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Spannungswelten

»Der Totenflüsterer« oder »Die Stimme«

Exposé und Leseprobe eines Psychothrillers
von Dietmar Kottisch

Das Exposé

Paul Klein (36, Kaufmann) beschäftigte sich seit 9 Jahren mit einem Phänomen, das als Tonbandstimmen-Forschung (oder Transkommuni-kation) weltweit bekannt ist; in vielen Ländern gibt es Tonbandstimmen-Vereine.
Das Phänomen wurde 1959 entdeckt, als der Schwede Friedrich Jürgenson und 1965 der Lette Konstantin Raudive auf ihrem Tonband plötzlich Stimmen von Verstorbenen hörten.

Paul Klein spielte seit 9 Jahren Botschaften von vielen Verstorbenen ein. Er hatte eine Kontaktperson im Jenseits, Esther, die eine sehr wichtige Rolle spielte.
Er hatte seit dem 6. Lebensjahr sporadisch immer denselben Alptraum: er sah ein totes Babygesicht, das plötzlich die Augen öffnet und sich zu einem hässlichen Zerrbild verwandelt.
Im Oktober 1980 jedoch hörte er eine erschreckende Botschaft, die zunächst aus nur 2 Worten bestand: Mörder Huckepack.

Es geschah unerwartet. Es war Montag, der 20.Oktober um 22:10 Uhr.
Er hatte seine üblichen Einleitungsworte gesprochen: »Ich begrüße euch, heute ist Montag, der zwanzigste Oktober neunzehnhundertachtzig. Ich bitte um Kontakt. Ich begrüße Esther; vielleicht kann ich einen Verwandten von mir sprechen.«
Paul saß vor seinem Tonbandgerät. Konzentriert lauschte er in die Kopfhörer.
Klara hatte sich hingelegt, weil sie sich nicht wohl fühlte.
Auf dem Strommast draußen saßen nebeneinander ungefähr zweihundert schwarze Krähen. Die Tiere schienen alle in sein Fenster zu schauen. Einige putzten sich, andere wedelten mit ihren Flügeln, aber die meisten schienen sich nicht zu bewegen.
Er sah sie durch das Licht der Straßenlaternen.
Eine Tasse kaltgewordener Tee stand links auf seinem großen Schreibtisch.
Ein paar weiße Wolkenfetzen, bestrahlt vom hellen Vollmond, zogen lautlos vorbei. Im ganzen Haus war es still.
Die Stimme kam aus einer endlosen Weite und war doch so nah, als wäre die Person im selben Zimmer. Er hörte die zwei Worte: »Mörder - Huckepack«.
Paul erschrak, zuckte zusammen, riss den Kopfhörer herunter und stand blitzschnell vom Stuhl auf. Im selben Moment spürte er einen Schmerz im Rücken, als bohre im jemand ein glühendes Eisen tief in die Haut. Mit der linken Hand warf er die Teetasse um. Er stand da und starrte auf die sich drehenden Spulen. Das Adrenalin raste durch seine Adern. Sein Herz hämmerte gegen den Brustkorb. Die rechte Hand fuhr nach hinten zu seinem Rücken. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er das Band stoppte.
Dann setzte er sich wieder auf den Stuhl, atmete hastig. Der kalte Tee bildete eine Pfütze neben seinem Notizbuch. Allmählich normalisierten sich seine Körperfunktionen wieder. Er drehte sich zur Türe um, als habe er ein Geräusch vom Flur her gehört. Aber dort war nichts. Aus der Küche kam das gleichmäßige Ticken der Uhr. Aus dem Wohnzimmer kamen keine Geräusche.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Das war der Beginn einer dramatischen Entwicklung in seinem Leben.
Sämtliche Personen in seinem Bekanntenkreis wurden von dieser mysteriösen Stimme psycho-terrorisiert:

  • Seine Frau Klara, die dem Phänomen erst skeptisch gegenüberstand, aber dann die Stimme ihrer kleinen Schwester Sarah auf Pauls Tonband hörte. Sarah ertrank 1961 mit 14 Jahren im Kahler See.
  • Roland Hofmann, der Jugendfreund der kleinen Sarah. Hofmann arbeitete beim Hessischen Rundfunk in der Hörspielabteilung. Dort hatte sich plötzlich während einer Hörspielaufnahme diese Sarah gemeldet.
  • Die gemeinsamen Freunde Lothar und Annemarie Eskins. Lothar, der Skeptiker, nannte Paul sarkastisch »Totenflüsterer«. Er wurde im Dezember 1980 bei einem Banküberfall ermordet und hat sich danach auf Pauls Tonband wieder gemeldet.
  • Der Buchhändler Dietrich Holänder, der erstmals über Pauls Tonband Verbindung mit seiner verstorbenen Frau aufnahm. Holänder wurde als Kind im Jahre 1942 von seinen Pflegeeltern sexuell misshandelt. Er brachte sie später um und wollte aus diesem Grund Kontakt zu ihnen aufnehmen.
  • Irmgard Kowalski, ein Mitglied des Tonbandstimmenvereins. Es entwickelte sich eine bizarre Liebesbeziehung zwischen ihr und Paul Klein. Die Entwicklung dieser Beziehung führte letzten Endes zur Aufklärung der mysteriösen Stimme.
  • Pauls Bruder, der Rechtsanwalt Gustav Klein. Er war nicht in der Lage, die Verteidigung des Kinderschänders und Mörders der kleinen Inge Kämpf zu übernehmen, weil Paul die Stimme der kleinen Inge einspielte und … sie übers Tonband Informationen ihres Mörder bekanntgab.
  • Gustavs Lebensgefährtin, die Psychologin Sieglinde Braun. Sie hörte plötzlich während einer Therapiesitzung, wie ihr Patient »Mörder-Huckepack« rief. Sie versuchte, die Fäden zusammenzuknüpfen, die Botschaften richtig zu deuten, kam aber auch nicht zu einem Ergebnis.
  • Esther, die Kontaktperson für Paul Klein. Sie starb 1966 in Eltville am Rhein. Sie hatte früher ein sehr leidvolles, schicksalhaftes Leben. Esther meldete sich fast immer, wenn Paul sein Tonbandgerät einschaltete und um Kontakt bat. Zur Aufklärung der mysteriösen Stimme gab sie entscheidende Hinweise

Dieser Psychoterror nahm für alle Beteiligten immer krassere Formen an. Keiner konnte sich erklären, woher diese mysteriöse Stimme kam. Eine hypnotische Rückführung brachte Paul Klein sogar bis an seine Anfänge im Mutterleib. Allmählich kristallisierte sich heraus, dass die Stimme mit der frühesten Kindheit Pauls zusammenhing.

Bis im März 1981 etwas geschah …

Die Leseprobe

»Es gibt mehr Ding` im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumen lässt.«
Aus: William Shakespeare, Hamlet

»Angst vor der Metaphysik ist eine Krankheit der gegenwärtigen Philosophie«
Albert Einstein

Prolog

Es ist ein Phänomen, dass sich Verstorbene aus dem Jenseits melden, wenn Lebende daran interessiert sind, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.
Im Jahre 1959 nahm der schwedische Maler, Archäologe und Sänger Friedrich Jürgenson (1903 – 1987) in seinem Garten Vogelstimmen auf ein Tonbandgerät auf. Als er das Band abspielte, hörte er seltsamerweise Stimmen von Verstorbenen. Er begann der Sache nachzugehen und experimentierte fortan mit seinem Tonbandgerät, machte weitere Aufnahmen und stellte fest, dass es wirklich die Stimmen seiner verstorbenen Verwandten und anderer Verstorbener waren.
1967 erschien sein Buch »Sprechfunk mit Verstorbenen«.

Dieselben Experimente machte der Lette Konstantin Raudive (1909 – 1974) Psychologieprofessor und Student von C.G. Jung. Auch er nahm ab 1965 die Stimmen von verstorbenen Menschen auf Tonband auf.
Dr. Raudive war ein Sprachgenie, er sprach lettisch, russisch, französisch, spanisch, deutsch, schwedisch und lateinisch. 1969 erschien sein Buch »Unhörbares wird hörbar« auf der Frankfurter Buchmesse. Seine Einspielungen wurden von 2 wissenschaftlichen englischen Gremien untersucht und für paranormal erklärt: Angesichts der Ergebnisse der Tests findet etwas statt, was wir mit unseren normalen physikalischen Begriffen nicht erklären können. Die Stimmen waren Fakten, die Interpretationen blieben offen, waren nicht erklärbar. Betrug wurde durch die Tests ausgeschlossen.
In der Zwischenzeit hatte sich dieses Phänomen in alle Welt verbreitet, es gab Vereine und Interessengemeinschaften.
Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: man nehme ein Tonbandgerät, steuere die Aufnahme sehr hoch aus, setze das Mikrophon einen Meter vom Gerät entfernt und drücke auf den Aufnahmeknopf. In den meisten Fällen wird so ein Experiment mit Fragen eingeleitet, und es dauert nicht lange, da kann man nach dem Zurückspulen und Abhören Stimmen hören, die sich auf die Fragen beziehen.
Die Stimmen kommen teilweise leise oder laut, schnell oder langsam, singend oder sprechend, von metallischen Geräuschen begleitet oder in polyglotter Sprache durch. Sie bringen auch Emotionen zum Ausdruck: Hass, Zorn oder Liebe. Als damals in den 70er Jahren die Deutsche Bundespost in Schweden war und über die Einspielungen im Fernsehen berichtete, trat ein weiteres Phänomen zu Tage. Wenn Jürgenson das Bandgerät rückwärts laufen ließ, enthielt es vollkommen andere Nachrichten als beim Vorlauf. Und wenn er das Band mit einer anderen Geschwindigkeit abspielte, kamen wiederum ganz andere Nachrichten. Die Stimmen sagen: Gedanken bedeuten Sprechen, das heißt, dass der Gedanke als elektromagnetischer Impuls bereits »drüben« ankommt, bevor der Inhalt ins Mikrophon gesprochen wird. Insofern erhalten einige Experimentatoren schon die Antworten, bevor sie die Fragen gestellt haben.

1.

Oktober 1980
Klara stand in der Küche und kochte eines von Pauls Lieblingsgerichten: Irish Stew. Sie hatte zu lange an der Türschwelle zum Arbeitszimmer gestanden, in dem sich ihr Mann Paul befand. Mit ängstlichem Herzklopfen und einer widerwilligen Miene verfolgte sie, was da vor sich ging.
Sie hörte kratzende Geräusche und Stimmfetzen und dann die konzentrierte Stimme ihres Mannes.
Sie bekam jedesmal Zustände, wenn Paul sich zurückzog, und hatte panische Angst, denn da passierte etwas, was sie mit ihrem Verstand nicht mehr fassen konnte.
Der redet mit Toten!
Und Paul hatte keine Angst. Er konnte zwar verstehen, dass seine Frau und andere Menschen panisch und ängstlich reagierten, wenn sie davon hörten, dass Tote sprechen, aber er konnte diese Angstgefühle nicht nachempfinden. Für ihn war die Entdeckung erst eine Sensation, die sich im Laufe der Zeit quasi zu einer Besessenheit steigerte. Seine damalige Verlobte Anne meinte eines Tages »... es wäre Leichenschändung, sich mit dir zu beschäftigen ...« – und gab ihm den Laufpass.
Paul war einen Meter siebzig groß, schlank, hatte ein ovales Gesicht mit hoher Stirne. Seine brünetten Haare waren leicht zerzaust, die blaugrauen Augen strahlten so etwas wie Optimismus und Aufmerksamkeit aus.

