Die Sturmkönige
Ein Feuerwerk für Freunde exotischer Phantastik
Trotz zahlreicher alternativer Strömungen im Bereich der Phantastik - die klassischen Völker der europäischen und US-amerikanischen Literatur sind hier immer noch häufig Elfen, Trolle, Drachen und Co. Dennoch entführt uns manch ein Autor auch gerne in exotischere Gefilde und bedient sich etwa der orientalischen Mythologie, um seine phantastischen Welten anzureichern. So auch Kai Meyer. Generell nicht sonderlich der klassischen Fantasy zugetan, hat sich der bekannte deutsche Autor mit seiner inzwischen abgeschlossenen und sogar als Taschenbuchausgaben erschienen Trilogie Die Sturmkönige einer Geschichte wie aus 1001 Nacht zugewendet.
Im Zentrum der Handlung stehen dabei der Teppichflieger Tarik, sein Bruder Junis und die geheimnisvolle Schöne Sabatea. Gemeinsam ist es ihre Aufgabe, das von einer riesigen Dschinnarmee bedrohte Bagdad und mit ihm die ganze Welt vor der Vernichtung zu bewahren.
Teil 1: Dschinnland
ISBN: 9783785723364 (Hardcover)
ISBN: 9783404164264 (Taschenbuch)
Inhalt:
Früher war Tarik der angesehenste Schmuggler Samarkands, der auf seinem fliegenden Teppich das gefährliche Gebiet zwischen seiner Heimatstadt und Bagdad durchquerte. Seit er jedoch auf einem seiner Flüge seine große Liebe Maryam verloren hat, besteigt er seinen Teppich nur noch, um an illegalen Rennen durch die Straßen des von der Außenwelt abgeschnittenen Samarkand teilzunehmen.
Als jedoch sein jüngerer Bruder Junis beschließt, selbst als Schmuggler tätig zu werden und noch dazu plant, die geheimnisvolle Sabatea nach Bagdad zu geleiten, entschließt sich Tarik, die beiden zu beschützen – obwohl er sich mit seinem Bruder nach dem Verlust Maryams zerstritten hat.
Es wird eine gefahrvolle Reise, denn im zu überfliegenden Gebiet herrschen die grausamen Dschinne und andere menschenfeindliche Kreaturen, denen auszuweichen fast unmöglich ist. Noch dazu hütet Sabatea ein Geheimnis, das die Brüder zusätzlich in Gefahr bringen kann …
Ein bisschen Eingewöhnung ist zwar nötig, aber dann macht es umso mehr Spaß, in die fremdartige und exotische Welt einzutauchen, die Meyer einem in Dschinnland offeriert. Wie bei Meyer üblich, taucht er hier wieder einmal einen realen Ort in magische Farben, was zusätzlichen Reiz verleiht. Hinzu kommt der außergewöhnlich gute Sprachstil des Autors. Was Dschinnland in meinen Augen aber darüber hinaus besonders reizvoll macht, ist die Figurenkonstellation um zwei Brüder, die in der phantastischen Literatur auch fern von Bruderkriegen ruhig mal häufiger auftauchen könnte. Aber leider fehlt es den Figuren selbst an Kontur. Erst langsam wird man mit ihnen warm und besonders Sabatea macht es dem Leser hier noch nicht einfach, sie zu mögen oder überhaupt interessant zu finden. Zu sehr wird sie auf das Schöne-Frau-mit-dunklem-Geheimnis festgelegt. Eigenartig übrigens in diesem Zusammenhang, dass in der Taschenbuchausgabe durch Cover und Beschreibung Sabatea in den Vordergrund gerückt wurde – denn gerade in Dschinnland ist die noch eine Nebenfigur.
Viel Zeit wird auf die hintergründige und landschaftliche Einführung verwendet, ehe die Geschichte an Fahrt beginnt. In Anbetracht dessen, dass der Leser dadurch aber mehr das Gefühl bekommt, in der Geschichte drin zu sein und dies ja der Auftakt zu einer Trilogie ist, geht das in Ordnung, zumal der Erzählfluss konstant bleibt. Und das Ende bietet dafür einen sehr spannenden (wenn auch nicht ganz unvorhergesehenen) Cliffhanger.
