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Wunderwelten

Magic meets Steampunk

Wer die High-Fantasy-Trilogie »Tarean« gelesen hat, kennt ihn. Er ist ein ruhiger, bodenständiger Typ. Starallüren sind für ihn fremd. Und er setzt das in die Tat um, was er sich vorgenommen hat. Da stellt er auch schon mal sein schriftstellerisches Können während des ColoniaCons 2010 einem kleinesten Publikum vor. Ja, so ist er eben – der Autor Bernd Perplies.
Seine Fans lieben ihn aufgrund seines erzählerischen Talents. Pünktlich zur Herbstsaison und Frankfurter Buchmesse wartet Bernd Perplies mit seinem jüngsten Baby auf. Mit »Magierdämmerung« startet er nun sein zweites Trilogie-Projekt und unternimmt diesmal einen Ausflug in die Steampunk- bzw. Gaslight-Fantasy. Er begibt sich auf eine Reise in das viktorianische London der Jahrhundertwende! Dort hat eine Gruppe Schwarzmagier ein uraltes Siegel geöffnet und versucht, die Welt mit ihrer bösen Magie ins Chaos zu stürzen. Ob ihnen das gelingt oder nicht, verrät uns der Autor Bernd Perplies in seiner »Magierdämmerung«-Trilogie.
Band 1 erscheint am 10. September und nimmt die Leser mit in eine Welt der Magie, und der skurrilen Technik – willkommen im Steampunk!

Lassen wir den Autor etwas über die Entstehungsgeschichte von »Magierdämmerung« sagen:

 

Ich beginne aus gegebenem Anlass ganz stilvoll:

Ladies and Gentlemen,

mochten Sie, als Sie noch jünger waren, nicht auch diese alten Geschichten: Jules Vernes »20.000 Meilen unter dem Meer«, Bram Stokers »Dracula«, »Die ersten Menschen auf dem Mond« von H. G. Wells und »Sherlock Holmes« von Arthur Conan Doyle? Ich liebte sie! Es waren Abenteuergeschichten voll fantastischer Technik, exotischer Schauplätze, schauriger Begebenheiten und rätselhafter Mysterien, und sie regten meine Fantasie ungemein an. Im Laufe der Jahre verdichteten sich diese zunächst vereinzelten Mosaiksteinchen dann langsam zu einem großen Ganzen – einem Bild der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der viktorianischen Epoche, wenn man so will (denn irgendwie waren die meisten Helden dieser Abenteuer Briten), das nicht nur den Eindruck einer höchst spannenden Zeit erweckte, sondern auch voller erzählerischem Potenzial zu stecken schien. Dennoch verlor ich diese »Welt« zugunsten fantastischer und zukünftiger Welten zeitweise aus den Augen.

Vor knapp zehn Jahren stolperte ich dann über den Comic »Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen« von Alan Moore und Kevin O’Neill, und ich wurde nicht nur wieder an all die wunderbaren Ursprungsromane erinnert, ich entdeckte zudem eine wundervolle Art, mit literarischen Figuren zu spielen und die Abenteuer von damals mit einer huldvollen Verbeugung und zugleich einem verschmitzten Augenzwinkern neu zu erzählen. Alternative Weltgeschichte, futuristische Technik im Retro-Gewand, Magie, Mysterien und das verspielte
Mischen von realen, literarischen und selbst erdachten Personen und Begebenheiten ... unter dem Schlagwort »Steampunk« (nicht von mir, sondern von K. W. Jeter) fanden all jene Dinge, die mir so reizvoll erschienen, zu einem Ganzen, und als Egmont-LYX mich im Anschluss an meine »Tarean«-Trilogie fragte, was für ein Projekt ich mir als nächstes vorstellen könnte, dauerte es nicht lange, bis ich mit einem Abenteuer ganz im oben beschriebenen Sinne vorstellig wurde.

Mit der »Magierdämmerung«-Trilogie tauche ich tief ins 19. Jahrhundert ein, ins Jahr 1897, wenige Wochen vor dem diamantenen Kronjubiläum Queen Victorias.
Der junge Reporter Jonathan Kentham gerät in London in einen im Verborgenen geführten Kampf rivalisierender Magierfraktionen um eine unglaublich starke Quelle der Magie. Dabei muss er feststellen, dass jenseits von Herrenclubs und 5-Uhr-Tee, von Abendgesellschaften und Fahrradausflügen am Wochenende ins Grüne eine Welt existiert, die voller Wunder – und auch Schrecken – ist. Gemeinsam mit einer Reihe ungewöhnlicher neuer Freunde, darunter dem mürrischen Kutscher Randolph Brown, der eigenwilligen Hexe Kendra, dem exzentrischen Magierdandy Jupiter Holmes und seiner Geisterkatze Watson, geht es für Jonathan auf einmal um nicht weniger, als die Welt vor dem völligen magischen Chaos zu bewahren.

