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Sternenwelten

Jack Vance

von Erik Schreiber

Jack Vance richtiger Name lautet John Holbrook Vance und er wurde am 28. August 1916 geboren. Seine Eltern waren Charles Albert und Edith (Hoefler) Vance und sie lebten bei seiner Geburt in San Francisco. Im kalifornischen San Joaquin Valley wuchs Jack auf der Ranch seiner Großeltern auf, da sich seine Eltern früh trennten. Später besuchte er die University of California in Berkeley, wo er Bergbau, Physik und Journalismus studierte. Dies ist die Universität, wo auch andere Science Fiction Autoren und Autorinnen wie Diana L. Paxson und Marion Zimmer Bradley wirkten.
In der Zeit der Depression war für ihn kein Geld mehr zum Studieren da. So arbeitete er in den verschiedensten Jobs, um sich Geld für das Studium zurücklegen zu können. Als Handelsmatrose fuhr er während des zweiten Weltkrieges zur See und blieb auch noch nach dem Krieg dabei. Danach arbeitete er jedoch in allen möglichen Berufen. Vance war Jazztrompeter, Obstpflücker, Zimmermann und er war sogar in einer Konservenfabrik tätig. Da er sehr gerne las, und früh damit begann, blieb er immer wieder bei der Phantastik hängen. Seit 1945 schrieb er Science Fiction Geschichten, wobei ihm der ganz große Durchbruch aber nie gelang. Ein absolutes Spitzenwerk schrieb er nie und seine literarische Kunst liegt wohl eher in den Kurzgeschichten und Kurzromanen. Nichtsdestotrotz gewann er einige der wichtigsten SF-Preise.
Im August 1946 heiratete er Norma Ingold und 1961 kam ihr Sohn John Holbrook II. auf die Welt. Die Familie Vance lebte in Oakland und bereiste fast die ganze Welt.
Jack war ein begeisterter Leser von phantastischer Literatur. So wundert es heute niemanden mehr, wenn er bevorzugt zu Magazinen wie Weird Tales griff, in denen er die Geschichten von Clark Asthon Smith, Edgar Rice Burroughs und anderen Autoren wie Robert Heinlein und H.G. Wells las. Jack Vance berichtete, dass er den Ankunftstag des Magazins Weird Tales in etwa kannte und immer den langen Weg zum halben Kilometer entfernten Briefkasten rannte, um das bestellte Heft sofort in Empfang nehmen und lesen zu können.
Später zog er der phantastischen Literatur die Kriminallektüre vor.
Auf die Frage, warum er Schriftsteller wurde, antwortete er, es wäre für ihn die einzig vorstellbare Tätigkeit gewesen, die ihm die Freiheit gab zu reisen und zu tun, was er gerne wollte. Dazu gehörte, dass er sich für alten Jazz interessierte und gerne Banjo spielte.
Unter Jack Vance schrieb er Science Fiction, unter Jack Holbrook Vance schrieb er Kriminalromane. Als Schriftsteller gelang es ihm im Bereich der Science Fiction und in der Fantasy sehr viel Exotik, Unbekanntes und Fremdartiges einzuführen, ohne dass die Erzählungen darunter litten. Mit seinem gekonnten Stil schaffte er es, dass die Erzählungen dadurch bildlicher und damit vorstellbarer wurden. Seine erste veröffentlichte Geschichte, THE WORLD THINKER erschien 1945, kam jedoch erst 1982 nach Deutschland. Dann aber gleich in zwei Kurzgeschichtensammlungen in zwei Übersetzungen. THE WORLD THINKER erschien in dem Pulp-Magazin THRILLING WONDER STORIES. Dieses und das Magazin STARTLING STORIES bildeten bald seine Möglichkeit, Geschichten zu veröffentlichen.
