Während des MarburgCon 2007 lernte ich Tobias Bachmann kennen. Eine symphatische Persönlichkeit.
Auf der Suche nach biographischen Daten seines bisherigen Lebens ergab nicht viel. Prompt schrieb ich ihm eine Mail, um sein Wirken als Autor hier in
vorstellen zu können.
Nun wissen die Leser, wer der Autor Tobias Bachmann ist.
Einen kleinen Vorgeschmack auf seinen im Februar 2007 erschienenen Roman „Auspizien“ soll die folgende Leseprobe geben.
Das Treffen der drei Alten - I
Nach und nach zähmt uns das Vergessen.
So schwinden auch die furchtbaren Erinnerungen, die mich Woche für Woche an jedem Sonntag heimsuchen. Sechs Tage benötigte ich, um den ersten Schock zu überwinden, doch bereits am siebten Tag musste ich begreifen, dass mein Gedächtnis wohl auf unbestimmte Zeit mit dem Nachklang jenes Sonntags zu kämpfen haben würde. Der Sonntag ist zu einem persönlichen Gedenktag für mich geworden, und Gott weiß, dass ich diesen abends in der Kirche verbringe, um nach der Abendmesse für die Seelen der drei Alten zu beten.
Der letzte Sonntag des Monats war für die drei Alten stets dazu gedacht und geeignet, sich zu treffen, Tee zu trinken, Zigarren zu rauchen und sich in der wohligen Atmosphäre eines, beim letzten Treffen auserkorenen Ortes Geschichten zu erzählen. Gruselige Geschichten, für gewöhnlich, denn alle drei hatten eine Schwäche für dieses Genre und alle drei liebten jenes unscheinbare Gefühl der knisternden Angst, der leichten Gänsehaut und der wohligen Schauer und es schien, als wäre es ihre einzige Bestimmung, um nicht zu sagen, ihr Lebenszweck, diese Treffen abzuhalten.
Der erste war Hans Krautstein, pensionierter Anwalt und stolzer Besitzer einer Bibliothek, gefüllt mit ausschließlich unheimlicher Literatur, deren Geschichten für etliche Treffen über Generationen hinweg ausreichen würden. Vor jedem Treffen suchte er sich sorgfältig eine Geschichte aus, las sie oft genug um sie an dem jeweiligen Sonntag frei vortragen zu können.
Die zweite Person der drei Alten nannte sich Klaus Böhmer und war begabter Verfasser erfolgreicher Schauerromane, welche man an jedem Bahnhofskiosk erwerben konnte. Selbstverständlich verkaufte er diese nicht unter seinem richtigen Namen, denn er besaß mittlerweile ein bekanntes und einschlägiges Pseudonym. Er verdankte es seiner Karriere, dass er stets Geschichten auf Lager hatte, welche er zum besten geben konnte, und wenn er sich einmal nicht vorbereitet hatte, so improvisierte er stets eine auf die Schnelle, was ihm scheinbar kein Problem bereitete.
Andreas Gerhardt war der dritte und letzte der interessanten Gruppe. Keiner wusste so recht, woher er den Stoff seiner Geschichten schöpfte, zumal er imposanter weise jedes Mal angab, all seine Erzählungen selbst erlebt zu haben, was ihm natürlich niemand glaubte. Er beharrte dennoch auf diese Erklärung und seit dem letzten Treffen, von dem ich hier berichten möchte, würde ihm dies auch jeder glauben, sofern Gerhardt noch am Leben wäre.
Dieser Sonntag, an dem das - wie sich später herausstellen sollte - letzte Treffen der drei Alten stattfand, war wie geschaffen für das Erzählen unheimlicher Geschichten. Der Mond kämpfte sich anfangs noch erfolgreich durch die dicke Wolkenmasse, welche nach und nach immer dichter wurde, wodurch der volle Mond komplett vom Himmelszelt verbannt wurde. Es dauerte nicht lange, da platzte ein dichter Regen auf die Erde nieder, Donnergrollen erfüllte die Luft und die Gewitterwolken entluden ihre elektrische Ladung in Form greller Blitze, die wütend auf die Welt einstachen.
Das alte Herrenhaus Krautsteins kam vollends zur Geltung, glich einem Spukschloss als Klaus Böhmer mit seinem Wagen die Einfahrt herauf rollte. Er parkte unmittelbar vor dem Eingangsportal mit dem wackeligen Geländer und rannte, seine Jacke über den Kopf haltend, die knarrenden Stufen hinauf. Eilig klingelte er Sturm und ich, die damals noch als Hausdame des wohlhabenden Krautsteins beschäftigt war, öffnete mit einem aufrichtigen Lächeln auf den Lippen.
