Spannungswelten

LESEPROBE II
»Der Totenflüsterer« oder: Die Stimme
Psychothriller von Dietmar Kottisch
- Verschiedene Kapitel -

8.
Paul hatte gestern Abend, am 30. Oktober1980, wieder die Stimme seiner »Freundin« Esther Reschke gehört. Diesmal hatte er es mit der Radiomethode versucht, und das Ergebnis war wesentlich besser, die Stimme deutlicher, die Mitteilungen etwas länger. Wie von anderen behauptet, bekommen die Freunde dadurch mehr Energie, Schwingungen und Frequenzen, um sich zu manifestieren. Er ging auf die Mittelwelle in die Nähe der Sender Moskau und Wien bei 1480 kHz in ein sogenanntes weißes Rauschen. Er begrüßte seine jenseitigen Freunde wie üblich, hörte plötzlich eine laute Männerstimme Radar, und dann brach die Stimme von Esther durch: Esther grüßt Paul.
Er wollte herausfinden, wer diese Frau aus Eltville ist, wann sie gelebt hatte, wann sie gestorben ist und andere Dinge von ihr, denn schließlich bot sie sich als seine Kontaktperson an, und schließlich sprach er mit einer Toten! Er hatte zwar auf seine Fragen nach der Zeit vorher wütende Stimmen gehört, gab sich aber nicht zufrieden damit.
»Esther, kannst du mir sagen, wann du gelebt hast und wann du gestorben bist. Ich möchte es gerne wissen.«
Dann brach ihre Stimme durch. Esther grüßt lieben Paul … sechsundsechzig …neunzehn …
»Heißt das, dass du neunzehnhundertsechsundsechzig gelebt hast?«, fragte er.
Tot in sechsundsechzig ja, neunzehnhundert … Esther sehr traurig … lieber Paul …
»Du bist also neunzehnhundertsechsundsechzig gestorben, Esther?«
Ja … stimmt …
Pauls Herz schlug schneller. Das war ein Dialogexperiment, eine sofortige direkte Antwort auf seine Frage. Er fühlte, wie sein Blut in Wallung geriet, er schaute immer wieder auf das Tonbandgerät, ob es auch wirklich lief und alles aufnahm. Das war wahnsinnig wichtig. »Warum bist du traurig, Esther?«, fragte er weiter.
Meine Kinder … Heiner und Lore … traurig, so traurig …
Dann brach die Verbindung ab. Er spulte zurück und hörte sich alles noch einmal an, so als könne er immer noch nicht begreifen, was er soeben erlebt hatte. Es war ihm, als habe er mit einer Esther telefoniert!
Der Tee war kalt geworden. Er stand auf und ging auf die Toilette. Er schaute in den Spiegel und sah sein leicht erstauntes, fragendes Gesicht. Er würde nach Eltville fahren und im Einwohnermeldeamt versuchen herauszukriegen, was mit Esther war.
Er ging nach oben ins Bett. Klara schlief tief und fest. Er würde morgen weiter einspielen.
Am anderen Abend ging es weiter. Er konnte es gar nicht abwarten, bis die Läden geschlossen und er seine Informationen über die Umsätze hatte. Er begrüßte schnell seine Frau, zog seine Jacke aus und eilte in sein Arbeitszimmer. Klara kam sofort hinterher. »Was ist los, Liebling? Willst du nichts zu essen haben?«
»Später. Ich bin sehr aufgeregt, ich hatte gestern Abend übers Radio eingespielt und Esthers Stimme klar und deutlich gehört, und längere Sätze als sonst.«
»Und?«, fragte sie verwundert.
»Es war das erste Dialogexperiment, verstehst du? Ich saß da und stellte meine Fragen und sie antwortete; so als würden wir uns gegenübersitzen, oder telefonieren«, sagte er.
»… und was weiter?«
»Sie ist neunzehnhundertsechsundsechzig gestorben. Wann genau, muss ich noch herauskriegen. Sie sagte etwas über ihre Kinder, Heiner und Lore. Und dass sie sehr traurig ist.«
Klara blieb eine Weile neben ihm sitzen, schien alles zu überdenken. Dann kehrte sie selbst zu den irdischen Bedürfnissen zurück.
»Ich habe nichts Warmes gemacht, nur ein paar Sandwiches. Die kannst du ja hier nebenbei essen«, schlug sie vor.
