
Slatermans Westernkurier



Bildung im Wilden Westen
Bis Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts war das Lehramt fast ausschließlich den Männern vorbehalten. Der damaligen Meinung nach gehörte eine Frau ins Haus und hatte sich um die Familie zu kümmern. Frauen, die unterrichteten, wurden für unfähig gehalten. Man übersah geflissentlich, dass wenige Frauen die Chance einer Ausbildung erhielten. In vielen Universitäten durften sie am Unterricht teilnehmen, aber keine Prüfungen ablegen.
Als Menschenmassen den amerikanischen Westen überschwemmten, Männer einträglicheren Geschäften nachgingen und man darauf bedacht war, den Kindern Bildung zukommen zu lassen, drangen Frauen in die Männerdomäne ein und übten den Lehrberuf aus. Im Osten wurde in Zeitungsannoncen um Mädchen und Frauen geworben, die sich bereit erklärten, in den Westen zu reisen. Einige von ihnen waren erst sechzehn, als sie ihr Heim und manchmal sogar Wohlstand aufgaben, um fern der Heimat zu unterrichten. Mit zum Teil geringer eigener Bildung wollten sie als Pionierinnen im barbarischen Westen auch im hintersten Winkel den Menschen Schreiben und Rechnen beibringen.
Beim Eintreffen der Lehrerinnen mussten oft erst geeignete Behausungen für den Unterricht gesucht werden. Im günstigsten Fall bestand der einzige kleine Raum aus einem losen Bretterboden, Schülerpulten und einem Lehrertisch, im schlimmsten Fall gab es einen einzigen Lehrersessel. Es gab keine Schiefertafeln und so gut wie keine Lehrbücher. Von Schulheften ganz zu schweigen. Die Frauen wussten zu improvisieren. Die Kinder lernten Buchstabieren und Lesen aus der Bibel, Singen, Kopfrechnen und Geschichte. Oder man behalf sich mit den Grabinschriften auf den Friedhöfen, um lesen zu lernen. Manchmal startete der Unterricht mit nur einem Kind, in manchen Städten war die Schüleranzahl so groß, dass sie in einem Raum fast nicht Platz fanden. Um alle zu beschäftigen, halfen die Größeren den Kleinen bei den Leseübungen. Mädchen saßen auf der einen Seite, Buben auf der anderen. In einigen Schulen wurden die Geschlechter sogar in den Pausen im Freien getrennt.
Die Bezahlung war gering; viele erhielten 2 Dollar die Woche, manche pro Schüler 1 Dollar im Monat. Eine eigene Hütte besaß anfangs keine der Lehrerinnen. Abwechselnd schliefen sie bei den Familien und erhielten dort Verpflegung. In den meisten Fällen handelte es sich um Ein-Zimmer-Blockhütten, die mit einer Decke abgetrennt waren.
Der Unterricht wurde der Landwirtschaft und den Witterungsverhältnissen angepasst. Während der Pflanzsaison und Ernte waren die meisten Schulen geschlossen, da die Kinder bei der Arbeit benötigt wurden. Manche blieben auch während der Wintermonate geschlossen.
Lucia Darling kam mit einem Wagenzug am 18. September 1863 in das Minencamp Bannack City. Sie wohnte bei ihrem Onkel Sidney Edgerton, der zum Oberrichter des neuen Territoriums Idaho ernannt wurde, zu welchem auch das Gebiet des späteren Montana gehörte. Bannack war zu diesem Zeitpunkt eine Ansammlung von Bordellen, Spielhöllen und Saloons. Millionen von Dollars, die in Form von Gold in den Bergen geschürft wurden, zogen viele Banditen an, angeführt von Sheriff Henry Plummer.
Als sich herumsprach, dass Lucia als Lehrerin bereits in ihrer früheren Heimat Ohio gearbeitet hatte, baten sie die Eltern aus Bannack ihre Kinder zu unterrichten. Für fünfzehn Dollar Miete im Monat wollte ein Mann seine heruntergekommene Hütte als Schulhaus zur Verfügung stellen. Lucia nahm stattdessen das Angebot ihres Onkels an, in seinem Haus zu unterrichten. Der Raum wurde mit einem Holzofen geheizt, doch im Winter war es so kalt, dass Lucia der Unterricht einstellte. In der Zwischenzeit wurden Banditen gehenkt und vertrieben, und man war auf der Straße wieder sicher. Im zweiten Jahr nahmen bereits über zwanzig Schüler am Unterricht teil. Ein neues Schulhaus wurde gebaut und Edgerton, inzwischen Territorialgouverneur, forderte ein einheitliches Schulsystem. Lucia verließ Bannack 1864/65 und ging nach Ohio zurück.
Anna Weber konnte von einem eingerichteten Schulhaus nur träumen. Die 21-jährige Lehrerin startete im Frühjahr 1881 den Unterricht in Mitchell County, Kansas. Die Einrichtung des Grassodenbaus bestand aus einem Lehrerstuhl und einigen großen Steinen mit losen Brettern darauf, auf denen die Kinder Platz nahmen. Die Aufzeichnungen ihres erhaltenen Tagebuchs erzählen von dieser beschwerlichen Zeit. Der Unterricht endete nach drei Monaten, da die Kinder zur Erntezeit ihren Familien helfen mussten.
1861 kam Hannah Clapp aus New York nach Carson City, um zu unterrichten. Die große mollige Person war sehr gebildet, trug stets dunkle Kleidung und eine goldene Uhrkette.
Hannahs Assistentin Miss Babock war eine schlanke Frau mit sanfter Stimme. Sie führte den Unterricht, wenn Hannah auf Reisen war.
25 Jahre lang unterrichteten die beiden vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse. Hannah Clapp gehörte zu den angesehensten Persönlichkeiten in Carson City, war Mitglied einiger Organisationen und setze sich für das Wahlrecht der Frauen ein. Viele Politiker Nevadas wurden als Kinder von ihr unterrichtet. 1887 zogen die beiden nach Reno, um dort an der State University zu unterrichten. Als Miss Babock 1899 starb, gründete Hannah mit einer Spende von 500 Dollar den Babock Memorial Kindergarten.
Viele dieser Frauen stammten aus einflussreichen Familien und nahmen ein Leben voller Entbehrungen in Kauf, um den Menschen im Westen Bildungsmöglichkeiten anzubieten.
Weder schlechte Bezahlung, primitive Räumlichkeiten noch ihre eigene, oft minimale Ausbildung hielt sie davon ab, den Grundstein für das heutige Schulsystem zu legen.
So long Fellows
Eure Montana
Quellen:
- Anne Seagraves, Töchter des Westens
- Chris Enss, Frontier Teachers
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