
Geisterwelten

Der Nebel – Kings vielleicht beste Novelle
Stephen King hat unzählige Romane, Novellen und Kurzgeschichten verfasst. Viele seiner Werke wurden verfilmt; manche exzellent, andere weniger gut. Doch kaum eine Novelle vermag meiner Meinung nach derart zu fesseln, wie Der Nebel, u.a. erschienen in dem Hardcover Im Morgengrauen.
Schaut man sich modernen Horror an, wie ihn etwa Brian Keene oder Edward Lee zu Papier bringen, so funktioniert er meist auf eine recht radikale, deutliche Weise. Die Vorsicht, das Atmosphärische vergangener Zeiten wird mit einer radikalen, bislang bedrückend realistischen Szenenschilderung kombiniert, was einem Leser das Gefühl gibt, als Gaffer bei einer Katastrophe zuzuschauen; nur dass diese Katastrophe nicht durch ein Unglück oder ein Naturereignis heraufbeschworen wurde, sondern durch meist übernatürliche Begebenheiten. Für den Leser ändert sich dadurch nichts; er wird mit dem Leid, dem Tod und vor allem mit dem Blut anderer konfrontiert, mit dem unaussprechlichen Grauen, den Ängsten und der Trauer. Auch im Thriller-Bereich geht der Trend zu immer blutigeren Schilderungen, um Atmosphäre zu erzeugen. Abgetrennte Gliedmaßen und Blutbäder sind keine Seltenheit mehr. Dies ist sicherlich nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass die Medien generell auf eine größere Detailtreue und mehr Blut, Gore und Gekröse setzen. Ob Computerspiele, explizite Lyrics in Lieder oder vor allem Film und Fernsehen.
Der Nebel von King kommt ohne allzu deutliche Szenen aus, auch wenn sie stellenweise enthalten sind. Doch weder tragen sie die Story, noch sind sie für die Atmosphäre wichtig. Die Novelle bezieht ihre Spannung aus dem Subtilen, Unbekannten. Nicht das offensichtlich Grauenvolle ist es, was den Leser an die Seiten fesselt, sondern das Unbekannte und vor allem das Unbegreifliche. Kurz zur Story:
Nach einem verheerenden Sturm, der Strommasten einknicken lässt, Bootshäuser zerstört und Dächer abdeckt, zieht nahe einer kleinen Stadt ein sonderbarer, grell leuchtender Nebel auf, der in seiner Dichte undurchdringlich und dessen Front wie mit dem Lineal gezogen gerade ist. Woher der Nebel kommt und welches Phänomen ihm zugrunde liegt, ist den Bewohnern nicht bekannt. Sie argwöhnen zwar, dass er in einem nicht weit entfernt gelegenen Labor der US-Army entstanden sein könnte, doch sie gehen weiter ihren Tagesgeschäften nach. So auch der Künstler David Drayton, der gemeinsam mit seinem kleinen Sohn in den Supermarkt fährt, um dort die anstehenden Einkäufe zu erledigen. Gemeinsam mit etwa 70 anderen Personen werden sie in eben diesem Supermarkt von dem Nebel überrascht. Aber es ist nicht nur die weiße Suppe, die sie in all ihrer Merkwürdigkeit schaudern lässt. Nach und nach wird den Menschen im Markt klar, dass etwas in dem Nebel lauert. Schreie und seltsame Laute dringen an ihre Ohren, Sirenen heulen. Manche wagen sich hinaus – mit schrecklichen Konsequenzen. Doch erst bei Anbruch der Nacht wird jedem klar, dass im Nebel das Grauen wartet ...
