Diesen Beitrag downloaden in einer
-Datei geht HIER
Den Adobe-Reader kostenlos downloaden geht HIER


ROBERT HARRIS‘ FATHERLAND
„Ein Sektionsbericht“
von Florian Kayser
Die Vorgeschichte
Im Jahr 1992 erschien unter dem Titel „Fatherland“ der erste Roman des britischen Journalisten und ehemaligen BBC Reporters, Robert Harris. In diesem Roman wendet sich der Hobbyhistoriker und Cambridge Absolvent Harris, der nicht ganz unproblematischen Thematik des „Dritten Reichs“ zu und verarbeitet seine fundierten Faktenkenntnisse zu diesem historischen Thema in einer fiktionalen Geschichte, nach dem Schema: „Was wäre geschehen wenn“.
Das Buch stieß auf eine hohe Resonanz seitens der Leserschaft und wurde entsprechend in über zwanzig Sprachen übersetzt und zählt unterdessen auch zur Schullektüre in vielfältigen Englischkursen auf der ganzen Welt.
Das Thema des Buches ist für mein Dafürhalten derart interessant, dass obwohl das Buch seit nunmehr 16 Jahren auf dem Markt ist, ich ihm dennoch einen umfangreicheren Artikel widmen wollte, in dem ich zum einen den Inhalt skizziere, zum anderen zwei der wesentlichen Protagonisten charakterisieren und schlussendlich eine Interpretation des Inhaltes wagen wollte.
Wie bereits eingangs erwähnt, basiert der Erzählstrang des Romans „Fatherland“ oder wie er in der deutschen Übersetzung heißt „Vaterland“ auf historischen Fakten, die fiktional weitergesponnen und literarisch ausgeschmückt worden sind.
Als intimer Kenner der Geschichte des 20ten Jahrhunderts, besonders jener Phase, die sich mit den Schrecken des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen hat, hat Robert Harris den Schritt gewagt, sein historisches Faktenwissen und seine intuitives Gespür für fantasiereiche Fiktion zu einem für meine Begriffe ausgezeichneten Roman mit hohem Spannungswert zusammenzuführen. In diesem Roman wird das undenkbare in einer erschreckenden Art und Weise rational nachvollziehbar, dass es dem Leser eisige Schauer über den Rücken treibt. Um diese meine doch etwas pathetisch anklingende Aussage durch eine etwas nüchternere zu untermauern, will ich im folgenden die Vorgeschichte, die der Autor seinem Werk voranstellt, sowie den gesamten Inhalt in gebührender Länge oder auch Kürze wiedergeben.
Harris hat den Verlauf der Jahre zwischen Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 und dem Jahre 1945 stellenweise um arrangiert und jenes Gedankenspiel, welches oft auch von Historikern gespielt wird: „Was wäre gewesen wenn“, literarisch umgesetzt. So ergab sich für ihn folgende, der eigentlichen Erzählzeit vorausgehende Grundsituation:
Hitlerdeutschland hat den Zweiten Weltkrieg siegreich zu Ende geführt. Ganz Europa hat sich Deutschland ergeben und in eine Art „Europäische Union“ hineinzwingen lassen, deren eigentlicher Sinn und Zweck darin besteht die wirtschaftsstärksten Nationen Europas unter die alleinige Kontrolle eines von Deutschland dominierten Binnenmarktes zusammenzuführen. Die Souveränität der Nationalstaaten wurde aufgebrochen und entsprechende nationalstaatliche Befugnis ausschließlich an das Deutsche Reich abgetreten. Die Vereinigten Staaten mussten sich vom europäischen Kriegsschauplatz zurückziehen, da der Krieg im Pazifik gegen die Japaner die gesamte militärische Aufmerksamkeit und Präsenz erforderte. Großbritannien hatte sich ebenfalls ergeben müssen und der Britische Premier, Winston Churchill, sowie die gesamte „Royal Family“ waren ins Exil geflüchtet. Nachdem die Westfront auf diese Art stabilisiert worden war, konnte sich Hitlerdeutschland auf seinen „Rußlandfeldzug“ konzentrieren. Die sowjetischen Truppen wurden zusammen mit ihren Befehlshabern und der sowjetischen Machtelite hinter die natürliche Grenze des Urals getrieben, wo diese eine neue Regierung gründeten und von hier aus in den besetzten Sowjetrepubliken einen blutigen Partisanenkrieg organisierten.
Deutschlands Autobahnnetz konnte binnen weniger Jahre, dank des verstärkten Einsatzes von Zwangsarbeitern derart ausgebaut werden, dass alle Städte des „Reiches“ auf den schnellsten Verkehrswegen erreicht werden konnten.
Das Deutsche Reich hat seit Ende des Krieges unaufhörlich unter blutigen Partisanenkämpfen, politischen Mordanschlägen und Sabotageakten zu leiden, was nicht zuletzt zu einer Ausweitung des „Polizei- und SS-Staates“ geführt hat.
Nach Beendigung des Krieges konnte Albert Speer, Hitlers persönlicher Architekt, die Arbeiten an Hitlers Traum von Germania umsetzen, also der Umgestaltung Berlins zur neuen Hauptstadt des Deutschen Reiches. Die „Große Halle“, die neue Reichskanzlei und der Triumphbogen, allesamt Ausdruck einer wahnwitzigen Gigantomanie wurden Realität.
Das Deutsche Reich ist bis zum Jahre 1964, in dem die Geschichte beginnt, zu einem von SS, Gestapo und NSDAP regierten diktatorisch zentrierten und polizeistaatlich organisierten Machtapparat geworden.
Soweit zur Vorgeschichte, die bereits wenig Gutes erahnen lässt.
Der Inhalt
Die Geschichte, die Harris entwickelt, beginnt mit dem 14 April 1964, also sechs Tage vor Hitlers 75tem Geburtstag, welcher in einem gigantischen Festakt begangen werden soll. Menschen aus dem ganzen Reich strömen nach Berlin, respektive Germania, um sich diesem Schauspiel anzuschließen. An diesem kalten Morgen des 14ten April wird Xaver März, ein Beamter der Berliner Kriminalpolizei der Mordkommission zu einem Leichenfundort gerufen, der sich am Havelsee, ganz in der Nähe von Berlin, befindet.
Die unidentifizierte Leiche eines Mannes im fortgeschrittenen Alter, wurde von dem jungen SS-Kadetten Jost bei seinem morgendlichen Joggingtraining gefunden. Xaver März ist davon überzeugt, dass der junge Mann mehr weiß, als er bei der offiziellen Befragung zuzugeben bereit ist.
Die Autopsie des Opfers offenbart lediglich, dass der Mann ertrunken sein muss. Seine Fingerabdrücke führen die Ermittler zu seiner Identität. Der Mann hieß Buhler und war ein hochrangiges Mitglied der NSDAP und zählte sich zu den sogenannten „Alten Kämpfern“ also jener elitären Gruppe innerhalb der Partei, die sich rühmen durfte Hitleranhänger der ersten Stunde gewesen zu sein und entsprechend intensiven Kontakt zu ihrem „Führer“ unterhalten zu dürfen. Während des Krieges war Buhler in jenem Ministerium beschäftigt, welches zuständig war für das Protektorat Böhmen und Mähren. Seine Aufgabe bestand unter anderem in der Organisation der „Umsiedlungsaktionen von Juden“. Im Zuge seiner Tätigkeit geriet er jedoch unter Verdacht, seine Position zur persönlichen Bereicherung missbraucht zu haben, weshalb er von seinen Aufgaben enthoben worden war. Seit jenem Tage hatte er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen und in seine aufwändige Residenz am Havelsee zurückgezogen.
