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Geisterwelten

CHARLES DICKENS UND EIN SCHAURIGES WEIHNACHTSFEST

Er war wohl einer der bekanntesten englischen Schriftsteller, nicht nur zu seiner Zeit, sondern auch darüber hinaus und heutzutage gilt er in der Literaturwissenschaft als der Begründer des sozialen Romans, der Mann, der am 07. Februar 1812 in der britischen Hafenstadt Portsmouth das Licht der Welt erblickte; Charles John Huffam Dickens.
220px-Charles_Dickens2.jpg Charles war eines von acht Kindern des Marinezahlmeisters John und dessen Frau. Die Familie lebte stets am Existenzminimum und als der Vater 1822 nach London versetzt wurde, spitzte sich die finanzielle Lage derart zu, dass der Vater 1823 in das Schuldengefängnis zu London verbracht wurde, um dort seine Schulden abzusitzen. Die Mutter zog zusammen mit sieben ihrer Kinder in das Gefängnis, während Charles zunächst in einer Lagerhalle Etiketten klebte und dann als Hilfsarbeiter in einer Schuhpoliturfabrik den kärglichen Lebensunterhalt der Familie zu verdienen versuchte. Ein regelmäßiger Besuch der Schule war in dieser Zeit nicht möglich, erst nach der Entlassung des Vaters aus der Haft 1824 wurde es Charles wieder möglich gemacht, seinen Wissensdurst zu stillen.
Bis 1826 drückte er die Schulbank, um dann 1827 eine Stelle als Schreiber in einer Rechtsanwaltskanzlei anzutreten, um auch weiterhin seinen Intellekt zu beleben, betrieb er intensive literarische Studien im „British Museum“.
Sein hoher Grad an Allgemeinbildung, der ob seiner sozialen Herkunft beachtlich war, verhalf ihm 1829 zu einem Posten als Berichterstatter von und über Gerichtsverhandlungen und 1831 wurde diese Funktion ausgebaut, so dass er auch über die Verhandlungen des Britischen Unterhauses berichten durfte. Diese Funktion führte ihn letztendlich in das journalistische Metier vollends ein, so dass er ab 1831 nach und nach diverse Positionen innerhalb des journalistischen Establishments übernahm: so arbeitete er zunächst für die Zeitung „True Sun“, das führte ihn zu einer Tätigkeit als Mitredakteur beim „Parlamentsspiegel“ und schließlich wurde er Journalist der Zeitung Morning Chronicle.
Seine ersten, öffentlich wahrgenommenen, schriftstellerischen Gehversuche kamen ab 1834 als monatlich erscheinende Fortsetzungsgeschichten in überregionalen Presseorganen heraus. Wirklich berühmt wurde Dickens durch die sogenannten „Pickwick Papers“ Hierin legte Dickens bereits den Grundstein für seine Folgewerke, bzw. deren Grundtenor. Besonders die Skizzierung des kärglichen Lebens der unteren sozialen Schichten hatten es ihm „angetan“. Ihre Geschichte zu erzählen, wurde zu seiner Lebensaufgabe, die er mit viel Einfühlungsvermögen, kritischer Härte, aber auch einer gehörigen Portion doppeldeutigen Humors garnierte.
christ_carol.jpg Nachdem er sich 1837 mit seinem ersten großen Roman „Oliver Twist“ endgültig einen Namen als Literat gemacht hatte, wurde er auch bald Herausgeber der liberalen Tageszeitung „Daily News“, wie auch der Zeitschrift „Household Words“.
Dickens literarische Verdienste beschränken sich jedoch nicht allein auf den Sozialroman „olivertwistschen“ Zuschnitts, sondern er begründete auch das Genre der Weihnachtsgeschichten, deren Auftakt die 1843 erschienene Geschichte des „Ebenezer Scrooge“ mit dem Titel „A Christmas Carol: In Prose. Being a Ghost Story of Christmas“, bildete. Gerade diese Weihnachtsgeschichte ist bei Jung und Alt bekannt und vielfach verfilmt, daher wird ihr im weiteren Verlauf dieses Beitrags ein besonderes Augenmerk zukommen.
Am 9. Juni 1865 hätte das Leben dieses begabten Schriftstellers beinahe ein tragisches Ende genommen. Denn bei einem schweren Bahnunglück bei Staplehurst in der Grafschaft Kent, in dessen Zuge die Eisenbahn von Folkestone nach London von einer Brücke in den Fluss Beult stürzte; wodurch 10 Menschen zu Tode kamen; war einer der Reisenden Charles Dickens. Er überlebte dieses Unglück unversehrt, was seine rein physische Konstitution anging, er konnte sogar nochmals in sein Abteil zurückklettern, um die Rohfassung für seine literarische Umsetzung vom sozialen Aufstieg bzw. dem Streben danach „Our mutual friend“ zu retten, jedoch verfolgte ihn dieses Trauma ab jenem Tage.