Ich würde mich freuen, wenn meine kurzen Zeilen Ihr Interesse an meiner neuen Trilogie geweckt haben, wünsche schon jetzt viel Spaß bei der Lektüre und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihr
Bernd Perplies

Bereits bestätigte Termine, an denen der Autor sein Werk vorstellen wird:

  • 04.09.10, 20:30 Uhr: Pre-Reading auf der Rheinlesen-Fantasy-Gala, EA Sportsbar
  • 03.10.10, 16:00 Uhr: Fantasy Days Düsseldorf / Neuss
  • 08.10.10, 15:00 Uhr: Signierstunde auf der Frankfurter Buchmesse am Stand der EGMONT-Verlagsgesellschaften, Halle 3.0, F 174
  • 09.10.10, 12:00 Uhr: Lesung auf dem BuCon in Dreieich-Sprendlingen, Bürgerhaus

Kurzvita des Autors:

Bernd Perplies wurde 1977 in Wiesbaden geboren und studierte Filmwissenschaft und Germanistik in Mainz. Heute arbeitet er am Deutschen Filminstitut in Frankfurt a. M. als Redakteur von filmportal.de und ist darüber hinaus als Übersetzer tätig.
Bei LYX veröffentlichte er bereits die High-Fantasy-Trilogie »Tarean«, mit der er sich eine treue Fangemeinde schrieb.
Bernd Perplies lebt in Mainz.
Weitere Informationen auch unter www.bernd-perplies.de.

Leseprobe:

Während einer abendlichen Vorstellung erleidet der Bühnenzauberer Magister Hieronymus Brazenwood, der in Wirklichkeit Albert Dunholm heißt und der Erste Lordmagier eines geheimen Londoner Magierzirkels ist, einen Schwächeanfall. Grund dafür ist eine Erschütterung der magischen Sphäre. Nach der Vorstellung rätseln Dunholm und sein Gehilfe und Vertrauter Cutler in der Garderobe, was der Auslöser dieser Erschütterung gewesen sein könnte, werden dabei jedoch vom Betreiber des Zaubertheaters unterbrochen.

KAPITEL I

DER VORHANG ÖFFNET SICH

»Neues Unterhaltungsprogramm ab Mai: Erleben Sie die außergewöhnlichen Darbietungen der Messrs Maskelyne & Cooke. Staunenswerte Kunststücke wie die schwebende Jungfrau, den verschwundenen Mann und erstmals auf der Bühne: das Wunder der Transportation!
Stehplätze 3s / Sitzplätze 12s / Loge 1£ 10s«

– Annonce der Egyptian Hall, 17. April 1897

18. April 1897, 19:02 Uhr GMT
England, London, ein Zaubertheater in der Gloucester Street

Milton rieb sich die Hände, und seine Halbglatze, die er durch einige quer gekämmte Strähnen zu kaschieren versuchte, glänzte im Schein der zwei Gaslampen, die den Raum erhellten. »Meine Herren, ich würde sagen, das war wieder einmal ein Abend so ganz nach meinem Geschmack. Ein ausverkauftes Haus, ein dankbares Publikum – was wünscht man sich mehr? Nur …« Er warf dem Lordmagier, der in seinen Augen nicht mehr als ein leidlich begabter alternder Schausteller war, einen besorgten Blick zu. »… was war das vorhin auf der Bühne? Sie leiden doch nicht an irgendeinem Gebrechen, das Sie vor mir verbergen, oder?«
»Wir Zauberer mögen unsere Geheimnisse haben«, erwiderte Dunholm doppeldeutig, »aber, nein, ich habe Ihnen kein Gebrechen verheimlicht. Es war nur …« Er zögerte. »… ein Moment des Unwohlseins. Aber er ging rasch vorüber. Es gibt keinen Grund zur Sorge.«
Der Theaterbesitzer nickte zufrieden. »Das höre ich gerne. Wir sehen uns also morgen in alter Frische wieder.«
Dunholm nickte. »In alter Frische.«
Milton nahm seinen Mantel und seinen Bowler von dem Kleiderständer, der am Eingang des Hinterzimmers stand. »Dann wünsche ich den Herren einen schönen Abend. Ich werde noch rasch die Brüder Borden auszahlen, danach muss ich schleunigst nach Hause. Das treue Eheweib wartet sicher schon.« Er grüßte und trat zur Hintertür hinaus in die für diese Jahreszeit überraschend milde Londoner Abendluft.

