
Slaterman's Westernkurier




Auf ein Wort, Stranger, was wissen wir über weiße Indianer ...
Wer waren die Weißen, die die Kultur der Indianer annahmen und selbst zu Indianern wurden? Was waren die Beweggründe dieser Grenzgänger? Welchen unbekannten Reiz übte die so ganz andere Lebensweise auf sie aus, der sie so schnell verfielen und die sie «verwildern« ließ? Es gibt wenige Aufzeichnungen dieser weißen Indianer, bei denen es sich in vielen Fällen um Kinder und Frauen handelte. Oft waren es zufällige Begegnungen mit Mountain Men, die die Existenz dieser Menschen notierten und weitererzählten.
Bei allen Veränderungen hat das Thema »Indianisierung« auch heute nichts von seiner Faszination eingebüßt. Damals wie heute erfahren Berichte dieser Art reges Interesse.
In Französisch-Amerika wurden junge Soldaten zu den Indianern geschickt, um mit ihnen zu leben und deren Sprache zu erlernen, damit sie später als Dolmetscher fungieren konnten. Aber auch die Not trieb sie dazu. Nachdem die Engländer 1628 die französischen Versorgungsschiffe abgefangen hatten, überlebten viele Soldaten in Louisiana nur, weil sie von den Indianern bereitwillig aufgenommen wurden. Die vorwiegend jungen Männer fanden schnell Gefallen an der Freiheit der „Wilden«, passten sich den Lebensumständen an und waren gerne bereit, der Disziplin des Soldatenlebens für einige Monate zu entfliehen. Vor allem gefiel ihnen die sexuelle Freizügigkeit von einigen Stämmen, wo die Initiative zumeist von den Frauen ausging.
Unter den Irokesen lebten zahlreiche Weiße, die geachtete Stammesmitglieder wurden.
William Johnson ließ sich 1742 von den Mohawk adoptieren. Er nahm an Ratsversammlungen und Zeremonien teil und hatte zahlreiche Liebschaften mit Stammesschönheiten. Schließlich heiratete er in eine einflussreiche Mohawk Familie ein. Trotz seiner Position innerhalb des Stammes blieb er seinem Königreich treu und vertrat in Kriegszeiten die Interessen Großbritanniens. Doch er konnte sich der Faszination dieses Lebens genau so wenig entziehen, wie John Norton, ein Schotte, der ebenfalls adoptiert wurde. Seine Aufzeichnungen wurden erst im 20. Jahrhundert in einer englischen Schlossbibliothek gefunden.
Mitte des 18. Jahrhunderts gab es einen weißen Häuptling beim Stamm der Abenaki in Quebec, Joseph-Louis Gill. Seine Eltern stammten aus Neuengland und waren im Kindesalter von Indianern entführt worden. Genetisch war er Europäer, kulturell Indianer.
Unermesslicher Landhunger der Siedler führte zu immer größer werdenden Konflikten mit den Ureinwohnern Nordamerikas. Abertausende Weiße gerieten in den Kriegsjahren zwischen Indianern und Weißen in Gefangenschaft. Vor allem Kinder assimilierten sich schnell an die indianische Kultur, vergaßen ihre Herkunft und Sprache. Viele wurden adoptiert, verbrachten viele Jahre oder ihr ganzes Leben bei ihnen.
Eunice Williams wurde als Siebenjährige bei einem Überfall auf Deerfield 1704 entführt. Sie identifizierte sich mit den Mohawk und ließ sich nicht freikaufen. Diese Weigerung traf das puritanische Neu-England bis ins Mark, vor allem, da sie die Tochter eines angesehenen Geistlichen war. Trotz aufwendiger diplomatischer Verhandlungen wurde die Gefangene nie ausgelöst und blieb somit bis zu ihrem Tod »unerlöst«, da sie von Glauben und Kultur abgefallen war.
Ihrer Schicksalsgefährtin Mary Harris, gleichfalls Opfer des Überfalls auf Deerfield, erging es ähnlich. Doch da sie aus ärmlichen Verhältnissen stammte, bewegte ihr Schicksal niemanden. Wäre der britische Kundschafter Christopher Gist, im unerschlossenen Stromgebiet des Ohio nicht auf sie und ihre indianische Familie gestoßen, wüsste man heute wahrscheinlich nichts von ihrer Existenz. Er notierte ihre Äußerungen. Sie erinnerte sich genau, wie gut und fromm alle in Neu-England waren und es erstaunte sie, wie gottlos und böse sie den weißen Mann in den Wäldern erlebte.
