
Slaterman's Westernkurier



Prärie-Aristokratie
Auf ein Wort, Stranger, denn die Aristokraten der Prärie warten schon.
Manche von ihnen waren jung, tollkühn und verwegen, andere bedächtig und vorsichtig, und wieder andere wollten einfach nur den Zwängen gesellschaftlicher Konventionen entfliehen.
Dann gab es noch welche, die sich nach der schrankenlosen Freiheit der Natur sehnten und den wahren Sinn des Lebens nur im Sattel eines Pferdes sahen.
Aber eines hatten sie alle gemeinsam.
Sie alle wollten Dollars machen, soviel und so schnell wie möglich, dazu Macht gewinnen und Macht ausüben. Sie waren sozusagen die Urväter jener geldgeilen Manager und Geschäftemacher, die heute noch unser Leben bestimmen.
Sie hatten erkannt, dass ein Minimum an Investitionen, ein Stiefel voller Mut und eine Handvoll Reiter genügten, um einige Tausend texanische Longhorns von der freien Weide aus gen Norden zu treiben. Nach Abilene, Dodge City, Wichita und Ellsworth, dorthin, wo die steigende Nachfrage des Ostens nach Fleisch die Marktpreise in immer schwindelerregendere Höhen trieb und damit eine ideale Voraussetzung für astronomische Gewinnsummen schuf.
Dieser Menschenschlag war eine einmalige Kombination aus Abenteurern und Geschäftsleuten. Im Gegensatz zu den bloßen Glücksrittern aber, die in solchen Epochen ebenso schnell untergingen wie aufstiegen, waren sie gestandene Persönlichkeiten, deren Namen durch ihren unbeugsamen Willen, ihrem Mut und dem daraus resultierenden wirtschaftlichen Erfolg auch heute noch in aller Munde sind.
Denn sie waren im Besitz von etwas, das vielen Geschäftemachern heute fehlt. Für sie waren Begriffe wie Ehre und die Unumstößlichkeit eines gegebenen Versprechens keine Fremdwörter und sie hatten Stil.
Die Rede ist von einer spezifisch amerikanischen Art der Aristokratie, wie es sie davor und danach nie wieder gegeben hat: den Rinderkönigen.
Den Anfang machten Charles Goodnight, sein Partner Oliver Loving und ein Ire namens John G. Adair. Sie waren die ersten, die den Weg durch die Staked Plains nach Westen und damit den Rindermarkt in New Mexiko und Colorado entdeckten.
Goodnight erschloss den Palo Duro Canyon, vertrieb die Indianer, die Büffel und Bären und erbaute das erste Ranchhaus im Panhandle. Er experimentierte als Rinderzüchter mit Durham und Herefords und machte nach 5 Jahren bereits 510.000 Dollar Gewinn.
Nach zehn Jahren besaß er 1.3 Millionen Acres Weideland und 100.000 Rinder. Ein Acre entspricht etwa einer Fläche von 4050 Quadratmetern. Seine JA-Ranch ist heute noch eine der größten texanischen Ranches.
Ihm folgten berühmte Rancher wie Dan Waggoner, Burk Burnett, Ike Mullins und die daraus resultierende XIT, die größte Ranch der Welt.
Während Goodnight sein Besitztum mit der Waffe in der Faust begründete, war Richard King der erste Rinderkönig, der sein Land käuflich erwarb.
Mit zehn Jahren lief er seinen Eltern in New York davon und heuerte als Kabinenjunge auf einem Schoner an. Mit zweiundzwanzig besaß er eine Flotte von mehr als zwei Dutzend Dampfbooten, die zwischen den gefährlichen Treibsandbänken des unteren Rio Grande del Norte verkehrten und 1852 gründete er zwischen dem Nueces River und dem Golf von Mexiko seine erste Ranch. Nach und nach dehnte er sein Imperium bis zur Größe eines europäischen Fürstentums aus, machte die ersten Versuche, sein Land einzuzäunen, und züchtete mit dem Santa Gertrudis Rind eine Rasse, die aufgrund ihrer Friedfertigkeit und dem hohen Fleischanteil allmählich das sehnige, jähzornige aber dennoch weit verbreitete texanische Longhorn verdrängte. In Texas ist diese Rasse heute noch genauso berühmt wie King selber.