Sowie er verschwunden war, ließ Cutler die Zauberutensilien in seiner Hand sinken, trat neben den Lordmagier und beugte sich mit ernster Miene zu ihm hinunter. »Was ist da vorhin wirklich passiert, Albert?«
Dunholm starrte schweigend sein Spiegelbild an, das Bild eines faltigen, grauhaarigen Mannes, das einem Uneingeweihten nicht den geringsten Hinweis darauf gegeben hätte, über welche gewaltigen Kräfte er in Wahrheit gebot und welch immenses geheimes Wissen er in seinem Inneren hütete. »Ich kann es dir nicht sagen, mein Freund.«
»Irgendetwas ist jedenfalls geschehen. Es fühlte sich an wie ein plötzlicher Druck hinter der Stirn. So als ob …« Cutler zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich vermag es nicht zu erklären. Außerdem war es schon nach wenigen Augenblicken wieder vorbei.«
»Ich weiß, was du meinst«, sagte der Lordmagier mit einem Nicken. »Ich habe es auch gespürt, nur ungleich stärker als du. Einen Augenblick lang fürchtete ich, es würde mir den Schädel sprengen. Eine Erfahrung dieser Art habe ich noch nie gemacht.«
Er wandte sich seinem Gehilfen zu und hob fragend eine Augenbraue. »Im Publikum schien aber niemand betroffen gewesen zu sein, oder?«
Cutler legte die Stirn in Falten und dachte nach. Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube, nicht.«
»Auch Mister Milton hat nichts bemerkt …« Dunholm presste nachdenklich die Lippen zusammen, und seine Miene verdüsterte sich. »Das gefällt mir nicht, Cutler. Das gefällt mir überhaupt nicht. Irgendetwas Gewaltiges ist vorgefallen. Und es hat die Sphäre der Magie auf der ganzen Erde erschüttert.« Abrupt stand er auf und trat auf den Kleiderständer zu, um seinen braunen Mantel und seinen Hut zu holen.
»Wohin gehst du?«
»Ich will in der Bibliothek des Ordens nach ein paar Antworten suchen.«
»Soll ich dich begleiten?«
Dunholm hielt kurz inne. »Das ist nicht nötig. Räum du hier die Sachen auf und geh anschließend nach Hause. Wir sprechen uns morgen.«
»Soll ich nicht wenigstens Randolph Bescheid geben, damit er dich mit der Kutsche abholt?«, hakte sein Gehilfe nach.
Der Lordmagier winkte ab. »Heute ist sein freier Abend. Er nimmt ihn selten genug wahr. Ich komme schon zurecht. Ein strammer Fußmarsch wird mir guttun.« Er warf den Mantel über, setzte den Hut auf, ging zur Hintertür und öffnete sie. Noch im Türrahmen stehend, nickte Dunholm seinem Freund zu. »Wir werden diesem Geheimnis auf die Spur kommen, Cutler. Das verspreche ich.«
»Daran zweifle ich nicht«, antwortete Cutler. »Viel Erfolg, Albert.« Dann schloss sein Gehilfe die Tür, und Dunholm schritt die vier Stufen hinab zur Straße.

