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Wunderwelten


Humoristische Fantasy

Eine Auswahl

Es ist manchmal gar nicht so einfach, ernst zu bleiben im Angesichte eindimensional tapferer Ritter, arroganter Elfenschönlinge oder liebestoller Vampire. Vor allem Autoren beliebter Angriffsgenres wie der High Fantasy lassen daher auch gerne mal humoristische Momente in ihre Bücher einfließen. So besaufen sich in Hennens Elfenromanen irgendwann sogar die Bäume und manch ein Klassiker setzt auf Sidekicks wie etwa den tollpatschigen Kenderhelden Tolpan aus den Drachenlanze-Romanen (Halblinge wie Hobbits oder Kender sind generell offenbar ziemlich gut für so was geeignet).
Doch fern dieser manchmal selbstironischen Einlagen gibt es auch viele Autoren, die schon lange das humoristische Potenzial von Sagen, Märchen, (High) Fantasy und gerade in letzter Zeit auch aus dem Bereich der düsteren (Vampir-)Phantastik erkannt haben. Nicht selten ist die Funtasy dabei auch gar nicht nur oberflächlicher Klamauk, sondern hat durchaus auch hinterfragenden, satirischen Wert.

Als wohl bekanntester Autor das mal als Humoristische, mal als Light oder Funny Fantasy (aka Funtasy für alle, die Wortneuschöpfungen bevorzugen oder Platz sparen wollen) bezeichneten Genres gilt wohl Scheibenwelt-Schöpfer Terry Pratchett. Regelmäßig treiben einem dessen mit skurrilen Charakteren versehene Romane die Lachtränen in die Augen und dabei zeigt sich der Autor auch noch häufig als einer der größten satirischen Philosophen der Postmoderne (nein, das ist nicht übertrieben). Das Einzige, was man ihm hier vorwerfen kann, ist, dass er bei aller Situationskomik und den weisen Wortspielen manchmal den Handlungsfaden aus den Augen verliert – ein Problem, dass er mit vielen anderen Funtasy-Autoren teilt. Dennoch, unter seinen vielen Romanen gibt es einige Sternstunden der Literatur zu finden, etwa die Romane um Nachwuchshexe Tiffany1 oder der Band Alles Sense, der unter anderem mit einem liebeskranken TOD aufwarten kann. Und nicht zu vergessen Die Gelehrten der Scheibenwelt (unter Mitarbeit von Ian Stewart und Jack Cohen) plus Fortsetzungen, in denen Pratchett gar nicht mehr erst seine philosophischen Ambitionen unter dem Deckmantel eines Romans zu verstecken versucht. Obwohl Pratchett übrigens vorrangig für seine Scheibenwelt-Romane bekannt geworden ist, kann auch ein Blick auf andere seiner Werke wie die Normen-Trilogie über Die Teppichvölker2 bis hin zum ungewöhnlichen Hauskatzenratgeber Die gemeine Hauskatze aka Echte Katzen tragen keine Schleifen nicht schaden.

Wenn man bei Pratchett ist, dauert es nicht lange, bis man auch zu Neil Gaiman gelangt. Gemeinsam zeichnen sich die beiden genialen Schriftsteller für Ein gutes Omen verantwortlich, was einen jedoch nicht zu der fälschlichen Annahme bringen sollte, Gaiman sei ein Pratchett-Abklatsch oder umgekehrt. Gaiman, der u.a. auch mit Comics große Erfolge feierte, zeichnet sich in seinen vielfach preisgekrönten Romanen durch einen mitunter fast schon reduzierten Erzählstil aus, in dem die Komik vor allem über groteske Grundsituationen transportiert wird. So geschehen etwa im märchenhaften Sternwanderer3 oder der makabren Dschungelbuch-Version Das Graveyard Buch.

Eine beliebte Variante ist es in der Funtasy, die Komik durch Weltenwanderung herbeizuführen, dass also recht schusselige »Helden« sich in fremden Welten behaupten müssen und dabei über sich selbst hinauswachsen – oder wahlweise auch die fremden Welten in die eigene kommen und der »Held« dann die unsrige verteidigen muss. So ist es in Hennens Mythenklamauk Nebenan gleich eine ganze Gruppe von Rollenspielern rund um den Germanistikstudenten Till, die sich gegen den Erlkönig zur Wehr setzen müssen und dabei in eine Welt voller kräftiger Walküren und irischer Sagenhelden katapultiert werden. Obwohl auch hier die Handlung ein wenig außer Blickes gerät, dürfte das Buch vor allem Sagen- und Rollenspielbegeisterte ansprechen.
In Alan Dean Fosters achtbändigen Bannsänger-Zyklus erwischt es den Jurastudenten Jon-Tom, der nach einem Joint in einer unter anderem von sprechenden Tieren bevölkerten Welt landet und sie mithilfe seines musikalischen Talents vor grausamen Insektenhorden bewahren muss. Die Handlung zieht sich hier teilweise ziemlich in die Länge, dafür wartet der erste Band mit skurrilen Einfällen rund um kulturelle Missverständnisse auf.
Nicht ganz unähnlich ist auch Gordon R. Dicksons Drachenritterzyklus um den jungen James, dessen Freundin bei einem Experiment in eine Parallelwelt versetzt wird. Um ihr zu Hilfe zu eilen, lässt sich James ebenfalls in diese Welt versetzen – und findet sich im Körper eines Drachen wieder. Der Zyklus ist stark mit Science Fiction-Motiven angereichert und verlangt die Bereitschaft, sich auch auf technisch-wissenschaftliche Diskussionen einzulassen.4