Ein weiteres Mitglied dieser spezifischen Aristokratie war Milton Faver.
1857 errichtete er seine legendäre Cibolo-Springs-Ranch, die durch ihre Pfirsichplantagen, oder genauer gesagt durch den daraus gewonnenen Schnaps in der damaligen Zeit weltberühmt wurde.
Seine Ranch war wie eine Festung gebaut und besaß sogar Kanonen. Neben seinen Rindern betrieb Faver auch noch die erste Schafzucht in Texas. Später eröffnete er ein Frachtgeschäft, das ihn noch reicher machen sollte.
Der erste reinblütige Texaner in dieser Gilde war Christopher Columbus Slaughter, ein 1837 im Sabine County geborener Fels von einem Mann.
Kaum zwanzig, errichtete er bei Palo Pinto mit 600 Rindern die erste Ranch in diesem Land und heiratete eine gewisse Cynthia Anne Jowell, die außer ihrer jugendlichen Schönheit noch beträchtliche Fähigkeiten im Reiten, Schießen, Tanzen und Fluchen vorzuweisen hatte.
Die ersten Jahre allerdings kam C.C. Slaughter, wie er allgemein genannt wurde, nicht dazu, sich um seinen Viehbestand zu kümmern.
(Übrigens ein Schelm, wer bei dieser Buchstabenkonstellation jetzt an C.C. Slaterman denkt.)
Stattdessen hatten er und seine Frau alle Hände voll damit zu tun, räuberische Indianer abzuwehren.
Aber bereits kurz nach dem Bürgerkrieg, den er als hochdekorierter Colonel verließ, war sein Viehbestand auf über 12.000 Rinder angewachsen und 1890 umfasste sein Imperium
knapp 405.000 Hektar, ein Gebiet so groß wie das heutige Großherzogtum Luxemburg.
Etwa zur gleichen Zeit, als Richard King damit begann, vom Küstengebiet des Golfs Besitz zu ergreifen, erschien hundert Meilen westlich am Rio Brazos ein gewisser Abel H. Shanghai Pierce mit einem Donnerschlag in der Szene. Der mittelgroße, schlanke Rancher, der stets mit einem hellgrauen Flanellanzug bekleidet war, hatte den Mut eines Löwen und die Stimme eines Zyklopen. Wie viele andere Großrancher, King und Iliff zum Beispiel, zog auch er es vor, mit einem leichten Einspänner zu fahren. Sein gigantischer Negercowboy, der ihm stets wie ein Schatten folgte, trug dabei ständig einen schweren Sack voller Goldstücke bei sich, sozusagen als allgegenwärtige Bank.
Wie die meisten der anderen Rinderkönige liebte auch er es, keine Versprechungen zu machen, wenn man etwas gleich geben oder leisten konnte. So verachtete auch er Schecks, Wechsel oder Banknoten, weil sie in seinen Augen nur Zahlungsversprechen darstellten. Ein richtiger Mann zahlte stets in Gold, in bar und auf die Hand.
Wahrscheinlich würde nicht nur er sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass es heutzutage Mode ist, selbst einen Naturjoghurt mit einem Warenwert von 19 Cent an der Kasse mit Karte zu bezahlen. Aber zurück zu jener Zeit.
Trotz der beigeführten Summen ist kaum versucht worden, einen Rancher zu berauben.
Jeder Halunke im Westen wusste genau, das ihm Tausende von Cowboys das Geld wieder abjagen und zurückgeben, ihn aber am nächsten Ast aufknüpfen würden.
Shanghai Pierce war ein erfolgreicher Geschäftsmann, für den Reichtum, Macht und persönliche Vorteile alles, Heldentum aber nichts war. Als ihn einmal jemand nach seinen militärischen Verdiensten während des Bürgerkrieges befragte, erhielt dieser zur Antwort:
»Ich war so etwas wie ein Generalmajor; beim Vormarsch stets hinten, bei der Flucht immer vorn.«
Dennoch besaß er ein ausgeprägtes Ego, wie folgendes Beispiel aufzeigt.