Sie verteilte das dampfende Gericht mit dem Lammfleisch und den Kartoffeln auf 2 Teller und ging in sein Arbeitszimmer, das sich vom Eingang her auf der linken Seite hinter der Garderobe und dem Gäste-WC befand.
Paul saß wie immer vor seinem Schreibtisch. Die beiden großen Kopfhörer verdeckten seine Ohren, er starrte konzentriert auf das Tonband und die beiden sich drehenden Spulen. Als sie ihm auf die Schulter tippte, zuckte er leicht zusammen und nahm die Kopfhörer ab.
»Das Essen ist fertig!«
Er verließ sein Arbeitszimmer und ging über den kleinen Flur nach rechts ins Esszimmer.

Als er das Gesicht seiner Frau sah, legte er seine Gabel hin: »Klara, du brauchst wirklich keine Angst zu haben. Ich weiß, was ich seit vielen Jahren mache.«
Klara mit ihrer einen Meter achtundsechzig großen Statur war etwas füllig um die Hüften. Ihr Gesicht, umrahmt von ihren blonden, wuscheligen, schulterlangen Haaren, zeigte eine versteckte Ängstlichkeit, ihre blauen Augen wanderten unstet hin und her.
Ihre vollen Lippen über dem etwas vorspringen Kinn harmonierten mit ihrer schönen, geraden Nase. Die zwei Grübchen an den Wangen links und rechts wirkten sehr sympathisch.
Sie schaute ihn mit großen Augen an: »Aber ich habe Angst. Und ich weiß nicht, ob dir klar ist, was du da machst. Du sitzt in deinem Zimmer und redest mit den Toten! Das muss man sich mal vor Augen halten, Paul. Egal, was dieser Schwede entdeckt hat.« Sie musste sich beherrschen, dass sie nicht wieder wütend wurde.
Er legte seine Hand um ihre Schulter. »Mich fasziniert das. Es ist ein nachvollziehbarer Beweis, dass der Mensch nach seinem Tode, seinem körperlichen Tod wohlgemerkt, in irgendeiner Form oder Sphäre oder Dimension weiterlebt; und zwar irgendwie bewusst. Die Erlebnisse in seinem Leben sind gespeichert und er kann sie uns mitteilen. Das ist eine Sensation, Klara, es verändert unser gesamtes Denkschema.«
»Es ist ja schön, dass du nicht oberflächlich denkst, aber das hier ... nein danke, mit den Toten reden, oh Gott!«
Er nahm seine Gabel wieder auf und hielt sie in der Hand. »Ich kann dir jetzt was beweisen.«
Sie hatte noch keinen Bissen gegessen, trank nur einen Schluck Wasser und schaute ihn entgeistert an. »Beweisen? Was willst du mir beweisen, Paul? Du weißt, was ich davon halte.«
Er überlegte eine Weile, ob er es ihr sagen sollte. Er fragte sich nicht, ob es wie ein Schock wirken wird, vielmehr, wie groß der Schock sein wird. Wie wird sie über das, was ich ihr jetzt sage, hinwegkommen? Wird sie ihm dann glauben?
Sie starrte ihn lange an, er konnte nicht mehr zurück.
»Gestern kam sie herein, die Stimme von Sarah.«
Erst zitterten ihre Hände, dann ihr ganzer Körper, ihr lief es kalt den Rücken herunter. Sie schüttelte den Kopf. »Sag so etwas nicht, Paul, bitte nicht!« Dann sprang sie auf und rannte aus dem Esszimmer.
Er hörte sie schluchzend die Treppen hoch laufen, dann hörte er die Schlafzimmertür zuschlagen. Sein Herz begann zu klopfen, und schon bereute er es.
Sarah war ihre ein Jahr ältere Schwester, die mit vierzehn in einem See ertrank. Ihr Vater starb kurz danach vor Schmerz, die Mutter erholte sich kaum von diesem Unglück, auch sie folgte ihrem Mann zwei Jahre später ins Grab, weil der Krebs durch dieses Unglück beschleunigt wurde. Noch heute fiel es Klara schwer, darüber zu reden, denn die beiden Schwestern waren ein Herz und eine Seele. Als sie später das Elternhaus verkaufte, stellte Klara fest, dass Sarahs Zimmer seit damals nicht mehr verändert wurde, das Bett blieb so, wie es Sarah an dem Morgen verlassen hatte, die Bettdecke aufgeschlagen, das geblümte Nachthemd hing über der Bettkante, der Stuhl, über dem ihre Kleider hingen, stand immer noch vor dem Tisch, der Schrank war immer noch offen, und drinnen hingen ihre anderen Sachen und standen ihre Schuhe. Das Buch, das sie 1961 gelesen hatte, irgendein »Silvia-Roman«, lag aufgeschlagen am Tischrand. Keiner der beiden Eltern konnte sich mit der Tatsache abfinden, dass ihre ältere Tochter nie mehr wiederkommen wird. Es war so, als wäre die Zeit an diesem Tag stehengeblieben.

Paul stand auf und ging nach oben. Er fand sie auf dem Bett liegend vor. Er setzte sich an den Rand und legte seine Hand auf ihre Schulter und streichelte sie. »Komm, Schatz, komm bitte. Es tut mir leid.«
Die nächste halbe Stunde verbrachten sie beide schweigend, und Klara begann sich wieder zu beruhigen.
Er nahm sie in den Arm und drückte sie an sich. »Es tut mir wirklich leid.«
»Lass uns morgen darüber reden, ja?«, flüsterte sie.
»In Ordnung.«
Das Essen war natürlich kalt, keiner von beiden hatte jetzt noch Hunger.
Sie setzte sich unten ins Wohnzimmer und nahm irgendein Buch zur Hand.
Paul ging wieder in sein Arbeitszimmer.
Klara konnte sich nicht konzentrieren. Diese Botschaft ihres Mannes ging ihr nicht aus dem Kopf. Natürlich hatte auch sie sich seit einiger Zeit Gedanken gemacht. Sie wusste, dass Paul in einem Interessenverein für Tonbandstimmen war. Die Männer und Frauen diskutierten über das Thema, sie hatten alle ein Tonbandgerät und nahmen Stimmen auf, die aus dem Jenseits kamen, wie sie ernsthaft behaupteten. Dieser Schwede, dieser Jürgenson, wollte sogar Hitlers Stimme eingespielt haben. Entweder waren sie alle bescheuert inklusive ihres Mannes, oder ...? Das war das große Fragezeichen, mit dem sie sich in letzter Zeit gedanklich herumschlug, denn Paul war trotzt der Stimmeneinspielungen kein Spinner. Sie nahm Shakespeare als »Vehikel«, der in seinem Hamlet sagte › es gibt mehr Ding` im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumen lässt‹. Und das mit der wissenschaftlichen Schulweisheit kennt man ja: Es darf nicht sein, was nicht ins Raster passt.
Zu jener Zeit, also nach der Hochzeit, als Paul ihr erklärte, was ihn faszinierte, hörte sie mit einem halben Ohr hin und schaute mit einem Auge zu. Im tiefsten Winkel ihres Herzens jedoch reifte der Wunsch, mit Sarah in Verbindung zu treten, weil diese Stimmen vielleicht doch die Brücke dazu wären. Aber schnell verbannte sie ihre Absicht wieder.
Paul hatte oft gesagt, dass er versuchen wird, mit der toten Sarah Kontakt aufzunehmen.
Ihre Freundinnen und Verwandten würden denken, sie habe den Verstand verloren. Sie würden ihr Urteilsvermögen anzweifeln und sie vielleicht mitleidig behandeln. Letztendlich könnte die Schulbehörde davon erfahren und ihre Reputation wäre gefährdet und sie eventuell entlassen.
Sie hatten sich geliebt, die beiden Schwestern. Sie waren viel auf sich alleine gestellt, denn ihr Vater wollte ein gutgehendes Hotel aufbauen. Und ihre Mutter hatte wenig Zeit, sich um ihre Töchter zu kümmern, weil sie beim Aufbau mithelfen musste.

