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Frederic Tubb ist Professor für rätselhafte Phänomene und Artefakte. Eines Tages bekommt er ein seltsames Telegramm. Darin steht, dass in Kambodscha eine merkwürdige Entdeckung gemacht wurde. Die Reste einer fremdartigen Stadt. Alter: 70 Millionen Jahre.
Kaum bekommt die Öffentlichkeit Wind von der ganzen Sache, gerät Frederic Tubb in Kontakt mit merkwürdigen Personen, die versuchen, ihn von seiner weiteren Forschung abzuhalten. Doch Frederic lässt nicht locker. Weitere Entdeckungen werden gemacht, die Aufschluss darüber geben, dass vor unserer Zeit eine hypermoderne Kultur existiert hat. Waren es Außerirdische? Wer sind die Leute, die versuchen, Frederic Tubb von seinen weiteren Forschungen abzuhalten?
Frederic Tubb macht sich zusammen mit seinen Mitarbeitern Maki Asakawa und Hans Schmeißer daran, das Rätsel der Hyperzivilisation zu lösen. Dabei stößt er auf merkwürdige Vorkommnisse und bizarre Situationen.

Das Geheimnis der Hyperzivilisation

TEIL EINS: KAMBODSCHA, AUGUST 2009

1

Frederic Tubb wäre nie von selbst auf die Idee gekommen, freiwillig nach Kambodscha zu reisen. Er hasste tropisches Klima. Diese elendige Hitze brachte einem manchmal fast um den Verstand. Aber genau in diesem Augenblick befand sich Tubb in einem Helikopter über dem Dschungel dieses noch immer vom Bürgerkrieg gezeichneten Landes. Tubbs Armbanduhr zeigte fünf Minuten nach acht. Die morgendliche Sonne kämpfte sich durch einen diesigen Himmel. Vor einer Stunde hatte er es gerade noch geschafft, eine Tasse Kaffee zu trinken. Er fühlte sich noch immer benommen von dem Zeitunterschied. Erst gestern war er mit einer Maschine der British Airways aus London am Flughafen von Phnom Penh angekommen. Mit Zwischenstopp in Bangkok. Direktflüge gab es nicht.
Während der Pilot den Helikopter über die Baumwipfel des kambodschanischen Dschungels steuerte, betrachtete Tubb mit müden Augen den aufsteigenden Dunst, der die ganze Landschaft wie ein gespenstisches Leintuch umgab. Tubb arbeitete zurzeit als Gastprofessor an der Universität von London. Sein Spezialgebiet betraf rätselhafte Phänomene und Artefakte. Egal, ob es sich um Frösche handelte, die vom Himmel fielen, mysteriöse Hufspuren auf Fensterbrettern im dritten Stock eines Hochhauses in Glasgow oder um eigenartige Kunstwerke und Gebäude. Tubb gehörte zu denjenigen, die bei solchen Entdeckungen und Ereignissen als Erste gerufen wurden. Er hatte bereits unzählige Artikel veröffentlicht und mehrere Bücher geschrieben, die in Expertenkreisen viel zitiert und auch gelobt wurden. Sein Terminkalender war dementsprechend voll. Als Gastprofessor oder als Teilnehmer von Kongressen reiste er ständig um die Welt, um interessierten Studenten und Kollegen von seiner Arbeit und seinen neuesten Forschungsergebnissen zu berichten.
Diese Tätigkeit führte ihn letztendlich in einen Helikopter, der ratternd den Dschungel von Kambodscha überflog.
Ein Telegramm und ein darauf folgendes, nur wenige Sekunden dauerndes Telefonat hatten dazu geführt, dass sich Tubb in das von ihm ungeliebte feuchtheiße Klima Südostasiens vorwagte. Seinen letzten Aufenthalt in Bangkok vor zwei Jahren hatte er mehr auf der Toilette als im Hörsaal verbracht. Das Telegramm hatte nur aus zwei Worten bestanden: »Sensationelle Entdeckung«. Ein Freund von ihm aus Südkorea, der gerade Forschungsarbeiten in Kambodscha betrieb, hatte es ihm gesandt. Tubb hatte ihn sofort angerufen. Jung-Kyo Park brüllte beinahe ins Telefon: »Komm sofort her! Ein irrsinniger Fund!«
Tubb kannte Jung-Kyo Park schon seit Langem, sodass er wusste, dass diesen eigentlich so gut wie gar nichts aus dem Häuschen bringen konnte. Ganz im Gegenteil, Jung-Kyos stoische Ruhe war es, die Tubb selbst manchmal außer Rand und Band brachte. Ein vor Begeisterung und Aufregung brüllender Jung-Kyo bedeutete, dass es hier in der Tat um eine Sensation ging. Tubb hatte einen Flug gebucht und seine beiden Mitarbeiter Maki Asakawa und Hans Schmeißer gebeten, mitzukommen.
Als sich vor ihnen eine weite Lichtung auftat, bereitete der Pilot den Helikopter auf die Landung vor.
»Was soll hier sein?«, fragte Hans, der auf einem der beiden hinteren Sitze saß. Er beugte sich vor, um besser durch das Cockpitfenster sehen zu können. Er besaß kurze, blonde Haare und wirkte recht schwerfällig. Aber das täuschte. Seit mehreren Jahren trainierte er in zwei Vereinen Boxen und Kung-Fu. »Jung-Kyo hat eine Lichtung im kambodschanischen Dschungel entdeckt und teilt dir das als Sensation mit?«
Tubb grinste. Hans gehörte wahrscheinlich zu den ungeduldigsten Menschen, die es auf der Welt gab. Wenn er etwas nicht sofort erkannte, glaubte er als Erstes, hinters Licht geführt worden zu sein. Seine ungestüme Art hatte ihn bereits mehrmals in scharfe Konflikte mit anderen Wissenschaftlern gebracht. Nur mit größter Mühe hatte Tubb die Wogen jedes Mal glätten können.
»Jung-Kyo hat auf der Lichtung sein Basislager aufgebaut«, erklärte Maki, die neben Hans saß. Vor drei Jahren hätte sie beinahe die Wahl zur Miss Tokyo gewonnen. Sie wollte nie damit herausrücken, wie es überhaupt dazu gekommen war. Wahrscheinlich hätte niemand sie auf Anhieb für eine angehende Wissenschaftlerin gehalten. Sie hätte genauso gut auf der Titelseite eines Modemagazins erscheinen können. Ihre schönen Gesichtszüge, ihr langes Haar sowie ihre stets körperbetonte Kleidung ließen die Herzen der Studenten sowie Professoren höher schlagen.
Hans war auf jeden eifersüchtig, der Maki zu nahe kommen wollte. Und das waren nicht wenige. In ihre Sprechstunde kamen auch Studenten, die nicht einmal ihr Fach studierten. In ihrem Postfach fanden sich öfters mehr Verehrerbriefe als wissenschaftliche Unterlagen. Maki aber nahm alles mit einer gewissen Gelassenheit und viel Humor. »Seine Entdeckung befindet sich ein paar Kilometer weiter im Dschungel«, fügte sie hinzu.
»Tubb, sagen Sie mir, dass das nicht wahr ist«, wandte sich Hans wieder an den Professor. »Nicht in den Dschungel. Lichtung ist in Ordnung. Aber nicht in den Dschungel.«
»Was ist daran so schlimm?«, fragte Tubb.
»Als Kind hab ich mal eine Tiersendung gesehen, in der gezeigt wurde, wie riesige Spinnen ganze Netzstraßen zwischen den Bäumen gebaut haben«, erklärte Hans. »Seitdem habe ich mir eines geschworen: nie einen Dschungel zu betreten.«

Der Helikopter setzte auf einem gekennzeichneten Landefeld auf. Das Rotorengeräusch erstarb. »Wir sind da«, sagte der Pilot.
»Auf geht’s«, rief Tubb. Als er die Tür öffnete, strömte ihm die schwülheiße Luft Kambodschas entgegen.
Die Lichtung besaß einen Durchmesser von etwa zweihundert Metern. Auf der gegenüberliegenden Seite des Landeplatzes befand sich ein Zeltlager. Die grünen Planen schimmerten feucht. Dahinter drängten sich die hohen, düster wirkenden Bäume wie eine herannahende Armee.
»Und wo ist das Empfangskomitee?«, wunderte sich Hans.
»Jung-Kyo hat den Helikopter organisiert, also wird er auch hier sein«, meinte Maki gelassen.
Im selben Augenblick trat zwischen den Zelten ein dünner Mann hervor, dessen graue Haare einen Kranz um seine Glatze bildeten. Er trug eine lange, beige Hose und ein weißes T-Shirt. Trotzdem seine Gesichtszüge ihm das Image eines ernsthaften Asketen aufstempelten, leuchteten seine Augen voller Freude und Begeisterung. Er schüttelte Tubb kräftig die Hand. »Wenn ich nicht wüsste, dass ich dich gebeten habe, hierher zu kommen, so würde ich jetzt sagen: Fred, das ist aber eine Überraschung.«
Lachend fielen sich beide in die Arme.
»Maki Asakawa und Hans Schmeißer kennst du ja bereits«, sagte Tubb.
»Wie kann man eine so reizende Person wie Maki Asakawa jemals vergessen«, sagte Jung-Kyo und verbeugte sich dabei leicht vor ihr. »Und natürlich Hans Schmeißer, der es beinahe geschafft hat, den Vorsitzenden der Gesellschaft für Kultur und Geschichte vor Ärger in die Luft gehen zu lassen.«
»Um was geht es hier überhaupt, Mr. Park?«, wollte Hans wissen.
»Trinken wir erst etwas in meinem Zelt«, erwiderte Jung-Kyo. »Dabei werde ich versuchen, euch einen Bericht darüber abzuliefern. Wir können es selbst kaum glauben, was wir da entdeckt haben.«
»Ihre Entdeckung befindet sich wirklich nicht auf dieser Lichtung?«, fragte Hans.
Jung-Kyo lachte. »Sie gefallen mir, Hans. Nein, um diese Sensation zu sehen, müssen wir zwei Kilometer in den Dschungel. Wir haben mittlerweile eine Art Weg in das Dickicht geschlagen, sodass es recht einfach für Sie sein dürfte, dorthin zu gelangen.«
»Sie können nicht etwa schon jetzt eine kleine Andeutung darüber machen, was uns erwarten wird?«, fragte Maki voller Ungeduld.
»Nur die eine: Es ist unglaublich.«

