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Sternenwelten

Algis Budrys

09.01.1931 - 09.06.2008


Photo by Beth Gwinn

Am 09. Januar 1931 erblickte Algis Budrys als Algirdas Jonas Budrys im ostpreußischen Königsberg das Licht der Welt. Wie seine Eltern war er litauischer Staatsbürger, was sich jedoch änderte, als seine Eltern 1936 mit dem fünfjährigen Sohn in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderten. Algirdas Vater war bis zur Auswanderung der litauische Konsul in Königsberg und später Mitglied der litauischen Exilregierung.
Nach der Schule arbeitete er eine zeitlang für seinen Vater. Algis studierte von 1947 bis 1951 an der Universität von Miami und später an der Columbia Universität in New York. In den letzten beiden Studienjahren arbeitete Algis Budrys bei American Express und ab 1952 als Lektor sowie als Herausgeber für einige Verlage, die Science Fiction veröffentlichten, unter anderem bei Gnome Press, einem führenden Buchverlag, als Assistant Editor.
Ein Jahr später verließ er Gnome Press und wechselte zu Galaxy Publications in die gleiche Position. Es folgten weitere SF-Magazine, Autozeitschriften und anderes mehr. 1963 wurde er Editorial Director bei Playboy Press.

1952, mit seinem Wechsel zu Gnome Press, gab es auch den Umschwung in seinem Leben. Seine Erzählung The High Purpose brachte ihm den ersten schriftstellerischen Erfolg. In der Folgezeit erschienen weitere Geschichten von ihm in den verschiedensten Magazinen. Er wurde relativ schnell bekannt und galt als einer der Nachwuchsautoren der 1950er Jahre. Seine beste Zeit war in den Sechzigern, Anfang der siebziger Jahre. Danach verlegte er sich mehr darauf Kritiken zu schreiben und sie in eben den Magazinen zu veröffentlichen, die vorher seine Geschichten brachten.
Ab 1965 schrieb er für Galaxy auch Buchbesprechungen und Kolumnen.

1977 erschien sein Roman Michaelmas. Diese Erzählung brachte ihm wieder einen großen Achtungserfolg. Darin geht es um Medien und Mediendschungel, um Filz und Machenschaften, viel komplexer, als es heute ist. Aber wir sind in der unsrigen Medienlandschaft nicht weit davon entfernt. Nur waren Budrys Drahtzieher Außerirdische. 1991 erschien sein Band Harte Landung.
Er selbst war unter anderem der Verleger des TOMORROW SPECULATIVE FICTION MAGAZINE, VENTURE SF und andere.
In seiner Laufzeit als Autor schrieb er zehn Romane, drei Kurzgeschichten-Sammlungen sowie fünf Sachbücher. Neben den Kurzgeschichtensammlungen schrieb er außerdem etwa 200 Kurzgeschichten.
Sein Roman Who? (Zwischen zwei Welten) gilt als klassischer SF-Roman seiner Zeit und wurde zur Vorlage des Films Der Mann aus Metall mit Elliot Gould, Trevor Howard, Joseph Bova und anderen.
Das Original erschien im Jahre 1958, die Übersetzung kam in Deutschland 1974 heraus.

Algis Budrys ist ein Autor, den man gern in die Zeit des Golden Age ansiedelt, der aber immer wieder aktiv Geschichten heraus brachte. Im Vergleich zu anderen Autoren jener Zeit waren seine Erzählungen nie sehr leicht zu lesen. Die meisten Geschichten hat der normale Leser längst vergessen und der Name blieb nur eingeweihten Lesern im Gedächtnis. Er war jedoch mehr als Herausgeber aktiv denn als Schriftsteller.
Seine Tätigkeit als Herausgeber fand nicht immer volle Zustimmung. Im Umkreis der "Gehirnwäschezentrale der Scientology" brachte er ab 1987 die Reihe L. Ron Hubbard presents Writers of the Future auf den Weg. Angeblich völlig unabhängig förderte er junge Science Fiction Autoren. Er schrieb auch den Roman zum Film Battlefield Earth, der mit dem Scientologen John Travolta als Hauptdarsteller und Produzent verfilmt wurde.
Nichts desto Trotz galt Algis Budrys unter den Autoren als hervorragender Stilist. Mit wenig Beschreibung gelang es ihm, die Leser von Anfang an in seinen Bann zu ziehen. Dabei war sein Stil nicht immer einfach. Seine Erzählungen, die Kurzgeschichten wie die Romane besaßen einen gewissen Tiefgang und forderten den Leser zum Mitdenken auf. Er stellte seine Handlungsträger, Menschen wie Aliens, gern in extremen, dennoch glaubhaften Lagen vor, die sie meistern sollten. Seine Hauptwerke sind sicherlich die drei Romane Einige werden überleben, Zwischen zwei Welten und Projekt Luna. Die Romane entstanden aus Kurzgeschichten, die bereits vorher in diversen Magazinen veröffentlicht wurden.
Einige werden überleben beschreibt eine der typischen negativen Zukünfte, wohingegen Zwischen zwei Welten ein Science Fiction Thriller aus der Zeit des kalten Krieges ist. Anzumerken sei in diesem Zusammenhang, dass sich Algis Budrys nie in die Politik einmischte und mit seinem Roman auch keine politische Stellung bezieht.
Mit dem Roman Projekt Luna hat Budrys sicherlich seinen Höhepunkt erreicht. Allgemein wurde gesagt und geschrieben, dass ab diesem Zeitpunkt seine Erzählungen in der Güte nachließen.

