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Wunderwelten

Heinrich Seidel

Leben:

Heinrich Seidel wurde im Juni 1842 in Perlin in Mecklenburg geboren. Er war der Sohn eines Pfarrers.
Er studierte in Hannover und ab 1866 in Berlin Maschinenbau und wurde Ingenieur. Als solcher konstruierte er in den Jahren 1870 bis 1880 Bahnanlagen und entwarf die zu seiner Zeit in Europa einmalige Hallenkonstruktion des Anhalter Bahnhofs. 1880 gab er dann sein nach eigenen Worten »sonderbares Doppelleben« als Ingenieur und Schriftsteller auf und arbeitete daraufhin ausschließlich als Autor.
Als solcher gehörte er zum »Akademischen Verein Hütte«, zur literarischen Gesellschaft »Tunnel über der Spree« und zur mecklenburgischen Landsmannschaft »Obotritia«. Unter dem Pseudonym Johannes Köhnke war er neben Julius Strinde, Johannes Trojan und anderen Mitglied des »Allgemeinen Deutschen Reimvereins«.
Der Spruch »Dem Ingenieur ist nichts zu schwer« stammt aus seiner Feder und bildet die erste Zeile seines Ingenieurlieds von 1871.

Heinrich Seidel brachte von seinen Reisen viele Samen fremdartiger Gewächse mit in die Heimat, wo er sie an verschiedenen Orten anpflanzte. Einigen Straucharten gelang es so, sich am fremden Ort zu etablieren, sodass sie heute zum natürlichen Bestand der heimischen Flora zählen.
Seidels erste Wohnung in Berlin war das Haus des Senators a.D. Dr. Karl Eggers in Berlin-Tiergarten. Von 1895 bis zu seinem Tod durch Magenkrebs im Jahre 1906 wohnte er im eigenen Haus in der Berliner Villenkolonie Lichterfelde. Es stand dort in der Boothstraße 29. Er war dort besonders gern zu Hause und beschrieb das Haus als einen »Ort so schön wie ein Gedicht«.
Er bekam ein Ehrengrab an der Westmauer des Friedhofs Lichterfelde.

(Ehrengrab Heinrich Seidels in Lichterfelde)

Werk:

Das bekannteste Werk Seidels ist die Schrift »Leberecht Hühnchen«. Es besteht aus mehreren Episoden und entstand zwischen 1880 und 1893. Hühnchen wird als Studienfreund des Ich-Erzählers dieses Buches beschrieben, der sich später in seine Tochter Frieda verliebt und diese heiratet. Die Randfigur Doktor Havelmüller ist ein Porträt von Seidels Freund Emil Jacobsen.
Ein weniger bekanntes Werk Seidels ist der Roman »Heinrich Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande«. Unter häufiger Benutzung des Plattdeutschen verarbeitet der Autor hier seine Jugend in Perlin.
Hohe Wertschätzung bei Kollegen erfuhren seine Märchen und seine Autobiografie »Von Perlin nach Berlin«.

(Heinrich-Seidel-Gedenktafel in Berlin)

In der Erzählung »Im Jahre 1984« beschreibt Seidel die Zeitreise eines Gottlieb Nothnagel in das Jahr 1984. Dort zeigt sich die Welt des Jahres 1984 als Maschinenwelt der automatischen Restaurants, als Welt mit außergewöhnlich schnellen interkontinentalen Verkehrsverbindungen und als Welt von Menschen, die sehr individuell gekleidet sind.

Als ausgewähltes Werk des Autors soll an dieser Stelle der Inhalt eines seiner Märchen beschrieben werden:

Ein Weihnachtsmärchen

Ein armer und einsamer Student namens Hermann lebte in einer großen Stadt. Er hatte keinen Menschen auf der Welt und hätte doch so gern eine junge Frau geliebt und wäre gern von einer solchen geliebt worden.
Er war sehr fleißig und arbeitete den ganzen Tag. Abends ging er dann durch die Stadt und freute sich an den Spielen der Kinder oder an fröhlichen Spaziergängern.
Eines Tages im Sommer begegnete ihm dabei ein Mann mit einem Hundekarren. Er war recht sonderbar mit seinem großen, schwarzen Hut, seinem grauen, langen Mantel und seiner kleinen, buckligen Gestalt. Er ließ seinen Wagen vor den Häusern auf der Straße stehen, ging hinein und kaufte Trödel, den die Leute nicht mehr brauchten.
Als sein Hund mit dem Karren wieder einmal vor einem Haus warten musste, kam ein Straßenjunge vorbei und ärgerte und schlug den Hund mit einem Stock. Da wurde Hermann, der dies sah, böse, nahm dem Straßenjungen den Stock weg und schlug ihn damit, sodass er selber fühlte, was er dem armen Hund angetan hatte. Endlich kam der Trödler zurück und bat Hermann, den Jungen laufen zu lassen. Als dieser tat, was er gefordert hatte, sagte er zu ihm, er wolle ihm seine Tat vergelten und ging dann fort.
Sie trafen einander noch oft. Dann nickten sie sich gegenseitig zu, und der Hund des Trödlers bellte vor Freude.