Jack Vance gelang es, einen eigenen Stil zu erarbeiten. Seine Helden sprachen immer ein wenig ‚künstlich’, oder auch ‚geschraubt’. Noch im Jahre 1945 erschienen Science Fiction Kriminalgeschichten um den intergalaktischen Detektiv Magnus Ridolph, aber erst 1966 in Buchform. (DIE WELTEN DES MAGNUS RIDOLPH, Wilhelm Heyne Verlag 4053, 1984). Magnus Ridolph ist dabei nicht der strahlende Held, der an allen Ecken des Universums eingreifen muss. Seine Methoden ähneln eher denen eines Schlitzohrs und Halunken, als eines noblen Detektivs a la Sherlock Holmes. Magnus teilt im gleichen Maße aus, wie er einstecken muss. Und sind seine Gegenspieler unfair ihm gegenüber, dann kann er das schon lange. Auch wenn er sich dabei außerhalb des Gesetzes bewegt.
Ganz anders sind die sechs Kurzgeschichten zu sehen, die in der Sammlung THE DYING EARTH 1950 erschienen. (DIE STERBENDE ERDE, Wilhelm Heyne Verlag 3606, 1978). Die sechs Kurzgeschichten sind locker miteinander verbunden, können also als ein Episodenroman angesehen werden und spielen vor dem gemeinsamen Hintergrund einer fernen Zukunft, wo die Sonne jederzeit erlöschen kann. Nur noch wenige Menschen leben auf der Erde und statt der Wissenschaft wird der Alchemie und Zauberkunst gefrönt.
Durch seinen eigenen Stil schaffte er es, dass THE DYING EARTH als seine beste Erzählung angesehen wird. Bei vielen Kritikern wird dieser Roman, der vor allem stilistisch zu überzeugen weiß, als sein bestes Werk angesehen.
Bis zu Beginn der fünfziger Jahre schrieb Jack Vance vornehmlich Kurzgeschichten. Erst in den Fünfzigern selbst begann er mit Romanen und später auch Zyklen. Hier konnte er so schreiben wie er wollte. Er ließ in den meisten Fällen die allgemein gültigen Grundsätze der Naturwissenschaften außer acht. Vieles erklärte er, wenn überhaupt, mit Magie.
In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts erlangte Vance Kultstatus. Seine Romane, die bereits seit Ende der 60er Jahre vollständige Welten mit ihren unterschiedlichsten Kulturen zum Inhalt hatten, wurden noch feiner ausgearbeitet. Die DURDANE-Trilogie, die Romane um den Alastor-Sternhaufen und dem Gaeanischen Reich sind Kunstwerke der Weltenschöpfung. Nach dem Abschluss der Dämonenprinzen-Serie in den 80er Jahren widmete er sich wieder der Fantasy.
Mit Erscheinen der unten besprochenen LYONESSE-TRILOGIE erhielt er auch wieder Preise. Jack Vance hat in all den Jahren seines Schaffens nie ein Spitzenwerk geschrieben, das in bleibender Erinnerung sein und mit Nennung seines Namens sofort verbunden wird. Andererseits gewann er den Nebula-Award und den Hugo-Gernsback-Award. Dafür ist er einer der besten Unterhaltungsschriftsteller. Seine Werke sind von gleichbleibender Güte, fallen vielleicht ein wenig ab, um dann wieder einen Höhepunkt einzuleiten. In der Science Fiction ist er für mich einer der besten Schriftsteller.

