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Sternenwelten

Stanislaw Lem
Solaris

 von Erik Schreiber

 
© Jerry Bauer

www.suhrkamp.de

Stanislaw Lem wurde am 12.9.1921 (an anderer Stelle 19.9.1921) in Lwow, dem ehemaligen Lemberg; im damaligen Polen, heute Russland, geboren. Er besuchte das Gymnasium und während der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg arbeitete er als Automechaniker und gehörte dem polnischen Widerstand an. Anschließend setzte er sein Studium fort und beendete es 1948 an der Jagiellone Universität in Krakow. Zu jener Zeit begann er auch zu schreiben und so entstand seine Erzählung „Der Marsmensch“. Sie erschien 1948 in Polen als Heftchenroman. Von 1931 bis 1941 studierte er in Krakow Medizin. Nach dem Staatsexamen arbeitete er als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen, während er tagsüber am Konservatorium Naukoznawcze arbeitete.
Von 1947 bis 1950 veröffentlichte er weitere Gedichte, Essays und anderes in Zeitschriften und Zeitungen. Ein Gespräch mit einem Verleger über den Mangel an polnischer Science Fiction brachte als Ergebnis „Astronauci“ hervor. 1955 erschien sein erster zeitgenössischer Roman. Er versuchte sich in allen möglichen literarischen Gattungen. Vom zeitgenössischen Roman über wissenschaftliche Abhandlungen bis hin zu Gedichten, Krimis und Zukunftserzählungen. Mit seinen Science Fiction Romanen hat er sich jedoch inzwischen den Namen gemacht, mit dem er heute bekannt ist. Für ihn entwickelte sich die Utopie als die richtige Form, seinem Anliegen gerecht zu werden. So fließen gerade in diese Erzählungen immer wieder die „Menschlichkeit des Menschen“ unter erschwerten Umständen, ein. Die menschliche Erkenntnisfähigkeit ist es, die immer wieder seinen Büchern zu Grunde liegt. Gerade „Der futurologische Kongress“ ist ein Musterbeispiel dafür.
Seit 1973 liest Stanislaw Lem am Lehrstuhl für polnische Literatur in Krakow als Dozent der dortigen Universität.
Von 1982 bis 1988 lebte Stanislaw Lem in Wien und war 1982 zugleich Stipendiat des Institute for advanced studies in Berlin. Heute lebt der Autor zurückgezogen in seiner Heimatstadt Krakow. Er gilt heute noch als einer der brillantesten und vielfältigsten polnischen Autoren überhaupt. Manche zählen ihn heute zu einem Vertreter der psychologischen Science Fiction.
Er selbst gilt in seiner Heimat nicht mehr viel. Zumindest nicht unter denen, die sich als Autoren und Herausgeber bezeichnen. Während die Generation aus den sechziger und siebziger Jahren, meist erfolglos, bemühte, den Altmeister der polnischen Science Fiction zu übertreffen, bemühen sich die nachrückenden Autoren der achtziger und neunziger Jahre, ihn zu vergessen. Eine Frage, die gerade diese Generation stellte, war die, ob Lem der polnischen Science Fiction schade. Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass Lem gar keine SF mehr schreibt. So geschah es, das der Autor Adam Wisniewski-Snerg 1976 zum beliebtesten Autoren gewählt wurde und Stanislaw Lem nur den zweiten Platz belegte.

Solaris

 