Zeichnung des Bahnunglücks von Staplehurst aus der Lokalpresse Die Erlebnisse von Staplehurst versuchte Dickens in seiner Gruselerzählung „The Signal Man“ zu verarbeiten. Jedoch half auch dieser literarische Selbstheilungsprozess nicht vollends über das Erlebte hinwegzukommen. Sein schriftstellerisches Schaffen wurde jedoch hiervon nicht ernsthaft negativ beeinflusst, so dass Dickens zu einem recht beachtlichen Vermögen gelangen konnte, was ihn in den Stand versetzte 1868 einen Landsitz namens „Gad’s Hall“ in Rochester zu erwerben und sich hierher zurückzuziehen.
Leider währte dieses persönliche Glück nur kurz, denn bereits zwei Jahre nach diesem Erwerb, um genau zu sein am 9 Juni 1870, starb Charles Dickens an den Folgen eines Schlaganfalles.
Welche Bedeutung dieser Schriftsteller für das britische kulturelle Selbstverständnis und Sendungsbewusstsein gehabt hat und auch heute noch hat, lässt sich daran ablesen, dass Dickens die „Ehre“ zuteil geworden ist, am 14. Juni 1870 in der Westminster Abbey zu London beigesetzt worden zu sein.

Nachdem nun die Person Charles Dickens aus dem Dunkel herausgetreten ist, will ich mich einer seiner wohl bekanntesten Geschichten zuwenden, denn die vorweihnachtliche Stimmung, knapp eine Woche vor Heiligabend, gebietet förmlich diesen Schritt.
„A Christmas Carol“ zu Deutsch „Ein Weihnachtslied in Prosa. Eine weihnachtliche Geistergeschichte“ ist nicht die einzige Geschichte des Schriftstellers zu diesem für die Christenheit so besonderen Thema, aber die wohl mit Abstand bekannteste. 1843 ist sie erschienen und wurde schon sehr bald zu einem großen literarischen Erfolg. In den folgenden Jahrzehnten widmeten sich viele Künstler der unterschiedlichsten Metiers diesem Thema und verarbeiteten die literarische Vorlage nach ihrem Gutdünken.
Die „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens erzählt die Geschichte des alten Geizhalses Ebenezer Scrooge, der ob seines Geizes, seines fehlenden Mitleids und seiner griesgrämig abstoßenden Art berühmt und gefürchtet ist. Bittsteller, Bedürftige, Kinder, sein Angestellter, Bob Cratchit und selbst sein Neffe, Fred haben von ihm nichts zu erwarten. Sein Herz ist kalt und abgeschottet und lässt keinen Platz für Sentimentalitäten, für ihn zählt nur der Profit.
Die Geschichte beginnt mit dem lapidaren Satz „Marley was dead“. Jacob Marley war Ebenezer Scrooge’s Kompagnon und auch einziger Freund, der die vielfältigen negativen Seiten Ebenezers über die Jahrzehnte ihrer Freundschaft hinweg ertragen zu haben schien. Durch Marley Tod wurde Scrooge zum Alleininhaber des Warenhauses „Scrooge and Marley“ und auch einsam.
Die Geschichte setzt sieben Jahre nach dem Tod des einstigen Freundes genau an jenem Abend, dem Weihnachtsabend, ein. Gerade am Abend des großen Festes der Christenheit, dem sogenannten Fest der Liebe, zeigt Ebenezer Scrooge seine haltherzigste Seite. Seinen Neffen Fred, der ihn wie jedes Jahr zu Heiligabend zum Abendessen einzuladen versucht und seinem Onkel ein Frohes Weihnachtsfest wünscht wird von ihm schnöde zurückgewiesen, ebenso wie zwei Herren, die den wohlhabenden Warenhausbesitzer Scrooge um eine Spende für die Bedürftigen bitten. Seinen Angestellten Cratchit, dem gegenüber er nicht nur kaltherzig, sondern auch über Gebühr boshaft ist, gibt er nur ungern den freien Weihnachtstag, nicht jedoch ohne ihm vorher mit diversen Beschimpfungen die weihnachtliche Vorfreude zu verderben.
Als Scrooge am Abend in sein Haus zurückkehrt, erscheint ihm der Geist seines einstigen Freundes und Geschäftspartners, Jacob Marley. Marley ist mit Ketten behangen, an denen Geldkassetten und Portemonnaies hängen. Marley selbst erklärt, dass er durch sein Leben als rücksichtsloser und der Menschheit entrückter Geschäftsmann jene Ketten geschmiedet habe, unter deren Last er nun als Geist zu leiden habe.