Die fünfzehnjährige Mary Jemison kam als Gefangene zu den Irokesen und verbrachte ihr gesamtes Leben als angesehenes Stammesmitglied bei ihnen. 1824 war sie eine alte Frau und lebte in einem Reservat im Staate New York, als der Arzt James Seaver sie überredete, über ihr Leben zu berichten. Das Buch erlebte mehrere Auflagen.
Was bewegte die Menschen damals, solche Berichte zu lesen? Der Großteil der Leserschaft waren Frauen. Hinweise über sexuelle Kontakte, Folter und das Leben bei den Wilden, stellten einen besonderen Nervenkitzel in dieser konservativen Zeit dar.
Frances Slocum kam im November 1778 als Fünfjährige zu den Miami, wurde adoptiert, erhielt den Namen Weletawash und später Maconaquah. Die Miami betrieben Pelzhandel und hatten es zu gewissem Wohlstand gebracht, doch nun war ihre Heimat gefährdet. Die Regierung hatte beschlossen, die Miami aus Indiana zu vertreiben und das Land an weiße Siedler zu verkaufen. Auch Maconaquah war davon betroffen, da sie ein Haus in Deaf Man’s Village besaß. Vorausblickend bat sie einen Händler, ihre weiße Familie ausfindig zu machen. Sechzig Jahre nach ihrer Entführung trafen sich die Slocum Geschwister wieder. Als diese vom Vorhaben der Regierung hörten, traten sie mit einer Petition an den Kongress und Maconaquah wurde zum öffentlichen Interesse. Zeitungen griffen die Geschichte der »Lost Sister« auf, der Künstler George Winter malte sie und ihre Töchter. Die sentimentalen Geschichten verfehlten ihre Wirkung nicht. Maconaquah erhielt Land für sich und ihre Familie. Auf Fragen, ob sie ihr Leben als Indianerin jemals bereute hätte, antwortete sie entschieden mit einem Nein. In ihren letzten Lebensjahren wurde sie wieder zu Frances Slocum, aber nur, um daraus Vorteile für ihre Familie zu ziehen, im Herzen blieb sie rot.
Squaw Men nannte man weiße Männer verächtlich, die mit einer Indianerin verheiratet waren. In Zeiten, wo im Westen Frauenmangel herrschte, war es in der Wildnis, weit ab der Zivilisation, nur natürlich, sich mit indianischen Frauen einzulassen. In Außenposten von Handel, Militär und Postkutschenstationen war das Leben als Squaw Man durchaus angenehmen. Diese Familien genossen den Schutz ihrer indianischen Verwandten. Am Schwersten hatten es Kinder, die aus diesen Beziehungen abstammten. Sie waren in keiner Welt zu Hause, die Mixed-bloods oder Half-breeds, weder bei den Indianern und schon gar nicht bei den Weißen. Doch es sollte nicht vergessen werden, dass es auch viele Liebesheiraten gab.
Thomas Leforges Autobiographie, eine Fundgrube für Historiker und Ethnologen, erzählt von seinem Leben bei den Crow. Er heiratete ein Halbblut, blieb bei ihnen und kämpfte gemeinsam gegen Feinde. Wie viele andere Crow war er für die Armee als Scout tätig. Ein Schlüsselbeinbruch hinderte ihn daran, an der Schlacht am Little Bighorn mitzukämpfen.
White Squaws, Frauen, die Indianer freiwillig heirateten. Es gab sie nicht so oft, wie ihre männlichen Pendants, doch ist ihre Existenz bestätigt. Es handelte sich um selbstbewusste Frauen mit starker Persönlichkeit. Weiße Frauen hegten große Vorurteile gegen diese Geschlechtsgenossinnen, da sie nicht ihrem Rollenbild entsprachen und es als sozialer Abstieg gewertet wurde, einen Wilden zu heiraten.
