
Slaterman's Westernkurier



Temple Houston, der Revolveranwalt
An der Frontier war jeder Mann sein eigener Herr. Jeder hatte unbegrenzte Möglichkeiten, seine Persönlichkeit zu entfalten, Ruhm und Anerkennung zu erwerben.
Die Rechtsanwälte im Westen erlangten große Bekanntheit wegen ihrer eigenwilligen Winkelzüge und Tricks, sofern sie erfolgreich waren. Der Revolveranwalt Temple Houston, der Sohn Samuel Houstons, des großen texanischen Freiheitskämpfers, war zweifellos der faszinierendste und charismatischste unter ihnen. ( Aus: Glenn Shirley, TOUGHEST OF THEM ALL, 1953)
Er wurde am 12. August 1860 im Brazoria County, Texas, als Sohn von Samuel Houston geboren, jenem Mann, der im Unabhängigkeitskrieg zwischen Texas und Mexiko die mexikanische Armee unter General Santa Ana am Jacinto vernichtend geschlagen und danach erster Gouverneur der Republik Texas geworden war.
Die übermächtige Persönlichkeit des Vaters belastete den jungen Temple, der sich in allem, was er tat, stets am Namen von Samuel Houston messen lassen musste, schwer.
Als sein Vater am 26. Juli 1863 in Huntsville starb, war er gerade vier Jahre alt. Drei Jahre später verlor er auch seine Mutter.
Danach widersetzte er sich fortwährend den Plänen seiner Verwandten im Hinblick auf seine Zukunft. Das ständig gegenwärtige Werk seines Vaters bedrückte ihn bis zur Unerträglichkeit. Er wollte selbst etwas leisten, etwas aufbauen. Aus diesem Grund verließ er bereits mit dreizehn Jahren die Schule, entfloh damit den Zwängen der verwandtschaftlichen Vormundschaft und suchte sich gegen deren Willen Arbeit als Cowboy. Dabei ließ er sich sogar für einen Rindertrail von Texas bis nach Bismarck in Nord-Dakota als Treiber anheuern. Dort angelangt, verkaufte er Pferd und Sattel und suchte sich Arbeit als Schreiber auf einem Dampfschiff, mit dem er den Mississippi bis nach New Orleans hinunterfuhr.
Dort sorgte seine Familie für das endgültige Ende seines Vagabundenlebens.
Freunde seines verstorbenen Vater engagierten für ihn in Washington Privatlehrer, und Temple studiert daraufhin im Osten vier Jahre lang Rechtswissenschaften.
Als er nach Texas zurückkehrte, war er gerademal neunzehn Jahre alt.
Dort angekommen eröffnete er im Brazoria County eine Anwaltspraxis und zeigte hier bereits ein erstaunliches Geschick für publikumswirksame Auftritte.
Er war ein juristisches Wunderkind. Obwohl seine praktische Erfahrung gegen null tendierte, bearbeitete er seine Fälle dermaßen geschickt und trat vor Gericht so überzeugend auf, dass er innerhalb kürzester Zeit einer der erfolgreichsten Anwälte in Texas war.
1880 beschloss das texanische Parlament die Einrichtung eines neuen Distriktgerichts für den Texas-Panhandle. Temple Houston bewarb sich um das Amt des Bezirks-Staatsanwalts und wurde gewählt, obwohl er zu diesem Zeitpunkt erst einundzwanzig Jahre alt war.
Das Amt war eines der gefährlichsten im ganzen Süden der Vereinigten Staaten. Der Panhandle war zu dieser Zeit ein bevorzugtes Gebiet von Banditen, Revolverhelden, Viehdieben und räuberischen Indianerbanden, die immer wieder ihre Reservationen verließen, um zu plündern, zu rauben und zu morden. Es gab nicht viele Ansiedlungen und die meisten waren sehr klein und nur schwer zugänglich. Houstons Amtssitz und der Mittelpunkt des Bezirks waren Tascosa.
Eine Rinderboomtown, die zwar nicht so bekannt war wie ihre berühmten Vorgänger, aber ihnen weder in punkto Gewalt noch in Gesetzlosigkeit in irgendeiner Weise nachstand. Egal ob sie Dodge City, Abilene, Wichita oder Newton hießen, Tascosa war stets einen Tick härter. Die Stadt war das geschäftliche Zentrum für die damals bedeutendsten Viehzüchter des Landes. Namen wie Chisum, Littlefield, C. C. Slaughter, Leigh Dyer und Lucian Scott sind Freunden des Genres sicherlich noch heute ein Begriff.