Der milde Abend lud geradezu zum Flanieren ein. Doch den Lordmagier drängte es zur Eile. Er hatte es Cutler gegenüber nicht erwähnt, um diesen nicht zu beunruhigen, aber die Veränderungen in der Magie gingen weit über ein einzelnes Erdbeben der magischen Sphäre hinaus. Was immer geschehen war, hatte sich nicht nur mit einem Paukenschlag angekündigt, es sorgte auch dafür, dass die Kraft der magischen Energien stetig größer wurde. Cutler mangelte es an Erfahrung und an Begabung, um derlei sofort zu bemerken. Dunholm hingegen spürte die Unruhe im Fadenwerk. Es war wie ein beständiges Wispern in seinem Hinterkopf, und wenn er sich der Wahrsicht überließ, bemerkte er, dass die Fäden in einer Art und Weise in Bewegung geraten waren, wie er es noch nie erlebt hatte. Fast erweckte es den Anschein, als erwachten die Dinge um ihn herum zu einem Leben, das ihnen zuvor nicht inne gewesen war.
Schnellen Schrittes ging er die Gloucester Street hinunter und bog dann gen Süden in die St. John Street ein, die zu den Markthallen am Smithfield führte. Zu dieser fortgeschrittenen Stunde waren nicht mehr viele Menschen unterwegs. Ein paarmal begegnete ihm eine Kutsche, die Zecher oder Theaterbesucher nach Hause brachte, und auf dem gegenüberliegenden Gehweg begleitete ihn eine Weile eine lärmende Gruppe junger Männer, die sich offensichtlich auf dem Heimweg von ihrem Club befand. In einiger Entfernung vor ihm wanderte ein Nachtwächter die Straße hinab, um die Gaslaternen zu entzünden.
Ungefähr auf Höhe des Charterhouse, eines ehemaligen Kartäuserklosters, dessen Räumlichkeiten heute die seltsame Mischung aus einer Schule und einem Altenheim für verarmte Gentlemen beherbergten, spürte Dunholm, das irgendetwas nicht stimmte. Irgendetwas zupfte unmerklich an ihm, so als versuchten haarfeine Spürfäden, seine Position zu ermitteln. Er verlangsamte seine Schritte ein wenig, glitt in die Wahrsicht hinüber und blickte sich suchend um. Ihm fiel nichts Verräterisches auf. Wer oder was auch immer nach ihm getastet hatte, war bereits wieder in Deckung gegangen. Oder aber hatten ihm seine Sinne einen Streich gespielt?
Die ganze Umgebung war an diesem Abend wie von einem magischen Drang erfüllt. Aus den Fenstern der mehrstöckigen Häuser, die links und rechts von ihm aufragten, züngelten Fäden wie helle gelbe Flämmchen, und auch aus den Gullydeckeln, die in regelmäßigem Abstand in die Straße eingelassen waren, stieg mehr als nur der warme Gestank der Kanalisation auf. Dabei gehörten die Fäden keineswegs nur Tauben, die, mit dem Kopf unter dem Flügel, schlafend auf den Fenstersimsen hockten, oder Ratten, die durch die Gosse trippelten. Das Gestein und die Erde selbst begannen sich zu verändern. Noch erschienen die neuen Fäden nur vereinzelt und rudimentär, wie die Knospe einer noch nicht zum Leben erwachten Blumenblüte. Ein geübter Sehender wie Albert Dunholm erkannte allerdings, dass die Welt im Begriff war, sich zu wandeln. Und wohin dieser Wandel führen mochte, wagte er sich kaum auszumalen.
Aber einerlei, ob er sich die Spürfäden nun eingebildet hatte oder nicht, der Erste Lordmagier wäre nicht so alt geworden, wenn er nicht ein vorsichtiger Mann gewesen wäre. Und so hielt er die Wahrsicht aufrecht, während er weiterging. Viele Magier empfanden es als irritierend, die Wirklichkeit um sich herum für länger als nur für ein paar Lidschläge als ein gewaltiges glitzerndes Netzwerk aus Fäden wahrzunehmen, das alles, was irgendwie einander bewusst oder auch nur sinnlich erfassbar war, miteinander verband. Dunholm hatte im Laufe der Jahre gelernt, damit umzugehen.

