Ca. 150.000 Jahre in der Zukunft.
Die Völker der Milchstraße führen seit dem Ende der Separationskriege ein beschauliches Leben. Unter der Regentschaft des Hauses Bolando und der nominellen Republik geht alles seinen gewohnten Gang, bis unerklärliche Phänomene und seltsam beängstigende Vorgänge die Ruhe stören. Zunächst betreffen die beunruhigenden Geschehnisse nur Jene, die als Raumpiloten die Tiefräume befahren. Doch nach und nach häufen sich die Berichte über seltsame Sekten und Kulte, die auf verschiedenen Welten immer größeren Zulauf erhalten. Der Kaiser beginnt seine Flotte aufzurüsten und auch die kleineren Adelshäuser treffen Vorkehrungen ihre Schiffe stärker zu bewaffnen.
Die Fays – riesige Hyperraumtore – scheinen eine zentrale Rolle in all den verstörenden Ereignissen zu spielen. Diese uralten Objekte, deren Herkunft umstritten ist, bergen zahllose Geheimnisse und werden von Vielen nicht ohne Grund gefürchtet, auch wenn sie bislang für die Raumfahrt unabkömmlich waren.
Schon seit langem glauben die Bewohner Valongatus, dass Schanor der Große, der einstige Herr dieses Sternenreiches, seine Rückkehr vorbereitet hat und dass diese Zeit nun gekommen ist. Obwohl dieser Tyrann nur noch als Sagengestalt in alten Überlieferungen Erwähnung findet, deuten doch alle Anzeichen darauf hin, dass in all den Legenden, mehr als nur ein Funken Wahrheit steckt. Vieles deutet darauf hin, das Schanor wiederkehren wird und seinen Herrschaftsanspruch erneuern könnte ...
Abenteuer ... Nea hat dafür keinen Sinn. Seit fast zwei Jahren steht die STORMER, ihr Raumschiff, auf dem Raumhafen von Sculpa Trax. Nacht für Nacht wird sie von entsetzlichen Albträumen gequält, ohne den Grund dafür zu finden.
Sam Weylik, ihr Vorgesetzter und Ziehvater, teilt ihr leichtere Einsätze zu, die bei ihr nur verstärken, was auch bei anderen offensichtlich ist: Raumfahrer jeder Gattung werden von Wahnvorstellungen geplagt und verlieren nach und nach den Verstand - auch ihre Freunde um Clenn Tapolius, der einen mysteriösen Auftrag erhält. Ein im Meer versunkenes Raumschiff soll geborgen werden, das alles andere als leicht zugänglich ist und von dem sonst niemand etwas wissen will.
Unverständlich erscheint Nea die Gier ihres Kumpan Giro Sanders nach Eskapaden. Er schließt sich dem zwielichtigen Geschäftsmann Peer Tippo an, der mit Neas Hilfe ein geheimnisvolles Artefakt der glorreichen Vergangenheit Valongatus transportieren soll. Graf Ganima, der Auftraggeber, macht Nea gegenüber seltsame Andeutungen bezüglich ihrer Herkunft.
König Fidor I. gibt ein überdimensioniertes Raumschiff in Auftrag, das nur so vor Artillerie strotzt - ohne dass ein Angriff fremder Mächte abzusehen ist. Währenddessen kommt der Verkehr zwischen den Welten grundlos zum Erliegen.
Die Hauptprotagonistin Nea
Nea ist eine junge Frau von 150 Jahren (die Lebenserwartung für Menschen in Valongatu liegt bei 600 Jahren).
Sie arbeitet als Mechanikerin auf dem Raumhafen Sculpa Trax, der größten Werft-Welt Valongatus. Auf dem Raumhafen kümmert sie sich um die Reinigung und »Sterilisierung« von Raumschiffen, die allerlei Fremdorganismen von den verschiedensten Welten mit sich tragen. Eine Arbeit die durchaus gefährlich werden könnte, denn Nea mochte für viele Schiffsparasiten ein willkommener Leckerbissen sein.