Er nickte, und Klara brachte sie und seinen Tee.
»Wenn du willst, kannst du hier bleiben. Es wird spannend.«
»Nein, danke. Ich bin noch nicht so weit.« Dann ging sie aus dem Arbeitszimmer.
Er schaltete das Radio ein, hörte das schwache Rauschen zwischen den Sendern, stellte das Mikrophon zwischen Radio und Tonband, steuerte hoch aus, drückte auf Aufnahme und begrüßte seine Freunde, wollte mit Esther sprechen.
Esther grüßt dich … kam es sofort singend aus dem Radio. Eine klare und sehr deutliche Stimme.
»Esther, erzähl mir, in welchem Monat du gestorben bist und erzähl von deiner Traurigkeit«, sprach er. Sekunden vergingen, das Rauschen und Wabern und andere Geräusche erfüllten den Raum, dann brach wieder ihre Stimme durch. Esther … gestorben elften April ... sehr traurig wegen meiner Kinder.
Sein Herzschlag setzte für Bruchteile von Sekunden aus. Selbst die Tasse Tee vibrierte, als er sie zum Munde führte.
Elfter April neunzehnhundertsechsundsechzig, dieser Gedanke ergriff ihn sehr emotional. Und plötzlich wieder ihre Stimme: Paul sehr aufgeregt …! Sie empfing seine Gefühle.
Gedanken bedeuten sprechen, sprechen!
»Und was ist mit deinen Kindern?«, fragte er weiter.
Die Antwort war erschütternd, Esthers Stimme schien ihn wie verzerrt zu erreichen. Hammermörder.
Dann brach die Verbindung total ab. Paul spulte zurück, notierte die Daten und lehnte sich in seinem Sessel zurück, wartete, bis er sich entspannt hatte. Dann bat er, Klara hereinzukommen.
»Du bist blass«, sagte sie und setzte sich. »Was ist los?«
Die Sandwiches hatte er nicht angerührt, die Teekanne war noch voll.
»Ich muss es dir nicht vorspielen, Schatz, ich sag es dir einfach. Esther Reschke ist am elften April neunzehnhundertsechsundsechzig gestorben. Dann sagte sie wieder, wie traurig sie ist oder traurig war wegen ihrer Kinder. Ich fragte, was mit ihren Kindern sei. Und krieg` nur eine Antwort: Hammermörder.«
Sie schaute ihn aus großen Augen an.
Nach ein paar Minuten sagte er: »Es könnte bedeuten, dass jemand ihre Kinder mit einem Hammer ermordet hat. Oder was meinst du?«
»Oder sie wurde mit einem Hammer ermordet, und ihre armen Kinder waren ohne Mutter.«
»Ja, könnte auch sein.«
In dem Moment reifte in ihm ein Entschluss. Er hatte Namen, Ort und Zeiten. Und es müsste mit dem Satan zugehen, wenn er nicht herausfinden würde, was damals passierte.
13.
Lothars Tod
Dann rief Klara an.
»Wie geht es ihr?«, fragte er.
»Ich habe noch mal einen Arzt holen müssen, der ihr eine weitere Beruhigungsspritze gegeben hat. Sie hat herumgeschrien, hat hysterisch getobt, hat nach Lothar gerufen.«
»Das ist schlimm, sehr schlimm für sie«, sagte er, weil ihm nichts anderes einfiel.
»Ja, das ist es. Ich bleibe die Nacht hier, sie schläft jetzt.«
Paul fühlte, wie es Klara belastete, aber Annemarie hatte im Grunde genommen keinen anderen Menschen. Die Menschen sind heutzutage sehr einsam.
Und dann sah er wieder Irmgard vor sich. Sie war auch sehr einsam.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch, versuchte seine Gedanken auf etwas anderes zu lenken und schaute aus dem Fenster.
Er ließ den Gedanken noch nicht an sich herankommen, aber er nahm ihn unterbewusst wahr. Er starrte auf das Tonbandgerät.
Nein, das konnte er nicht tun, das wäre pietätlos!
Aber er musste ja nicht darüber sprechen.
Seine Hände rutschten langsam auf der Glasplatte zum Schaltpult.
