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Slatermans Westernkurier

Familienfehden im Wilden Westen

Auf ein Wort, Stranger, wer stirbt schon gerne nur zum Spaß?

Wake up, wake up, darlin´ Cory!
And go get me my gun.
I ain't no hand for trouble,
But I'll die before I'll run.


(Smoky Mountain Ballad)

Dank einer Vielzahl unsäglicher Film-, Fernseh- und Romanpublikationen ist es auch heute noch eine weitverbreitete, irrige Annahme, dass die damaligen Familienfehden, Weidekriege und Meinungsverschiedenheiten zwischen einzelnen Sippen oder religiösen, wirtschaftlichen, politischen und rassistischen Gruppen im Wilden Westen, die zum Teil bis in die Anfänge des letzten Jahrhunderts andauerten, ihren Ursprung in Kleinigkeiten hatten und sich die Beteiligten gegenseitig bis zum letzten Mann niedermachten, nur weil sie Spaß an Schießereien hatten oder den Kampf liebten.
Das ist grundlegend falsch!
Niemand begann damals solch einen Konflikt, der oftmals mit der totalen Vernichtung der eigenen sowie der gegnerischen Partei endete, nur so aus Spaß oder weil er gerade nichts anderes zu tun hatte.
Das Argument, das vielleicht gerade nichts Interessantes im TV lief, zieht auch nicht, denn wir reden hier explizit von den Jahren 1840 bis 1900.
Häufig wird auch heutzutage noch angenommen, dass diese Fehden im Wilden Westen hauptsächlich unter Dumpfbacken, Landeiern und Halbprimaten in den isolierten Weiten des Westens stattgefunden haben.
Wieder falsch!
Sicherlich bildeten Isolation und der Mangel an Bildung einen gewissen Nährboden für den Ausbruch der Feindseligkeiten, und unbestreitbar hatten viele Fehden ihren Ursprung eher in der Einsamkeit des Westens als in den Schluchten der Großstädte. Aber merkwürdig ist, dass alle Auseinandersetzungen irgendwann in der Stadt und um das jeweilige Gerichtsgebäude herum ausgetragen wurden.
Und noch bevor der letzte Schuss fiel, waren auch Ärzte, Rechtsanwälte, Gesetzesbeamte und Richter darin verwickelt.
Also was zum Teufel veranlasste solche gestandene Männer, einen Krieg zu beginnen, der in manchen Fällen ganze Countys entvölkerte?
Die Antwort ist so einfach wie banal.
Allerdings findet man sie nur bei den Menschen jener Zeit und in ihren Wertvorstellungen.
Es war die Ehre eines Mannes, sein Leben, das Leben seiner Angehörigen, die Bedrohung seines Eigentums, seine Selbstachtung und das Ansehen seiner Freunde.
Ein Großteil unserer heutigen, hippen Ellbogen- und Spaßgesellschaft - Sie wissen schon, jene Spezies, für die man die philosophische These Ich denke, also bin ich in ein dem IQ geschuldeten Ich denk´ ich bin großartig, also bin ich das auch, denk´ ich mal umgewandelt hat - wird ob solcher Begriffe zwar nur mit einem coolen Lächeln das gestylte Haupt schütteln. Aber jede Zeit hat ihre eigenen Werte, und wer die damaligen belächelt, sollte zuerst einmal über die heutigen nachdenken.
Aber lassen wir das, wir schweifen vom Thema ab.
Wenn man den Beginn der zahlreichen Fehden einmal genauer betrachtet, wird man schnell feststellen, dass diese ihren Ursprung nicht in einer plötzlichen Laune eines hochgewachsenen, falkengesichtigen Schießers hatten, dessen Blick aus den eisblauen Augen selbst die Hölle erfrieren ließ, sondern vielmehr in vielschichtigen meist über längere Jahre andauernden Konflikten, an dessen Enden eine Gruppe von Menschen zu der Meinung kam, dass ihr unerträgliches Unrecht widerfuhr.
Da in den meistens dünn besiedelten Gegenden eine staatliche Autorität kaum vorhanden war, nahmen diese Menschen schließlich das Gesetz in die eigenen Hände.
Ein Paradebeispiel dafür ist die Mitchell Truitt Fehde, die 1874 im Hood County, Texas begann.
Old Cooney Mitchell, der weißbärtige Patriarch seines Clans, war einer jener knorrigen Oldtimer, dem die lebensgefährliche Viehaufzucht im Brasada-Dornbuschgebiet zu bescheidenem Wohlstand verholfen hatte. Als die Gebrüder Truitts 1872 arm und ausgehungert mit ihren Sippen von Norden her in das Land kamen, unterstützte er sie, wo er nur konnte. Der Rancher hatte schnell erkannt, das die Absicht der Neuan-kömmlinge, am Brazos River eine Farm zu gründen, um Ackerbau zu betreiben, für ihn und seine Männer nicht nur eine willkommene Abwechslung auf dem eintönigen Speisezettel seiner Rinderranch darstellte, sondern ihnen auch in Zukunft die weiten Fahrten zu den entlegenen Märkten der umliegend Städte ersparte.
Die Erweiterung des Bekanntenkreises in der von Menschen nur dünn besiedelten Brasada spielte dabei, wenn auch unbewusst, ebenfalls eine Rolle.
In den ersten beiden Jahren brachte der Ackerbau für die Truitts kaum mehr ein, als sie zum Leben brauchten. Mitchell unterstützte sie mit Fleisch und Geld und ermöglichte noch Jim, dem ältesten Sohn der Truitts, ein Theologiestudium, nach dessen erfolgreichem Abschluss er als Methodistenpfarrer des Chartersville Circuit bestellt wurde.
Im Laufe der Jahre wurde aber selbst den Truitts irgendwann klar, dass sie als Bauern keinen Schuss Pulver wert waren. Als sie dann feststellten, dass der Umgang mit Vieh wesentlich einfacher war wie das Urbarmachen des Landes, betätigten sie sich von nun an als Kleinrancher. Dieser Entschluss enttäuschte Mitchell, ernsthaft böse wurde er aber erst, als die Truitts Anspruch auf ein Landgebiet erhoben, indem seine besten Herden grasten. Da die Wildrinder noch nicht alle gekennzeichnet waren, wären die Truitts mit einem Schlag zu wohlhabenden Rinderleuten geworden.
Im März 1874 brachten die Parteien ihre Landstreitigkeiten schließlich vor das Gericht des Hood County in Granbury. Das Gericht brannte 1875 mit allen Akten bis auf die Grundmauern nieder, worauf Mitchell in Beweisnot kam und die Truitts triumphierten.
Anfang März 1875 kam es sechs Meilen von Granbury entfernt zu einem Gespräch unter Männern, in dessen Verlauf der Älteste der Truitts, Jim der Priester, schwer verwundet, der Zweitälteste Sam und der Jüngste Isaac (15 Jahre) getötet wurden.
Wieder hatte jede der Parteien ihre eigene Version für den Kampf, aber da die Heimstätter und Farmer inzwischen die Mehrheit im County besaßen, wurde unbegreiflicherweise nur der alte und stets unbewaffnete Cooney Mitchell verhaftet und zum Tode verurteilt. Er wurde an einem Freitag im Oktober 1875 hingerichtet. Die anderen Beteiligten der Mitchellpartei, der Cowboy W. Owens und Mitchells Nachbar James Shaw, erhielten langjährige Haftstrafen. Cooneys ältester Sohn Bill konnte fliehen.
Diese völlig unhaltbaren Urteile kamen nur auf die Aussage des verwundeten Priesters Jim hin zustande und der Tatsache, dass die zwölfköpfige Geschworenenjury aus zehn Heimstätter und Methodisten bestand.
Damit hatten die Truitts ihr Ziel erreicht und konnten eigentlich das Land in Besitz nehmen, aber da war noch Bill Mitchell.
Er ließ Jim Truitt ausrichten, dass er ihn zur Verantwortung ziehen würde und wenn er ihn bis ans Ende der Welt jagen musste.
Jim verließ nach Clooneys Hinrichtung sofort das Land.
Bill Mitchell brauchte danach zehn Jahre, um ihn ausfindig zu machen. Als er Jim gegenüberstand, tötete er ihn auf der Stelle.