Nea verfügt allerdings über ausgeprägte und äußerst ungewöhnliche Instinkte und Fähigkeiten, die sie auch für ausgefallenere Tätigkeiten prädestinieren, die sie für die Zefren Company (ZEFCO) durchführt. Bei den gefährlichen Aufgaben steht ihr dabei Ogo (O.G.O. - Oswald Georg Ohan – robotic industries), ein telepathisch begabter Roboter, zur Seite.
Diese speziellen Aufträge führen Nea oft zu seltsamen Orten, an denen geheimnisvolle Kräfte mächtig sind. Keinesfalls ungefährliche Artefakte aus ferner, mythischer Vergangenheit sind es, mit denen es Nea zu tun hat und zu denen sie eine unerklärliche Verbindung empfindet.
Sculpa Trax ist natürlich auch ein Umschlagplatz für Informationen, Klatsch und mehr oder minder glaubwürdigen Geschichten. Allerdings stellt Nea bald fest, dass viele Gerüchte einen wahren Hintergrund haben und eng mit ihrer eigenen Existenz verknüpft sind.
Leseprobe aus dem Teil 6
Die Geschütze feuerten nicht mehr. Das Schlachtgeschehen war zum Stillstand gekommen. Gefechtsformationen, eben noch dem Feind entgegen jagend, in der Bewegung erstarrt. Die kleineren Jagdmaschinen und Kampfschiffe begannen, wieder zu ihren Trägerschiffen zurückzukehren.
Die Promentory hing vor der Tiefe des Alls wie eine gewaltige Drohung aus Metall. Auf den bizarren Aufbauten reflektierte das weiße Licht der nahen Baythorsonne. Umringt von einem Schwarm großer Schlachtschiffe, die sich im direkten Vergleich zu Schanors Flaggschiff winzig ausnahmen, wirkte die Promentory wie eine Bienenkönigin umgeben von ihrem Hofstaat.
Schweigend betrachtete Nea den lautlosen Reigen. Noch Minuten zuvor wanden sich beide Flotten in einer tödlichen Umarmung und nun schienen sie voneinander abzulassen.
Nea wendete sich dem würfelförmigen Balori zu, dass sich im Zentrum der Brücke erhob. Es glühte voller Erwartung und pulsierte, als schlüge in seinem Inneren ein kraftvolles, ungestümes Herz.
»Nein!« Sam Weylik stellte sich vor den goldglänzenden Quader. »Nein, tu es nicht.«
»Es ist eine Einladung.« widersprach Nea »Sollte ich es verweigern, meinem Feind ins Angesicht zu sehen?« Ihr Blick wanderte zu van Veyden hinüber, aber der Alte stand nur da, starrte auf den Boden und vermied es, durch das breite Brückenfenster zu schauen.
»Er will dich töten«, beharrte Sam. Sein breites Gesicht zeigte tiefe Sorge und solange Nea zurückdenken konnte, war seine Sorge immer tief und aufrichtig gewesen; selbstlos, allein auf Neas Wohl ausgerichtet. Sam war ihr in all den Jahren so gut wie ein leiblicher Vater gewesen.
»Lass mich«, sagte Nea und legte allen Nachdruck in ihre Stimme »Sieh dir doch Schanors Übermacht an. Er könnte uns zerquetschen, uns vernichten, aber stattdessen gewährt er mir einen Besuch auf der Promentory. Geh zur Seite.«
Sam seufzte, folgte ihrem Befehl und ging brummend aus dem Weg.
Nea trat an das Balori heran, berührte es und sofort tauchte sie in die seltsame Zwischenwelt ein, die das Objekt für sie öffnete. Nea wusste genau, wohin sie wollte, und vollzog beherzt einen geistigen Schritt nach vorne.
