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Geisterwelten

Zum einjährigen Todestag von Werner Kurt Giesa:

"Schade um Werner, ich habe ihn sehr gemocht"

Nun ist Werner Kurt Giesa schon seit einem Jahr tot und irgendwie ist er noch immer präsent. Das schaffen nicht viele Menschen - auf jeden Fall bei mir. Eigentlich bin ich jemand, der sehr schnell einen Abschluss findet und Vergangenem nicht sonderlich hinterher trauert, da ich der Meinung bin: Alles hat seinen Sinn, irgendwie wird der Kosmos um uns schon recht haben.
Bei Werner aber bin ich mir nicht so sicher.
Einerseits wusste ich um seine Krankheit, wusste, dass er seine Heike verloren hatte und das er sie bitterlich vermisste und nichts anderes wollte, als wieder bei ihr zu sein, um sie zu sehen, sie zu riechen, sich an sie zu schmiegen.
Dass Werner ein Mensch war, der seine Gefühle lebte, erfuhr ich schon bei unserem zweiten Telefonat.
Damals hatte ich seine E-Mail-Adresse von W. A. Hary bekommen, da ich die Idee hatte, Professor Zamorra zu vertonen. Dass Werner von dieser Idee begeistert war, brauche ich ebenfalls nicht zu erwähnen, schließlich gab er mir sang- und klanglos mündlich die Zusage, also musste ich noch den Bastei (oder Kasteiverlag, wie Werner immer schmunzelnd und mit einem bitteren Ton der Ironie in der Stimme sagte) Verlag davon überzeugen, nach langer Zeit mal wieder eine Lizenz aus dem Haus zu geben.
Dass auch dieses gut klappte, ist ebenfalls bekannt, schließlich sind schon die ersten beiden Folgen erschienen und die dritte und vierte kommen demnächst.
Dass ich nun nicht mehr an Bord sitze und die Zügel aus der Hand gegeben habe, ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht erzählen möchte.
Aber eben deswegen haben Werner und ich uns Mitte 2007 kennen und schätzen gelernt.
Es ist ja nicht so, dass wir uns nur über die Serie Zamorra unterhalten haben, an der er mitwirkte und die ihm so sehr an Herz gewachsen war. Wir redeten über alles Mögliche, oft über zwei bis drei Stunden und merkten auch, dass wir uns gegenseitig zuhören und Trost spenden konnten. Denn zu der Zeit, als ich Werner kennenlernte, war auch mein über alles geliebter Vater von Erden verschwunden, um sich seiner Qualen zu erlösen, und so stärkten wir uns beide, obwohl Werner mich mehr stärkte, als ich ihn. Schließlich war es für ihn längst beschlossene Sache, endlich der Erde den Rücken zu kehren, um wieder zu seiner Heike zu gelangen.