Er bog gerade in die Charterhouse Street ein, da spürte er das Tasten erneut. Blitzschnell drehte er sich um und gewahrte das Spürfadenbündel, das sich hauchzart wie ein Gespinst zwischen den kräftigen Fadensträngen der Häuser und der Gaslaternen hindurchgeschlängelt hatte.
Seine Finger vollzogen die magischen Gesten beinahe wie von selbst, während er seine eigenen Sinne ausgreifen ließ, um herauszufinden, wer ihn zu so später Stunde verfolgte.
Es waren zwei Männer, die sich hinter ihm in einer Seitengasse verbargen. Ihre Fadenaura strahlte hell und bewegte sich derart präzise und zielgerichtet, wie es nur ein fähiger Magier zustande brachte.
Dunholm runzelte die Stirn. Wer waren die beiden Männer – wenn es sich denn tatsächlich um Männer handelte, denn nun, da er genauer hinschaute, fiel ihm auf, dass die Aura seiner Verfolger einem komplizierten Bewegungsmuster folgte, das es praktisch unmöglich machte, die Identität der beiden anhand charakteristischer Eigenheiten ihrer Aura im Fadenwerk festzustellen.
Das war nicht gut. Für gewöhnlich sah ein Magiekundiger davon ab, die eigene Aura zu tarnen, allein schon deshalb, weil es auf die Dauer sehr anstrengend war, die eigenen Fäden ununterbrochen nebenher zu manipulieren. Wer so viel Mühe auf sich nahm, um die eigene Identität zu verschleiern, führte zweifellos Übles im Schilde.
Was wiederum nur noch mehr Anlass zur Sorge gab, denn die Gemeinde praktizierender Magieanwender in London und dem direkten Umland war überschaubar – wenn man nach wirklich fähigen Magiern suchte, wurde sie sogar noch kleiner –, und sah man von einem weltanschaulichen Disput zwischen zwei Fraktionen des Ordens ab, gab es Dunholms Wissen nach gegenwärtig keinerlei nennenswerte Spannungen. Folglich existierte eigentlich auch kein Grund für Intrige und Heimlichkeit. Was die Identität seiner Verfolger anging, ließ dies zwei Schlüsse zu: Entweder waren ausländische Magierspione in London eingetroffen – so etwas hatte es in der Vergangenheit durchaus gegeben –, oder die Anhänger von Meister Wellington, Dunholms politischem Gegner, wenn man so wollte, waren im Begriff, eine unfassbare Schandtat und zugleich große Dummheit zu begehen, während ihr Anführer auf Geschäftsreise in Übersee war. Unfassbar deshalb, weil es trotz all der Debatten, die in den letzten Jahren geführt worden waren, niemals tätliche Übergriffe gegeben hatte, und dumm, weil die Verschwörer vielleicht imstande sein mochten, Dunholm geschickt zu beschatten, aber deswegen noch lange nicht stark genug waren, um es mit ihm aufzunehmen, sollte dies ihr Plan sein.
Einen Augenblick lang erwog Dunholm zu versuchen, seine Verfolger in dem Gassengewirr westlich der St. John Street abzuschütteln. Jetzt, da er sich ihrer Anwesenheit bewusst war, vermochte er durchaus das eine oder andere Ass aus dem Ärmel zu zaubern, um ihre finsteren Absichten zu durchkreuzen. Andererseits würde er sich damit um die Möglichkeit bringen herauszufinden, was hinter dieser ganzen Sache steckte.
Vor ihm, am Ende der Straße, kam der Fleischmarkt am Smithfield in Sicht, und der Anblick des lang gestreckten Bauwerks mit seiner zentralen Grand Avenue und den beiden sich nach Osten und Westen erstreckenden Markthallen brachte den Lordmagier auf eine Idee. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er schneller. Er baute darauf, dass seine Schatten ihm folgen würden. Und wenn sie das taten, würden sie eine unangenehme Überraschung erleben.