Standing Bear wurde während der Europatournee von Buffalo Bill’s Wild West Show 1889 mit einer Verletzung in ein Krankenhaus in Wien eingeliefert. Louisa Renwick, die als Krankenschwester dort beschäftigt war, lernte ihn kennen und lieben und begleitete ihn nach South Dakota.
Sie achtete die Tradition ihres Mannes und lernte Lakota, brachte aber auch europäische Kultur in die Reservation. Ihr Urenkel Arthur Amiotte erzählt stolz, wie sie organisatorisch und wirtschaftlich alles im Griff hatte.
Entführt und misshandelt, so begann der Leidensweg für die Gefangenen der Plains-Indianer, besonders der Comanche. Die ethnische Zugehörigkeit spielte keine Rolle, die Comanchen akzeptierten alle, auf die sie bei ihren Überfällen stießen. Zum Teil glichen sie ihre eigenen Verluste aus, zum Teil waren es wirtschaftliche Gründe, da viele Gefangene freigekauft wurden. Entscheidend für deren Schicksal waren Geschlecht, Alter und Verfassung. Männer wurden meist am Ort des Überfalls getötet, Frauen und Kinder verschleppt. Frauen konnten sich glücklich schätzen, wenn ein einzelner Indianer sie zur Frau nahm, meist mussten sie ihr Leben als Sklaven fristen, wurden misshandelt und vergewaltigt. Diese Frauen überlebten oft nicht lange, manche verfielen dem Wahnsinn.
Während unter den Völkern östlich des Mississippi die Vergewaltigung gefangener Frauen unbekannt war, kam sie auf den Plains regelmäßig vor. Der Ritt ins Lager war lang und qualvoll. Fesseln, Schläge und wenig Nahrung bestimmten den Weg. Wer sich nicht fügte, wurde getötet. Die Kinder waren nicht nur ihrem Heim entrissen und hatten ihre Familienangehörigen sterben sehen, sie waren auch zum Teil mit deren blutigen Skalps konfrontiert.
Mit dieser physischen Folter wurde ihr Widerstand gebrochen und die brutalen Maßnahmen dienten dazu, ihr Durchhaltevermögen auf die Probe zu stellen. Die Gruppe sollte durch Adoptionen gestärkt werden. Für Schwächlinge war kein Platz, sie wurden getötet oder endeten als Sklaven. Von der Stunde ihrer Adoption an waren sie vollwertige Mitglieder mit denselben Rechten und Pflichten. Die Kinder stellten sich nach erlittener Grausamkeit und aus Mangel an Alternativen und reinem Überlebenswillen ihrem neuen Schicksal. Sie erfuhren nicht nur Liebe und Zuneigung, sondern auch Achtung und Zusammengehörigkeit, auch wenn sie von den gleichen Menschen kam, die für ihre Qual verantwortlich waren. Die indianische Lebensführung mit ihren sozialen und emotionalen Kontakten und dem abenteuerlichen Umherziehen mag auch eine Rolle gespielt haben.
Für Weiße war es unverständlich, dass viele der einst Gefangenen, später, wenn sie Gelegenheit gehabt hätten zu fliehen, bei ihrer neuen Familie blieben. Einige befreite oder freigekaufte Gefangene flohen von den Weißen und kehrten zu den Indianern zurück. Eine Rückkehr zu den Siedlern hätte wieder den Verlust ihrer mühsam erworbenen und erkämpften Sicherheit in ihrer Familie bedeutet. Für Frauen war mitunter auch ein Grund, dass sie Angst vor Diskriminierung hatten, besonders wenn sie Kinder mitbrachten.
