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(Folge 14)
Das Buch des Untergangs (9)
Der Hauch des Todes (4)

Kers sah auf dem Hauptschirm, wie die Flammenwand direkt auf ihn zu raste. Es konnte nur noch einen halben Klick dauern und die Flammen würden ihn und das Schiff verschlingen. Immer noch nicht hatte es der Bordcomputer geschafft, sie aus dem Kraftfeld zu befreien, welches sie umschloss. Nun konnte Kers nur noch auf den sicheren Tod warten.
Wie würde er sein, der Tod, fragte sich Kers. Nach dem Glauben der Mosstieten wurde ein Toter wiedergeboren. Früher hieß es nur, der Gott Joys entschied, wer würdig war, ein neues Leben zu bekommen. Doch heute glaubte keiner mehr daran, seitdem die Mosstieten wussten, dass ihr so genannter Gott auch nur ein Lebewesen war. Zwar mit unglaublichen Fähigkeiten und unsterblich, aber dennoch kein Gott. Joys konnte Planeten, Pflanzen, Tiere und selbst intelligente Lebensformen erschaffen und so manchen vor dem Tod retten. Wenn aber ein Wesen seine normale Lebensspanne überschritten hatte, konnte selbst Joys ihn nicht vor dem Tod bewahren. Nur ein wahrer Gott konnte dies tun und bis jetzt hatte Kers noch nie so etwas gesehen oder davon gehört.

Kers lachte bitter auf. Sich darüber Gedanken zu machen, wenn einem der sichere Tod bevor steht, war lächerlich. Jemand anderes würde schreien oder zusammenbrechen, aber sicherlich nicht darüber nachdenken, was ihn nun erwarten würde.
Kers lehnte sich in seinem Kommandosessel zurück und öffnete seine Augen, die er während seiner Grübeleien geschlossen hatte. Die Feuerwand nahm nun schon die ganze Fläche des Hauptbildschirms ein, es konnte nicht mehr lange dauern und der Schutzschirm würde versagen. Das wäre das Letzte, was er dann noch mit bekommen würde, bevor er nur noch ein Haufen Asche war.
Dann war es so weit. Kers hörte, wie der Bordcomputer mitteilte, dass der Schutzschirm zusammen brach. Kers Muskeln spannten sich und sein ganzer Körper schien zu brennen, sein Unterbewusstsein hatte nun die Kontrolle übernommen. Hätten ihn nicht Gurte an seinem Sessel gehalten, wäre er sicherlich aufgesprungen und davon gelaufen. Doch wohin? Aus dem Raumläufer gab es kein Entkommen. Kers schlug sich mit einem seiner Gliedmaßen selbst ins Gesicht, um wieder klar denken zu können.
„Ich müsste längst tot sein. Warum lebe ich noch?“, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. Der Schutzschirm war bereits ausgefallen.
„Computer, Meldung“, sprach Kers mit zittriger Stimme. Doch der Computer antwortete nicht. Stattdessen erklang eine Stimme, die von überall herzu kommen schien. „Der Tod hat dich noch nicht geholt, weil ich das so wollte. Sterben wirst du erst, wenn alle Lugutenkolonien vernichtet und jeder Einzelne von ihnen seine gerechte Strafe erhalten hat. Dann, Kers, wirst du deinem Gott gegenüber stehen und ich werde mein Urteil über dich fällen. Ach ja, deine beiden anderen Raumläufer sind auch in meinem Kraftfeld gefangen. Sieh genau hin, was geschieht, wenn man seinen Gott verrät.“
Kaum waren die Worte des Gottes verklungen, sah Kers, wie der Hauptbildschirm seines Raumläufers sich selbsttätig einschaltete. Zuerst konnte er nur Flammen sehen, die in einem dunklen Rot aufleuchteten, dann plötzlich sah er im Rot zwei hellblaue Punkte. Noch ehe Kers sich fragen konnte, was das zu bedeuten hatte, vergrößerte der Hauptbildschirm den Bereich, in dem die Punkte sich befanden. Erst jetzt konnte er erkennen, dass es sich um die beiden anderen Raumläufer handelte. „Siehst du, da sind deine Begleitschiffe“, erklang wieder die Stimme des Gottes.
„Auch sie werden noch durch meine Macht vor dem Feuersturm geschützt. Damit du siehst, wie leicht es mir fallen würde dich zu töten, werde ich ihnen meinen Schutz entziehen. Also sieh gut hin, Kers!“

Kers schrie auf. „ Bitte nicht, sie haben dir doch nichts getan! Nimm mich, ich bin der Captain und für alles verantwortlich, was meine Crew tut.“ Kers hörte nur ein Lachen und dann konnte er auf dem Bildschirm sehen, wie das blaue Leuchten der beiden anderen Raumläufer verschwand. Für einen Klick schien die Zeit still zu stehen, dann sah Kers, wie die Schutzschirme der beiden Schiffe hell aufleuchteten.
Hoffnung keimte in ihm auf. Konnte es möglich sein, dass die Schutzschirme hielten? Bis jetzt war noch kein Raumläufer in einen Atmosphärenbrand geraten, größere Schiffe ja, aber noch kein kleines Schiff.
Doch Kers Hoffnung wurde jäh enttäuscht, als die Stimme des Gottes erneut erklang. „Eure Technik ist beeindruckend, aber sie werden dennoch alle sterben. Sieh gut hin.“
Der Captain sah, wie das Feuer die Form zweier riesiger Hände annahm und nach den beiden Schiff griff. Kers sah nur noch diese Hände. Die beiden Schiffe waren nicht mehr zu sehen. Die Hände rissen, ohne ein Geräusch zu verursachen, die Raumläufer auseinander. Es sah aus wie eine fürchterliche Explosion.
Kers spürte … nichts. Er war in seinem Sessel versunken.
Wäre er ein Rümpler gewesen, hätte er sicherlich geweint, aber Rümpler waren die einzigen Insekten, die weinen konnten. So saß er nur da und starrte auf den Hauptbildschirm, als könnte er mit seinen Gedanken die beiden zerstörten Raumläufer wieder herbei rufen.