Bild:A Christmas Carol - Marley's Ghost.jpg Marley mahnt Scrooge, dass auch auf ihn eine derartige Kette und ein Schicksal als Geist beschieden sei, wobei sein Schicksal ein härteres sein werde, als Marleys, da Scrooge in den Jahren seit Marleys Tod die Kette um eine Glieder erweitert habe.
Scrooge ist völlig aufgewühlt von diesem „Gespräch“ versucht sich selbst aber einzureden, dass es nicht stattgefunden habe und begibt sich, in der Hoffnung so dem „Spuk“ zu entgehen, ins Bett.
Doch seine nächtliche Ruhe wird schon bald durch ungebetenen Besuch gestört, denn in seinem Schlafgemach erscheint ein Geist, den Dickens als eine Mischung von Greis und Kind beschreibt. Diese skurrile Erscheinung stellt sich dem verängstigen Scrooge als „Geist der Weihnachtsvergangenheit“ vor. Dieser führt den boshaften Geschäftsmann Scrooge in seine eigene Vergangenheit zurück. Gemeinsam sehen sie den jungen Ebenezer, wie er bereits als Kind ohne Freunde an Weihnachten von der Familie ausgeschlossen in der Schule sitzen musste und Kinderbücher las. Sie reisen weiter in die Zeit, da Scrooge Lehrling in der Firma von Mr. Fezziwig war. Der Geist und Scrooge nehmen an einer Weihnachtsfeier der Firma teil, in deren Zuge dem alten Scrooge deutlich gemacht wird, wie man mit wenig finanziellem Aufwand vielen Menschen ein großes Glück bescheren kann.
Weiter geht die Reise durch die Vergangenheit in jene Phase von Ebenezers Leben, der er, ein junger aufstrebender Mann, der die große Liebe zu einer Frau, der Liebe zum Geld unterordnet.
Obwohl Scrooge sich von dem Gesehenen beeindruckt zeigt und nur noch das Bedürfnis verspürt in seine Gegenwart zurückzukehren, zwingt ihn der Geist mit anzusehen, wie Scrooges ehemalige Freundin in einer weihnachtlichen Idylle im Kreise ihrer Familie glücklich ist. Erst nach dieser nervenzehrenden Abschlussszene entlässt der Geist ihn, so dass Scrooge in seine Gegenwart zurückkehren und wieder in tiefen Schlaf fallen kann.
Doch auch diese Ruhe währt nur kurz, denn erneut erhält Scrooge ungebetenen Besuch, diesmal jedoch ist es der Geist der jetzigen Weihnacht. Dieser nimmt den, nun wieder stark verängstigen Scrooge, mit auf eine Reise, diesmal durch die Straßen des „gegenwärtigen“ Londons. Hierbei lernt der Leser, wie auch Ebenezer Scrooge selbst, seinen Angstellten Bob Cratchit und dessen Familie näher kennen. Besonderes Augenmerk wird hierbei allerdings auf das behinderte jüngste Kind von Bob gelenkt, dem kleinen Tim Crachit. Tim kann sich ob seiner Behinderung nur mit einer Gehhilfe fortbewegen und da er offensichtlich keine ausreichende medizinische Versorgung wahrnehmen kann, die der Vater höchstwahrscheinlich nicht bezahlen kann, deuten alle Anzeichen darauf hin, dass Tim sehr bald an den Folgen von Mangelernährung und medizinischer Unterversorgung sterben wird. Scrooge zeigt sich berührt von dieser Szene, was einen ersten Wandeln in seiner bisherigen Porträtierung darstellt, wird von dem Geist aber schonungslos daran erinnert, dass er selbst in der Vergangenheit darüber schwadroniert habe, dass es für den kleinen Tim wohl besser sei zu sterben, damit er nicht auch noch zur allgemeinen Überbevölkerung beitrage. Dieser verbale Schlag trifft Scrooge tief, vor allem als er mitbekommt, wie sein Angestellter Bob Cratchit, obwohl er stets schlecht von Scrooge behandelt worden war, anlässlich des Weihnachtsfestes auf das Wohl seines kaltherzigen Arbeitsgebers anstößt.