Der Fleischmarkt gehörte zweifellos zu den größten Warenumschlagplätzen der Stadt. Er war vor ziemlich genau dreißig Jahren errichtet worden, nachdem ein Parlamentsentscheid dem jahrhundertelangen und zuletzt gefährlich ausufernden Handel mit lebenden Tieren auf dem Smithfield mitten in London aus hygienischen Gründen einen Riegel vorgeschoben hatte. Entworfen hatte den Bau der Architekt Horace Jones, ein alter Bekannter Dunholms. Die beiden hatten sich zur etwa gleichen Zeit im Rahmen von Restaurierungsarbeiten an der Guildhall, in deren geheimen Kellern der Orden residierte, kennengelernt. Jones war ein guter Freund gewesen, und Dunholm bedauerte sehr, dass er bereits vor neun Jahren, nur ein knappes Jahr nach seinem wohlverdienten Ritterschlag durch Queen Victoria, verstorben war.
In den letzten zwei Jahrzehnten waren um das Hauptgebäude, das im italienischen Stil gehalten war und von vier achteckigen Türmen geziert wurde, mehrere Anbauten entstanden, darunter ein Geflügel-, ein Fisch- und ein Gemüsemarkt. Morgen für Morgen boten Scharen von Händlern hier ihre Waren feil, die mit Kutschen, aber auch über einen unterhalb der Markthalle verlaufenden Schienenstrang per Bahn angeliefert wurden, und aus der ganzen Stadt kamen die Menschen, um hier einzukaufen. Jetzt allerdings, in den späten Abendstunden vor Mitternacht, lag die ganze Anlage dunkel und verlassen da, wie Dunholm sich mit einem Wechsel in die Normalsicht überzeugte. Es würde keine unliebsamen Zeugen geben. Genau so, wie er es wollte.
Als er sich der riesigen tunnelartigen Halle der Grand Avenue näherte, deren gewölbtes Dach von weit geschwungenen gusseisernen
Trägern gestützt wurde und deren Stirnseite mit ihrem Dreiecksgiebel und den Steinfiguren an einen antiken Tempel erinnerte, bemerkte Dunholm aus den Augenwinkeln eine Bewegung auf dem Dach der östlichen Markthalle. Irritiert hielt er inne und kniff die Augen zusammen. Doch er konnte nichts entdecken. Wieder öffnete er seinen Geist und ließ die Wahrsicht sein normales – und bei Nacht alles andere als perfektes – Sehvermögen überlagern. Was er dort sah, ließ ihn überrascht die Augenbrauen heben.
Jeder der vier Ecktürme des Fleischmarkts wurde von jeweils vier steinernen Greifen bewacht, die unterhalb des grün angelaufenen kuppelförmigen Daches hockten. Sie waren auf persönliches Betreiben von Jones dort angebracht worden. Ein befreundeter Bildhauer hatte sie angefertigt, und der Architekt hatte sie stets die Bewacher seines Werks genannt.
Für gewöhnlich umgab diese Statuen eine so schwache Fadenaura, wie sie auch jedem anderen Steinbrocken innewohnte, sofern er nicht von dichtem Moos bewachsen oder von irgendwelchem Kleingetier bevölkert wurde. Doch genau wie die Häuserfassaden hatte auch die Statuen an diesem ungewöhnlichen Abend ein unheimliches Eigenleben erfasst. Dunholm sah, dass sich Fäden von einer Stärke, die beinahe an ein aus dem Tiefschlaf erwachendes Bewusstsein gemahnten, von den Körpern der Greifen tastend in die milde Nachtluft ausbreiteten. Das ist nicht gut, gar nicht gut, durchfuhr es ihn. Er musste seine Verfolger loswerden und danach schnellstmöglich in die Bibliothek, um ein paar Nachforschungen anzustellen, die Licht auf dieses seltsame Geschehen werfen mochten.

Er passierte die beiden Gaslaternen am Eingang der Grand Avenue und tauchte in die Dunkelheit des etwa zweihundertfünfzig Fuß messenden Durchgangs ein, der auf der Südseite auf eine kleine parkartige Rotunde hinausführte. Sein Ziel war einer der beiden auf der Hälfte des Weges liegenden Eingänge zu den weitläufigen Flügeln des Marktes. Über den Umstand, dass die beiden Markthallen um diese Uhrzeit zweifellos verriegelt waren, machte er sich keine Gedanken. Türschlösser zu manipulieren gehörte zu den leichteren Übungen des Fadenwebens. Dort, zwischen den Dutzenden kleinen Ständen der Londoner Fleischhändler würde er sich verbergen und seinen Verfolgern auflauern.
Der Angriff kam ohne Vorwarnung. Unvermittelt fühlte er sich gewaltsam in die Höhe gerissen und zur gewölbten Decke der Grand Avenue hinaufgeschleudert. Der Hut flog ihm vom Kopf, und Dunholm schrie überrascht auf. Instinktiv streckte er die Hände nach beiden Seiten aus und ließ zwei dicke, schimmernde Fadenbündel daraus hervorschießen. Peitschenartig wickelten sie sich um die brünierten Metallarme der Laternen, und mit einer raschen Geste straffte Dunholm die Fäden wie ein Bergwanderer seine Sicherheitsleinen. Der Erste Lordmagier ächzte, als er mitten in der Luft zum Stehen kam.
Er blickte an sich hinunter und sah, dass sich ein Bündel starker Fäden um seinen Leib gewickelt hatte. Schlängelnd wie Otterngezücht versuchte es, ihn zu binden. Mit jahrzehntelang eingeübten Bewegungen verknüpfte er die beiden Haltestränge mit einem Arm. Dann löste er den anderen und durchtrennte mit flinken Fingern seine Fesseln. Es gab einen Ruck, und er stürzte dem Boden entgegen. Die Haltestränge gaben nach und entglitten seiner Linken. Geistesgegenwärtig packte Dunholm einen von der gusseisernen Bogenstrebe über ihm herabhängenden Faden, der ihn vor einem ohne Zweifel fatalen Sturz auf das Kopfsteinpflaster der Straße bewahrte. Es gelang ihm allerdings nicht ganz, die Wucht abzufangen, und er verzog vor Schmerz das Gesicht, als er mit seinem linken Fuß unglücklich aufkam und umknickte. Dunholm mochte ein Meister der Magie sein, aber er war auch ein alter Mann, dessen Körper Strapazen gleich welcher Art nicht mehr so gut wegsteckte wie noch vor fünfzig Jahren.
Er ging in die Hocke und zog die Fäden, die seinen braunen Wollsocken mit dem Knöchel verbanden, etwas fester, um diesen zu stützen. Gleichzeitig huschte sein Blick zu den Deckenträgern der Halle, denn da der Angriff von oben gekommen war, musste sich sein Gegner irgendwo dort aufhalten. Tatsächlich bemerkte er die charakteristische Fadenaura eines Mannes von mittlerer Größe, die sich, auf einem der Eisenträger liegend, im Schatten der gewölbten Decke verborgen hatte. Die Art, wie er die Fäden, die von Dunholms Blicken ausgingen, kokonartig um sich herumleitete, ließ darauf schließen, dass er sich in der Normalsicht in einen Schattenmantel oder gar einen Unsichtbarkeitszauber gehüllt hatte.
Eine Bewegung zur Linken erregte die Aufmerksamkeit des Ersten Lordmagiers, und er entdeckte eine zweite Silhouette direkt unter dem Dach. Er fluchte innerlich. Der Fallensteller hatte sich selbst in eine Falle gelockt. Offensichtlich war es alles andere als ein Zufall gewesen, dass er sich nur wenige Schritte vom Smithfield entfernt seiner Verfolger bewusst geworden war. Das gedämpfte Trappeln von Ledersohlen auf dem Kopfsteinpflaster in seinem Rücken kündete davon, dass auch sie jetzt jede Heimlichkeit aufgegeben hatten. Sie suchten die Konfrontation – hier und jetzt. Doch so leicht sollt ihr mich nicht haben.
All diese Gedanken waren ihm binnen eines Lidschlags durch den Kopf geschossen, und bevor auch nur einer der Unbekannten zu einem erneuten Angriff ansetzen konnte, klatschte Dunholm einmal kräftig in die Hände. Der helle Schlag, der durch die tunnelartige Grand Avenue hallte, erzeugte eine grelle Fadenexplosion in der Wahrsicht, die von dem Ersten Lordmagier durch einige rasche Gesten noch verstärkt wurde. Im Grunde handelte es sich um einen lächerlich einfachen Störzauber gegen Magieanwender, aber manchmal waren die einfachen Dinge die wirksamsten.

