
Slaterman's Westernkurier



Auf ein Wort Stranger, heute spiel ich dir den Waschtagblues!
BETTER TERMS THAN EVER!
Kommt in das Land, wo Milch und Honig fließen, kommt in den Westen, dort, wo sich das hohe Gras auf den riesigen Prärien in schimmernden Wellen unter dem Wind hebt und senkt.
So oder jedenfalls so ähnlich prangte es von unzähligen Plakaten all jenen Auswanderern entgegen, die ihr Glück im Westen versuchen wollten. Zu Tausenden folgten die vom Amerikafieber befallenen Emigranten, die aus allen Herren Länder der Welt über den großen Teich gekommen waren, dem Versprechen von einem gelobten Land, um spätestens am Ziel einer desillusionierenden Realität ins Auge zu blicken. Die Leidtragenden waren bei dieser Sache wie immer meistens die Frauen. Für sie wurde jeder Tag in dieser neuen Welt zu einer regelrechten Herausforderung, und es gab nicht wenige, die daran zerbrachen.
Kennt jemand noch die alten Westernserien wie Big Valley, Bonanza oder Die Leute von der Shiloh-Ranch mit ihren gefegten Stuben, den Porzellantellern im offenen Küchenschrank oder den gehäkelten Deckchen auf dem Ohrensessel im Wohnzimmer?
Vergesst es!
Die Wirklichkeit war dreckiger und menschenunwürdiger, als wir uns das heutzutage jemals vorstellen können. Die erste Enttäuschung begann im Allgemeinen schon mit dem neuen Zuhause.
Am Anfang war da nämlich nichts!
Kein Holzhaus, keine Lehmbauten, nicht einmal eine muffige, enge Zweizimmerwohnung im Hinterhof irgendeiner Mietskaserne aus Ziegelstein.
Die erste Wohnung einer Siedlerfamilie bestand in den baumlosen Prärien des Westens in der Regel aus einem sogenannten Dugout, was frei übersetzt Ausgrabung bedeutet. Ein solches Dugout war genau genommen eine Einraumbehausung, oder besser gesagt ein Loch, das man einfach in den Boden grub und mit Grassoden zudeckte. Meistens jedoch, was auch praktischer war, grub man ein solches Loch in den Fuß eines Hügels hinein und verschloss die Vorderseite mit einer Mischung aus Wasser, Gras und Sand. Die nächste Stufe auf der nach oben offenen Leiter des Komforts war dann das Grassodenhaus. Dabei blieb es dann in den meisten Fällen auch, ein Haus aus Stein war für die meisten unerschwinglich und Holz gab es in der baumlosen Prärie erst um 1890, als das Schienennetz der Eisenbahn auch die entlegensten Winkel des Landes berührte. Diese Soddies, wie man die Grassodenhäuser bald nannte, wurden so gebaut, dass die Wände bis zu 90 cm dick waren. Das hielt im Winter nicht nur den Schnee draußen sondern auch Mäuse und Schlangen. Nur gegen Cimex lectularius, der allgegenwärtigen Bettwanze, war auch die dickste Wand machtlos. Dieses Getier hatte die Soddies nämlich zu ihrem Lieblingsplatz gekürt und hielt jede Nacht auf den Körpern der Hausbesitzer ein Festmahl ab.
Um Ihnen, liebe Leser, das Bild jener Epoche und insbesondere das eines ganz normalen Tages einer Hausfrau der damaligen Zeit zu verdeutlichen, möchte ich an dieser Stelle ein paar historische Zeitzeuginnen zu Wort kommen lassen, die ihre Erlebnisse zu Papier gebracht haben. Es sind einfache Worte, die aber gerade durch ihre Schlichtheit dem Leser ein genaues Bild jener Tage offenbaren. Hervorheben möchte ich dabei Miriam Davis Colt und ihr Buch Went to Kansas. Being a Thrilling Account of an Ill-fated Expedition to That Fairy Land ans Its Sad Results, was man ungefähr mit Reise nach Kansas, der spannende Bericht von einem glücklosen Aufbruch in jenes Märchenland und das traurige Ende übersetzen könnte.
Das Buch ist die Zusammenfassung der Summe ihrer Enttäuschungen über das Leben im sogenannten Gelobten Land. Die Verzweiflung, die sie dabei erfasst hatte, als sie versuchte, ihre Erlebnisse niederzuschreiben, kann man am besten als Waschtagblues charakterisieren.
Sie kam 1856 aus dem nördlichen New York mit ihrer Familie in die Ebenen von Ost-Kansas. Über das Zusammentreffen mit der ersten Bewohnerin dieser Gegend schrieb sie folgende Zeilen in ihr Buch:
»Sie war barfuß, trug einen weißen, zugedrehten Sack über dem Rücken, in dem unten ein paar Pfund Maismehl baumelten. Sie starrte mich blöde an und ich dachte, sollte ich dafür hergekommen sein?«
Ein weiterer Eintrag lautete:
»Es gibt hier keine Seife, nur eine selbst gemachte Paste aus Lauge und Asche. Aber auch davon habe ich jetzt nichts mehr. Ich wusch unsere Sachen im Flusswasser, bis sie für Braune sauber waren, aber für Weiße entsetzlich schmutzig. Habe mein Bügeleisen verloren. Kein Geld, jetzt muss einmal mit der Hand darüber streichen Stärken und Bügeln ersetzen.«
Aber nicht nur das Wäschewaschen, auch das Kochen stellte die Hausfrau in der Prärie jeden Tag vor eine neue Herausforderung.
