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Slaterman's Westernkurier

Auf ein Wort, Stranger, bevor wir uns aufmachen, ein Mythos zu zerstören

Heldensohn und Menschenschinder, wenn es jemals einen Mann im Westen gegeben hat, auf welchen diese Worte zutrafen, dann war es George A. Custer.
Wir erinnern uns, als in einer der vorangegangenen Ausgaben des Westernkuriers über den berühmten General und dessen Frau berichtet wurde. Wie er damals, am Ende des Bürgerkrieges und auf dem Höhepunkt seiner Karriere, an der Spitze der Siegerparade über Washingtons Pennsylvania Avenue ritt. Ein strahlender Held, mit schulterlangen Locken, einer dandyhaften, selbst zurechtgeschneiderten Uniform und einem karmesinroten Halstuch, mit dem er die Blicke aller Frauen auf sich zog.
Die Geschichte weiß von Liedern die Musikverlage mit seinem Namen veröffentlichten, von Berichten aus Wochenzeitschriften, von Empfängen im weißen Haus und vielem mehr.
Dieselbe Geschichte weiß aber auch von einem arroganten Arschloch zu berichten, das um der Karriere willen über Leichen ging.
Einzig und allein seiner Frau, die einer Löwenmutter gleich, die um ihr Junges kämpfte, ihn mit Haut und Haaren verteidigte, hatte er es zu verdanken, dass man ihn nicht schon zu Lebzeiten aus dem Land gejagt hatte.
Die Liste seiner Verfehlungen reichte aus, um ein Dutzend anderer Soldaten vor einem Erschießungskommando antreten zu lassen.
Verletzten Soldaten die ärztliche Hilfe verweigern, unerlaubtes Entfernen von der Truppe und Vorgesetzte bis hin in Präsidentenkreise öffentlich als Betrüger zu bezeichnen waren nur einige der dunklen Flecken auf seiner ehemals weißen Weste.
Anlässlich der Veröffentlichung des Buches »Untergang am Little Big Horn« im Persimplex - Verlag will der Westernkurier anhand historischer Dokumente aufzeigen, was für ein Mensch dieser wohl berühmteste Befehlshaber der 7th Cavalry in Wirklichkeit war.
Beginnen wollen wir mit Zeitzeugen und Wegbegleitern Custers.
General David Stanley beschrieb ihn als kaltblütigen, unwahrhaftigen und prinzipienlosen Mann, den die meisten seiner Offiziere verachteten.
Mark Kellogg, ein Korrespondent der Zeitung New York Herald, hingegen berichtete über ihn als ein Mann, der von seinen Untergebenen verehrt und geliebt wurde und Frederick William Benteen, Captain der 7th Cavalry sagte einmal, dass er stolz auf die Verachtung sei, die er Custer gegenüber empfinde.
Während er im Osten zum Helden hochstilisiert wurde, hatten die Soldaten der von ihm befehligten Truppe andere Ansichten. Er war zu hart zu Menschen und Pferden, er war unfreundlich zu Untergebenen, er hatte immer recht und wechselte zu oft seine Meinung, waren dabei noch die nettesten Dinge, die man sich über ihn erzählte.
Wenn man jetzt die Armeeaufzeichnungen aus jener Zeit zurate zieht, kommt man rasch zu der Schlussfolgerung, dass Benteen und die anderen Soldaten den General so beschrieben, wie er tatsächlich war, nämlich selbstgefällig und arrogant bis in die Haarspitzen.
Anbei nun einige historisch verbürgte Beispiele, die das wahre Gesicht des Boy Generals erkennen lassen.
Im Mai 1867 bekam er den Auftrag, auf dem Weg über die Forts McPherson und Wallace einen Vorstoß gegen die Cheyenne und Sioux zu führen. Als er seine Truppe daraufhin über die sonnenverbrannte Prärie hetzte, dass Dutzende von Männern und Pferden zusammenbrachen, desertierten fünfzehn seiner Soldaten. Custer schickte ein Kommando aus, um diese Männer zu verfolgen. Sein Befehl lautete, die Soldaten zu erschießen und keinen Gefangenen zu machen.
