
Geisterwelten

Abraham »Bram« Stoker
(1847-1912)
Teil 3
Die Stellung der Frau in Bram Stokers Dracula
Bram Stokers Roman »Dracula« ist eines der beliebtesten Literaturstücke des Viktorianischen Zeitalters, die einen Einblick in die sich verändernden gesellschaftlichen Werte jener Zeit geben, ein Mix von Realität und Mystik, wo man Gut und Böse nicht in persönlichen Eigenschaften der Protagonisten findet, sondern in der realen Personifizierung derer. Die Geschichte erzählt die persönliche Tragödie des Grafen Dracula als Verkörperung des Bösen, beginnt in den Karpaten von Transsilvanien in Rumänien und wechselt später nach London des Viktorianischen Zeitalters. Eigentlich ist Stokers »Dracula« eine Liebesgeschichte, in der die Liebe über Sterblichkeit und Tod steht. Gleichzeitig ist es jedoch ein Roman über den Kampf von Verrat und Opferbereitschaft im Namen der Liebe. Graf Dracula ist bereit, alles zu tun, um die Liebe, die er verloren hat, zurückzubekommen, jedes Mittel ist ihm dafür recht. Aufgrund dessen betrachtet der Leser ihn als Verkörperung des vollständigen und absoluten Bösen.
Graf Dracula wird durch die Macht der Liebe gelenkt, die als eine der höchsten Tugenden zu verstehen ist. Er wird von der Absicht der Liebe geleitet - ursprünglich eine gute Absicht -, jedoch ist er auch bereit, alles mit seiner Armee von Vampiren auf seinem Weg zu vernichten. Stoker schrieb mehr als eine Geschichte des Grauens. »Dracula« ist eine Geschichte über Gut und Böse, Liebe und Hass. Stoker zeigt die Welt als eine Verkopplung des Bösen und des Guten und ihren ständigen Kampf gegeneinander. Er schreibt eine Geschichte über eine Kreatur, die voller Schmerz und Einsamkeit ist und keine Chance hat, den Weg des Lebens zu ändern. Es ist eine Geschichte über eine immer blutende Seele. Dieses Verständnis lässt nicht nur auf das Wesentliche des Buches schließen, sondern enthält auch subjektive Ansichten. Bram Stokers Beschreibungen der persönliche Erfahrungen und Probleme Draculas vermitteln dem Leser ein umfassendes Bild über die viktorianische Gesellschaft im Allgemeinen, über Moral, Ethik, Werte und Normen dieser Zeit. Die Beziehungen der Charaktere in »Dracula« offenbaren das Wesen und die Art der Ansichten der Vertreter der Oberschicht hinsichtlich der Beziehungen zwischen Mann und Frau.
Der Roman »Dracula« zeigt auch die psychologische Natur der Gesellschaft des Viktorianischen Zeitalters: die Umgestaltung traditioneller Werte in Bezug auf sexuelle Beziehungen, Ehe, Liebe und Mutterschaft zu liberaleren Beziehungen, diktiert durch die Bedürfnisse der Zeit. Auch wenn das viktorianische England als eines der offensten und liberalsten Gesellschaften im 19. Jahrhundert in Europa galt, gab es eine Reihe von Widersprüchen zischen den neuen Errungenschaften der demokratischen Freiheiten und der konservativen Traditionen inpuncto sozialer Beziehungen. Die Rolle der Frau in der Ober- und Mittelschicht war ähnlich wie zu früheren Zeiten geblieben, es gab ein Tabu sexueller Beziehungen vor der Ehe. Die Normen der viktorianischen Gesellschaft hatte strenge Regelungen für Frauen: Die Frau musste Tugenden verkörpern. Sie konnte entweder eine Jungfrau, die Reinheit und Unschuld verkörpert oder Ehefrau und Mutter sein, die sich loyal zu ihrem Mann und ihren Kindern verhält. Es gab keine andere Möglichkeit. Brach die Frau aus diesem Korsett aus, wurde sie als Hure betrachtet und von der Gesellschaft dafür verantwortlich gemacht.
In »Dracula« ist ersichtlich, dass diese Werte nicht starr sind. Vielmehr ist eine Verschiebung in Richtung sexueller Befreiung und mehr Freiheiten in sexuellen Beziehungen erkennbar.