2

Kaum hatten sie das Zelt betreten, als der Regen in dicken Tropfen gegen die Plane schlug.
In der Mitte stand ein runder Campingtisch. Mehrere Klappstühle umgaben ihn wie Satelliten einen Planeten. Es gab einen kleinen Generator, der Strom für einen Kühlschrank, eine Stehlampe und einen Laptop lieferte.
»Setzt euch doch«, forderte Jung-Kyo seine Gäste auf. Er holte aus dem Kühlschrank vier Dosen Cola und stellte sie auf den Tisch.
Tubb griff sofort nach einer und hielt sie sich gegen Stirn und Nacken. Die Kühle vertrieb für einen Moment seinen Ärger darüber, Jung-Kyos Einladung gefolgt zu sein. Seine Kleidung klebte ihm bereits an seinem Körper.
Hans und Maki schien die Schwüle nicht viel auszumachen. Besonders Maki machte den Eindruck, als würde sie das Wetter regelrecht genießen.
»Also, Mr. Park, heraus mit der Sprache«, begann Hans, während er seine Coladose öffnete. »Was wird hier gespielt?« Er hob die Dose an seine Lippen und trank sie in nur drei Zügen aus.
Jung-Kyos stetes Grinsen dehnte sich auf einmal wie ein Gummiband. Er griff in seine Hosentasche und holte etwas hervor, das Tubb zunächst für einen Stein hielt. Bei genauerer Betrachtung wirkte dieses Stück jedoch eher wie eine Art grauer Splitter.
»Das gehört zu dem, was wir hier im Dschungel gefunden haben«, erklärte Jung-Kyo. »Ich bin zusammen mit einem Team von der Seoul-Universität hierher beordert worden, um bestimmten Gerüchten nachzugehen. Diese Gerüchte scheinen sich hier in Kambodscha recht hartnäckig zu halten. Bisher hat jedoch noch niemand versucht, diesen auf den Grund zu gehen.«
»Eine Uni, die bereitwillig Geld hergibt?«, wunderte sich Hans.
Maki stieß ihm mit ihrem Ellenbogen leicht in die Seite.
Jung-Kyos Gesichtsausdruck wurde etwas ernster. »Meine Universität erhofft sich, durch diese Forschung ein höheres internationales Ansehen zu gewinnen. Es klingt vielleicht merkwürdig, wenn sie sich dieses dadurch erhofft, indem sie Gerüchten und vielleicht Hirngespinsten nachjagt. Doch wenn Sie erfahren, was wir hier entdeckt haben, so werden Sie feststellen, dass es sich für die Universität durchaus gelohnt haben könnte.«
»Um was für Gerüchte handelt es sich denn, Jung-Kyo?«, fragte Tubb. Es schien ihm auf einmal, als haben sich die bisherigen Strapazen doch gelohnt.
»Die Gerüchte über eine Stadt«, antwortete der südkoreanische Wissenschaftler.
»Eine Stadt?«, hakte Maki nach. »So etwas wie El Dorado?«
»An diesen Vergleich habe ich noch gar nicht gedacht, Mrs. Asakawa«, erwiderte Jung-Kyo. Seine Gesichtszüge erhellten sich wieder. »Aber ich denke, irgendwie könnte er passen. Wir haben Nachforschungen in alten Überlieferungen angestellt, wie weit diese Gerüchte zurückliegen. Sie müssen wissen, dass unsere Nachforschungen nicht einfach waren und wahrscheinlich auch sehr lückenhaft. Der Grund liegt bei den Roten Khmer, die einfach zu viele alte Texte vernichtet haben. Wir fanden aber heraus, dass es bereits im 6. Jahrhundert derartige Gerüchte über eine Stadt im Dschungel gegeben hat.«
»Wenn sich Gerüchte so lange halten, dann muss es sich dabei wohl um eine besondere Siedlung handeln«, meinte Tubb. »Wie Maki schon sagte, ähnlich wie bei El Dorado.«
Jung-Kyo nickte zustimmend. »Du kannst mir glauben, Fred, sie ist etwas Besonderes. Dieses Stück hier stammt von einem der Bauwerke.«
Tubb, Maki und Hans beugten sich über den Tisch, um den Gegenstand besser sehen zu können.
»Ich würde auf Beton tippen«, sagte Tubb, während er das Material befühlte.
Hans lachte laut auf. »Wissen Sie, was Sie da sagen, Tubb? Beton? Der gute Mann sprach gerade davon, dass die ersten Überlieferungen aus dem 6. Jahrhundert stammen. Hallo? Hat hier jemand etwa nicht aufgepasst?«
»Fred hat recht«, erwiderte Jung-Kyo. Dabei drehte er den Splitter in den Händen. »Es ist Beton. Die Mischung ist zwar etwas anders als wir sie heutzutage verwenden, aber es fällt unter den Begriff Beton.«
»Du hast also das Material bereits untersucht?«, hakte Tubb nach. Die Angelegenheit wurde für ihn immer spannender.
Jung-Kyo grinste verlegen. »Um ehrlich zu sein, wir sind hier schon seit einer ganzen Weile. Die ersten Interviews mit Einheimischen fanden bereits vor einem halben Jahr statt. Als die Auswertung der Interviews ergab, dass die Gerüchte über eine seltsame Stadt im Dschungel kein Einzelfall waren und sich sogar stark ähnelten und damit wohl einen wahren Kern besitzen mussten, beschlossen wir, mit einem Team herzukommen.«
»Was heißt herkommen? Konnten Sie die Lage dieser Stadt anhand der Gerüchte so leicht finden?« Maki schaute erst Jung-Kyung, dann Tubb mit hoch gezogenen Augenbrauen an.
Der koreanische Wissenschaftler legte den Betonsplitter auf die Tischplatte. Tubb ergriff ihn sofort, um ihn genauer betrachten zu können.
»Einer meiner Studenten, den ich ins Team mit aufgenommen habe, fand bei seinen Recherchen einen eigenartigen Bericht eines amerikanischen Piloten, der während des Vietnamkriegs Ziele in Kambodscha angriff. Er berichtete, dass er bei einem seiner Rückflüge merkwürdige Formationen durch die Bäume schimmern sah. Er meinte später, dass es sich dabei um recht außergewöhnliche Ruinen gehandelt haben könnte. In seinem Bericht erwähnte er, dass sich diese Stelle in der Nähe einer großen Lichtung befinde.«
»Seine Vorgesetzten ließen nicht sofort diese Formationen beschießen?«, fragte Hans. Der ironische Unterton in seiner Stimme war dabei nicht zu überhören.
»Eigenartigerweise nicht«, bemerkte Jung-Kyo. »Anscheinend vergaß man seine Meldung recht schnell. Mein Student fand Auszüge aus seinem Bericht in einem Buch über rätselhafte Phänomene aus dem Jahr 1978. Auf jeden Fall führte uns die Beschreibung hierher. Und wir fanden auch tatsächlich das, was er in seinem Bericht behauptet hat.«
»Seltsame Formationen?«, meinte Hans.
Erneut stieß Maki ihm mit ihrem Ellenbogen in die Seite.
»Viel mehr als das«, antwortete Jung-Kyo. »Aber das ist bei Weitem noch nicht alles. Ich habe mir die Freiheit genommen, dieses Stück Beton mithilfe der Radiokarbonmethode auf sein ungefähres Alter hin untersuchen zu lassen. Was schätzt ihr, wie alt es ist?«
Hans schüttelte genervt den Kopf. »Beton«, schnaubte er.
»Vielleicht hundert Jahre?«, meinte Maki.
Jung-Kyo vollführte mit seiner rechten Hand eine abwegige Geste. »Denken Sie daran, dass die ersten Berichte, die wir finden konnten, aus dem 6. Jahrhundert stammen.«
Tubb rieb sich das Kinn. »Tausend Jahre?«
Hans klopfte sich gegen die Stirn. »Tausend Jahre. Tubb, Sie vertragen eindeutig die Hitze nicht.«
Jung-Kyo konnte sich ein Lächeln nicht länger verkneifen. »Halten Sie sich fest. Dieses Stück hier besitzt ein Alter von etwa siebzig Millionen Jahren.«
Tubb verschüttete beinahe seine Coladose.
Hans blieb zum ersten Mal die Sprache weg.
Maki starrte das Stück Beton an, als wären ihm auf einmal Hände und Füße gewachsen.
»In Ordnung, Mr. Park«, begann Hans nach einer Weile. »Sagen Sie einfach, dass Sie uns gerade ganz schön übers Ohr gehauen haben. Lachen Sie dazu ein wenig und zerbröseln Sie dabei dieses Stück Irgendwas. Mr. Tubb, Maki Asakawa und ich spazieren dann gelassen zurück zum Helikopter, lassen es uns danach im Hotel einen Tag lang gut gehen und fliegen morgen wieder zurück nach London. Schwamm drüber. Was halten Sie davon?«
»Nicht so schnell, Hans«, wandte Tubb ein. Er glaubte keineswegs, dass sein Freund Jung-Kyo sie übers Ohr hauen wollte. Ein Stück Beton, das siebzig Millionen Jahre alt war. Der Fund erinnerte ihn dunkel an eine Theorie, von der er einmal gelesen hatte. Diese Theorie lautete, dass es sein könnte, dass vor dem Auftreten des Menschen eine andere, viel ältere Zivilisation existiert haben könnte. Der Wissenschaftler, der diese Annahme von sich gegeben hatte, versuchte diese mit eigenartigen Funden zu belegen. Wie etwa einer angeblichen Batterie, deren Alter auf sechs Millionen Jahre geschätzt wurde. Das Ding war allerdings so sehr verrostet und verbogen, dass niemand mehr sagen konnte, um was es sich dabei wirklich handelte.
In Jung-Kyos Fall belegten immerhin die uralten Gerüchte über eine seltsame Stadt, dass der Fund kein bloßes Wunschdenken war.
»Ich denke, wir sollten uns auf den Weg machen, um die Überreste dieser Stadt zu sehen«, sagte er. »Hast du noch Platz für drei Leute in deinem Team?«
Jung-Kyo verneigte sich leicht. »Es ist mir eine Ehre. Wenn du willst, können wir sofort aufbrechen. Ein Teil meiner Leute ist gerade bei den Ruinen.«
Hans klatschte in die Hände. »Ich erledige inzwischen den Abwasch, Freunde.«
»Sie wollen sich das wirklich nicht ansehen?«, wunderte sich Jung-Kyo. »Aber Sie sind doch extra dafür aus London hierher gekommen.«
Maki kicherte. »Spinnen.«
»Spinnen?«
»Anscheinend eine Art Kindheitstrauma«, erklärte Tubb.

