
Geisterwelten
 Das Leben und Werk des Robert Louis Stevenson
von Florian Kayser (Sansold)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Louis_Stevenson
Der schottische Essayist, Dichter und Schriftsteller, Robert Louis Balfour Stevenson, wurde am 13. November 1850 als Sohn des wohlhabenden schottischen Ingenieurs Thomas Stevenson und dessen Frau Margaret Isabella Balfour in Edinburgh geboren. Zu seinen wohl bekanntesten Werken zählen vor allem, die oft verfilmte und gern gelesene, aber zumeist fälschlicherweise der reinen Jugendliteratur zugerechnete „Treasure Island (1881)“ [Die Schatzinsel], sowie die bekannte Erzählung „The strange case of Dr. Jekyll und Mr Hyde (1886) [Der seltsame Fall des Doctor Jekyll und des Herrn Hyde] die sich mit dem Widerstreit von Gut und Böse, in einem selbst, widmet. Doch Robert Stevenson hat darüber hinaus auch noch diverse Reiseberichte und Gedichte geschrieben, wie auch Rezensionen zeitgenössischer Literatur verfasst und sich weiteren umfangreicheren Werken der Prosa verschrieben.
Eigentlich hatte die Familie dem kränklichen Spross; Robert litt zeitlebens unter diversen schweren Lungenerkrankungen; eine Karriere als Leuchtturmingenieur zugedacht, aber da Robert nie einen Sinn für das Technische hatte aufbringen können, einigten er und sein Vater sich auf den Kompromiss, dass er sich stattdessen auf den Beruf des Anwaltes vorbereiten sollte.
Stevenson, der ob seiner gesundheitlichen Malaisen nur sehr unregelmäßig die Schulbank hatte drücken können, ging mit 17 Jahren an die Universität von Edinburgh, wo er das Jurastudium aufnahm. Dennoch widmete er sich parallel hierzu seiner eigentlichen Leidenschaft, der Schriftstellerei.
Sehr früh schon hatte er damit begonnen Vorlagen schriftstellerischen Könnens, sowohl auf Seiten der Prosa, wie auch der Lyrik, zu imitieren und hierdurch seinen eigenen Zugang zum Schreiben, wie auch einen eigenen Stil zu entwickeln.
Während seiner Studienzeit entwickelte Stevenson vermehrt eine Abneigung gegen die elterliche Lebensweise der „verkrusteten Bourgeoisie“ und definierte sich selbst als liberalen Bohemien und verschrieb sich entsprechend der Lebensweise indem er sein eigenes Leben dieser anpasste.
1873, mitten in einer der schwerwiegendsten Auseinandersetzungen mit seinem Vater Thomas, reiste Robert nach Suffolk, England, zu einem Cousin, wo er dem englischen Gelehrten Sidney Colvin und dessen späteren Frau, Fanny Sitwell begegnete. Die drei wurden lebenslange Freunde.
Fanny Sittwell war eine lebenserfahrene und charmante Dame, die Stevenson faszinierte. Schon bald hatte sie nicht nur sein uneingeschränktes Vertrauen, sondern auch seine tief empfundene Liebe gewonnen, die dazu führte, daß Stevenson unendliche viele Briefe an sie schrieb, in denen er sich einerseits als ihr Verehrer, ihr Sohn, wie auch ihr Liebhaber gerierte.
Die Liebe erkaltete jedoch bald, da sie nicht in dem erhofften Maße erwidert wurde, dennoch blieben sich die beiden ein Leben lang in Freundschaft verbunden.
Im weiteren Verlauf des Jahre 1873 wurde Robert an die französische Riviera geschickt, um sich von einer Lungeninfektion zu erholen, diese war nur eine von unzähligen Fahrten in den sonnigen und für seine Lungen klimatisch wohltuenderen Süden.
Auf zweien dieser Fahrten entstanden Werke, die zu einer Verbindung zu dem Redakteur von „The Cornhill Magazine“, Leslie Stephen, führten.
Stephen führte Robert Stevenson mit diversen zeitgenössischen Literaten zusammen, deren intellektuelle Saat bei Stevenson auf fruchtbaren Boden fallen sollte. So lernte er durch Stephen den Dichter und Kritiker, Edmund Gosse und den Schriftsteller, W.E. Henley kennen und entwickelte zu beiden innige freundschaftliche Beziehungen.