Teil 2: Wunschkrieg
ISBN: 9783785723562 (Hardcover)
ISBN: 9783404165018 (Taschenbuch)
Inhalt:
Tarik irrt alleine durch Bagdad. Sabatea ist im Palast des Kalifen gefangen, sein Versuch, sie zu befreien, schlägt fehl, er selbst entkommt nur knapp. Er trifft im Diebesviertel auf den Stummen Kaufmann, der ihn auf die Spur des Dritten Wunsches bringt, einer Macht, welche die Dschinne nutzen wollen, die Menschheit ein für alle Mal auszulöschen. Viele Antworten aber kann der Stumme Kaufmann Tarik nicht geben, wohl aber ihm jemanden nennen, der mehr wissen könnte – den Hofmagier Khalis, der zu einem Ring des Dritten Wunsches gehören soll, einem Zusammenschluss von ranghohen Männern und Frauen, die sich die Ifritwunschkraft zunutze machen wollten, dabei persönliche Katastrophen heraufbeschworen haben und um den dritten, wiedergutmachenden Wunsch betrogen wurden.
Wie aber soll es Tarik gelingen, mit Khalis Kontakt aufzunehmen?
Die Möglichkeit bietet sich, als es Sabatea gelingt, durch ein unterirdisches Gängesystem aus dem Palast zu fliehen – und Tarik damit eine Möglichkeit aufzeigt, in den Palast hinein zu kommen. Ein Plan, der dennoch äußerst gefährlich ist, zumal der Hofmagier bestens geschützt ist …
Währenddessen hat Junis im Lager der Sturmkönige seine heimliche Jugendliebe Maryam wiedergetroffen, die sich als deren Anführerin herausstellt. Gemeinsam mit dem zwielichtigen Jungen Jibril, dessen Zauberkraft den Sturmkönigen die Macht über die Wirbelstürme verleiht, plant sie einen gefährlichen Angriff auf die Dschinnarmee. Obwohl Junis die Strategie der beiden moralisch verurteilt, beschließt er, auch aus wieder aufkeimender Liebe zu Maryam, bei ihnen zu bleiben und ebenfalls an dem verhängnisvollen Angriff teilzunehmen ...
Der gut 400 Seiten lange Roman bietet erstmal einen etwas zähen Anfang. Besonders Tariks zunächst zielloses Herumirren und die anschließenden Treffen mit verschiedenen Nebenpersonen, die teilweise nur mal kurz auftauchen, lässt es ein wenig an Spannung vermissen, während die Sequenzen mit Sabatea im Palast und Junis im Lager der Sturmkönige deutlich interessanter gestaltet sind. Das dürfte neben dem Inhalt viel mehr noch an den Charakteren liegen. Sabatea kommt in diesem Teil gegenüber dem ersten deutlich sympathischer rüber, und auch Junis gewinnt an Tiefe. Tarik dagegen bleibt sehr farblos, es fällt trotz zahlreicher Einblicke in sein Innenleben schwer, seinen Charakter einzuschätzen. Viele seiner Entscheidungen wirken unüberlegt und bleiben in ihrer Erklärung oberflächlich. Teilweise ist das wohl durchaus so gewollt und soll seine etwas schwierige Person unterstreichen, dennoch macht es das dem Leser schwer, mit ihm zu fühlen.
Je weiter der Roman fortschreitet, desto mehr entwickelt sich Tarik aber weiter und auch der Roman selbst gewinnt an Spannung und hat schließlich, wie auch schon der erste Teil Dschinnland, ein durchaus ansehnliches, da ebenso spannendes, wie actionreiches und emotionales Ende zu bieten. Dazu kommt im Romanverlauf die ein oder andere Überraschung, von der sicher nicht jede vorauszusehen war und die der Geschichte neben recht neuartigen Kreaturen das gewisse Etwas verleihen, das sie von anderen abhebt.
Durchaus sympathisch sind auch mehrere der auftauchenden Nebenpersonen, die zum Teil noch tragende Rollen zugewiesen bekommen, allen voran der amüsante Ex-Sturmkönig Nachtschatten und seine ewig zeternde Schwester Ifranji. Mit diesen Personen werden auch gelungene Nebengeschichten neben der Hauptgeschichte um Tarik, Junis, Sabatea und Maryam eingeführt, so sind beispielsweise ganze Kapitel aus der Sicht eines Elfenbeinpferds geschrieben, das seinen verschwundenen Ifritgefährten sucht und der Verlust, den Khalis durch den fehlgeschlagenen zweiten Ifritwunsch erlitten hat, wird zu einem zentralen Element. Natürlich sind aber auch diese Nebengeschichten für den Fortlauf relevant, wie sich zeigt, wenn sie sich mit der Hauptgeschichte gekonnt verknüpfen.