The Second of the Three Spirits Doch der Geist der gegenwärtigen Weihnacht entlässt Ebenezer noch nicht, sondern führt ihm eine weitere Szene vor Augen. Scrooge und der Geist wohnen einer geselligen Weihnachtsfeier bei Scrooges Neffen Fred bei. Fred und seine Freunde vertreiben sich die Zeit unter anderem, indem sie ein Spiel spielen, bei dem es darum geht etwas zu erraten, indem man Fragen stellt, die nur mit Ja und Nein beantwortet werden dürfen. Die Fragen richten sich nach einem Tier, das ungenießbar für jedermann sei und sich selbst dadurch auszeichne immer zu grunzen und zu grummeln. Die Lösung ist natürlich Ebenezer.
Interessant ist bei dieser Szene vor allem die Art und Weise, wie Scrooge darauf reagiert, wie er in diesem Rahmen seitens seines Neffen karikiert wird. Scrooge ist seinem Neffen nicht gram, zumal Fred selbst auch nicht den Eindruck macht, besonders boshaft sein zu wollen, vielmehr vermittelt die Szene eine vollkommen nüchterne, wenn auch humoristisch angelegte, Wiedergabe des Ist-Zustandes.
Bevor der Geist wiederum Scrooge entlässt, übergibt er ihm zwei Kinder mit den Namen „Ignorance and Want“ (Unwissenheit und Mangel). Der Geist beschreibt sie als Kinder der Menschheit, die in Scrooges Obhut gelangen sollen. Als dieser versucht sich gegen die Aufnahme der Kinder zu wehren, indem er nach der Bleibe der Kinder fragt, antwortet der Geist mit einem Zitat von Scrooge: „Gibt es denn keine Gefängisse, Arbeitshäuser?“ Dies spielt darauf an, dass Scrooge stets auf das Ansinnen Dritter, ihnen Spenden für die Bedürftigen zukommen zu lassen, mit dem Hinweis auf diese beiden sehr unmenschlichen „Aufbewahrungsorten“, verwiesen hat.
Der dritte Geist, der Scrooge heimsucht, ist der Geist der zukünftigen Weihnacht, wobei er selbst sich nicht vorstellt, sondern stumm bleibt. Er führt Ebenezer wiederum durch die Londoner Straßen. Bei diesem nächtlichen Streifzug treffen Scrooge und der Geist auf Menschen, die sich miteinander über einen alten Geizhals unterhalten, der ein rechtes Ekel gewesen sei und von niemanden betrauert werde. Scrooge will zunächst nicht wahrhaben, dass er damit gemeint ist, vielmehr hegt er die hehre Hoffnung von dem Geist eine Szene gezeigt zu bekommen, die ihn als gewandelten Wohltäter, der durch sein Wirken nur Gutes bezweckt, zeigt.
Der Geist denkt jedoch nicht daran das „Leiden“ des Ebenezer zu beenden. Stattdessen gelangen die beiden „Reisenden“ in einen der finstersten Stadtteile Londons in einen Laden, in dem ein Mann Hehlerware aufkauft. Die Menschen, die zu ihm kommen, um ihre Beute feilzubieten, haben ausschließlich Dinge bei sich, die aus dem Hause des bereits vorher erwähnten unbekannten Geizhalses stammen. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Verkäufer beschreiben, wie sie die Waren aus dem Hause des Toten entwendet haben, führen dem Leser deutlich vor Augen, wie unbeliebt dieser Mann gewesen sein muss. Scrooge will noch immer nicht begreifen, wer dieser Unbekannte ist, erst der Besuch in einem Sterbezimmer, am Bett des Toten, lässt erstmals erkennen, wie Scrooge zu ahnen beginnt, was ihn erwarten würde, wenn er denn das Sterbetuch zur Seite ziehen würde, um den Leichnam, der sich darin befindet, betrachten zu können. Er entzieht sich dieser Aufgabe und fleht den Geist an, ihm zumindest die Trauer, die der Tod des Mannes bei Dritten bewirkt hat, vor Augen zu führen. Der Geist zeigt ihm die nackte Trauer, aber nicht jene, die sich auf den Tod des Unbekannten richtet, sondern jene der Familie Cratchit, die um ihren verstorbenen Sohn Tim trauert.
Das große Finale dieser Szene stellt jedoch der Besuch des Geistes und Ebenezers am Grab des Unbekannten dar. Denn hier wird Ebenezer schonungslos vor Augen geführt, wer dieser gehasste, verachtete und unbetrauerte Geizhals war, nämlich er selbst. Mit den damit verbundenen Eindrücken, lässt der Geist Ebenezer allein und verschwindet.
Doch damit hat die Geschichte noch nicht zu ihrem Ende gefunden. Scrooge ist nun vollends gewandelt. Er lässt der Familie seines Mitarbeiters, Bob Cratchit, für das Weihnachtsessen einen riesigen Truthahn zukommen, entschuldigt sich bei jenen, die ihn um Spenden für die Bedürftigen „angegangen“ hatten und nimmt sogar die Einladung seines Neffens zum Weihnachtsessen an. Am nächsten Tag begibt er sich zeitig in sein Kontor, nur um seinen Buchhalter, Cratchit, beim Zuspätkommen zu erwischen. Zunächst scheint er wieder der „Alte“ zu sein, denn er staucht Cratchit zusammen, doch bald schon löst sich die Spannung und er wünscht Bob ein „Fröhliches Weihnachten“.
Dickens entlässt aber den Leser nicht, ohne diesem noch die befreiende Mitteilung zu machen, dass Ebenezer Scrooge nun wirklich vollends geläutert worden war und Tim Cratchit überlebt hat, also in der Tat ein Happy End.