1888 kam es allerdings zwischen Henley und Stevenson zu einem Bruch, da Henley Roberts Ehefrau Unehrlichkeit vorgeworfen und sie öffentlich an den Pranger gestellt hatte.
Die gegenseitige Abneigung, die sich hieraus entspann führte unter anderem dazu, dass Stevenson Henley als Vorlage für seine verschrobene und die allgemeine Widerwertigkeit des menschlichen Wesens widerspiegelnde Figur des Mr. Hyde. verwendete. Henley wiederum verfolgte Stevenson sogar bis über dessen Tod hinaus, u.a. indem er eine wenig schmeichelhafte Biographie über seinen ehemaligen Freund schrieb.
1875 wurde Stevenson an das schottische Gericht berufen, ergo versuchte man ihn seiner eigentlichen Profession zuzuführen, er übte aber nie sein Amt als Anwalt dort aus.
1876 traf Stevenson auf Fanny Vandegrift Osbourne, eine verheiratete Amerikanerin, die allerdings getrennt von ihrem Mann lebte. Roberts Eltern waren wenig angetan von der Beziehung ihres Sohnes zu einer noch verheirateten Frau und zunächst schien diese Gefahr gebannt werden zu können, da Fanny 1878 nach Kalifornien zurückkehrte. Jedoch wurde die Beziehung dadurch verstärkt, daß Stevenson im August 1879 Fanny hinterhereilte.
Mittellos kam er in Kalifornien an und begann sogleich damit die Erfahrungen seiner „Irrfahrt“ literarisch zu verarbeiten, hierbei entstanden „The Amateur Emigrant“ und „Across the Plains“.
1880 heiratete Stevenson Fanny, die unterdessen von ihrem Mann geschieden worden war und fast gleichzeitig gab Roberts Vater Entwarnung und reichte ihm die Hand zur Versöhnung, indem er seinem Sohn finanzielle Unterstützung zusagte und ihn, samt „angetrautem Weibe“ nach Schottland zur Versöhnung einlud.
Kaum nachdem er wieder in Europa eingetroffen war, mußte sich Stevenson erneut in medizinische Obhut begeben, da man Tuberkulose diagnostiziert hatte. Zusammen mit seiner Frau und seinem Stiefsohn fuhr er zur Erholung nach Davos (Schweiz).
Im April 1881 begab sich die Familie dann wieder nach Schottland, um bereits im Herbst wieder nach Davos zurückkehren zu müssen. Unterdessen hatte Stevenson mit einem seiner berühmtesten Werken begonnen „Die Schatzinsel“, welche ursprünglich als eine Art Heftromanserie begonnen hatte und unter dem Titel „The Sea-Cook, in dem Magazin „“Young Folks“ erschienen war.
Noch in Davos begann er mit der Arbeit an einem ambitionierteren Werk, welches jedoch nicht annährend so erfolgreich wurde, wie seine berühmte „Schatzinsel“ Prince Otto (1885)
Den Winter 1881 verbrachte die Familie wiederum in Davos, um dann im April des Folgejahres in die schottischen Highlands zurückzukehren, wo es sie jedoch nicht lange hielt, denn der Gesundheitszustand verschlechterte sich erneut und machte einen Klimawechsel notwendig, der Stevenson mit Frau und Kind nach Südfrankreich verschlug, wo er in dem Ort Hyeres ein Haus anmietete.
Trotz anhaltendem schlechtem Gesundheitszustand fühlte er sich dort sehr wohl und verbrachte auch eine literarisch sehr fruchtbare Zeit in seinem dortigen Hause. Eine drohende Choleraepidemie zwang Stevenson jedoch zur Rückkehr auf die „Insel“.
Von September 1884 bis Juli 1887 lebte er mit Frau und Sohn in Bournemouth, allerdings zeigte die stetige Verschlechterung seiner Konstitution, dass selbst im Süden der britischen Inseln das Klima „Gift“ für seine Lungen zu sein schien. Dennoch schrieb er in diesen Jahren sehr viel. Ein weiteres sehr bekanntes Werk von ihm „Der seltsame Fall des Dr.Jekyll und Mr. Hyde“ entstand in dieser Zeit.
Im August 1887 reiste er zusammen mit seiner Frau, seiner Mutter und seinem Sohn in die USA, in der Hoffnung hier Erleichterung für seine geschundenen Lungen zu bekommen. Zu seiner großen Überraschung empfing man ihn dort mit großer Freude und überhäufte ihn mit Aufträgen, Anfragen und Verträgen. Er hatte es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht.