Spätestens seit Shrek sind auch Märchenparodien ziemlich gefragt und in letzter Zeit hat sich hier etwa Goblin-Autor Jim Hines mit seinen Die Todesengel-Romanen5 hervorgetan.
Unbekannter sind die Drachenprinzessin-Bücher von Patricia C. Wrede um die ungewöhnliche Prinzessin Cimorene und ihre Drachenfreunde, die den Zauberwald mehrmals vor den dunklen Machenschaften der Zauberer verteidigen müssen. Obwohl grundsätzlich auf jüngere Teenager zugeschnitten, hat vor allem der erste Band Die Drachenprinzessin auch für ältere Leser einige gelungene Märchenparodien zu bieten.
Ein wahrer Klassiker dieses Genres, der es beim Persiflieren nicht einmal nötig hat, sich allzu fest an die gängigen Märchenmotive zu ketten, ist das 1973er Werk Die Brautprinzessin von Oscarpreisträger William Goldman alias S. Morgenstern6. Was bei Pratchett die Echten Katzen sind, das ist hier die Echte Liebe, welche die schöne Butterblume und ihren geliebten Westley über alle irrsinnigen Widrigkeiten hinweg verbindet. Selten hat ein Roman so viele Menschen in Verwirrung gestürzt und selten hat man in einem so humorvollen, spannenden und mitunter gemeinen Buch so mit den Charakteren mitgefiebert. Später erschien mit Butterblumes Baby das erste Kapitel einer nicht weiter ausgeführten Fortsetzung, welches zwar die offenen Fragen der Brautprinzessin klärte, dadurch aber auch ein wenig von dessen antimärchenhaftem Charme nahm.

Ein eigenes Genre, das doch nicht immer ganz klar von der humoristischen Fantasy zu trennen ist, sind die Parodien, die sich explizit auf bestimmte Werke konzentrieren. Die Klassiker sind hier die, die sich auf Klassiker beziehen – wer kennt nicht Die endliche Geschichte von Michael Anfang von Tollkühns Herr der Augenringe?!
Nicht immer schaffen die Parodien es aber, zu überzeugen – zu überzogen sind häufig die Witze, zu sehr häufig auf plakative Blödeleien aus. Ein Vorwurf, den sich beispielsweise die Twilight-Parodie Bis(s) einer weint gefallen lassen muss. Und auch der notorische Parodist Michael Gerber (Blarnia) hat etwa bei seinen Barry Trotter-Romanen viel Potenzial durch unnötig obszöne Charakterverzerrung verschwendet. Schade, denn vor allem im ersten Band Barry Trotter und die schamlose Parodie sind ihm einige gute Einfälle geglückt.

Gerade in letzter Zeit sind mit Aufkommen des Vampir-Booms natürlich auch einige Bände erschienen, die die Sache mit den liebeskranken Vampiren weniger ernst nehmen. Neben der bereits genannten Parodie und anderen, die sich explizit auf die Twilight-Romane stützen, sind das häufig Chick Lit-Romane mit Phantastikelementen. Vampire und Werwölfe sind beliebte Motive, aber beispielsweise auch Meerjungfrauen haben ihren Weg ins Genre gefunden. Eine der bekanntesten Autorinnen ist hier wohl Mary Janice Davidson, deren angenehmer Schreibstil und mitunter gelungene parodisierende Einfälle über manche Albernheit hinwegsehen lassen.

Die hier vorgestellten Variationen und Beispiele der humoristischen Fantasy zeigen, die vielfältig dieses Genre inzwischen geworden ist. Und schließlich sind die genannten Werke nur ein kleiner Teil dessen, was das Genre schon hervorgebracht hat – ich sag nur Walter Moers. Brooks Landover. Martin Scotts Geheimnisse um Turai. Glen Scott. A. Lee Martinez. Und dann die vielen auf Kinder und Jugendliche ausgerichteten Romane, die sich der Phantastik auf humorvollem Wege nähern! Sie alle und noch viele mehr hauchen dieser vielfältigen Unterart der Fantasy immer wieder aufs Neue Leben ein und sorgen dafür, dass man zwischen bierernstem Rumgequeste auch mal was zu lachen hat.

Fußnoten:

1 Deutsche Titel und Reihenfolge: Kleine freie Männer, Ein Hut voller Sterne, Der Winterschmied, Das Mitternachtskleid

2 Titel der vergriffenen Erstversion: Alarm im Teppichreich

3 Toll verfilmt worden von Matthew Vaughn!

4 Auf diversen Internetseiten ist vom »Drachentöter«-Zyklus die Rede. In keiner Bibliographie Dicksons konnte ich allerdings diesen Titel ausfindig machen, daher vermute ich, dass es sich um einen von Wikipedia ausgehenden Irrtum handelt und tatsächlich der »Drachenritter«-Zyklus gemeint ist.

5 Bisher auf Deutsch erschienene Bände: Drei Engel für Armand, Die fiese Meerjungfrau, Rotkäppchens Rache

6 Auch unter dem Titel »Die Braut des Prinzen« nicht schlecht verfilmt worden – mit einem Drehbuch, das Goldman selbst geschrieben hat. Trotzdem lieber erst das Buch lesen.

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Quellen:

Copyright © 2011 by Alessandra Ress


© by 2011
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