Klara konnte nicht lesen, weil sie dauernd zur Tür des Arbeitszimmers schaute. Was würde passieren, wenn sie jetzt den Mut aufbrächte, hineinzugehen, um Paul aufzufordern, die Stimme abzuspielen? Die Stimme ihrer toten Schwester! Paul hatte ein Kapitel aufgeschlagen, das sie eigentlich nie wieder lebendig werden lassen wollte, aber plötzlich trieb sie wieder die ungeheure Neugierde an; und die Vorstellung, ihre Schwester zu hören, raubte ihr schier den Verstand. Dann klappte sie das Buch zu, stand auf und ging hinüber in sein Arbeitszimmer.
Paul saß wie üblich konzentriert an seinem Tisch, den großen Kopfhörer auf dem Kopf und schaute auf die zwei Spulen am Tonbandgerät. Vor ihm lag ein Notizheft, in der Hand hielt er einen Kugelschreiber. Leise klopfte sie ihm auf die Schulter. Er drehte sich um und nahm die Kopfhörer ab.
»Weißt du, ich hab mich doch entschlossen ...«, brachte sie heraus und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch.
Er nickte und warf ihr einen staunenden Blick zu.
»Bist du dir ganz sicher?«
»Ich denke, ja.« Das wäre das erste Mal seit ihrer Hochzeit vor sechs Jahren, dass sie so etwas hören würde.
Er nickte wieder, blickte sie an. »Gut, Klara. Schau her. Ich habe dir schon mal ein bisschen was erklärt. Ich habe alle Stimmen mit Datum und Uhrzeit in dem Heft notiert und außerdem vermerkt, auf welchem Band sie sind. So habe ich eine chronologische Auflistung aller Einspielungen. Du wirst hören, dass die Stimmen nicht immer klar und deutlich sind. Manchmal kommen sie sehr schnell herein, manchmal singend oder polyglott.«
»Polyglott? In mehreren Sprachen?«
»Ja. Einige Kritiker behaupten, wir würden durch unser Unterbewusstsein diese Stimmenphänomene selbst produzieren. Wenn aber hier eine Stimme in hebräisch oder altlateinisch hereinkommt, ist das ein Teilbeweis dafür, dass diese These nicht stimmt, denn ich kann kein Hebräisch oder Altlateinisch! Und warum sollte mein Unterbewusstsein die Stimme meiner Mutter imitieren und etwas sagen? Aber das sind alles noch Dinge, die für dich momentan unwichtig sind.«
Sie faltete die Hände auf ihrem Schoß zusammen.
»Ich spiele manchmal Stimmen ein, mit denen ich nichts anfangen kann. Ich vermute, dass es jemand ist, der seine Verwandten anruft, die aber wissen nichts davon, weil sie keine Ahnung haben von den Tonbandstimmen. Ein paar Mal krieg ich eine Stimme von einer Anastasia, die sagt: ›Zelka wollte kein Kind ... Zelka wollte mich abtreiben ...‹«
»Entsetzlich ...«, stöhnte Klara.
»Oder eine Kinderstimme: ›Was wär` ich geworden, wenn du mich geboren hättest?‹«
»Was bedeutet das?«, fragte sie.
Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, ich hab nur die Stimme eingespielt und sonst keinen Zusammenhang festgestellt. Oder ich habe oft versucht, mit Konstantin Raudive Kontakt zu kriegen. Er ist neben Jürgenson der andere erste Experimentator, der alle Stimmen katalogisiert und wissenschaftlich behandelt hat. Er sagte in einer Einspielung auf meine Frage, ob es nach dem Tode unsere Zeitbegriffe gibt, folgenden Satz: ›Es ist vieles anders.‹«
Klara atmete tief durch.
»Oder manchmal eine junge Frauenstimme: ›Ich will dir deinen Vater zeigen, Josua, hab Vertrauen‹.
Sie nickte, aber schaute Paul mit fragenden Blicken an.
»Ich spiele dir erst mal ein paar andere Stimmen vor, damit du ein Gefühl dafür bekommst, nachher hörst du dann deine Schwester, o.k.?«
»O.k.«, sagte sie etwas bange.
Paul drehte an ein paar Knöpfen, dann schaute er Klara an. »Du sagst mir, was du gehört hast.«
»Sag du es mir vor ...«
»Nein, das wäre Beeinflussung. Ich spiele dir ein paar Stimmen vor, die sehr gut sind. Wenn du sie klar und deutlich verstehst, wirst du auch die Stimme von Sarah richtig hören können. Die Hintergrundgeräusche sind sehr laut, sie müssen es sein, weil ich den Eingang auf die höchste Stufe stellen muss. Lass dich nicht davon stören. Achtung!«
Sie hörte ein Rauschen wie in einem Kino mit dem Dolby-Surround-System.
Dann plötzlich brach eine dunkle Männerstimme durch, und Klara hörte die Worte: ›Such Welle - such Welle‹, wobei die Worte abgehackt und schnell klangen. Die Stimme war sehr gut hörbar. Klara zuckte erst einmal heftig zusammen, ihr Mund wurde trocken und mit einer Hand ergriff sie Pauls Arm.
Er lächelte: »Und?«
Sie atmete tief durch, dann sagte sie: »Such Welle - such Welle, was heißt das?«
»Ich hatte die Frage gestellt, auf welcher Radiowelle die besten Einspielungen gemacht werden können. Er meint damit, dass es vielleicht für jeden Experimentator eine andere Radiowelle gibt, die ich noch suchen müsste. Einige nehmen die Stimmen über das Radio auf, diese Stimmen sind teilweise besser hörbar, es verbirgt sich darin natürlich die Gefahr, dass Kritiker sagen, wir würden diese Radiostimmen aus einem Sendezusammenhang nehmen und für unsere Zwecke benutzen. Aber ich habe meine Welle noch nicht gefunden und arbeite noch mit dem Mikrophon.«
» Und wer war das eben gewesen? Wie heißt der Mann?«
»Ich weiß es noch nicht, ich glaub aber, dass es nicht so wichtig ist, wer es ist, sondern viel wichtiger ist es erst einmal, dass er weiß, dass ich mit ihnen in Verbindung bin. Jetzt hör bitte zu, die nächste Stimme.«
Sie hörte ein dumpfes und nicht erklärbares Pfeifen im Hintergrund, dann plötzlich eine helle und singende Stimme: ›Hier Esther Reschke ... Paul will gute Tee.‹
Wieder spürte Klara einen Stich im Herz, diese weibliche Stimme klang so intensiv, als ob die Person im Raum wäre. »Esther Reschke ...«, sagte Klara und schaute Paul an, »und gute Tee. Wer ist das?«
»Tja, das ist so. Es scheint, dass jeder, der experimentiert, eine Art Begleitperson von »drüben« bekommt, die ihm behilflich ist. Ich habe dann auch nach so einer Kontaktperson gefragt, und es hat sich bis jetzt diese Esther schon sehr oft gemeldet. Vor circa vier Jahren brach immer wieder diese schöne Frauenstimme durch. ›Esther zeigt dir den Weg‹, sagte sie, oder sie nannte nur meinen Namen ›Paul‹, ›Paule‹ oder ›Guten Abend, Paule‹. Immer solche kurze, aber intensive Botschaften. Mittlerweile kenne ich ihre Stimme genau. Ich habe dann gefragt, wo sie einmal gewohnt hat.«
»Und?«
»Sie sagte: ›In Eltville am Rhein, Deutschland‹.«
»Das gibt es nicht!« Nach einer Weile: »Und hast du sie auch gefragt, wann?«
»Ja, aber da hörte ich etwas Seltsames. Ein richtiges lautes Fluchen von einer erregten Männerstimme. Mir schien, als würde die Zeit dort keine Rolle spielen, als wäre es ein Vergehen von mir, nach der Zeit zu fragen. Eigenartig, sag ich dir.«
»... und Paul will gute Tee trinken ..., das ist ja so, als ... schwebe sie über uns.«
Er nickte. »Ein Freund hat mal gefragt, wo sie sich befänden. Die Antwort war: ›im Raum‹. Übrigens, das mit dem Teetrinken kommt öfters vor.«
Klara umschlang ihre Arme. »Mir wird richtig kalt, mir läuft es den Rücken herunter, Paul.«
Er legte den Zeigefinger erneut auf die Wiedergabetaste. »Was du jetzt hörst, ist fast typisch für alle Einspielungen, es hört sich an wie ein Männerchor, höre!«
Erst kam das Rauschen, dann laute singende Bariton-Stimmen: ›Wir sind daaaaaaaaaaa ...‹ Die letzten Vokale klangen langgezogen.
»Deutlich, wir sind da!« sagte Klara.
Paul legte seine Hand auf ihren Arm, über den sich eine Gänsehaut zog und streichelte ihn. Ihre Miene drückte jedoch noch immer Skepsis aus.
»Man hat den Eindruck, als würden sich die Worte oder Silben oder Vokale oder Konsonanten auf einen Geräuschpegel setzen, sozusagen als Träger der Botschaften«, erklärte er ihr.
Klara nickte kurz.
Er drückte wieder auf Play. Eine schnelle, laute Stimme. ›Mutter redet hier - e`Telefon‹.
»Wer war das?«
»Meine Mutter ...«, sagte er.
Klara lief es erneut kalt den Rücken herunter.
»Und jetzt wieder eine junge, helle Stimme. Hör bitte!«
Aus dem Lautsprecher kamen schnelle, helle Worte: ›Tobi ... mir geht ... sehr gut‹.
Paul sagte, dass er auch mit dieser Stimme nichts anfangen kann. Aber es ist eine paranormale Stimme wie die anderen auch.

Und dann kam es unerwartet. Die Stimme klang so, als rufe jemand am Ende eines Tunnels, es war eine Jungmädchenstimme, und Klara hatte das Gefühl, jeden Augenblick zusammenzubrechen. Das lähmende und entsetzliche Gefühl kam von ganz unten und wurde immer größer.
Sie hörte ringsherum nichts mehr.
Sie schloss die Augen und sah ihre kleine Schwester vor sich. ›Sarahhhhhhhhhhhh.‹ Der Konsonant klang wie ein hingehauchter Atem.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein Paul, das ist ... das kann nicht meine Schwester sein ...« Sie wehrte sich mit allen Kräften gegen das Gehörte, wollte es leugnen. Es mag Millionen Menschen mit dem Namen Sarah geben, dachte sie abwehrend!
Paul sagte nichts, denn dann kam dieselbe Stimme noch einmal, und beide hörten anschließend das Wort ›Äppli‹. Er stellte das Gerät ab.
»Wer oder was ist Äppli?«, fragte er und sah in ihr blasses Gesicht. Sie setzte sich ganz nah an ihn heran, verkrampfte ihre Hände im Schoß und starrte das Tonbandgerät an. Ihr Herz stolperte vor Erregung. Dann nahm sie Pauls linke Hand in ihre und drückte sie so fest zu, dass die Knöchel weiß wurden. Es war totenstill im Zimmer. Sie presste die Lippen zusammen, als wolle sie das nicht sagen, was sie sagen musste. Es war wie der stumme Schrei vor neunzehn Jahren, als sie erfuhr, dass Sarah ertrunken war. Mit einem Schlag traf sie die Erkenntnis, dass diese Stimmen real waren. Und dass diese wie aus weiter Ferne hingehauchte Jungmädchenstimme die ihrer toten Schwester ist.
Minuten des Schweigens vergingen.
Paul fragte noch einmal behutsam: »Klara, was oder wer ist Äppli?«
Dann drehte sie langsam den Kopf zu ihm. »Äppli war Sarahs erste zarte Liebe - mit Dreizehn.«

Das war genug an diesem Abend. Mehr konnte und wollte sie nicht hören, sie musste jetzt plötzlich alles, was sie bezweifelt hatte, in einem anderen Licht sehen. Dieser Prozess wird lange dauern, dachte sie, aber er wird ihr Weltbild auf den Kopf stellen.
Die ganze Nacht hatte sie Schwierigkeiten, einzuschlafen.
Paul hatte versucht, sie in die Arme zu nehmen, aber sie hatte sich sofort zurückgezogen, abgekapselt.
Immer wieder hörte sie diese hingehauchte Stimme, diese Frage oder Mitteilung, dieses stille, hauchende Rufen aus weiter Ferne. Gegen vier Uhr fielen ihr die Augen zu, und sie begann in einen Dämmerzustand hinüberzugehen, einer Phase zwischen Wachen und Halbschlaf. Und auch da hörte sie ihre Schwester in immer wieder anderen Stimmlagen »Sarahhhhhh« und »Äppli« rufen. Gerne hätte sie ihren Mann geweckt, aber er musste früh aufstehen. Gegen halb fünf schlief sie ein.
Am anderen Morgen spürte sie Pauls Mund an ihrer Wange. Er küsste sie und verließ die Wohnung, um in einen seiner drei Teeläden zu fahren, die sich in Frankfurt, Darmstadt und Königstein befanden.
Gegen acht Uhr stand sie auf. Sofort waren ihre Gedanken wieder bei ihrer Schwester und der Stimme von gestern Abend. Sie fühlte sich wie gerädert, dann kamen Kopfschmerzen hinzu. Und in einer irren Phase dieses Morgens hatte sie das Gefühl, sie wäre nicht alleine in der Wohnung, Sarah wäre bei ihr. Sie kochte sich einen Tee, Hunger hatte sie keinen, die ganze Sache war ihr auf den Magen geschlagen. Während sie nach ihrer Teedose griff und einen Löffel Darjeeling für ihre Tasse herausschöpfte, dachte sie unwillkürlich daran, dass Sarah jetzt dreiunddreißig Jahre alt wäre, vielleicht wäre sie verheiratet oder wieder geschieden, vielleicht hätte sie Kinder, vielleicht wäre sie glücklich oder auch nicht. Es war wie ein Zwang, an Sarahs nicht-lang-gelebtes-Leben zu denken. Sie erinnerte sich an Bertolt Brecht aus dem Lesebuch für Städtebewohner »Wenn die Wunde nicht mehr schmerzt, schmerzt die Narbe«.

2.

Für den nächsten Abend hatten sich Lothar und Annemarie angemeldet.
Sie kamen gerne in das kleine Einfamilienhaus in Windecken. Lothar wollte sich mit seinem Gehalt ein eigenes Haus noch nicht leisten, obwohl im seine Bank ein Vorzugsdarlehen angeboten hatte und er quasi an einer Quelle für Immobilienangebote saß.