Preise:

Hugo Gernsback Award
1963 für Die Drachenreiter
1967 für Die letzte Festung

Nebula Award
1966 für Die letzte Festung

Jupiter Award
1975 für Sturm auf die Stadt

World Fantasy Award
1984 für sein Lebenswerk
1990 für Madouc

Edgar Allan Poe Award
1961 für Der Mann im Käfig

SFWA Grandmaster Award
1998 für sein Lebenswerk

Pseudonyme:

Peter Held, Verlagspseudonym: Ellery Queen, Alan Wade, Jack Vance, John van See

Die LYONESSE Trilogie
HERRSCHER VON LYONESSE / DIE GRÜNE PERLE / MADOUC

Die Trilogie Lyonesse handelt vom Kampf um die Vorherrschaft über ein versunkenes Inselreich, das vor der europäischen Küste Bestand hatte. Lyonesse ist ein Königreich auf den älteren Inseln, die etwa vor der Biskaya lagen und es existierte vor König Arthur.
Damit trifft Jack Vance gleich zwei Entscheidungen. Zum Einen die Räumliche mit den Inseln, die es nie gegeben hat und zum anderen die Zeitliche, in der er sagt, vor der Zeit von König Arthur. Diese Angabe ist genau so vage wie die erste Angabe. Zudem verlegt er die Erzählung in ein Mythenreich, da man mit König Arthur gleichzeitig den Bereich der Fantasy betritt.
Die älteren Inseln sind die Heimat von zehn untereinander zerstrittenen Königreichen und ihren Regenten. Es ist gleichzeitig die Heimat von den barbarischen Ska, von Hexen und Zauberern, Helden und Zauberwesen wie Ogern und Elfen. Jeder der zehn Herrscher hat die machtgierige Anwandlung, Alleinherrscher über ganz Lyonesse zu werden. Ihnen allen voran steht König Casimir von Lyonesse, der seinen Gegenspieler Aillas von Süd-Ulfland bekämpft, wo es nur geht. Ob politisch, wirtschaftlich, militärisch oder magisch. Jedes Mittel scheint in diesem Machtkampf erlaubt zu sein. Zur gleichen Zeit werden die Inseln aber von den Ska bedroht, die als Barbaren auftreten, aber voller Stolz sind und alle anderen Länder und Menschen als minderwertig ansehen und entsprechend behandeln.
Im Mittelpunkt steht jedoch König Casimir. Der skrupellose Monarch will die Krone des Inselreiches alleine tragen. Seine militärische Kraft reicht allerdings nicht aus, die Macht an sich zu reißen. Aus diesem Grund ist er auf Verbündete angewiesen, die sich nicht sehr einfach finden lassen. Denn jeder andere Herrscher hat die gleichen Vorstellungen wie er.
Im Moment herrscht ein Gleichstand in den Kräftezusammenstellungen, so will sich niemand auf die Seite von Casimir, auch die Magier nicht, schlagen. Weil die Magier unter sich zerstritten sind, könnte es Casimir vielleicht gelingen, einen oder mehrere auf seine Seite zu ziehen.
Ein weiterer Handlungsstrang entwickelt sich mit der Tochter Casimirs. Suldrun lehnt sich gegen ihren Vater auf. Sie weigert sich, den Mann zu ehelichen, den ihr Vater als Verlobten aussuchte. König Casimir sperrt seine Tochter daraufhin in einen alten Garten ein. Eines Tages wird an die Gestade des Gartens der fast leblose Körper eines Prinzen angeschwemmt, in den sich die Prinzessin haltlos verliebt. Mit ihm zusammen plant sie die Flucht.

In der Fortsetzung geht es, wie der Titel bereits andeutet, um eine grüne Perle. Diese Perle macht Männer wie Frauen willenlos. Sie macht jeden, der sie in seinem Besitz wähnt, zu Mördern, stürzt jeden ins Unglück und ist damit die Gefahr für die Menschheit schlechthin. Eines Tages gelangt diese Perle in die Hand von König Aillas. Unmerklich langsam bemächtigt sie sich dem Willen des Trägers. Sie verändert den König zusehends, aber fast unmerklich. Als es eines Tages zwischen Casimir und Aillas zum Duell kommt, wird von der Heftigkeit des Kampfes und der dahinterstehenden Macht sogar die Welt der Götter in Aufruhr gebracht.

In Madouc findet der Leser sehr schnell heraus, dass das Enkelkind von König Casimir ein Wechselbalg ist. Aufgewachsen als Enkelin des großen Casimir, lernt sie sehr früh die Magie der Zauberer und Elfen kennen.
Mit der Suche nach ihren Eltern setzt Vance einen lesenswerten Abschluss in Szene. Madouc findet heraus, die Tochter einer Fee zu sein. Damit hat sie aber nur einen Elternteil, wer ihr Vater ist, ist immer noch ungeklärt.
Aber auch der Machtkampf um Lyonesse geht weiter. In absehbarer Zeit scheint es keinen Sieger zu geben, wie es auch keinen Verlierer gibt. Es sei denn, man bezeichnet alle Nicht-Sieger als Verlierer.