Neben Autoren wie Thomas M. Disch, John Brunner oder Norman Spinrad gilt er noch heute als ein kritischer Geist, der die Entwicklung der Gegenwart hinterfragte und sie in die Zukunft transportierte. Unangenehme Wahrheiten waren oftmals die Folge.
In seiner Laufbahn unterrichtete Budrys in Chicago an der Columbia Universität sowie der Harvard Universität.
Algis Budrys war mit Edna verheiratet und wurde Vater von vier Söhnen. Er starb am 09. Juni 2008.

Pseudonyme:
Frank Mason, William Scarff, John A. Sentry, Robert Marner, Ivan Janvier,
Paul Janvier, Algis Budrys, David C. Hodgkins, Jeffries Oldmann, Albert Stroud

Preise:
Mystery Writers of America 1966

HARTE LANDUNG

Showreview ist ein Vorort von Chicago. Eine der typischen Schlafstädte, in denen man die Zeit verbringt, in der man nicht arbeitet aber viel Zeit für die Fahrten zur und von der Arbeit aufwendet. Zigtausende Menschen fahren täglich mit der U-Bahn nach Chicago, nebeneinander im Abteil und niemand kennt den Anderen. Da ist es leicht, anonym zu bleiben.
Neville Unruh Sealman hat ein unruhiges Leben. Oder besser hatte, denn er ist tot. Seine Leiche fand man auf den Schienen der U-Bahn. Die Obduktion sollte zeigen, dass er durch Berührung der dritten, der stromführenden Schiene, starb. Die Untersuchung durch den Leichenbeschauer sollte aber auch noch etwas an das helle Licht der Neonröhren bringen. Neville Unruh Sealman war etwas Besonderes. Seine Innereien stimmen nicht mit denen eines normalen Homo Sapiens überein. Er kam nicht von hier. Wobei hier nicht nur Showreview oder Chicago gemeint ist, sondern die Erde als Planet an sich. Er gehörte zur Besatzung eines Raumschiffes, das während eines langweiligen Fluges in den Sümpfen von New Jersey notlanden musste. Ohne Hoffnung auf Rettung begannen die vier Besatzungsmitglieder sich unerkannt unter die Menschen zu mischen. Natürlich ist die Erde nicht die Heimat, aber zumindest die Äußerlichkeiten sind nicht zu unterschiedlich. Sein Tod wurde bei einer Auseinandersetzung mit seinem Partner Mullica herbei geführt, denn man hatte das abgestürzte Raumschiff gefunden. Sealman verlor die Nerven und das Unglück nahm seinen Lauf. Der Hintergrund, der zur Auffindung führte, lag jedoch im Piloten Ditlo Ravashan begründet, der sich der amerikanischen Regierung zu erkennen gab. Ein junger Kongressabgeordneter, genannt Richard Nixon, sorgte dafür, dass Ditlo nicht von den Behörden verfolgt wurde, während Ditlo dafür sorgte, dass genügend Geld floss, um die Karriere des Abgeordneten zu fördern. Das Geld kam durch kleinere Patente zustande und ließ sie zu reichen Männern werden. Ditlo wurde zu einem reichen Mann, der im Luxus schwelgte, während der Kongressabgeordnete zum Präsidenten des Landes wurde. Allerdings nutzt der Luxus nichts, wenn man plötzlich an AIDS zu leiden hat, um sich schließlich mit der Watergate-Affäre zu bedanken.
Die Frage des nachforschenden Pathologen stellte sich nun. Von wo kam er, was wollte er hier, war er allein, wo wollte er hin und war der Tod ein Mord? Fragen über Fragen, aber am Ende des Buches weiß man mehr.

