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Wunderwelten

Johann Wilhelm Wolf

Leider sind von Johann Wilhelm Wolf im Internet keine Bilder zu finden, obwohl er ein bedeutender Sammler von Märchen und Sagen war. Auch über sein Leben wird nur wenig berichtet.

Leben:

Wolf wurde im April 1817 in Köln geboren und wuchs in einem streng katholisch geprägten Umfeld auf.
Über die Zeit seiner Ausbildung und seine Abschlüsse ist nichts Näheres bekannt. Anfangs war er wohl in einem kaufmännischen Beruf tätig. Bald darauf aber floh er nach Brüssel. Dort beschäftigte er sich mit dem Studium volkstümlicher flämischer Überlieferungen und deren Sammlung.
Endlich kam er über Gent nach Köln zurück. Etwa im Jahre 1846 heiratete er Marie von Ploennies und zog 1847 mit seiner Familie nach Darmstadt. Sein Schwager war Leutnant Wilhelm von Ploennies, mit dem er auf Streifzügen durch den Odenwald und bei Befragungen von Soldaten aus dessen Kompanie das Material zu Sammlungen von Märchen und Sagen zusammentrug.
Im Juni 1855 verstarb Johann Wilhelm Wolf in Hofheim am Taunus.

Ausgewählte Werke:

1. »Die Leichenfresserin«

Inhalt:
Der König von England hatte eine wunderschöne Tochter. Diese sagte zu ihm, sie werde an ihrem zwanzigsten Geburtstag sterben. Dann solle man sie in ihrem Sarg in die alte Kapelle vor der Stadt bringen und nachts eine Schildwache dazu stellen.
Es geschah, wie sie gesagt hatte, und der König tat mit ihrem Sarg, wie sie es gewünscht hatte. Als der Wächter aber am nächsten Tag abgelöst werden sollte, lag er mit gebrochenem Genick neben dem Sarg. So erging es auch dem zweiten und dritten Wächter, sodass sich danach niemand mehr fand, der bei der Königstochter wachen wollte, auch wenn der König eine große Belohnung aussetzte.
Zur selben Zeit hielt sich am englischen Königshof ein fremder Schneidergeselle auf. Er arbeitete so gut, dass der König ihn nicht mehr fort ließ, obwohl er großes Heimweh hatte und gerne fort wollte. Als der Schneidergeselle aber hörte, was am Sarg der Prinzessin geschehen war, schlug er dem König vor, dass er in der nächsten Nacht dort wachen wolle. Der König sagte zu. Der Geselle aber wollte, als er am Abend die Stadt verließ, nach Hause fliehen. Da aber traf er ein altes Männlein. Dieses sagte, er fliehe vor seinem eigenen Glück. Er solle zur Kapelle zurückkehren und Wache halten. Er müsse nur in die Beichtkammer der Kapelle gehen, wo eine Reihe von Leichen liege. Mitten unter ihnen sei ein Platz frei. Dorthin solle er sich legen und durch nichts irre machen lassen, was immer auch geschehe. Dann werde er die Prinzessin erlösen und ihr Gemahl werden. -
Der Geselle tat, was das Männlein gesagt hatte. Um elf Uhr aber tat sich der Sarg der Prinzessin auf, sie stieg heraus und fing an, die Leichen in der Beichtkammer zu zerreißen und zu fressen. Der Schneider bekam furchtbare Angst, blieb aber liegen. Um zwölf Uhr aber stieg die Königstochter wieder in ihren Sarg, und alles war vorbei.
Am nächsten Morgen wurde der Schneider vom König und seinem Hofstaat gefeiert, und der Herrscher ließ das allerbeste Essen und ein Fass voll Wein in die Kapelle bringen, damit der Held sich in der nächsten Nacht daran stärken könne. –
Als der Schneidergeselle jedoch in der kommenden Nacht Wache halten sollte, wollte er fliehen, denn er dachte, die Prinzessin werde ihn diesmal bestimmt nicht verschonen. Da aber traf er wieder das Männlein. Es sagte, er solle nicht fliehen, sondern sich wieder zwischen die Toten legen, und dann, wenn die Prinzessin gierig an einer Leiche fresse, an ihr vorbeischleichen und statt ihrer in ihren Sarg steigen.
Der Geselle legte sich wieder zwischen die Toten. Um elf Uhr kam die Prinzessin erneut in die Beichtkammer und fraß an ihren Körpern. Dabei schrie sie: »Ich krieg dich doch, du magst stecken, wo du willst.«
Endlich aber blieb sie bei einer Leiche sitzen und fraß diese gierig auf. Da schlich sich der Schneider hinter ihrem Rücken unbemerkt zu ihrem Sarg und legte sich hinein. Um zwölf Uhr wollte die Königstochter selber in ihren Sarg steigen. Er aber blieb darin liegen, und all ihr Bitten und Schimpfen brachte ihn nicht hinaus. Da sie sonst nichts tun konnte, legte sie sich draußen schlafen. Als sie schlief, aß der Schneider sein Essen und trank dazu seinen Wein. Am Ende schlief auch er auf dem Fußboden ein.
Am nächsten Morgen wurden beide auf dem Boden schlafend gefunden. Der glückliche König erlaubte die Hochzeit des Schneiders mit seiner Tochter. Als die beiden geheiratet hatten und der Schneider zum ersten Mal bei seiner Frau lag, fürchtete er sich vor ihr. Sie aber sagte, sie werde ihm nichts tun und habe auch die Leichen nicht wirklich gefressen. Da gab ihr Mann ihr einen Kuss. Anschließend lebten sie lange glücklich miteinander und hatte viele Kinder.

