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Das Ende der Drachenlanze-Ära – Eine Chance?

Krynn, die magische Rollenspielwelt und Schauplatz der Drachenlanzeromane, hat schon viele Katastrophen erlebt. Mal waren es die Horden der Göttin der Dunkelheit, die das Gleichgewicht der Welt gefährdeten, dann war es ein größenwahnsinniger Magier, der fast die Welt vernichtete oder auch ein Göttervater, der ziemlich missgelaunt danach trachtete, das Bauwerk seiner Kinder zu zerstören. Doch was auch nach Jahrhunderten kein Gott schaffte, das gelang schließlich den Verantwortlichen von Wizards of the Coast. Im Jahr 2009, dem 25-jährigen Jubiläum der beliebten Saga, wurde das Ende von Drachenlanze verkündet. Fortan sollten keine weiteren Bände mehr erscheinen, von Sonderveröffentlichungen einmal abgesehen. Nicht einmal die angefangene Lückenfüller-Trilogie Die verlorenen Chroniken der Drachenlanze sollte noch ein Ende finden.

Der Aufschrei in der Fangemeinde war groß, aber ganz so schlimm war’s dann doch nicht – der dritte Teil der Verlorenen Chroniken erschien, wurde sogar als Der Magier mit den Stundenglasaugen ins Deutsche übersetzt und auch Comicadaptionen und Hörbücher sind herausgekommen. Dennoch, diesmal schaut es wirklich so aus, als lasse man Krynns Helden nun endgültig ruhen.
Das ist natürlich schade. Die Saga ist seit ihrem Erscheinen 1984 kaum noch aus den Regalen der Buchläden wegzudenken und ihre Erstlingstrilogie Die Chroniken der Drachenlanze (in Deutschland ursprünglich als Sechsteiler erschienen) gilt als einer DER Klassiker der High Fantasy. Andererseits ist der Schritt auch verständlich. Wo es früher eigene Regalreihen für die Saga gab, da ist schon seit einigen Jahren nur noch Platz für die ein, zwei aktuellsten Romane gewesen. Und selbst auf Grabbeltischen, Anfang bis Mitte der 2000er-Jahre noch ein Garant für das Auffinden von Drachenlanze-Romanen, findet man nur noch vereinzelt Exemplare der bekanntesten oder neuesten Bücher.

Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Saga vielleicht zu klassisch und in ihrer Thematik auch einfach ausgereizt war.
Man schaue sich nur einmal die in sieben Subreihen unterteilte Hauptgeschichte an, deren Autoren meist Margaret Weis und Tracy Hickman sind. In den Chroniken der Drachenlanze bedrohte Takhisis, Göttin der Dunkelheit, mit einem Heer von Drachen, Drakoniern und Hobgoblins die Ordnung von Krynn. Natürlich fand sich eine Truppe wackerer Helden, die der finsteren Dame die Hölle heiß machte und dank der legendären Drachenlanze ihre geflügelten Streitmächte in die Knie zwang. Einer dieser Helden war es, der zwielichtige Magier Raistlin, der dann in den Legenden der Drachenlanze selbst die Macht an sich reißen und ein Gott werden wollte. Ein Plan, der drohte, die ganze Welt zu vernichten, wären da nicht Raistlins ehemalige Freunde und seine Familie gewesen, die noch einmal alles gerade biegen konnten.
Mit den Geschichten der Drachenlanze wurde es Zeit für eine neue Generation, die in den Erben der Drachenlanze in den Kampf gegen den Göttervater Chaos zog. Die Nacht der Drachenlanze von Jean Rabe schilderte dann die Zeit der Abwesenheit der Götter und der Ankunft monströser Drachen auf Krynn, die in den Kindern der Drachenlanze ebenso wie Takhisis mal wieder bekämpft werden mussten. Hier etablierte sich auch erstmals die Figur der Dunkelritterin Mina, die mit den abschließenden Jüngern der Drachenlanze von Margaret Weis ihre persönlichen Fehden mit den Göttern klärte.
Was auch immer die Leitgeschichte war, ihre Lösung erfolgte immer auf ähnliche Art: Eine Gruppe von Menschen, Kendern, Elfen und manchmal auch Zwergen und Barben machte sich auf, dem Bösen zu begegnen. Eine gewisse Monotonie stellte sich da spätestens nach der dritten Weltenrettung schon ein und auch, dass die Autoren begannen, beliebte Hauptfiguren wie Raistlin oder den Kender Tolpan bei Bedarf nach heldenhaftem und tränenreichen Tod einfach wiederzubeleben, wirkte eher befremdlich. Vielleicht ist es hier einfach mal an der Zeit, für etwas Neues Platz zu machen, ehe sich der Mythos Drachenlanze noch selbst zerstört. Denn das wäre schade, schließlich bietet die Saga durchaus noch immer spannende Unterhaltung und insbesondere das Hauptautorenteam Margaret Weis und Tracy Hickman versteht es, fesselnd zu schreiben. Aber der Anschluss an die (post)moderne, komplexere und häufig düstere Fantasy hat sich verzögert und für sie scheint Krynn auch einfach nicht geschaffen. Mit den deutlich düsteren Jüngern der Drachenlanze wurde zwar zuletzt der Versuch unternommen, die Saga in eine andere Richtung zu lenken, doch dadurch wiederum schien irgendwie der Geist der Drachenlanze verfehlt. Die vergleichbare Reihe der Forgotten Realms hat den Sprung hier besser geschafft; vielleicht mangelt es Krynn an einer Unterwelt, die glaubwürdige Zwiegestalten hervorbringen könnte. Zwar hat es eine solche Figur mit Raistlin auch in der Drachenlanzesaga gegeben; doch auch dessen Rolle ist inzwischen ausgereizt worden.

So erscheint die Drachenlanzesaga heute ein wenig als Retro Fantasy. Es macht noch immer Spaß, sie zu lesen, doch schafft sie es nicht mehr so recht, den Zeitgeist zu treffen. Aus diesem Grund ist es vielleicht besser, diese Megasaga nicht mehr fortzuführen, sondern sie als abgeschlossenes Werk zu betrachten. Andere große Fantasysagas sind dadurch schließlich auch nicht in Vergessenheit geraten, sondern stehen noch immer für gute Unterhaltung, ohne beim krampfhaften Versuch der Anpassung sich selbst zu schaden. Und bei – der Produktliste des Dragonlance Nexus zufolge – über 170 erschienenen Einzelromanen (ohne Sondereditionen, Comics oder Rollenspielmaterial) und zusätzlich 38 »Young Readers«-Büchern sollten noch einige Lesestunden in der Welt Krynn möglich sein.

Textquellen:

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Bibliographische Daten zu den Romanen der angegebenen Cover:

  • Die Chroniken der Drachenlanze 1 – Drachenzwielicht
    Von Margaret Weis und Tracy HickmanOriginaltitel: Dragonlance, Chronicles, Volume 1: Dragons of Autumn Twilight (Book 1)
    Originalverlag: TSR
    Aus dem Amerikanischen von Marita Böhm
    Taschenbuch, Broschur, 320 Seiten, 11,5 x 18,3 cm
    eine Landkarte, 22 Zeichnungen
    ISBN: 978-3-442-24510-9
    € 7,50 [D]
    Verlag: Blanvalet
  • Die Jünger der Drachenlanze 3 – Die Sucherin
    Von Margaret WeisOriginaltitel: Dark Disciple 3: Amber & Blood
    Originalverlag: Wizards of the Coast, 2008
    Aus dem Amerikanischen von Imke Brodersen Taschenbuch, Broschur, 320 Seiten, 11,5 x 18,3 cm, 2 s/w Abbildungen
    ISBN: 978-3-442-26667-8
    € 9,95 [D] Verlag: Blanvalet

Copyright © 2011 by Alessandra Ress

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