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Geisterwelten

Werner Kurt Giesa

Gedanken zum 3. Todestag

Am Valentinstag kommen immer wieder die Bilder aus dem Jahr 2008 in meinem Kopf hervor, als ich in Altenstadt-Lindheim Abschied von Werner nahm. Ein Abschied in den Zeiten des Diesseits - im Jenseits wird es bestimmt ein Wiedersehen geben.
Schrill kam Werner oft daher - ob in seinem Western-Outfit oder mit einer originellen Kopfbedeckung. Schrill oder gar ekzentrisch war Werner nicht. Vielmehr lernte ich ihn als einen besonnenen und aufrichtigen Menschen kennen, der zuhören konnte. Das machte ihn für mich symphatisch.
Er war sich nicht schade, um als Autor einer Vielzahl von Publikationen den Kontakt zu seinen Fans zu pflegen - sei es auf den Cons oder auch auf einigen Buchmessen in Frankfurt am Main. Fast bis zum bitteren Ende war er für seine Leser da. Als ich mit ihm am 13. Oktober 2007 während des Bucons in Dreieich über seine Krankheit sprach und ich ihm mitteilte, er möchte sich doch ein wenig schonen, gab Werner mir zur Antwort: »Ich muss es tun, ich bin es meinen Fans schuldig. Sie warten darauf, dass ich auftauche.« So und nicht anders hatte er dies all die Jahre zuvor getan. Werner war greifbar, konnte mit Fragen zu seinen Romanen regelrecht bombardiert werden. Er nahm es gelassen hin, gab hin und wieder auch bissige, jedoch nicht Enst zu nehmende Antworten.

Anlässlich des 3. Todestages veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des MVP e.V. eine Kurzgeschichte, die Werner für das Fanmagazin des Horror-Clubs Marburg, Ausgabe 24. Juni 1985 schrieb.