Dann nahm er einen Kugelschreiber zur Hand, legte seinen Notizblock vor sich hin und schaltete das Tonbandgerät ein. Er sprach seine Einleitung und bat um Kontakt zu Lothar. Nach drei Minuten hörte er Esthers Stimme: Gute Tasse Tee Paul … dann dieses atmosphärische Rauschen, dann plötzlich eine helle Männerstimme: Totenflüsterer ...ja ja ... Paule …
Obwohl er es ja irgendwie erwartet hatte, zog ein leichter Schauer über seinen Rücken. »Totenflüsterer« hatte ihn Lothar in seinen hämischen Anwandlungen immer genannt.
Viel später wurde ihm so richtig bewusst, was diese Einspielung bedeutete. Es war quasi das Kennwort, der unumstößliche Beweis, dass Lothar als Wesen weiterlebte!
21.
Rolands Gefühle erreichten ein Grad, von dem aus er nicht mehr weiter wusste. Einerseits schien ihm alles wie ein Traum, andererseits war es real, bestätigt durch die Menschen. Er versuchte, das Erlebte in einen Zusammenhang zu bringen. Ein Teil seiner Vergangenheit hatte ihn wieder eingeholt, ein stark gefühlsmäßiger, nicht verarbeiteter Zeitabschnitt tat sich in seinem Innern auf.
Ingrid hatte sich ans Steuer des Ford gesetzt und fuhr durch die Dunkelheit nach Hause. Er saß daneben, seine Augen registrierten die Scheinwerfer des Wagens, die vorbei fliegenden Sträucher und Gebüsche am Straßenrand, die Schatten im Innern des Wagens, die Silhouette seiner Frau. Er war nicht in der Lage, nur einen zusammenhängenden Satz herauszubringen, so tief saß das Erlebte. Sarah hatte sich auf eine schier unglaubliche Weise zwei Mal gemeldet, dann erfuhr er, dass es andere Menschen gab, die ebenfalls Stimmen von Verstorbenen hatten, dann plötzlich traf er die Schwester von Sarah wieder, deren Mann sich auf diesem Gebiet spezialisiert hatte, und für den es schier alltäglich war, diese Stimmen einzuspielen. Und das alles innerhalb weniger Tage.
Zu Hause tranken sie noch ein Glas Rotwein, sprachen noch ein paar Worte über das Thema, über Paul und Klara, bevor sie sich zu Bett begaben.
Als er die Augen schloss, ging ein Vorhang auf und er befand sich im Jahr 1961. Er roch Sarahs Haut, als er sie im Arm hatte, spürte ihren Herzschlag, hörte ihren Atem und fühlte die Wärme ihres Körpers. Er »sah« seine Liebesgefühle, die ihm sein Ego bestätigten, sein Dasein und das Glück des Augenblickes. Er wollte dieses Glück nicht mehr loslassen, für sich, für sie. Jede Minute, jede Szene, jede kleine Geste hatte sich in sein Gedächtnis eingeprägt. Der Sommerabend - das Zirpen der Grillen - die untergehende Sonne - der Duft von gemähtem Gras - der Duft von Essen - der Spaziergang durch die Felder - Sarahs wippende Brüste unter dem Pulli - sein Griff in den Ausschnitt - sein Lachen dabei: »Du hast herrliche Äpplis« – ihre kleinen Geheimnisse – ihre Neugierde vom Leben – ihre Fragen an das Leben.
Er spürte jetzt so richtig, wie stark dieses Mädchen ein Teil seines Lebens geworden war.
Er wälzte sich unruhig hin und her.
Dann stand er leise auf und ging ins Wohnzimmer. Er legte die Kassette ein und hörte diese Stimme, die wie aus weiter Ferne ihm zurief: Saraaaaaaaahhhhh
Was willst du mir sagen? fragte er.
22.