Endlich kam die Weihnachtszeit, und Hermann fühlte sich nun so arm und einsam wie nie. Am Heiligen Abend wanderte er traurig allein durch die Stadt. Als er in eine dunkle Gasse einbog, wurde er plötzlich gerufen. Er sah sich um, und der alte Trödler stand vor der Tür eines verfallenen Hauses und bat ihn herein. Er sagte, heute wolle er Hermanns Weihnachtsmann sein. Er führte den Studenten in eine warme Stube. Dort stand eine Lampe neben einer aufgeschlagenen Bibel auf dem Tisch. An den Wänden befanden sich Regale mit dem ganzen Trödel, den der Alte gesammelt hatte.
Sie setzten sich an den Tisch, und der alte Mann las das Weihnachtsevangelium vor. Als er fertig war, holte er einen Kuchen und eine Flasche guten Weines herbei. Sie aßen und tranken. Da aber erschien Hermann plötzlich das Gemach des Trödlers wie ein prunkvolles Schloss und der Trödel wie wertvolle Vasen und Gold und Edelsteine, und er glaubte außerdem, zwischen diesen Dingen geschäftige Zwerge zu sehen. Zudem hatte sich der Alte einen bunten Schlafrock angezogen und eine spitze Mütze aufgesetzt und sah nun aus wie ein Zauberer.
»Jetzt besehen wir Bilder!«, sagte der Trödler und holte einen großen Folianten hervor. Als sie darin blätterten, erlebte Hermann Abenteuer wie im Märchen. Er sah sich u.a. auf einem Weihnachtsmarkt mitten im Gewühl, auf einem Schiff auf dem Meer, bei einer studentischen Weihnachtsfeier, auf einem riesigen Weihnachtsbaum zusammen mit einer hübschen jungen Frau und an der Himmelspforte selbst.
Endlich weckte ihn der alte Trödler und sagte, es sei für ihn nun Zeit, nach Hause zu gehen. Er hatte offensichtlich geschlafen und geträumt. Alles im Raum war nun wieder wie am Anfang. Der alte Mann aber schenkte ihm zum Abschied noch ein wunderlich geformtes Schreibzeug. -
Als der erste Weihnachtstag zu Ende ging, saß Hermann in seiner kleinen Dachwohnung am Tisch. Er hatte ein Blatt weißen Papiers vor sich liegen und nahm das Schreibzeug des Trödlers zur Hand. Ihm war, als müsse er etwas schreiben. Als er aber die Feder ins Tintenfass tauchte, entwickelte sich im Zimmer vor seinen Augen wieder eine Märchenwelt mit Zwergen, Elfen und einer Elfenkönigin, die ein Fest feierten, sangen, tanzten, Kampfspiele aufführten und so weiter. Nach längerer Zeit aber wurde das Ganze vor Hermanns Augen undeutlich, ein Schleier senkte sich vor seine Augen, und alles war still. –

Am Morgen lag er ganz ordentlich im Bett. Als er aber aufstand, war das ganze Blatt, das am Abend weiß vor ihm gelegen hatte, eng beschrieben. Es handelte sich um eine Beschreibung des Elfenfestes, das er am Abend zuvor erlebt hatte. Da erkannte er, welchen Schatz ihm der alte Mann geschenkt hatte.
Sofort machte er sich auf den Weg zum Haus des Trödlers, um sich zu bedanken, doch er konnte es nirgendwo finden und sah auch den Alten nie wieder.
Hinfort schrieb und erlebte er immer weiter Märchen mit dem wunderbaren Schreibzeug, die er dann den Kindern aus seinem Haus erzählte.

Quellen:

Bilder:

  • Foto von Heinrich Seidel, Urheber: Löscher & Petsch, um 1890, gemeinfrei.
  • Foto von Heinrich Seidels Ehrengrab auf dem Friedhof Lichterfelde, Urheber: A.V. Hütte/ Wikinaut, 19. Oktober 2006.
  • Foto von der Heinrich-Seidel-Gedenktafel in Berlin, Boothstraße 30, Urheber: Wikinaut, 01.06.2006.

Copyright © 2010 by Wolfgang Wiekert

 

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