Sklavenrache

Eine Kurzgeschichte von Werner K. Giesa

Foxy blieb stehen und stieß Regis an.
»Schau«, sagte sie und deutete mit ausgestrecktem Arm zur Tribüne vor dem gelbgrün gestreiften Zelt.
Das Zelt beherrschte den Bazar. Hier trafen sich Bürger, Bauern, Gaukler und Händler. Und auch Diebe, nur konnten sie sich zumindest an Foxy nicht bereichern. Außer Fellstiefeln und einem breiten Schwertgürtel trug sie nichts auf der sonnengebräunten Haut. Und mit ihrem schlanken, biegsamen Körper und ihren raubtierhaft geschmeidigen Bewegungen erregte sie selbst in einem Land Aufsehen, in dem es keine Nacktheitstabus gab.
Regis trug ebenfalls Stiefel, Schwertgürtel und einen Fellrock, an dessen Innenseite – für Diebe also auch unerreichbar – ein Teil des Echsengoldes untergebracht war, das sie vor kurzem erbeutet hatten. Echsengold war ein ganz besonderes Zahlungsmittel und magisches Material …
Regis verengte die Augen. Auf der Tribüne wurden Sklaven feilgeboten. Ein Dutzend etwa waren es, jung, stark und schön. Ihre nackten Körper waren eingeölt worden und glänzten im Sonnenlicht.
Ein Pärchen fiel besonders auf. Regis konnte nicht einmal sagen warum. Aber der Mann und das Mädchen waren etwas Besonderes und sie gehörten irgendwie zusammen.
Das schien auch jemand anderem aufgefallen zu sein. Die von bewaffneten Reitern eskortierte Sänfte hielt an. Die Reiter, die rücksichtslos einen Weg durch die Menge gebahnt hatten, hoben vorsichtshalber die Schwerter.
Foxy pfiff leise durch die Zähne.
Ein Mädchen entstieg der von Sklaven getragenen Sänfte. Noch ziemlich jung, betörend hübsch und mit einem schleierartigen Gewand bekleidet, das nichts verhüllte.
»Die Prinzessin von Ash’Dont«, flüsterte jemand in der Menge neben Foxy und Regis. »Die Dämonen mögen sie verschlingen, diese Bestie in Menschengestalt!«
»Oh, erzähle uns mehr von ihr«, bat Foxy. »Wir sind fremd in der Stadt.
»Sie ist eine Teufelin. Sie geht über Leichen. So schön sie ist, so mörderisch ist sie auch. Liebhaber findet sie nur noch unter Sklaven, weil sie jeden nach kurzer Zeit tötet. Und niemand schafft es, ihr ein Ende zu bereiten, weil ihr Palast zu gut bewacht ist. Sie wird wieder einen Sklaven kaufen, mit dem sie sich vergnügt, um ihn danach zu töten …«
Foxy schüttelte sich. Unwillkürlich drängte sie sich an Regis.
Inzwischen war die Prinzessin auf die Tribüne gestiegen. Der Sklavenhändler, ein hünenhafter Federhäutiger, verneigte sich ehrfürchtig. Offenbar kannte er die Kaufkraft der Prinzessin.
»Dieser da«, sagte sie, »Lass ihn mich erproben, ob er brauchbar ist.« Sie deutete auf den Sklaven, der nebst seiner Begleiterin auch Foxy und Regis aufgefallen war.
Die beiden sahen deutlich, wie der Sklave bleich wurde. Das Mädchen stöhnte auf, wurde aber unsanft beiseite gerissen. Der Sklavenhändler versetzte dem jungen Burschen einen Stoß, dass er der Prinzessin entgegen taumelte.
»Streng dich an«, fauchte der Händler. »Wenn sie dich nicht kauft, wird es danach kein anderer mehr tun, und du weißt, was das bedeutet.«
Der Sklave verzog das Gesicht.
»Der Händler wird ihn töten, weil er mit unverkäuflichem Ballast nichts anfangen kann. Der Junge ist so und so verloren«, sagte Regis dumpf.
»Wir könnten ihn kaufen«, sagte Foxy.
»Du bist verrückt.«
Foxy zuckte mit den Schultern und schmiegte sich noch enger an Regis.
Auf der Tribüne streifte die Prinzessin ihr Schleiergewand ab und wandte sich dem Sklaven zu. Mit geschickten Fingerspielen brachte sie ihn recht bald in Form und ließ ich von ihm nehmen.
Offensichtlich war sie anschließend zufrieden, denn er wechselte den Besitzer, durfte seine neue Herrin ankleiden und dann von Halsring und Kette gehalten hinter der Sänfte hertrotten.
»Armer Kerl«, murmelte jemand in der Menge.
Regis sah, dass Foxy von der zumindest für sie und Regis überraschenden Darbietung angeregt und erregt war. Sie presste ihren Körper an seinen. »Ich werde verrückt«, flüsterte sie atemlos. »Du musst mir helfen, Regis Drachentöter. Du musst mich lieben, jetzt …«
Nur zu gern kam er der Aufforderung nach. Sie fanden einen Platz am Rande des Bazars, wo es nicht mehr so viele Zuschauer gab, und selbst die störten sie nicht mehr, als sie sich ihren gegenseitigen Zärtlichkeiten hingaben. So wild hatte Regis das Mädchen mit dem bis auf die Brüste fallenden goldroten Haaren noch nie erlebt, und sie genoss nicht nur seine förmlich explodierende Männlichkeit wie nie zuvor, sondern bereitete ihm höchstes Lustempfinden bis zur Erschöpfung, während sie im Taumel der Erfüllung versanken.

*

»Ich glaube, wir sind da nicht die Einzigen, die spontane Gelegenheiten wahrnehmen«, stellte Regis später fest, als sie sich wieder unter die Menge mischten und hier und da Pärchen entdeckten, die sich ebenfalls recht unbekümmert erotischen Spielchen hingaben.
Foxy lächelte. »Ich verstehe mich selbst nicht so recht«, sagte sie. »Aber es überkam mich einfach. Vielleicht liegt es daran, wie dieser Sklavenjüngling die Prinzessin verwöhnt hat. Den möchte ich auch mal vernaschen – obwohl ich dich liebe.«
Regis zuckte mit den Schultern.
»Ich möchte, dass wir das Mädchen kaufen, das zu ihm gehört«, sagte Foxy.
Regis sah sie erstaunt an, aber Foxy äußerte sich nicht weiter dazu. Da wusste er, dass sie diesen Wunsch nicht unüberlegt äußerte. Sie plante etwas.
Regis nahm eine Münze des Drachengoldes. Damit war die Sklavin weit überbezahlt, denn Drachengold ist ein ganz besonderes Material, tausendmal edler als normales Gold. Herausgeben wollte der Händler nichts, bot aber einen weiteren Sklaven als Dreingabe an. Foxy und Regis verzichteten. Von der Sklaverei hielten sie beide nicht viel.
Und das machte Foxy der Sklavin auch wenig später klar. »Du bist frei, Shiiva«, sagte sie. »Geh deiner Wege und tu, was immer dir beliebt.«
Shiiva sah sie beide ungläubig an. Regis öffnete ihren Halsring mit dem großen Schlüssel, den er beim kauf ausgehändigt bekommen hatte, und behielt den Ring bei sich.
»Ich danke euch«, hauchte Shiiva. Sie bewegte sich aufreizend und auffordernd. Aber Foxy schüttelte nur den Kopf. Und auch Regis verneinte, wenngleich er es auch innerlich bedauerte; er ahnte, dass das hübsche Mädchen eine bestimmt ebenso gute Liebhaberin war, wie es der an die mörderische Prinzessin verkaufte Jüngling auf seine Weise war.
Doch Foxy hatte andere Pläne.
Die freigelassene Ex-Sklavin tauchte alsbald, wenn auch zögernd, in der Menge unter.

