
Slaterman's Westernkurier



Auf ein Wort Stranger,
heute geht es in den etwas anderen Wilden Westen
Unter dem Begriff Wilder Westen versteht man normalerweise einen bestimmten historischen Zeitraum in einem bestimmten, grob umrissenen Gebiet in den Vereinigten Staaten.
Die Rede ist hier von jenem Land westlich des Mississippis und der Zeit zwischen 1840 und 1890. Diese Ära ist bekanntermaßen geprägt von Begrifflichkeiten wie Freiheit, Recht des Stärkeren, Kampf um das Eigentum und ähnlichen Klischees.
Trapper und Cowboys, Marshal und Outlaws, Indianer und Soldaten sind auch heute noch die Stützpfeiler dieser verklärten Pionierzeit Amerikas.
Aber der sogenannte Wilde Westen ist mehr.
Wer einmal über den Tellerrand dieses von den gängigen Medien verbrauchergerecht zubereiteten Westernmenüs blickt, wird sehr bald feststellen, dass auf dem amerikanischen Kontinent nicht nur die USA auf einen Wilden Westen zurückblicken können. Nur wurden diese anderen, nennen wir sie einmal Ableger, nie irgendwie solcherart publikumswirksam präsentiert.
Das will der Westernkurier in dieser und einigen noch folgenden Ausgaben ändern.
Beinahe jedes Land auf dem amerikanischen Subkontinent hatte seinen Wilden Westen, sowohl Nord- wie auch Mittel und Südamerika.
Beginnen wir mit Kanada.
Hier steht die Ära der Voyageur für diese raue Zeit genauso wie die Entdeckungsreisen eines Alexander McKenzie, die Aufstellung der Mounted Police, ihr Kampf gegen Whiskyhändler und Indianer oder der kanadische Bürgerkrieg mit den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Mounties und Metis.
Auch Mexico hatte bekanntermaßen seine wilde Zeit.
Angefangen von der leidvollen Geschichte ihres von Europas Gnaden ernannten Kaisers Napoleon bis hin zu den fast zweihundert Jahren andauernden Kämpfen unter der Führung solcher Lichtgestalten dieser Jahrzehnte andauernden Revolutionen wie Benito Juarez, Porfirio Diaz, Emilio Zapata, oder Präsidenten wie Maderas, Huertas oder der Regierung Carranzas, Obregons und anderen mehr.
Eine weitere Station auf der Reise durch den Wilden Westen ist Südamerika und damit kommen wir so langsam zum eigentlichen Thema dieser Kolumne über den etwas anderen Wilden Westen zurück.
Das erste Kapitel sei Brasilien gewidmet.
Genauer gesagt dem Norden des Landes, der sogenannten Caatinga, wo zwischen 1880 und 1920 der Westen tagtäglich wilder war und der Colt viel lockerer saß als in der ganzen US- amerikanischen Pioniergeschichte zusammengenommen. Dieses Land und diese Zeit waren so dreckig, blutig und menschenverachtend, dass sich selbst Italowestern mit ihren Filmen wie Django oder Sabata dagegen wie Kindermärchen ausnahmen.
Die Caatinga umfasst mit knapp 700 000 Quadratkilometer fast den gesamten nordöstlichen Teil von Brasilien und bedeutet soviel wie weißer Wald. Selbst im Winter ist es dort heiß und trocken. Die Vegetation besteht hauptsächlich aus Kakteen, Sträuchern, blattlosen Bäumen und Bromelien. Über die Hälfte der Bevölkerung überlebt nur auf der Grundlage der Nutzung der kargen Vegetation, während die Fazenderos den Boden durch rücksichtslose Landwirtschaft und exzessiven Verbiss ihrer viel zu großen Herden auch heute noch systematisch verwüsten.
In diesem Landstrich kämpfte schon bald jeder gegen jeden, rechtlose Tagelöhner gegen skrupellose Geschäftemacher, menschenverachtende Fazenderos und korrupte Lokalpolitiker gegen die Ärmsten der Armen. Die dort ansässigen Großgrundbesitzer führten Krieg gegen alle und jeden, der ihnen Wasser, Land und Macht streitig machen wollte. Hinterhalte, Angriffe, Verrat und Meuchelmorde waren in diesen Jahren an der Tagesordnung und so entstanden die sogenannten Cangaceiros.
Diese gesetzlosen Banden überfielen immer öfter die Fazenderos, Armeestützpunkte und sogar Städte, um sich danach wieder rasch in die Sertao, die wüstenartige Strauchsavanne Nordbrasiliens, zurückzuziehen. Die Lage wurde schließlich so ernst, dass die Regierung entschied, Armee-Einheiten in das sonnenverbrannte Land um Recife und Salvatore de Bahia zu schicken. Heldenhafte Amigos auf beiden Seiten wurden in diesen Jahren eines makabren Gewaltreigens ohne nachvollziehenden Beginn oder absehbarem Ende zu lebenden Legenden.
Von einigen dieser Legenden soll hier die Rede sein.
