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Wunderwelten

Robert E. Howard
Winds of Time

Winds of Time Titelbild.jpg

Der eine schwarze Fleck

Sir Thomas Doughty, hingerichtet zu St. Julian’s Bay, 1578

Sie hatten ihn hinausgeführt; da stand er nun, da standen alle,
und doch stand er allein im Sand, der hatte schon gekannt
Die Toten an den Galgen, die halb zerfallen aus den Zeiten
Magellans ins Grau des Tages ragten,
Und die Möwen flogen klagend Grenzen des Ertragens ab.

Drake erhob das Löwenhaupt und wog das Wort,
zu dem er stand,
Als hätten sich die Kapitäne gegen ihn verschworen:
„Gesetz sprach Urteil für Verrat. Klingt es falsch in euren
Ohren?”

Seinen Augen wich das Schweigen aus. Nur Solomon Kane
trat vor und sprach:
„Das Urteil mag wohl richtig sein, doch dein Gericht war
eine Farce,
„Vor der Gerechtigkeit ihr Haupt verbarg.

„Warum hast du nicht auf deinem Schiff das Schwert gezogen
Und ihn in deiner Wut erschlagen, statt zu sagen,
„Seine Strafe sei den Paragrafen nach der Tod?”

Ein Fluch schlug nach den Möwen, und Drake befahl
dem Henker:
„Gib ihm das Beil, tu er die Tat für seinen Puritanerrat!”
Worauf Solomon die Arme verschränkte und unbewegt
zur Antwort gab:
 
„Ich bin nicht dein Schlächterknecht.” „Legt ihm dreifach
Fesseln an!”, brüllte Francis Drake.
Zögernd nur gehorchten sie, als wär ein andrer Zorn noch
größer,
Doch Kane hielt still, als man ihn band, und stand so starr
wie die Galgen.

Sie zwangen den Mann auf die Knie, der nie mehr aufstehn
würde;
Was war das für ein Lächeln? Was lag in diesem letzten Blick
In Richtung auf den Richter, der sein Freund gewesen war und
jetzt nicht einmal wagte, den Bestraften anzusehn?

Es blitzte die Axt im Sonnenlicht und schlitzte rot den Sand;
Der Kopf fiel, eine Stimme schrie, die niemanden verfehlte:
Omen einer Vogelschau, die Leben im Flug zum Tod erkannt.

„Ihr seht, wie es Verrätern geht!”, rief Drake und rief es wieder.
Zögernd zerstreuten die Zeugen sich; er sah nicht sie und nicht
den Bund
Von Wut und kalter Verachtung in den Augen Solomon Kanes,
der ihm das Urteil sprach.

Auf krausen Wogen schlief die Nacht, und wer im Schiff fand
Schlaf?
Ketten klirrten leise, wie in Ketten auch die Reise –
Dem Wärter sank die Pike und das seegewiegte Haupt.

Wie ein Schraubstock beim Erwachen eine Hand um seine Kehle:
„Wähle”, sprach die Hand, und seine Antwort gab den Schlüssel.
Der Grimm, der schwer zu wecken ist und schwerer aufzuhalten,
ließ hinter sich den Kerker

Und schlich mit dem Dolch des Wärters wie ein Schatten zur
Kajüte;
Die Tür schwang ein Mal hin und her –
Niemand sah es, niemand hörte etwas andres als das Meer.

Am Tisch saß Drake verlassen, das Gesicht in den Händen
vergraben;
Er sah auf, wie um etwas zu sagen nach langem, tiefem Schlaf –
Und starrte blind vor Tränen am Stundenglas vorbei,
In dem der Sand des Lebens rann: vorbei, vorbei, vorbei.

Des Todes Hand kam näher, er nahm sie gar nicht wahr,
Viel näher war ihm alles, was nicht zu ändern war:
Wie Liebe Hass gebar und Recht zu Rache wurde, Verrat und
feiger Tat und marternd bittrer Pein –
Das sah er wieder und wieder, als stäche ein Dolch auf ihn ein.

Und Kane, als er die Waffe hob, sah dies alles auch –
Die Hand blieb in der Schwebe, ein Kondor vor dem Stoß,
Und Francis Drake saß regungslos, und Kane schwand
wie ein Rauch.

Im Jahr 2007, fünfundsiebzig Jahre, nachdem Howard Conan erfand, erschien sein Gedichtband Winds of Time. Er enthält 39 Gedichte in Englisch und Deutsch, Essays von Bernd Karwath, der den Versuch unternimmt, Howards Welt im Wort erfahrbar zu machen, Illustrationen von Hubert Schweizer, der jenes Anliegen im Bild umzusetzen versucht und präsentiert spannende Analysen zum besseren Verständnis von Howards Werk.