Ein weiterer typischer Fall war die Early Hasley Fehde.
Sie begann damit, dass der Nordstaatensympathisant John Early aufgrund seiner Ansichten immer öfter mit dem texanischen Rancher und erklärten Südstaatenanhänger Drew Hasley in Streit geriet. Dieser gipfelte schließlich darin, dass Early den alten Drew auf seiner Ranch besuchte, ihn schwer beleidigte und ihm eine Handvoll Haare aus dem weißen Bart riss. Als Hasleys Sohn nach Kriegsende heimkehrte, sah er sich nicht nur Unionssoldaten gegenüber, sondern auch einem mit der Besatzungsmacht kollaborierenden John Early, der sich mit ihrer Hilfe nach und nach das Land der ehemaligen Südstaatenanhänger einverleibte.
Mit seinem Schwager Jim McRea bildete Sam Hasley eine Guerillatruppe, deren einziges Ziel war, Early und seine Freunde aus dem Land zu jagen. Dabei heizte er ihnen so ein, dass der mit Early verbündete Richter des kommissarischen Militärgerichts Hiram Christian es vorzog, bei Nacht und Nebel das Land zu verlassen, nachdem der inzwischen verhaftete alte Drew Hasley im Gefängnis an Entkräftung gestorben war.
Im Sommer 1869 unternahm der nicht zur Ruhe kommende John Early einen letzten Versuch, die Fehde mit einem Gewaltakt zu beenden. Mit seinem Freund Dr. Calvin Clarke und einem schwerbewaffneten Aufgebot überfiel er das Versteck von Sam Hasley und tötete Jim McRea und einen Großteil von Hasleys Gefolgschaft.
Als aber feststand, dass Sam Hasley dem Massaker entkommen war, zerstreuten sich Early und seine Gefolgschaft in alle Himmelsrichtungen. Jeder wusste, dass sie in diesem Teil von Texas selbst unter dem Schutz der Unionstruppen nicht mehr vor der Vergeltung von Sam Hasley sicher sein konnten. Der Ehrenkodex des Südens gebot Hasley das Recht in die eigene Hand zu nehmen und die ganze Bevölkerung stand hinter ihm.
Richter Christian wurde 1870 von einem Unbekannten in Missouri erschossen, Dr. Calvin Clarke traf die Kugel 1871 in Arkansas und John Early saß an einem Winterabend im Jahr 1875 in Omaha, Nebraska, im Kreise seiner Familie beim Abendbrot, als Sam Hasley mit einem Revolver in der Hand ins Haus trat.
»Nun wäre es also soweit, John. Du hast eine Minute Zeit, deinen Angehörigen zu erklären, warum jetzt gestorben wird.«
Als die sechzig Sekunden um waren, krachte ein Schuss. John Early war tot und Sam Hasley blieb von diesem Tag an verschwunden. Damit hatten alle Beteiligten für das begangene Unrecht und den Versuch, sich auf Kosten eines anderen zu bereichern, mit ihrem Leben bezahlt.

