
Wunderwelten

Richard von Volkmann - Richard Leander
Leben:
Richard von Volkmann wurde im August 1830 in Leipzig geboren. Er war der Sohn des Universitätsprofessors Alfred Wilhelm Volkmann und besuchte zunächst die Fürstenschule Grimma, eine voruniversitäre Lehranstalt für den Beamten- und Theologennachwuchs.
Ab 1850 studierte Volkmann dann Medizin in Halle, Gießen und Berlin, wobei er 1854 den Titel des Dr. med. erwarb. In Halle wurde er Mitglied der Burschenschaft im Fürstenthal, 1851 trat er den Corps Starkenburgia und Marchia Halle bei.
Schließlich trat er eine Stelle als Assistent in der chirurgischen Universitätsklinik bei Ernst Blasius an und habilitierte sich 1857.
Während einer langen Krankheitsphase von Blasius vertrat er seinen Chef als Leiter der Klinik. Als Blasius dann zurückkehrte, gab es Spannungen zwischen ihm und Volkmann. Deshalb verließ Volkmann Klinik und Lehrkörper der Universität und ließ sich in Halle als praktischer Chirurg nieder. 1863 kam er dann als außerordentlicher Professor zur Universität zurück.
Im Krieg gegen Österreich war er Chefarzt eines Kriegslazaretts. 1867 übertrug man ihm das Ordinariat für Chirurgie und die Leitung der chirurgischen Universitätsklinik. Während des Krieges gegen Frankreich wurde er Generalarzt beim 4. Armeecorps und diente später an der Maas und bei der Südarmee.
Volkmann erwarb sich durch seine medizinische Arbeit den Ruf, einer der bedeutendsten Chirurgen des 19. Jahrhunderts zu sein. Er entwickelte neue Methoden zur Operation komplizierter Brüche sowie zur Chirurgie und Orthopädie der Wirbelsäule und Extremitäten und führte als erster deutscher Arzt die antiseptische Wundbehandlung mit Karbol ein, wodurch die Patienten nun wesentlich bessere Überlebenschancen bei Operationen hatten und Bauchchirurgie im heutigen Sinne erst möglich wurde.
1885 wurde Volkmann geadelt. Er lehnte Rufe an viele verschiedene Universitäten ab, weil er den Neubau der chirurgischen Universitätsklinik Halle selbst konzipiert und nach eigenen Vorstellungen ausgestattet hatte. 1872 wurde er zu einem der Gründer der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und war längere Zeit auch deren Vorsitzender.
Da er sich im Krieg 1870/71 mit Syphilis infiziert hatte, entwickelte sich bei ihm ein schleichend verlaufendes Rückenmarksleiden, das ihm schlimme Schmerzen verursachte, die ihn öfter in der Ausübung seines Berufs behinderten. Im November 1889 starb er dann in Jena an einer Lungenentzündung.
Werk:
Über das medizinische Werk von Richard von Volkmann, »Begründer der modernen wissenschaftlichen Orthopädie«, habe ich in den letzten Abschnitten ausführlich berichtet.
Nicht minder bekannt sind seine Märchen, die er unter dem Pseudonym »Richard Leander« während eines Kriegseinsatzes verfasste und »Träumereien an französischen Kaminen« nannte.
(Cover der Märchensammlung
Richard von Volkmann- Leanders)
Exemplarisch sollen an dieser Stelle zwei der Märchen dieser Sammlung dargestellt werden:
1. »Wie der Teufel ins Weihwasser fiel«
Inhalt:
Eines Tages lief der Teufel im Kölner Dom umher, in der Hoffnung, einen fetten Mönch oder eine alte Betschwester zu erhaschen. Da stolperte er und fiel mitten in das Becken mit dem Weihwasser hinein. Er prustete und beeilte sich, wieder herauszukommen. Dann schüttelte er sich und schlich wie ein begossener Pudel davon. Draußen fror er, denn es war um die Weihnachtszeit.
Er fragte sich, was er nun tun solle, denn wenn er so in die Hölle zurückginge, würde ihn seine Großmutter gehörig ausschimpfen. Also zog er für einige Stunden nach Afrika, wo es warm war und er seine Kleider trocknen konnte. Außerdem konnte er dort zuschauen, wie sie Gefangene abschlachteten, was ihm großen Spaß machte.
Als sein Rock endlich völlig trocken war, kehrte er in die Hölle zurück. Aber die Großmutter konnte riechen, dass er ins Weihwasser gefallen war, verlangte, dass er seinen Rock auszog, und schickte ihn ins Bett. Dann wusch sie den Rock in der Gosse, wo der ganze dicke Höllenschlamm und das ganze Spülwasser der Hölle abfließen. Danach trocknete sie ihn am Feuer.
Schließlich streute sie, da der Kirchengeruch schlecht wegzubringen war, klein gehackte Hundehaare und geraspelte Pferdehufe in ein Kohlebecken und hielt den Rock darüber, bis er wieder gut roch.
Endlich gab sie dem Teufel seinen Rock wieder und sagte, nun könne er sich wieder in anständiger Gesellschaft sehen lassen. Aber sie verbat sich, dass so etwas noch einmal vorkomme!
2. »Das Klapperstorch-Märchen«
Inhalt:
In diesem Märchen geht es um die Frage, wie der Storch zu seinen langen Beinen gekommen ist:
Ehe der Storch den Leuten ein Kind bringt, meldet er sich bei ihnen und kündigt an, was er tun will. Einmal aber hatte er es vergessen. Er kam mit einem hübschen Jungen zur Hütte von zwei armen Leuten, bei denen er sich nicht vorher angemeldet hatte. So waren sie auf dem Feld und hatten nichts vorbereitet. Tür und Fenster ihrer Hütte waren verschlossen, und es gab nicht einmal eine Treppe, wo er hätte das Kind ablegen können. So flog er aufs Dach der Hütte und klapperte dort oben laut, bis das ganze Dorf zusammenlief.
Eine alte Frau lief schließlich los und holte die Eltern, die eilig nach Hause kamen und ihm den Jungen abnahmen. Der Storch ärgerte sich sehr und beschloss, diesen Eltern kein weiteres Kind zu bringen.
Als der Knabe wuchs und gedieh, schenkten die zufriedenen Eltern schließlich dem Storch ein Paar rote Stelzen, damit er im Sumpf Frösche fangen und im großen Teich hinter dem Dorf die kleinen Kinder holen konnte, ohne nasse Füße zu bekommen. Da vergaß der Storch seinen Ärger und brachte dem Ehepaar noch ein Mädchen.
Ein reicher, garstiger Bauer aus dem Dorf hatte auch nur einen Sohn und wünschte sich eine Tochter dazu. Er ließ dem Storch vom Tischler wunderschöne, grün, gelb und blau geringelte Stelzen mit goldenen Knöpfen machen, viel schöner als die roten Stelzen, die er von den anderen Leuten bekommen hatte, und wollte sie ihm geben, damit er ihm auch noch ein Mädchen brächte.
Der Storch aber fand die Stelzen des Reichen hässlich und wollte sie nicht haben. Die roten Stelzen mochte er viel lieber. Eine Tochter bekam der reiche Bauer folglich nie.

Quellen:
Bilder:
- Foto von Richard von Volkmann, gemeinfrei.
- Cover von »Träumereien an französischen Kaminen« mit freundlicher Genehmigung des Mitteldeutschen Verlags, Halle.
© Wolfgang Wiekert
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