3

Tubb hatte bisher immer geglaubt, dass der Dschungel von einer ohrenbetäubenden Kakophonie unterschiedlichster Tierlaute erfüllt sei. Doch während er zusammen mit Jung-Kyo Park und Maki Asakawa den schmalen Pfad folgte, der sich wie ein Band zwischen den Baumriesen hindurchschlängelte, erklang kein einziges Geräusch. Der Urwald schien wie ausgestorben. Wenn Tubb zu Hause durch den Wald joggte, so vernahm er jedes Mal das Rascheln von Tieren, die vor ihm in die Büsche flüchteten. Hier auf diesem Pfad gab es nicht einmal dieses Geräusch.
Über ihm ragten die Baumstämme in einen grünen, dunstigen Himmel. Tubb fühlte sich, wie auf einem anderen Planeten. Lianen hingen wie riesige, zerfranste Seile herab.
»Wir sind gleich da«, teilte ihnen Mr. Park mit. »Eigentlich müssten wir schon die Stimmen meiner Leute hören.«
Der Pfad machte vor ihnen eine scharfe Biegung nach rechts. Nachdem sie die Kurve hinter sich gelassen hatten, blieb Tubb wie angewurzelt stehen. Vor ihnen erhoben sich mehrere kreisförmige Strukturen, zwischen denen die Reste von Verbindungsgängen lagen. Auf groteske Weise erinnerten diese Gebilde an Coverzeichnungen von SF-Büchern aus den 50er Jahren. Fremdartige oder zukünftige Städte wurden damals ebenfalls als mit Glaskuppeln überdachte Kreise dargestellt. Manche der grauen Außenwände, die frei von jeglicher Vegetation waren, erhoben sich etwa zwei Meter aus dem Boden, andere erinnerten an ein Trümmerfeld. Tubb schätzte die Ausdehnung dieser gesamten Ruine auf mehrere Tausend Meter. Es grenzte schon fast an ein Wunder, dass dieses Gebilde nicht einmal auf Satellitenbildern bemerkt wurde.
»Das ist einfach unglaublich«, brachte Maki mit Mühe heraus.
»Ich frage mich, wo meine Leute geblieben sind«, murmelte Mr. Park. Die außergewöhnliche Ruine schien ihn in keiner Weise mehr zu faszinieren.
»Wer kann so etwas gebaut haben?«, meinte Tubb. »Vor siebzig Millionen Jahren?«
»Hallo!«, rief Mr. Park. »Ist hier jemand? Wieso zeigt sich niemand?«
»Was ist los, Mr. Park?«, fragte Maki.
»Meine Leute sind verschwunden«, stammelte er. »Sie müssten hier eigentlich mit ihren Messungen und Grabungen beschäftigt sein.«
»Vielleicht sind sie am anderen Ende und hören uns nicht«, suchte Tubb nach einer Erklärung. Doch eigentlich störte es ihn nicht weiter. Das, was er hier sah, war schier unglaublich. Die Außenwände der einzelnen Kreise besaßen noch immer eine erstaunliche Glätte. Er wollte wissen, was sich hinter diesen Mauern befand.
»Irgendetwas stimmt hier nicht.« Mr. Parks Miene verriet eine deutliche Angespanntheit.
Maki konnte sich nicht entscheiden, ob sie Mr. Parks Sorgen teilen oder lieber Frederic Tubb folgen sollte. Die Unruhe des koreanischen Wissenschaftlers verursachte bei ihr eine Gänsehaut.
Tubb kletterte inzwischen über die Mauerreste eines Verbindungsganges, die gerade einmal einen knappen Meter aus dem Boden ragten. Als Erstes fielen ihm zwei Schaufeln und ein Vermessungsgerät auf, die dalagen, als hätte sie jemand einfach auf den Boden geworfen. Der Boden selbst bestand aus glatten, eigenartig gemusterten Fließen. Auf jeder zeigten sich Punkte, die mit schmalen Linien verbunden waren. Zeigten diese etwa andere Städte?
»Sehen Sie sich das an, Maki«, wandte er sich an seine Mitarbeiterin, die zwischen ihm und Mr. Park stand.
Sie löste sich aus ihrer Starre und stieg zu Tubb in den Gang.
»Was halten Sie davon?«
Maki ging in die Hocke und strich vorsichtig über eines der Muster. »Können es Sternzeichen sein?«
Tubb verzog leicht seinen Mund. »Sternzeichen? Wenn, dann müssen diese von anderen Welten stammen.«
»Wieso liegen hier die Geräte von Parks Männern herum? Ihr Freund scheint sich ziemliche Sorgen zu machen. Glauben Sie, dass etwas passiert ist?«
»Sie wissen ja, die erste Regel eines Wissenschaftlers lautet: Wenn du ein Projekt erfolgreich abschließen willst, dann lass deine Studenten keine Sekunde aus den Augen. – Sehen wir uns erst einmal einen der Kreise von innen an. Danach können wir Jung-Kyos Studenten beim Knutschen überraschen.«
»Ich verstehe einfach nicht, wie solch eine Anlage bisher niemand bemerkt haben kann«, wunderte sich Maki. »Nicht einmal der CIA, der bekanntlich Anfang der 70er in Kambodscha nicht untätig gewesen ist.«
»Der CIA besteht im Grunde genommen auch nur aus Beamten.«
»Wirklich eine tolle Erklärung, Herr Professor.«
Sie standen vor dem Eingang zu einem der Kreise, der dem Pfad am nächsten lag. Der Umfang betrug etwa fünfzig Meter. Die Wände verliefen nicht senkrecht, sondern bogen sich leicht nach innen. Auch hier bestand der Boden aus jenen seltsamen Fliesen. Die Wände selbst wiesen Reste von gemäldeartigen Verzierungen auf. Viel war nicht zu erkennen, da die Feuchte des Dschungels die Bilder praktisch zersetzte. Aber schon allein die Tatsache, dass Teile dieser Gemälde nach siebzig Millionen Jahren überhaupt noch zu erkennen waren, brachte Tubb zum Staunen.
»Ich hätte gewettet, ein Pärchen aus Jung-Kyos Team hier zu erwischen«, sagte Tubb.
»Was stellen diese Kreise überhaupt dar?«, wollte Maki wissen. »Können es Häuser gewesen sein, die durch Gänge miteinander verbunden gewesen waren?«
Tubb wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Es gibt für nichts einen Hinweis. Es kann alles Mögliche gewesen sein. Es könnte sich um eine hermetisch abgeschlossene Siedlung gehandelt haben. Vielleicht als Schutz vor wilden Tieren oder anderen Feinden. Es gibt keine Feuerstellen. Allerdings dürfte die Bauart der Wände darauf hinweisen, dass auf ihnen eine Glaskuppel ruhte. Möglicherweise bestand die obere Hälfte der Gänge ebenfalls aus Glas. Die Frage lautet, wer diese Siedlung erbaute, wer hier wohnte und wie das Leben darin ablief. Anhand der noch sichtbaren Reliefs lässt sich nichts erkennen. Es gibt die Farben Blau und Grün sowie Andeutungen geometrischer Figuren. Es finden sich jedoch keine Personendarstellungen oder Ähnliches. All das ist längst verrottet.«
»Haben wir es hier etwa mit Außerirdischen zu tun?« Maki wusste, dass Tubb an alles Mögliche glaubte, nur nicht, dass es Leben auf anderen Planeten gab. Aus diesem Grund sprach sie ihre Frage auch äußerst vorsichtig aus.
Tubb zuckte nur mit den Schultern. »Es ist fremdartig und für uns an dieser Stelle auch noch unerklärlich. Außerirdische sind immer die einfachste Lösung, wenn es darum geht, ein schwieriges Problem zu lösen. Man braucht sich nicht lange den Kopf zu zerbrechen. Wieso auch? Es waren doch Außerirdische. Ich denke da an etwas völlig Anderes. Und dies lässt mich ein wenig erschauern.«
Maki verschränkte ihre Arme vor der Brust und legte ihren Kopf etwas schief. »Frederic Tubb gruselt sich? Und vor was, wenn ich fragen darf?«
Tubb schritt die Wand entlang, während er sprach: »Das ist mir bereits zuvor eingefallen, als uns Jung-Kyo über seinen Fund berichtete. Es handelt sich dabei um eine Theorie, die irgendwann in den 70ern für Aufsehen sorgte. Ein Wissenschaftler behauptete damals, dass es vor unserer Zeit eine frühere Hochkultur gegeben haben könnte. Er bezeichnete sie gerne als Hyperzivilisation. Seiner Meinung nach vernichtete sie sich selbst. Mithilfe von Atombomben. Er legte alle möglichen Beweise vor, die von Historikern und Archäologen aber in der Luft zerrissen wurden. Diese Konstruktion hier scheint allerdings zu bezeugen, dass seine Theorie gar nicht so abwegig war.«
»Hat dieser Wissenschaftler auch einen Namen?«
»Ich habe alles nur am Rande mitbekommen, deswegen merkte ich mir auch den Namen nicht. Wenn wir wieder in London sind, werde ich Näheres darüber recherchieren.«
Auf einmal blieb Tubb stehen. »Was war das denn?«
Maki schaute sich erstaunt um. »Von was reden Sie?«
Tubb trat von der Wand zurück ins Zentrum des Kreises. »Die Mauer vibrierte. Wo ist eigentlich Jung-Kyo?«
»Er wartet vor dem Gang auf uns«, sagte Maki.
Tubb trat sofort aus dem kreisförmigen Gebilde zurück in den zerstörten Gang. An der Stelle, an der Tubb zuvor über die eingestürzte Mauer geklettert war, stand Jung-Kyo Park und starrte voller Entsetzen auf die Siedlung.
»Hast du das eben auch mitbekommen?«, rief Tubb.
Der koreanische Wissenschaftler zuckte zusammen, als hätte Tubb ihn soeben aus dem Schlaf geschreckt. »Ich denke, so etwas wie eine Erschütterung«, erwiderte er. Seine Stimme klang rau. »Von meinem Team fehlt jede Spur. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht.«
Der Boden unter Tubbs Füßen bebte erneut. Diesmal aber um einiges stärker.
Maki stieg als Erste über die Mauer.
Gerade als Tubb ihr folgen wollte, gab es einen so heftigen Stoß, dass er wieder zurück in den Gang stürzte und auf den Boden fiel.
»Mr. Tubb, alles in Ordnung?« Maki wollte wieder zurückkehren, um Tubb zu helfen. Mr. Park legte ihr jedoch eine Hand auf die Schulter. »Fred ist kein alter Mann, Mrs. Asakawa. Er wird es alleine schaffen.«
Tubb rappelte sich wieder auf. Sein linkes Knie und seine Ellenbogen schmerzten. Ein ungewöhnliches Schütteln setzte unter seinen Füßen ein. Die Vibrationen verstärkten sich. Die Fliesen bekamen Risse und zersprangen wie Teller auf einer zu heißen Herdplatte.
»Kommen Sie schnell wieder herüber!« Maki beugte sich nach vorne, um Tubb an seinem rechten Arm zu packen.
Die Erschütterungen nahmen die Intensität eines übergroßen Presslufthammers an. Tubbs Zähne schmerzten, als sie gegeneinander schlugen. Er schaffte es kaum noch, sich auf den Beinen zu halten.
Maki und Mr. Park blickten schockiert auf, als ein gewaltiges Krachen ertönte.
»Um Gotteswillen!«, schrie Maki. Sie traute ihren Augen nicht.
Der gesamte Boden, auf dem sich die unerklärliche Anlage befand, sackte in sich zusammen. Zuerst geschah dies im Zentrum der Siedlung. Die bizarren Ruinen stürzten in eine sich plötzlich auftuende Tiefe. Diese breitete sich in einem unerhörten Tempo aus, sodass nach nur wenigen Sekunden die hinter dem Gang gelegene Kreisform im Boden verschwand.
»Los, machen Sie schon!«, rief Maki.
Im selben Augenblick stürzten die Fliesen, auf denen Tubb bisher gestanden hatte, in einen schwarzen Abgrund. Reflexartig griff Tubb nach Makis ausgestrecktem Arm. Sein Gewicht drückte Maki von außen gegen die Mauer.
»Helfen Sie mir, Mr. Park!«, schrie Maki voller Entsetzen.
Tubb hielt sich an ihrem Arm fest, während seine Füße über einem schwarzen Nichts baumelten.
»Das Absacken des Bodens hat aufgehört«, bemerkte Mr. Park überrascht. Er blickte auf ein gigantisches Loch, das sich ab dem Mauerrest quer durch den Urwald erstreckte.
»Helfen Sie mir, verdammt noch mal!«, brüllte Maki.
Erst jetzt schien Mr. Park die brenzlige Lage, in der sich Maki Asakawa und Frederic Tubb befanden, zu bemerken. Er stürzte an die Mauer, beugte sich darüber und ergriff Tubbs linken Arm. Mit gemeinsamer Anstrengung gelang es ihnen, den Professor über die Mauer zu ziehen.
»Ihr habt mir soeben das Leben gerettet«, sagte Tubb völlig außer Atem.
»Mrs. Asakawa hat dich festgehalten, Fred«, stellte Mr. Park richtig. »Ich selbst wäre beinahe zu spät gekommen.«
Tubb nickte. »Danke. Danke an euch beide.«
Ein surrendes Geräusch machte sich bemerkbar. Tubb, der noch immer nicht ganz bei der Sache war, hielt dieses Surren zunächst für heranschwirrende Insekten. Als er seinen Kopf in die Richtung drehte, aus der das Geräusch stammte, dachte er zunächst, einer Sinnestäuschung zu erliegen. Es waren keine Insekten. Aus dem unerwartet entstandenen Krater hoben sich drei gigantische Greifarme, die wie groteske Aneinanderreihungen metallischer Halswirbel aussahen. An ihren Enden öffneten und schlossen sich säbelartige Klauen. An der Stelle, an der die Klauen mit dem Arm befestigt waren, befand sich ein rot leuchtender Punkt.
»Nichts wie weg!«, schrie Tubb.
Es ertönte ein lautes Zischen. Wenige Meter neben ihnen explodierte ein Teil der noch stehenden Gangmauer.
Tubb packte Maki und Mr. Park an den Händen und zerrte sie mit sich. Alle drei rannten so schnell sie konnten den geschlängelten Pfad zurück zur Lichtung. Dabei ertönte immer wieder jenes Zischen, gefolgt von einer Detonation, die manchmal ganze Bäume entwurzelte.
Sie erreichten die Lichtung innerhalb kürzester Zeit.
Tubb fühlte, dass sich die Gefahr alles andere als erledigt hatte.
Er blieb stehen und schaute zurück. Die Arme schossen wie gewaltige Schlangen zwischen den Bäumen hervor.
»Alle raus aus den Zelten!«, brüllte Tubb so laut er konnte. Doch es war zu spät. Rot glühende Torpedos pfiffen durch die Luft und schlugen in dem Forschungslager ein. Zelte zerrissen und gingen in Flammen auf.
Hans kam auf die drei zugerannt. »Verdammt, was habt ihr denn da mitgebracht?«
»Pass auf!«, kreischte Maki. Sie stürzte sich auf ihn und schleuderte ihn dadurch zu Boden. An der Stelle, an der Hans zuvor gestanden hatte, schlugen drei stählerne Klauen in den Boden.
Hans, der unter Maki lag, keuchte: »Ich wusste gar nicht, dass du so scharf auf mich bist.«
»Blödmann!« Maki rollte sich von ihm weg und stand auf.
Der Rotor des Helikopters röhrte auf.
»Dieser Mistkerl will abhauen!«, schrie Hans.
Ein Leuchttorpedo traf den startenden Hubschrauber und verwandelte ihn in einen Feuerball.
»Wir müssen auf die andere Seite der Lichtung«, sagte Tubb.
Inzwischen setzten die Greifarme ihr Werk der Zerstörung fort. Kein einziges Zelt stand mehr. Flammen loderten und Explosionen erschütterten den Boden. Nur wenige der im Lager verbliebenen Mitarbeiter hatten sich retten können.
»Hat jemand von euch ein Handy?«, fragte Tubb in die Runde. »Wir müssen Hilfe anfordern!«
Ein Mann reichte Tubb sein Mobiltelefon.
Den Rest des Geschehens beobachteten Tubb, Maki und Hans sowie Mr. Park und seine verbliebenen Mitarbeiter vom gegenüberliegenden Rand der Lichtung aus.
Fünf Kampfhubschrauber feuerten Maschinengewehrsalven sowie Raketen auf die Greifarme ab. Auf den metallischen Gelenken sprühten Funken. Weder Kugeln, noch Raketen schienen ihnen etwas anhaben zu können. Einer der Hubschrauber wurde gepackt und in der Luft zerdrückt. Die Übrigen vier versuchten den Attacken der grotesken Maschinen auszuweichen. Sie flogen dabei über den Dschungel in die Richtung, in der sich der Krater gebildet hatte. Tubb konnte nicht mehr erkennen, was sie dort machten. Er ahnte jedoch, dass sie vorhatten, den Ursprung der Greifarme mit ihren Raketen zu befeuern. Wenige Sekunden später riss der Druck einer gigantischen Explosion alle zu Boden. Einer der Greifarme, der über der Lichtung verblieben war, stürzte wie ein sterbender Koloss zu Boden.