Die Liste ließe sich unendlich weiterführen, der Hoodoo-Krieg, der Shelby County War, die Rose Potter Fehde, die tragische Lee Peacock Fehde oder die blutigste von allen, die Sutton Taylor Fehde sind nur die bekanntesten. In den unendlichen Weiten des Westens gab es Dutzende solcher Auseinandersetzungen. Dabei ging es nicht immer ausschließlich um Land, auch Salz, Schafe und Wasser oder Öl waren oft die Ursachen dieser Konflikte. Eines aber hatten alle Fehden gemeinsam, so unterschiedliche Beweggründe auch am Anfang standen:
Jeder der Beteiligten war überzeugt, dass die sicherste Abschreckung des Verbrechens in der öffentlichen Bereitschaft der Bürger bestehe, das ihm zugefügte Unrecht selbst und auf der Stelle zu vergelten.
Mit einer der Gründe für diese Haltung war, dass die Umstände im Westen damals dem Übeltäter mehr Chancen ließen, weitere Verbrechen zu begehen, als dem Gesetz, sie zu verhindern.
Ein anderer Grund war der Ehrenkodex des Südens, der Stolz eines Mannes, der es nicht zuließ, wegen jeder Kleinigkeit zu den Behörden zu rennen, um sich auszuheulen. Niemand sollte einen anderen mit seinen Problemen belästigen, sondern Manns genug sein, um diese selber zu regeln.
Andy Downs, ein Treibherdenführer, definierte es 1875 einmal so: »Der Westen erwartet von dir, dass du lächelst und deinen persönlichen Kummer herunterschluckst wie dein Essen. Regle deine Dinge alleine, denn niemand möchte etwas von eines Mannes halbverdauten Problemen hören, ebenso wenig, wie er dabei sein möchte, wenn ein Seekranker kotzt.«
Erst wenn man all diese Dinge verinnerlicht hat und diese Menschen in ihrer Zeit und den damaligen Umständen sieht, kann man diese Fehden richtig beurteilen. Dann erkennt man außer dem Bild eines Barbaren und Schießers vielleicht auch einmal den Menschen dahinter, mit all seinen Sorgen und Nöten.

Bis zum nächsten Mal,
euer Slaterman.

Quellen:

  • H. J. Stammel: Das waren noch Männer. Die Cowboys und ihre Welt, Econ Verlag Düsseldorf, 1985
  • www.legendsofamerica.com

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