King lässt sich sehr viel Zeit, um die Charaktere zu entwickeln. Es ist keine dieser schnellen Kurzgeschichten, die schon nach den ersten Seiten Fahrt aufnehmen und mit Action aufwarten. Im Gegenteil – er beschreibt den Ort, die Protagonisten und auch Figuren, die erst im weiteren Verlauf der Novelle wichtig werden, so dass man – sobald sie auftauchen – ein Wiedererkennungsgefühl hat. Durch die umfassende, aber nicht ausufernde Beschreibung der Location wird der Leser zudem von Anfang an in die Story hinein gesogen; zumindest dann, wenn er sich auf diesen behäbig dahinplätschernden Teil einlässt.
Zieht der Nebel auf, wird die Story im wahrsten Sinne des Wortes nebulös. Weder erfährt der Leser, was wirklich alles in dem Nebel lauert, noch wird er über die Hintergründe der Katastrophe aufgeklärt. Obwohl sich die im Supermarkt gefangenen Personen in zum Teil wüsten Spekulationen ergehen, die von der Strafe Gottes bis zu Versuchen mit Atomkraft reichen, bleibt die Wahrheit im Dunkeln. Ein Kunstgriff, der das Beängstigende noch verstärkt. Denn seien wir ehrlich – ein Monster, das wir sehen ist nicht mehr so bedrohlich wie das Monster, das wir eben nicht sehen. Unsere Fantasie vermag Bilder in unseren Köpfen zu zeichnen, die in dieser Brutalität und Grausamkeit kein Autor oder Regisseur zu zeigen vermag. Vor allem aber funktioniert der Horror so auf eine universelle Art, denn ein jeder hat seine eigene Vorstellung, die ihn persönlich ängstigt. Wird sie angesprochen, kommt es nicht zu unfreiwillig komischen Szenen, wie dies bei CGI-Monstren aus der Traumfabrik der Fall ist.
Im weiteren Verlauf der Geschichte entfaltet die Novelle ihre Vielschichtigkeit. Gewiss, Grundthema bleibt der Nebel. Doch ebenso wichtig wie das direkte, das tatsächliche Grauen sind ab einem gewissen Zeitpunkt die zwischenmenschlichen Dramen. Menschen gehen unterschiedlich mit Angst und Bedrohung um, und dies weiß King in diesem Werk nahezu meisterlich zu zeigen. Resignation, Aggression und wilder, schädlicher Aktionismus, aber auch rational bestimmtes Handeln, Alkoholkonsum und Panik sowie die Angst um die zuhause gebliebenen Angehörigen bilden einen explosiven Mix in dem kleinen Supermarkt, der hin und wieder bedrohlicher wird als jedes Nebel-Monster. Bald sind es nicht nur die Wesen aus dem Nebel, die den Menschen im Supermarkt zusetzen, sondern auch ihre eigenen Dämonen. Auf diese Weise wird die Atmosphäre von Seite zu Seite dichter, bis sie schließlich auf dem Höhepunkt im Finale verharrt. Die Spannung beschreibt gegen Ende hin lediglich einen kleinen Bogen, um jedoch auf hoher Ebene den Leser mit seinen Gedanken und Vorstellungen alleine zu lassen. Eingestreut sind kleine, grausame Szenen, in denen King auf Gore schaltet. Sie sind vergleichbar mit Trüffel in einem köstliches Dinner – eingestreut, aber nicht Hauptgang oder Beilage. Sie bereichern die Story, ohne sie zu tragen.
Der Schluss der Novelle versöhnt den Leser nicht mit dem Geschehenen, sondern lässt ihn atemlos alleine; Kenner von Kings Geschichten werden unwillkürlich an andere Werke wie Trucks erinnert. Auch diese Kurzgeschichte endet bemerkenswert, das Schema ist sogar vergleichbar – auch wenn Trucks deutlich actionbetonter ist.
Je nachdem, wie eng die Verfilmung am Original ist, steht dem Besucher ein atmosphärisch dichter, vielschichtiger Film ins Haus. Hoffen wir also, dass der Stoff nicht “verhollywooded” wurde.
Lest auch den Beitrag zur Verfilmung der Novelle in den Filmwelten!
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