Zurückgezogen in den Anirondack Mountains widmete sich Stevenson wieder verstärkt seiner Arbeit, entgegen jeglicher Unbill, die ihm seine Krankheit bereitete.
Im Juni 1888 charterte Stevenson zusammen mit seiner Familie eine Schonerjacht „Casco“ und segelte von San Francisco aus in die Südsee, womit jene Phase seines Lebens begann, die letzthin auch seine Endstation markieren sollte. Seine Stationen führten ihn von Marquesas Inseln, zum Fakarava Atoll, nach Tahiti, Honolulu, den Gilbert Inseln und nach Samoa.
Während dieser Reise, die wiederum dazu dienen sollte ihm sein Lungenleiden erträglicher zu gestalten, studierte Stevenson Land, Leute und Kulturen. Die Erkenntnisse, die er hierbei gewonnen hatte, ließ er dann auch in seine Arbeiten mit einfließen. Außerdem schrieb er diverse detaillierte Reiseberichte, die ihm den Ruf eines „Erste Klasse Journalisten“ einbrachten.
Im Oktober 1890 kehrte Stevenson von einem längeren Aufenthalt in Sydney nach Samoa zurück, wo er für sich und seine Familie ein Haus in Vailima kaufte. Das Klima bekam ihm bestens und er konnte so ausgelassen arbeiten, wie eigentlich noch nie. Um so plötzlicher trat dann der Tod in sein Leben und nahm es ihm. Am 03.12.1894 starb Stevenson in Folge einer Hirnblutung, was in gewisser Weise vor dem Hintergrund seiner verheerenden Krankheitsgeschichte eine Ironie des Schicksals darzustellen scheint.
Stevensons Grab auf Samoa.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Louis_Stevenson
Tragisch ist allerdings auch, dass laut Meinung der internationalen Literaturkritik gerade in diesen letzten Jahren Stevensons Werk eine beachtliche Wendung vollzogen hatte und er sich einen vollkommen neuen, von der Literatur seiner Zeitgenossen wohltuend abgrenzenden Stil erarbeitet habe. Das Potential, was sich hierin zu verbergen scheint, wird gemeinhin als unermesslich klassifiziert, allerdings sollte man hierbei auch bedenken, daß Stevensons früher Tod genug Freiräume für phantastische Spekulationen bietet.
Gerade diese Tatsache, wie auch die Umstände seines durch Krankheit bedingten unsteten Lebens, die wenig schmeichelhafte Biographie, die, wie wir lasen, von Henley als eine Art Racheakt verfasst worden war, die Tatsache, daß Stevenson ein passionierter Briefeschreiber war, seine Briefe aber zunächst nur in unvorteilhaften Fragmenten veröffentlicht worden waren, was wiederum Raum für falsche Interpretationen bot, all dies hat dazu beigetragen aus dem Literaten Stevenson einen „Paradiesvogel“ seiner Zunft werden zu lassen.
Ähnlich mißverstanden wie seine Person, was in den vorhergehenden Zeilen angedeutet werden sollte, wurde auch sein Werk. Meist assoziieren wir den Namen Stevenson mit seinem Werk „Die Schatzinsel“, im Zweifelsfalle fällt uns dann noch der berühmte Jekyll-Hyde Konflikt ein, aber damit hört es normalerweise auch schon auf. Es ist aber nicht allein der Umstand, dass wir nicht wissen, wie umfangreich sein Werk war, was als Missverständnis gewertet werden soll und muß, sondern das Missverständnis des Inhalts. Die „Schatzinsel“ ist nicht allein ein Abenteuerroman, der spannend geschrieben ist und vor allem Kinder und Jugendliche anspricht. Ähnlich wie in Melvilles „Moby Dick“ verbirgt sich auch hier hinter ein tieferer Sinn. Diesen näher zu erläutern sollte an anderer Stelle der nötige Platz eingeräumt werden, da die Schatzinsel doch noch mehr zu bieten hat, als grausige Charaktere, verwunschene Inseln und unvorstellbare Schätze. [Ein entsprechender Zusatzartikel ist angedacht.]
Stevenson war ein Meister der psychoanalytischen Charakterenentwicklung, noch ehe die freudianischen Ideale den Elfenbeinturm der neuen Wissenschaftlichkeit erklommen, verlassen und in die Niederungen der Kunst hinabgestiegen waren; dies geschah erst fast zwei Jahrzehnte nach ihm.