In einer nicht näher bekannten Zukunft entwickelt sich der Planet Solaris zu einem der größten Rätsel das die Menschen bis dato zu klären hat. Die Oberfläche von Solaris ist ein riesiger Ozean, sich ständig in Bewegung befindender zähen Materie, die scheinbar sinnlos Formen, wie Sonnenprotuberanzen ausformt. Der Streitpunkt ist, sind diese Formen Zeichen von Intelligenz oder eher zufällige Phänomene.
Auf der Station im Orbit des Planeten Solaris trifft der Psychologe und Forscher Kris Kelvin ein. An Bord angekommen, steht erst einmal niemand zu seinem Empfang bereit. Er trifft dabei auf eine Mannschaft, denn Frauen gibt es keine, die von Wahnvorstellungen gepeinigt, am Rande einer Selbstmordkatastrophe steht. Der Wissenschaftler und Stationskommandant Gibarian verübte bereits Selbstmord, weil er es auf dieser Station nicht mehr aushielt, während die anderen Besatzungsmitglieder „lediglich geistig gestört“ wirken. Auch Kris Kelvin wird von unheimlichen Erscheinungen heimgesucht, dessen Entstehung er eigentlich unvoreingenommen untersuchen soll sowie den Tod seines Freundes Gabarian. Sie stellen sich in Form seiner Geliebten ein, die seinetwegen einen Selbstmord beginnt. Den schmerzlichen Verlust der Frau überwand Kris eigentlich nie richtig. Die erneute Begegnung stürzt ihn in einen großen seelischen Widerstreit. Und ihm stellt sich immer wieder die Frage, kann es eine neue, bessere Zukunft zu zweit geben? Die übrigen Besatzungsmitglieder haben ihre eigenen Phantome. Da läuft der Sohn des Kommandanten durch die STATION; Snow trifft sich selbst und Gordon hält ihre peinlichen Besucher in ihrer Kabine gefangen.
In Gesprächen mit der Besatzung erklärt ihm diese, der Planet sei eigentlich ein großes, unabhängiges Gehirn, das auf die Träume, Ängste und Erinnerungen, vor allem des Unterbewusstseins, in eine greifbare Form bringt. Zwischen Wahn und Wirklichkeit gefangen, gelangt er zu der Erkenntnis, dass das Forschungsprojekt, der Planet Solaris, damit zusammenhängt. Und vielleicht wird aus den Forschern das Forschungsobjekt? Es ist eine Reise ins Ich, die sich dabei um die Haltestellen Liebe, Tod und Auferstehung, des Abendlandes liebste Philosophie, dreht.
Solaris erschien 1961 und wird von vielen Freunden der wissenschaftlichen Erdichtung als eines der besten Bücher des Themengebietes, wie auch des Autors selbst gehalten. Fest steht, dass dieses Buch die Leserschaft durchaus in Gespräche führt. Während die einen Leser voll hinter dem Buch und seinem philosophischen Gedanken stehen, bemängeln die Anderen das Buch als verschroben und irrwitzig.
Sicher ist jedoch, dass es Stanislaw Lem um die Erkenntnisfähigkeit des Menschen geht, um die Möglichkeit, den Verstand mit technischen Erfindungen zu beeinflussen wie zum Beispiel der Abenteuer des Ijon Tichy. In diesem Fall sind es aber keine technischen Erfindungen, sondern die Beeinflussung des menschlichen Geistes durch ein stärkeres Bewusstsein, des Planeten Solaris. In den Büchern die Lem zu Beginn der 1960er Jahre schrieb, sind eine Anzahl neuer Ideen vorhanden. Es ist eine Abkehr der typischen „Sozialisten-SF“, wie er sie zehn Jahre zuvor begann. In den zwanzig Jahren von 1960 bis Ende 1970 befindet sich Stanislaw Lem in einer stetigen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen. Seine Themen sind dabei keine spinnerten oder reißerischen Erzählungen, sonder Stanislaw Lem bemüht sich, jeder Person eine Seele zu geben.
Solaris ist, nach mehr als 40 Jahren, immer noch ein spannender und überzeugender Roman. Die Handlung selbst ist aus der Sicht des Ich-Erzählers, bleibt aber, in der für Lem typischen, kritischen Distanz gehalten und zwingt den Leser und die Leserin, sich ebenfalls etwas zurückzunehmen und nicht allzu sehr mit einer der Handlungsträger oder dem Ich-Erzähler, in Verbindung zu treten. Lem bleibt kritisch. Nicht nur sich selbst als Autor gegenüber, sondern auch in seinen Romanfiguren, ja sogar gegenüber seinen Lesern, wie er einmal in einem Interview deutlich machte. Der Naturwissenschaftler gehört zu den wichtigsten polnischen Verfassern von Zukunftsgeschichten.
Hervorheben möchte ich in diesem Fall die Ausgabe des Wilhelm Heyne Verlages. Die Ausstattung ist sehr gut und vor allem das Vorwort von Ursula K.LeGuin und das Nachwort Erik Simons geben einen ausführlichen Überblick über Stanislaw Lem und sein Werk.