Dem Schriftsteller Jack Vance ist mit dieser Trilogie der ganz große Wurf gelungen. Die Leser sind einfach gefangen vom Zauber einer fremd anmutenden Welt und einer anderen Zeit, einer Welt voller Magie und phantastischer Gestalten aber auch hilfsbereiten und mächtigen Zauberern. Auf den ersten 100 bis 150 Seiten hat der erste Band der Trilogie einige Schwächen, wie im übrigen der dritte Band auch. Er zieht sich ein wenig, wird mit der Zeit jedoch schneller und besser. Auch seine eingesetzten Personen werden immer vertrauter und damit gleichzeitig lebendiger. Vor allem in seinen Dialogen zeigt Jack Vance, was in ihm steckt. Da werden Beleidigungen so formuliert, dass man den Eindruck eines Lobes erhält oder Drohungen werden in der Form eines Scherzes an den Mann gebracht. Mit solchen einfachen literarischen Kniffen werden die Rededuellanten noch lebendiger.
Jack Vance ist in der Lage, diese Personen überzeugend zu beschreiben. Er bringt den Leser zur Einsicht, es mit liebenswerten Charakteren und mit Bösewichtern zu tun zu haben. Manche der Hauptdarsteller sind kluge und weise Persönlichkeiten, die dem Leser schnell ans Herz wachsen. Andere wiederum sind so überzeugend mies und fies, dass man sie am liebsten gleich aus dem Buch verbannen möchte. Dabei werden die Handlungsträger gar nicht anders beschrieben, als Menschen wie du und ich. Sie gehen so natürlich ihren Interessen nach, als ob sie von lebenden Personen abgeschrieben wären.
Seine Helden führen kein leichtes Leben. Die üblichen Fantasy-Eigenschaften werden so weit wie möglich gemieden. Manche von ihnen werden ironisch überspitzt dargestellt oder schlicht durch den Kakao gezogen. Stellenweise sind die Handlungen und Ereignisse vorhersehbar. Dies stört aber nicht weiter, weil man genau diese Handlungen auch erwartet. Jack Vance überrascht immer mal wieder mit seiner Unvorhersehbarkeit, in diesem Fall jedoch nicht.

Vance machte sich, vor allem im Bereich der wissenschaftlichen Zukunftserzählung, einen guten Namen. Seine herausstechendsten Stilmerkmale sind eindeutig die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung. In seinen Science Fiction Erzählungen wurde er selbst zu einem Weltenerfinder. Er erfand exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten, wie in DIE MONDMOTTE, wo Musik als Verständigung diente. Er wurde zu einem Schöpfer farbenprächtiger Welten mit exotischen Kulturen und fremdartigen Lebewesen. Dabei wurde er nie zu einem Schriftsteller, der in ‚Richtung Technik’ tendierte, sondern mehr Wert auf eine stimmige Schilderung entwicklungsgeschichtlicher und menschlicher Gegebenheiten Wert legte. Dabei schilderte der Autor seine Welten so, als ob man selbst dort sei. Er schrieb nicht nur, er war ein Historiker erfundener Welten, verlor sich manchmal in den Einzelheiten und schweifte aus. Mit seiner Namensgebung verwirrte er manchmal die Leser, da sie ähnlich klangen, aber doch unterschiedliche Hauptdarsteller meinten. Er war eindeutig ein Sprachkünstler, an den noch niemand heranreicht. Er gilt immer noch als eine Art Geheimtipp. Man kennt ihn vielleicht, aber aus dem Stehgreif wird selten jemand seine Romane oder Kurzgeschichten nennen können.