Stevenson war ein hervorragender Beobachter, der vor allem beschreiben konnte, was er hinter den Fassaden der Menschen erkennen konnte. Dabei war er jedoch nicht aufdringlich und forcierte die Interpretation des Lesers, sondern verführte diesen durch subtile Beschreibungen sich seinem, Stevensons, Urteil bei der Bewertung eines Charakters, anzuschließen.
Weshalb aber sollte man sich einem Schriftsteller wie Stevenson im Rahmen eines Onlinemagazins in der Rubrik „Geisterwelten“ zuwenden??? Diese Frage ist nicht nur gut, sondern auch mehr als berechtigt. Robert Stevenson hat, wie ich im Laufe des Artikels anzudeuten versuchte, nicht nur zwei bahnbrechende Geschichten geschrieben, sondern bedeutend mehr. Hierbei beschränkte er sich aber nicht allein auf das real fassbare, sondern auch auf das Übernatürliche. So gibt es eine ganze Sammlung von „Unheimlichen Geschichten“ aus seiner Feder, weshalb ich mich auch veranlasst sah, diesem Autor die nötige Würdigung zukommen zu lassen, zumal zumindest eines seiner zwei Werke, die zu Weltruhm gelangten, durchaus eine Komponente in sich birgt, welche in den Rahmen meiner Rubrik passt; „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“.
Zwar sind es keine Geister im eigentlichen Sinne des Wortes und auch bin ich mir dessen bewusst, daß nicht das Element des Horrors im Vordergrund der Bemühungen des Autors gestanden haben werden, sondern eine tiefschürfendere Interpretation wird wohl eher seinem Ansinnen entsprochen haben. Gerade deshalb möchte ich mich im Folgenden auch diesem Roman zuwenden und sowohl eine kurze Zusammenfassung des Inhalts, als auch eine Interpretation basierend einerseits auf einem Eintrag im Literaturlexikon Kindler und andererseits auf den Überlegungen, die ich selbst angestrengt habe, liefern.
Quelle siehe Verweis am Ende des Artikels
Die Kulisse, vor dessen Hintergrund die Geschichte eines typischen alchimistisch geprägten bzw. orientierten Gelehrten der Literatur des 19. Jahrhunderts gesponnen wird, sind die nebligen dunklen Gassen des weniger bekannten und repräsentativen London. Im Schutze der Dunkelheit, allein ausgeleuchtet vom diffusen Licht flackernder Gaslaternen, treibt sich ein Mann um, dessen Taten die von Schamgefühl und aufgesetzter Sittsamkeit britische Upperclass beängstigend fasziniert. Mr. Hyde tritt in Erscheinung und wird von seiner Umwelt zunehmend mit Argwohn beäugt, da dieses „Wesen“ keinen Anstand, keine Sitten, aber vor allem keine Moral und Skrupel zu kennen scheint.
Der Protagonist, aus dessen Sicht Stevenson seine unglaubliche Geschichte zu beschreiben beginnt, ist der Anwalt Mr. Utterson. Zusammen mit einem Bekannten, Mr. Enfield, spaziert er bei Tage durch die Straßen Londons. Hierbei führt sie der Weg an einer Tür vorbei, zu der Mr. Enfield eine rätselhafte Geschichte zu berichten weiss.
Mr. Enfield hatte einige Morgende zuvor beobachtet, wie ein Mann mit einem jungen Mädchen im vollen Laufe auf offener Straße so ineinander stießen, dass das Mädchen von der Wucht des Mannes umgeworfen worden ist. Anstatt dem Kind zu helfen, trampelte der Mann jedoch über es hinweg und wollte sich aus dem Staub machen, woran ihn allerdings Mr. Enfield, zusammen mit hinzugeeilten Passanten, zu hindern vermochte. Der Täter, ein gewisser Mr. Hyde, der „irgendwie gräßlich [sic] wirkte“ (1) bietet den Eltern des Mädchens als Entschädigung Geld an. Um dieses zu besorgen, verschwindet er hinter jener ominösen Tür, die Mr. Enfield dazu veranlasste dem Anwalt Mr. Utterson von der Begebenheit zu berichten, und kehrt wenig später mit einem Scheck zurück, der von einem namhaften Londoner Wissenschaftler; wie wir allerdings erst später als Leser erfahren, wenn auch bereits ahnen; unterzeichnet worden ist, von Dr. Jekyll.