Lothar war für Klara der richtige Skeptiker, seine Frau Annemarie tendierte schon eher in Richtung, alles kann möglich sein in dieser Welt. Auch sie nahm Hamlet als Beispiel, dass ›es mehr Ding` im Himmel und auf Erden gibt, als eure Schulweisheit sich träumen lässt‹. Klara fragte Paul, ob sie es den beiden mitteilen kann, was sie gestern Abend erfahren hatte. Er sagte, das müsse sie selbst entscheiden, er wolle ihr da nicht zuvorkommen. Sie müsse damit fertig werden und auch dazu stehen, wenn sie davon überzeugt sei.
»Überzeugt ist nicht der richtige Ausdruck, Paul. Ich hab zum ersten Mal solche Stimmen gehört, bin ziemlich aufgewühlt, weil es tatsächlich meine Schwester ist. Ich brauche viel Zeit, um wirklich - na ja - alles zu verinnerlichen.«
»Klar, sprich drüber, wenn du willst.«
Lothar war ein hoch gewachsener Mann mit hellen, nach hinten gekämmten langen Haaren, dessen Oberlippenbärtchen das schmale Gesicht betonte. Seine tiefliegenden dunklen Augen ließen keine eindeutige Gemütsverfassung erkennen.
Allerdings würde das Thema Tonbandstimmen wie fast bei jedem Besuch zur Sprache kommen. Er nannte Paul den »Totenflüsterer« und lehnte jedes Argument mit dem Hinweis ab, sein Freund sehe die Dinge so, wie er sie gerne sehen möchte. Wenn er mit den Stimmen konfrontiert wurde, zuckte er nur mit den Schultern.
Er sah in Klara eine Mitstreiterin der exakten Wissenschaft gegen die Spinnerei eines Paul Klein. Die Meinung seiner Frau Annemarie, die zumindest zu Paul tendierte, nahm er auch nicht für voll.
Annemarie war eher klein gewachsen, hatte kurzes, dunkles, gelocktes Haar, ein rundes Gesicht, und ihre Augen waren von einem intensiven Haselnussbraun.
Beide hatten einen zehn Jahre alten Sohn, Arnold.
Klara hatte gegrillten Lachs gemacht. Lothar und Paul tranken Rotwein, Annemarie gerne einen Weißwein und Klara mied den Alkohol.
Heute Abend jedoch befand sie sich in einer Zwickmühle. Sie hatte ein wenig Angst vor Lothars Sarkasmus, wenn sie gestehen muss, dass dieses Erlebnis die Gefahr einer Wende in ihrem Denken bedeuten könnte. Sie würde nicht darum herumkommen, Farbe zu bekennen, wenn die Diskussion losging.
Nach dem leckeren Essen hob Lothar sein Glas. »Auf eine reale gute Köchin, das war ein richtiger Genuss, zum Wohl!«
Alle hoben ihre Gläser und tranken. Es war ein wunderschöner kalter Spätherbstabend mit untergehender Sonne, die ihr Licht an die Wand des Esszimmers warf.
Lothar zündete sich eine HB an, suchte nach dem Aschenbecher, bis Klara ihm einen aus der Küche holte.
»Na, Klara, bist du jetzt endlich so weit, deinen Totenflüsterer überzeugt zu haben, dass es dort ein so leckeres Essen nicht gibt!«
Keiner lachte und Lothar fuhr fort: »Könntest du mir als Banker nicht die nächsten Börsenbewegungen voraussagen lassen? Oder die Lottozahlen?«
»Ich finde deinen hämischen Sarkasmus unangebracht, Lothar. Du kannst nur meckern, aber etwas Konstruktives kannst du nicht beitragen«, schimpfte seine Frau und schaute ihn aus schmalen Augen an. »Oder hast du Beweise für deine negativen Ausführungen? Kannst du mir beweisen, dass das alles Humbug ist,?« fuhr sie fort.
Lothar schwieg zunächst. So eine Kampfansage hatte er nicht erwartet.
»Paul hat wenigstens einen Anscheinsbeweis für seine These. Er kann es rekapitulieren, was er behauptet, er schaltet das Tonbandgerät ein und man hört die Stimmen.«
Annemarie schien heute auf Konfrontation aus zu sein, dachte Klara und war ihr dankbar. Lothars einziger Ausweg war jetzt Klara; er warf ihr einen flehenden Blick zu, als wolle er sagen: Hilf mir! Aber sie konnte ihm nicht mehr helfen.
»Was ist, Klara, meine allerbeste Freundin? Stehe ich jetzt alleine auf weiter Flur gegen die Spiritisten oder Animisten oder wie die sich nennen? Sag was dazu.« Er tippte die Asche ab und zog wieder an der Zigarette.
Klara stand auf und bat Annemarie in die Küche. »Wir räumen schnell das Geschirr ab.«
Als die beiden Frauen alleine waren, konnte sich Klara nicht mehr beherrschen. »Du weißt, dass ich die ganze Zeit zu deinem Mann gehalten habe. Aber jetzt kann ich nicht mehr.« Sie stapelte die Teller und das Besteck in den Geschirrspüler.
Annemarie stand mit verschränkten Armen am Küchenschrank gelehnt und wartete auf eine Fortsetzung.
Klara machte die Klappe zu und setzte sich auf einen Stuhl. Versonnen starrte sie auf das Muster der Tischdecke.
»Warum kannst du nicht mehr? Geht dir sein Geschwätz auf die Nerven? Kann ich verstehen, Klara.«
»Das ist es nicht. Gestern ist etwas passiert, was ich ... was ich noch nicht verdaut habe.«
Der Abend dämmerte und Klara machte das Licht an. Es war zwischenzeitlich acht Uhr. Annemarie wartete.
»Ihr beide kennt die Geschichte mit meiner Schwester Sarah.«
Annemarie nickte und setzte sich zu ihrer Freundin an den Tisch. Vom Wohnzimmer aus hörten sie die Stimmen der Männer.
»Du weißt, dass es für mich ein dunkles, trauriges Kapitel war und immer noch ist.«
Annemarie nickte wieder: »Der Tod von einem so jungen Menschen ist immer eine Katastrophe.«
Klara holte tief Atem, bevor sie weiterfuhr. »Paul hat die Stimme von Sarah auf Band.«
Es dauerte, bis bei Annemarie die Botschaft umgesetzt wurde. »Der hat was?« Sie starrte die Freundin an.
»Paul hat die Stimme meiner toten Schwester auf seinem Tonband. Ich habe sie gehört.«
Nach einer ganzen Weile sagte Annemarie: »Jetzt brauch ich `nen Cognac. Hast du einen da?«
Klara sah, wie Annemarie blass wurde. Die Küchenuhr tickte, die Stimmen der Männer waren plötzlich weit im Hintergrund. Klara stand auf, ging ins Wohnzimmer zur Anrichte und holte die Flasche Cognac heraus.
»Ich denke, ihr räumt in der Küche auf?« Lothar spürte, dass etwas in der Luft lag. »Dann prost!«
Paul und Klara tauschten Blicke aus. Paul ahnte, weswegen die Flasche jetzt in der Küche gebraucht wurde, sagte aber nichts.

Klara schenkte ihrer Freundin Cognac ein und setzte sich wieder hin. Das Blubbern aus der Flasche mischte sich mit dem Ticken der Uhr. Annemarie nahm den Schwenker und trank ihn mit einem Zug halb leer. »So, und jetzt erzähl weiter. Ich ahnte immer schon, dass an dieser Sache was dran ist ...«
»Die Stimme alleine war nicht der Schock. Es könnten tausend Sarahs gewesen sein, die aus dem Lautsprecher kamen, aber trotzdem glaubte ich die Stimme erkannt zu haben, sogar nach neunzehn Jahren. Und ich hatte das Gefühl, dass die Stimme älter klang. Es war die Botschaft, die mich schockte.«
Annemarie griff wieder zum Glas, als wolle sie sich wappnen. »Die Botschaft?«
»Sie sagte einen Namen, nämlich Äppli.«
Gespannt hörte die Freundin zu.
»Äppli war Sarahs erste Liebe, ein Junge aus Bern. Wir waren in der Schweiz auf Urlaub und sie hatte ihn dort kennengelernt. Sie verliebte sich sofort in ihn. Die erste Liebe ... mein Gott, was sag ich da?« Plötzlich fing Klara heftig zu weinen an.
Annemarie stand auf und legte einen Arm um ihre Schulter.
»Was sag ich da? Die erste Liebe? Die einzige Liebe in ihrem kurzen Leben, verdammt noch mal, die einzige!«
Annemarie nahm den Cognacschwenker und hielt ihn an Klaras Mund. »Komm, trink einen Schluck, das beruhigt.«
Klara nahm einen kleinen Schluck. »Es geht schon wieder, es geht schon. Verstehst du, was das bedeutet? Ahnst du, was das heißt, dieses kleine beschissene Wort Äppli?«
»Ja, ich glaube. Es bedeutet, dass deine Schwester weiterlebt und dir eine Botschaft übermittelt. Eine Sarah, die einen Äppli kennt, wird es wohl im ganzen Universum nicht wieder geben. Mit Sicherheit nicht!«
Die beiden Freundinnen schwiegen, jede mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Dann hörten sie Lothars Stimme aus dem Wohnzimmer. »Dürfen wir euch beim Aufräumen helfen? Kriegen wir auch einen Cognac?«
Annemarie verdrehte die Augen. Dann hörten sie Pauls Stimme: »Kommt ihr wieder zurück?«
Als die beiden Frauen zurückkehrten, sah Lothar, dass Klara geweint hatte. Er legte die Zigarette in den Aschenbecher, stand auf und legte ihr einen Arm um die Schulter. »Hab ich was Falsches gesagt? Das wollte ich nicht.«
»Nein, du kannst nichts dafür.«
Dann sah Lothar Paul an: »Weißt du, um was es geht?«
»Ich denke schon, aber dich wird es sicherlich kaum interessieren.«
»Nun mal halblang«, protestierte er.
Seine Frau setzte sich zu ihm. »Wenn ich dir erzähle, was ich eben erfahren habe, brauchst du drei Flaschen Cognac, mein Lieber!«
Verdutzt sah er sie an. »Jetzt bin ich aber gespannt.«
»Paul, erzähl du es ihm«, bat Annemarie, »du bist der Fachmann.«
»Ich weiß deine Skepsis zu schätzen«, begann er, »zumal du schon öfters Stimmen von mir gehört und sie als Einbildung bezeichnet hast. Aber jetzt spiele ich dir diese zwei Stimmen einmal vor. Bilde dir selbst ein Urteil, mein Freund, o.k.?«
Lothar nickte und sagte nichts mehr.
Sie standen auf und gingen ins Arbeitszimmer, Paul nahm seinen Platz ein und die anderen verteilten sich auf die Stühle, nur Lothar blieb stehen. Paul schaltete das Tonbandgerät ein, suchte in seinem Block. »Hier hab ich sie.« Er schaute seinen Freund an. »Bist du bereit?«
»Ja.« Lothar schaute in die Runde, seine Miene spiegelte Verlegenheit wider, als habe man ihn bei etwas Unerlaubtem erwischt. Und dann zuckte er kurz zusammen, als er die Stimmen laut und deutlich hörte.
Klara erklärte es ihm, und zehn Minuten später sahen sie sich einem schweigenden Lothar Äskins gegenüber.

3.