NACHTLICHT

Die Assistenz-Professoren Hilyer und Altea Fath finden auf einer Expedition den jungen Jaro, der beinahe zu Tode geschlagen wird. Sie retten und adoptieren ihn, bringen ihn schließlich auf den Planeten Gallingale in die Stadt Thanet, wo er aufwächst. Sie selbst arbeiten dort am Thaneter Institut. Niemand weiß, wer Jaro wirklich ist und woher er kommt, da er sein Gedächtnis verloren hat. Es gibt nur schattenhafte Erinnerungen und eine unheimliche Stimme in seinem Kopf, die ihn später einmal dazu treiben soll, seine neue Heimat zu verlassen und auf die Suche nach seiner Vergangenheit zu gehen. Doch zuvor muss er sich zunächst einmal durch eine Gesellschaft kämpfen, in der er und seine "Eltern" auf der Außenseite stehen und für die Prestige wichtiger ist als der Mensch.
Fast jeder Mensch ist Mitglied eines Clubs oder Vereins und trachtet danach, in der Hierarchie aufzusteigen. Entweder im Club selbst, oder gar in den nächst höheren Club aufgenommen zu werden. Abstammung, Manieren und Wohlstand, kurz Betragung genannt, können die Aufnahme in einen höherrangigen Club beeinflussen. Da die Faths es immer vorgezogen haben, ihre Energie den Studien zu widmen, gehören sie keinem einzigen Club an, sind also statuslose Nimps.
Durch sein Außenseiterdasein hat Jaro es nicht einfach und arbeitet lieber auf dem Raumhafen, statt sich in Betragen und Höflichkeit zu schulen. Auf dem Raumhafen lernt er Tawn Maihac kennen, der der Zugang zu Jaros verschütteter Vergangenheit ist. Als er auf Camberwell von Hillyer und Altea gefunden wurde, stand er unter einem derart schweren Schock, der so groß war, dass er wohl gestorben wäre, hätten ihm nicht die Ärzte seine letzten sechs Jahre seiner Erinnerung geraubt.
Das auslösende Ereignis war, wie der Leser nach und nach erfährt, dass er seine Mutter auf ihren eigenen Wunsch mit einer Axt erschlug, um sie vor einer weiteren Folter durch einen gewissen Asrubel von Urd zu bewahren.
Das ganze Buch hindurch existiert keine durchgängige Geschichte, sondern immer wieder kommt es zu Brüchen, die kaum einen erkennbaren Sinn ergeben, sondern vielmehr den Eindruck entstehen lassen, dass der Autor auf einmal etwas ganz anderes vorhat. Immer wieder gibt es Episoden, die im Nichts enden bzw. sehr viel Luft um nichts machen. Da kommt es zu einer Ebene mit Personen, die lang und breit erklärt und aufgebaut und dann von einem Moment auf den anderen abserviert werden. Das führt dazu, dass der Leser sich ständig neu orientieren muss und sich nie richtig auf die Geschichte einlassen kann. Es gibt aber auch Ereignisse und Entwicklungen, die lange und umsichtig aufgebaut werden. Doch dann erreichen sie den Punkt, für den sie geschaffen wurden, und dann fallen sie einfach aus der Handlung heraus. Das wäre ja weiter kein Problem, wenn es sich dabei um nebensächliche Dinge oder unwichtige Nebencharaktere handeln würde, aber leider kommt dies auch beim Hauptcharakter vor.
Das führt dann doch dazu, dass der Eindruck entsteht, der Autor habe sich hier nicht besonders intensiv um seine Geschichte gekümmert. Zudem sind einige ganz klare inhaltliche Fehler drin, die eigentlich vom Übersetzer oder spätestens vom Lektor hätten abgefangen werden müssen. Ich spreche hier jetzt nicht von Dingen, die mir einfach nicht gefallen haben, sondern wenn der Junge aus dem Krankenhaus entlassen wird und zwei Kapitel später von seinen Pflegeeltern in eben jenem besucht wird, dann steht hier keine Interpretation mehr zu Buche, sondern dann ist das einfach ein faktischer Fehler.
Wie schon angedeutet, sind die wichtigsten Charaktere wie die Handlung: Sprunghaft und nicht selten kaum nachzuvollziehen. Mal davon abgesehen, dass sowieso nur zwei von ihnen eine wahrnehmbare Entwicklung durchmachen. Sie werden in die Handlung ein- und schnell wieder ausgeführt, allzu oft ohne einen besonderen Eindruck zu hinterlassen. Kaum haben sie ihre Funktion erfüllt, werden sie einfach fallengelassen - ohne ein Wort des Kommentars oder der Erklärung.
Eines der wenigen Highlights, die dieser Roman dann doch irgendwo zu bieten hat, ist die Gesellschaft, in der er spielt. Sie ist mit allerletzter Konsequenz auf Prestige ausgerichtet. Die Hauptbeschäftigung der Menschen ist es, in die verschiedenen Clubs aufgenommen zu werden und damit das eigene Prestige zu erhöhen. In diesem System gibt es allerdings auch die "Nimps": Menschen, die nicht nach Prestige, sondern nach ihrer eigenen und individuellen Entfaltung streben. Zu jenen gehören auch Jaro und seine Pflegeeltern. Jaro befindet sich zudem oft im Konflikt mit Skirlet, die einem der höchsten Clubs angehört. Zwischen ihnen gibt es eine seltsame Anziehungskraft, und schnell wird klar, wohin dieses Spiel am Ende führen muss.
Wirr und durcheinander, das sind für mich die Wörter, die diesen Roman am besten beschreiben. Nur der Rahmen der Geschichte macht einigermaßen Spaß; die meisten Charaktere vermögen jedoch ebenso wenig zu begeistern wie der Rest der Handlung. Ich will nichts deuten, was ich nicht belegen kann. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, Jack Vance schreibt einfach aus seinem Leben, verpackt seine Zeit an der Highschool in eine Science Fiction Geschichte, packt ein wenig elitäres Gehabe dazu und fertig ist die Erzählung. Und das, obwohl gerade diese Erzählung so hoch gelobt wird.
In den Niederlanden erschien dieses Buch in Welterstveröffentlichung, da Vance in Europa noch einen besseren Ruf genießt als zu Hause in den Vereinigten Staaten von Amerika. Vielleicht liegt es auch daran, dass NACHTLICHT zu sehr anderen Romanen von Herrn Vance ähnelt. (Zum Beispiel KALEIDOSKOP DER WELTEN).