März hat kaum seine Untersuchungen begonnen, da mischt sich bereits Obersturmbannführer Globus, der Chef der Gestapo, in seine Untersuchungen ein, was die Neugier des Kripobeamten März noch zusätzlich anstachelt, obwohl die Überwachung der Kriminalpolizei seitens der Gestapo ein alltägliches Ereignis darstellt.
Max Jäger, ein Kollege von März, der an jenem Morgen, da die Leiche von Buhler gefunden worden war im Dienst hätte sein müssen, jedoch verschlafen hatte und von Xaver März vertreten worden war, findet heraus, dass im Zusammenhang mit dem Ermordeten und seiner Vorgeschichte zwei Namen immer wieder auftreten, Stuckart und Luther, eine Spur, der März weiter nachzugehen gedenkt.
März entscheidet sich dafür, nochmals Buhlers Haus genauer unter die Lupe zu nehmen und findet hierbei eine Beinprothese, jene, die am Leichnam fehlte. Dieser Fund führt März zu der Frage, wie Buhler ohne dieses Hilfsmittel allein vom Haus zum See gelangt sein soll, um hier, im Zuge eines Badeunfalls umzukommen oder sich gar selbst zu entleiben. Während er noch über diese Frage nachsinniert, betreten zwei SS-Männer Buhlers Haus und zwingen ihn sich unentdeckt zurückzuziehen. Einer der beiden Männer ist der Chef der Gestapo, Globus, März natürliches Misstrauen, was den unerklärten Tod von Buhler betrifft wird nun, da er sieht, dass sich der Chef der Gestapo selbst in die Ermittlungen einmischt, zusätzlich geschürt und lässt die Selbstmordtheorie vollends verblassen.
März sucht erneut den jungen SS-Kadetten Jost auf, der Buhlers Leiche gefunden hat und nach einer sehr intensiven Befragung gesteht dieser, dass er beobachtet habe, wie drei Männer, u.a. der Chef der Gestapo, die Leiche Buhlers zum Fundort verbracht hätten.
Kurze Zeit nach diesem „Geständnis“ wird Jost von SS-Männern aus seiner Kaserne geholt und an die „Ostfront“ versetzt.
Im Zuge weiterer Ermittlungen wird Xaver März davon in Kenntnis gesetzt, dass einer jener Männer, über deren Namen er im Zusammenhang mit Buhlers Tod gestoßen war, Stuckart, zusammen mit seiner Geliebten tot in seiner Wohnung gefunden worden war. Laut polizeilichem Gutachten hat sich der Mann selbst entleibt, nachdem er vorher seine Geliebte ermordet hat. März zweifelt an dieser Version und seine Zweifel erhärten sich, nachdem er die amerikanische Journalisten Charlotte Maguiere befragt, die im Rahmen des 75ten Geburtstags Adolf Hitlers, als Auslandskorrespondentin in Berlin weilt und die die Leichen von Stuckart und seiner Geliebten gefunden hatte.
März macht die Journalistin in einer kleinen Bar ausfindig, um sie zu befragen und sie um Ermittlungshilfe zu bitten. Zusammen mit ihr begibt sich März erneut in Stuckarts Wohnung und entdeckt eindeutiges Beweismaterial was gegen die Selbstmordtheorie spricht. Sie finden auch einen Tresor, dessen Inhalt März derart interessiert, dass er seinen Kollegen Max Jäger auffordert einen Spezialisten anzufordern, der diesen aufbricht.
Sie finden einen Brief mit der Adresse eines Anwaltes, sowie einen Schließfachschlüssel, doch ehe sie sich diesem Fund zuwenden können erscheint die Gestapo auf der Bildfläche, was März dazu veranlasst Charlotte die Sachen mitzugeben, ihr zur Flucht zu verhelfen und sich selbst und Jäger von der Gestapo festnehmen zu lassen.
März und Jäger werden in Buhlers Haus gebracht, wo sie auf Globus und den Chef der Kriminalpolizei, Nebe, treffen. Globus zeigt den drei Männern einen geheimen Raum in dem sich diverse geraubte Kunstschätze ordentlich aufgereiht und katalogisiert befinden. Globus versucht nun die Anwesenden davon zu überzeugen, dass Buhler, zusammen mit Stuckart und Luther während ihrer Amtszeit im Protektorat diese Gegenstände gestohlen und ins Reich geschmuggelt hätten. Da die Gestapo ihnen auf den Fersen gewesen sei, hätten die beiden Männer wohl, um ihrer bevorstehenden Verhaftung zu entgehen, den Freitod gewählt. März lässt sich nicht von dieser Version beeindrucken. Er prescht vor und präsentiert den anwesenden Beamten seine Beweise dafür, dass es sich in beiden Fällen um Mord gehandelt haben müsse, weshalb man nun den Dritten im Bunde, Luther, rechtzeitig finden müsse, damit er, der eine Schlüsselfigur in diesem Fall sei, nicht ebenfalls einem Mord zum Opfer fiele.
Globus wischt diese Theorie als haltlos vom Tisch und geht zur Tagesordnung über, Nebe hingegen glaubt seinem Beamten und sagt ihm seine Unterstützung zu. März nimmt sich seiner neuen Spuren an und zieht Charlotte Maguiere erneut zu Rate, um zusammen mit ihr dem Inhalt des ominösen Bankschließfaches auf den Grund zu gehen, dessen Schlüssel sie in Stuckarts Wohnung gefunden hatte.
Diese Spur führt sie zu einer Bank in Zürich. Im Schließfach, welches sie dort auftun, finden sie ein exklusives und während des Krieges als verschollen geglaubtes Bild von Leonardo da Vinci, März ist aber überzeugt, dass sich in dem Fach mehr befunden haben muss.
Nach ihrer beiderseitigen Rückkehr in Germania (Berlin) berichtet Charlotte März davon, dass sie kurz vor Stuckart Tod, von Luther, dem dritten Mann, kontaktiert worden sei und dass dieser ihr brisante Informationen angeboten habe, die sie aber bisher nicht erhalten hätte.
März versucht nun herauszufinden, welche Art von Informationen und Materialien Luther der amerikanischen Journalistin hätte bieten können und recherchiert im Reichsarchiv, um nähere Informationen über die Tätigkeit der beiden Ermordeten und des Verschwundenen herauszufinden. Dabei stößt er auf Material, welches aufzeigt, dass die drei Männer im Jahre 1942 an einer Konferenz unter der Leitung von SS-Chef Reinhard Heydrich teilgenommen hatten, auf der die „Endlösung der Judenfrage“ diskutiert worden sei. Kurz nach Beginn der Konferenz war Luther nach Zürich gereist, hatte dort ein Bankschließfach gemietet, vier Schlüssel hierzu entgegengenommen, von denen offensichtlich jeder einen erhielt. Es bleibt allerdings die Frage, wo der vierte dieser Schlüssel abgeblieben ist.
