Sie sind hier: Startseite - Literatur - Sternenwelten - Autorenportraits - Jewgeni Samjatin


Sternenwelten

Jewgeni Samjatin

Jewgeni Iwanowitsch Samjatin kam im Januar 1884 als Sohn eines russisch-orthodoxen Priesters und Lehrers zur Welt. Er wurde in der russischen Provinz geboren und besuchte dort das Gymnasium. Bereits zu dieser Zeit fiel er durch sehr gute Aufsätze auf und hatte offensichtlich großes Talent für das Schreiben. 1902 beendete er das Gymnasium mit einem ausgezeichneten Abschluss.

In den Folgejahren studierte er Schiffbau in Sankt Petersburg und schloss sich während dieser Zeit den Bolschewiki an, einer Fraktion der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Er agitierte für diese Partei und half bei der Organisation des Aufstandes auf dem Panzerkreuzer Potemkin, einer Meuterei gegen die zaristischen Offiziere des Schiffs, die Teil des politischen Klassenkampfs war. Für seine Taten wurde Samjatin mit der Verbannung in die Heimatprovinz bestraft.

Nach seiner illegalen Rückkehr beendete er 1908 sein Studium. Am Ende einer erneuten Verbannung kehrte er 1913 wieder nach Petersburg zurück. 1916 veröffentlichte er dann seinen ersten Erzählungsband »Aus der Provinz«. Im selben Jahr emigrierte Samjatin nach England und konstruierte dort als Ingenieur Eisbrecher.

1917, nach der Februarrevolution, die die Zarenherrschaft in Russland beendete, kehrte Samjatin nach Russland zurück und beteiligte sich im Oktober desselben Jahres an der Revolution, durch welche die Bolschewiki gewaltsam die Macht im Lande an sich rissen (Oktoberrevolution).

Da ihn die Realität mit ihrer Gewalt, der Vorherrschaft allein des Verstandes und der Leugnung des Seelischen »ernüchterte«, schrieb Samjatin 1920 seine weltbekannte Anti- Utopie »Wir«, in welcher in einer fiktiven Gesellschaft, die sowohl kommunistische, als auch kapitalistische Züge trägt, jede Individualität unterbunden wird. Da er mit diesem Roman indirekt auch die im Aufbau befindliche kommunistische Gesellschaft in Russland kritisierte, erteilte ihm die Parteiführung, die darüber ärgerlich war, Schreibverbot.

1929, nach böser Hetze gegen seine Person, verließ Samjatin den sowjetischen Schriftstellerverband. 1931 erhielt er mit Hilfe von Maxim Gorki die Erlaubnis Stalins zur Ausreise nach Frankreich. Er ging mit seiner Frau ins Exil nach Paris, wo er im März 1937 verarmt verstarb. Die sowjetische Staatsbürgerschaft jedoch behielt er bis zu seinem Lebensende.

Das Buch

Dieser Roman war zunächst in der Sowjetunion verboten und wurde 1924/ 25 in tschechischer, englischer und französischer Übersetzung im Ausland veröffentlicht. Erst 1988 erschien er in der Sowjetunion in vollständiger russischer Fassung. Die Dystopien »Schöne neue Welt«von Aldous Huxley, »1984« von George Orwell, »Die Welt der Angeklagten« von Walter Jens und »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury weisen so viele Übereinstimmungen mit Samjatins »Wir« auf, dass der Gedanke nahe liegt, dass sie teilweise dort entlehnt wurden.

Inhalt:

Die Geschichte spielt nach einem 200jährigen Krieg und einer »allerletzten Revolution« in einem totalitären Einheitsstaat. Die Menschen tragen Nummern statt Namen und leben unter der Kontrolle der »Staatssicherheit« bzw. der »Wächter« in gläsernen Häusern ein völlig durchstrukturiertes, reglementiertes Leben. Den Staat führt der »Wohltäter«, eine Person, die Stalin bzw. dem »Großen Bruder« aus George Orwells Roman »1984« gleichzusetzen ist. Der Staat ist durch eine »grüne Mauer« vor dem Reich der Waldmenschen und Natur geschützt.

Der Held, Ich- Erzähler und Tagebuchschreiber D-503, ist Mathematiker und führend an der Konstruktion des Raumschiffes »Integral« beteiligt, mit welchem ferne Welten im unendlichen Raum der seligmachenden Ideologie des Einheitsstaates einverleibt werden sollen.

D-503 aber verliebt sich verbotenerweise in I-330, eine geheimnisvolle Oppositionelle, und seine geordnete, staatskonforme Welt gerät völlig aus den Fugen. Ein Arzt diagnostiziert, es habe sich bei ihm eine Seele gebildet. Aus Liebe zu I-330 versucht er, das Raumschiff- Projekt zu sabotieren, doch der Versuch misslingt. Bald darauf wird die »grüne Mauer« gesprengt, und die Opposition wagt die Rebellion.

D-503 trifft I-330 noch einmal, doch es bleibt unklar, ob sie ihn nur ausgenutzt oder geliebt hat. D-503 wird, wie auch anderen beteiligten Nummern, die Phantasie operativ aus dem Gehirn entfernt. Seine ehemalige Geliebte wird festgenommen, in einem »Gas- Zimmer« gefoltert und am nächsten Tag hingerichtet. Ihn lässt das nach seiner Operation völlig kalt. Er hofft, dass die Rebellion niedergeschlagen wird, denn er ist nun, nach dem Verrat seiner Liebe und dem Verlust seiner Fantasie, wieder ein Teil des »Wir«.

A) Quellen:

B) Bilder:

  • Jewgeni Samjatin, porträtiert von Boris Kustodijew, gemeinfrei
  • Cover des Buches »Wir«, mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch

© Wolfgang Wiekert

.

© by 2009
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox