
Geisterwelten

Fast tot
von Ralph Haselberger

Ralph Haselberger, den Lesern des Geisterspiegels vielleicht besser bekannt als der Tod der Apokalyptischen Schreiber, wird mit seinem Debütroman seinem zweiten Namen mehr als gerecht.
Denn er entführt den Leser genau dorthin, in eine Zeit nach einer Apokalypse, in der der Tod das Leben beherrscht. Allerdings … wie der Titel es schon sagt, so ganz tot ist diese Zeit eben doch nicht und das ist es, was mir als Leser so manche Gänsehaut beschert hat.
Doch worum geht es? In der Ankündigung heißt es:
Dies ist die Geschichte von Felix und Veronica, getrieben von ihrer jeweiligen Vorstellung von Liebe.
Es ist die Geschichte von Gregor und Maik, die inmitten des Chaos vergeblich versuchen, einen Rest Normalität zu bewahren.
Es ist die Geschichte von Wissenschaftlern, die am Ende ihres Wissens angelangt sind.
Es ist die Geschichte von Menschen, die versuchen zu überleben und an sich selber scheitern.
Es ist die Geschichte von Toten, die die Lebenden fressen.
Es ist eine der blutigsten Roadstories, die man sich vorstellen kann.
Und wie passt das alles zusammen?
Der Handlung spielt nach dem Tag, an dem sich alles änderte. Der Tag, an dem die Normalität starb. Und dennoch gibt es Menschen, die eben genau diese Normalität weiterzuleben versuchen und dabei das Chaos um sich her verdrängen wollen. Doch es kann ihnen nicht gelingen, denn in eben jenem Chaos, verursacht durch die Toten, die die Lebenden fressen, ist die Angst allgegenwärtig.
Und doch scheint es immer noch Hoffnung zu geben. Ralph Haselberger entwickelt mit seiner Story einen Spannungsbogen, der wie eine große Welle immer auf- und absteigt. Szenen werden manchmal unerträglich, doch genau dann, wenn man meint, die Grausamkeit nicht mehr aushalten zu können, dann streut er wieder einen Funken Hoffnung ein. Suggeriert er diese nur oder spielt er bewusst mit den Gefühlen der Leser?
Ich werde es an dieser Stelle nicht verraten, doch eines ist gewiss, die Vorstellung, dass eben genau das passieren könnte, eben weil die Wissenschaft sich beinah täglich neu erfindet, diese Tatsache hatte die nachhaltigste Wirkung auf mich als Leser. Und deshalb kann ich diesen Roman nicht einfach nur als Horrorroman bezeichnen, nein, er enthält auch viele Anregungen zum Nachdenken.
Von allen Protagonisten sind mir beim Lesen Gregor und Maik am meisten ans Herz gewachsen. Zwei Typen, wie sie verschiedener nicht sein können. Und doch sind es Menschen, wie wir sie kennen. Gerade ihr Verhalten macht besonders deutlich, durch welche Hölle sie gehen müssen, um sich ein Stück Normalität zu bewahren. Für sie gehört Kiffen zur Normalität, und solange sie kiffen können, ist also für sie auch alles normal. Doch den Preis, den sie letztendlich für dieses kleine Stück Normalität bezahlen müssen, ist hoch. Zu hoch …
Insgesamt legt Ralph Haselberger mit Fast tot einen Roman vor, wie er spannender und apokalyptischer nicht sein könnte. Und was an diesem Roman auch so besonders ist, er spielt nicht in Amerika oder Australien, sondern direkt vor unserer Haustür. Marburg und Gießen, zwei Universitätsstädte in Mittelhessen bilden die Hauptkulissen für die Handlung. Ich denke, dass auch das ein Grund dafür ist, dass dieser Roman zwangsläufig ein Schaudern hervorrufen muss. Die Apokalypse ist nicht weit weg, sondern sie ist da, wo Menschen Fehler machen. Eben auch hier in Deutschland.
Dies und die eben schon erwähnte Vorstellung, dass das Szenario der Geschichte gar nicht so undenkbar ist, unterscheidet Fast tot von vielen Horrorromanen, die ich gelesen habe. So nachhaltig wie Fast tot hat noch kein anderer Horrorroman auf mich gewirkt und aus diesem Grund kann ich ihn nur dringend weiterempfehlen.
© Anke Brandt
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