Außerdem entdeckt März, dass alle Teilnehmer der Konferenz entweder gestorben, ermordet oder durch Selbstmord ums Leben gekommen sind, auffällig hierbei ist, dass die meisten von ihnen in den letzten sechs Monaten zu Tode gekommen waren.
Nachdem März dies herausgefunden hat ist er überzeugt, dass Globus die Männer hat töten lassen, daher wächst sein Verlangen, Luther, den scheinbar einzigen Überlebenden, der ihm diese mysteriösen Umstände erklären könnte, vor Globus ausfindig zu machen. Er vermutet, dass er Luther über Charlotte finden wird, da sie, nach seinem Dafürhalten, die einzige Chance des alten Mannes ist, lebend aus Deutschland herauszukommen, er selbst vertraut der Amerikanerin, zumal sie beide ein Pärchen geworden sind.
März beginnt sich immer intensiver mit der sogenannten Konferenz im „Haus am Wannsee“ zu beschäftigen und stößt immer wieder auf Mauern des Schweigens, zur gleichen Zeit findet sich die Leiche eines Mannes, den man für Luther hält, allerdings wird März von Charlotte Maguiere informiert, dass Luther sie kontaktiert und um ein konspiratives Treffen in der Großen Halle gebeten habe, bei dem er ihnen wichtiges Beweismaterial zukommen lassen wolle. Als Gegenleistung will er Asyl in der amerikanischen Botschaft und ein Ausreisevisum, welches Charlotte über einen Bekannten der Botschaft zu besorgen einwilligt.
Der Druck auf Xaver und Charlotte wächst, denn der amerikanische Präsident Kennedy hat sein Kommen anlässlich Hitlers Geburtstags angekündigt, um im Zuge der Feierlichkeiten über eine Beendigung des Kalten Krieges zwischen dem Deutschen Reich und den USA zu verhandeln. Die Informationen die März und Maguiere aber zu erhalten erhoffe, könnte ggf. dieses Treffen zunichte machen und entsprechend dem Verlauf der Geschichte eine neue Wendung verleihen.
Als März, Maguiere und der amerikanische Botschaftsangestellte auf Luther am vereinbarten Treffpunkt treffen, wird dieser vor ihren Augen erschossen und die drei sehen nur noch die Gestalt von Gestapo-Chef Globus wegrennen.
Da Luther ganz offensichtlich die Dokumente nicht bei sich hatte, fahren März und Maguiere zum Flughafen, um dort das Gepäck von Luther, welches er dort deponiert hatte, abzuholen. Bepackt mit Luthers Koffer mieten sie in einem kleinen Hotel ein Zimmer und wenden ihre ganze Aufmerksamkeit den Dokumenten zu, die sich in ihm befinden.
Aus ihnen erfahren die Beiden, dass die Konferenz im Haus am Wannsee nicht zur Umsiedlung von Juden aus dem Reichsgebiet angedacht war, sondern den Genozid. Der Name Globus taucht ebenfalls auf im Zusammenhang mit einer Massenexekution von Juden in Polen.
März beginnt nun das Ausmaß dieser Entdeckung zu begreifen. Luther, Stuckart und Buhler waren die drei letzten Zeugen der Konferenz gewesen und nur sie hätten der Öffentlichkeit beweisen können, dass es je zu diesem Genozid gekommen ist, von dem zwar Gerüchte kursierten, aber keine Beweise. Die Verhandlungen zwischen Hitler und Präsident Kennedy wären durch dieses Beweismaterial zunichte gewesen, weshalb die drei Männer hatten sterben müssen.
Xaver und Charlotte beschließen das Deutsche Reich so schnell wie möglich zu verlassen. Sie soll sich in einem kleinen Hotel an der deutsch-schweizerischen Grenze einquartieren und dort auf ihn warten. Sollte er bis zum 20ten April, Hitlers Geburtstag, nicht zu ihr gestoßen sein, soll sie ohne ihn in die Schweiz ausreisen und von dort aus die Dokumente einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um so den deutsch-amerikanischen Friedensprozess zu Fall zu bringen. Charlotte fährt mit der Gewissheit, dass er ihr auf jeden Fall folgen wird.
Während Charlotte auf dem Weg zum Hotel an der Grenze ist, macht sich März auf den Weg zu seiner Ex-Frau um sich von seinem kleinen Sohn zu verabschieden, dieser bittet ihn ein wenig zu bleiben und kontaktiert derweil die Gestapo. Als März erkennt, dass er in der Falle sitzt, ist es zu spät. Er wird von der Gestapo verhaftet, ins Hauptquartier verbracht, dort von Globus zum Verbleib der Dokumente befragt und gefoltert. März spielt auf Zeit, damit Charlotte möglichst nahe an die Grenze herankommt und verliert kein Wort über die Dokumente.
Da Globus dringend an die Dokumente herankommen muss, versucht er März zu täuschen. Beim Transport von einem in ein anderes Gefängnis wird März die Möglichkeit zur Flucht geboten. Sein Chef, Nebe, stellt ihm seinen Kollegen Jäger als Fluchthelfer zur Verfügung und bittet ihn so schnell wie möglich mit den Dokumenten ins Ausland zu fliehen und den Inhalt zu publizieren. Während der Fahrt wird März jedoch bewusst, dass Nebe und Jäger Teil eines diabolischen Spieles sind. Er überwältigt Jäger, nimmt ihn als Geisel und zwingt ihn Richtung Osten zu fahren. Ihm wird klar, dass sein Freund Jäger während der gesamten Ermittlung die Gestapo über seine Erkenntnisse auf dem Laufenden gehalten hat, weshalb diese ihm immer so dicht auf den Fersen waren und einmal, im Falle Luthers, waren sie ihm sogar zuvorgekommen.
Da März darum weiß, dass man sie verfolgt, lockt er seine Verfolger immer weiter von Charlottes Aufenthaltsort weg und fährt zusammen mit Jäger zu einem Ort, dessen Namen er in den Dokumenten entdeckt hatte, derentwegen er nun verfolgt wird, nach Auschwitz.
Vor Ort angekommen, flieht er in den Wald und sucht nach Beweismaterial, findet aber nur einige wenige Steinreste, die an das größte Vernichtungslager der Nazis erinnern. Die Gestapo folgt ihm in den Wald…..Das Ende bleibt offen.
Charakterisierung von März und seinem Gegenspieler.
Xaver März ist die Hauptfigur in Robert Harris Roman „Vaterland“. März wurde 1922 geboren, diente während des Zweiten Weltkrieges als Kommandant auf einem U-Boot und wurde nach dem Krieg Ermittler bei der deutschen Kriminalpolizei, die später durch eine von Heinrich Himmler initiierte Reform Teil der SS (Schutzstaffel) geworden war.
März war einige Jahre mit Clara verheiratet, über die man nicht viel mehr im weiteren Verlaufe des Romans erfährt und hat zusammen mit ihr einen kleinen Sohn, Paul. Nach der Scheidung lebt Paul bei seiner Mutter und März kann seinen geliebten Sohn nur sehr selten sehen, einerseits wegen der Scheidungsbedingungen, andererseits wegen seiner beruflichen Pflichten.
Während des Krieges hatte das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda die U-Boot Fahrer als „graue Wölfe“ klassifiziert, März jedoch zählt sich nicht zu jenen Menschen, die im Rudel mitlaufen, vielmehr ist er ein Eigenbrötler, der sich mehr auf seinen Verstand, denn auf seine Körperkraft verlässt, weshalb man ihm den Spitznamen „Der Fuchs“ gegeben hat.