Ihre Cowboys ritten nach der Arbeit regelmäßig in die Stadt, um sich dort zu vergnügen und einen Großteil ihres Lohnes zu verprassen. Dabei erwartete sie eine Armada von Spielern, Betrügern, Mördern und Huren.
Obwohl Houston nur eine Kompanie Texas-Ranger unter dem Kommando von Captain G. W. Arrington zur Verfügung hatte, um Recht und Gesetz in diesem Gebiet durchzusetzen, verstand er es wie kein Zweiter, auf die Verständnisse und das Rechtsempfinden der Bevölkerung einzugehen. So wurde Tascosa unter seiner Amtsführung zu einer der wichtigsten Städte im Mittelwesten.
Durch seine Arbeit wurde er schnell über die Grenzen seines Distrikts hinaus bekannt.
1886 kandidierte er für den Senat in Washington, wurde gewählt und 1888 im Amt bestätigt. Er wurde zum einflussreichsten Senator des Südens und sein Wort hatte bis in höchste Regierungskreise enormes Gewicht.
Dann kam der Tag, an dem das Indianerterritorium Oklahoma zur Besiedelung freigegeben wurde. Erneut wurde Temple Houston von seiner alten Abenteuerlust erfasst. Er verzichtete auf eine weitere Kandidatur für den Senat und eröffnete stattdessen 1893 in Woodward/ Oklahoma eine Anwaltspraxis.
Binnen kurzer Zeit war er bekannter und beliebter als je zuvor.
Er sorgte dafür, dass in dem kleinen Städtchen Guthrie eine Spielhalle geschlossen wurde, nachdem man dort einen kleinen Jungen um all sein Geld betrogen hatte, er übernahm die erfolgreiche Verteidigung des texanischen Cowboys Red Tom, nachdem dieser kaltblütig einen Indianer ermordet hatte, und erreichte einen Freispruch für die im Mai 1899 des Mordes angeklagte Bordellbesitzerin Minnie Stacey. Er gewann diesen scheinbar hoffnungslosen Prozess, indem er vor den Geschworenen mit bewegenden Worten die doppelte Moral der Gesellschaft anprangerte und mit beißendem Sarkasmus jene geißelte, welche die Frau auf die Anklagebank gebracht hatten, aber des Nachts trotzdem heimlich ihr Etablissement besuchten.
Houston war ein begnadeter Redner, der intelligent, scharfsinnig und souverän debattierte und die meist unerfahreneren und nicht besonders gebildeten Geschworenen mit psychologischen Tricks und oratorischer Wortgewaltigkeit so zudeckte, das über zwei Drittel seiner Fälle mit einem Freispruch seines Mandaten endeten.
Wenn er alle Register seiner juristischen und demagogischen Fähigkeiten zog, gewann er sogar die hoffnungslosesten Fälle. Noch heute ist jene bühnenreife Show, mit der er einst einen Cowboy verteidigte, der einen Revolverhelden erschossen hatte, legendär.
Es begann damit, dass ihm der Richter das Zeichen gab, endlich mit dem Plädoyer zu beginnen.
Temple ging langsam auf die Geschworenenbank zu, schob seine Hände lässig in die Hosentaschen und ließ seine Blicke über die Gesichter der Geschworenen gleiten.
»Hohes Gericht«, begann er mit eindringlicher aber dennoch ruhiger Stimme. »Mein Mandant ist des Mordes angeklagt, da er angeblich aus niedrigen Motiven das Leben eines anderen ausgelöscht hat. Sehen Sie sich meinen Mandanten an, hochverehrte Geschworene! Er ist ein Mann wie Sie. Seine Hände sind voller Schwielen und sein Rücken ist gebeugt von der Arbeit. Er ist ein ehrlicher Mensch, der sich bisher noch nie etwas zuschulden hat kommen lassen. Wer aber war der Tote? Er war ein im ganzen Land gefürchteter Revolverheld, der zahlreiche Menschen auf dem Gewissen hatte und der sich ein Vergnügen daraus gemacht hat, seine Mitmenschen in Angst und Schrecken zu versetzen.«
Danach verstummte er einen Moment und ließ seine Worte auf die Geschworenen wirken. Als er Interesse in ihren Zügen bemerkte, begann es in seinen Augen zu blinken. Dann wurde seine Stimme leidenschaftlicher.