"Winds of Time" versteht sich unter anderem als Folgeprojekt zu dem autobiographischen Roman Howards "Rauher Sand und wilde Eichen" (Passau 1995). Der Artikel "Bilder im Feuer" in "Winds of Time" - nach einem unveröffentlichten Aufsatz, der bereits die erzählerischen Kräfte zu erkennen gibt, die im Schüler Howard schlummerten - unternimmt den Versuch, den Autor abseits biographischer Klischees zu verstehen, seine Mentalität - soweit möglich - zu rekonstruieren und Verständnis zu wecken für die symbolische Fülle und den poetischen Reichtum seiner Prosa. Vor dem Hintergrund der real existierenden Weltwirtschaftskrise ist es von zusätzlichem Interesse zu erfahren, welch ein präziser Beobachter und beißender Kritiker korrupter Verflechtungen von Politik und Wirtschaft (vor allem auch des Bankensektors) Howard war.
Diese analytische und desillusionierte Haltung prägt bereits Fragestellungen im Zusammenhang mit einem seiner frühesten Charaktere mit. Conans Vorläufer Kull wird nicht zufällig König (mit besten Reformabsichten) eines alten Reiches, dessen undurchschaubar wirkende Institutionen sich seiner Kontrolle entziehen - und nicht zufällig weckt die Hauptstadt bei einem nächtlichen Ritt Assoziationen an New Yorks Wall Street, oder erinnert der Name Valusia an den shareholder value ... und an das Wörtchen Illusion.
Die einzigen zu Howards Lebzeiten veröffentlichten Kull-Stories erschienen kurz vor dem Zusammenbruch der amerikanischen Finanzmärkte 1929 ...
Seine Fantasy lediglich als Eskapismus sehen zu wollen, würde damit als zu kurz gegriffen entlarvt.

„Der junge König Kull in The Mirrors of Tuzun Thune (WT, Sept. 1929) ist eine fiktionale Inkarnation Howards, ohne ‚Re’, und einer Blickweise müde, die ihm Dinge zeigt, als wären sie festgefügt wie die Tempel Valusiens (value: Wert; Kaufkraft) oder die Säulen der Wall Street. Eine Ahnung regt sich in ihm, dass die vertraute Gegenwart der Erscheinungen mehr verbirgt als offenbart: dass sie eine Maske der Vergänglichkeit ist – und heimlich-mächtiger Machenschaften.
Kull zieht es hin zu „Dingen jenseits des ... Hofes“, „Dingen jenseits seiner selbst“. (KULL, S. 55.) Der wie Kiplings Mogli in der Wildnis Aufgewachsene – „meine einzigen Freunde waren Tiger und Wölfe“ –, empfindet im Zenit seiner Macht ein Verlangen, das Macht nicht stillen kann und das über die Anziehungskräfte des Lebens hinausgeht: „a longing beyond life’s longings“. (Ibid., S. 4, 55.) Die Suche nach einer Wahrnehmung, die nicht in der Perspektive des Egos verharrt und nicht in den Räumen von Beutegier. Kull sucht das Überindividuelle und Überzeitliche – wenn man so will, eine Spiritualität, die, ganz im keltischen Sinne, dem ewigen Wandel der Dinge einen festen Bezugspunkt eröffnet. Also schaut er in die Spiegel des Tuzun Thune, sieht veränderte Proportionen, sieht über die Gegenwart hinaus und sich selbst als größtes Rätsel. Wo er Antworten erhoffte, stehen neue Fragen. Auch und gerade das Ich ist und bleibt nicht dasselbe, ist vieles und nur scheinbar ein Ganzes – ganz im Sinne von Shelley und Wells: proteisch, wie ein Feuer!
„Bilder im Feuer“ nennt der fünfzehndelnde Howard einen Schulaufsatz. Feuer ist für Shelley das Element der Vorstellungskraft und Sprache ein Mittel, die Welt zu verändern, weil Welt auch Teil der Worte ist, mit der wir sie – und uns – erfassen. Nicht die Vergangenheit und ihre Menschen sind das Rätsel, wir selbst sind es: ein von allen Zeiten variiertes Wir, in dem das vermeintlich andere Ich, sei es ein vergangenes oder gegenwärtiges, das eigene Ich so spiegelt, dass es in diesem andere Elemente sichtbar machen kann, die vielleicht Denken und Fühlen bereichern. Lebende von gestern als Nachbarn von heute: was, wenn sich das konstruktiv auf die Zukunft auswirkt? In dem, was war, finden wir andere Rollen für uns selbst – und in uns selbst den anderen wieder: mehr von dem, was uns gegeben ist an Potenzial zu sein. Weiße Flecken auf alten Bildern sind auch Flecken auf Trennscheiben unserer Zeit. Entfernen wir sie, wäre es der erste Schritt in Richtung einer Hand, die uns die Vergangenheit reicht. Welches Bild erschließt sich uns, indem wir sie berühren? Eines, das der Zukunft näher steht und Möglichkeiten, sie zu gestalten, als wenn wir nur die Gegenwart und einen Teil unserer selbst erkennen.
Unsere Wesensnatur zu ergründen, dazu gehört Bewegung im eigenen Innern – das Blättern in den Seiten im „unendlichen Buch der geheimen Natur“. (William Shakespeare: Antony and Cleopatra. I. Akt, 2. Szene, Verszeile 8f. The Illustrated Stratford Shakespeare. London 1993, S. 895.) Wir lesen darin, wenn wir uns fragend und selbstbefragend drehen und wenden, Grenzen, die sich statisch zeigen, verschieben, sie überschreiten – wenn wir mit eigenen Schritten, die ihre eigene Richtung haben, das tun, was Kull von Valusien macht: einer Ruhelosigkeit zu folgen, die sich mit der bestehenden Organisation des Bewusstseins nicht zufrieden gibt.
Auch darum geht es in diesem Buch.“
(Auszug aus „Bilder im Feuer“ mit freundlicher Genehmigung von Bernd Karwath)