Seit seiner Scheidung verbringt er mehr Zeit im Büro als sonst irgendwo, er hat sich zu einem Arbeitstier entwickelt, um nicht immer wieder an den Verlust seiner Familie erinnert zu werden. Die Trostlosigkeit seiner Einzimmerwohnung beengt ihn ohnehin viel zu sehr.
Sein Beruf als Ermittler der Kriminalpolizei hat ihn sehr neugierig gemacht, was ihm allzu oft in Konflikte mit dem „System“ bringt, in welchem allzu neugierige Menschen eher als störend, denn hilfreich empfunden werden. Die Struktur des nationalsozialistischen Staates sieht vor, dass das Individuum in seiner intellektuellen Freizügigkeit eingeschränkt und uniformiert wird, was man denken darf, wird vorgegeben. Eine Eigenart des „neuen Deutschlands“, mit der sich Xaver nicht so recht anzufreunden vermag, auch wenn er nach außen hin sich selbst und seine Umgebung dadurch von der Richtigkeit zu überzeugen versucht, indem er immer wieder betont, dass ein solch moderner Staat anders nicht zu verwalten sei.
Seine berufliche Tätigkeit eröffnet ihm die Möglichkeit, zumindest kleinere Ausflüchte aus diesem streng organisierten Staatsverdummungssystem zu wagen, dabei lehnt er sich jedoch gerne zu weit aus dem Fenster, weshalb er auch unter ständiger Beobachtung seitens der Gestapo steht. Vor allem seine systemkritischen Ansichten werden mit einer gehörigen Portion Misstrauen beäugt. So vertritt März unter anderem die wenig systemkonforme Ansicht, dass eine Uniformierung der Gesellschaft, selbst ihrer jüngsten Vertreter, der Kinder, dieser ihr individuelles und selbstbestimmtes Profil raube.
Er selbst trägt seine Uniform sehr ungern und sehnt sich oft die Freizeit nur deshalb herbei, weil sie ihm im Rahmen seiner eigenen vier Wände erlaubt, ohne Uniform auszukommen. Immer wieder beobachtet er die ängstlichen Reaktionen seiner Umwelt, wenn er in der martialischen, mit Totenköpfen versehenen Uniform seinem Beruf nachgeht. Er wird in diesem Moment zu einem Repräsentanten eines Staates, der offensichtlich mit Brutalität und Furcht in Verbindung gebracht wird und das ist etwas, womit März nur schwer klarkommt.
Obwohl er sich scheinbar den Fesseln und Doktrinen der politischen Machteliten unterwirft, opponiert er insgeheim gegen sie und ist somit nicht der duckmäuserische Mitläufer und damit ein schwacher Charakter, sondern im Gegenteil, er wird als besonders stark und moralisch gefestigt dargestellt. Dennoch ist er sich dessen bewusst, dass er seine persönliche Freiheit erst dann erlangen kann, wenn Deutschland von den Fesseln des falsch verstandenen; so sieht er es; nationalsozialistischen Staatsapparates befreit worden ist.
Die fehlende persönliche Freiheit manifestiert sich für ihn in der Tatsache, dass er keinem Menschen trauen kann und entsprechend keinerlei persönliche Bindungen eingeht. Allein seine Freundschaft zu seinem Kollegen Max Jäger, von der März meint, dass sie wahrhaftig sei, stellt die Gesamtheit seiner gesellschaftlichen Interaktion außerhalb des Dienstes dar. Im späteren Verlauf des Buches muss Xaver März jedoch schmerzlich erfahren, dass jenes Vertrauen, welches er seinem einzigen Freund entgegengebracht hat, aufs tiefste missbraucht und enttäuscht worden ist.
Die wohl prägendsten Jahre in Xaver März‘ Leben sind jene, da er auf dem U-Boot diente. Es war in einem kleinen Rahmen ein Stück von Freiheit, obwohl Krieg herrschte. Als er zurückkehrt, trifft er auf eine Gesellschaft, die ihm vollends fremd geworden ist, eine Gesellschaft, die nur eines im Sinn hat, ihre Mitglieder zu kontrollieren und zu uniformieren.
Er beginnt sich seiner Zeit auf dem U-Boot gegenwärtig zu werden, kapselt sich ab, wird zum Eigenbrötler und versucht sich aus sämtlichen Belangen der gesellschaftlichen Kontrolle herauszuhalten.
Im Rahmen seines kleinen familiären Glücks versucht sich März ein Refugium zu schaffen, in dem er, er selbst sein und seine Eigenverantwortlichkeit leben kann. Zu seinem großen Leidwesen muss er jedoch feststellen, dass nicht nur seine Frau wenig Verständnis für sein Freiheitsstreben aufbringt, sondern und vor allem sein geliebter kleiner Sohn Paul. Paul ist, obwohl jung an Jahren, ein treuer Nationalsozialist, der geblendet von der nationalsozialistischen „Heilslehre“ seinen Vater zu bekehren versucht. In dem Moment, da Paul zu erkennen glaubt, dass die Entdeckungen seines Vaters und dessen neuer Freundin eine Bedrohung für Führer, Volk und Reich darzustellen scheint, zögert er nicht, den Vater ans Messer zu liefern. Obwohl Paul einige Male zuvor seinen Vater bereits an die Gestapo verraten hatte, schockiert es Xaver doch sehr, wie tiefsitzend die Indoktrination der nationalsozialistischen Erziehungsmethoden bereits gediehen ist. Sein natürliches Misstrauen, welches er gegen jeden und alles hegt, lässt ihm im Falle seines Sohnes, aber was noch viel fataler ist, im Falle seines Kollegen und vermeintlich besten Freundes, Jäger, vollends im Stich, was ihm zum Verhängnis werden soll.
Als er allerdings die amerikanische Journalistin Charlotte Maguire trifft, igelt er sich ein in einen stachligen Panzer aus abwehrendem Misstrauen, obwohl wir im Laufe des Romans lernen müssen, dass sie letztendlich die einzige wahre Freundin ist, die Xaver je in seinem Leben hatte, zumindest ist sie ihm gegenüber loyal. Erst nachdem er sich in sie verliebt hat und ein Gefühl, welches er seit langem verloren geglaubt hatte, durch sie wiederentdeckt, nämlich Liebe und wahre Freundschaft, beginnt er ihr wirklich zu vertrauen.
Zusammen mit ihr versucht er nun dem Geheimnis, welchem er durch seine Mordermittlungen auf der Spur ist, bis auf den tiefsten Grund zu gehen, was wiederum auf eine seiner Grundeigenschaften zurückzuführen ist, seinen bedingungslosen Hang zur Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Wahrheit. Die Wahrheit ist es, wonach er sucht und je mehr man versucht ihn zum Narren zu halten und am Auffinden dieser Wahrheit zu hindern, desto hartnäckiger wird er in seinem Streben.