Unvermittelt tauchte sie in einem großen Saal im Inneren der Promentory auf. Sie fühlte Sams große Hände, die noch auf den Schultern ihres wirklichen Ichs auf der Ivory lagen.
»Ich verlasse dich nicht.« hörte sie ihn noch sagen, dann verhallten seine Worte wie ein fernes Echo.
Nea sah sich um. Im Halbdunkel der großen Halle konnte sie unzählige Körper unterschiedlichster Formen erkennen. Menschliche, nichtmenschliche, reptilienartige, insektenförmige und solche, die man nicht näher beschreiben konnte. Alle schienen in einer Art Stasis gefangen und waren umgeben von einem schwach schimmernden Kraftfeld, das die Konturen der Gestalten verzerrte. Nea hatte den Eindruck, als befände sie sich in einem grotesken Kuriositätenkabinett.
Sie zog die Vibroklingen und aktivierte die verborgenen Strahlenwaffen in ihrem Panzeranzug. Nicht zu spät. Unvermittelt sauste ein Schuss an ihrem Kopf vorbei, einen Weiteren konnte sie gerade noch mit den Armschienen parieren. Ein insektoides Wesen war urplötzlich zum Leben erwacht, doch bevor Nea den Angriff erwidern konnte, bemerkte sie eine weitere Bewegung neben sich. Ein schleimiges, wurmartiges Geschöpf schnappte fauchend nach ihr. Nea rollte zur Seite und hieb den glitschigen Leib entzwei. Zwei Schüsse prallten an ihrem Rückenpanzer ab, ein ungewollter Salto schleuderte sie nach vorne. Sie schlitterte quer über den glatten Boden. Plötzlich sprang ein hünenhafter, ganz in Silber gepanzerter Affe auf sie zu. Seine Hände steckten in metallenen Handschuhen, die mit gekrümmten Klauen versehen waren. Neas gezielte Salven rissen den Kopf vom Rumpf des Gegners. Doch schon wurde sie von den Füßen geworfen und schleuderte sie abermals quer über den polierten Boden. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Leben in ein riesenhaftes Reptil kam. In eine grobe Rüstung gehüllt, die scheinbar aus den Überresten eines Panzerfahrzeugs gefertigt war, polterte es plötzlich heran, bereit, sie mit einer gewaltigen Keule zu zerschmettern.
Nea fing sich, sprang auf, rannte dem Wesen entgegen, sprang in die Höhe und hieb ihm beide Arme ab, ehe seine Waffe auf sie herabfahren konnte.
Die Wucht ihres eigenen Schlages warf Nea zu Boden. Der gewaltige Leib krachte donnernd hinterher, wie ein einstürzendes Gebäude Keramikplatten splitterten, der Boden barst unter Neas Füssen. Mühevoll rappelte sich Nea wieder auf. Für einen Augenblick schien ihr Gegner irritiert. Nea sah, wie einzelne Körper zitterten und wieder erstarrten, als fege ein Windstoß durch einen Wald.
»Du springst von Körper zu Körper«, keuchte sie »hast du deinen einstigen Leib verloren?«
»Er war mir nicht mehr nütze«, vernahm sie ein Flüstern. Es war eine wohlklingende, junge Stimme, klar und rein. Noch stand Nea schwankend auf ihren Beinen, als sich ihr ein Mann näherte, schön wie ein junger Gott aus der Antike der alten Erde. Schulterlanges, blondes Haar umrahmte ein ebenmäßiges, schmales Gesicht, aus dem sie strahlend blaue Augen ansahen. Sein Blick war sanft und klug, sinnlich und kühl zugleich und traf Nea wie ein Pfeil mitten ins Herz. Der Junge trug lediglich ein einfaches, weißes Gewand, das nur einen Teil seines athletischen Körpers verbarg. Seine Bewegungen waren sicher und kraftvoll und die eines Tänzers oder eines Kriegers. Nea keuchte erstaunt und bemerkte nicht die lange, dünne Klinge, die der Jüngling in der Hand hielt, bis ein Hieb ihre Stirn traf.