*

Die Nacht war warm und Foxy und Regis hatten es vorgezogen, im freien Hof der Herberge zu übernachten. Das hatte den Vorteil, dass es eine Kupfermünze weniger kostete als das dach über dem Kopf – und dass es keine Wanzen gab. Auch andere hatten den gleichen Entschluss gefasst. Einige Feuer brannten und warfen warme, bizarre Schatten. In der Nähe war Flüstern, verspieltes Kichern und unterdrücktes Stöhnen zu hören; zwei Mädchen waren in eine Decke eingerollt – miteinander beschäftigt. Foxy und Regis ließen sich davon inspirieren und tauschten ebenfalls Zärtlichkeiten aus.
»Wir werden in den Palast eindringen und den Jungen befreien«, sagte Foxy.
»Du bist verrückt.« Regis küsste die aufblühenden Knospen ihrer Brüste. »der Palast ist bewacht. Du hast die Reiter gesehen, du hast gehört, was erzählt wurde. Lass die Finger davon. Ich möchte nicht, dass man uns den Sklavenkragen umlegt oder uns einfach tötet.«
»Vergiss nicht das Drachengold«, sagte Foxy. Ihre Lippen wanderten über seinen Körper abwärts dem Ziel entgegen. »Damit kann man mehr tun, als Dinge und Dienstleistungen zu bezahlen.«
»Ich weiß. Aber man muss sich damit auskennen.«
»Ich kenne mich aus.« Ihre Zunge umspielte seine Männlichkeit, bis Regis in Ekstase überschäumte. Foxy lachte vergnügt und genoss ihrerseits die Kraft seiner Liebe bis zur Erschöpfung.
Viel später erst, als der Mond ebenfalls den Höhepunkt seiner Himmelsbahn erreichte, kam sie wieder auf ihren Plan zu sprechen. Sie nahm eine Münze des Drachengoldes, schuf einen Zauberkreis und vollführte zu Regis‘ Erstaunen eine Beschwörung, als sei sie eine geübte Magierin. Niemand sonst im Herbergshof bekam etwas davon mit, da inzwischen längst jeder schlief.
»Gut, und was nun?«, fragte Regis schließlich, als Foxy ihre Beschwörung beendete.
Sie lächelte. Ihr schlanker Körper glänzte im Mondlicht schweißnass von der gewaltigen Anstrengung.
»Wir können uns noch sehen«, sagte sie einfach. »Aber für alle anderen sind wir unsichtbar.«
Regis hatte da seine Zweifel, welche aber schwanden, als sie beide durch das Herbergstor schritten, ohne dass die wachen sie bemerkten.

*

In den Palast der Prinzessin von Ash’Dont einzudringen, war schon etwas schwieriger - der entschieden schwereren Bewachung wegen. Aber es ging, und sie durchsuchten die Säle, Zimmer und Korridore nach dem Lustsklaven der mörderischen Prinzessin.
Doch als sie ihn fanden, war er bereits tot.