Die Ganzheit des Lebens – ein faszinierender Begriff, die Ganzheit, die alles Erlebte (von der ersten Minute an) in der Seele gespeichert hat und immerwährend speichert. Und mit dieser Ganzheit, so seine Überzeugung, geht der Mensch ins Jenseits. Paul dachte: Ich möchte meine Lebensganzheit begreifen. Ich möchte meine Erinnerungen zu Papier bringen, um sie wieder lebendig werden zu lassen, um sie einzufügen in diese Ganzheit. Ich wache morgens auf, weil ich einen Traum hatte, der auch zur Ganzheit meines Lebens gehört; und ich habe den Traum aufgeschrieben, um ihn zu analysieren. Ich habe einen Gedanken, eine Erkenntnis, die ich sofort aufschreibe, um sie nicht zu vergessen, aber ich weiß, dass sie sich in mein Gedächtnis eingeprägt hat und abgerufen werden kann, wenn ich sie brauche, weil sie scheinbar wichtig war. Wenn ich darüber nachdenke, so ist diese Sekunde in der nächsten Sekunde bereits Vergangenheit – und die Sekunde in der Zukunft ist sofort wieder Vergangenheit, wenn ich sie erreicht habe.
Paul war fasziniert von Henri Bergson (franz. Philosoph und Nobelpreisträger für Literatur 1927)
Nach seiner Auffassung leben Erinnerungen im Gedächtnis weiter und verbinden sich mit den Gedanken der Gegenwart. Im Bewusstsein greift also die Vergangenheit in die Gegenwart ein.
Paul dachte, Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft liegen beieinander, sodass bei genauer Betrachtung eine Dichte entsteht.
So ungefähr könnte das Zeitempfinden da drüben in der anderen Dimension sein. Und dann fiel ihm die Sache mit seiner kleinen Nichte Sybille ein. Esther hatte »gesehen«, dass die Kleine ins Arbeitszimmer rennt und Paul ruft, bevor dies bei ihm hier geschah.
***
Paul saß vor seiner Tonbandmaschine, es war kurz nach elf Uhr abends. Klara war bereits zu Bett gegangen, sie las noch in einem Roman. Neben seinem Notizbuch stand die Tasse Tee, ein zarter chinesischer Grüntee mit der Bezeichnung »Drachentee«. Er begrüßte seine Freunde von drüben, begrüßte Esther und bat um Kontakt. Wie immer achtete er nicht auf die Krähen vor seinem Fenster. Dann flog eine heran und setzte sich auf die Fensterbank und schaute ihn an, ihr Kopf machte ruckartige Bewegungen. Sie putzte sich ihr Gefieder.
Paul hob seinen Kopf und sah das Tier. Und lächelte.
Er ließ das Band fünf Minuten laufen – und dann brach diese Stimme herein, als wolle sie alle Nebengeräusche zerstören. Und tatsächlich schien dieses typische metallische Rauschen in sich zusammenzufallen, war kaum noch hörbar. Er hatte seinen Kopfhörer noch nicht aufgesetzt. Und schon ertönte die Stimme: Kain Mörder Huckepack – Kain Mörder Huckepack – Kain Mörder Huckepack . Paul zuckte so heftig zusammen, als habe man ihm einen Schlag versetzt. Sekunden später riss ihn der Schmerz im Rücken vom Sessel, er wollte ein Hohlkreuz machen, verlor die Balance und fiel seitwärts herunter. Auch der Sessel kippte um und polterte auf den Boden. Der Schmerz im Rücken war schlimmer als der Aufprall auf dem Boden. Es war das erste Mal, dass er seinen Schmerz nicht mehr mit zusammengebissenen Zähnen beherrschen konnte, er musste ihn herausbrüllen. Er stieß einen entsetzlichen Schrei aus, der in ein Stöhnen überging.
Klara sprang sofort aus dem Bett, ihr Buch fiel zu Boden, und sie rannte und stolperte die Treppen herunter in Richtung seines Arbeitszimmers. Sie hörte auf dem Flur immer wieder sein Stöhnen, und als sie im Zimmer war, hörte sie die Stimme aus dem Lautsprecher: Kain Mörder Huckepack – Kain Mörder Huckepack – Kain Mörder Huckepack wie eine Schallplatte, die hing. Sie sah Paul auf dem Boden liegen, beugte sich zu ihm herunter.
»Paul – Liebling – oh Gott«, rief sie.
Und dann war der Schmerz vorbei. Er klammerte sich an ihre Hände und zog sich wieder hoch. Dann schüttelte er den Kopf und begann zu fluchen, wie ihn Klara noch nie hatte fluchen hören. »Das kann doch nicht wahr sein, dieser verfluchte Bastard, dieser gottverdammte Kretin, dieses kleine Arschloch.« Er stellte zornig den Sessel wieder auf die Räder und setzte sich an den Tisch und drückte auf Stopp. Schweiß lief ihm aus allen Poren, seine Hände zitterten, sein Gesicht war puterrot, Zornesadern schwellten auf seiner Stirn an, sein Atem ging hastig, sein Herz trommelte gegen den Brustkorb.