 

TEIL ZWEI: SEOUL, OKTOBER 2009

1

Tubb stand in dem Badezimmer seines Hotelzimmers und rasierte sich. Es war Anfang Oktober. Das Abenteuer in Kambodscha lag bereits zwei Monate zurück. Die Kampfhubschrauber des amerikanischen Militärs waren gerade noch rechtzeitig zum Einsatz gekommen. Die Nummer, die Tubb mit dem Handy eines von Mr. Parks Mitarbeitern gewählt hatte, gehörte einem gewissen John Arnold. Offiziell existierte John Arnold überhaupt nicht. Er war einem Sonderprogramm des CIA mit der Bezeichnung LOGE zugeteilt und besaß in seinem bürgerlichen Leben einen völlig anderen Namen, den Tubb aber nicht kannte. Frederic Tubb hatte Arnolds Bekanntschaft vor fünf Jahren bei einem Kongress über mögliche Supertechnologien in New York gemacht. John Arnold hatte großes Interesse an Tubbs Tätigkeit als Wissenschaftler für außergewöhnliche Phänomene und Artefakte gezeigt und ihm eine Art Zusammenarbeit angeboten. Das Angebot lief darauf hinaus, dass Tubb ihm regelmäßig über seine neuen Erkenntnisse berichten sollte. Zwar bekam Tubb dafür kein Geld, dafür aber ständigen militärischen Beistand, für den Fall, dass er in lebensgefährliche Situationen geriet. Für diesen Zweck hatte er von John Arnold eine einfache vierstellige Nummer erhalten. Im vergangenen August hatte Tubb sie zum ersten Mal verwendet.
Bis heute zerbrach sich Tubb darüber den Kopf, wieso die Raketen der Kampfhubschrauber erst Wirkung gezeigt hatten, als sie damit den Krater beschossen. Die Greifarme selbst schienen so gut wie unverwundbar gewesen zu sein. Was befand sich in diesem Krater? Niemand wusste es. Nach dem Beschuss des Kraters, der zur Vernichtung der Greifarme geführt hatte, hatte sich eine Art Metallschirm über den Krater geschoben.
Jung-Kyo Parks Mitarbeiter, die während ihrer Untersuchung der Ruine spurlos verschwunden waren, wurden von niemandem mehr gesehen. Hatten sie vielleicht irgendetwas ausgelöst, was zu den darauf folgenden Ereignissen geführt hatte?
Frederic Tubb schüttelte seinen Kopf, während er sich im Spiegel betrachtete. Es gab einfach keine Erklärung dafür. Der Greifarm, der auf der Lichtung zurückgeblieben war, wurde von einem schweren Transporthubschrauber auf einen Flugzeugträger in den Golf von Thailand geflogen. Albert hatte ihm versprochen, sich sofort zu melden, falls seine Leute etwas über dieses »Gerät« herausfinden sollten.
Tubb wusch sich den restlichen Rasierschaum aus dem Gesicht und trocknete sich ab. Er hatte ein Zimmer im Silla-Hotel bekommen, einem der teuersten Hotels in Südkorea. Maki Asakawa und Hans Schmeißer belegten die Zimmer rechts und links von ihm. An diesem Abend, das hieß in knapp zwei Stunden, würde es zu einer wahren Sensation für die Weltgemeinschaft kommen. In dem Kongresssaal des Hotels würden Jung-Kyo Park und Frederic Tubb ihren gemeinsamen Vortrag über die Stadt im Dschungel von Kambodscha halten. Zum Glück hatte Mr. Park einige Hundert Fotos, die er, so als habe er das Unglück bereits kommen sehen, per E-Mail an seine Fakultät geschickt hatte. Sein Laptop und alle übrigen Forschungsgeräte wurden bei dem Angriff zerstört. Mr. Park hatte sehr viel Kritik einstecken müssen. Vor allem Angehörige der Opfer sowie der verschollenen Personen verlangten von ihm Rechenschaft. Jung-Kyo Park wurde nur schwer mit dieser beklemmenden Situation fertig. Einmal dachte er sogar an Selbstmord. Immerhin hatte er doch die Verantwortung dafür gehabt, dass seine Leute gesund nach Kambodscha und wieder nach Hause kommen sollten. Diese Verantwortung hatte er nicht erfüllt. Jung-Kyo Park hatte Tubb fast täglich in London angerufen und ihm dabei sein Herz ausgeschüttet. Trotzdem hatte er gleichzeitig all seine verbliebene Kraft zusammengenommen, um den Bericht an die Fakultät fertig zu bekommen. Eine Folge davon war der heutige Vortrag.