Rasch holten die Reiter die Flüchtigen ein, töteten einen von ihnen und verwundeten drei davon schwer. Zurück bei der Truppe verweigerte Custer dem Arzt das Recht, die Verletzten zu behandeln, worauf mindestens einer der Männer verstarb.
Im November 1868 überrannte er mit 700 Soldaten das Dorf des Häuptlings Black Kettle am Washita River. Der ihm unterstellte Mayor Joel Elliott nahm mit 19 Soldaten die Verfolgung flüchtender Indianer auf. Obwohl ihm mehrmals gemeldet wurde, das schweres Gewehrfeuer aus der Richtung zu hören war, in die Elliot und seine Männer geritten waren, wollte sich Custer nicht auf das Risiko eines indianischen Gegenangriffs einlassen und genoss stattdessen seine Heldentaten am Washita River.
Im Nachhinein stellte man fest, dass Elliot den ganzen Tag über ausgehalten hatte, aber Custer den direkten Weg zum Ruhm einer Hilfsaktion gegenüber Elliot vorzog.
Die Truppe wurde gegen Abend desselben Tages schließlich aufgerieben.
Als sich abzeichnete, dass er am Feldzug gegen die Sioux nicht teilnehmen würde, reiste er nach Washington und behauptete während der sogenannten Indian Ring Affäre, dass Orville Grant, der Bruder des Präsidenten, ebenfalls an Geschäften beteiligt war, in denen es um den Verkauf von gestohlenem, für die Indianer bestimmtem Getreide ging.
Lediglich Phil Sheridans Fürsprache war es zu verdanken, dass ihn der Präsident nicht auf der Stelle von allen Ämtern enthob.
Custer war am Ende, und deshalb erscheint es im Nachhinein auch logisch, warum er mit aller Gewalt den Angriff gegen die Indianer führen wollte. Nur ein grandioser Sieg gegen eine gewaltige Übermacht von Feinden konnte ihn davor bewahren, mit Schimpf und Schande davongejagt zu werden. Diesen Gedanken impfte er in den letzten ihnen verbleibenden Nächten auch seiner Frau ein. Unbarmherzig, unerbittlich, ansonsten ist es nicht zu erklären, warum Libbie nach seinem Tod eine lebenslange Kampagne führte, durch welche der Name des Boy Generals bis in unsere Zeit hell erstrahlen sollte.
Sie sprach Generäle im Kriegsministerium auf ihre Ritterlichkeit an, erzwang eidesstattliche Versicherungen und heckte ständig neue Pläne aus, um die Schuld den ihrer Meinung nach wahren Sündenböcken in die Schuhe zu schieben, ob sie nun Terry, Benteen, Reno oder General Stanley hießen. Sie errichtete im Herzen von New York eine Art Hauptquartier, von dem sie aus gegen jeden und alle vorging, die vorhatten, den Namen ihres geliebten George in den Schmutz zu treten.
Sie wurde zum Schreckgespenst all jener, die es wagten, der Sache bei Little Bighorn River auf den Grund gehen zu wollen.
Nach und nach starben all jene, die wussten, was wirklich geschehen war, und so entwickelte sich allmählich der Mythos um Custer.
Erst als Libbie im Alter von einundneunzig Jahren für immer die Augen schloss, begannen sich die kritische Stimmen wieder zu mehren.
Aber der Mythos blieb, alle schwiegen, jetzt mal abgesehen von solchen Querköpfen wie beim Westernkurier.

Quellen:

  • The Westerner erschienen bei Michael Jordan Ltd. London 1974
  • David Nevin: Der Wilde Westen, Die Soldaten, Time Life, Amsterdam 1979
  • H.J. Stammel: Der Cowboy von A bis Z
  • Bild- und Dokumentenmaterial aus dem Archiv des Autors C. C. Slaterman

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