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Sternenwelten

»Entschuldigen Sie bitte. Ich würde gerne einen Paläontologen sprechen.«

Robert J. Sawyer – Calculating God

»Excuse me. I would like to see a paleontologist.«

Dies sind die Worte, die den Erstkontakt zwischen Außerirdischen und Menschen einleiten. Und sie sind weder brutale Eroberer, noch idealistische Förderer der Menschheit. Sie sind Wissenschaftler, auf der Reise quer durch das Universum mit dem Ziel zu beweisen, dass Gott existiert. Dabei sehen sie Gott jedoch nicht als ein mystisches und unerklärliches Überwesen an, sondern als eine höhere Instanz, deren Existenz und Wirken auf wissenschaftliche Weise (durch Mathematik, Physik, Paläontologie und viele andere Naturwissenschaften) bewiesen werden kann.
Auf dieser Reise besuchen die Außerirdischen nun auch die Erde. Nicht um mit Politikern zu verhandeln, sondern um ihre eigenen Ziele zu verfolgen und Informationen zu sammeln. So entscheidet sich ein Alien, eine psychiatrische Klinik zu besuchen, ein anderer verbringt die Zeit mit Gorillas in Burundi, ein dritter begleitet einen Rechtsanwalt in San Francisco, ein weiterer entscheidet sich dazu, mit einem chinesischen Reisfarmer zu leben, während der fünfte eine archäologische Ausgrabung in Ägypten besucht. Und Holus landet direkt vor dem Royal Ontario Museum in Kanada und sorgt somit für das wohl ungewöhnlichste Erstkontakt-Gespräch der Literaturgeschichte. Dabei bleibt Robert J. Sawyer sich selbst treu und lässt auch die Menschen auf eine Art und Weise reagieren, die in der klassischen Science-Fiction so noch nie vorgekommen sein dürfte.
Denn der angesprochene Portier reagiert weder mit Panik oder Furcht. Sondern mit einem freundlichen Lächeln und den Worten:

»What kind of palaeontologist?«
»The alien´s spherical torso bobbed once „A pleasent one, I suppose.«

Mit Thomas Jericho tritt im Zuge dessen die zweite Hauptperson des Romans auf den Plan. Der paläontologische Leiter des Museums ist somit nach dem Wachmann der erste Mensch, der Gespräche mit dem Alien aufnimmt und schnell erkennt, dass Holus keine Anstalten macht, sich den Wünschen der Regierung zu beugen, sich nur mit »befähigten Personen« zu unterhalten. Auch die daraus resultierende Problematik umschifft Sawyer einfach und logisch, ohne sich damit zu lange aufzuhalten. Denn Inhalt des Romans ist nicht die politische Reaktion auf den ersten Kontakt, sondern die zwischenmenschliche Beziehung und die wissenschaftliche Arbeit. Sawyer versteht es perfekt, wissenschaftliche und philosophische Dialoge mit humoristischen Einlagen abzuwechseln. Dies jedoch ohne aufgesetzt zu wirken. Humor entsteht hier nicht aus Witzen oder Scherzen, sondern aus absolut menschlichen Situationen. So erklärt Holus Jericho, dass er und seine Mitreisenden seit über einem Jahr im Erdorbit kreisen und durch Fernsehen und Filme die Sprachen aller Völker gelernt haben. Auf die Frage, warum Holus so perfekt auf die Reaktion der Politiker und Geheimdienste vorbereitet war, erklärt er, dass eine Serie über zwei FBI-Agenten, die unerklärliche Phänomene aufzuklären versuchen, dabei sehr hilfreich war. Auf der anderen Seite ist Jericho überrascht, dass die Aliens nicht gleich wieder die Heimreise angetreten haben, als er erfährt, dass Holus unter anderem auch »South Park« gesehen hat.
Aber auch Holus beweist immer wieder, dass Aliens über einen sehr menschlichen Humor verfügen können.

Als Jericho zum ersten Mal das rechteckige und sehr unspektakulär designte Schiff der Außerirdischen sieht, entdeckt er einen fremdartigen Schriftzug an der Außenseite.

»What´s that say?«, I asked.
»This side up«, said Holus.

Zwischen den beiden Charakteren entspinnt sich ein faszinierender Dialog, der den Leser auf eine Reise zwischen naturwissenschaftlichen Fakten, philosophischen Theorien und fantastischen Ideen führt. Schon zu Beginn erfährt Jericho, dass jene umwälzenden Katastrophen, die auch das Bild der Erde maßgeblich verändert und so unter anderem zum Aussterben der Dinosaurier geführt haben, in ähnlicher Art und Weise und zum selben Zeitpunkt auch auf allen anderen Welten, die heute intelligentes Leben beheimaten, stattgefunden haben. So findet Jericho heraus, dass die Besucher nicht an Gott glauben, sondern aufgrund schlüssiger wissenschaftlicher Fakten und Berechnungen dessen Existenz als gesichert ansehen. Wobei Gott für sie nicht ein religiöses Überwesen darstellt, sondern einen Schöpfer im wissenschaftlichen Sinn. Eine geistig höchst entwickelte Existenz mit der Fähigkeit, ganze Universen zu designen.

Gleichzeitig nimmt uns Sawyer aber auch an die Hand und führt uns mit dem Charakter von Thomas Jericho durch eine höchst persönliche und emotionale Erfahrung. In kleinen, dabei aber umso emotionaleren Abschnitten begleitet der Leser Thomas Jericho von der Diagnose, an Lungenkrebs erkrankt zu sein, bis zu jenem Moment, an dem er sich dem Ende stellen muss. Entgegen der Hoffnung Jerichos – und auch des Lesers – kommen die Aliens jedoch nicht als Retter in der Not. Zeigen dabei aber in jedem Moment, dass Mitgefühl und das, was wir im Allgemeinen als »Menschlichkeit« bezeichnen, nicht unbedingt nur uns Zweibeinern vorbehalten ist.

Als dann der Stern Beteigeuze unerwartet zur Supernova wird, kommt es zum letzten und endgültigen Schritt, um die Existenz Gottes zu beweisen.

Unabhängig davon, ob die persönlichen Präferenzen zur Science-Fiction, zur Fantasy, Thrillern, Krimis, Horror oder was auch immer tendieren - »Calculating God« ist eines jener Bücher, die man gelesen haben sollte. Da sich bis heute leider kein Verlag gefunden hat, um diesen Roman ins Deutsche zu übersetzen, kann ich nur empfehlen, den Mut aufzubringen, und das Buch im Original zu lesen. Bereuen wird es wohl niemand. So unkonventionell und erfrischend, wie Robert J. Sawyer bereits auf Seite 4 seines Romans »Calculating God« dieses historische Ereignis einleitet, bleibt der Roman auch auf weiten Strecken. Nachdem der Kanadier schon mit seinen früheren Romanen bewies, dass er es vor allem versteht, zutiefst menschliche Geschichten zu erzählen, läuft er mit »Calculating god« zur Höchstform auf.

Quellen:

  • Robert J Sawyer - Calculating God - TOR Books - ISBN 9780765322890
    Alle englischsprachigen Zitate entstammen dem Roman und werden ungekürzt und unverändert wieder gegeben.

Copyright © 2010 by Michael Hirtzy

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