Cynthia Ann Parker war ein Beispiel, wie sehr weiße Kinder sich in ihre indianische Familie integrierten und sie liebten. Im Frühjahr 1836 überfielen eine Gruppe Caddo, Kiowa und Comanche ein kleines Fort des Parker-Clans in Texas. Die Männer wurden ermordet, Frauen und Kinder gefangen genommen, darunter Cynthia und ihr Bruder. Während ihre schwangere Kusine Rachel Plummer als Sklavin ihr Leben fristen musste und zwei Jahre später bei ihrer Befreiung ein körperliches und seelisches Wrack war, wurden Cynthia und ihr Bruder John adoptiert. Cynthia war zum Zeitpunkt des Überfalls neun Jahre alt, jung genug, um zu vergessen, dass diese Menschen ihren Vater ermordet hatten. Sie fügte sich in ihr neues Leben und wurde eine Comanche, die Peta Nocona heiratete, einen jungen Krieger, der beim Überfall auf Parker`s Fort dabei gewesen war. Eine Tochter und zwei Söhne gingen aus dieser Beziehung hervor. Cynthias Onkel ließ nichts unversucht, seine Nichte aus den Händen der Wilden zu befreien, doch alle Versuche scheiterten an Cynthia selbst, während John freigekauft wurde. Sie betonte wiederholt, dass sie ihre Familie nicht verlassen würde. Kurz vor Weihnachten im Jahr 1860 verlor Cynthia alles, woran ihr Herz hing. Texas Rancher überfielen ein kleines Jagdlager der Comanchen und metzelten die Bewohner nieder, hauptsächlich Frauen und Kinder. Cynthia wurde als Weiße erkannt und mit ihrer Tochter Topsannah ihrem Onkel übergeben. Mehrere Fluchtversuche scheiterten. Ihre Familie reagierte mit Unverständnis, da Cynthia nicht gewillt war, ein Leben als Weiße anzunehmen. Niemand wollte wahrhaben, dass sie sich nach ihrer Comanche-Familie sehnte, nach dem einzigen, das für sie zählte. 1863 starb ihre Tochter und von da an war ihr Lebenswille gebrochen. Sieben Jahre später starb Cynthia, geschwächt durch häufige Nahrungsverweigerung an einer Grippe und wohl auch an gebrochenem Herzen. Bis zu ihrem Tod blieb sie eine Comanche. Ihr ältester Sohn Quanah nahm im Gedenken an seine Mutter den Namen Parker an und bat, ihre Gebeine in seine Nähe zu verlegen, was ihm verweigert wurde. Erst nachdem sein erschütternder Brief eines Tages in der Kirche vorgelesen wurde, gestattete man dies. Cynthia Ann Parker war schon zu Lebzeiten Gegenstand vieler Zeitungsartikel und ihr Mythos lebt heute noch.
Buchtipp: Die mit dem Wind reitet, Lucia St. Clair Robson
Hermann Lehmann wurde als Elfjähriger 1870 von Apachen geraubt. Ein Fluchtversuch wurde grausam bestraft. Mehr tot als lebendig kam er im Lager an und musste auch dort Anpassungswillen und Durchhaltevermögen beweisen. Nach und nach gewährte man ihm Freiheiten. Er lernte reiten, jagen, kämpfen und das Skalpieren der Feinde. Mehr und mehr fand er Gefallen an seinem neuen Leben. Auch er hatte mehrmals die Gelegenheit zur Flucht, die er ungenutzt ließ. Als er den Medizinmann erschoss, der wiederum seinen Adoptivvater ermordete, musste er aus dem Lager fliehen. Er schloss sich einer Gruppe Comanche unter der Führung Quanah Parker an, der ihn adoptierte. Als Quanah erfuhr, dass Hermanns Mutter noch lebte, überredete er ihn, zu seiner weißen Familie zurückzukehren. Nach neun Jahren sah Hermann seine Mutter wieder. Es war eine schwierige Zeit für alle. Er weigerte sich, Sitten und Gebräuche zu akzeptieren, spielte gerne den Wilden. Zurück konnte er nicht, denn die Zeit der freien Indianer war vorbei, doch als Weißer zu leben fiel ihm sehr schwer. Er fasste als Farmer Fuß, in der Nähe seiner indianischen Freunde in Oklahoma, wo ihm mithilfe Quanahs, Reservationsland zugesprochen wurde. In seiner Autobiographie zeigte er Reue wegen einiger begangener Gräueltaten, doch nicht wegen seiner Zeit bei den Indianern.
Unzählige solcher Schicksale wurden nie aufgezeichnet. Menschen, von deren Existenz man nichts weiß oder die man vergessen hat. Menschen, die aus ihrem Leben herausgerissen wurden, sich neu integrierten und manchmal zum zweiten Mal alles verloren.
So long Fellows
Eure Montana
Quellenangabe:
- Marin Trenk: Weiße Indianer, Grenzgänger zwischen den Kulturen in Nordamerika
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