In Wiesbaden, in einer Seitenstraße der Luisenstraße, befand sich der »Interessenverein der Tonbandstimmen«. Die Räume befanden sich in einer ehemaligen Fahrschule, die in einen anderen Stadtteil umgezogen war. Die kleine Schar der Tonbandstimmenforscher traf gegen neunzehn Uhr ein. In einer Ecke des zehn mal zwölf Meter großen Raumes stand auf einem kleinen Beistelltisch ein Kaffeeautomat mit Tassen und Untertassen, ein Heißwasserkessel, Kaffeetüten, 4 Teedosen und Teefilterpapier. Kaffee und Tee wurden an diesen Abenden in Mengen getrunken. Paul, der Teespezialist, hatte seinen Freunden schon das richtige Teetrinken und Teeaufbrühen beigebracht. Statt des üblichen Teebeutels hatte er vier verschiedene Teesorten spendiert: einen Earl Grey, einen hochwertigen Frühjahrsdarjeeling, einen kräftigen Assam und einen japanischen Grüntee. Wer ihn süß trank, bekam weißen Kandiszucker statt des normalen Haushaltszuckers, wer den Assam mit Milch trank, musste Frischmilch nehmen. So streng waren hier die Teesitten.
In der Mitte standen ein ovaler Tisch und sechs Stühle. Der Raum war gut beleuchtet durch große Deckenstrahler.
Nach und nach nahmen alle Platz. In der Mitte des Tisches stand eine Tonbandmaschine, auf der alle ihre mitgebrachten Bänder abspielen konnten. So musste nicht jeder jedesmal sein eigenes Tonband mitbringen. Oder jemand benutzte einen Kassettenrekorder. Sie begrüßten sich herzlich, denn im Laufe der Zeit entstand unter ihnen eine Art vertrauensvoller Freundschaft mit einem einzigen Ziel, der Welt zu beweisen, dass der Tod nicht das Letzte war, sondern dass es im Jenseits auf eine noch zu erforschende Art ein Weiterleben gab.
Die Arbeiten faszinierten sie, sie tauschten die neuen Ergebnisse aus und diskutierten.
Nachdem alle auf ihren Stühlen saßen, eröffnete Paul die Sitzung mit den Worten: »Ich habe vorgestern eine interessante Einspielung gemacht. Es sind zwei gute Stimmen übers Mikrophon. Und das Schöne daran ist, dass ich einen Freund von mir, einen sehr sarkastischen Skeptiker, zumindest das Schweigen gelehrt habe.«
»Es gibt viele Menschen, die das nicht glauben, weil das Denkschema fest sitzt. Ich kann es auch teilweise verstehen, denn der Gedanke, dass es nach dem körperlichen Tod irgendwie weitergeht, und dies auch noch per Tonband beweisbar ist, ist schon unbegreiflich,« sagte Reinhard Drechsler, Besitzer eines Supermarktes im Frankfurter Stadtteil Griesheim.
»Fang an«, forderte ihn Jochen Brahms auf, Arzt für Allgemeinmedizin in Büdingen.
Paul legte seine Bänder in das Tonbandgerät und sein Heft vor sich auf den Tisch. » Die Vorgeschichte: Die Schwester meiner Frau ist 1961, also mit vierzehn Jahren, ertrunken. Meine Frau gehörte zu den Skeptikern, allerdings zu den liebenswürdigen ...«, grinste er, »... eben, weil sie meine Frau ist.«
Die andern lächelten.
» Also, vorgestern, am Donnerstag um neunzehn Uhr vierunddreißig kam ihre erste Stimme herein, die Stimme meiner Schwägerin. Eine Mikrophonstimme!« Paul drückte auf den Startknopf.
Der Raum wurde erfüllt mit jenen seltsamen Geräuschen, die ein hochausgesteuertes Mikrophon erzeugt. Und dann hörten sie klar und deutlich die Stimme. Obwohl zwischenzeitlich alle an diese Arbeit gewohnt waren, war die Reaktion immer wieder ein konzentriertes Hören, verbunden mit einem Staunen und der Freude von Forschern, die ein Ergebnis hatten.
»Ich höre deutlich den Namen Sarah«, sagte der Arzt.
»Ich auch«, bekundete Franziska Breitenbach, Sekretärin in einem Anwaltsbüro.
»Ja, Sarah«, bestätigte Reinhard.
»Sarah, stimmt!«, sagte Irmgard Kowalski, Hausfrau aus Bad Homburg.
»Spiels noch mal ab«, bat Dieter Schelling, Sachbearbeiter bei einer Versicherung.
Paul drückte wieder auf den Startknopf, und alle hörten jene hingehauchte, wie durch einen Tunnel klingende Stimme.
Dann nickte Dieter. »... ja, ich höre es. Das S ist sehr deutlich. Sarah!«
»Das alleine wäre ja kein Beweis für unsere These. Es gibt wahrscheinlich eine Menge Sarahs auf dieser Welt, die gestorben sind, ob jung oder alt. Und jetzt kommt dieser sogenannte Anscheinsbeweis.« Paul drückte wieder auf den Knopf, dann hörten sie alle noch einmal dieselbe Stimme und danach das kurze »Äppli«. Alle waren sich einig, es hieß »Äppli«.
»Äppli war die erste Liebe des jungen Mädchens, meine Frau hat es bestätigt, sie erinnerte sich daran.«
Alle waren jetzt still und in sich gekehrt. Sie hatten den Anscheinsbeweis ihrer These, die Bestätigung eines Faktes aus der Vergangenheit.
»Es wäre interessant herauszukriegen, ob dieser Junge von damals noch lebt und wo. Er könnte es zum Beispiel bestätigen, wenn er sich daran erinnert. Frag doch deine Frau, ob sie weiß, wo er wohnt«, sagte Franziska und nahm einen Schluck Tee.
»Sicherlich heißt er nicht Äppli, das ist nur ein Kosename oder so«, wandte Reinhard ein.
»Könnte von Apfel kommen ...«
»Er könnte vielleicht ... ihre Äpfelchen ... gemeint haben«, schmunzelte die Kowalski.
Einige grinsten. »Und daraus hat sie ihn liebenswürdig vielleicht Äppli genannt.«
Ein paar lachten.
»Ich werde sie fragen. Man müsste recherchieren. Dürfte nicht einfach sein nach neunzehn Jahren.«
»Es wäre wichtig.«
»Ich weiß, ich weiß.« Paul war sich der Aufgabe bewusst. Er würde Klara fragen, wo genau sie damals in der Schweiz Urlaub gemacht hatten. »Denn Sarah war ja nicht in einem Schweizer See ertrunken, sondern in einem der Kahler Seen hier in der Nähe. Die Familie war damals aus dem Urlaub zurückgekehrt, und dann war es passiert. Vielleicht existieren Briefe, die Sarah an ihren jungen Geliebten geschrieben hatte oder umgekehrt.«
Dieter brachte einen berechtigten Einwand. »Selbst wenn ihr ihn ausfindig machen solltet, wisst ihr noch nicht, was ihr ihm sagen könntet. He, deine junge Liebe vor neunzehn Jahren lässt dich grüßen - aus dem Jenseits! Ich hab mit ihr gesprochen!«
» Er könnte uns für bescheuert halten«, lachte Irmgard.
»Es muss also noch einen anderen Beweis für diesen Äppli geben als die Erinnerung deiner Frau, einen objektiveren Beweis.«
»Woher kommt eigentlich dieses mehrsprachige Phänomen im Phänomen Tonbandstimmen?«, fragte Franziska, das Thema wechselnd.
Paul zuckte mit den Schultern. »Wir wissen es noch nicht, aber es ist Fakt. Jürgenson und Raudive und andere hatten es auch. Aber ich vermute, dass sie sich durch diese ungewöhnlichen Antworten oder Botschaften als die zu erkennen geben, die sie sind, nämlich unsere jenseitigen Freunde. Wer redet denn im normalen Leben so? « Er trank einen Schluck Tee.
»Wir müssen das alles streng objektiv-wissenschaftlich betrachten. Nur wenn wir alle Möglichkeiten der äußeren Beeinflussung ausschließen können, hat unsere These Gewicht«, warf Reinhard ein.
»Das ist gar nicht so einfach, wenn es Stimmen von unseren Verwandten sind, da spielen die Emotionen eine gewaltige Rolle«, setzte die Sekretärin ihren Kommentar fort.
»Deswegen ist Objektivität ungeheuer wichtig.«
»Das Wertvolle an unserer Forschung ist, dass wir sie jederzeit vorführen können. Es gibt eine Menge von Fragen, aber eines steht fest, dass es Stimmen sind, dass sie von verstorbenen Menschen stammen und teilweise von unseren Verwandten, die sich bemühen, zu uns durchzudringen.« Paul schaute in die Runde. Dann setzte er fort: » Weil ich davon ausgehe, dass unsere Freunde drüben den Kontakt wollen.«
Einige schauten ihn fragend an.
»Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, alte Tonbänder genau abzuhören. Ich hatte damals in meinem Mansardenzimmer die Absicht, Geräusche aufzunehmen, weil ich ein Hörspiel machen wollte. Dabei klingelte das Telefon und meine damalige Verlobte Anne rief mich an. Ich vergaß, das Tonband abzustellen. So hatte ich ungewollt das ganze Gespräch aufgenommen. Wir lachten später darüber, weil ich meiner Verlobten mit einem Glas Wein zuprostete und sie in ihrer Wohnung ebenfalls eine Flasche Wein öffnete und mir zuprostete. Später holte ich das Band hervor und hörte es jetzt mit meinen geübten Ohren und dem paranormalen Verständnis erneut ab - und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn zwischen den einzelnen Stimmen und Geräuschen hörte ich eine Männerstimme, die auf einmal ›Prost Anne‹ sagte – und dann ›Suffkopp‹.«
Die meisten grinsten.
»Suffkopp – jetzt kommt`s raus«, lachte Irmgard Kowalski Paul an.
Paul spürte ein seltsames Gefühl, als er ihre Augen sah.
»Moment mal ...«, sagte Dieter und hob die Hand, »... erkläre mir das noch mal.«
»Ich habe damals neunzehnhundertachtundsechzig ein Hörspiel gemacht, das ich beim Rundfunk einreichen wollte. Dazu benötigte ich gewisse Nebengeräusche, also zum Beispiel Wasserrauschen, Schritte im Zimmer, Hintergrundmusik und so weiter. Während ich diese Geräusche produzierte, rief meine damalige Verlobte Anne an, und ich vergaß, das Tonband abzuschalten. Es wurde das ganze Gespräch mit ihr aufgenommen. Ich trank einen Schluck Wein und prostete ihr zu, sie öffnete eine Flasche Wein und prostete mir zu. Das war es. Als ich Jahre später meine These aufstellte, dass auch die Jenseitigen die Initiative ergreifen, um mit uns Kontakt aufzunehmen, hörte ich mir dieses Band noch einmal ganz genau mit meinen nun geübten Ohren ab – und fand leise, versteckte Stimmen, die auf die Situation eingingen und ›Prost Anne‹ und ›Suffkopp‹ sagten.«
Er schüttelte staunend den Kopf. »Das ist unglaublich ...«
Jochen setzte das Thema fort: »Wenn also die Verstorbenen seit je her den Kontakt zu den Lebenden suchten, so frage ich mich, was haben sie denn früher getan, als es noch kein Tonband gab und die Radiowellen noch nicht gefunden wurden, sondern erst achtzehnhundertfünfundachtzig bis achtzehnhundertneunundachtzig durch Heinrich Hertz?«
»Ich denke, dass sie ein Medium benutzt haben«, mutmaßte Paul.