2

Maki Asakawa zog im Kongresssaal die Blicke fast aller Männer auf sich. Sie trug eine weiße, eng anliegende Bluse sowie einen grauen, bis knapp über die Knie reichenden Rock. Sie war gerade dabei, die Funktionsfähigkeit des Beamers zu überprüfen, und nicht wenige der bereits anwesenden Wissenschaftler und Reporter wollten ihr dabei helfen. Hans, der neben ihr stand, verscheuchte die Meute mit giftigen Blicken. Sein dunkler Anzug war ihm zu klein und die lila Krawatte passte ihm überhaupt nicht. Seine Mutter aber hatte unbedingt darauf bestanden, die Krawatte seines verstorbenen Vaters einzupacken.
»Willst du mir helfen oder nur zusehen?« Maki versuchte, das Bild des Beamers per Fernbedienung schärfer zu stellen. Stattdessen erschien jedoch ein Schild mit der Warnung, dass der Beamer zu heiß gelaufen sei.
»Das muss wohl an dir liegen«, konterte Hans.
»Witzig, witzig«, seufzte sie. »Wenn das hier nicht bald funktioniert, ist der Vortrag gelaufen.«
Hans bekam etwas weiche Knie. »Wieso das denn?«
»Hier stehen Fernsehreporter aus beinahe der ganzen Welt. Es darf einfach nichts schief gehen.«
»Na ja, die Pannen können wir uns dann wahrscheinlich zwei Tage später auf YouTube ansehen.«
»Dein Humor ist wirklich unschlagbar, Hans.«
Das Schild verschwand.
»Siehst du«, meinte dieser, »man muss nur ein klein wenig warten. Dann lösen sich die Probleme von ganz alleine.«
Maki verdrehte genervt ihre Augen. »Hast du schon die Mikrophone an den beiden Rednerpulten überprüft?«
»Heute früh funktionierten sie noch.«
»Probier es lieber noch mal.«

Der Vortrag war für 20 Uhr vorgesehen. Doch bereits eine Stunde davor platzte der Saal beinahe aus allen Nähten. Frederic Tubb ließ seinen Blick für einen kurzen Moment durch den Kongresssaal schweifen, bevor er sich in die Hotelbar begab, wo er mit Jung-Kyo Park den Vortrag ein letztes Mal durchsprechen wollte. Als er Maki und Hans vorne auf der Bühne sah, auf welcher das Rednerpult stand, musste er grinsen. Anhand ihrer Gestik war deutlich, dass sich beide einmal mehr in die Haare bekommen hatten.
Mr. Park saß in einer Nische der Hotelbar und blätterte in seiner Rede. Neben ihm stand ein Glas, das Tubb unweigerlich als Whiskey entlarvte. Ihm war bekannt, dass Koreaner viel tranken. Doch vor wichtigen Ereignissen wie etwa einer Konferenz blieben sie in der Regel nüchtern. Erst danach wurde Soju, das koreanische Pendant zum japanischen Sake, gereicht. So weit sich Tubb erinnern konnte, gehörte Jung-Kyo Park allerdings zu den Koreanern, die so gut wie nie Alkohol zu sich nahmen. Hatte er sich seit Kambodscha so sehr verändert?
»Und, alles klar?«, fragte Tubb, als er sich Mr. Park gegenüber setzte.
Der koreanische Wissenschaftler sah auf. Seine Wangen wirkten eingefallen und sein Blick etwas trübe. Sein Haarkranz, der früher grau gewesen war, erschien schlohweiß.
»Du weißt, wie ich mich fühle, Fred«, erwiderte dieser. »Es verfolgt mich noch immer. Und das Schlimmste daran ist, dass ich bis heute nicht verstehe, was damals überhaupt geschehen ist.«
»John Arnold hat auch noch keine neuen Erkenntnisse«, erklärte Tubb. »In seinem Stab arbeiten wahre Profis. Doch an diesem Greifarm beißen sie sich die Zähne aus.«
»Es muss eine unerhört hoch entwickelte Technologie sein«, meinte Jung-Kyo. »Du hast mit bisher noch nicht erzählt, was du in London herausgefunden hast.«
Eine Kellnerin stellte ein Glas Wasser neben Tubb auf die Tischplatte. Da er nichts weiter trinken wollte, winkte er dankend ab. Die Kellnerin verbeugte sich leicht und ging zurück an den Tresen. Vor Vorträgen fühlte sich Tubb jedes Mal so nervös, dass er einfach nichts herunterbrachte.
»Das ist sozusagen mein Teil des Vortrags«, begann Tubb. »Die Theorie einer Hyperzivilisation stammt von einem gewissen Paul Symmes, einem Historiker, der aus unbekannten Gründen die Columbia Universität, bei der er eine feste Stelle hatte, verlassen musste. Gerüchten zufolge ging es um mehrere Affären mit Studentinnen, denen er als Gegenleistung gute Noten gab. Aber wie gesagt, das sind nur Gerüchte. Interessant ist, dass Symmes nirgendwo eine neue Anstellung erhielt. Allerdings dürfte ihm das finanziell nicht geschadet haben. Denn durch sein Buch Das Geheimnis der Hyperzivilisation verdiente er sich eine goldene Nase. Seiner Theorie zufolge existierte vor unserer Zeit, das heißt bevor es überhaupt Menschen auf diesem Planeten gab, eine hoch entwickelte Zivilisation, deren wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem bis heute nicht wieder erreichten technologischen Entwicklungsgrad geführt haben. Das Ende dieser geheimnisvollen vormenschlichen Gesellschaft soll abrupt und gewaltsam gekommen sein. Seiner Meinung nach radierte sie sich selbst durch einen Atomkrieg aus.« Jung-Kyos rechte Hand umfasste das Whiskeyglas. »Unglaublich.«
»Es wird noch unglaublicher«, fuhr Tubb fort. »Er schätzte, dass sich dieser Krieg vor 65 Millionen Jahren zugetragen haben könnte. Dies fiele dann in denselben Zeitraum wie das Aussterben der Dinosaurier.«
»Ein Atomkrieg als Ursache für das Aussterben? Also hielt er nicht viel von der Geschichte mit dem Meteor.«
»Wie es scheint, nicht. Die Überlebenden des Atomkrieges sollen seitdem in gigantischen Städten innerhalb der Erde leben. Ihre Technologie sei so fortschrittlich gewesen, dass ihre Maschinen auch nach mehr als sechzig Millionen Jahren vollkommen funktionsfähig sein könnten.«
Jung-Kyo hob das Glas und wollte es an den Mund führen. Tubb ergriff seine Hand und drückte sie zurück auf den Tisch. »Alkohol ist keine Lösung, Jung-Kyo.«
»Ich glaube, du hast wirklich keine Ahnung, wie ich mich fühle«, zischte sein Freund.
»Habe ich dir schon erzählt, dass meine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist?«, erwiderte Tubb.
Jung-Kyo zuckte zusammen. »Wie …? Das …«
»Es war Winter. Meine Frau wollte unbedingt noch Besorgungen für Weihnachten erledigen. Ich hatte schon seit dem Morgen ein sonderbares Gefühl in meiner Brust. Ich wollte meine Frau überreden, erst am nächsten Tag loszufahren. Dann hätte ich auch Zeit gehabt, mitzukommen. Sie aber wollte nicht. Eine Stunde später erhielt ich einen Anruf. Ein Polizist teilte mir mit, dass das Auto meiner Frau in einem Fluss gefunden worden sei. Von meiner Frau fehle jede Spur. Es könne sein, dass die Strömung ihren Körper bereits einige Kilometer mit sich getrieben habe. Ich forderte die Polizei auf, weiter nach ihr zu suchen. Ich selbst beteiligte mich daran. Aber von meiner Frau fehlt bis heute jede Spur.«
Jung-Kyos Gesicht drückte Entsetzen aus. »Das … Du hast mir nie davon erzählt, Fred.«
»So wie du jetzt begann auch ich zu trinken. Aber es half nichts. Im Gegenteil, ich verwandelte mich in ein elendes Wrack. Irgendwann zog ich die Notbremse. Statt weiter zu trinken, vergrub ich mich in meiner Arbeit. Es heilte nicht meine Wunden, aber es besaß immerhin etwas Sinnvolles.«
»Aber ich wette, dir hat jemand dabei geholfen«, meinte Jung-Kyo zerknirscht. »Alleine schafft man das nicht.«
Frederic Tubb senkte seinen Blick. »Es stimmt. Jemand hat mir dabei geholfen.« Damals stellte sich die Angelegenheit mit seiner Frau nicht nur als Unfall, sondern als etwas sehr Mysteriöses dar. Doch darauf wollte Tubb jetzt nicht zu sprechen kommen.
Jung-Kyo Park blickte gedankenverloren auf seinen Whiskey. Er ergriff das Glas erneut, zögerte einen Moment und schob es dann von sich weg. »Das mit deiner Frau tut mit leid. Ich habe dich die ganzen Wochen mit meinen jammernden Anrufen genervt, ohne zu wissen, dass du selbst zu leiden hast.«
»Der Unfall liegt drei Jahre zurück. Ich habe das überhaupt nur erwähnt, weil ich gesehen habe, wie nah du dich am Rand des Abgrunds befindest.«
Mr. Park nickte. »Ich hätte diesen Auftrag der Universität nicht annehmen sollen. Ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich da überhaupt einließ.«
»Das hatte niemand. Wer schenkt schon Gerüchten glauben?«
»Was ist eigentlich mit diesem Symmes passiert? Lebt er noch?«
»Er zog vor fünfzehn Jahren nach Island. Dort verlieren sich seine Spuren.«
»Nach Island?«, staunte Jung-Kyo Park. »Wieso ausgerechnet nach Island?«
Frederic Tubb zuckte mit den Schultern. »Auf diese Frage gibt es leider keine Antwort.«