Da war zum einen die Eigenschaft der Soddies, dass sich das Dach im Frühjahr in der Regenzeit wie ein Schwamm mit Wasser vollsog.
»Manchmal tropfte mir beim Kochen das Wasser auf den Herd«, lautete ein weiterer Tagebucheintrag. »Ich musste dann schwere Deckel auf die Pfannen und Töpfe tun, damit kein Schmutz ins Essen fiel. Manchmal watete ich mit aufgesteckten Röcken und Gummigaloschen in der Küche herum, bis die Wolken vorbeigezogen waren.«
Wenn es im Sommer besonders heiß war, rieselten dann ständig vertrocknete Erdbrocken von der Decke.
Die meisten Siedler benutzen zum Kochen und Heizen einen gusseisernen Franklin-Herd oder einen Dutch-Ofen, einen schweren Kessel mit drei Füßen und einem Tragegriff, der als Allzweckbehälter für Kochen, Sieden, Braten und Backen galt.
Im holzarmen Land der Plains und Prärien waren die Herde so eingerichtet, dass sie auch Heu, getrocknete Maiskolben und Pflanzenstiele verbrennen konnten. Der am meisten benutzte Brennstoff jedoch bestand aus den Fladen getrockneter Kuhscheiße, einer zivilen Version der Büffelscheiße, die früher die Pioniere gewärmt hatte, als diese mit ihren Planwagen über das Grasland rumpelten.
Ich hätte jetzt auch das Wort Dung, Mist oder getrocknete Tierexkremente verwenden können, aber meiner Meinung nach gibt es kein Wort auf der Welt, welches eben diesen Begriff so knapp aber dennoch treffend beschreibt, wie eben diese sieben Buchstaben.
Das Kochen mit diesen »Fladen« war jedoch nicht so einfach, insbesondere für Anfängerinnen, die im Allgemeinen im Umgang damit noch etwas - nennen wir es galant ausgedrückt - zimperlich waren. Diese Fladen verbrannten so schnell, dass man sie reihenweise in den Herd werfen musste, um das Feuer in Gang zu halten. Diese Prozedur wurde in einer weiteren Tagebucheintragung wie folgt beschrieben:
»Feuer machen, den Mehlsack rausholen, den Herd nachlegen, Hände waschen. Den Keksteig machen, den Herd nachlegen, die Hände waschen, die Kekse mit dem Deckel der Backpulverdose ausstechen, den Herd nachlegen, die Hände waschen, das Blech mit den Keksen in den Herd schieben, immer wieder nachlegen und Hände waschen, bis die Kekse fertig sind.«
Durch dieses mühevolle Verfahren wurde auf die Dauer der Empfindlichkeitsgrad in Küchenfragen bei den Hausfrauen immer geringer. 1877 bemerkte ein Reporter einer Zeitung im Meade County in Kansas hierzu Folgendes an:
»Es war schon komisch zu beobachten, wie zimperlich unsere Frauen diese Fladen zuerst anfassten. Anfangs hoben sie sie noch mit Hilfe von zwei Stöcken auf, bald benutzen sie einen Lumpen, dann den Schürzenzipfel. Schließlich, schon abgehärtet, genügte ihnen ein Händewaschen nach dem Anfassen. Und jetzt?
Jetzt heißt es aus dem Brotteig in die Fladen und zurück, kaum das man sich schnell die Hände an der Schürze oder dem Rock abgewischt hat.«
Hatte die Hausfrau ihre Skrupel bezüglich des Kuhfladens erst einmal überwunden, war sie auch nicht mehr bei der Zusammenstellung des täglichen Speiseplans besonders zimperlich, es kam auf den Tisch, was das Land hergab.
Zum Frühstück gab es Maisbrot, gepökeltes Schweinefleisch und schwarzen Kaffee, egal, ob die Familienmitglieder acht Monate, acht oder achtzig Jahre alt waren. Zum Mittagessen einen Stampf aus gekochtem Schweinefleisch, Maisbrot und wildem Gemüse, den man mit einem Getränk hinunterspülte.
Dieses Getränk wurde in einem Holzeimer auf den Tisch gestellt und in Zinntassen ausgeschenkt. Es bestand in der Regel aus lauwarmem Flusswasser, das mit Essig und braunem Zucker vermischt war.
