
Multimedia allgemein

Der Kampf der ewig Gestrigen
Vom Ende der Kassette
Einst, in seligen Kindertagen, legte ich Platten auf oder schob Kassetten in den Abspieler, wollte ich ein Hörspiel hören.
Dann wuchs ich heran und das Thema Hörspiel hörte für mich zu existieren auf. In Kontakt mit diesem Medium kam ich erst wieder, als meine eigenen Werke dieserart vertont werden sollten.
Ich war, gelinde gesagt, erstaunt, dass sich erwachsene Menschen für Hörspiele begeistern können. Zumindest bis ich begriff, dass es tatsächlich Hörspiele für Erwachsene gibt.
Seitdem höre ich selbst wieder die gespielten Romane.
Nun wuchs ich in einer Zeit auf, in der die CD ihren Siegeszug antrat. Ich erlebte den Aufstieg des neuen Mediums mit und nehme auch an seinem Sturz teil – digitale Audioformate machen dem Silberling den Garaus.
Umso erstaunlicher ist es, dass manche Hörspiele tatsächlich noch auf Kassette erscheinen. Europa ist imho das einzige Label, das an dieser uralten Form festhält. Laut eigenem Bekunden konnte man sich Bänder sichern, als die Produktion dieser eingestellt wurde.
Nun aber geht dieser Vorrat zur Neige und nur noch eine Serie – Die drei Fragezeichen – soll künftig auf Kassette erscheinen; für Sammler.
Zwar gibt es bei uns im Haushalt noch eine Stereoanlage mit Kassettendeck, aber darin nistet eine Spinnenfamilie seit Jahren ungestört und fühlt sich recht wohl hinter den beiden Klappen. Kassetten, das ist für mich ein Relikt aus einer Zeit, in der ich noch zur Schule ging.
Nächsten Monat werde ich 39.
Umso erstaunlicher finde ich den Aufschrei, der durch die Reihen der Hörspielfreunde geht. Manche rufen gar zu einem Kampf für die Kassette auf.
Die meine Güte!
In Zeiten, in denen die CD ihrem Ende entgegensieht, wird um ein Relikt gerungen, als ginge es um das eigene Leben.
Nun sind Hörspiel-Fans, das sehe ich immer wieder, wenn ich in den Foren unterwegs bin, sehr konservativ eingestellt. Viele möchten nicht einmal mp3-Hörspiele, trotz aller Vorzüge. Sie schwören, niemals von der CD abweichen zu wollen.
Nun ja, so lange es die Silberlinge noch gibt …
Dass manche Hörspiel-Hörer aber derart altbacken sind, dass sie gar der Kassette nachtrauern, ist für mich nicht nachvollziehbar.
Zumindest nicht, wenn es um die Sache geht.
Anders sieht es aus, wenn man die Psychologie ins Spiel bringt. Denn ich vermute sehr stark, dass es um ein Stück Jugend geht, welches da zu Grabe getragen werden soll. Um das nostalgische Gefühl, um die Erinnerung an eine Zeit, als man mit kurzen Hosen und aufgeschürften Knien durch die Gegend rannte, sich abends auf den Boden vor dem großen Kassettenrecorder legte und sich von den Geschichten in eine andere Welt tragen ließ.
Nun, meine lieben Hörspiel-Fans – ihr werdet nicht jünger, nur weil ihr euch noch Kassetten kauft. Die Zeit des Mediums ist um. So wie die Zeit der großen Tonbänder, der Schellack-Platten und der VHS-Recorder vorbei ist. Sie kommt nicht wieder, und wenn ihr euch in euren Kassetten vergrabt und den Duft von Plastik einatmet. Selbst eine durch den Wolf gedrehte und intravenös verabreichte Kassette mit den drei Fragezeichen bringt die Jugend, die Unbeschwertheit und das Kindliche nicht zurück.
Zeit also, dem Medium ein letztes Ruhe in Frieden nachzurufen und sich neuen Ufern zuzuwenden, an denen man die nächsten 50 Jahre kleben kann.
Die CD wird es noch eine Weile geben. Auch an ihr kann man sklavisch kleben.
Denn wenn Hörspielfans eins schätzen, dann das, was Bestand hat. Veränderungen und Neues hingegen verabscheuen sie. So lange, bis das Neue alt ist …
Warum muss ich ausgerechnet jetzt an Hobbits denken …?
Copyright © 2011 by Gunter Arentzen