Das Thema Sexualität nimmt einen zentralen Platz im Kampf des Guten mit dem Bösen ein. Dem Leser wird aufgezeigt, wie die Magie des Grafen Dracula das Verhalten der Frauen beeinflusst, wie sie sich verwandeln und das sexuelle Verlangen und die Intimität mit den Menschen suchen. Dracula nutzt die konservative Moral der Viktorianischen Epoche, um seine schmutzigen Pläne der Verwandlung von Menschen in Bösewichte und Vampire umsetzen zu können. Sexuelle Beziehungen mit unbekannten Frauen waren in der Viktorianischen Epoche verboten. Jede Art von sexuellen Wünschen und Experimenten bestanden vor allem in den Phantasien der Menschen. Die menschliche Sexualität, die durch soziale Normen eingeschränkt wurde, war ein Angriffspunkt für das Böse von Dracula und seinen Vampiren. Die meisten von ihnen konnten ihr Verhalten in solchen Situationen, wenn Frauen ihnen sexuelle Affären vorschlugen, nicht kontrollieren. In folgenden Worten beschreibt Harker eine der drei Dracula-Vampire:
»I was afraid to raise my eyelids, but looked out and saw perfectly under the lashes. The girl went on her knees, and bent over me, simply gloating. There was a deliberate voluptuousness which was both thrilling and repulsive, and as she arched her neck, she actually licked her lips like an animal ...« (Kapitel 3, Jonathan Harker's Journal Continued)
Hier ist ersichtlich, dass gemäß der Beschreibung der Vampirfrau diese die wildesten Fantasien und Wünsche des viktorianischen Mannes verkörpert, wie sie wollüstig und aggressiv zugleich ist, ihre Schönheit und innere Freiheit offenbart. Aber zur gleichen Zeit war die sexuelle Schönheit dieser Frauen für den Mann gefährlich, da er die Kontrolle über sich verlieren konnte und aufhörte, unter dem Bann der Vampire logisch zu argumentieren.
Die klarste Fortsetzung des Erfolges von Draculas Magie ist seine Fähigkeit, viktorianische reine Frauen in Vampire zu verwandeln. Beide, Lucy und Mina, haben anfänglich nichts von jenem menschlichen Bösen, sind reine und keusche Frauen, doch unter dem Zauber des Grafen Dracula verspüren auch sie sexuelle Lust. Bram Stoker bezeichnet dieses wollüstige Verhalten als unmoralisch. Das Verhalten von Lucy steht für diesen Aspekt.
»She still advanced, however, and with a languorous, voluptuous grace, said: Come to me, Arthur. Leave these others and come to me. My arms are hungry or you. Come, and we can rest together. Come, my husband, come!« (Kapitel 16, Dr. Seward's Diary-cont.)
Nachdem Lucy in einen Vampir verwandelt wurde, beginnt von Van Helsing Mina zu bewachen, um ihre Reinheit und viktorianische Weiblichkeit zu schützen. Mina ist:
»… one of God’s women, fashioned by His own hand to show us men and other women that there is a heaven where we can enter, and that its light can be here on earth. So true, so sweet, so noble …« (Kapitel 14, Jonathan Harker's Journal)
Anders als Lucy bleibt Mina Murray die reine Frau vor und nach ihrer Ehe, ihre Schönheit und ihre Selbstkontrolle werden von uns bewundert. Vielleicht kann Brams Mina als das Bild der neuen Frau in der englischen Gesellschaft betrachtet werden: Sie ist schön, zurückhaltend und intelligent. Aber dennoch macht Bram Stoker darauf aufmerksam, dass auch Mina weit entfernt von der ideale Frau ist. In Wirklichkeit ist sie die Verkörperung des viktorianischen Ideals der Weiblichkeit und deshalb sehr anfällig für Dracula, der für sich eine solche reine Frau sucht.
Angemerkt werden muss, dass die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Frauen im Viktorianischen England die Realisierung von Dracula's Plan, die Kontrolle über die Menschen zu gewinnen, definiert. Die verhaltene und unterdrückte sexuelle Begierde der Männer machte sie unkontrollierbar und bot Dracula einen Zugang zu den Seelen der Menschen. Die Frauen wollten ein fröhliches Leben und wollten dies gern mitgestalten, anstatt eine asketische Lebensweise zu führen, um ihrer Reinheit zu erhalten.
Die Worte von Lucy
»Why can’t they let a girl marry three men, or as many as want her, and save all this trouble?« (Kapitel 5, Brief von Lucy Westenra an Mina Murray, 24. Mai)
zeigen, dass immer mehr Frauen bereit für gesellschaftlichen Veränderungen und mehr persönliche Freiheiten waren und mit den konservativen Traditionen brechen wollten.
Text- und Bildquellen:
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