Obwohl März im Zuge seiner Mordermittlungen in den Fällen Buhler, Stuckart und Luther schonungslos mit der Realität oder Wahrheit konfrontiert wird, dass die „Endlösung der Judenfrage“ im Genozid geendet ist und obwohl schon früher hinter vorgehaltener Hand; denn Beweise gab es nicht; genau dies gemutmaßt worden war, weigert er sich, diese Wahrheit zu erkennen. Er erinnert sich zwar daran, dass er, als er nach seiner Scheidung in die neue Wohnung gezogen war, ein Photo einer Familie hinter einer Tapete entdeckt hat. Er stellte seinerzeit Nachforschungen an und fand heraus, dass es eine jüdische Familie war. Er befragt seine neuen Nachbarn, um Näheres zu erfahren, stieß jedoch auf eine eisige Mauer des Schweigens. Zwar regt er sich über die unendliche Blindheit seitens seiner Mitmenschen auf, insgeheim weiß er aber, dass er letztendlich genauso handelt und zwar nur, um sich nicht den quälenden Fragen und Vorwürfen zu stellen, die die Wahrheit unweigerlich mit sich bringen würde.
Meiner Meinung nach repräsentiert die Figur des Xaver März das Gute, mit allen Ecken und Kanten, wie sie das wahre Leben nun einmal schreibt. Es gibt kein perfektes Gutes und auch nicht ein perfektes Böses. Alles ist unvollkommen, soweit es natürlichen Ursprungs ist. März steht für das Gute in einer Gesellschaft die vom Bösen beherrscht ist. März versucht die Gesellschaft zu verändern, welch heroischer Idealismus. Gleichzeitig kämpft er für einen Sieg der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Somit macht Harris aus Xaver einen sehr starken und angenehmen Charakter, auch wenn er nicht frei von Makel ist. Charlotte Maguire ist ihm in vieler Hinsicht sehr ähnlich, jedoch wuchs sie in einer liberalen Gesellschaft auf, deren Grundsatz ein sehr ausgeprägter Sinn von Gerechtigkeit ist, was es ihr einfach machen dürfte an diese Ideale zu glauben, als März, der gar um sein Leben fürchten muss, wenn er auch nur an so etwas wie Moral und Gerechtigkeit zu denken wagt.
Im Zuge seiner Ermittlungen trifft März auf viele unterschiedliche Charaktere, die allesamt auf die eine oder andere Art und Weise das sogenannte Böse verkörpern und letztendlich repräsentativ für den gesamten Staatsapparat stehen. Diese Figuren repräsentieren den loyalen Diener eines Staates, der von Mördern gelenkt wird. Bis auf Charlotte Maguire, Xaver März und Charlottes amerikanischen Kollegen Nightingale trifft die obige Charakterisierung auf alle weiteren Figuren des Romans zu. Um die Vielzahl jener Charaktere, die als Gegner unseres Helden, Xaver März, agieren auf eine überschaubare und dennoch repräsentative Anzahl zu reduzieren, habe ich mich dazu entschlossen, meine diesbezüglichen Betrachtungen auf zwei „Schlüsselfiguren“ zu konzentrieren. Der Chef der Gestapo, Globus, ist die eine Figur, März Freund und letztendlich auch Verräter, Max Jäger ist die zweite Figur.
Odilo Globocnik, genannt Globus, ist Obergruppenführer der Gestapo. Während des Krieges war er ein hochrangiger SS-Offizier, dessen Einsatzgebiet im Protektorat Böhmen und Mähren angesiedelt war. Er ist in seinen späten 50ern, stark gebaut und sein Gesicht ist von Narben und Blessuren übersät. Bekannt ist er für seine Brutalität und Fehlen jeglichen Mitgefühls. Seine Foltermethoden sind berüchtigt. Während des Krieges nahm er an Massenexekutionen von Juden teil, soweit zumindest findet Xaver März diesen hässlichen Flecken auf der ach so weißen Weste seines dienstlichen Peinigers heraus, den er im Zuge der Morduntersuchung Stuckart und Buhlers gemacht hat. Globus liebt es, andere Menschen zu quälen und zu demütigen. Er ist nicht nur ein loyaler und treuer Gefolgsmann, sondern er liebt seine Arbeit und geht vollends in ihr auf. So malträtiert er während einer Befragung die Hand von Xaver März mit einem Baseballschläger, nur um Charlotte dazu zu bringen zu verraten, wo sich die Dokumente befinden, mit deren Hilfe der Genozid an den europäischen Juden belegt werden könnte.
Globus befolgt nicht einfach nur Befehle, da ihm seine Loyalität dies vorschreibt, sondern weil er auch persönliche Vorteile hieraus zieht, was wunderbar mit seinem Ehrgeiz korrespondiert. Der Staat, dem er treu dient, legt gerade auf Menschen wert, die gewissenlos, brutal und unerbittlich ihr Terrorregime verkörpern; wer diese Anforderungen erfüllen kann, wird es weit in diesem Staatsapparat bringen. Für Globus stellt diese Auffassung einer Staatsdoktrin, die allein auf Gewalt und Terror beruht, sowohl in der Fiktion, als auch in der schrecklichen Realität wie in den Jahren zwischen 1933 und 1945 beobachtet werden konnte, einen Glücksgriff für ihn selbst dar, denn so kann er seine ehrgeizigen Karrierepläne mit seinem angeborenen Sadismus hervorragend verbinden.
Es waren aber nicht allein die brutalen und gewissenlosen Schlächter, auf die das Naziregime setzen konnte und musste, sondern auch die etwas zwielichtigeren und undurchschaubareren Figuren, wie sie März‘ Freund, Jäger, verkörpert.
Jäger ist auch Beamter bei der Berliner Kriminalpolizei, aber im Gegensatz zu Xaver März ist er überhaupt nicht neugierig. Er versucht sich aus allem, was in irgendeiner Form unangenehme Folgen für ihn, seine Karriere oder Familie haben könnte, heraus. Sein einziges Ziel ist es, sich und seine Familie vor allen Einflüssen von außen zu schützen, wofür er sogar seine besten Freunde ans Messer liefern würde. Er ist ein Feigling, der sehr wohl um die verbrecherische Art und Weise, wie sein Staat mit seinen Untertanen umgeht, weiß und gerade deshalb passt er sich in allem an. Er ist nicht im eigentlichen Sinne des Wortes gefährlich, im Gegenteil, er ist eher friedlich wie ein Lamm auf der Schlachtbank. Sein ganzes Leben wird von der Angst dominiert, denn bei allem was er tut, denkt er furchtsam an die etwaigen Folgen. So scheint es auch kaum großartig zu verwundern, dass er just in dem Moment, da sein Freund März ihn am dringendsten braucht, Jäger ihn ans Messer liefert.
So könnte man zusammenfassend konstatieren, dass Globus Figur das Böse und Jäger den willfährigen feigen Mitläufer repräsentiert, also einen loyalen Diener einer verbrecherischen Diktatur. Während Globus gefestigt im Glauben an die unangefochtene Richtigkeit der nationalsozialistischen Diktatur glaubt, scheint Jäger letztlich nicht gegen sich selbst obsiegen zu können, weshalb er alles, was ihm seitens der Obrigkeit vorgegeben wird, ungefragt akzeptiert.
Interpretation des Romans an sich.
Wann immer man einen Roman zur Hand nimmt, denkt man auch automatisch im Zuge der Lektüre darüber nach, was der Autor neben dem Erzählen einer spannenden mitreißenden Geschichte noch für eine tiefgreifende Message dem Leser mitzuteilen gedenkt. Um mich der Antwort auf diese Frage anzunähern, habe ich mir Leitfragen überlegt, die ich an den Text und damit indirekt an den Autor stelle. So stellt sich mir zum einen die Frage: „Wieso hat der Autor nicht einfach eine Kriminalgeschichte normaler Konzeption geschrieben, sondern sich für eine Kriminalgeschichte mit „historischem Hintergrund“ entschieden? Und was hat den Autor dazu bewogen gerade die Kulisse zu wählen, die er gewählt hat?