So wie es bei Musikstücken immer wieder verschiedene Abwandlungen eines bestimmten Themas gibt, so gibt es diese in der Literatur natürlich auch. Aliens unerkannt auf der Erde ist ein Thema, das immer wieder beschrieben wird. In diesem Fall wird kein Überfall auf die Erde und die Machtübernahme durch Fremde beschrieben, sondern die Verzweiflung von Fremden, die wissen, dass sie nie wieder nach Hause kommen werden. Der Schluss des Romans ist in seiner erzählerischen Folgerichtigkeit überzeugend. Die Fremden entsprechen nicht unbedingt dem, was in der Zeit des Entstehens des Romans unter Aliens verstanden wurde. Keine glupschäugigen, tentakelbewährten Monster, sondern im Aussehen wie du und ich. Budrys lässt in seiner Erzählung neben der erzählerischen Handlung immer wieder erfundene Zeugenaussagen und Geheimdienstberichte einfließen. Dem Leser bleibt es überlassen, sich ein Bild zu formen. Mit unterschiedlichen Ergebnissen.
Manch einer fragt sich, ob hier das Leben und Leiden von Einwanderern erzählt wird. Von den Schwierigkeiten sich in eine fremde Gesellschaft einzufügen bis hin zum völligen Aufgehen in der fremden Kultur.

ZWISCHEN ZWEI WELTEN

Algis Budrys verlagerte die Handlung seiner Erzählung in die 1980er Jahre mit einem neuen Kalten Krieg zwischen Nato und Warschauer Pakt. Ein amerikanischer Atomphysiker arbeitet an einem geheimen Projekt nahe der Grenze, die den Osten vom Westen trennt. Sein Versuch ist jedoch nicht ganz erfolgreich, da sich im Labor von Dr. Lucas Martino eine verheerende Explosion ereignet. Von einem Einsatztrupp aus dem feindlichen Osten schwer verletzt gerettet, wird er körperlich wieder hergestellt, jedoch nach Kunst der Wissenschaft, so dass er eher eine Maschine zu sein scheint als ein Mensch. Ihm wurde ein Arm durch eine Prothese ersetzt und anstelle des Kopfes besitzt er eine Metallkugel mit künstlichen Augen. Nach vier Monaten wird er entlassen und in den Westen zurück geschickt. Mit all seinen künstlichen Ersetzungen sieht er nicht nur verändert aus, sondern auch nicht vertrauenswürdig. Geradezu paranoid reagiert der Westen, als er den Wissenschaftler nicht gleich identifizieren kann. Sie setzen Agent Shawn Rogers auf ihn an. Zwar sind die verbliebenen Fingerabdrücke die des Forschers Martino, aber ist es auch sein Gehirn? Der Geheimdienst will den ehemals verschlossenen Mann an Hand seiner Erinnerungen identifizieren, was sich als schwierig erweist. Martino kann anhand seiner Erinnerungen, zumindest der überprüfbaren, seine Existenz beweisen. Der Geheimdienst ist jedoch nicht überzeugt, denn so wie Martino ihnen antwortet, hätte er auch alle Geheimnisse dem östlichen Geheimdienst verraten können.
Inzwischen versucht Lucas Martino zu einer ehemaligen Freundin Kontakt herzustellen. Aus einer Beziehung wird nichts und Martino zieht sich auf die Farm seines Vaters zurück, ein Leben als Farmer in Aussicht.
Später taucht Rogers erneut auf und erzählt Martino, die Regierung will sein gescheitertes Forschungsvorhaben weiterführen und benötigt ihn als Wissenschaftler. In diesem Augenblick hatte Martino jedoch bereits mit seinem Forscherleben abgeschlossen und behauptet dreist, er sei nicht Martino.

Betrachtet man den deutschen Titel Zwischen zwei Welten, kommt man nicht umhin, länger darüber nachzudenken. Ist es die politische Lage? Zwischen Ost und West in einer militärischen Patt-Situation zu stecken? Oder ist es eher die Frage, wer bin ich jetzt - wer war ich früher? Mit dem Originaltitel Who? lässt sich die Frage viel einfacher und schneller stellen. In einer möglicherweisen Spionagegeschichte verbirgt sich weit mehr. So lässt sich die Geschichte durchaus als eine Charakterstudie ansehen, die gleichzeitig beweist, Budrys ist einer der führenden SF-Autoren der damaligen Zeit gewesen. Mit nur wenigen guten Werken machte er sich einen ebensolchen Namen.

Quelle:

von Erik Schreiber

Dieser Beitrag basiert auf dem Phantastischen Bücherbrief Nr. 487 und wurde bearbeitet von Anke Brandt.

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