Inhalt:
Auf ihrer Reise nach Skarabapur treffen Tarik und seine ungleichen Gefährten endlich wieder auf Junis. Doch das Wiedersehen ist von kurzer Dauer, denn Junis hat Maryam geschworen, Jibril aus der Hand der Dschinnarmee zu befreien. Obwohl er den Jungen verachtet und ihm die Schuld am Tod der Sturmkönige gibt, ist er entschlossen, seinen Schwur zu halten. Bei seinem Befreiungsversuch im Lager der Dschinnarmee gerät er jedoch erneut in die Gewissenskonflikte, die er aus Liebe zu Maryam zunächst beiseitegeschoben hatte ...
Währenddessen geht die Reise für seinen Bruder und dessen Gefährten weiter gen Skarabapur, durch ein Land, das von Magie entstellt worden ist. Ihr Ziel ist es, den Magier Qatum ebenso wie den Dschinnfürsten Amaryllis, der sich in Tariks Körper eingenistet hat, von der Ausübung des Dritten Wunsches abzuhalten und die Invasion der Dschinnarmee in der geheimnisumwitterten Stadt zu stoppen …
Glutsand ist ein mehr als würdiger Abschluss. Tatsächlich halte ich dies für den besten Band der Trilogie, denn die Schwächen der übrigen Bücher sind gänzlich verschwunden.
Tarik wird endlich zu einem recht sympathischen Hauptcharakter, was ironischerweise nicht zuletzt Amaryllis zu verdanken ist, dessen Anwesenheit in Tariks Verstand für einige interessante Momente sorgt. Auch die anderen Charaktere können überzeugen; die bunt zusammengewürfelte Truppe um den Teppichreiter ist eine der bestzusammengestelltesten, von denen ich bisher gelesen habe. Dabei ist es ein wenig schade, dass nicht auch mal aus Sicht anderer Charaktere als der Sabateas, Junis’ oder Tariks erzählt wird; beispielsweise wäre die Sichtweise Khalis’ sicher aufschlussreich. Aber dafür wird in Dialogsequenzen viel Information auch über mehrere der Nebenpersonen preisgegeben und gerade in den Kapiteln, in deren Zentrum Junis steht, wird der Roman sehr vielschichtig in Bezug auf unterschiedliche Charaktersichtweisen, was sicherlich eine der großen Stärken des Buches ist. Nicht zu vergessen ist außerdem die gelungene Interaktion zwischen den Skarabapur-Reisenden. Wenn beispielsweise Tarik und Almarik gerade damit beschäftigt sind, einander umzubringen und im nächsten Moment kameradschaftlichen Smalltalk halten, hat das eine komische Komponente, die das mitunter ziemlich düstere Szenario angemessen auflockert. Ähnlich verhält es sich mit der Beziehung der Charaktere zu ihren Teppichen, die manchmal fast schon an beseelte Autos wie Herbie oder K.I.T.T. erinnert.
Zudem ist dieser Band äußerst spannend. Der Einstieg gestaltet sich zwar noch etwas monoton, dafür wird einem durch die gerade richtige Menge an Informationen über die vorangegangenen Bände aber das Wiederreinkommen erleichtert. Spätestens dann, wenn sich Junis inmitten des Dschinnlagers begibt und die anderen von einer gigantischen Sandschlange gejagt werden, kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen. Auf dem Weg hin zum gelungenen, wenn auch zuletzt leicht übereilten Ende, gibt es zudem noch einige interessante Überraschungen, welche die Geschichte lebendig halten.
Anmerkungen zu allen drei Teilen
Man merkt es schon am Inhalt – obwohl eindeutig mehr der Phantastik, als der Historik zuzuordnen, ist dies keine von Meyers Jugendtrilogien, auch wenn die zweifellos ansehlichen Cover Anderes vermuten lassen.
In den Taschenbuchausgaben wurden zwar erwachsenere Fotocover gewählt; dafür wurde hier aber auch auf dem Buchrückentext auf Sabatea, statt auf Tarik verwiesen, was inhaltlich wenig Sinn gibt. Ebenso ist auch die Betitelung der Sturmkönige etwas irreführend, denn die nehmen insgesamt nur eine Nebenrolle ein.
Fazit: Die Sturmkönige ist nicht die beste Trilogie, die Meyer je geschrieben hat. Doch die Figuren vollführen eine interessante Entwicklung, und die Geschichte gewinnt kontinuierlich an Spannung. Darüber hinaus ist sie durch ihre unausgewaschenen Ideen von zusätzlichem Reiz.