Klara schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht mehr, Paul. Das ist alles nicht mehr normal. Du musst was unternehmen. Du musst mit den Stimmen aufhören.«
Er drehte sich zu ihr um. »Ist das alles, was du mir vorschlagen kannst?«
Sie nickte. »Ich weiß nicht, wer das ist, dieser Kobold, und was er will. Aber er macht dich fertig.«
34.
Zur selben Zeit saß Paul im Wohnzimmer vor dem Fernseher und schaute sich einen amerikanischen Spielfilm an, auf den er sich aber nicht richtig konzentrieren konnte. Er hatte seit Tagen keine Einspielungen mehr gemacht, er hatte schlichtweg Angst. Und Klara fehlte ihm sehr. Er hatte sie gestern Abend angerufen, aber sie blieb bedeckt und wollte noch etwas Zeit. Sein ambivalentes Gefühlsleben machte sich in Form von Schuldgefühlen wieder stark bemerkbar; hinzu kamen erneut Ängste um das Leben von Irmgard, die sich auch zurückgezogen hatte.
Er trank noch ein Glas Rotwein, entkleidete und wusch sich, zog seinen Pyjama an und ging ins Bett.
In der Nacht passierte es.
Zuerst verspürte er Angst. Es war kurz nach drei Uhr nachts und er glaubte, etwas gehört zu haben; eine Stimme, ein Flüstern, Konsonanten, Vokale. Dann meinte er, einen Hauch von Bewegung am rechten Ohr zu spüren. Seine Nackenhaare richteten sich auf. Sein Puls raste. Aus Konsonanten und Vokalen wurden Worte, zusammen gepresst, langsam ausgestoßen, jede Silbe betonend. Dann hörte er Geräusche von der Straße, ein vorbeifahrendes Auto.
Dann ein Flügelschlag auf der Fensterbank. Er öffnete halb die Augen und sah eine große schwarze Krähe, die ihn anschaute und den Schnabel bewegte.
Dann drangen die Worte in seine Ohren, Adrenalin schoss in sein Blut, als jedes Wort langsam von seinem Gehirn aufgenommen wurde:
Du hast mich getötet … Mörder Huckepack … Kain, wo ist dein Bruder Abel.
Die Härchen an seinen Armen standen zu Berge.
Dann kam der Schmerz in seinem Rücken, der länger anhielt als sonst. Plötzlich wurde ihm klar, alleine im Haus zu sein. Dann schrie er, so laut er konnte, es war ein Schrei vom Schmerz und ein Schrei des Entsetzens. Er bäumte sich auf, Schweiß stand auf seiner Stirn, drang aus allen Poren. Er zappelte mit den Beinen, schlug mit den Händen auf die Bettkante, dass die Knöchel zu bluten begannen.
Mit einem Mal war der Schmerz weg, die Krähe flog von der Fensterbank in Richtung Garten. Dann sprang er aus dem Bett und schaute sich impulsiv im Zimmer um, schaute unters Bett, schaute hinter den Schrank, dann lief er ins Bad, zog seinen verschwitzten Pyjama aus, stellte sich nackt vor den Spiegel, blickte in ein vor Entsetzen angstvolles Gesicht, fuhr sich mit den Händen durch das Haar, betrachtete sich, bemerkte die blutenden Knöchel. Dann stieg er in die Dusche. Während das Wasser an seinem zitternden Körper herunter floss, kamen die Schuldgefühle, die sich wie Speerspitzen in seine Seele bohrten, ohne dass er wusste, warum. Erst viel später, gegen Morgen, er fand keinen Schlaf mehr, wurde ihm etwas klar: Kain, wo ist dein Bruder Abel … Altes Testament, Buch Genesis 4 … Bruder … Bruder … sollte er außer Gustav noch einen Bruder haben? Aber wo ist er, und warum soll er ihn getötet haben? Etwas anderes konnte dieser Vorwurf ja nicht sein.
Du hast mich getötet … Mörder Huckepack … Kain wo ist dein Bruder Abel.