Auf der Brücke der Ivory fühlte Sam Weylik, wie ein Zittern durch Neas Körper ging. Eine klaffende Wunde manifestierte sich auf ihrem Originalkörper. Hellrotes Blut rann in einem dicken Schwall über ihr Gesicht. Ihre weit aufgerissen Augen starrten blicklos ins Leere.
»Nea komm zurück!«, schrie Sam und rüttelte an ihren Schultern. Aber Nea hatte das Geschehen nicht mehr unter Kontrolle. Das Balori zog sie allmählich auf die andere Seite. Sam fühlte, wie unter seinen Händen das Leben aus Neas Körper wich.
»Holen Sie sie zurück!«, kreischte van Veyden, der sich aus seiner Starre gelöst hatte. Er trat an Sam heran. »Schnell! Sie verliert sich. Sie wird vollständig hindurchgehen.«
Nea taumelte und hob ihre Hand an die blutende Stirn. Der Junge blickte sie mit seinen betörenden Augen an, senkte sein Schwert und schien zu erstarren. Der Blick brach sich, als sähe er an Nea vorbei.
»Dein Tod würde mich nicht glücklich machen«, wisperte eine helle, kindliche Stimme.
Nea wirbelte herum, hob instinktiv die Vibroklingen und sah hinunter auf ein kleines Mädchen in einer schlichten, grauen Uniform. Die langen schwarzen Haare waren zu einem Schopf gebunden, ein silbriger Reif glänzte auf der Stirn des Mädchens. Die kindlichen, grünen Augen musterten Nea, die zu keiner Regung fähig war. Der Anblick war verwirrend, und obwohl eine eindeutige Bedrohung von der Kleinen ausging, war Nea doch nicht imstande, die summenden Klingen auf das Mädchen herabsausen zu lassen. Auch dann nicht, als das Kind die Hand hob und eine Pistole auf Nea abfeuerte.
Der Schlag traf Nea hart, aber noch ehe sich die Wunde manifestieren konnte, war sie auf die Brücke der Ivory zurückgefallen und brach in Sams Armen zusammen.
»Wir können nicht gewinnen«, stammelte Nea entsetzt »Er ist zu mächtig. Er ist zu mächtig!«
Im All nahmen die Schlachtschiffe wieder ihre Angriffspositionen ein, die Geschütze erwachten zu neuem Leben. Unmittelbar danach wurde die Ivory von schweren Treffern geschüttelt.
Die Geheimnisse des Kaday - Leseprobe
Die Sonne war gerade aufgegangen, als Ogo die Rampe herunterging, das Gewehr im Anschlag.
Yazeena und die anderen folgten mit gezogenen Waffen.
Die Geräusche des Dschungels drangen mit Wucht an ihre Ohren. Kreischende Vögel, das Summen und Zirpen zahlloser Insekten. Die Luft war noch nachtfrisch, aber man fühlte bereits die warme Feuchtigkeit, die bald schwer in ihr lasten würde, je weiter es auf den Mittag zuging. Die Sonne beschien schon die Flanke eines steil aufstrebenden Turmes, der wie ein gedrungener Obelisk wirkte. Er glänzte wie stumpfes Silber und reflektierte das helle Morgenlicht.
Otis wies mit einem Kopfnicken auf die vielen seltsam verrenkten Objekte hin, die überall herumstanden wie rostige Denkmäler. Es waren Unmengen kleinerer und größerer Roboter, die entweder umgefallen waren oder unbewegt herumstanden. Mitten in ihren Tätigkeiten waren sie erstarrt und verharrten wohl schon seit Jahrhunderten reglos in ihren Positionen. Sie waren allesamt verrostet und wirkten wie verwitterte Steinfiguren im Park eines alten Schlosses. Überall lagen Maschinenteile herum, Stapel mit korrodierten Metallen, verrottete Werkzeuge, wie Herbstlaub.
