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Wunderwelten

Johann Karl August Musäus

Leben:

Johann Karl August Musäus wurde Ende März 1735 in Jena als Sohn eines Landrichters geboren. Im Alter von neun Jahren kam er zu seinem Onkel, der ihn streng christlich erzog. Nach mehreren Jahren zog er mit dem Onkel nach Eisenach, weil sein Vater dort eine Anstellung als Justiz- und Oberamtmann bekam.
Von 1754 bis 1758 studierte Musäus Theologie an der Universität Jena, anschließend aber klassische Philologie, denn er durfte eine ihm angebotene Stelle als Pfarrer nicht annehmen, weil er mit dem Tanz auf einer Dorfkirmes unchristliche Verfehlungen begangen hatte, was man ihm übel nahm.
1763 bekam er eine Stelle als Pagenhofmeister in Weimar und wurde drei Jahre später Literaturkritiker als Mitarbeiter der Allgemeinen Deutschen Bibliothek. Diese wurde von Friedrich Nicolai, einem Schriftsteller, Buchhändler, Kritiker und Hauptvertreter der Berliner Aufklärung herausgegeben. In dieser Stellung rezensierte Musäus etwa 350 zeitgenössische Romane im Sinne einer aufklärerischen, an der antiken Rhetorik orientierten Kunsttheorie.
1769 ernannte ihn die Regentin Amalia zum Professor der klassischen Sprache und Geschichte am Weimarer Gymnasium. Dort unterrichtete er auch August von Kotzebue, der in späteren Jahren ebenfalls als Schriftsteller berühmt wurde.
Im nächsten Jahr heiratete Musäus, der nun durch seine Professorentätigkeit und als Autor seinen Lebensunterhalt gesichert hatte, Juliane Krüger, mit der er zwei Söhne namens Karl und August hatte.

In der folgenden Zeit lebte er abseits des Hofes und des Zentrums der Weimarer Klassik um Wieland, Goethe, Herder und Schiller. Er kritisierte den Geniekult und die vorherrschende Empfindsamkeit. Seit 1776 gehörte er zu den Freimaurern als Mitglied der Loge Amalia in Weimar.
In seinem Sommerhaus mit Garten hielt er sich sehr oft auf und empfing dort Geistesgrößen wie Herzog Carl August, Goethe, Herder, Lavater, Nicolai und Wieland, der ihn zur Veröffentlichung seiner berühmten Volksmärchensammlung veranlasste.
1783 wurde er in den Illuminatenorden aufgenommen, eine in Ingolstadt gegründete Geheimgesellschaft, deren Ziel es war, durch Aufklärung und sittliche Verbesserung die Herrschaft des Menschen über den Menschen überflüssig zu machen.
Im Oktober 1787 starb Musäus in Weimar. Herder hielt seine Grabrede, und er wurde auf dem Jacobsfriedhof in Weimar beerdigt.

(Musäusgrab auf dem Jacobsfriedhof in Weimar)

Werk:

Musäus war Schriftsteller, Literaturkritiker, Philologe und Märchensammler. Zudem agierte er als satirischer und gleichzeitig volkstümlicher Erzähler der Aufklärung. Seine Sammlung deutscher Volksmärchen war ein großer Erfolg, hatte sehr viele Auflagen und wurde häufig übersetzt.

(Cover einer Ausgabe von Volksmärchen der Deutschen)

Stellvertretend für die vielfältigen Arbeiten von Musäus sollen hier Auszüge zweier Märchen seiner Sammlung dargestellt werden, durch welche deutlich wird, dass der Verfasser die Tragik der Geschichten durch komische Verschnörkelungen ihres Ernstes beraubt, sodass selbst der Tod heiter erscheint:

Richilde

Während dasselbe Märchen, das bei den Brüdern Grimm Schneewittchen heißt, bei diesen damit endet, dass die böse Stiefmutter in glühenden Eisenpantoffeln bis zum Tod tanzen muss, wird dieses schreckliche Ende bei Musäus zu einem heiteren Rokokofinale:

Gunzelin, der gaskonische Ritter, fordert die böse Stiefmutter bei der abschließenden Hochzeit zum Tanz auf, und obwohl sie sich sträubt, ziehen ihr die Zwerge die glühenden Pantoffeln an, und sie muss mit dem Ritter darin tanzen. Gunzelin schliff mit ihr einen so raschen Schleifer längs dem Saal hinab, daß der Erdboden rauchte und ihre zarten wohlgebratenen Füße kein Hühnerauge mehr quälte, dazu waldhornierten die Musikanten so herzhaft, daß alles Gewinsel und Wehklagen in die rauschende Musik verschlungen ward. Nach unendlichen Wirbeln und Kreiseln drehete der flinke Ritter die erhitzte Tänzerin, welche noch nie ein Schleifer so heiß gemacht hatte, zum Saal hinaus, die Stiegen hinab in einen wohlverwahrten Turm, wo die büßende Sünderin Zeit und Muße hatte, Pönitenz (= Buße) zu tun. Sambul der Arzt aber kochte flugs eine köstliche Salbe, welche die Schmerzen linderte und die Brandblasen heilte.

Ulrich mit dem Bühel

Hier tötet die schöne Witwe eines gefallenen Ritters den Knecht, der sie bedroht, während des Schlafs. Musäus aber beschreibt diese Tötung so komisch, dass die eigentliche Tragik der Handlung völlig untergeht:

Der schönen Witwe kam kein Schlaf in die Augen, wiewohl sie sich stellte, als ob sie sanft schlummere. Sobald sie den frechen Wicht schnarchen hörte, sprang sie hurtig von dem Lager auf, zog gemachsam sein Schwert aus der Scheide, schnitt ihm flugs damit die Gurgel, und zugleich den schönsten Traum seines Lebens entzwei. Er hatte kaum zu ihren Füßen die Seele ausgezappelt, so schritt sie hurtig über den Leichnam aus der Höhle, und irrete durch den düstern Wald, ohne zu wissen, wo sie der Zufall hinführen würde.

Quellen:

Bilder:

  • Bildnis von Johann Karl August Musäus, aus: Ludwig Bechsteins Zweihundert deutsche Männer von 1854, Leipzig, 1854, Urheber unbekannt, gemeinfrei
  • Foto Musäusgrab, Jacobskirchhof Weimar, 12. 2. 2005, Urheber Shelog aus de.wikipedia.org.
  • Cover von J.K.A. Musäus, Volksmärchen der Deutschen, gebundene Ausgabe, Ebeling- Verlag 1978

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