»Dieser Mann also, ein brutaler, grausamer Verbrecher, der aus unerklärlichen Gründen bislang dem Galgen entgangen war, forderte meinen Mandanten zu einem Duell heraus. Wissen Sie, was das bedeutet, hochverehrte Geschworene? Ein Mann, der vom Umgang mit seinem Revolver lebt, steht jemandem wie Ihnen gegenüber. Ihnen, die Sie vielleicht einmal im Jahr eine Waffe in der Hand halten und wenn Sie Glück haben, aus zwanzig Fuß Entfernung ein Scheunentor treffen. Versuchen Sie, sich das vorzustellen, versuchen Sie, sich in die Lage meines Mandanten zu versetzen. Er hatte Angst, er wollte leben. Er hat nicht gewartet, bis der Halunke zum Revolver griff. Er hat ihn erschossen, ohne ihm eine Chance zu geben, weil er sonst selber keine Chance gehabt hätte. Genauso wenig, wie Sie eine gehabt hätten, Gentleman! Ich behaupte, dass Sie in der gleichen Situation ebenso wie mein Mandant gehandelt hätten. Denn was erwartet Sie, wenn Sie sich auf eine Auseinandersetzung mit einem Revolverhelden einlassen? Wissen Sie überhaupt, wie schnell und sicher so ein Mann schießen kann?«
Die letzten Worte hatte Temple Houston in den Saal gerufen.
Fast gleichzeitig schlug er sein Anzugjackett zurück und einen Sekundenbruchteil später lag ein langläufiger Revolver in seiner Hand. Fächernd schlug der Anwalt mit der Linken über den Hammer.
Ein Feuerwerk von Mündungsblitzen zuckte auf die Geschworenenbank zu. Die Schüsse fielen dabei so rasch hintereinander, dass sie wie ein einziger klangen. Kaum war der letzte verhallt, steckte die schwere Waffe wieder in seinem Halfter, während Pulverdampf durch den Gerichtssaal wallte.
»Das, Gentleman«, rief Temple den Geschworenen zu, die langsam und mit kreidebleichen Gesichtern unter ihrer Bank hervorkrochen, wo sie Deckung gesucht hatten, »das haben ehrliche und anständige Menschen wie Sie oder mein Mandant zu erwarten, wenn Ihnen ein Revolverheld gegenübersteht.«
Richter und Jury schnappten noch hörbar nach Luft, während Houston fortfuhr.
»Glauben Sie noch immer, dass mein Mandant ein kaltblütiger Mörder ist?«
Daraufhin zogen sich die Geschworenen zu einer Beratung zurück. Sie war allerdings nur von kurzer Dauer und ihr Ergebnis eindeutig, wie die Geschichte zu berichten weiß.
»Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass der Angeklagte nicht schuldig ist.«
Danach war seine Anwaltspraxis in Woodward das meistfrequentierte Anwaltsbüro in ganz Oklahoma. Kein Strafverteidiger bearbeitete so viele Fälle wie Temple Houston.
Mit ein Grund für seine überaus große Beliebtheit war die Tatsache, dass er in all seinem Tun glaubwürdig den typischen Rechtsanwalt der Pionierzeit des amerikanischen Westens darstellte.
Eigenwillig, hemdsärmelig, bullig und nicht auf juristische Phrasen, sondern auf den gesunden Menschenverstand und die ungeschriebenen Regeln der Grenzer bauend, die sich in der Praxis seit Jahrzehnten bewährt hatten. Im Gegensatz zu den theoretischen, papiernen Vorschriften eines Justizapparates, der vom wirklichen Leben soviel Ahnung hatte wie die vielzitierte Kuh vom Sonntag.
Wenn sich dem geneigten Leser dabei Parallelen mit unserer heutigen Zeit aufdrängen, so ist das nicht beabsichtigt, sondern leider nur wieder ein neuer Beweis, dass der Mensch immer noch nichts aus der Geschichte gelernt hat.
Temple Houston starb am 14. August 1905 in Woodward. Trotz seines unkonventionellen Auftretens hinterließ der sogenannte Revolveranwalt unübersehbare Spuren in der Justizgeschichte der amerikanischen Pionierzeit.
Quellenangabe und Danksagung:
Ohne das Wissen des Altmeisters des deutschen Westerns, Dietmar Kügler, den viele Genrefreunde noch als John Gray und als Exposéautor der legendären Ronco-Serie kennen dürften, sowie seinen Fachbüchern, in diesem speziellen Fall Der Sheriff, wäre dieser Artikel nicht in diesem Umfang und in dieser historischen Genauigkeit erschienen. Wer mehr darüber lesen will, dem sei das gleichnamige im Motorbuchverlag erschienene Werk ans Herz gelegt.
Die ISBN-Nr. ist 3879435006
Copyright by Motorbuch Verlag 7 Stuttgart 1 Postfach 1370
In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal,
euer Slaterman
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