Der vorliegende literarische Kriminalfall findet vor dem Hintergrund einer fiktiven Umgebung statt, die nichtsdestotrotz auf semi-historischen Gedankenspielausblicken basiert ist. Harris hat letztlich den Ausgang der verbrieften Geschichte dahingehend verändert, dass er einige Faktoren verändert hat und entsprechend die etwaigen, daraus resultierenden historischen Veränderungen weitergesponnen hat. Also, was wäre wenn gewesen. Harris hat im Vorfeld seiner Arbeit an dem Roman „Vaterland“ die Geschichte des Nationalsozialismus sehr intensiv studiert und ist dabei über diverse Ereignisse gestolpert, deren Verlauf und deren Auswirkung andere gewesen wären, wenn es nur kleine Veränderungen im tatsächlichen Ablauf gegeben hätte. Damit hat Harris die Welt, wie wir sie heute erleben, dramatisch verändern können. Er hat also eine Welt unter der Dominanz einer deutschen Diktatur unter ihrem „Führer“ Adolf Hitler erschaffen. Die Welt wird nach den Richtlinien nationalsozialistischer Rassenideologie und Herrenrassenallüren geformt und gelenkt. Allerdings kann diese Subpression weiter Teile Europas nur durch ein militärisches Terrorregime aufrechterhalten werden, was letztlich auch innerhalb der deutschen Gesellschaft in einer fortwährenden Bespitzelung und Angstherrschaft durch einen engstrukturierten Polizeistaat kumuliert.
Harris führt dem Leser also schonungslos vor Augen, dass wir die Welt von heute nicht als eine Selbstverständlichkeit ansehen dürfen, sondern in vieler Hinsicht auch dankbar den Menschen gegenüber sein sollten, die damals ihr Leben dafür gaben, den Nationalsozialismus zu bekämpfen, denn hätte es diese, teilweise heimlichen und stillen Kämpfer nicht gegeben, dann wäre eine Welt, wie Harris sie in „Vaterland“ beschreibt, nicht nur literarische Utopie geblieben, sondern wohlmöglich zur grausamen Realität avanciert.
In vieler Hinsicht erinnert mich die versteckte Mahnung von Harris Roman an jene, die sich auch bei George Orwells 1984 findet, wobei letzterer eine Zukunftsvision geschaffen hat, während Harris die Vergangenheit umgeschrieben und eine andere Gegenwart entwickelt und mahnend vor die Augen des Lesers geführt hat.
Harris hat bei der Konzeption seines Romans auf ein klassisches Figurenarrangement zurückgegriffen und dies nur leicht seinen Bedürfnissen angepasst. Klassischerweise stehen auf der einen Seite die Guten und auf der anderen die Bösen. Natürlicherweise stehen sich beide Seiten im Kampf gegenüber und am Ende obsiegt letztlich doch das Gute. Nicht so einfach bei Harris. Die Protagonisten, die jeweils eine der beiden Seiten repräsentieren sollen, sind nicht eindeutig der einen oder der anderen Seite zuzurechnen, vielmehr sind die klaren Grenzen hier eher verwischt, was eine eindeutige Zuordnung für den Leser erschwert. Vor allem die Guten werden nicht, wie es sonst in „hollywoodistischer“ Manier der Fall ist, als reine Sympathieträger gezeichnet, vielmehr haben sie einige Ecken und Kanten, die es dem Leser schwermachen uneingeschränkte positive Gefühle für ihre „Helden“ zu empfinden. So stellt sich am Anfang des Romans der Hauptprotagonist Xaver März dem Leser als eine, wenn auch kritische, so doch stereotype Nazifigur dar, die Befehle befolgt und die Autoritäten nicht in Frage stellt. Erst im weiteren Verlauf des Romans verändert er sich und beginnt zum Sympathieträger zu werden, mit dem man, gerade zum Ende der Erzählung hin, mit fiebern und leiden kann. In diesem Moment wünscht man als Leser, dass März in seinem Streben erfolgreich sein möge. So wie Harris bei der Konzeption seiner Figuren teilweise andere, als den klassischen Weg beschreitet, so weicht er auch deutlich vom klassischen „Happy End“ ab. So bleibt die Frage, was mit März zum Ende hin passiert, weitgehend offen, wobei man als Leser ob des Gelesenen dazu neigen wird zur der Erkenntnis zu gelangen, dass er am Ende erschossen wird. Die Liebe zu Charlie, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt hat, wird demnach auch kein glückliches Ende haben können und der Leser erfährt auch nicht, ob es ihr gelungen ist das Land zu verlassen, um sich in Sicherheit vor den Nazibehörden zu bringen. Außerdem bleibt auch offen, ob die Dokumente, die März und Charlie aufgetan haben und die den Massenmord an den europäischen Juden belegen könnten, wodurch das Ansehen Nazideutschlands unwiderruflich zunichte gemacht werden würde, letztlich an die Öffentlichkeit gebracht werden können. Alles in allem, ein sehr offenes und wenig befriedigendes Ende. So trägt das Ende der Geschichte, ebenso wie die Gesamtkonzeption des Romans dazu bei, den Leser nicht in einer wohligen Sicherheit eines positiven Ausgangs zu wiegen, sondern der Autor lässt ihn in einem unbequemen Schwebezustand zurück, der wiederum die Grundaussage: seid Euch Eurer Gegenwart nicht zu sicher und zu gewiss, zusätzlich untermalt. Der erschreckende theoretische Realitätsgehalt der Geschichte wird besonders durch die akribische Recherche des Autors und die allgemeine Plausibilität des roten Fadens generiert. Die Szenen sind in sich logisch und lebendig, so dass ihr fiktionaler Charakter Realitätsnähe vorzugaukeln imstande ist.
Harris hat darüber hinaus seine Charaktere in einer Weise entwickelt und ihnen eine nachvollziehbare Lebendigkeit eingehaucht, dass sie exemplarisch für die verschiedenen Menschentypen stehen, die unter der Nazidiktatur hervorgebracht worden sind. Somit hält Harris indirekt all denjenigen, die aus heutiger Perspektive leichtfertig dazu neigen, die Taten der Großelterngeneration pauschal zu verdammen und ihnen eine Generalvorwurf „wieso wart ihr so feige und habt das nicht verhindert“ vorzuhalten, den Spiegel vor und wirft die Frage an diese zurück, ob sie nicht unter den gegebenen Umständen ähnlich gehandelt hätten.