Yazeena und ihre Leute schritten stumm und staunend durch diese bizarre Menagerie, bis sie ein tempelartiges Gebäude erreichten, das in feierlicher Erhabenheit vor ihnen aufragte. Sie erklommen die Stufen einer breiten Treppe und gelangten vor den großen Eingang, der dunkel vor ihnen gähnte und ins Innere des Turmes führte.
Es war still geworden. Alle Geräusche waren verstummt. Keine Mücke summte, kein Vogel zwitscherte, es war totenstill. Nur das matte Tappen ihrer Stiefel war zu hören. Die Dunkelheit wurde dichter, als wolle sich die Nacht in die Stollen des Bauwerks zurückziehen. Gerade griff Yazeena nach einer Leuchtfackel, da begann ein schwacher Lichtschimmer das Innere des Gebäudes zu erhellen.
»Eine Einladung!«, scherzte der Akkato Kayth Bagoory.
»Wir würden gerne beim Schiff bleiben«, sagte Varik. Siriya starrte mit großen, furchtsamen Augen auf das breite Portal, das sich vor ihnen auftat, und nickte zustimmend.
Der Akkato grunzte abwertend.
Tam Magua schloss sich den zwei Oponi an. »Ich lege keinen Wert auf weitere Expeditionen.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Wir sollten uns darauf konzentrieren, Vorräte und Frischwasser an Bord zu nehmen und davon absehen, uns unnötig in Gefahr zu bringen.«
»In Ordnung«, stimmte Yazeena bei, »Sou wird ebenfalls beim Schiff bleiben.«
Sou Ossa war erleichtert über diesen Befehl und kam ihm gerne nach. Aber natürlich hatte sie den Wink verstanden, ein wachsames Auge auf den imperialen Offizier zu werfen.
Die Anderen setzten ihren Weg fort und drangen in das Bauwerk ein.
Sie gingen durch weite, geräumige Korridore und große, hohe Hallen. Die ganze Architektur war offenbar darauf ausgerichtet, das Bewegen großer Objekte zu ermöglichen. Dennoch war das Weiterkommen schwierig, denn auch hier standen funktionsunfähige Roboter und halb fertige Maschinenteile im Weg herum, die allesamt scharfe, rostige Kanten besaßen. Alles war von jenem eigenartigen Licht eingehüllt, das Yazeena an die Beleuchtung in den Gewölben von Sculpa Trax erinnerte und keine Schatten warf.
Sie gelangten in eine weite Halle im Zentrum des Turmes. Eine Seite des Bauwerkes war offen, als sei ein beträchtliches Stück der Wand eingestürzt, man konnte den Himmel und entfernte, schneebedeckte Berge sehen. Auch in dieser Halle standen viele Objekte herum, die scheinbar nicht vollendet worden waren. Am augenfälligsten war eine hohe Statue, die im Schneidersitz auf dem Boden saß. Gleich neben ihr stand ein verrotteter Behälter aus einer Art Holz, der ganz offensichtlich für den Transport der Figur vorgesehen war.
»Was mag hier passiert sein«, flüsterte Yazeena.
»Dornröschenschlaf«, bemerkte Otis nachdenklich. Sein Blick verriet Unruhe und Unbehagen.
Yazeena kannte das alte Märchen, nickte stumm, ging weiter und ließ den Blick durch den Raum schweifen, bis er an einem großen Tank hängen blieb, der wie eine Flasche wirkte, die man auf den Hals gestellt hatte. Davor befand sich eine schlichte Apparatur mit zwei Hebeln, die einlud, sie zu betätigen.
»Ich bin zwar kein Prinz«, scherzte Yazeena, »aber mal sehen, ob es mir gelingt, das Schloss von seinem Fluch zu befreien.«
»Gehen wir lieber zurück zum Schiff«, wendete Otis ein. »Hier gibt es nichts zu entdecken.« Aus seiner schwankenden Stimme war deutlich die Furcht herauszuhören.