Nach einer Weile des Schweigens und Nachdenkens sagte Franziska: »Sie warnen uns auch. Vor drei Jahren hatte ich ein Erlebnis, dass ich jetzt noch eine Gänsehaut kriege, wenn ich daran denke. Ich hatte einen Mann aus Amsterdam kennengelernt. Ich verliebte mich und dachte, der wäre es fürs Leben. Wir verbrachten erst ein paar herrliche Tage am Rhein, dann flog er zurück nach Amsterdam. Wir schrieben uns Briefe, telefonierten fast jeden Tag. Ich schwebte im siebten Himmel. Auch Jan sagte mir, dass er auf dem besten Weg sei, sich in mich zu verlieben. Es schien alles zum Besten. Natürlich ›konsultierte‹ ich auch meine Kontaktperson ›Elli‹ . Und seltsamerweise erhielt ich nie eine Reaktion. In einigen Alltagsdingen helfen sie uns manchmal, beraten uns. Aber wenn ich den Namen Jan und Amsterdam erwähnte, kam nichts. Ich fand das seltsam, machte mir aber keine Gedanken mehr, weil ich mit meinen Gefühlen ganz oben schwebte und vielleicht auch nichts Negatives hören wollte. Dann verabredeten wir, dass ich im Juni siebenundsiebzig für einen Kurzurlaub nach Amsterdam kommen sollte. Ich buchte für den zweiten Juni einen Platz im ICE von Frankfurt nach Amsterdam-Centraal. Am einunddreißigsten Mai spielte ich auf das Tonband ein. Was ich hörte, gefiel mir gar nicht. Ich sagte zu ›Elli‹, dass ich nach Amsterdam fahren werde, und dann kam die Stimme › Zug nicht bitte Venlo ‹. Ich reagierte so, wie ich im Normalfall nie reagiert hätte: Ich wollte die Stimme nicht wahrhaben. Ich dachte, das wäre jemand von ›drüben‹, der mich nicht meinen konnte; ich dachte, dass es nicht ›Ellis‹ Stimme sein kann, vielleicht ist ›Elli‹ noch für jemand anderen eine Kontaktperson und diese Botschaft bezog sich auf den anderen.
Einen Tag vor meiner Abreise, es war der erste Juni, spielte ich wieder ein. Und ohne dass ich den Namen Jan oder Amsterdam aussprach, brach ›Elli‹ sofort durch: ›Zug nicht für Franzi ... Venlo‹. Und da wusste ich, dass sämtliche Verdrängungen für mich gefährlich sein konnten. Ich erstarrte innerlich, ich war am Boden zerstört, weil ich es nicht fassen konnte. Ich wollte zu meinem Liebsten. Morgen früh um zehn Uhr sollte ich abfahren. Venlo war eine Stadt auf der Strecke nach Amsterdam. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Es war aber eindeutig: Meine Kontaktperson wollte, dass ich nicht in den Zug stieg! Ich war auch nicht in der Lage, Jan anzurufen. Was hätte ich ihm sagen sollen? Dass mich ein Geist gewarnt hat, in den Zug zu steigen? Er hätte mich ausgelacht. Über meine Tonbandstimmen haben wir nie gesprochen.« Franziska nahm einen Schluck Kaffee. Ihre Hand zitterte leicht.
Die anderen konnten schon ahnen, was passiert war, aber sie hörten mit Spannung zu. Solche Dinge sind im Laufe der Zeit nichts Außergewöhnliches mehr. Warnungen kommen manchmal von der anderen Seite.
Und Franziska fuhr mit ihren Erlebnissen fort. »Ich war wie gelähmt, saß am zweiten Juni in meinem Wohnzimmer, starrte auf das Telefon und hoffte, dass er nicht anrief, um mir eine gute Reise zu wünschen und sich freue, mich am Nachmittag in die Arme nehmen zu können. Mein Körper spielte verrückt. Magenschmerzen, Herzrasen, Zittern. Warum hat mich ›Elli‹ gewarnt? Die Antwort war für mich eindeutig: Ich sollte aus irgendwelchen Gründen meinen Jan nicht treffen. Eine Menge von Visionen bauten sich in meinem Gedankengerüst auf: Unglück, der Mann taugt nichts, es sollte nicht sein, ich bin für einen anderen Mann bestimmt, Vorbestimmung, Schicksal, Fatalismus, Kismet. Was man sich so alles einbildet. Ich wurde noch nervöser, als es zehn Uhr war. Ich hielt es in meiner Wohnung nicht mehr aus, also setzte ich mich ins Auto und fuhr in die Stadt, wollte mich ablenken, einkaufen, essen gehen, eine Freundin besuchen. Nur nicht an ihn und an die Bahnfahrt denken.
Und dann sah ich gegen Mittag die Schlagzeile der Bild-Zeitung auf der Zeil: ›Zugunglück bei Venlo. Der ICE 690 von Frankfurt nach Amsterdam sprang gegen 14 Uhr aus den Gleisen. Bisher wurden 10 Tote geborgen.‹ Mir wurde schwarz vor den Augen, und ich musste mich an einer Litfasssäule festhalten. Die Leute scharten sich um den Zeitungsstand. Ich fuhr sofort nach Hause, schaltete den Fernseher an und sah die Bilder am Unglücksort. Die vorderen Wagen lagen neben den Gleisen. Ich hatte einen Platz in der Mitte gebucht. Den ganzen Nachmittag war ich wie gelähmt. Gegen sechs Uhr abends rief meine Mutter an. Ich konnte an ihrer Stimme erkennen, wie ihr ein Stein vom Herzen geflogen ist, weil ich mich gemeldet habe. Sie hatte befürchtet, dass ich im Zug wäre. Ich sagte ihr, etwas wäre dazwischen gekommen.
Erst am späten Abend war ich in der Lage, meinen Freund in Amsterdam anzurufen. Ob er von der Katastrophe gehört hatte? Ob er vielleicht dachte, ich wäre tot? Ob er sich nach meinem Namen erkundigt hat bei der Katastrophenleitung der Bahn? Ich zitterte am ganzen Körper, als ich das Freizeichen hörte. Und dann wurde abgenommen, und eine weibliche Stimme meldete sich wie hingehaucht: ›Hallo, wer ist da? ...‹ und im Hintergrund die Stimme meines Freundes: ›Komm, Liebling, leg wieder auf.‹
Ich hielt den Hörer noch eine Weile am Ohr, das holländische Meisje hatte schon lange aufgelegt. Am nächsten Tag rief ich erneut an, und die Frau war wieder am Apparat. Es stellte sich heraus, dass mein Jan, dieser ›Fliegende Holländer‹, von einem Weiberrock zum anderen flog.«

Es war schon erstaunlich, vor welcher menschlichen Katastrophe Franziska bewahrt wurde.
»Nicht jede Stimme gehört zu unseren Verwandten, wie ihr wisst. Es kommen Stimmen herein, die uns was sagen wollen. Ich habe manchmal den Eindruck, als würden die da drüben Schlange stehen, um uns was mitzuteilen.«
Paul stellte seine Teetasse zur Seite und holte ein anderes Band aus der Aktentasche. »Ich habe hier ein Beispiel einer kleinen Präkognition. Aufgenommen am siebten August um siebzehn Uhr zehn. Ich sitze an meinem Schreibtisch und mache Einspielungen. Plötzlich ruft meine kleine vierjährige Nichte Sybille laut meinen Namen und rennt von der Küche weg in mein Arbeitszimmer. Ich schalte deswegen das Band ab und unterbreche meine Einspielungen. Die Kleine wollte nur einmal nach mir sehen. Nachdem sie wieder draußen war, spule ich das Band zurück - und höre. Und staune. Eine Frauenstimme, Esther, sagte sofort am Anfang meiner Aufnahme ganz deutlich: ›Sybill ruft dich!‹ Und dann höre ich sie, wie sie ›Pauuuul‹ ruft und höre ihre Schritte.«
»Das heißt, dass diese Esther ihre Aussage gemacht hat, bevor deine Nichte in Aktion trat! Diese Esther wusste, dass deine Nichte dich gleich rufen wird.«
»Ja. Und jetzt hört euch das an.« Paul drückte auf den Startknopf, die beiden Spulen drehten sich, und dann kam Pauls Ansage und dann jene Stimme dieser Esther: Sybill ruft dich!‹ Und dann hört man die kleinen tapsenden Schritte und eine rufende Kinderstimme: ›Pauuuul‹.
Für ein paar Minuten war es wieder still im Raum, jeder dachte über diese sogenannte Präkognition nach.
»Vielleicht hat das mit einer sogenannten Voraussehung in unserem Zeitgefühl nichts zu tun«, meinte Reinhard, »vielleicht hatte diese Esther in dem Moment nur das Wissen, dass deine Nichte dich ruft.«
»Wir mit unserem Zeitgefühl interpretieren dies so, aber wir haben auch schon festgestellt, dass es da ›drüben‹ ein anderes Zeitgefühl gibt. Vielleicht ist es ein Zustand zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ein erhöhter Standpunkt sozusagen.«
»Aber davon abgesehen, diese Stimme, die sich eindeutig auf deine Nichte bezieht, ist für sich genommen schon das Phänomen. Und wenn man den situationsbedingten Rahmen hinzunimmt, ergibt sich für uns die Paranormalität.«
Jochen Brahms, der Arzt für Allgemeinmedizin aus Büdingen meldete sich zu Wort. »Es ist einerseits erschütternd, wenn ich als Arzt von der Polizei gerufen werde, um die Leiche eines siebzehnjährigen Mädchens zu untersuchen, dass bestialisch ermordet wurde, und andererseits nach drei Tagen ihre Stimme auf Tonband höre.«
Er machte eine Pause, sah in die Gesichter der Freunde und fuhr fort. »Im Sommer vor drei Jahren wurde Susanne, ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft und auch noch meine Patientin, von einem psychopathischen Killer mit achtzehn Messerstichen ermordet, sie wurde mehrfach vergewaltigt und so weiter und so weiter, mehr Details will ich nicht mehr nennen. Ich wurde zur Fundstelle gerufen und musste sie untersuchen. Ihr könnt euch vorstellen, welches Grauen mich überkam, als ich sie so im Wald liegen sah und sie als Susanne Dembrecht erkannte. Von ihren Freunden wurde sie Susi gerufen. Ich konnte die nächsten zwei Tage weder essen noch schlafen. Am dritten Tag aber habe ich mein Tonbandgerät eingeschaltet und bat um Kontakt mit Susanne. Mir lief es kalt den Rücken herunter, als ich ihre süße, etwas langsame Stimme hörte: ›hier Susi‹ . Ich fragte, wie es ihr geht und ob sie mir den Namen ihres Mörders nennen kann. ›Susi geht gut hier‹ und nach ein paar Sekunden dann ... ›Goddi ...‹. Gotthard Dimmer, also dieser Goddi war eine polizeibekannter Spanner, der im Verdacht stand, mehrere junge Mädchen vergewaltigt zu haben, dem man es aber nicht nachweisen konnte. Ich habe lange überlegt, ob ich dem Kommissar meine Einspielung mitteilen sollte oder nicht. Ich habe es nicht getan, ich hatte nicht den Mut. Nach vier Wochen aber wurde dieser Gotthard Dimmer festgenommen und später als Mörder verurteilt.«
»Ich kann mich so schwach an den Fall erinnern«, sagte Dieter Schelling, »wieder ein Beweis für die Faktizität der Stimmen.«
»Das muss man sich nur mal vorstellen. Liegt der tote Körper da ... und ein paar Tage später dann ihre lebendige Stimme«, wiederholte sich Jochen.

Gegen halb elf brachen sie auf, jeder fuhr mit einer neuen kleinen Erkenntnis und neuem Wissen wieder nach Hause.
Fünfundvierzig Minuten später war er in Nidderau. Klara schlief schon. Er ging leise in sein Büro, machte eine Flasche Rotwein auf und trank ein Glas. Dann legte er ein Kassette ein und während er genüsslich den Wein trank, hörte er sich Carl Orffs Carmina Burana an.