Schon zu Lebzeiten eine Legende, forderte er 1886 von Bay City, einer Stadt, die auf seinem Grundbesitz erbaut worden war, dass man ihm ein Denkmal setzte.
Als die Stadtväter zögerten, errichtete Shanghai Pierce kurzerhand mitten auf dem Marktplatz einen quadratischen Zaun und ließ für 10.000 Dollar eine dreizehn Meter hohe Bronzesäule aufstellen, deren oberste Plattform seine übergroße Gestalt schmückte.
Ein weiterer bemerkenswerter Mann dieser illustren Runde war Mayor Andrew Drumm. Er war Goldgräber, Fleischwarenfabrikant, Trailboß und schließlich Rinderzüchter, der um 1870 über 150.000 Acres Land zwischen Texas und Oklahoma besaß. Er war auch der Erste, der sein Land mit Stacheldraht einzäunte.
John W. Iliff betrieb ursprünglich am Oregon Trail eine kleine Ranch, wo er die kranken und halbverhungerten Rinder der vorbeiziehenden Auswanderer aufkaufte und sie wieder herausfütterte. Als Erster begriff er die Bedeutung des Wasserrechts für die offene Weide und die Möglichkeiten des Heimstättengesetzes. Er erwarb langgestreckte Uferstücke am Platte River, die er durch weitere, auf den Namen seiner Cowboys übertragene Stücke vergrößerte. So verfügte er schließlich über 35 Meilen Ufer und besaß damit die Kontrolle über ein vielfaches an Quadratmeilen landeinwärts. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens war er der ungekrönte Rinderkönig von Wyoming mit einem Herrschaftsgebiet von 100 Quadratmeilen und der Stadt Julesburg als Zentrum.
So bedenkenlos die Rinderkönige ihren Besitz gegen Viehdiebe und Indianer mit Kugel und Strick verteidigten, so stark war ihr Solidaritätsgefühl untereinander und zu ihren Männern.
Der ungeschriebene Ehrenkodex unter den Cattlemen galt als Gesetz, dessen Beachtung jedem die Loyalität seiner Umgebung zusicherte.
In den späten Jahren des Rinderbooms kamen viele Rancher und Cowboys zu der Überzeugung, dass ein Verzicht des Waffentragens ihre Lebenserwartung deutlich erhöhen würde.
Das stimmt doch gar nicht, werden vielleicht jetzt einige denken, aber das Einzige, was nicht stimmt, sind jene Klischees über den sogenannten Wilden Westen, die noch heute in den Köpfen vieler vorherrschen.
Da der Westernkurier des Geisterspiegels nur über historisch verbürgte Ereignisse und Menschen berichtet, werden diese Tatsachen nicht wir, sondern zwei Zeitzeugen erklären, die diese Epoche wirklich miterlebt hatten.
John Simpson Chisum, der Rinderkönig der Staked Plains, lehnte es strikt ab, im Umgang mit seinesgleichen eine Waffe zu tragen. Sein Ausspruch, dass nur ein Halbidiot gegen einen leibhaftigen Mann blank zieht, mag arrogant klingen, ist aber das Ergebnis einer sehr logischen Überlegung. Übrigens, Idiot an sich war nicht nur damals schon eine Beleidigung, eine Halbierung des Wortes, also Halbidiot dagegen noch eine Steigerung.
Wer also auf einen unbewaffneten Mann schoss, war der Vergeltung durch Angehörige, Freunde oder Zeugen des Vorfalls sicher. Jemand, der das Verbrechen des Mordes, so wie ihn der Ehrenkodex definierte, beging, hatte keine Chance ungeschoren davonzukommen.
Eine solche Tat kam einem Selbstmord gleich.