Diese Schlüsselszene bildet den Auftakt zu einer Geschichte um die dunkelsten und düsternsten Winkel der menschlichen Psyche.
„Bereits in früher Jugend hatte Dr. Jekyll das Gefühl gehabt, daß unter der Oberfläche seiner respektablen Erscheinung eine dunkle Seite verborgen sei. Dieses „zweite Ich“ meldet jedoch moralisch fragwürdige Bedürfnisse an […] Wissenschaftlicher Ehrgeiz, gepaart mit Leidensdruck“ (2) bringen den Wissenschaftler auf eine folgenschwere Idee.
Er braut ein Elixier, welches es ihm ermöglicht die dunkeln Seiten seines ICHs heraufzubeschwören und in einer eigenständigen Figur zu personifizieren.
Zunächst vermag Jekyll seinen Mr. Hyde im Zaume zu halten, doch allmählich beginnt er die Überhand zu gewinnen und je mehr er sich gegen seinen moralisch gefestigten Schöpfer durchzusetzen vermag, desto grausiger wird auch sein „verworfene[s] Treiben“ (3).
Quelle siehe Verweis am Ende des Artikels
Dr. Jekyll sieht ein, daß er der zunehmenden Kraft seines „zweiten Ichs“ bald nichts mehr entgegenzusetzen haben wird, zumal die Menge an Elixier, die er benötigt, um sich zurückzuverwandeln, immer mehr zunimmt. Je mehr er seiner eigenen Hilflosigkeit, das Böse in sich zu bändigen, anheimfällt, desto mehr wächst auch in dem moralisch gefestigten Dr. Jekyll eine unmoralische Regung, der Hass. Je stärker der Hass auf sein anderes Ich wird, desto mehr gewinnt dieses über ihn die Oberhand (4), so jedenfalls interpretiert der Autor des entsprechenden Kindlerlexikonartikels diese Konzeption bzw. verhängnisvolle Konstellation.
Somit trifft Dr. Jekyll den Entschluß, seinem Leben ein Ende zu setzen, um der „Bestie“, die in ihm schlummert, endgültig einen Riegel vorzuschieben.
Während die bereits von mir zitierte Autorin Zschirnt besonders darauf abhebt, dass Stevensons Geschichte einen ersten Meilenstein auf dem Wege freudanischer Psychoanalyse darstellt, betont Karl Häußler in seinem Kindler Lexikonartikel, dass es zwei grundlegende Interpretationen des Werkes gibt, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. So sei die eine Interpretation vor allem gesellschaftskritisch ausgelegt und konzentriere sich darauf, dass Stevenson wohl eine Satire auf die verkrustete bürgliche Ehrbarkeit geschrieben habe, während die andere Richtung Stevensons Ansinnen dahingehend interpretierte, daß es sich um eine moralphilosophische Diskussion handele, die vor allem darauf abziele, daß der Mensch nicht in der Lage sei, sich von seinem moralischen Gewissen zu trennen, ergo stelle der medizinische Eingriff, den Dr. Jekyll in Form eines Elixiers vornehme, eine „Amputation“ beider Seiten des Ichs dar. (5)
Für mein Dafürhalten liegt die Interpretation wie idealtypisch, in der goldenen Mitte. Einerseits ist es, meiner Ansicht nach, ein gutes Beispiel dafür, wie tiefgründig die menschliche Psyche sein kann. Deshalb sind die Erkenntnisse, die Sigmund Freud der modernen Psychoanalyse zur Verfügung gestellt hat, bzw. mit der er sie wiederum aus der Taufe gehoben hat, so wichtig. Stevenson hat hierbei sicherlich einen wichtigen Beitrag geleistet, indem er Freud vorgegriffen hat.
Sicherlich stellt aber die Geschichte auch eine gesellschaftskritische Ausprägung dar, denn die viktorianische Gesellschaft war eine durchaus stark zu kritisierende, nicht zuletzt wegen ihrer aufgesetzten Moralvorstellungen. Selbst die königliche Familie war nicht frei von Fehltritten, doch entwickelte sie eine kunstvolle Methode den Dreck vor der eigenen Haustüre in einer Weise unter den Teppich zu kehren, daß ihre moralische Richtkompetenz zumindest in der Öffentlichkeit nicht angekratzt worden ist.