In der Zwischenzeit hatten sich viele Interessenvereine manifestiert. Überall auf der Welt versammelten sich Menschen, die ebenfalls die Wiederholung der damaligen Sendung über Jürgenson in Schweden gesehen hatten. Sie experimentierten und diskutierten über dieses Phänomen. In Düsseldorf war der größte Verein für dieses Tonbandstimmenphänomen.
Einige Monate später brachte Paul die erste Ausgabe eines Mitteilungsblattes heraus. In diesem internen Blatt konnte jeder seine Einspielungen und Erlebnisse beschreiben. Schon nach wenigen Monaten wurde dieses Blatt in Englisch herausgegeben.

4.

Seit ungefähr dreißig Jahren träumte er immer wieder denselben Traum: Er sah ein totes Babygesicht, das plötzlich die Augen öffnete und sich zur hässlichen Fratze verwandelte. Dann wachte er schweißgebadet von seinem eigenen Schrei auf.
Er erinnerte sich an eine Begebenheit in seiner Kindheit. Da gab es die Geschichte vom Flaschengeist. In seiner Fantasie hatte sich das Bild festgesetzt, dass dieser Flaschengeist sich ausdehnen könnte, um die Flasche zu sprengen. Dahinter verbarg sich eine latente Wut, eine Aggression von großem Ausmaß, die nach Befreiung schrie, die das Glas zersprengen wollte. Er hatte große, unerklärliche Schuldgefühle.
Durch diesen immer wiederkehrenden Traum entwickelten die Psychologen die These, dass Paul in der frühen Kindheit etwas Schlimmes erlebt haben musste. Er habe sie verdrängt, aber das Erlebte arbeite unbewusst weiter, wolle nach oben ins Bewusstsein steigen. Die Psyche jedoch schütze sich davor und hielt es in einer Schublade fest.
Außerdem gab ihnen ein Traum, der immer denselben Inhalt hatte, ein Rätsel auf.
Aber seine Mutter, als sie noch lebte, berichtete ihm, er habe eine normale, liebevolle Kindheit gehabt. Es gäbe nach ihrem Wissen kein Erlebnis, das solch schlimme Alpträume auslösen könne.
Ab und zu kam ihm der Gedanke, dass er vielleicht deshalb enormes Interesse an Verstorbenen hatte, dass er deswegen über das Tonband in ihre Welt eindringen wollte.
Auch Klara beobachtete diese Erscheinung mit großer Sorge. Sie war zwar immer anwesend, wenn er von Alpträumen gebeutelt schreiend aufwachte, konnte ihn zwar auch beruhigen, aber wirklich helfen konnte sie ihm nicht.
Auch seine frühere Verlobte Anne bekam selbst Todesängste, wenn sie ihn so schreien hörte.
Paul dachte an Hypnosesitzungen, die ihm Aufschluss geben könnten, verwarf aber den Gedanken wieder. Spukschloss Seele, sagte er sich. Keiner weiß genau, was in den inneren Tunneln des Unterbewusstseins vor sich ging.
Abgesehen davon ist und bleibt das Leben ein Rätsel, dachte er. Und da er ein Mensch war, der sich nicht damit zufriedengab, einfach dazusein, wollte er wissen, was nach dem leiblichen Tod kam.
Da verfolgte er eines Tages eine Fernsehsendung, als ein deutsches Team nach Schweden fuhr und diesen Jürgenson besuchte. Er war wie elektrisiert, einen Blick in jene Welt zu werfen, von der niemand etwas wusste, viele aber daran glaubten, oder glauben wollten, dass es sie gibt.
Paul war davon überzeugt, dass es sie gibt, diese Sphäre der Geistigkeit nach dem Tod. Er war fest davon überzeugt, dass es hier auf dieser Welt keine Sinnlosigkeit gibt, dass alles seinen Sinn hat, und sei er noch so grausam. Er konnte anderen Menschen einen Trost geben, wenn sie jemanden verloren haben oder wenn sie an ihren eigenen Tod dachten. Und dieser Trost bestand in ganzen vier Worten: Das Leben geht weiter. Die Stimmen, die er und viele seiner Freunde auf dem Tonband festhielten, waren ein Anscheinsbeweis.
Raudives Einspielungen wurden von 2 wissenschaftlichen englischen Gremien unter strengsten Bedingungen untersucht und für paranormal erklärt: Angesichts der Ergebnisse der Tests findet etwas statt, was wir mit unseren normalen physikalischen Begriffen nicht erklären können. Die Stimmen waren Fakten, die Interpretationen blieben offen. Betrug wurde durch die Tests ausgeschlossen.
Auch für Paul gab es nur eine einzig mögliche Interpretation, nämlich dass es die Verstorbenen sind, die sich manifestieren. Wer sollte es denn sein? Wer als die uns bekannten Toten konnte sich mit Namen und Informationen melden und sich dadurch zu erkennen geben!?

Paul erinnerte sich. Im Ladengeschäft in Frankfurt passierte im Frühjahr eines der zeitübergreifenden Phänomene. Paul saß im vierten Stock in seinem Büro. Zu dieser Zeit wurde unten auf der Straße das Pflaster herausgerissen und erneuert. Dadurch drangen die Geräusche der einzelnen Maschinen, Kräne und Motoren und Arbeiterstimmen auch zu ihm hinauf. Er ließ sich trotzdem nicht davon abhalten, auch dort in seinem Büro Tonbandstimmeneinspielungen zu machen.
Es war am 22. August 1976, einem regnerischen Tag, als er das Band einschaltete und ins Mikrophon sprach: »Kann ich Konstantin Raudive sprechen?«
Konstantin Raudive, 1974 gestorben, war einer der ersten Tonbandstimmen-Forscher neben dem Schweden Friedrich Jürgenson , also eine Koryphäe und ein Avantgardist der Forschung.
Paul spielte drei Stimmen ein. Erst hörte er eine Männerstimme: ›Konstantin Raudive‹, dann eine Flüsterstimme ›Konstantin‹ mit Betonung auf ›Ko‹ und dann: ›ja, ich bin da‹.
Er trug die Einspielung mit den genauen Daten, Datum, Uhrzeit, Bandlaufnummer und Bandnummer in sein Buch ein.
Er tippte diese Einspielung in die Schreibmaschine und ließ sie in der nächsten Ausgabe seines Mitteilungsblattes als Erlebnisbericht veröffentlichen. Der Text lautete wie folgt:

»Am 22. August 1976, um 12.45 Uhr machte ich in meinem Büro in Frankfurt/Main Einspielungen. Unten auf der Straße befand sich eine Baustelle mit ihren diversen Geräuschen. Ich rief Konstantin Raudive an. Kurz darauf brachen 3 Stimmen ein: 1) ›Konstantin Raudive‹, eine dunkle Männerstimme. 2) eine Flüsterstimme: ›Konstantin‹ mit der Betonung auf Ko und 3) eine Männerstimme: ›ja ich bin da‹. Es blieben auf Grund der lauter werdenden Baustellengeräusche weitere Einspielungen ergebnislos.«

Das Mitteilungsblatt erreichte nun auch ausländische Forscher und Experimentatoren, die die Erfahrungen der Kollegen zur Kenntnis nahmen und auch selbst Mitteilungen machten, die veröffentlicht wurden.
Im September 1976 bekam Paul Post. Er öffnete den dicken Umschlag und entnahm ihm einen Brief und eine kleine Kassette. Der Absender war der Engländer Antony Hall aus Bridlington in Nordengland. Darin schrieb er, dass er am 23.August 1976 um 18. Uhr eine Einspielung gemacht hatte (Dialogexperiment, das heißt direkte Antwort) und den Inhalt zunächst nicht einordnen konnte. Er wollte Kontakt mit Konstantin Raudive, und eine sehr laute und deutliche Stimme brach durch: ›muss Raudive an der Baustelle warten oder wartet‹. Er konnte mit dieser Aussage zunächst nichts anfangen. Nachdem er später in besagtem Mitteilungsblatt des Interessenvereins Pauls kurzen Bericht gelesen hatte, wusste er Bescheid. Konstantin Raudive nahm Bezug auf eine damalige Einspielung in Frankfurt unter den störenden Baustellengeräuschen.
Paul staunte. Er ging in die Küche und brühte sich einen neuen Tee auf. Dann legte er die Kassette in sein Radiofach und drückte auf Play. Er hörte die englischsprechende Stimme von Antony Hall und dann eine sehr laute und deutliche Stimme inmitten von kratzenden Radiogeräuschen: ›muss Raudive an der Baustelle warten‹!
Da wollte er am 22.August 1976 in Frankfurt Kontakt mit Raudive haben, und am dreiundzwanzigsten August meldet sich dieser tote Raudive an der Nordostküste Englands einem anderen Mensch und verweist auf die Baustelle, an der er warten musste.
Das würde er in der nächsten Versammlung in Wiesbaden vorspielen, es war einfach phänomenal! Das Dialogexperiment, also die direkte Antwort ist wie ein Telefongespräch. Antony Hall spricht ins Mikrophon und hört sofort die Antwort aus dem Radio; und alles wird aus Gründen der Nachprüfung auf Tonband aufgenommen.

Sie hatten sich an einem Freitagabend bei einem guten Essen im italienischen Restaurant ›Da Nino‹ wieder über die Stimme von Sarah unterhalten. Für Klara war es ein immerwährendes Thema geworden, obwohl sie stets mit sehr gemischten Gefühlen daran dachte. Paul trug das Argument vor, man solle diesen damaligen Freund ihrer Schwester irgendwie ausfindig machen.
»Das wird schwer. Ich weiß nur noch, wie der Ort hieß, in dem wir Urlaub gemacht hatten, es war eine kleine private Pension in der Nähe von Bern, Ostermundigen hieß er. Wir sind fast jedes Jahr dorthin gefahren. Meine Eltern und die Wirtsleute hatten sich im Laufe der Zeit angefreundet.« Sie stocherte mit der Gabel auf dem Salatteller herum. »Außerdem war es billig.«
»Die Wirtsleute gibt`s wahrscheinlich nicht mehr, oder?«
»Die sind Jahre später gestorben.«
»Und dieser Äppli, du erinnerst dich an ihn?«
»Ja, er war ein reizender Junge, ein, zwei Jahre älter als Sarah. Auch ich hab mich in ihn ein bisschen verliebt. Aber Sarah war richtig verknallt in ihn. Er kam fast täglich mit dem Fahrrad nach Ostermundigen, und die beiden trafen sich heimlich. Meine Eltern durften nichts wissen davon. Ich verstehe, dass es andere Beweise geben muss, damit die Sache richtig untermauert ist. Aber ich glaube nicht, dass wir ihn aufstöbern können.«
»Gibt es Briefe von ihm?«
»Ich weiß nicht. Ich habe damals, als ich das Haus verkaufte, alle persönlichen Sachen in einen Koffer gepackt. Ich konnte sie nicht wegwerfen, konnte sie aber auch nicht mehr sehen, das tat so weh, verstehst du?«
»Also besteht die Möglichkeit, dass es Briefe gibt von diesem Äppli. Wenn wir sie finden, untermauern wir unsere These, dass es Sarah ist, die sich gemeldet hat. Würdest du ... oder hättest du die Kraft, in dem Koffer nachzusehen?« Er nahm einen Schluck Wein.
Klara stocherte weiter auf ihrem Teller herum. »Ich kann mich erinnern, dass meine Schwester damals ein Tagebuch geführt hatte. Ob es noch vorhanden ist, weiß ich nicht.« Sie trank auch einen kleinen Schluck Rotwein. Ihre Wangen hatten eine rötliche Farbe.
Paul nahm ihren Kopf in beide Hände und küsste sie: »Du siehst unglaublich sexy aus ... wenn du Rotwein getrunken hast, ich könnte dich jetzt hier im Lokal ...«
»Klar! Wenn sie in diesem Tagebuch ihren Äppli erwähnen würde, wären wir einen großen Schritt weiter«, ignorierte sie schamhaft seine Bemerkung.
Der Kellner fragte, ob er noch eine Flasche Wein bringen sollte. Paul schüttelte den Kopf. Aber die Rechnung könne er bringen.