Als hätte sie ihn nicht gehört, ging Yazeena mit energischen Schritten auf die Hebel zu, stellte sich auf ein niedriges Podest davor und umfasste die beiden Hebel. Mit aller Kraft zog sie daran, bis sie sich knirschend bewegten und mit einem scharfen Klicken einrasteten.
Yazeena wartete darauf, dass sich irgendeine Apparatur rumpelnd in Bewegung setzen würde, doch nichts geschah. Nicht das leiseste Geräusch war zu hören.
Yazeena hob enttäuscht die Augenbrauen und wollte sich abwenden, aber sie konnte die Hände nicht von den Griffen lösen, gerade so, als verkrampfe eine elektrische Spannung ihre Finger. Plötzlich schwanden ihr die Sinne und mit einem Schrei sank sie in tiefe Dunkelheit.
Es war Nacht, als Yazeena erwachte. Sie öffnete die Augen und blickte hinauf zu den Sternen. Der Himmel war klar und der Spiralnebel Valongatus überdeutlich zu sehen. Es war warm, die Luft klar und rein. Yazeena sah Funken, die in die Höhe wirbelten, roch und schmeckte den Rauch und fühlte die Wärme eines kleinen Feuers in der Nähe.
»Sie ist aufgewacht«, flüsterte eine der Tengiji, woraufhin eine andere Yazeena einen Schluck Wasser einflößte.
Mühsam setzte sich Yazeena auf. Nolan Otis und die zwei Oponi traten näher.
»Was ist passiert?« Sie betastete einen Verband, der fest um ihre Stirn gebunden war. »Warum bin ich hier draußen?«
»Hier ist die Luft besser«, erklärte Otis. »Und das ist passiert«, er tippte gegen seine Stirn, »als du umgefallen bist. Ich konnte nichts tun, das ging alles zu schnell. Aber das wirklich Bemerkenswerte befindet sich da drüben.« Er deutete hinüber zu den Stufen, die zum Eingang des Turmes führten, und reichte Yazeena ein Nachtsichtgerät.
Sie spähte hindurch und suchte die blau eingefärbte Welt nach etwas Ungewöhnlichem ab. Sie sah die vielen Roboter reglos in der Dunkelheit herumstehen, bis sie eine Bewegung wahrnahm. Irgendetwas duckte sich hinter einer Säule, nahe beim Portal des Turmes. Es war nur für einen Moment zu sehen und hielt sich verborgen. Yazeena konnte nichts erkennen, aber sie spürte deutlich, dass sie beobachtet wurde. Ein Stich führ ihr durch den Schädel, die Nachtbrille entglitt ihren Händen.
»Was ist das?« Mühsam gewann Yazeena ihre Fassung wieder und schob sich auf die Knie. Sie scheuchte die Tengiji beiseite, die sie stützen wollten, und bohrte ihren Blick in die Dunkelheit, als könne sie das Wesen, das da in der Schwärze am Fuß des Gebäudes hockte, auf diese Weise ans Licht zerren.
»Ein Guthrik würde ich sagen«, antwortete Otis gelangweilt und zog ein Stück Fleisch an einem Spieß aus dem Feuer. »Ich hatte dich gewarnt.«
»Ich würde ihn abknallen«, knurrte der Akkato.
»Nein!«, kam es zugleich aus Yazeenas und Otis Mund. Sie sahen einander an.
»Kayth hat es schon probiert«, erklärte Otis. »Aber ich hielt ihn zurück. Schließlich hast du ihn geschaffen und es sieht nicht so aus als sei er eine Gefahr.«
Yazeena starrte weiter in das Dunkel und für einen Augenblick glaubte sie, ihr Blickfeld würde von einem anderen überlagert. Sie sah die Stormer, ein kleines Lagerfeuer und darum eine Gruppe von Menschen, zwei Oponi sowie einen Akkato. Noch bevor sie diesen Sinneseindruck bewusst wahrnehmen konnte, war er wieder vorüber.