Robert E. Howard (1906-1936) - der Name steht für eine Fantasy, in der "etwas vom Geist der Wildnis" lebt, "etwas, das im langen Heulen des Wolfes erklang, im Tosen des Nordwinds, im Prasseln von Hagel - es ruhte im Weiß von schäumenden Wassern, es schwebte im Schlagen von Adlerschwingen und war mit dem Hauch von anderen Zeiten in der felsigen Stille einsamer Weiten". Howards Conan kommt aus diesem Geist elementarer Vitalität, aber sein 'Barbar' ist nicht das, was Howards Epigonen aus ihm machten: er schlägt die Brücke archetypischen Menschseins in eine Zivilisation, die sein Autor von korrupten Kräften befreit sehen wollte.

Conan wählt in seinem ‚Traum’ von Leben (gegen tradiertes Dogma puritanischer WASP-Kultur von White Anglo-Saxon Protestants): vitale Ekstase. Schwingung, Weitung, pulsierende Fülle. Er weiß, dass gerade dies dem Geist eine Dimension eröffnet, ohne die er dürr und trocken bleibt. Intuitive und analytische Seite seines Autors ergänzen sich hier zu einer Persönlichkeit, die so wenig zweidimensional ist wie die Hyborische Welt. Zweidimensional wäre es dagegen, wollte man das von Conan selbst geschickt platzierte Etikett eines „Söldners“, der die Dienste seines „Schwert[es] an den höchsten Bieter [verkauft]“, für bare Münze nehmen. (REH: Beyond the Black River. In: CONAN 3, S. 47.) Einer, der wie sein Autor nur klingenden Ertrag im Sinn hat? Dann täte er besser daran, in die Leibwache des Königs einzutreten, als sich schlecht bezahlt (1 Cent pro Wort) für den prekären Halt der Zivilisation (eines Magazins für Fantastik) am Rand der Wildnis (des Pulp-Marktes) einzusetzen. Davon abgesehen: Conan führt das Söldnerwort im Munde, um sich als Offizier mit regimekritischer Haltung ostentativ abzugrenzen von einer Politik, die einem saturierten Landadel Raum gewährt, landsuchende Siedler in den Kampf mit den Pikten treibt und Soldaten aus anderen Ländern von oben herab betrachtet. Conans berufliche Selbst beschreibung sieht denn auch anders aus als die in ihrer subtilen Verächtlichkeit ganz auf jene ‚Oberen’ gezielte Selbst bezeichnung: Kundschafter „in den Wäldern [I do my work in the woods]“. Hätte Byron Conan gekannt, erschiene nicht Daniel Boone im achten Canto von Don Juan (1823)!

(Auszug aus Pioniere an der Front: Barbarische Entwicklungshelfer, mit freundlicher Genehmigung von Bernd Karwath)

Das Gedicht und die Auszüge aus den Texten von Bernd Karwath können noch nicht die Komplexität des Gesamtwerks von Robert E. Howard widergeben, trotzdem geben sie einen Einblick in Hintergründe, die dem Leser bisher vielleicht verborgen geblieben sind. Sie lassen erkennen, mit welcher Hingabe sich Howard seinen Figuren widmete, welche Interpretationen sie ermöglichen, herausfordern und zulassen.
Bernd Karwath bringt dem Leser diese Interpretationen mit fundiertem Wissen über Robert E. Howard aber auch mit großer Verehrung, Wertschätzung und Leidenschaft für den Autor näher.
Im Bonusmaterial dieses zweisprachigen Gedichtbandes erfahren Sie, was hinter Howards Fantasy steckt - und warum er schon mit 30 starb.

Das Buch „Winds of Time“ ist erschienen als Privatdruck 2007 in Zürich. Bestellen kann man es unter

zum Preis von 39,00 €.

Quelle für das englische Original des Howard-Gedichtes "The One Black Stain": Glenn Lord (Hrsg.): The Howard Collector. Pasadena (Tex.) Frühling 1962.
(In "Winds of Time" steht das Original auf S. 69ff., die deutsche Übersetzung auf S. 72f.), mit freundlicher Genehmigung von Bernd Karwath

Dieser Beitrag entstand durch einen regen E-Mail-Kontakt mit Bernd Karwath und wurde zusammengestellt von Anke Brandt.

© Anke Brandt

 

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