Die Worte waren so erschreckend deutlich, dass er jetzt wirklich nicht mehr wusste, was das alles zu bedeuten hatte, und dass er Hilfe von außen brauchte. Oder ob alles Einbildung war heute Nacht. Aber die Wunden an den Knöcheln waren noch da.
35.
Von der Küche her hörten sie Gustav. Der kam herein und begrüßte Paul und Klara, aber sein Gesichtsausdruck verriet äußersten Missmut, die Melancholie in seinen Augen war verschwunden. Dann nahm er ihnen gegenüber Platz. »Ich bereue es, dass ich die Verteidigung übernommen habe«, eröffnete er das Gespräch. »Rimbold hatte das überzeugendste Argument, nämlich Geld, aber ich muss mit meinen Emotionen klarkommen. Das Gericht hat eine Kaution von fünfhunderttausend Mark festgesetzt und dieser ... verdammte reiche Balg läuft draußen herum.«
»Marvin Unger!«, sagte Paul. Gustav nickte. »Hier in meinen vier Wänden kann ich denken und sagen, wie mir zumute ist. Scheiß auf den Grundsatz, dass einer erst schuldig ist, wenn ihn das Gericht für schuldig erklärt, ich spüre es, er ist der Schänder und Mörder der kleinen Inge. Das ist ein hochnäsiger perverser Rotzlöffel, hat keinerlei Schuldgefühle und sonnt sich unter dem Namen seines Alten. Fühlt sich sicher, weil ich Anwalt der bekannten Kanzlei Rimbold, Fischer und Klein bin. Der Alte tanzt alle zwei Tage in der Kanzlei an und setzt uns unter Druck, sein Name, seine Reputation, sein Leben, bla bla bla. Bietet noch mehr Geld, wenn wir einen Freispruch erreichen, notfalls auch einen zweiter Klasse, also aus Mangel an Beweisen. Gott, kotzt der Typ mich auch an. Ich fühle mich elend, wenn ich mit dem Jungen rede. Ich fühle mich elend, wenn ich sein Bild in der Zeitung sehe. Ich hab manchmal Alpträume, unsere Sybille würde auf einem Parkplatz der Autobahn Richtung Süden gefunden werden und dieser Typ würde dastehen und mich anlächeln. Und wenn ich ihn in unserer Kanzlei auf den Prozess vorbereite, stehen mir alle Haare zu Berge. Ich muss noch gute Miete zum bösen Spiel machen. Wie mich das alles ankotzt, verdammt noch mal.
Die Presse schlachtet das alles wunderbar aus. Ein Reporter von der Regenbogenpresse fragte mich, wie ich mich als Anwalt eines mutmaßlichen Kinderschänders und Mörders fühle, und ich gab ihm die stupide Antwort, dass jeder ein Recht auf Verteidigung hat.«
»Ich habe die Beerdigung der kleinen Inge im Fernsehen gesehen«, sagte Klara und goss sich ein Glas Wasser ein. »Grauenhaft«, warf Sieglinde ein, einfach grauenhaft.
»Und die Mutter Isolde Kämpf und die kleine Schwester Annika am Sarg.«
»Was ist mit dem Vater?«
»Der ist vor Jahren abgehauen, der Mistkerl. Hat das Weite gesucht.«
39.
»Jetzt etwas anderes, Dietrich. Ich möchte, dass wir beide gemeinsam die Stimme eines Kindes einspielen, das am zweiten November vorigen Jahres ermordet wurde.«
Dietrich wollte gerade sein Glas anheben, als er zusammenzuckte und Paul mit fragenden Blicken anschaute. »Ja?«
»Die kleine Inge Kämpf, zehn Jahre alt, wurde entführt, während ihre Mutter für ein paar Minuten in einen Supermarkt ging. Sie nahm ihre beiden Töchter Inge und Annika nicht mit, weil sie immer wieder quengelten. Gegen vierzehn Uhr fuhr der junge Marvin Unger mit seinem Mercedes heran und zerrte die kleine Inge ins Auto und fuhr weg. Ein Rentner, ein Herr David Silbermann, hat das gesehen und sich das Nummernschild des Mercedes gemerkt und die Polizei verständigt. Die trafen in seiner Wohnung am Lerchesberg niemanden an, Marvin Unger war nicht da. Zwei Tage später taucht er auf und bestreitet bei der Vernehmung, mit der Sache zu tun zu haben. Er wäre in Freiburg bei einer Freundin gewesen. Das Mädchen bestätigt erst sein Alibi, fällt aber später um, weil der leitende Beamte ihr nicht glaubt. Mitte November findet man die Leiche des Kindes auf einem Parkplatz auf der B 26 zwischen Dieburg und Darmstadt. Der Obduktionsbericht bestätigt eine Vergewaltigung. Der Staatsanwalt klagt ihn an. Der Vater stellt eine Kaution von einer halben Million und der Knabe läuft frei herum. In drei Wochen ist der Gerichtstermin. Der Vater ist Jakob Unger, Vorstands-Chef der Europäischen Bank in Frankfurt.«
»Ich habe es auch verfolgt. Und warum interessiert dich dieser Fall so?« Jetzt trank er einen Schluck.