Zum Abendessen gab es Maisbrot, Schweinefleisch, wilde Zwiebel und hin und wieder ein Stück gesalzenen Speck. Manchmal gab es auch Zwieback, aber bis der endlich den Weg aus der nächsten Stadt in die Einsamkeit der Siedlerstädte gefunden hatte, musste man die einzelnen Scheiben erst einmal gegen die Tischkante klopfen, damit die Maden herausfielen.
Außer sonntags ein paar selbstgebackene Kekse mit eine Tasse dünnem Kaffee, der oftmals mit geschrotetem Roggen oder Weizen gestreckt wurde, war dies im Großen und Ganzen der allgemein übliche Speiseplan. Abwechslung gab es nur, wenn es dem Familienoberhaupt gelungen war, ein Stück Wild zu erlegen oder sich in der Nähe ein paar Beerensträucher befanden.
Außer Kochen, Waschen und Saubermachen verlangte man von den Frauen, dass sie ihren Männern noch beim Pflügen halfen, Wasser und Brennstoff heranschafften und noch einen Kräuter- und Gemüsegarten zogen. Das Ganze von Morgens um vier bis abends um acht oder neun, sieben Tage die Woche, jeden Sonn- und Feiertag. Wenn die Frau dann erschöpft ins Bett fiel, war ihr Tagewerk aber noch längst nicht vollbracht.
Jetzt hieß es die Beine breit machen.
Da viele Frauen angesichts dieser Strapazen dem Westen schon bald wieder den Rücken kehrten, griffen ihre Männer in der Regel zu zwei Maßnahmen, um sie am Davonlaufen zu hindern. Die eine bestand aus Prügel, die andere darin, sie so schnell und so oft wie möglich zu schwängern.
Sechs bis zehn Kinder waren durchaus die Regel, wobei allerdings die Hälfte davon starb, bevor sie ihr zwölftes Lebensjahr erreicht hatten. Jeder Tag war ein Kampf ums Überleben, und nur wer sich keine Blutvergiftung zuzog, nicht nach dem Biss eines Stinktiers an Tollwut erkrankte, dem Stich eines Skorpions oder einer Vogelspinne entging, Klapperschlangen aus dem Weg ging, von Cholera, Typhus und Lungenentzündung ebenso verschont blieb wie von Blitzschlag, Präriefeuer und arktischer Kälte und auch nicht von umherziehenden Indianern in Stücke gehackt und von Büffelwölfen gefressen wurde, konnte vielleicht dank der medizinischen Kenntnisse dieser Frauen überleben. Ärzte gab es kaum, und wenn, dann waren sie entweder bis zu einhundert Meilen entfernt oder zu teuer. Also besannen sich die Hausfrauen auf die Hausmittel ihrer Großmutter und dem Material, was zur Verfügung stand. Da half Petroleum gegen Schuppen, warme Kuhscheiße bei einem Schlangenbiss, Butterblumentee gegen Asthma und eine rohe Kartoffel, die man in der Tasche mit sich herumtrug, gegen Rheuma.
Die nachfolgenden Behandlungsmethoden muten uns heutzutage zwar wie bessere Foltermethoden an, aber sie wurden in der damaligen Zeit tatsächlich angewandt, und trotz der mehr als zweifelhaften Wirkung dieser Mittel lebten die Familien auf den Prärien in erstaunlicher Gesundheit.
Wer könnte es sich vorstellen, Ohrenschmerzen damit zu behandeln, dass man dem Betreffenden lauwarmen Urin ins Ohr goss. Diese Flüssigkeit soll übrigens nach dem Einreiben auf der Haut auch gegen Sonnenbrand oder Sommersprossen helfen. Oder bei Verbrennungen neun Kugeln aus einer Gewehrpatrone zu schlucken oder Masern damit zu heilen, indem man eine gebratene Maus verschluckte?
Manch einer wird sich jetzt vielleicht fragen, was denn ein Bericht über den Alltag einer Hausfrau im Westen Amerikas aus den Jahren 1850 bis 1880 mit dem Wilden Westen zu tun hat. Meiner Meinung nach sehr viel, denn es sind nicht die immer wiederkehrenden Geschichten über Revolverhelden, Indianerkriege und Outlaws, die uns das wahre Bild des Wilden Westens nahe bringen, sondern die Erzählungen und Tagebucheintragungen von Leuten wie du und ich.
Nur durch das große Heer der Namenlosen, der Bauern, Arbeiter und eben Hausfrauen ist es uns möglich, zu wissen, wie es damals wirklich war.
Ich denke mal, dass nach diesen Zeilen über das wirkliche Leben im Wilden Westen der eine oder andere solche selbstverständliche Dinge unserer Tage wie fließend Wasser, elektrische Küchengeräte oder einfach den Sonntagsbraten in einem ganz anderen Licht sehen wird.
Bis zum nächsten Mal
euer Slaterman
Quellen:
- Time-Life, Die Pioniere, Redaktionsleitung der deutschen Ausgabe: Hans Heinrich Wellmann
- H.J. Stammel: Der Cowboy Legende und Wirklichkeit von A bis Z
- Dee Brown: Pulverdampf war ihr Parfüm
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