3

Maki Asakawa machte eine ausschweifende Handbewegung zur Bühne. »Es ist alles bereit. Sie müssen nur hinter das Pult treten und Ihr Gedicht aufsagen.«
Frederic Tubb spürte, wie ihm bei der Vorstellung, in wenigen Sekunden vor all diesen Leuten eine Rede zu halten, das Herz in die Hose rutschte. Bei Vorlesungen an der Universität erging es ihm ganz ähnlich. Bis heute hatte er es einfach nicht geschafft, sein Lampenfieber wegzubekommen.
Jung-Kyo Park wirkte seit dem Gespräch in der Hotelbar nicht mehr so eingefallen. Er stand aufrecht neben ihm und blickte mit großer Neugier in die Runde. Nicht einmal die Reporter von CNN oder KBS, die bereits jetzt ihre Kameras auf sie richteten, konnten ihn einschüchtern.
»Bringen wir es hinter uns«, sagte er und schritt zusammen mit Frederic Tubb nach vorne auf die Bühne.
Hans, der zusammen mit Maki in der ersten Reihe saß, hielt beide Daumen nach oben, während tosender Applaus den Saal erfüllte.
Das auf die Leinwand geworfene Bild zeigte einen der riesigen Betonkreise von oben. Quer darüber stand in dicken, roten Buchstaben:

Die größte Entdeckung der Welt!
Ein Vortrag von Prof. Jung-Kyo Park, University of Seoul,
und
Prof. Frederic Tubb, University of London.

Hans hatte einmal wieder ganze Arbeit geleistet. Der Leitartikel eines Boulevardblattes hätte nicht reißerischer sein können. Aber egal, dachte Tubb. Den Leuten gefiel es.
Nachdem der Applaus nachgelassen hatte, trat Mr. Park an sein Pult und legte seine Notizen zurecht. »Danke. Vielen Dank«, lauteten seine ersten Worte. »Mein Freund und Kollege Prof. Frederic Tubb und meine Wenigkeit haben heute die Ehre, Ihnen die Ergebnisse unserer Forschung vorstellen zu dürfen, die von der Seoul-Universität ins Leben gerufen wurde. Es handelt sich dabei um die Reste einer Anlage, die wir im Dschungel Kambodschas entdeckt haben. Wir wissen nicht genau, was diese bezweckte, doch nehmen wir an, dass es sich hierbei um eine Art Stadt handeln könnte. Das Alter dieser Ruinen liegt bei siebzig Millionen Jahren.«
Erstaunte Rufe erfüllten den Saal.
Jung-Kyo Park hob beschwichtigend die Hände. »Wir wissen, dass dies schier unglaublich klingt. Mr. Tubb und ich können es selbst kaum fassen. Doch wiederholte Versuche mithilfe der Radiokarbonmethode ergaben jeweils dieselben Ergebnisse. Nach meinen kurzen Ausführungen über das Aussehen und den möglichen Zweck dieser Anlage wird Ihnen Mr. Tubb einen interessanten theoretischen Hintergrundbericht über unseren Fund vortragen. Denn eine Theorie, die bisher ziemlich verlacht und missachtet wurde, scheint das Vorhandensein dieser Ruine jedenfalls teilweise erklären zu können.«
Damit begann Mr. Park seine Ausführungen über die Lage und Struktur der gesamten Anlage. Tubb stand währenddessen neben ihm hinter seinem Rednerpult und ließ gelegentlich seinen Blick über die Zuschauer schweifen. Sein Herz hatte sich inzwischen wieder beruhigt. Es war jedes Mal dasselbe. Kaum stand er vor seinem Publikum, war alle Aufregung verflogen. Im Gegensatz zu Jung-Kyo Park benötigte er keine Notizen. Wenn er einmal wusste, über was er reden wollte, dann verhielt es sich so, als würde in seinem Innern ein Tonband ablaufen.
In der hintersten Reihe des Saals standen die Kameraleute von CNN, BBC, ARD, KBS und anderen großen Fernsehsendern. Direkt vor ihnen knieten ein paar Fotografen am Boden, die wie in einem Wettbewerb ihre Kameras bedienten. Manche von ihnen konnten es anscheinend nicht lassen und fotografierten Maki Asakawa. Hans schien enttäuscht, dass er so gut wie nicht beachtet wurde.
Die Ausführungen über die Ruine kannte Tubb bereits. Sein Freund hatte ihm die Unterlagen per E-Mail geschickt, als sich Tubb wieder in London befunden hatte. Demnach entsprachen Länge und Breite der Stadt 3125 Meter. Jeder Betonkreis besaß denselben Umfang von 52 Metern. Seine Leute hatten insgesamt 35 dieser Kreise gezählt, die durch Gänge miteinander verbunden waren. Es gab keine Hinweise dafür, wer einmal diese Kreise bewohnt hatte oder ob sie überhaupt als Wohnstätten gedacht waren. Gegenstände wie Werkzeuge hatten sie nicht finden können.
»Werden die Ausgrabungen weitergehen?«, fragte da ein Reporter des koreanischen Senders SBS.
Tubb bemerkte, wie Mr. Park auf einmal zu Eis erstarrte. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Seine Lippen zitterten, doch er brachte kein weiteres Wort heraus.
Um diese unangenehme Situation nicht weiter in die Länge zu ziehen, beugte sich Tubb leicht nach vorne und erwiderte: »Wie Sie sicherlich vernommen haben, gab es auf der Ausgrabungsstätte ein Unglück. Mehrere Mitglieder des Forschungsteams kamen dabei ums Leben. Etwa die Hälfte gilt als vermisst. Die Stadt oder jedenfalls das, was wir als Stadt bezeichnen, liegt nun in einem Krater, der von einer undurchdringlichen Metallplatte versiegelt ist.«
»Wollen Sie uns hier etwa einen Bären aufbinden, Mr. Tubb?«, rief ein deutscher Reporter erbost dazwischen. »Was soll das heißen, die Stadt befinde sich in einem Krater und so weiter?«
Gerade als Tubb antworten wollte, schienen der Reporter und alle übrigen Anwesenden ihn gar nicht mehr zu beachten. Mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen starrten sie hinter ihn auf die Leinwand.
Im selben Moment vernahm Tubb das Signal einer hereinfahrenden U-Bahn.
Er wandte sich um und erkannte auf der Leinwand das Bild einer Überwachungskamera, das den U-Bahnhof von Jamsil, einem Stadtteil von Seoul, zeigte. Verwirrt schaute er zu Hans, der völlig ahnungslos die Hände hob.
»Was geht hier vor?«, raunte Mr. Park neben ihm.
Das Rauschen der einfahrenden U-Bahn wurde lauter. Auf den Bahnsteigen warteten unzählige Fahrgäste. In dem Moment, in dem der Zug aus dem Tunnel kommen sollte, erschien ein gleißendes Licht, das wie eine riesige Kugel aus der schwarzen Tunnelöffnung rollte. Tubb fehlten die Worte, um dieses Phänomen näher zu beschreiben. Die Kugel glich einem blendend weißen Licht. Trotz ihrer Größe wirkte sie keineswegs schwerfällig, sondern schien wenige Zentimeter über den Gleisen zu schweben.
Zunächst schienen die wartenden Passagiere nichts zu bemerken. Sie schauten weiter auf ihre Zeitungen, Bücher oder Minifernseher. Doch plötzlich begann eine Frau, zu schreien. Ihrem Schrei folgten weitere in unterschiedlicher Tonlage. Die Menge geriet in Bewegung. Es entstand Panik. Menschen wurden auf die Gleise gestoßen oder niedergetrampelt. Die Treppen, die hinaus zu den Ausgängen führten, waren auf einmal völlig verstopft.
Die gleichmäßige Bewegung der Lichtkugel stand im kompletten Gegensatz zu der schreienden und stoßenden Masse von Menschen. In einer langsamen, beinahe als gleichgültig zu bezeichnenden Geschwindigkeit kullerte sie die Schienen entlang und verströmte dabei ihre blendende Helligkeit. Diese nahm von Sekunde zu Sekunde an Intensität zu, sodass die umherrennenden Menschen bald nur noch mehr als schattenhafte Schemen zu erkennen waren. Schließlich erfüllte das gleißende Licht den gesamten Bildausschnitt. Irgendwann übertönte das Rauschen, welches wie ein statisches Geräusch klang und aus voll aufgedrehten Lautsprechern ertönte, das Schreien und Kreischen der Menschen.
Wie lange diese Blendung andauerte, konnte Tubb nicht einschätzen. Völlig sprachlos starrte er wie alle anderen Anwesenden auf dieses surreal wirkende Ereignis. Das unheimliche Geräusch verklang nach und nach. Parallel dazu nahm das Licht in seiner Helligkeit ab.
Schließlich zeigte das Bild der Überwachungskamera wie zuvor die beiden Bahnsteige. Nichts schien sich geändert zu haben. Mit einer Ausnahme. Da, wo sich zuvor Menschen befunden hatten, erkannte Tubb nun schwarze Flecken, die eine Ähnlichkeit mit Brandspuren besaßen.