Kaum hatten sie die Haustüre geschlossen, schob er ihren Rock nach oben. Klaras Reaktion war ein herzhaftes Quieken, was ihn noch mehr antörnte. Er hob sie hoch, warf sie über seine rechte Schulter und trug sie ins Wohnzimmer und legte sie auf den Teppich.
Sie lachte laut. »Lass uns ins Bett gehen, Paul, bitte ...«
»Nein, hier bleibst du jetzt ...«, befahl er, und seine Stimme hörte sich an, als wäre Widerspruch sinnlos.

Etwa eine Stunde später ging Paul in sein Arbeitszimmer, allerdings nicht der Tonbandstimmen wegen, sondern weil er auch noch einige Büroarbeiten für seine Läden zu erledigen hatte. Er schrieb ein paar Überweisungen für morgen und überprüfte seine Kontoauszüge, wobei für einige Momente seine gute Laune verschwand.
Sein Büro war dreißig Quadratmeter groß. Der riesige Schreibtisch aus 1,5 cm dickem Glas stand vor dem Fenster. Rechts standen seine Tonbandmaschine, zwei Lautsprecher und das Mikrofon. In der Mitte stand die Schreibmaschine. Links war ein freier Platz für sonstige Papiere, für seine Teetasse, das Telefon. Die Wände waren weiß getüncht. Bis auf fünf Worpsweder Keramikplatten und einem eingerahmten Spruch (Der Himmel hilft niemals solchen, die nicht handeln wollen, Sophokles 497-406 v.Chr.), sowie 3 Kupferstiche Tee aus dem Jahr 1790, waren sie ohne Behang. Linker Hand von der Eingangstüre stand ein großes Regal für seine Ordner. Auf einem kleineren Glastisch links befand sich das Faxgerät und der Fotokopierer. Als Lichtquelle dienten drei Bürolampen auf den Tischen.

Klara beschäftigte sich mit dem Gedanken, den alten Koffer zu öffnen - und die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen. Zuerst aber dachte sie an den Liebesakt im Wohnzimmer auf dem Teppich. Er kam ihr etwas gewaltsam vor, aber nicht unbedingt unangenehm.
Sie ging nicht gleich auf den Dachboden, sondern setzte sich ins Wohnzimmer und überlegte. Sie musste die Barriere in ihrem Kopf überwinden, das war wichtig, für sie selber und auch für Paul. Je größer die Wahrscheinlichkeit war, dass Sarah zu ihr gesprochen hatte, desto kleiner wurde der Schmerz der Trennung, den sie neunzehn Jahre in sich hatte. Sarah lebt weiter, sagte sie sich immer wieder, sie hat sich gemeldet und sich zu erkennen gegeben mit dem Stichwort Äppli. Dreiunddreißig müsste sie jetzt sein. Seit dem Tod der Schwester erinnerte sie sich neunzehn Jahre lang an sie in einer trauernden Stille. Sarah existierte nur noch in Gedanken. Und jetzt plötzlich war sie wieder irgendwie existent!
Wer sollte das auf dem Tonband sonst gewesen sein? Wer?
Sie ging in den ersten Stock. Von da aus gelangte sie zum Dachboden, der als kleiner Stauraum genutzt wurde. Sie öffnete die Eingangsluke, holte die ausziehbare Leiter herunter und kletterte nach oben. Der Stauraum war niedrig, und sie musste sich bücken, um ein paar Meter zu den Koffern zu gelangen. Sie sah diesen rotbraunen Koffer auf den ersten Blick. Sie hatte damals jene letzten persönlichen Sachen hineingetan, die sie nicht wegwerfen, die sie aber auch nicht mehr betrachten konnte. Sie angelte den total verstaubten Koffer hervor und schleppte ihn zur Leiter. Dann stieg sie wieder vorsichtig herunter, ging ins Wohnzimmer und legte ihn auf den Fußboden. Es war kurz vor dreiundzwanzig Uhr. Klara wischte den Staub und ein paar Spinnenweben ab und öffnete ihn. Vor ihr lagen die kärglichen Überreste eines vierzehnjährigen Lebens. Es waren Zeugnisse, Briefe, Sarahs Geburtsurkunde, ihr Kinderausweis, Freischwimmerzeugnis, ein paar Fotos von ihnen beiden und von der Schulklasse, und den »Silvia-Roman«, den sie zuletzt gelesen hatte.
Klaras Hände zitterten, als sie es sah. Es war ein rotes kleines Büchlein. Sie nahm es heraus, setzte sich auf die Couch und schlug es auf. Auf der Innenseite des Deckels stand mit verblasster Tinte in Sarahs Handschrift »Tagebuch von Sarah Schuster«, dann auf der rechten ersten Seite die Jahreszahl 1960. Da war sie dreizehn Jahre alt, dachte Klara. Sie konnte sich erinnern, dass sie sich gerne ins Zimmer zurückgezogen hatte und ins Tagebuch schrieb. Das war ihre kleine intime Welt, da standen mit Sicherheit ihre geheimen Gedanken, die selbst Klara nicht wissen durfte, und sie wollte sie auch heute noch nicht lesen. Sie blätterte weiter, sah die kleine nach links gerichtete Handschrift, suchte nur nach einem Namen, suchte nach Äppli. Die Buchstaben kamen ihr verschwommen vor, und es war schwer, sie zu übersehen und den Inhalt nicht wahrzunehmen. Sie spürte, wie ihre Augen nass wurden, und sie blätterte weiter. Plötzlich schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, ihre Schwester könne sie beobachten. Sie hielt für einen Moment inne, dann blätterte sie weiter. Erst sind es Wortfetzen und Daten - dann kam sie nicht umhin, ganze Sätze zu lesen:

Mutti will mir ein neues Kleid kaufen, aber Papa sagt, er habe jetzt kein Geld.
Meine Noten sind nicht besonders gut, in Mathe könnte ich besser sein, aber ich hab keine Lust. Sie drohen mir mit Hausarrest, wenn ich mich nicht bessere.
Klara hat mich verpetzt bei Mutti

Was könnte das wohl gewesen sein, da sie es nicht ausgeschrieben hat, fragte sich Klara.

30.Juli 60. Hab gestohlen, hab Mutti 5 Mark aus der Geldbörse gestohlen weil ich Mitleid hatte mit den Justus Kindern, hab ihnen was zu Essen gekauft.

Oh Gott, dachte Klara, was war das damals für ein Theater, weil Mama fünf Mark fehlten. Ich habe nicht ahnen können, dass es Sarah war, und erst recht nicht, dass sie anderen damit geholfen hatte. Die Justus Kinder waren sehr arm, hatten kaum was zu beißen. Fünf Mark waren damals viel Geld, wenn man bedenkt, dass ein Arbeiter vielleicht achtzig Mark Wochenlohn hatte. Es hat nicht viel gefehlt, dann hätten wir gewaltigen Ärger bekommen. Aber letztendlich glaubte Mutter, sie habe das Geld selbst verloren.
Unter dem 1.August hatte Sarah plötzlich ein flammendes Herz gemalt.

3.August. Die Ferien sind zu Ende. Unser Urlaub in Ostermundigen war herrlich!

Wieder ein flammendes Herz, und Klaras Herz begann zu rasen. Sie blätterte die Seite um.

Ein neuer Junge in der Parallel-Klasse, Albert. Er schwärmt von meinem Schwesterherz. Er ist ein bisschen eigenartig.

Klara entsann sich. Albert war zwei Jahre älter als Klara, weil er sitzengeblieben war, außerdem stotterte er und war außergewöhnlich nervös.

8. August. Wie schön ... Ich denke immerzu an Äppli.

Klara stockte der Atem.

1.September. Die Eltern machen einen Aufstand, weil wir bis 10 Uhr wegwollten. Um 8 müssen wir daheim sein.
4.September 1960, Äppli hat geschrieben, ich hab den Brief zehnmal gelesen und ihn unter mein Kopfkissen gelegt, Äppli ist soooo süß.

Sie legte das Tagebuch zur Seite. Wir brauchen diesen Äppli gar nicht zu suchen, dachte sie, wir haben den Beweis in Sarahs Tagebuch. Nach ein paar Minuten stand sie auf und ging mit dem Tagebuch in Pauls Arbeitszimmer.
Er hatte seine Kopfhörer wieder aufgesetzt und lauschte und schrieb. Sie berührte ihn vorsichtig an der Schulter. Paul drehte sich um und nahm die Kopfhörer herunter.
Klara legte den Beweis aufgeschlagen vor ihn hin. »Lies!«
Paul sah den Satz und nickte. »Voller Erfolg. Wir brauchen nur noch den Brief.«
Sie setzte sich auf den Stuhl. »Und wenn sie ihn zerrissen hat? Aus Angst vor den Eltern? Unser Vater war streng.«
»Ich glaube nicht mal, dass sie ihn zerrissen hat, Schatz. Vielleicht gut versteckt. Wir sollten ihn finden. Das Tagebuch an sich ist schon zweifellos ein gutes Indiz, aber der Brief wäre in diesem Zusammenhang der hundertprozentige Beweis.«
Klara musste ihm zustimmen. Sie musste in dem Koffer weitersuchen.
Während sie ins Wohnzimmer zurückging, bekam sie plötzlich wieder Schuldgefühle. Sie hatte sie jahrelang unterdrücken können, aber in dem Moment tauchten sie wie Kobolde aus der Schublade auf, jener Schublade, die Paul mit den Stimmen einen Spalt geöffnet hatte. Sie setzte sich auf die Couch. Schuldgefühle, weil sie, Klara, lebte und Sarah tot war? Schuldgefühle, weil die letzte Erinnerung ein hässlicher Streit war, bevor Sarah starb?
Und wieder kehren die Bilder von damals in ihr Gedächtnis zurück. Der Vater war mit Sarah und zwei Freundinnen (Anna und Ilona) am 17. August 1961 zu den Kahler Seen gefahren. Sarah musste beim Schwimmen einen Herzstillstand bekommen haben, wie die Ärzte später feststellten. Ihre Freundin Anna sah nur, wie sie plötzlich nicht mehr an der Stelle im Wasser war, an der sie noch eben gewunken hatte, etwa 20 Meter vom Ufer entfernt. Erst hatte Anna geglaubt, sie tauche, aber nach etwa 5 Minuten war sie immer noch nicht sichtbar. Der Vater kam gerade mit ein paar Bechern Limonade zurück, und Anna sagte es ihm. Die restlichen Ereignisse, wie man Sarah barg, wie sie und die Mutter davon erfuhren, verschwanden so tief in ihr Unterbewusstsein, dass sie keine Erinnerung mehr hatte.
Sie brühte sich einen neuen Tee auf, und während der fünf Minuten Ziehdauer stand sie in der Küche, ihre Gedanken fanden keinen Ruhepunkt mehr.
Und es sollte noch eine Überraschung geben!

Copyright © 2009 by Dietmar Kottisch

Siehe auch HIER (Mythen & Wirklichkeiten)

und Leseprobe II

 

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