»Der Strafverteidiger ist mein Bruder, Gustav Klein.«
»Oh Gott …«
»Ja, da hast du recht. Oh Gott sagt der auch, denn er hat wahnsinnige emotionale Schwierigkeiten, einen Kindesmörder zu verteidigen, weil seine Tochter Sybille vier Jahre alt ist. Aber die Kanzlei, in der er arbeitet, hat ihm den Fall zugeschustert. Frag mich nicht, warum.«
»Geld!«
»Klar. Die brauchen Geld. Und der Vorstands-Chef der Europäischen Bank zahlt jeden Preis, damit seine Reputation gewahrt bleibt und sein Sohn nicht verurteilt wird.«
Dietrich nickte. »Wenn wir die Kleine aufs Band kriegen und sie uns was sagen kann, weiß dein Bruder die Wahrheit.«
»Genau.«
»Er hätte dann eine innere Entscheidungshilfe, wenn die Kleine uns etwas mitteilt, mehr auch nicht. Das ist klar.«
»Verdammt schwierig für deinen Bruder. Weiß er, was du vorhast?«
»Nein. Wir hatten schon einmal einen ähnlichen Fall. Unser Mitglied Jochen Brahms musste als Arzt die junge Susanne Dembrecht identifizieren, die brutal ermordet wurde. Sie war auch noch seine Patientin. Er spielte übers Tonband ein und fragte, ob sie ihren Mörder nennen könne. Sie tat es; und wenig später wurde ein gewisser Gotthard Dimmer gefasst, der auch den Mord an ihr gestand.«
Dietrich fühlte sich geschmeichelt, dass er jetzt mit Paul so eng zusammenarbeiten kann. Und er merkte sich, dass Pauls Bruder ein anerkannter Strafverteidiger ist.
Sie verabschiedeten sich. Gleich am nächsten Tag wollten sie an die Arbeit gehen.
***
Dietrich hatte wohl gemerkt, dass es zwischen Paul und Irmgard einen Riss gab. Er beließ es dabei, rechnete sich dadurch Chancen aus.
Ein älterer Mann suchte die Originalfassung von Kafkas »Der Prozess«.
Heute Abend würden Paul und er versuchen, die kleine Inge aufs Band zu kriegen.
Gegen Mittag ging er wieder in die Cafeteria auf der Zeil, um etwas zu essen und in der heimlichen Hoffnung, dort Irmgard wieder zu sehen.
Der Nachmittag brachte ein paar Kunden mehr als am Vortag.
Wieder dachte er daran, Irmgard anzurufen, aber er zögerte.
Gegen zwanzig Uhr traf er in Nidderau ein. Paul begrüßte ihn und bat ihn in sein Arbeitszimmer. Klara kam aus der Küche und begrüßte Dietrich. »Ich habe Tee gemacht für euch beide.« Dann brachte sie das Tablett mit der Kanne und zwei Tassen und stellte es auf einen kleinen Beistelltisch. »Ich bin mal gespannt, ob ihr Glück habt«, sagte sie und ging ins Wohnzimmer.
Paul schaltete seine Philips Tonbandmaschine N 4418 und das Radio ein.