4

Die Luft war erfüllt von einem beißenden Geruch. Die dunklen Spuren zeigten die Konturen von Menschen. Auf Tubb vermittelte dieser unheimliche Anblick den Eindruck, als haben sich die Schatten der Fahrgäste in Boden und Wände gebrannt.
Der Vortrag hatte sich zu einem alptraumhaften Desaster entwickelt. Die Panik der Menschen in der U-Bahn-Station hatte sich auf die Anwesenden im Kongresssaal des Silla-Hotels übertragen. Männer und Frauen sprangen schreiend und weinend auf. Sie versuchten, Hals über Kopf den Saal zu verlassen, so als könnte die Lichtkugel augenblicklich aus der Leinwand fallen. Weder Frederic Tubb, noch seine beiden Mitarbeiter konnten sich diese eingespielten Bilder erklären. Mr. Park starrte noch lange Zeit auf die Leinwand, die nichts mehr als ihre weiße Fläche zeigte. Kurz nach den Bildern der Überwachungskamera hatte der Beamer den Geist aufgegeben. Es roch nach geschmortem Draht.
Kein einziger Reporter befand sich mehr in dem Saal. Der Vortrag und sein sensationeller Inhalt waren von einem Moment auf den anderen mit dem Vermerk Desinteresse versehen worden. Jeder der Journalisten wollte der Erste am Unglücksort sein.
So standen sich nach wenigen Minuten nur mehr Frederic Tubb, Maki Asakawa , Hans Schmeißer und Jung-Kyo Park gegenüber. Für einen Gedankenaustausch blieb allerdings keine Zeit. Auf einmal waren Polizisten in den Saal gestürmt, die Tubb und seine Leute dazu aufforderten, sie zu begleiten. Zunächst hatte Tubb befürchtet, dass diese Aktion etwas mit dem Unglück in Kambodscha zu tun habe. Jung-Kyo Park hatte ihm bereits mehrmals erzählt, dass es in nächster Zeit zu einem Prozess kommen könnte, in dem die Hinterbliebenen der Opfer ihn für den Tod seiner Mitarbeiter verantwortlich machen wollten. Als aber die Polizeiautos vor dem Eingang zur U-Bahn-Station in Jamsil hielten, wusste Tubb, dass ein ganz anderer Grund dahinter steckte.
»Haben Sie eine Erklärung dafür, Mr. Tubb?« Der Kommissar betrachtete ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen. Tubb hatte sich nur den Nachnamen merken können. Choi. Er schätzte ihn auf Anfang fünfzig. Sein Gesicht wirkte wie eine Landkarte aus Stress, Übermüdung und zu viel Alkohol. Er trug ein weißes Hemd und eine schwarze Hose. Seine rechte Hand spielte nervös mit seinem Handy.
Frederic Tubb rieb sich das Kinn. »Ich sehe so etwas zum ersten Mal, Mr. Choi. Die Bilder dieses Ereignisses wurden aus ungeklärten Gründen auf unseren Beamer übertragen.«
»Das war nicht nur bei Ihnen so, Mr. Tubb«, erwiderte Choi. »Konferenzen, Vorträge, Workshops. Einfach überall, wo ein solches Gerät im Einsatz war, erschienen plötzlich diese Bilder. Keine Übertragungen im Fernsehen. Hier bei uns fand eine Weiterbildung statt, als auf einmal die Bilder aus der U-Bahn-Station die Präsentation unterbrachen.«
»Was ist mit dem Zug, der eigentlich hätte einfahren sollen?«
»Ich würde sagen, die Leute in diesem Zug haben verdammtes Glück gehabt. Aus ungeklärten Gründen hielt er mitten im Tunnel. Nichts mehr funktionierte. Der Fahrer sagte aus, dass er einen hellen Schein bemerkt hat, der weit vorne die Tunnelwände erhellt habe. An ein Geräusch kann er sich nicht erinnern.«
»Also die Kugel«, meinte Mr. Park, der mit am Rücken verschränkten Armen neben ihnen stand. Seine Stirn lag in Falten.
»Irgendwo im Tunnel muss die Kugel entstanden sein«, meinte Tubb. »Haben Ihre Leute schon nachgesehen?«
Mr. Choi schaute Tubb an, als hätte dieser ihn soeben beleidigt. »Wir haben den gesamten Tunnel untersucht, Mr. Tubb. Keine Auffälligkeiten. Keine versteckten Öffnungen. Nichts.«
»So wie es aussieht, gibt es keine Radioaktivität«, schaltete sich Hans in das Gespräch ein. Er hielt einen Geigerzähler in den Händen und hatte damit bisher beinahe die ganze Station nach einer überhöhten Strahlung abgesucht.
»Hat Maki irgendetwas entdeckt?«, fragte Tubb nach.
»Sie kniet dort drüben auf dem Boden und versucht, etwas von dem schwarzen Zeug abzukratzen«, bemerkte er. »Bisher erfolglos. Scheint sich um eine Art Belichtung zu handeln. Wie bei der Fotoentwicklung. Aber fragt mich bloß nicht, was das heißen soll. Asakawa hat das vermutet.«
In diesem Moment erhob sich Maki und schüttelte ungläubig den Kopf.
»Was ist los?«, rief Hans ihr zu.
»Es sind keine Brandspuren«, erklärte sie. »Es scheint in der Tat so, als hätten wir hier die Fotografien von Menschen vor uns. Bei genauerem Hinsehen erkennt man sogar die Gesichter. Unheimlich.«
Frederic Tubb näherte sich ihr und kniete sich auf den Boden. Vor ihm lag der Schatten eines Mannes, der beide Arme wie vor Schreck in die Höhe hielt. Tubb beugte such nach vorne, bis er mit seinem Gesicht beinahe den Boden berührte.
Maki hatte recht. Es war ein Gesicht zu erkennen. Doch dieses glich dem aus einem entsetzlichen Alptraum. Augen, Mund und Nase waren völlig verzerrt, sodass es mehr wie die Fratze eines Dämons als wie das Gesicht eines Mannes wirkte.

