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![]() Doppelporträt der Brüder Wilhelm Grimm (links) und Jacob Grimm |
Sie waren unzertrennlich, so dass sie auch heute noch nur in einem Atemzug als „Brüder Grimm“ bezeichnet werden. Diese Eigentümlichkeit der wohl bekanntesten Märchensammler und -bearbeiter der Welt drückt Jacob Grimm, geboren am 4. Januar 1785, der ältere der beiden Brüder, in einem Brief an seinen Bruder Wilhelm, geboren im Februar 1786, so aus:
„Wir wollen uns einmal nie trennen. Wir sind nun die Gemeinschaft so gewohnt, dass mich schon das Vereinzeln zum Tode betrüben könnte.“
Jacob und Wilhelm Grimm waren die beiden ältesten von insgesamt neun in Hanau geborenen Kindern (drei davon starben bereits im Säuglingsalter) des Amtmanns Philipp Wilhelm Grimm und seiner Frau Dorothea.
Der Beruf des Vaters als Jurist ermöglichte der Familie ein bescheidenes und geborgenes Dasein, von welchem die Brüder später gern erzählten und das sie offensichtlich sehr genossen hatten.
1796 aber starb der Vater an einer Lungenentzündung, als Jacob, sein Ältester, gerade elf und Wilhelm zehn Jahre alt waren. Die Familie war fortan mittellos, und die Mutter musste sich mit ihren verbliebenen sechs Kindern kümmerlich durchschlagen. Eine Tante, die am Kasseler Hof des Landgrafen beschäftigt war, ließ Jacob und Wilhelm 1798 nach Kassel kommen und ermöglichte ihnen dort den Besuch des Lyzeums.
1802 begann Jacob, 1803 sein Bruder Wilhelm, jeweils ein Jurastudium in Marburg. Die beiden waren äußerst fleißige Studenten, da sie möglichst schnell das Geld für sich und die anderen verdienen mussten.
Während des Studiums in Marburg lernten die Brüder Professor Carl von Savigny kennen, der den beiden erlaubte, seine Privatbibliothek zu nutzen. Er vermittelte ihnen zudem die Bekanntschaft mit Clemens und Bettina Brentano sowie Achim von Arnim.
Im Alter von zwanzig bzw. neunzehn Jahren begannen die beiden ihre lebenslange Sammlertätigkeit.
1808 verstarb schließlich die Mutter. Zu allem Überfluss verlor just zu dieser Zeit Jacob seine Stelle als Sekretär beim Hessischen Kriegskollegium, und Wilhelm bekam – obwohl er bereits sein Examen als Jurist abgelegt hatte – wegen häufiger Krankheit keine Stellung.
Aber die Familie hatte Glück! Jacob bekam durch eine Empfehlung das Angebot, Privatbibliothekar des gerade von Napoleon zum König von Westfalen ernannten Jerome Bonaparte zu werden. So konnte Jacob von nun an seine jüngeren Geschwister ernähren und seinem an Asthma leidenden Bruder Wilhelm eine Kur bei einem Mediziner in Halle bezahlen.
Von 1810 bis 1813 widmeten sich die Brüder ihrer Forschung in Kassel. Sie waren bereits mit Aufsätzen in wissenschaftlichen Zeitschriften hervorgetreten und hatten über Minnesang und altdeutsche Poesie geschrieben. 1811 erschien Jacobs erstes Buch über die Meistersinger. Wilhelm gab im selben Jahr „Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen“ heraus. Schon hier zeigte sich, dass die Grimms nicht nur in nationaler Beschränktheit auf deutsche Texte fixiert waren, sondern auch – sie beherrschten beide mehrere Sprachen – internationale Texte sammelten und bearbeiteten.
Wohlfahrtsmarke mit Bildnis der Brüder Grimm, Deutsche Bundespost, 1959.
1813 musste König Jerome nach der Niederlage seines Bruders bei Leipzig fliehen, und Jacob verlor seine Stellung. Bald darauf aber wurde er Diplomat in Diensten des zurückgekehrten Kurfürsten von Hessen-Kassel, eine Stellung, die er zugunsten der eigentlichen Lebensaufgabe, die er sich stellte, bald wieder aufgab.
1816 erhielt er dann eine Anstellung an jener Bibliothek, an der schon kurze Zeit zuvor sein Bruder Wilhelm angestellt worden war.
Jacob empfand die nun folgende Zeit als die „ruhigste“ und „fruchtbarste Zeit“ seines Lebens. Dies aber traf nach Meinung der anderen nicht ganz zu. Schon im Jahre 1806 hatten die Brüder nämlich mit dem Sammeln von Märchen begonnen, angeregt von ihren Dichterfreunden Brentano und Arnim. Sie waren diesen Anregungen gern gefolgt, da diejenigen, die diese Märchen bewahrten, wegen der Aufklärung und der einsetzenden industriellen Revolution immer weniger wurden.
Die Brüder sammelten die Märchen fast nur in ihrem hessischen Umkreis, wo sie einige Märchenerzähler ausfindig machten, so die Hausfrau und Töchter in der Sonnenapotheke in Kassel, Amalie und Jeannette Hassenpflug, die Lenhardin und später die Viehmännin, aber auch Männer wie den Kriegsinvaliden Krause.
Kurz vor Weihnachten 1812 erschien dann der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen“, gerade zu der Zeit, als Napoleons geschlagene Armee aus Russland in den Westen zurückkehrte.