Murdo Mackenzie, der erfolgreichste und bestbezahlte Manager von Rindersyndikaten in Amerika formulierte es so:
Ich glaube nicht an die Notwendigkeit, eine Waffe tragen zu müssen. Zunächst einmal kann ich niemand daran hindern, aus dem Hinterhalt auf mich zu schießen. Da nützt mir die schönste Waffe nichts. Gibt es aber einmal aus irgendeinem Grund Streit, fallen unüberlegte Worte, so kommt es gleich zu einer Schießerei, wenn ich eine Waffe trage. Also verzichte ich lieber auf den Colt. Außerdem ist für mich das Tragen einer Waffe so etwas wie eine Provokation und eine Entschuldigung für andere. Nein, in unseren Kreisen trägt man keine Waffen mehr.
Soweit unser kleiner Ausflug in die Ehrenwelt der Cattlemen, aber jetzt zurück zu einem weiteren Mitglied dieser sogenannten Prärie-Aristokratie.
Als Arizona noch lange nicht US-Territorium war, gehörte Pete Kitchens Ranch zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten des Landes.
Das festungsähnliche Anwesen mit den dicken Mauern aus Adobe lag unweit von Nogales auf einem Hügel, von dem aus er seinen ganzen Besitz überblicken konnte. 10.000 Acres bestes Land, auf dem Korn, Gemüse und Melonen in Massen gediehen. Sein besonderer Stolz jedoch war seine Schweinezucht. Sein Speck und sein Schinken waren im Umkreis von 100 Meilen berühmt und wurden noch in den Restaurants von Tucson und Phoenix als Delikatesse serviert.
Pete Kitchen, gebürtiger Holländer, war ein Original, wie ihn nur der Westen hervorbringen konnte. Seine Gastfreundschaft war die eines spanischen Granden, seine Spielleidenschaft aufgrund seiner exorbitanten Einsätze bis nach Tucson berühmt und sein Kampfgeist selbst unter den Apachen berüchtigt.
Er endete genauso ungewöhnlich, wie er gelebt hatte.
Im hohen Alter verkaufte er seine Ranch für 60.000 Dollar, ging nach Tucson und verspielte, verhurte und versoff das ganze Geld innerhalb von zwanzig Tagen. Um dem geneigten Leser einmal diese gewaltige Summe näher zu bringen, sei folgendes Beispiel erlaubt.
Zu jener Zeit verdiente ein durchschnittlicher Cowboy 30 Dollar im Monat. Mit diesem Geld war er durchaus in der Lage eine Familie zu ernähren. Kitchen dagegen verjubelte 3000 Dollar am Tag.
Da bekanntlich alles irgendwann einmal zu Ende geht, wollen wir mit Kitchen unseren Bericht über die Rinderkönige, jener Prärie-Aristokratie, wie sie es nur in jener Zeit im Westen geben konnte, beenden. Sicherlich wurden viele Namen aus dieser Gilde überhaupt nicht erwähnt, sei es der Schwabe Conrad Kohr in Montana, die deutschstämmigen Rinderkönige Henry Miller und Baron Richthofen, die Franzosen Marquis des Mores in Dakota, Pierre Wibaux oder Baron de Bonnemains, der Chinese Yun-Ting oder Kwamoto aus Japan und Driscill aus Irland. Aber dieser Bericht will auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Genaueres kann man alles in einschlägigen Büchern nachlesen, wobei ich hier immer wieder gerne auf Dietmar Küglers Fachverlag für Amerikanistik verweise. Nein, dieser Bericht sollte lediglich Einblicke in das wahre Leben dieser Männer geben und das Ganze sozusagen grob umreißen. Wenn jetzt nur zwei oder drei Leser neugierig auf mehr geworden sind, hat dieser Artikel bereits sein Ziel erreicht.
In diesem Sinne,
bis die Tage, euer Slaterman
Quellen:
- H. J. Stammel, Das waren noch Männer, Lizenzausgabe des Econ-Verlages Düsseldorf
- Der Cowboy von A bis Z, Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh, Berlin, München, Wien
- Die TIME LIFE BUCHREIHE Der Wilde Westen
- Archiv des Autors C.C. Slaterman
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