»Was haltet ihr von einem Kugelblitz?«, warf Hans in die Runde.
Sie befanden sich in der Überwachungszentrale der U-Bahn-Station und betrachteten nochmals die Aufzeichnung der Lichtkugel. Bereits zum dritten Mal mussten sie mit ansehen, wie diese gewaltige Energieansammlung, die einen Umfang besaß, der demjenigen der Tunnelröhre entsprach, die Menschen in Panik versetzte. Ihre Körper schienen in dem grellen Schein zu verglühen, sich regelrecht aufzulösen. Zurück blieben nur jene dunklen Flecken, die Maki als groteske und nicht zu erklärende Fotografien bezeichnete. Es gab keine Möglichkeit, diese unheimlichen Momentaufnahmen wegzubekommen. Korail, die Betreibergesellschaft der U-Bahn, musste die gesamte Station renovieren.
Tubb schüttelte den Kopf. »Kugelblitze entstehen nur bei Gewitter. In der Regel dann, wenn ein Blitz auf Wasser trifft. Genaueres weiß man natürlich nicht darüber. Aber heute Abend gab es weder Blitz, noch Donner.«
»Magie«, flüsterte Jung-Kyo Park.
»Wie bitte?« Choi machte soeben einen Ausdruck, als hätte er auf einen bitteren Pilz gebissen.
»Was meinen Sie damit, Mr. Park«, hakte Maki nach.
Jung-Kyo Park räusperte sich. »Was ist, wenn wir es mit einer Technologie zu tun haben, die so weit vorangeschritten ist, dass wir sie nur als Magie begreifen können?«
»Und ich dachte, dass nur ich ein Fan von Harry Potter sei«, seufzte Hans.
Maki trat ihm auf den Fuß.
Das Licht der Videowand, auf der das entsetzliche Geschehnis in einer Endlosschleife ablief, verstärkte die Schatten, die seine nachdenklichen Falten warfen. »Sie müssen einmal bedenken, wie primitive Ureinwohner einer Insel auf unsere Technologie reagieren würden. Wenn sie zum Beispiel sich selbst auf dem Display einer Digitalkamera sehen würden. Wenn sie beobachten würden, wie wir in kleine Plastikteile sprechen. Oder wenn sie körperlose Stimmen aus Lautsprechern hören würden. Den meisten Menschen aus unseren Industriegesellschaften ist die Technik, die sie tagtäglich verwenden, bereits unerklärlich. Jetzt denken Sie einmal daran, für was ein primitives Naturvolk unsere Technik halten würde.«
»Für eine Art Zauber«, antwortete Maki. »Sie begreifen nicht die Zusammenhänge und kennen auch nicht die Materialien.«
Jung-Kyo Park nickte. »Und so ähnlich verhält es sich wahrscheinlich mit uns. Wir begreifen nicht diese Lichtkugel und auch nicht diese Greifarme in Kambodscha. Wir wissen nicht, auf welche Weise diese Kugel funktioniert und aus was für einer Energie sie besteht. Vielleicht wurde sie gesteuert. Aber wie? Dieselbe Frage stellt sich bei den Greifarmen. Ihre enorme Größe und ihre gleichzeitige Beweglichkeit und Schnelligkeit sind für uns unbegreiflich. Doch vielleicht wurden sie ebenfalls gesteuert. Aber wie? Genauso wie den Ureinwohnern, so fehlt auch uns das Wissen, das dazu befähigt, die Funktionsweise und das Erscheinungsbild dieser Technologie zu begreifen. Sie müssen daran denken, dass wir es mit einer Technik zu tun haben, die älter ist als 65 Millionen Jahre.«
Mr. Choi hob abwehrend seine Hände. »Einen Moment mal. Ich bin nur einfacher Polizeibeamter. Über was reden Sie hier überhaupt?«
»Es handelt sich um die Entdeckung, die Mr. Park in Kambodscha gemacht hat«, erklärte Tubb. »Er fand dort eine Stadt, deren Alter bei circa 70 Millionen Jahren liegt. Damals gab es noch keine Menschen. Seine und meine Annahmen beruhen auf der Theorie eines gewissen Paul Symmes. Dieser behauptet, dass es vor uns eine Art Menschheit gegeben haben könnte, die er als Hyperzivilisation bezeichnet. Reste dieser Zivilisation könnten noch existieren. Innerhalb der Erde.«
Der Kommissar sah Tubb und Mr. Park eine Weile schweigend an. »Und das glauben Sie?«, fragte er dann. »Ich habe es immer wieder mit Leuten zu tun, die behaupten, von UFOs entführt oder von Elvis geschwängert worden zu sein. Einer behauptete tatsächlich, von Bill Gates erpresst zu werden. Er sollte innerhalb von drei Tagen zweitausend Dollar an ihn überweisen, sonst würde Gates sein Haus abfackeln. Aber so ein Geschwätz, wie ich es soeben von Ihnen gehört habe, schlägt einfach alles. Sie sollten in die Comic- oder Filmszene wechseln. Ich dachte, ich hätte es mit seriösen Wissenschaftlern zu tun. Außerdem liegen zwischen Kambodscha und Südkorea ein paar Tausend Kilometer. Wie also soll das eine Ereignis mit dem anderen zusammenhängen?«
»Weil diese Zivilisation unterirdisch agiert«, sagte Mr. Park. »Nicht etwa in U-Bahn-Schächten oder Ähnlichem. Sie sitzt tief unter uns in der Erde. Was wissen wir schon über das Innere unseres eigenen Planeten? Vieles davon sind bloße Vermutungen. Symmes’ Theorie einer Hohlwelt ist dabei nicht einmal die erste. Sie finden solche Vermutungen bereits im frühen 15. Jahrhundert. Zeigen nicht diese Ereignisse in Kambodscha und jetzt hier, dass diese Annahmen einen wahren Kern besitzen könnten?«
Mr. Choi schnaubte nur.
»Wir hätten heute Abend im Kongresssaal des Silla-Hotels eigentlich unsere bisherigen Erkenntnisse über diese mögliche Zivilisation vortragen sollen, um sie dadurch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Zwischenfall in der U-Bahn-Station hat dies leider verhindert«, erklärte Frederic Tubb. »Sie können mir glauben, dass wir uns nicht vor einer Horde Journalisten aus der ganzen Welt hinstellen, nur um uns mit solchen Annahmen selbst lächerlich zu machen.«
»Schalten Sie das ab«, wandte sich Mr. Choi an einen seiner Mitarbeiter am Kontrollpult. Die Endlosschleife erlosch. Stattdessen reflektierte die dunkel gewordene Videowand die Gesichter der Anwesenden wider. »Selbst wenn das alles stimmen sollte«, sagte er daraufhin zu Tubb und Mr. Park, »stellt sich die einfache Frage, aus welchem Grund diese hypothetische Hyperzivilisation von einem Augenblick zum anderen beginnt, unschuldige Personen zu attackieren. Was steckt dahinter? Wieso ausgerechnet jetzt? Wieso ausgerechnet hier?«
»Auf diese Fragen haben wir bisher keine Antworten«, gestand Frederic Tubb ein.
»Ich persönlich nehme an, dass meine Mitarbeiter in Kambodscha während der Untersuchung der Ruine möglicherweise etwas aktiviert haben, das letztendlich zu den bereits bekannten Konsequenzen geführt hat«, sagte Jung-Kyo Park.
»Mr. Choi«, fügte Tubb hinzu, »diese Stadt, die Mr. Park entdeckt hat, besaß ein so fremdartiges Aussehen, dass wir nicht einmal die geringste Ahnung davon bekommen konnten, für was die einzelnen Räume standen.«
»Wenn man aber bedenkt, dass diese Hyperzivilisation unsere Handlungen beobachtet, dann dürfte dies vielleicht eine Erklärung dafür sein, weswegen die Lichtkugel hier auftauchte und nicht an einem anderen Ort.« Maki Asakawa blickte in vier überraschte Augenpaare. »Hier sollte der Vortrag stattfinden, da die wissenschaftliche Untersuchung im Auftrag der Seoul-Universität durchgeführt wurde. Also tauchte hier auch die Kugel auf.«
Hans kratzte sich an der Stirn. »Du meinst, die beobachten jeden einzelnen Schritt von uns? Wenn ich also kurz mal pinkeln gehe, dann kann es sein, dass jemand auf mich zurückschießt?«
»Das war dein Beispiel«, erwiderte Maki trocken.
Hans’ Miene wurde plötzlich ernst. »Leute, ich weiß ja nicht, wie ihr darüber denkt, aber mir wird die ganze Sache gerade etwas zu unheimlich.«
»Fast man Ihre Aussagen zusammen, dann könnte das bedeuten, dass ein solcher Zwischenfall wie heute noch einmal passieren kann?« Mr. Choi blickte abwartend in die Runde.
»Ich befürchte, davon müssen wir ausgehen«, antwortete Mr. Park. »Es muss nicht unbedingt in Seoul geschehen. Jede Stadt, jeder Ort könnte davon betroffen sein. Eine unerwartete Erscheinung, die Menschen in Angst und Schrecken versetzt.«
»Aber wieso?«, fragte sich der Kommissar weiter.
»Weil sie es können«, lautete Mr. Parks Antwort. In seinen Augen spiegelte sich eine düstere Vorahnung wider.

5

Mr. Choi blieb ratlos zurück.
Frederic Tubb und Jung-Kyo Park vereinbarten mit den verantwortlichen Stellen der Seoul-Universität, den Vortrag noch einmal zu wiederholen. Dieses Mal reichte der Kongresssaal des Hotels bei Weitem nicht aus. Die Veranstaltung wurde in einen Konzertsaal verlegt, in dem es über dreitausend Sitzplätze gab. An den folgenden Tagen lauteten die Überschriften der Tageszeitungen: »Gefahr aus der Tiefe!«, »Hyperzivilisation bedroht die Menschheit!« oder »Zukunft der Menschheit in Gefahr?«.
Zum Glück erfolgten keine weiteren Zwischenfälle. Während Mr. Park seinen Arbeiten an der Seoul-Universität nachging, flogen Frederic Tubb, Maki und Hans zurück nach London. Dort fassten sie ihre Erkenntnisse in einem Artikel zusammen, der noch in der nächsten Ausgabe des Magazins Science erschien und innerhalb der akademischen Welt große Wellen schlug. Wie immer gab es Befürworter und Gegner dieser Annahmen. Manche hielten Tubb für einen Wichtigtuer, andere bewunderten seinen Mut, mit solch einer These seinen wissenschaftlichen Ruf aufs Spiel zu setzen.
Die Sitzungen, die Tubb, Maki und Hans an der Universität halten mussten, beschäftigten sich nicht mit ihren vorgesehenen Themen, sondern waren erfüllt von Fragen neugieriger Studenten.

Frederic Tubb saß zu Hause in dem Arbeitszimmer seiner Vierzimmerwohnung und schrieb gerade an einem weiteren Artikel, als ein Signal ertönte, das den Eingang einer neuen E-Mail verkündete. Es war acht Uhr abends, und er war heute früher nach Hause gegangen, da er für diesen Aufsatz, den er schreiben wollte, größere Ruhe benötigte. Seit seiner Rückkehr nach London, konnte an der Universität von Ruhe nicht mehr die Rede sein.
Tubb streckte sich in seinem schwarzen Bürostuhl, bevor er die Mail anklickte. Als Adressat stand ein wirres Durcheinander von Zahlen und Buchstaben. Tubb seufzte und wollte die Mail soeben als Spam löschen, als sein Blick auf die Betreffzeile fiel. »Paul Symmes«.
Er öffnete. In dem Textfeld stand nur ein einziger Satz.
Das Klingeln des Telefons ließ ihn zusammenzucken. Nach dem zweiten Läuten hob er ab.
»Haben Sie das eben auch erhalten?« Es war Maki. Sie klang völlig durcheinander.
»Gerade eben«, antwortete er. »Was ist mit Hans?«
»Er rief mich vor drei Minuten an«, sagte sie. Tubb musste grinsen. Schon seit Beginn ihrer Zusammenarbeit wandte sich Hans zuerst an Maki, bevor er ihn anrief. »Und Mr. Park?«
»Von ihm habe ich noch keine Nachricht. Aber in Korea ist es erst fünf Uhr morgens. Er wird nicht vor neun im Büro sein.«
»Wollen Sie ihn nicht lieber gleich anrufen?«
»Wahrscheinlich haben Sie recht«, erwiderte er. »Besser ich hol ihn aus den Federn, bevor es vielleicht zu spät ist.« Tubb wollte gerade auflegen, als er irgendwie spürte, dass Maki noch etwas auf dem Herzen hatte. »Was ist?«
Für eine Weile vernahm er nur ihren Atem. »Glauben Sie, dass auch andere diese Warnung erhalten haben?«, fragte sie schließlich.
»Haben Sie Angst?«
»Ich frage mich, was es diesmal sein wird.«
Nachdem Tubb den Hörer wieder aufgelegt hatte, zögerte er einen Moment lang. Nach etwa dreißig Sekunden hob er erneut ab und wählte die vierstellige Nummer.
»Verdammt, Tubb, was soll dieser Mist?«, meldete sich eine Stimme, die aufgrund von dreißig Zigaretten am Tag beinahe wie ein Röcheln klang.
»Dann hast du diese Mail etwa auch bekommen?«, wollte Tubb von John Arnold wissen.
»Was heißt bekommen? Wir erhielten eine richtige Mailbombe, die für ein paar Minuten unser gesamtes System lahmgelegt hat. Gerade sind meine Leute dabei, den Ursprung dieser Aktion ausfindig zu machen.«
»Ist Paul Symmes überhaupt noch am Leben?«
»Dieser Mistkerl ist 1928 geboren. Könnte also durchaus sein. Vielleicht sollten wir sämtliche Seniorenheime Islands durchgehen. Aber mit Symmes hat dies hier, denke ich, wenig zu tun. Es kommt vielmehr von ihnen
»Wieso steht dann sein Name auf der Betreffzeile?«
»Dass dir dieser Zusammenhang nicht auffällt, wundert mich, Tubb.«
Symmes stellte als einer der Ersten die These einer Hyperzivilisation auf. Nach einer kurzen Pause fügte John Arnold hinzu: »Und um deiner nächsten Frage zuvor zu kommen: Ich habe keine Ahnung, was als Nächstes passieren wird. Die Lichtkugel kam genau so überraschend wie diese Dinger in Kambodscha. Es kann also jederzeit geschehen. Überall.«
Frederic Tubb lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete mit immer größer werdenden Sorgen diesen einen Satz.
»Der Angriff erfolgt in Kürze.«

Wie wird es weitergehen?
Dies erfahrt ihr in Band 2 mit dem Titel »Angriff der Anderen«!

Copyright © 2009 by Max Pechmann

 

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