Im Schutz der entstandenen Unruhe hechtete Dunholm auf die vergitterte Tür zum Ostmarkt zu. Kurz wünschte er sich, er hätte die Zeit, um das Schloss zu knacken. Dann hätte er die Möglichkeit gehabt, die Tür anschließend wieder zu verriegeln und sich dadurch einen kleinen Vorsprung zu verschaffen. Doch die Angreifer waren keine Novizen mehr, und der Störzauber würde sie höchstens für Sekunden aufhalten. Daher entschied sich der Erste Lordmagier für die schnellere Lösung und riss die Tür mit magischer Gewalt einfach aus den Angeln. Geistesgegenwärtig nutzte er sie als Geschoss gegen seine unter der Decke kauernden Feinde. Es schepperte und krachte hinter ihm, während er durch den Eingang hastete, aber er hörte keine schmerzerfüllten Schreie, also ging er davon aus, dass er seine Ziele verfehlt hatte – sei es, weil sie die Tür abgelenkt hatten oder ihr ausgewichen waren oder weil sein blinder Wurf schlichtweg ungenau gewesen war. Er nahm sich nicht die Zeit, das herauszufinden.
Dunholm eilte ins Innere des Ostmarkts hinein. Kühle, vom süßlichen Geruch geschlachteten Fleisches geschwängerte Luft umfing ihn. Leere hölzerne Tische und Schubkarren standen herum, und um die schlanken metallenen Stützsäulen, die zur Decke hinaufführten, klirrten die Ketten und Haken, an denen die Händler in den frühen Morgenstunden ihre neue Ware, ausgeweidete Rinder- und Schweineleiber, aufhängten.
Dunholm blickte sich hektisch um. Bislang war er immer nur tagsüber hier gewesen, wenn der Fleischmarkt vor Leben pulsierte, und trotz der dreißig Fuß hohen Decke hatte der Bau stets ein Gefühl der unübersichtlichen Enge in ihm hervorgerufen. Jetzt musste er feststellen, dass es in der Halle sehr viel weniger Möglichkeiten gab, sich zu verbergen – oder aber eine gute Verteidigungsposition zu finden –, als er angenommen hatte. Der dreihundert Fuß lange Mittelgang bot überhaupt keine Deckung, und sich hinter einem der Verkaufstresen zu verstecken schien nicht ratsam, denn es gab keinerlei Fluchtweg, falls seine schattenhaften Verfolger ihn aufspürten – und irgendwie befürchtete Dunholm, dass sie trotz seiner Gabe, sich zu tarnen, dazu imstande sein würden.
Sein Blick fiel auf eine der engen Wendeltreppen zur Rechten, die zu einem schmalen metallenen Steg mit verziertem Eisengeländer führte. Besser als nichts, entschied er.