2. »Das Schloss des Todes«

Inhalt:
Ein armer Mann hatte viele Kinder, die wiederum viele Paten hatten. Auf seine alten Tage schenkte ihm seine Frau noch einen Jungen und sagte, er solle den Erstbesten zum Paten machen, der ihm auf der Straße begegne.
Er traf zuerst ein kleines, ergrautes Männlein auf der Strasse, und es willigte sofort ein, der Pate seines Kindes zu werden. Der Mann fragte, wer das Männlein sei, und es antwortete: »Ich bin der Tod.«
Nach der Taufe am nächsten Tag sagte der Tod: »Wenn der Junge 14 Jahre alt ist, dann braucht ihr nicht mehr für ihn zu sorgen, im Gegenteil, er wird dann für euch sorgen!«
An seinem 14. Geburtstag nahm der Tod den Knaben mit und sprach, er werde ihn nun zum geschicktesten Arzt der Welt machen. Wenn er zu einem Kranken komme, und sein Pate stehe am Kopfende des Krankenbettes, so solle er sagen, es gebe für den Kranken keine Rettung. Stehe sein Pate aber am Fußende des Bettes, so solle er einen Trank aus süßer Milch und drei Körnern Salz machen. Der Kranke sei dann in drei Tagen gesund.
Der Jüngling tat fortan, wie der Tod gesagt hatte, und wurde so hochberühmt. Auf diese Weise heilte er sogar die Königstochter und sagte den Tod der Königin voraus, sodass ihm der König viel Gold schenkte. –
Als der Arzt endlich in seinen besten Jahren angekommen war, begegnete er in einem Wald seinem Paten, dem Tod. An einem Kreuzweg sprach dieser zu ihm, er werde nun rechts gehen, und sein Patenkind solle links gehen. Der Arzt fragte, wohin er denn gehe. Der Tod antwortete, er gehe zu seinem Schloss. Da ging der Arzt mit ihm. Als sie am Schloss des Paten ankamen, ging der Arzt trotz der Warnung des Todes mit hinein. Drinnen waren alle Zimmer dunkel, bis auf die Lebenslichter der Menschen. Trotz der Warnung des Todes ließ sich der Arzt sein Lebenslicht zeigen. Es war kurz vor dem Erlöschen. Dann aber führte der Tod ihn aus dem Schloss in den Wald zurück, damit er nicht im Schloss sein Amt an ihm ausüben musste.
Als der Arzt zu Hause war, wurde er ernstlich krank. In der Nacht erwachte er plötzlich und sah den Tod am Kopfende seines Bettes stehen. Da wandte er sich rasch im Bett um, sodass der Tod zu seinen Füßen stand. Als dieser daraufhin zum anderen Ende des Bettes ging, wandte der Arzt sich wieder um, und so ging es die ganze Nacht lang. Am Morgen sagte der Tod, er habe mit seinem Patenkind mehr Last, als mit allen anderen, die er seit Vater Adam geholt habe. Der Arzt aber bat ihn, ihn so lange leben zu lassen, bis er ein Vaterunser gesprochen habe. Als der Tod ihm dies gewährte, sagte er den ersten Satz her und sprach dann, er werde nun fünfzig Jahre lang an diesem Gebet sprechen. Da lachte der Tod und sagte, er werde sich hüten, noch einen Doktor seine Kunst zu lehren.

Quellen:

Bilder:

  • Cover von: Johann Wilhelm Wolf, »Deutsche Hausmärchen«. Mit freundlicher Genehmigung von Versand- AS GmbH, Berlin

Copyright © 2010 by Wolfgang Wiekert

 

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