Dass Werner aber ein Mann vieler Facetten war, merkte ich ebenfalls. Schließlich schaffte er es, mir eine Geschichte aus dem Zamorra Universum aus dem Kreuz zu lächeln, ohne dass ich wirklich merkte, dass ich etwas für Bastei tat. Schließlich war ich gerade mit den Skripten der Quelle des Lebens Zyklus beschäftigt, und auch so hatte ich einiges um die Ohren, um Beruf und Hörspiellabel unter einen Hut zu bekommen.
Werner war wirklich sehr geschickt.
Er schrieb nur in einer Mail, dass er mir mal einen Link zukommen lassen wolle, damit ich mich im PZ Universum etwas besser auskennen lerne. Es war eine akribische Abhandlung aller Figuren, Waffen und Plätze, an denen der Professor aktiv war oder lebte, kämpfte und liebte.
Na schön, dachte ich mir, ist zwar nett, was der liebe Werner da tat, aber wirklich brauchen tue ich das nicht.
Und dann, als ich dann zwei oder drei Tage später wieder eine Mail bekam, in der er mich fragte, ob ich mich mit der Erbfolge auskennen würde, und ich ihm antwortete, nein, schickte er mir auch darüber eine Abhandlung und meinte, damit solle ich mich mal eingehender beschäftigen und mir sagen, was ich von seinen Ideen halte.
Na gut, dachte ich, las die Erbfolge wie auch die damaligen Reinkarnationen durch und fand nichts darin, was auch nur annähernd wie eine Idee aussehen würde.
Schließlich telefonierten wir dann wieder, unterhielten uns. Wie es nun einmal Werners Art war, fragte er mich: „Und, was hältst du von dem Erbfolger?“
„Nett“, sagte ich, schließlich hatte ich gerade damit angefangen, den dritten Teil von der Quelle des Lebens zu schreiben und war damit also vertraut, was damals, vor über 14 Jahren in der Romanserie geschah: „Ich würde nur einen richtigen Erbfolgerfeind einbauen“, erklärte ich: „der Rhett Saris ap Llewellyn ebenbürtig ist!“
„Wie meinst du das?“
„Na, irgendwie so ein Geschöpf, dass ebenfalls Llewellynmagie benutzen kann und die M-Abwehr durchbricht, ohne mit der Wimper zu zucken, außerdem sollte Llewellyn Castle nicht nur ein Schutzplatz des Guten sein!“
So ging es dann den ganzen Abend hin und her, immer wieder kleine Fragen vom Werner, eine Antwort von mir, zwei Fragen von mir, eine Gegenfrage vom Werner, und schließlich hatten wir einen Druidenvampir erschaffen, der sich Matlock MacCain nannte und der durch das Blut des Erbfolgers zu einem Llewellyn wandelt. Dass Werner mich dann fragte, ob ich ein Exposé erstellen könnte für eben jenes Geschöpf und seine Macht, seinen Werdegang und was man damit machen konnte, nahm ich ebenfalls noch so hin und schrieb ihm dieses Exposé. Schließlich war er krank, nicht mehr ganz fit und beinahe nur noch daran interessiert, seine Erdbeeren zu essen: „Wenn ich die nicht esse, sterbe ich qualvoll“, wie er sagte.
So fragte ich ihn dann - natürlich auch aus eigenem Interesse, - ob ich ihm denn den Roman schreiben sollte um Matlock und dem Erbfolger, da Werner laut eigener Aussage in der letzten Zeit immer etwas müde war, fertigzustellen.
Er stimmte zu und ich schrieb ihm den Roman.
Und als ich dann, nach gut drei Tagen, nachdem ich den Roman abgegeben hatte, einen Anruf vom Werner bekam und er mich fragte: „Was ist das denn für ein Scheiß?“, sah ich meine Karriere als Autor und Schriftseller schon davon schwimmen. Schließlich aber baute Werner etwas an dem Roman herum, rief mich noch zwei Mal empört an und meinte: „Nie wieder wirst du einen Zamorra Roman schreiben“, und fragte mich dann, im gleichen Atemzug: „Hast du denn schon an den weiterfolgenden Romanen gearbeitet?“
Ich zuckte nur mit den Schultern und verstand die Welt nicht mehr.
Wollte er nicht, dass ich nie wieder einen Zamorra Roman schreibe?
Und nun fragte er mich, ob ich schon weiter gearbeitet habe?
Verstand ich nicht …
Ich sagte ihm, da ich im Oktober des Jahres 2007 Freunde im Saarland besuchte, dass wir uns gerne einmal weiter über die Thematik unterhalten können, wenn ich bei ihm vorbei schaue. Werner sagte zu und wir verbrachten einen angenehmen, in Plausch und Gerede verfangenen Abend in Altenstadt in einem alten Restaurant mit herrlich italienischen Speisen. Und so legte er mir dar, wie ich einen Roman aufzubauen hätte, wie ich die Spannungsbögen anlegen sollte und wie ich es schaffe, einen tollen Zamorra zu schreiben.
Dass Werner meinen Roman dann doch veröffentlichte, freute mich umso mehr. Denn Werner hatte mich in seinen E-Mail-Verteiler aufgenommen, in dem alle Autoren des Teams die Romane vorab als Worddatei zugeschickt bekamen, um noch einmal über die Romane hinweg zu schauen, und zu lesen, was die anderen Kollegen geschrieben hatten. So war ich natürlich überrascht, dass die 880 eben mein Roman war, den ich für ihn geschrieben hatte.
Von dieser Erkenntnis erfreut, machte ich mich dann gleich daran, zwei weitere Matlock Romane zu schreiben. Nur leider schaffte Werner es dann im Januar 2008 nicht mehr, die beiden Romane zu lektorieren, da es ihm zusehend schlechter ging. Er meinte zwar, dass er es noch schaffe, verstarb dann aber am 14.2.2008 plötzlich und unerwartet.
Es war für mich ein Schock.