»Ja, es ist gut, dass ihr ihn nicht getötet habt«, hauchte Yazeena. »Er wird uns nichts tun. Ich bin müde.«
»Etwas solltest du noch wissen«, bemerkte Otis, »Magua hat versucht, die Stormer in seine Gewalt zu bringen.«
Yazeena seufzte, schien jedoch nicht überrascht. »Ist er tot?«
»Nein,« sagte Otis, »Ogo hat ein Sperrfeld eingerichtet, das die Steuerkonsole gesichert hat. Es war wohl etwas zu stark. Möglicherweise auf die Konstitution eines Akkato eingestellt. Wir haben Magua in einen Lagerraum geschafft. Sou Ossa bewacht ihn.«
Obwohl Yazeena erschöpft war, konnte sie doch keinen Schlaf finden. Unruhig wälzte sie sich hin und her. Ihre Gefährten hingegen schienen von tiefer Müdigkeit überwältigt. Das Feuer war heruntergebrannt und schwelte vor sich hin. Ab und an knacke die Glut und ein Funke stob in die Höhe. Sie hörte das gleichmäßige Atmen der Schlafenden. Schließlich stand Yazeena auf und schlich sich davon.
»Herrin«, hörte sie die Stimme Kumis, einer der Tengiji, die neben ihr gelegen hatte.
»Still«, flüsterte Yazeena, als die Tengiji näher kam.
»Wohin wollt Ihr?«, erkundigte sich die besorgte junge Frau.
»Das geht dich nichts an«, zischte Yazeena, »leg dich wieder hin.«
Kami schüttelte den Kopf. In ihren Augen las Yazeena die Entschlossenheit der selbstlosen Dienerin.
Ein Schnauben drang aus dem Dunkel an ihr Ohr, dann ein Scharren und Kratzen. Die zwei Frauen spähten in die Nacht hinein, dann sahen sie einander an.
»Na gut«, gab Yazeena nach, »gehen wir zusammen.«
Sie eilten die Stufen hinauf, bemühten sich nicht über Hindernisse zu stolpern, die in ihrem Weg lagen, und erreichten schließlich das breite Eingangsportal. Wieder glomm der fahle Lichtschein auf, der ihren Weg beleuchtete, und sie konnten den Guthrik erkennen, der an der Wand entlang weiter ins Innere huschte. Er rannte mal geduckt, mal auf allen vieren und war bald außer Sicht.
»Es ist gefährlich«, warnte Kami. »Wir wissen nicht, was er vorhat.«
»Wenn du mich ärgern willst, dann verschwinde lieber gleich wieder.« Yazeena meinte es ernst und wurde zornig. »Ich kann dich nicht gebrauchen.«
»Entschuldigt.« Kami neigte verlegen den Kopf.
Der Guthrik wartete an jeder Biegung auf die zwei Frauen, als wolle er sich vergewissern, dass sie ihm folgten, und eilte davon, wenn sie einen Steinwurf weit herangekommen waren. So führte er sie in die große Halle mit dem riesigen Tank und der geheimnisvollen Statue. Er kauerte auf einer großen metallenen Platte und schien wie erstarrt. So wie er da hockte, konnte man glauben, es sei niemals Leben in ihm gewesen und er sei nicht anderes als das steinerne Abbild eines vorzeitlichen Untiers, das ein wahnsinniger Künstler vor Jahrtausenden erschaffen hatte.
Yazeena und Kami blieben, wo sie waren und warteten ab, was weiter geschehen würde. Es vergingen einige Minuten, aber es ereignete sich nichts.