Während er auf die Treppe zurannte, wechselte er für einen kurzen Moment in die Normalsicht, um nicht über irgendein Hindernis zu stolpern, das sich in der Wahrsicht vor ihm verbarg, weil es zu klein oder weil seine Aura zu unscheinbar war. Dabei bemerkte er zum ersten Mal, wie finster es hier drinnen eigentlich war. Keine der zahlreichen Lampen, die an ihren Gasleitungen von der Decke hingen oder aus den Säulen herausragten, brannte, und das fahle, von draußen durch die schrägen Dachfenster einfallende Mondlicht reichte kaum bis zum Boden.
Als wolle ihn die Magie dafür strafen, dass er nicht der Wahrsicht vertraute, stolperte er just in diesem Augenblick über eine Unebenheit am Boden. Er schaffte es mit knapper Not, sich am Treppengeländer festzuhalten und so einen Sturz zu vermeiden.
»Dunholm!«, hallte eine Stimme vom Eingang her durch die Halle.
Noch während er herumwirbelte, wechselte er zurück in die Wahrsicht. Ihm blieb gerade genug Zeit, sich mit einem fadenverstärkten Ruck seines Arms um das verzierte Geländer herumzuziehen, bevor ein halbes Dutzend Fleischerhaken gegen seine Deckung prasselte. Dummköpfe!, fuhr es ihm durch den Sinn. Man warnt seinen Gegner nicht.
Er streckte die Arme aus und erfasste mit einer weit ausholenden Bewegung die drei nächstgelegenen Verkaufstresen. Sie waren aus schweren dunklen Brettern zusammengenagelt worden, und es bedurfte für gewöhnlich sicher mindestens zweier kräftiger Männer, um sie überhaupt vom Fleck zu bewegen. Aber die Magie war ihren Anwendern ein machtvoller Verbündeter, insbesondere dann, wenn diese so erfahren und von den chaotischen Energien erfüllt waren wie Albert Dunholm.
Mit einem ohrenbetäubenden Krachen zersplitterten die gewichtigen Geschosse an der Wand neben der Eingangstür zur Halle. Dunholm hörte einen Aufschrei und sah eine schimmernde Silhouette zu Boden gehen, eine zweite warf sich zur Seite. Von den beiden anderen Verfolgern war im Augenblick nichts zu sehen. Aber sie waren sicher nicht weit entfernt.
Hastig erklomm Dunholm die Stufen der Wendeltreppe bis zu dem metallenen Laufsteg. Das Gitter schepperte unter seinen Schuhsohlen, während er in gut fünfzehn Fuß Höhe zum anderen Ende der Halle eilte. Sein Herz stampfte wie der Kolben einer Dampflok in seiner Brust, und sein Atem ging kurz und flach. All sein Geschick als Magier, seine Gaben, die verschiedenen Sphären der Magie zu erfassen und zu manipulieren, vermochten ihm hier nicht zu helfen. Ich bin einfach zu alt für nächtliche Leibesertüchtigungen wie diese.
Hinter ihm hallten Schritte auf dem Laufsteg. Einer seiner Verfolger hatte sich erneut an seine Fersen geheftet. »Geben Sie auf, Dunholm!«
Dunholm erkannte die Stimme des Mannes nicht. Wer auch immer seine Angreifer waren, er nahm an, dass es sich um jüngere Ordensmitglieder handelte, von denen Wellington mehr als nur ein paar in ihrer Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Stand der Dinge um sich geschart hatte. Vielleicht Whitby, möglicherweise der junge Earl of Greyford. Beide waren rastlos, machtversessen – und bedauerlicherweise durchaus talentiert.
»Sie können nicht entkommen, Dunholm.«

Leseprobe mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle LYX der EGMONT Verlagsgesellschaften mbH

Text- und Bildquelle:

  • Pressemitteilung der Pressestelle LYX (EGMONT Verlagsgesellschaften mbH), Köln vom August 2010

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