Die Verführungskraft der nationalsozialistischen „Heilslehre“ war enorm groß und vor dem Hintergrund einer historischen Depression nach dem verlorenen Weltkrieg und den Erfahrungen einer nicht funktionierenden Demokratie, waren die Menschen mehr als dazu bereit, den Versprechungen der Nazis, ohne wenn und aber, Glauben zu schenken. So zeigt Harris durch seine Charaktere auf, wie verletzlich und schwach die Menschen sind und wie leicht sie sich zu Taten verführen lassen, die sie unter anderen Umständen, aus der Distanz historischen Wissens heraus, allzu leicht verurteilen können. Für mein Dafürhalten wird auch deutlich, dass die Menschen, so wie Harris sie zeichnet, zwei Gesichter haben und letztendlich kommt es nur darauf an, wie man die Menschen von außen beeinflusst, um entweder die eine oder die andere Seite mehr hervorzukehren. Ein Prozess dieser Art, kann sehr leicht vonstatten gehen, daher, so die unterschwellige Mahnung dieses Werkes, gilt es eine Gesellschaft und ihre Veränderungen sehr genau zu beobachten und frühestmöglich entsprechend negativen Entwicklungen entgegenwirken zu können.
Es erscheint kaum verwunderlich, dass „„Vaterland““ in Deutschland zunächst kein so riesiger Erfolg war, denn wer will schon gerne an die Schatten der Vergangenheit erinnert werden, zumal dies in diesem besonderen Falle ohnehin seitens der Weltöffentlichkeit getan wird. Harris hat jedoch noch einen oben daraufgesetzt, indem er den Deutschen nicht nur den Spiegel der historischen Wahrheit vorgehalten hat, sondern vielmehr den literarischen mahnenden Zeigefinger, der ihnen wie eine glühende Nadel auf der Brust brennt, indem Harris das Bild in eine zukünftige Gegenwartsperversion weitergesponnen hat. Dies, so literarisch kunst- und wertvoll es auch geschrieben sein mag, ist all jenen nicht zweckdienlich, die so akribisch darum bemüht sind, eine möglichst breite und dichte Decke des Vergessens über die Geschichte zu decken.
Harris hätte diese, von mir herausgelesenen Mahnungen auch in Form eines historischen Fachabrisses der Öffentlichkeit entgegenbringen können, jedoch scheint mir die Form, die er letztlich gewählt hat, viel geeigneter dafür zu sein das zu erreichen, was Harris wohl bezwecken wollte, ein Nachdenken. So stellt „Vaterland“ einen nicht nur effizienten, sondern in allem Maße kunstvollen und geglückten literarischen Mahnversuch dar, der in sich die Eigenschaften einer historisch einwandfreien Darstellung, sowie eines packenden Thrillers, vereint.
Eigene Meinung
„A novel of great precision …he has let his imagination soar into the grom “what if world” Jewish Chronicle
Ich kann mich nur obigem Urteil anschließen. Der Roman von Robert Harris ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Beeindruckend, da die Akribie mit der der Autor zum einen die Vorrecherche betrieben haben muss und welche er bei der Ausarbeitung seines Plots an den Tag gelegt hat, bestechend ist und in mancher Hinsicht gar als makellos bezeichnet werden kann. Die Plausibilität und Wahrscheinlichkeit, dass das fiktive Geschehen Realität hätte werden können ist erschreckend und faszinierend zugleich.
Harris hat, indem er „Vaterland“ so geschrieben hat, wie er es geschrieben hat, einen sehr steinigen und schwierigen literarischen Pfad beschritten, denn er hat historische Tatsachen als Grundlage seiner Überlegungen genommen und in einer Weise durch Veränderung einiger weniger Faktoren weitergedacht, so dass am Ende ein plausibler „Was wäre wenn gewesen“ Alternativ Handlungsverlauf entstehen konnte. Allein schon die Vorstellung solche Gedankenspiele nur als solche zu betreiben, ist bereits sehr herausfordernd, diese Gedankenspiele aber dann so lebendig zu Papier zu bringen, das ist eine literarische Glanzleistung, zumindest, wenn man das vorliegende Ergebnis betrachtet.
Seine Beschreibung einer Welt, die von Hass und Tyrannei regiert wird, ist atemraubend realistisch und entsprechend furchteinflößend. Während des gesamten Verlaufs der Geschichte wurde man als Leser immer tiefer in die Handlung hineingesogen, man hat mit den Figuren gelitten und ihnen die Daumen gedrückt bei ihrem Unterfangen das Böse zu bekämpfen, letztlich doch obzusiegen.
Selbst historisch nicht vorgebildete Leser werden von diesem Buch begeistert sein, denn am Ende werden sie nicht nur einen hervorragenden Thriller gelesen haben, sondern auch eine andere Form der historischen Bildung genossen haben. Sozusagen, Geschichte zum Anfassen, im Laborversuch. Die Verknüpfung eines Thrillers mit den Zügen eines historischen Aufsatzes über die Frage historischer Eventualitäten macht den Roman noch begehrenswerter. Handelte es sich bei dem Buch um eine reine Darstellung historischer Fakten, hätte es sicher nicht solch einen bahnbrechenden Erfolg vorzuweisen gehabt. Da es aber vornehmlich ein Mordthriller war, wurden mehr Leser angezogen und haben sich langfristig mit dem historischen Beiwerk ebenso auseinanderzusetzen gehabt, wie sie zum Schluss hin sicherlich von selbigen begeistert werden konnten.
Meine persönliche Faszination, die durch diesen Roman ausgelöst wird, liegt in dem Erstaunen begründet, feststellen zu müssen, wie scheinbar unbedeutende Nebensächlichkeit eine dramatische Wendung der Geschichte hervorrufen können, zumindest wenn man, wie Harris dies allerdings sehr plausibel nachvollzieht. Man stelle sich nur einmal vor, Georg Elser wäre erfolgreich gewesen in seinem Unterfangen Adolf Hitler zu töten, die Geschichte hätte eine vollkommen andere Richtung eingeschlagen. So wirkt Harris‘ Roman wie die Reise mit einer historischen Zeitmaschine und wenn man sich auf diese Reise einlässt, wird man auch feststellen können, dass die Bedeutung einzelner Persönlichkeiten der Weltgeschichte nicht unterschätzt werden sollte, auch wenn dies gerne seitens mancher Historiker einer bestimmten Couleur allzu gerne getan wird.
Ein weiterer Aspekt, den Harris für meine Begriffe sehr geschickt herausarbeitet, ist die menschliche Natur. Er zeigt, indem er seine Charaktere in „Fatherland“ innerhalb des Verlaufs der Geschichte einen Lernprozess erleben lässt, dass kein Mensch starr in seinen Normen und Werten ist, dass dies dramatisch von außen beeinflusst werden kann, sowohl zum negativen, als auch zum positiven, beides hängt jedoch maßgeblich von der moralischen Stärke des Einzelnen ab. So wird dem Leser schonungslos vor Augen geführt, wie scheinbar, in sich ausgeglichene Charaktere unter dem entsprechenden Druck, ausgesetzt einer Drohkulisse, die existentielle Ängste hervorrufen kann, labil und zu Denunzianten oder gar Mördern werden können. Der Mensch als Ebenbild göttlicher Schöpfung? Wohl kaum, zumindest vermag es Harris die menschlichen Abgründe schnörkellos herauszuarbeiten.