»Er scheint auf etwas zu warten«, murmelte Yazeena, »aber auf was nur?«
»Könnt Ihr ihm etwas befehlen?«, fragte Kami leise, die einen Verdacht hegte und ihre eigenen Schlussfolgerungen gezogen hatte.
»Spring!«, rief Yazeena dem Guthrik entgegen. »Mach einen Salto!«
Nichts passierte. Er hockte da wie ein Standbild.
»Sieht aus wie ein weiteres Relikt, das für viele Jahrhunderte Staub fangen wird.« Yazeena war die Enttäuschung deutlich anzumerken. »Seit dieser Schanor aufgetaucht ist, spielt die ganze Welt verrückt.« Als sie sich abwenden wollte, um zu gehen, hielt sie plötzlich ein Impuls davon zurück und zwang sie den Guthrik anzusehen. Yazeena nahm dieselbe Haltung an wie das seltsame Wesen ihr gegenüber. Sie verharrte in dieser Position und war auf einmal keiner Regung mehr fähig. Ihre Muskeln verkrampften sich an Stirn und Hals traten die Adern deutlich hervor. Der Boden begann zu beben und überall öffneten sich Gruben aus denen Dämpfe aufstiegen. Kleine Kanäle wurden sichtbar, die den Steinboden durchzogen wie feines Wurzelgeflecht, das sich dort verdichtete, wo der Guthrik stand.
Kami betrachtete das Geschehen voller Entsetzen und sah, wie das Wesen anfing zu zerfallen. Im ersten Moment schien er zu zerbröckeln wie eine Figur aus trockenem Sand. Doch wenn sie genauer hinsah, erkannte sie in den Rissen, die seinen Körper zerteilten, ein filigranes, geometrisches Muster, als würde der Körper des Guthrik von einem hauchdünnen Rasterlaser zerschnitten. Um das Wesen herum begann sich eine metallene Struktur zu bilden, die höher und höher wuchs, je weiter sich der Guthrik auflöste.
Es zehrte an Yazeenas Kräften, aber sie wollte und musste miterleben, wie der Guthrik sich verwandelte. Aus Yazeenas Geist wurden Gedanken und Erinnerungen gesogen und ihrem Körper die Lebenskraft. So musste sich eine Batterie fühlen, dachte Yazeena, die an eine gierige und machtvolle Maschine angeschlossen war.
Yazeena taumelte, aber Kami stand ihr zur Seite.
Otis, die Tengiji und die zwei Oponi kamen gerade hinzu, als die Struktur ihrer Vollendung entgegen wuchs. Ein gewaltiger, gedrungener Körper war entstanden, der auf geschwungenen Beinen ruhte und einen großen Teil der Halle ausfüllte. Er glänzte in reinem Silber und strahlte pulsierende Wärme ab.
»Das ist ein Schiff«, bemerkte Siriya erstaunt, sie legte ihre schlanken Finger an die Lippen »Und es lebt.«
Yazeena stand schwankend auf, Kami stützte sie »Ja, es lebt«, bestätigte Yazeena keuchend »Es ist ein Teil von mir.«
Otis näherte sich dem Rumpf, der wie der Leib eines riesigen Käfers in die Höhe ragte. Er hob die Hand, um zu fühlen, wie der Rumpf glühte. Er war warm, wie ein fiebriger Körper und unter der Oberfläche pulste ein unruhiges Herz, das sich nur langsam beruhigte.
»Erstaunlich«, wisperte er »Wir könnten eine ganze Flotte erschaffen.«
»Das ginge über unsere Kräfte.« Yazeena betrachtete ihre Schöpfung voller Staunen. »Außerdem habe ich das Gefühl, es wird mir nicht in allen Dingen gehorchen. Es kann uns nicht nach Hause tragen.«
»Woher willst du das wissen?«, fragte Otis.
»Ich weiß es.« Yazeena setzte sich entkräftet auf den Boden. »Jemand anders herrscht hier. Und sein Wille ist unbeugsam.«