Die Sprache der Märchen, wie sie heute noch bekannt ist, geht auf Wilhelm Grimm zurück, der die Märchen durch seine Formulierungen in den Stand der Weltliteratur erhob. Jacob hingegen wollte die Märchen wie literarische Quellen behandeln und sie in ihrer ursprünglichen Form belassen.
1815 erschien der zweite Band der Grimm´schen Märchen, zu dem nicht nur die hessischen Erzähler beitrugen, sondern auch Helfer in Westfalen aus den Familien Haxthausen und Droste-Hülshoff.
1000-DM-Banknote mit Bildnis der Brüder Grimm
1816 und 1818 erschienen dann die beiden Bände der „Deutschen Sagen“, die die Brüder ebenfalls mit Akribie gesammelt hatten, die aber bei weitem nicht so populär wurden, wie die Märchen, deren Übersetzungen in fremde Sprachen an Auflagenstärke nur noch von der Bibel übertroffen wurden. Bereits zu Lebzeiten der Brüder Grimm gab es sieben Auflagen der Märchenbände, aber nur eine Auflage der Sagen.
Im Jahr 1819 bekamen die beiden, die zu dieser Zeit in Kassel Bibliothekare waren, die Ehrendoktorwürde der Universität Marburg.
1825 heiratete Wilhelm Grimm Dorothea Wild, die er bereits als kindliche Märchenerzählerin kennen gelernt hatte. Jacob blieb als Junggeselle im Haus seines Bruders und nahm an dessen Familienleben regen Anteil. Vor und in dieser Zeit widmete er sich sprachwissenschaftlichen Studien, die er mit seiner „Deutschen Grammatik“ in zwei Bänden von je über 1000 Seiten von 1822 bzw. 1826 abschloss. Wilhelm veröffentlichte 1829 ein Werk über die deutsche Heldensage und lieferte damit vielen zeitgenössischen Dichtern, Künstlern und Komponisten
Anregungen für ihre Schöpfungen.
Ebenfalls 1829 erhielten beide Brüder einen Ruf an die Universität Göttingen, Jacob als Professor, Wilhelm als Bibliothekar. Sie nahmen das Angebot an. Jacob tat sich als Professor zunächst schwer, da es seiner „Natur“ entsprach, „zu lernen, nicht zu lehren“. Außerdem belastete ihn die angegriffene Gesundheit des Bruders.
1835 wurde, nach Veröffentlichung weiterer Werke beider Brüder, auch Wilhelm Professor in Göttingen. Seine Publikationen gelangen ihm nur in den Pausen zwischen vielen – zum Teil sogar lebensgefährlichen – Erkrankungen.
1837 ließ der neue König von Hannover, wozu auch Göttingen gehörte, die von seinem Vorgänger erlassene Verfassung für ungültig erklären, um zur absolutistischen Regierungsform zurückzukehren. Gegen diesen Verfassungsbruch protestierten sieben Göttinger Professoren, die „Göttinger Sieben“, darunter auch die Brüder Grimm. Sie alle verloren ihre Ämter, und u.a. Jacob Grimm wurde sogar des Landes verwiesen.
Die Grimms gingen wieder nach Kassel, und sie waren nun – zusammen mit den anderen fünf Göttinger Professoren – als Inbegriff aufrechter Gesinnung im ganzen Land bekannt.
1838 bekam Jacob das Angebot, für einen Berliner Verlag ein umfangreiches deutsches Wörterbuch zu erstellen. Er überredete, nachdem er zunächst gezögert hatte, seinen Bruder Wilhelm zur Mitarbeit, und beide wurden 1840, noch während der Vorbereitungen, vom neuen preußischen König, Friedrich Wilhelm IV., an die Berliner Akademie der Wissenschaften berufen. Die Grimms zogen nach Berlin, wo sie ein hohes Ansehen genossen.
1848 ging Jacob als Abgeordneter in das Paulskirchenparlament nach Frankfurt, legte aber bald darauf sein Mandat nieder.
Am 16. Dezember 1859 - während der Arbeit am „Deutschen Wörterbuch“ - starb Wilhelm Grimm, und sein Bruder Jacob vereinsamte, bevor er 1863, nur vier Jahre später, ebenfalls starb.
Grabstätte der Brüder Grimm in Berlin.
Zum Schluss bleibt noch die Bedeutung hervorzuheben, die die Brüder Grimm für die Germanistik hatten, als deren Mitbegründer sie heute gelten.
Ihre wundervolle Bearbeitung des deutschen Märchengutes schlug sich in vielen weltbekannten Märchen nieder, wie zum Beispiel „Das tapfere Schneiderlein“, „Rumpelstilzchen“, Schneewittchen“, „Rotkäppchen“, „König Drosselbart“, „Froschkönig“, „Rapunzel“, „Hänsel und Gretel“ und „Die Bremer Stadtmusikanten“, um nur einige zu nennen.
Die Geburtsstadt der beiden, Hanau in Hessen, ist sehr stolz auf ihre berühmten Söhne, und veranstaltet seit nunmehr 25 Jahren die „Brüder Grimm Märchenfestspiele“, die in diesem Jahr vom 22. Mai bis zum 2. August stattfinden. Bisher wurden sechzig Schauspielinszenierungen und zwanzig Musicals an dieser Stelle von 1,2 Millionen Besuchern erlebt.
Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau.
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Quellen:
Bilder:
© Wolfgang Wiekert