*

Er war soeben gestorben, stumm und nur ein paar Sekunden vor ihrer beider Erscheinen. Die Prinzessin stand hochaufgerichtet über ihm. Sie war nackt wie ihr Opfer, sie lachte in ekstatischem Triumph, und sie reckte die Faust mit dem blutigen Dolch empor. Ihr Gesicht war ebenfalls vom Blut und glasigem Schaum verschmiert, und der Sklave schwamm förmlich in der roten Lache, die aus seiner Kehle und seiner Leibesmitte immer noch reichen Zustrom fand.
Die wahnsinnige Mörderin musste ihn im Moment der Ejakulation entmannt und ihm dann die Kehle durchgeschnitten haben.
»Ja«, keuchte Regis entsetzt. »Sie ist wahnsinnig!«
Die Prinzessin vernahm die Worte. Sie fuhr wild herum. Aber Foxy war schneller. Sie hatte den Vorteil, ebenso wie Regis für die Mörderin unsichtbar zu sein. Foxy schlug die Prinzessin mit der Breitseite ihres Schwertes nieder.
Regis zog den Dolch. »Ich bringe sie um«, stöhnte er. »Sie ist kein Mensch, sondern eine Bestie.«
»Ich habe eine bessere Idee«, sagte Foxy. »Lege ihr den Sklavenkragen an. Wir schneiden ihr die Haare ab, damit niemand sie sofort wiedererkennt und schaffen sie irgendwie aus dem Palast. Vielleicht in einen Teppich eingerollt.«
»Dir fällt auch nichts Besseres mehr ein als der uralte Trick, den doch jeder sofort durchschaut.«
»Gerade weil ihn jeder kennt, wird es niemand mehr glauben wollen. Los, fang schon an …«

*

Als der Morgen graute, zerrte Regis eine kahlköpfige Sklavin hinter sich her durch die Stadt. Die Sklavin hatte aufgehört, sich zu wehren. Foxy kannte eine Menge Tricks, eine Frau wie die entführte Prinzessin gefügig zu machen, und niemand erkannte sie wieder, vor allem nicht jene, die als Leibgardisten in ihrem Sold standen und sie eigentlich hätten schützen und befreien sollen. Vor allem ahnte ja niemand, dass sie entführt worden war.
Doch dann gab es doch jemanden, der die Mörderin wiedererkannte.
Shiiva tauchte unvermittelt auf, die freigelassene Sklavin. Irgendwie hatte sie es wohl fertiggebracht, an einen Beutel mit Goldmünzen zu kommen, der an einer Schnur um ihren Hals hing und ihre einzige Bekleidung darstellte. Nun, als Frau standen ihr Möglichkeiten offen, an das Geld der Männer zu gelangen …
Ihre Augen wurden groß. »Das ist sie«, keuchte sie auf. »Wie, bei allen Sumpfbärgöttern, habt ihr das fertiggebracht?«
»Wir wollten jenen Mann befreien, der zu dir gehört«, sagte Foxy. »Aber wir kamen zu spät.« Sie erzählte, wie die Prinzessin ihn getötet hatte.
Hass flammte in den Augen Shiivas.
»Er war mein Mann, ehe die Sklavenjäger uns in einem Grenzdorf fingen«, sagte sie. Sie riss sich den Goldbeutel vom Hals. »Nehmt alles, aber verkauft mir diese Bestie in Menschengestalt.«
»Behalte dein Geld«, sagte Foxy. »Die Mörderin ist ein Geschenk an dich.« Und sie gab Shiiva den Schlüssel zum Kragen der Prinzessin – demselben Kragen, den tags zuvor noch Shiiva getragen hatte.
Deren Augen leuchteten auf, während die Prinzessin vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben Furcht zeigte, panische Angst. Denn Shiiva bleckte die Zähne in grinsendem, von tödlichem Hass erfülltem Triumph.
Es waren aber die spitz zugefeilten Zähne einer Kannibalin.
Sie zerrte die Mörderin in eine Gasse zwischen zwei Häuser. Die Mörderin schrie auf, als Shiiva das erste Mal zubiss, und ihr Schrei wurde zum schrillen Kreischen.
Doch es gab niemanden, der sich darum kümmerte. Das Leben eines Sklaven galt doch nichts in dieser Stadt, die zu verlassen Foxy und Regis froh waren.
Die Prinzessin kreischte sehr lange.
Shiiva ließ sich mit ihrer Rache sehr viel Zeit. Erst nach Stunden wurde es in der schmalen Seitengasse endlich still.
Da waren Foxy und Regis schon weit fort …

Ende

© W. K. Giesa und W. Brandt

 

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