Er suchte auf dem Radio auf der Skala zwischen Wien und Moskau jenen berühmten Brauseton, der ihm signalisierte, auf der richten Frequenz zu sein. Dann sprach er ins Mikrophon seine Begrüßungsworte: »Nidderau, heute ist der fünfzehnte Februar neunzehnhunderteinundachtzig, einundzwanzig Uhr sechs. Paul und Dietrich Holänder begrüßen Esther.« Er wartete einen Moment, damit sich seine Kontaktperson manifestieren konnte. Es gab Tage, da geschah gar nichts. Paul und Dietrich hörten gespannt auf die Geräusche. Der Brauseton kam und verschwand wieder, dann hörten sie dieses Wabern, dann wieder das Brausen, mal laut, mal etwas leiser. Es dauerte ziemlich lange, bis sich Esther meldete: Paule ... gute Zeit ... Dietrich erschrak, Paul nickte ihm zu. »Das ist gut, Esther sagt es, also wird es funktionieren«, flüsterte er ihm zu. Ich werde mich für die Botschaft bedanken, dachte Paul.
Schnell konzentrierte er sich wieder auf Esther. »Kann ich Kontakt kriegen mit einem kleinen Mädchen namens Inge Kämpf, die im November ermordet wurde?«
Dietrich lief es kalt den Rücken herunter. Kontakt kriegen mit einem kleinen Mädchen namens Inge, die im November ermordet wurde? Er schüttelte leicht den Kopf. Dieses kleine Mädchen, dessen Körper von einem brutalen Perversen vergewaltigt und dann erwürgt und dann weggeschmissen wurde, sollte jetzt etwas sagen.
Paul sah das Kopfschütteln. So ging es ihm am Anfang auch, aber die Erfahrungen und Ergebnisse seiner Experimente und die der beiden Avantgardisten, und die Erfahrungen der vielen anderen ließen kaum einen Zweifel offen. Die Seele ist das Essenzielle des Menschen, war die Theorie großer Denker und auch seine. Warum will also in der Mythologie der Teufel die Seele haben und nicht den Körper! Ein klassisches Beispiel war der »Faust« von Goethe.
Die Spannung wuchs. Beide starrten auf die sich drehenden Spulen. Aber es kam nichts mehr, der Brauseton wurde immer schwächer.
»Wir müssen Geduld haben«, sagte Paul. Vielleicht ist es noch zu früh. Versuchen wir es gegen Mitternacht noch einmal.«
***
Die drei gingen auf die Terrasse und atmeten die kalte Nachtluft ein. Der Himmel war klar. »Wir müssen uns etwas gedulden. Nachts sind die Chancen viel größer als abends.«
Sie gingen hinein, es wurde dann doch zu kalt. Die beiden Männer setzten sich wieder vor das Tonbandgerät. Klara wurde jetzt auch neugierig und setzte sich dazu.
Paul schaltete es erneut ein. »Hallo…hier ist nochmals Paul und Dietrich und Klara, ich grüße wieder Esther.«
Im nächsten Moment kam eine ganz klare, junge rufende Stimme aus dem Lautsprecher, sodass alle drei erschraken. Mama … Inge … Mama … Dann hörten sie nur noch dieses Wabern und den leisen Brauseton.
»Mein Gott, wir haben ihre Stimme …«, sagte Dietrich und sein Herz schlug heftig.
»Wir wissen es noch nicht genau«, stoppte Paul den leisen Enthusiasmus des Freundes.
»Aber das ist ja die Stimme der kleinen Inge.«
»Ja. Natürlich. Warten wir es ab.«
Dietrich hatte noch nie die Stimme eines verstorbenen Kindes gehört. Paul hatte außer Sarah einige Stimmen von Kindern auf den Bändern. Sie waren teilweise sehr fröhlich. Einmal sagte er ins Mikrophon, er habe die Botschaft nicht richtig verstanden; daraufhin kam eine laute und im hessischen Dialekt gesprochene Stimme eines Kindes: Ohr`n uff! übersetzt: Ohren auf!
Es passierte nichts mehr. Um Mitternacht gaben sie auf, und vereinbarten, am nächsten Abend weiterzumachen. Immerhin hatte Esther dafür gesorgt, dass die Kleine zumindest drei Worte sagte. Das war viel für eine Tote, die erst so kurz im Jenseits war.
Copyright © 2009 by Dietmar Kottisch
Siehe auch HIER (Mythen & Wirklichkeiten)
und Leseprobe I
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