“Guten Abend, Herr Böhmer”, grüßte ich den Schriftsteller. ”Sagen Sie, haben Sie dieses Wetter bestellt?”
“Aber selbstverständlich, werte Dame”, erwiderte Böhmer mit ironischem Unterton, der verriet, dass er scherzte. “Wussten Sie nicht, dass ich einen direkten Draht zu Petrus habe?”
Mein Lächeln verwandelte sich in ein leichtes Auflachen und beide gingen wir ins Innere des prächtigen Hauses. Nachdem ich Böhmers Mantel in Empfang genommen hatte, geleitete ich ihn in den Salon, wo Krautstein in seinem hohen Lehnsessel wartete. Der Tee stand bereits dampfend auf einem fahrbaren Serviertischchen bereit, und nachdem sich die beiden Männer aufs herzlichste begrüßt hatten, unterhielten sie sich über Böhmers neues, zur Veröffentlichung anstehendes Buch.
Wenn die Treffen der drei Alten bei meinem Arbeitgeber stattfanden, durfte ich, ganz gegen die üblichen Gepflogenheiten, mit anwesend sein. Die einzige Bedingung war, das ich mich diskret im Hintergrund hielt, und dazu bereit war, die drei Alten mit Tee und Knabbereien zu bewirten. Dies hatte ich eines Tages mit Krautstein vereinbart, hatte er doch vollstes Vertrauen zu mir, zumal ich schon seit sehr langer Zeit seine Angestellte war und er wusste, dass ich eine aufrichtige, gewissenhafte Person bin. Ich mochte es, Geschichten zu hören, liebte es schon als Kind, wenn mir meine Eltern Märchen vorlasen, und auch heute noch besuche ich gerne Lesungen verschiedener Autoren. Die Treffen der drei Alten waren daher stets ein Genuss für mich, so dass ich mucksmäuschenstill den Bedingungen Krautsteins nachkam.
Gerhardt ließ sich ganz entgegen seiner Gewohnheiten erheblich viel Zeit, und die beiden mussten eine geschlagene halbe Stunde auf ihren gemeinsamen Freund warten. Sie beschlossen, dass sein zu Spätkommen auf das Wetter zurückzuführen sei, und leerten derweil die erste Kanne Tee. Schließlich, es war bereits nach neun Uhr abends, führte ich den bereits Vermissten in den Salon und die Wartenden blickten ihn entsetzt an. Gerhardt sah aus, als hätte er dem Tod persönlich gegenüber gestanden. Seine Haare waren weiß wie Schnee und seine Haut von garstigen Falten überzogen.
“Andreas! Bist du krank?” fragten beide gleichzeitig und in höchster Sorge.
“Ich werde Euch alles erzählen, meine Freunde. Doch vorher werdet Ihr mir eure Geschichten erzählen, denn ich weiß, dass die meinige alles übertreffen wird, was Ihr euch nur vorstellen könnt. Etwas schreckliches ist passiert. Doch lasst mich erst einmal setzen.” Er blickte mich an und bat mich, eine frische Kanne Tee zu bereiten, er sei durch den Regen gelaufen und bräuchte etwas zum aufwärmen. Dann setzte er sich den beiden anderen gegenüber und stopfte seine Pfeife mit einem wohlriechenden Tabak, so wie er es immer tat, was Krautstein und Böhmer einigermaßen beruhigte.
Die mitgenommene Erscheinung Gerhardts war in der Tat sehr sonderbar. Es schien, als sei er innerhalb eines kurzen Zeitraums über Jahre hinweg gealtert. Das irritierendste jedoch war, dass er tiefe Falten an den dafür untypischsten Stellen bekommen hatte. Es haftete etwas regelrecht unnatürliches an ihm, und mit leichtem Frösteln ging ich in die Küche, um den gewünschten Tee zu bereiten. Ich wählte einen starken Earl Grey, wusste ich doch, dass Gerhardt diesen am liebsten trank. Ich wartete, bis der Tee gut durchgezogen war, dann nahm ich die Kanne und begab mich wieder in den Salon, um den wunderbaren Geschichten zu lauschen.
Den Anfang machte diesmal Krautstein selbst. Er saß völlig entspannt in seinem Lehnsessel, blickte einige Male kopfschüttelnd zu Gerhardt und begann schließlich mit seiner Erzählung.
“Die Geschichte, die ich heute für euch ausgesucht habe, trägt den Titel Grønn und stammt aus einem alten Gruselbuch, einer Anthologie mit dem Titel Gänsehaut. Ich habe leider vergessen, wer der Verfasser des Buches ist; sofern es jemanden interessiert, kann ich später noch einmal in die Bibliothek gehen und nachschauen.”
“Ist doch völlig egal”, warf Böhmer ungeduldig ein.
“Nun gut”, sagte Krautstein, und begann zu erzählen...