachdenklich. »Aber wieso zerstörten sie nicht gleich alles? Ihre Technik ist dazu ohne Weiteres in der Lage.«
»Wenn jemand mehr darüber weiß, dann ist es Paul Symmes«, meinte Arnold.
»Und genau der gilt als verschollen«, fügte Hans hinzu.
»Dann müssen wir ihn irgendwie aufspüren«, erwiderte Arnold. »Ich werde meine Leute darauf ansetzen.«
»Glauben Sie, die werden nochmals angreifen?«, fragte Maki verunsichert.
»Ich frage mich, was Parks Leute damals in den Ruinen entdeckt oder ausgelöst haben«, erwiderte Tubb. »Es muss damit zusammenhängen. Von früheren Zwischenfällen hätten wir längst gehört.«
Hans räusperte sich. »Aber dieser Taucher sagte doch, dass es etwas mit Ihnen zutun hat.«
Tubb spürte, wie es ihm kalt den Rücken hinunter lief.
Er wandte sich von den anderen ab und ging langsam aus dem Labor.

Epilog

Tubb saß in seinem Wohnzimmer und versuchte, den Wirrwarr in seinem Kopf mit Alkohol zu betäuben. Er hatte den Fernseher ohne Ton laufen. Fast alle Sender zeigten die Zerstörungen, welche die Boten angerichtet hatten. Hin und wieder wurden auch mumifizierte Leichen präsentiert. Er schenkte sich gerade ein Glas Whiskey nach, als es an der Tür klingelte. Tubb blieb sitzen. Er hob das Glas und trank es in einem Zug leer. Er wusste nicht mehr, wie viele Gläser er bereits getrunken hatte. Die Flasche war jedoch nur noch halb voll.
Das Klingeln wiederholte sich.
Verärgert knallte er das Glas zurück auf den Couchtisch und stand auf. Durch den Türspion erkannte er Maki.
Er seufzte und öffnete. »Was willst du hier, Maki? Ich hab jetzt ehrlich gesagt keine Lust, mich über irgendetwas zu unterhalten.«
»Hast du getrunken?«, fragte sie.
»Ich habe mich bisher nur zweimal in meinem Leben betrunken. Über das erste Mal weißt du ja Bescheid.«
Sie drängte sich an ihm vorbei in die Wohnung.
Zunächst blieb Tubb verblüfft stehen, doch dann schloss er die Tür. Als er ihr ins Wohnzimmer folgte, sah er, wie sie die Flasche zumachte und zusammen mit dem Glas in die Küche trug. »Bist du gekommen, um bei mir aufzuräumen?«
»Wieso besäufst du dich wieder?«, rief sie aus der Küche. »Das ändert nichts. Alkohol ist keine Lösung, Fred.«
Tubb folgte ihr in die Küche und sagte: »Meine Güte, das waren fast dieselben Worte wie ich sie zu Jung-Kyo Park gesagt habe.«
»Na, dann weißt du ja, dass es richtig ist.« Sie begann, Wasser zu kochen. »Hast du eigentlich noch was anderes als dieses Schießpulver?«
»Irgendwo gibt es noch Instantkaffee. Aber erklär mir bitte, wieso du überhaupt hierher gekommen bist.«
»Nachher. Am besten, du setzt dich zurück ins Wohnzimmer.«
Nachdem Maki ihm die Tasse gereicht hatte, setzte sie sich neben ihm auf die Couch.
»Also, um was geht es?«, erkundigte sich Tubb erneut.
Maki schaute verlegen auf die Tischplatte. »Es geht um das, was dieser Taucher zu dir gesagt hat. Dass du ihm bereits begegnet wärst.«
Tubb ließ die Tasse, wo sie war. »Und?«
»Um ehrlich zu sein, ich kam schon früher auf diesen Gedanken. Als ich das mit dem Zug hörte und später die Zerstörung rund um das Institut gesehen habe.«
Tubb spürte, wie sich seine Brust zusammenzog. »Dann erzähl es auch.«
»Deine Frau, Fred«, brachte sie endlich heraus. »Ihr Auto war völlig verrostet, obwohl der Unfall nur eine Stunde zurücklag.«
Tubb holte tief Luft und stand auf. »In Ordnung, Maki. Schön, dass du hier warst. Aber jetzt geh bitte wieder.«
In Makis Augen spiegelten sich Tränen. »Fred, ich will dir nur helfen.«
»Indem du mir erklären willst, dass meine Frau irgendwo als Mumie herumliegt?«
»Man hat sie nie gefunden«, sagte Maki. »Vielleicht …«
Tubb hob abwehrend seine Hände. »Stopp! Bis hierher und nicht weiter.«
»Es könnte sich dabei um genau dieselben Phänomene handeln«, fuhr Maki fort.
Tubb hatte auf einmal ein Gefühl, als würde sich alles um ihn drehen. »Maki, du hast mich damals mehr als nur unterstützt. Aber was du jetzt sagst, bringt mich fast um meinen Verstand.«
»Aber es könnte sein.«
»Geh bitte wieder«, sagte er. »Es ist besser, wenn ich jetzt alleine bleibe.«
Maki stand auf. Doch statt die Wohnung zu verlassen, trat sie zu Tubb und umarmte ihn fest.

Tubb erwachte, als das Telefon klingelte. Maki lag neben ihm und sagte: »Es ist schon das zweite Mal.«
Sofort sprang Tubb aus dem Bett und lief ins Arbeitszimmer. Kaum hatte er den Hörer abgehoben, als Arnold sagte: »Mein Gott, Tubb, sind Sie taub? Ich versuche Sie schon seit mindestens einer viertel Stunde anzurufen. Mrs. Asakawa hat ihr Handy ausgeschalten und Hans Schmeißer geht ebenfalls nicht ans Telefon.«
»Was gibt’s, Arnold? Es ist vier Uhr früh.«
»Schalten Sie Ihren dämlichen Computer an und lesen Sie meine Nachricht. Danach können Sie weiterfragen.«
Als Tubb die E-Mail geöffnet hatte, las er Folgendes: Kreuzfahrtschiff im Pazifik funkt SOS. Letztes Sendesignal gegen 3 Uhr 27. Seitdem spurlos verschwunden.
»Haben Sie’s jetzt gelesen?«
»War ja nicht viel.«
»Also, was stehen Sie noch hier herum? Packen Sie gefälligst Ihren Koffer. Und rufen Sie Ihre Mitarbeiter zusammen. Der Flug geht in genau einer Stunde.«

Die Abenteuer von Frederic Tubb und seinem Team gehen bald weiter in
Prähuman Band 3
»Frederic Tubb funkt SOS«

Copyright © 2010 by Max Pechmann

 

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