Der russische Regisseur Andrej Tarkowskij brannte den Stoff um diesen seltsamen Planeten das erste Mal auf Zelluloid. Sein Vorbild „Solaris“ wurde von ihm in Zusammenarbeit mit Friedrich Gorenstein für das Kino umgeschrieben und endete 1972 in einen 170 Minuten langen Film. Damit beeinflusste er, sicherlich unbeabsichtigt, dafür um so beständiger und nachhaltiger, viele lange Jahre den russischen Science Fiction Film. Andrej Tarkowskij gelang es im kommunistischen Russland, einen Film zu veröffentlichen, der dem kollektiven Bewusstsein ganz entschieden die individuelle Denkweise entgegensetze. Der Film greift den Konflikt in dem sich der Hauptdarsteller Kris Kelvin befindet stärker auf, vertieft mit seinen symbolisch verstärkten Bildern die Sprache des Romans auf eine deutlicher ausgeprägte Gefühlsebene. Der im Buch enthaltene Abstand zwischen Leser und Hauptperson entfällt fast völlig. Die Darsteller damals waren Natalja Bondartschuk als Harey, Donatas Banionis als Kris Kelvin, Nikolaj Grinko als Kris’ Vater, Jurij Jarvet als Snaut, Anatolij Solonizyn als Sartorius, Wladislaw Dworschezkij als Berton und Sos Sarkisjan als Gibarjan. Der Film ist ein stiller, beeindruckender Film.

Die amerikanische Neuverfilmung verlässt sich mehr auf das Charisma des amerikanischen Schauspielers George Clooney. Regisseur Sondberg erklärte in einem seiner vielen Interviews zu Solaris: „Es handelt sich hier eigentlich um eine Liebesgeschichte, die zufällig im Weltraum stattfindet“. Als Lem das las, sagte er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er habe den Film bislang nicht gesehen, sondern nur Kritiken dazu gelesen und sein Buch sei anders als der Film angelegt. So wird hier viel Wert auf die zwischenmenschliche Beziehung gelegt, aber der wissenschaftliche Bezug geht völlig verloren. Der amerikanische Regisseur speckte seine Ausgabe von Solaris kräftig ab. So floppte seine Magerversion in den Staaten, da er dort als zu europäisch galt, und in Europa, weil es eine viel zu seichte Soap-Opera wurde. Diesen Film kann man nur hassen oder lieben. Der Film spaltet die Zuschauer in zwei Gruppen und das ist gut so. Denn nur so kann man über den Film und später über das Buch sprechen und eine Meinung vertreten. Die Vorlage, das Buch, wurde ein wenig schlampig bearbeitet und so lenkt der Film den Blick auf das Buch.

Das Theaterstück

Die Premiere fand im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg statt.
Dieses Theaterstück war die Abschlussinszenierung der jungen Regisseurin Susanne Reifenrath des hochschulübergreifenden Studienganges Schauspieltheater - Regie an der Universität Hamburg mit Unterstützung von Kampnagel Hamburg. Dabei zeigte sich, dass sich das Thema „Science Fiction“ durchaus für eine Bühne eignet. Die Regisseurin verstand es dabei recht gut, einen Kern des Buches von Stanislaw Lem herauszuarbeiten. In Zusammenarbeit mit Silvia de Martha, die für die Ausstattung zuständig war und Claudia Lohmann als Dramaturgin schaffte es die Regisseurin, das Publikum für die Handlung zu interessieren und eventuell auch, sich Gedanken darüber zu machen.
Während sich das Publikum vornehmlich positiv dazu aussprach, meinte lediglich der Theaterkritiker Volker Trauth, in einem Gespräch mit „Fazit“ sie hätte Talent, gleichzeitig meinte er, sie hätte sich eines anderen Stoffes annehmen sollen.

 

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