Ein Lachen riss ihn aus seiner Starre.
„Wieder konntest du nur zusehen, wie sie starben, Kers. Und ich verspreche dir, so wird es weiter gehen, bis auch der letzte Lugute nur noch Staub ist und dann, Kers, werde ich kommen und dich und deine Mannschaft holen. Du kannst jetzt zu deinem Mutterschiff zurückkehren.“
Kers spürte, wie sein Raumläufer beschleunigt wurde, ohne dass die Triebwerke eingeschaltet waren. Innerhalb weniger Klick wurde sein Schiff aus der brennenden Planetenatmosphäre geschleudert. Kers schaute auf sein Kommandopult, doch keines der Anzeigelichter blinkte, also war der Computer ausgeschaltet und somit auch der Schutzschirm, der den Raumläufer vor Gammastrahlungen schützen sollte. Doch Kers bezweifelte, dass der Gott es zulassen würde, dass er an einer Strahlenvergiftung zugrunde ging, denn der Gott wollte seine Rache persönlich.
Kers versuchte, ob der Überlichtfunk funktionierte, doch auch dieser ließ sich nicht aktivieren. Es schien, als sei das ganze Schiff außer Betrieb. Nur die Lebenserhaltung war eingeschaltet.
Plötzlich fiel ihm der gerettete Lugute vom Planeten ein. Kers wollte sich vom Kommandosessel losschnallen, doch bevor er dies tat, holte er aus seinem Anzug einen kleinen Gegenstand heraus, hob ihn in die Luft und ließ ihn los. Der Gegenstand fiel nicht zu Boden, sondern er schwebte.
„Das habe ich mir gedacht“, sagte Kers zu sich selbst. Auch die Schwerkraftgeneratoren waren außer Betrieb. Noch während Kers überlegte, was er nun tun sollte, sah er, wie der Gegenstand vor ihm plötzlich nach unten fiel. Dann ging es Schlag auf Schlag. Vor ihm schaltete sich auf dem Kommandopult ein Licht nach dem anderen ein und die Bordcomputerstimme erklang.
„Fehlfunktionen behoben, Schiff ist wieder betriebsbereit. Analysiere Ursache der Fehlfunktionen.“
„Stopp, Computer“, schrie Kers. „Fehlfunktionen ignorieren. Neuer Befehl: Rendezvous-Kurs mit Mutterschiff berechnen und schnellstmöglich anfliegen.“ „Befehl wird ausgeführt, Captain“, bestätigte der Computer.
Mittlerweile hatte sich Kers vom Kommandosessel losgeschnallt und lief Richtung Krankentrakt. Dort angekommen sah er einen großen Luguten auf der Bahre liegen. „Computer, wie sind die Lebenszeichen des Luguten?“, fragte er.
Doch nicht der Computer antwortete, sondern der Lugute selbst.
„Ich lebe noch. Sie sind sicherlich Kers, ich bin Waffenmeister Furter.“
Kers wollte fragen, woher der Lugute seinen Namen wusste, doch die Stimme des Computers unterbrach ihn.
„Der Lugute ist in einem kritischen Zustand, er hat viel Blut verloren. Es wird angeraten, ihn in ein künstliches Koma zu legen, bis wir beim Mutterschiff eintreffen, da diese Krankenstation nicht ausgelegt wurde, um solche Verletzungen zu behandeln.“
„Pah, künstliches Koma, ich habe schon schwerere Verletzungen überlebt“, sprach der Lugute mit erschöpfter Stimme. „Er hat mir Ihren Namen genannt“, redete der Waffenmeister weiter, „dieser verfluchte Gott wusste genau, dass Sie kommen. Und ich sollte ihnen eine Botschaft überbringen, die für mich gleichzeitig mein Tod sein sollte.“ Der Waffenmeister wollte noch etwas sagen, doch seine Worte mündeten in einem Hustenanfall. Kers sah, wie er sich Blut von seinen Kauwerkzeugen wischte. „Die Botschaft können Sie mir später übermitteln, wir sollten den Anweisungen des Computers Folge leisten und Sie ins Koma legen, bevor Sie möglicherweise doch noch sterben“, meinte Kers.
„Nein, was ich Ihnen sagen muss, ist sehr wichtig, Kers. Dieser Gott ist gefährlich!“ „Ich weiß“, unterbrach Kers den Waffenmeister, „und jetzt sollten Sie schlafen. Computer, Einleitung des künstlichen Komas beginnen.“ Kers beobachtete, wie sich um den liegenden Luguten ein grünes Kraftfeld aufbaute, in das ein unsichtbares Gas strömte, welches den Luguten betäuben sollte. Der Waffenmeister versuchte noch sich aufzurichten, aber seine Kraft reichte nicht mehr aus. Doch er schaffte es noch, etwas zu sagen. „Er ist verrückt, Kers. Der Gott hat seinen Verstand verloren. Erst die Rümpler, dann die Luguten ... Wer werden die Nächsten sein?“ Die letzten Worte waren kaum noch zu verstehen.
Kers schaute auf den betäubten Luguten und antwortete ihm, obwohl dieser ihn nicht mehr hören konnte.
„Meine Mannschaft und ich! Wir sind die Nächsten.“

Fortsetzung folgt

© Mac Kinsey

 

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