Als ich die SMS erhielt, dass Werner von uns gegangen war, brach für mich eine Welt zusammen. Denn in den 9 Monaten, die wir uns persönlich kannten, schien es, als ob man sich schon unendlich lange kennen würde …
Geschockt von der Tatsache, dass der erste Mensch, der an mich als Schriftsteller glaubte, von uns gegangen war, ließ mir einen Kloß im Hals entstehen und Magenschmerzen bekommen. Nicht, dass ich Angst um meine Karriere hatte oder habe, aber es war doch ein befremdendes Gefühl wieder einen Menschen verlieren zu müssen, den man schätze, den man mochte und den man in sein Herz geschlossen hatte.

Und dann, als ich beim Bastei Verlag anrief, um der Redaktion zu erzählen, dass ich noch zwei Matlock-Romane im PC habe, zeigte man sich alles andere als begeistert, geschweige denn mir zugewandt. Man versprach mir, die Romane anzusehen und sich dann wieder bei mir zu melden. Auf die Antwort warte ich leider noch bis heute. Ebenso hatten Werner und ich uns zusammengesetzt, um eine neue Handlungsebene zu eröffnen, die sich mit dem Nichts in der Hölle befasste. Wir wollten eine Welt installieren, die ähnlich war wie die Welt um die Straße der Götter. Nur mit dem Unterschied, dass es dort Figuren gab, die nicht rein der Fantasy zugewandt waren, sondern auch ein hohes Verständnis an Technik besaßen.
Auch diese Idee wurde nicht weiter geführt und die Romane Dein Blut für die Hölle, Zamorra, habe ich umgearbeitet in eine eigene Serie, die noch auf ihre Veröffentlichung wartet.
Ja, so ist ein Mann von uns gegangen, der auch an das Kleine im Menschen glaubte und in mir einen Autoren sah, der es nicht weit, aber es doch zu einem Autoren schaffen konnte.

Am meisten aber tut es mir um den Menschen Werner Kurt Giesa leid, denn dieser war voller Charme, voller Freundlichkeit und bissigen Humor. Besonders viel musste ich immer über seine Anekdoten lachen … Besondern über die, als er als junger Mann auf einem Öllaster gesessen hatte und völlig unbedacht und mit Feuerzeug in der Hand und Zigarette im Mund den Schraubverschluss öffnete, um die feuchte Fracht entladen zu lassen.
Ich konnte ihn mir so richtig bildhaft vorstellen, wie er da oben saß, mit einem Cowboyhut auf dem Kopf, ein Fransenhemd an, eine enge Jeanshose an den Beinen und den LKW unter sich wie ein Pferd …

Ja … irgendwie ist das Werner …
Ein Cowboy, nicht verbiegbar, etwas streitbar und doch liebenswert.
Ein Cowboy, der nun wieder seinen größten Traum lebt, den, mit seiner Heike glücklich zusammen zu sein …
Ich vermisse dich, Wirrwolf, und freue mich, wenn wir uns irgendwann mal wiedersehen.

© Thomas Tippner

 

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