Harris zeichnet aber auch das Bild einer „Vorbilddiktatur“ und desavouiert somit jedwede Affinität, die man für ein autoritäres System hegen könnte, frei nach dem Motto „Da herrschte noch Recht und Ordnung.“ Was in diesem Staat herrschte, war ein engmaschiger Polizei-Spitzel- und Denunziantenapparat, der ausschließlich dazu diente, etwaige aufkommende Opposition im Keim zu ersticken. Durch die Uniformierung der Gesellschaft, nicht nur in Form ihrer Kleidung, sondern auch der Gestaltung ihrer Freizeitaktivitäten, war es zu erreichen den „idealen“ Staatsbürger zu erschaffen, der wie ein Rädchen im großen Machtwerk der nationalsozialistischen Diktatur funktionierte. Ja keine Fragen stellen und bloß nicht Kritik üben, das war die Devise. Diejenigen, die dies erkannten, wurden mundtot gemacht oder aber versuchten sich ihre Welt schön zu reden, auch das kommt bei Harris „Utopia“ zum Vorschein, denn letztlich entwickelte er nur die Grundlagen, die die Nazis in der Zeit zwischen 1933-1945 gelegt hatten, weiter.
Harris‘ Message, die an dieser Stelle für mein Dafürhalten ebenfalls zum Tragen kommt, scheint alle jene ansprechen zu wollen, die sich nicht wirklich der Vorzüge einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewusst sind, sondern sie lediglich zu kritisieren vermögen. Eine Demokratie, mag sie noch so fehlerhaft und stellenweise ungerecht erscheinen, ist allemal das freiere System, als es eine Diktatur je sein könnte, egal unter welcher politischen Fahne sich ihre Machthaber auch scharen mögen. Auch das schwingt in Harris‘ Worten mit.
Demnach erscheint mir Robert Harris‘ „Fatherland“ nicht nur eine spannende und packende Mordgeschichte zu sein, sondern vor allem eine Mahnung an all diejenigen, die ihre historische Verantwortung negieren und sich der Bedeutung, die die Beschäftigung mit Geschichte haben sollte, aber leider nicht hat, sich dieser Bedeutung wieder bewusst zu werden.
So wie der Nationalsozialmus in seiner fiktiven Form, wie Harris sie kreiert hat, eine Gefahr für demokratische Gesellschaften bedeutet, so wird jedes System, jede Form von politischer Agitation, deren Grundlage Angst und Schrecken ist, um selbst ihre Träger gefügig zu machen, eine massive Bedrohung jener Werte bedeuten, die vielen Menschen heute allzu selbstverständlich geworden sind, auch dies sollte man bedenken, wenn man Robert Harris „Fatherland“ mit Genuss liest.
Harris‘ „Fatherland“ ist, um dies abschließend pointiert festzuhalten, nicht nur ein Meilenstein der Unterhaltungsliteratur, sondern für mein Dafürhalten auch ein wichtiger Beitrag zur Reflexion der Bedeutung historischen Handelns.
Zum Autor
Robert Harris wurde am 07. März 1957 in Nottingham geboren. Harris studierte nach abgeschlossener Schulausbildung an der ehrwürdigen Universität Cambridge Geschichte und arbeitete nach erfolgreichem Abschluss seiner Studien zunächst als BBC-Reporter, wie auch als Redakteur der britischen Tageszeitung „The Observer“.
Harris hat bereits Anfang der 80er Jahre, als Historiker diverse Bücher seinem eigentlichen Fachgebiet, der Geschichte, wissenschaftlich gewidmet, wechselte dann aber, 1992 mit seinem Erstlingswerk „Fatherland“ das Genre. Indem er seinen historischen Pedantismus mit der erzählerischen Intensität der fiktionalen Literatur verband, schrieb er sich in die Bestsellerlisten der literarischen Weltöffentlichkeit. Schon bald nach seinem Erfolg, den „Fatherland“ gezeitigt hatte, folgte der Roman „Enigma“ (1995), der sich dem Thema der gleichnamigen Chiffriermaschine, deren Entschlüsselung und eines damit in Verbindung stehenden Spionagesskandals in den Reihen der britischen Dechiffrierungsmaschinerie während des Zweiten Weltkrieges widmete. Auch dieser Roman war ein erneuter Erfolg und wurde ebenso, wie „Fatherland“ mit Starbesetzung verfilmt. „Aurora“ war 1998 ein weiterer Versuch, die historische Wirklichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts als Vorlage für fiktionale Gedankenspiele dramatisch auszuweiden. Auch dieser Versuch ist Harris gelungen. Fünf Jahre dauerte es dann, ehe Harris 2003 mit dem Roman Pompeji die Öffentlichkeit an seine Existenz erinnerte. Pompeji widmete sich erstmals einer anderen Epoche der Menschheitsgeschichte und taucht in die Zeit der Antike ein. Der Untergang der Stadt Pompeji ist der historische Hintergrund, vor dem Harris eine brisante Geschichte entstehen lässt.
Da ihm auch dieses Werk durchaus gelungen ist, selbst wenn man nicht verhehlen sollte, dass es bei weitem schwergängiger und teilweise zu schwer geraten wirkt, soweit es den historischen Anspruch des Autors und seine damit verbundene, dem Leser abverlangte historische Vorkenntnis betrifft, hat Harris 2006 hier angeknüpft und sein Werk „Imperium“ ebenfalls in der Antike seinen Verlauf nehmen lassen. „Imperium“ allerdings, erscheint in höchstem Maße anspruchsvoll, zumindest was seine Hintergrundthematik betrifft, denn nur wenige Leser werden, so will ich meinen, über eine fundierte Kenntnis lateinischer juristischer Fachbegriffe verfügen, sowie das nötige Fachwissen juristischen Prozederes der Antike parat haben, was beides jedoch unabdingbar ist, wenn man den Roman in seiner Gänze zu gutieren gedenkt.
Dennoch scheint die Arbeit an „Imperium“ den Autor Harris derart beflügelt zu haben, dass er bereits im Folgejahr, mit dem Roman „Ghost“ ein weiteres ´Zeugnis seines literarischen Könnens abgelegt hat. Diesmal widmet er sich einer ganz neuen Schiene und rückt hiermit von seinem bisherigen Anspruch, historische Themen als Grundlage zu wählen und mit historischer Akribie Schauplätze und Figuren nachzuzeichnen, deutlich ab.
Robert Harris ist, so kann man sicherlich konstatieren, in vielerlei Hinsicht ein wahrer Historiker, denn er schreibt Geschichte(n). Seine Romane sind weltweit bekannt und er zählt zu den bekanntesten Autoren. Seine Fachbücher sind bei weitem nicht so bekannt, womit man ihnen nicht gerecht wird, da sie in gleichem Maße wie seine Romane sprachlich einladend geschrieben sind. Besonders seine Abhandlung über den Verkauf der sogenannten Hitlertagebücher zählt für mein Dafürhalten zu jenen wissenschaftlichen Abhandlungen, die gerade wegen ihrer sprachlichen Einfachheit einem historisch interessierten Publikum ein wissenschaftlich interessantes Thema auch wirklich interessant vermitteln kann, was bei historischen Abhandlungen, die von Fachhistorikerin geschrieben sind, nur selten der Fall ist. Nichtsdestotrotz stehen diese Werke des Autors nicht so hoch im Kurs.
Harris‘ Leidenschaft für fiktionale Literatur mag unter anderem seiner Verwandtschaft zu dem britischen Schriftsteller Nick Hornby geschuldet sein, der sein Schwager ist. Allerdings soll damit nicht eine Eigenständigkeit Harris‘ in Bezug auf seine literarischen Ansprüche abgesprochen werden.
Robert Harris ist vierfacher Vater und lebt zusammen mit seiner Frau Gill Hornby und seinen vier Kindern in der englischen Grafschaft Berkshire.