Mickey's-Christmas-Carol-a- Copyright Walt Disney Records 1975.jpg

Was stellt nun aber den besonderen Reiz dieser Erzählung dar, die sich nicht nur bei Erwachsenen großer Beliebtheit erfreut, sondern auch auf Kinder einen große Faszinationskraft ausübt?
Es kann nicht allein die Wandlung des Saulus zum Paulus sein, also des herzlosen Egoisten zum mildtätigen Gönner sein, denn gerade die Fähigkeiten des Menschen sich zu wandeln hat, wie obiges Zitat vom Saulus andeutet, bereits ein biblisches Vorbild. Schließt man sich nun der angedeuteten Meinung des Autors eines Kindler Eintrages an, so fokussiert sich der Faszinationsbrennpunkt der Geschichte auf die zurückhaltende Sentimentalität der Geschichte. So erscheint das Weihnachtsfest nicht als penetrant kitschig oder übertrieben harmonisch, vielmehr legt der Autor ein besonderes Augenmerk darauf, dass Weihnachten eine Zeit der Besinnung auf die Gesellschaft konstituierende Werte sei, eine Zeit, da man das eigene Tun und Handeln reflektiert und versucht die negativen Seiten zu überdenken und zu verbessern. Weihnachten also eine Zeit der inneren Einkehr, des sich Selbstfindens zum Wohle jener, auf die unser Tun Einfluss haben kann.
Die Geschichte des Ebenezer Scrooge nährt einmal mehr, aber auf liebevoll zurückhaltende Art und Weise die Hoffnung, dass in jedem Menschen auch ein guter Kern verborgen sein mag, den es freizulegen gilt.
Gerade Weihnachten, die Zeit von Kerzenschimmer, frostiger Kälte, exotischer und beglückender Düfte, erscheint hierbei besonders geeignet, um das Bild der inneren Einkehr besonders zu untermalen; Dickens versteht es hierbei sehr gekonnt, dieses Bild nicht zu überzeichnen und stereotyp einzufärben, sondern in leisen Tönen das Hohe Lied der Nächstenliebe anzustimmen und dabei den moralischen Zeigefinger; was Du nicht willst, dass man Dir tut, das füg‘ auch keinem andern zu; zwar zu erheben, jedoch nicht allzu fest auf die klaffende Wunde zu legen und damit störend zu wirken.
Charles Dickens hat jedenfalls dazu beigetragen, dass die Fülle an Erzählungen, die gerade der Weihnachtszeit gewidmet worden sind, einen leuchtenden Orientierungsstern aufweist. Kaum eine Geschichte der Weihnachtszeit hat einen derartigen Symbolcharakter, wie „A Christmas Carol“.
So haben sich viele Autoren nach Dickens an seiner Vorlage orientiert und sich an ihr versucht. Auch in jüngster Zeit gab es unterschiedliche Ansätze, sich dem Thema zuzuwenden, so ist neben diversen Verfilmungen der „Erwachsenenversion“ auch eine große Anzahl von Kinderfilmen, die die Figuren aus Dickens Geschichte verwenden, zu finden. Unter anderem eine gelungene Walt Disney Verfilmung, mit Micky Mouse als Bob Cratchit.
Besonders faszinierend ist die Zeitlosigkeit der Thematik, denn gerade soziale Missstände, wie Dickens sie zu seinen Lebzeiten erfahren hat, finden sich auch heute wieder, leider, so muss man sagen, in verstärkter Form, gerade deshalb ist die Aussicht auf Besserung, wie sie der Wandel des Ebenezer Scrooge darstellt, eine verheißungsvolle.
Dennoch muss auch angemerkt werden, dass das Weihnachtsfest an sich, seit den Tagen, da Charles Dickens seine Weihnachtsgeschichte geschrieben hat, einem nicht unbedingt vorteilhaften Wandel unterworfen gewesen ist. Die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes (siehe hierzu den entsprechenden Leitartikel), nicht nur in den Supermärkten, die bereits Ende September Lebkuchen und Weihnachtsmänner verkaufen, um dann zwei Wochen vor Weihnachten diese bereits wieder aus dem Programm zu nehmen, damit Platz für die Silvesteraccessoires geschaffen werden kann, sondern auch in den Warenhäusern mit ihrer aufdringlichen Weihnachtsdekoration, strafen den eigentlichen Sinn des Festes, Lügen. Dieser Trend der Demontage eines als Fest der Liebe und inneren Einkehr angelegten Feier, hin zu einem reinen Geschenkemarathon, findet gerade auch im familiären Umfeld einen beängstigenden Niederschlag, was allmählich dazu beitragen wird, dass die Botschaft, die Charles Dickens versucht hat seinen Mitmenschen durch seine Erzählung mit auf den Weg zu geben, nach und nach immer leiser werden wird, bis sie letztendlich vollkommen verstummt.
In diesem Sinne wünsche ich „Fröhliche Weihnachten“.

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Dickens
Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden, Band 5, 19. völlig neu bearbeitete Auflage, Mannheim 1988

Bildnachweis:

http://images.google.de
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http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Dickens

Empfohlene Links:

http://www.dickensmuseum.com/
http://www.charlesdickenspage.com/
http://www.charles-dickens.org/
http://www.19thnovels.com/
http://german.imdb.com/name/nm0002042/
http://www.charlesdickensbirthplace.co.uk/

© Florian Kayser

 

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