 
Eine der Berühmtesten davon war wohl ohne Zweifel Lampiao, die Lampe. Seinen Spitznamen hatte er dem hellen Mündungsfeuer seines Gewehres zu verdanken.
Geboren wurde er am 7. Juli 1897 in Vila Bela unter dem Namen Virgulino Ferreira da Silva. Er war Viehhirte, bis seine Eltern um 1918 nach einem Streit mit einem Landbesitzer von der Polizei getötet wurden. Danach begab er sich mit seinem Bruder in die Sertao und gründete dort eine zeitweise bis zu fünfzig Mann umfassende Bande.
1929 schloss sich Maria Bonita seiner Bande an, die kurz darauf seine Geliebte und später sogar seine Frau wurde. Schon bald war der wegen seiner Grausamkeit gefürchtete, schmächtige Brillenträger Lampiao der heimliche Herrscher der Caatinga. Aus was für einem Grund auch immer wird er noch heute in diesem Teil des Landes als der Robin Hood Brasiliens verehrt. Dabei war er nichts anderes als ein intelligentes, machtbesessenes und blutrünstiges Monster, ein Brandstifter und Vergewaltiger. Es ist ein Fall bekannt, in dem er und fünfundzwanzig seiner Männer die Frau eines Polizisten eine ganze Nacht lang missbrauchten, ein Perverser, der sich an Massenexekutionen und dem Verstümmeln von Frauen ergötzte. Diese Bestie ließ Männer kastrieren, sie blenden und Ohren und Zungen abschneiden, um im nächsten Moment zu beten und eine Messe abzuhalten. Aber irgendwann hatte auch er den Bogen überspannt. Als es den Anschein hatte, dass ihn weder die Polizei noch die Armee fassen konnte, wurden er und seine Männer übermütig. Zusätzlich machten sich aufgrund des vielen, durch ihre Raubzüge erbeuteten Geldes, Neid und Eifersucht unter ihnen breit.
Sehr schön dargestellt wird die ganze Thematik übrigens in dem Film O Cangaçeiro - Die Gesetzlosen (1953) mit Alberto Ruschel in der Hauptrolle.
So dauerte es nicht lange, bis der Tipp eines Verräters dazu führte, dass der Kern der Cangaceiros an einem Julimorgen des Jahres 1938 von einem Bataillon Polizisten aus dem nahen Städtchen Sergipe umstellt und niedergemacht wurde. Dabei verloren Lampiao, Maria Bonita sowie neun weitere Mitglieder der Bande ihr Leben.
Ihre Köpfe wurden abgetrennt, in Salzlake konserviert, in einer Ausstellung herumgezeigt und bis 1969 im Medizinischen Institut von Salvador de Bahia aufbewahrt. Erst danach bekamen die Angehörigen von der Regierung die Erlaubnis, den Resten der Toten ein christliches Begräbnis zukommen zu lassen.
Aber das ist nicht alles.
Selbst bis in unsere heutige Zeit hinein gab und gibt es in Brasilien immer noch Gegenden, in denen der Geist der wilden Zeit dieses Landes noch lebt. Sei es in Berichten über Kopfjäger oder Goldsucher im Dschungel des Amazonas, Brandstifter, die aus Spekulationsgründen Gebiete niederbrennen, die größer als so manches deutsche Bundesland sind, oder Geschichten über jene Geheimorganisationen, deren Namen selbst in unserem Jahrhundert immer noch höchstens hinter vorgehaltener Hand geflüstert werden. Die Rede ist hierbei von den Todesbrigaden. Aktuell von denen aus Polizisten rekrutierten Killerbrigaden im Bundesstaat Goias in Zentralbrasilien. Dort sollen in den letzten zwei, drei Jahren mindestens vierzig, wenn nicht noch mehr Kinder und Jugendliche kaltblütig ermordet worden sein. Selbstjustiz, um angeblich die Gesellschaft zu reinigen. Die Macht dieser Leute erinnert an Al Capone in seinen besten Zeiten. Außer mehreren Journalisten hat auch der inzwischen 71jährige Jesuitenpater Geraldo Marcos Labarrere Nascimento, welcher in Goiania ein Jugendwerk des Latein-Amerikanischen Hilfswerks der katholischen Kirche leitete, das Land aus Angst um sein Leben verlassen.
Auch wenn Brasilien heute als fortschrittlicher und aufstrebender Staat gilt, in seinem Hinterland sind der Geist der Frontier und der Atem jener wilden Zeit immer noch spürbar. Allerdings hinterlässt er dabei auf der Zunge des Betrachters immer öfters einen bitteren Geschmack.
In diesem Sinne, bis die Tage.
Euer Slaterman
Quellen:
- www.infonet.com.br
- www.maracatu-atomico.com
- Archiv und Aufzeichnungen aus dem Reisetagebuch des Autors
- Peter Wiechmann (ehemaliger Redakteur aus dem Kauka-Verlag) und seine Notizen zu einer angedachten Serie über die Cangaceiros
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