DIE BLAUE WELT

Vor zwölf Generationen floh ein Raumschiff mit 200 Menschen vor einem grausamen Tyrannen und landete auf einer Welt, die nur mit Wasser bedeckt war. Die Flüchtlinge siedelten sich auf großen Pflanzen an, die den weiten Ozean bedeckten, und versuchten zu überleben, blieben sich aber immer ihrer Herkunft und Vergangenheit bewusst.
In der Gegenwart sind aus 200 inzwischen 20.000 Bewohner geworden, die sich über ein recht weites Areal ausgebreitet haben. Sie leben in Frieden, da es König Krakon gibt, der sie vor fremden Einflüssen schützt. König Krakon ist ein gigantischer Krake, der sich von den Menschen ernähren lässt.
Es ist nun Sklar Hats, der die Ehre des Königs anzweifelt. Er hält ihn nur für ein fettes Tier, das es sich auf Kosten der Menschen gut gehen lässt. Seinen Worten folgen Taten; und bald steht er vor Gericht und soll sich für seinen Aufstand rechtfertigen, doch es scheint, dass doch mehr Leute seinen Worten Gehör schenken, als so manchem Priester Krakons recht ist.

Jack Vance erzählt von einem Paradies - einer Welt, deren Schönheit eigentlich nur durch die Eitelkeit der Menschen getrübt wird, die sich ihren Frieden durch ein klein wenig Freiheitsverlust erkauft haben. Allerdings ist kein Frieden von Dauer. So schickt der Autor den friedliebenden Menschen eine Person, die ihr ganzes Weltbild durcheinander schmeißt, und auf einmal muss sich jeder fragen, ob es richtig ist, wie er lebt, aber auch, ob es falsch ist.
Vance beschreibt die Geschichte von Menschen, die handeln, weil sie sich in ihrer Ehre und Integrität verletzt fühlen. (Das scheint für mich zumindest der Eindruck zu sein.) Dadurch lösen sie eine Kette von Ereignissen aus, die zum Ende hin unkontrollierbar scheinen.
In der Geschichte geht es um Menschen, um einen Neuanfang und darum, wie die Dinge sich doch immer gleichen. Das ist im Prinzip nichts Neues, aber dennoch ist allein schon die Welt, auf der die Geschichte spielt, ein Lesen wert. Zugleich ist die Darstellung der Charaktere ein sehr wichtiger Faktor in diesem Buch. Wie gehen die Menschen hier miteinander um, und was können sie eventuell lernen? So erscheint mir die eigentliche Geschichte zeitweise zweitrangig.
Die Erzählung an sich wird aber auch sehr schön und gefühlvoll in Szene gesetzt, und irgendwann fragt man sich, wie diese Angelegenheit in einem so kleinen Buch denn zufriedenstellend zu Ende gebracht werden soll. Genau hier liegt das Manko. Das Ende ist eigentlich sehr schön - ein wenig pathetisch, aber schön. Doch die eigentliche Story wird auf einmal sehr schnell zu Ende gebracht und in knappen Worten erzählt. Das hätte ich mir dann doch etwas ausführlicher gewünscht. Eine traurige Einschätzung der Menschheit, verpackt in einen schönen Traum.

Dieser Beitrag basiert auf dem Phantastischen Autorenbrief Ausgabe 404 vom Juli 2006 und wurde für bearbeitet von Anke Brandt.

© Erik Schreiber

 

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