So wie Bram Stokers Dracula (1897) seitens der internationalen Literaturkritik als ein kaschierter Erotikroman entlarvt worden ist, der die vorgetäuschte Prüderie, einer durch und durch dekadenten viktorianischen Gesellschaft anzuprangern versuchte, markiert auch Stevensons literarische Bemühung zu jener Zeit einen der vielen Kritikpunkte, die jener Gesellschaft entgegengebracht werden konnte, wenn auch nur unter dem Deckmantel künstlerischer Verbrämung und handwerklicher Geschicklichkeit.
Jedoch muß man zugeben, daß die Metaphorik, deren sich beide Autoren, wie auch viele andere ihrer Zeit, bedienten und auch bedienen mußten, aus heutiger Sicht, sehr gruselig wirken. So käme man wohl heutzutage kaum noch auf die Idee hinter den blutrünstigen Beschreibungen eines Vampirromans die erotisierende Gesellschaftskritik eines wachen Geistes zu vermuten.
Liest man heute einen Roman aus jener düsteren, nebelschwangeren, in dunklenen Hinterhöfen sich tummelnden viktorianischen Epoche, so jagt es mehr einen fröstelnden Angstschauer über den Rücken des Lesers, der die versteckte Gesellschaftskritik ohnehin nicht mehr zu verstehen vermag, da die Zeit eine andere ist.
So bleibt von einem durch und durch ausgewogen konzipierten, gruselig angelegten gesellschaftskritischen Roman, wie er offenbar von Stevenson angedacht war, jene Komponente beim zeitgenössischen Leser als Eindruck haften, den die Autorin Christiane Zschirnt mit folgenden Worten umschreibt: „Das labyrinthische Gewirr der Straßen, in die Mr. Hyde verschwindet, wenn er durch die geheimnisvolle Tür schlüpft, ist eine unwirkliche Stadtlandschaft. Hier lösen sich die Konturen der Dinge auf, wenn der Nebel durch die Gassen kriecht und nur noch das trübe Gaslicht der Laternen fahles Licht spendet. Das ist die gespenstische Landschaft des Unbewußten.“ (6)
So wird die Angst vor dem, was in einem jeden von uns schlummern mag, zum eigentlichen Horrortrip, den der Leser zu beschreiten hat. Je weiter er den Kampf des Dr. Jekyll mit seinem Mr. Hyde verfolgt, wird dem Leser klar, welcher moralischen Schwergewichte, die auf dem Deckel ruhen, unter dem das „Böse“ in uns selbst verschlossen ist, es bedarf, um uns selbst im Zaum zu halten. Es ist letztendlich die Angst vor uns selbst, die den Schauer ausmacht, der die Wirbelsäule hinabkriecht, gepaart mit der plastischen Atmosphäre nebelumwehender Hinterhöfe und Londoner Gassen, die diesen Roman für mein Dafürhalten auch und vor allem als „Horrorroman“ lesenswert machen.

(1) Zschirnt, Christiane: Bücher. Alles, was man lesen muss, München 2004, S. 190.
(2) ebenda, S. 191.
(3) ebenda, S. 191.
(4) Häußler, Karl: The strange case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde, in: Kindlers Literatur Lexikon, Band VII, Zürich 1981, S. 9035
(5) siehe hierzu entsprechenden Absatz in Kindlers Literatur Lexikon Seite 9035 unten, zitiert von Karl Häußler
(6) Zschirnt, Christiane: Bücher. Alles, was man lesen muss, München 2004, S. 192.

WERKE:
siehe hierzu die ausführliche Werkliste, wie sie auf der Artikelseite von Wikipedia zu Robert Stevenson zu finden ist.
Weitere Werkauflistungen finden sich aber auch im Kindler Literatur Lexikon.
VERWENDETE LITERATUR:
- The New Encyclopaedia Britannica, Volume 11 Micropaedia, 15. Auflage, London u.a. 2003, S.262-263
- Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden, 21. Band, 19. völlig neu bearbeitet Auflage, Mannheim 1993, S. 208
- Kindlers Literatur Lexikon, Band VII, Zürich 1981
- Zschirnt, Christiane: Bücher. Alles, was man lesen muss, München 2004, S.190 ff.
- http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Louis_Stevenson, download am 22.08.2007 um 14.00 Uhr
BILDNACHWEISE:
Bildnachweis für jene Abbildungen, die die Person von Robert Stevenson betreffen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Louis_Stevenson
Bildnachweis Dr. Jekyll und Mr. Hyde Abbildungen
http://images.google.de
© Florian Kayser
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