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Prähuman – Band 1

Das Geheimnis der Hyperzivilisation

Prolog

New York, Oktober 1994

Roswitha Jones hatte Kopfschmerzen. Sie hatte die ganze Nacht über nicht geschlafen. Und jetzt, da sie gerade am Eindösen war, hämmerte irgendein Vollidiot gegen die Tür ihres Hauses.

Die Klingel war seit ein paar Wochen kaputt, doch sie hatte keine Lust, Geld für irgendeinen nichtsnutzigen Handwerker auszugeben. Vielleicht würde dieser Störenfried wieder verschwinden, wenn sie sich nicht rührte.

Sie drehte sich in ihrem Bett um.

Das energische Klopfen ging weiter.

»Verfluchter Scheißkerl!« Sie setzte sich auf und schaute auf den alten Wecker. Es gab niemanden, den sie um sieben Uhr morgens erwartet hätte. Aber vielleicht galt der Besuch gar nicht ihr. Wahrscheinlich war es wieder irgend so ein Flittchen ihres Mieters, der im Stockwerk über ihr wohnte. Diesen Typen besuchten fast täglich irgendwelche Frauen. Aber so früh am Morgen?

Roswitha stand ächzend auf und humpelte aus ihrem Schlafzimmer. Sie war 73, doch ihre morschen Gelenke führten stets dazu, dass sie sich zehn Jahre älter fühlte.

Das Pochen gegen die Tür hörte einfach nicht auf. Irgendjemand schien also wirklich etwas von ihr zu wollen. Oder irgendeine Knallerbse hatte sich in der Adresse geirrt.

»Ich komme ja gleich, verdammt!« Ihre raue Stimme hallte durch die einsame Wohnung. Ihr Mann war vor zehn Jahren gestorben, ihre Tochter wollte nichts mehr von ihr wissen.

Roswitha trat hinaus in die Diele.

Im selben Moment hämmerten die Schläge erneut gegen die dicke Holztür.

»Ich bin doch kein Schnellzug, verflucht!«

Roswitha schob mehrere Riegel zurück.

Und öffnete.

Sie hatte keine Zeit zu erkennen, wer von diesen Kerlen die ganze Zeit über ihre Haustür misshandelt hatte. Sie wurde von einem in schwarz gekleideten Mann zur Seite gedrückt, während vier andere Männer in ihre Wohnung drangen.

»Ist er da?«, zischte der Typ, der sie am Kragen ihres Nachthemdes hielt.

»Wer sind Sie überhaupt?«

»Das geht dich nichts an, Oma. Ich möchte wissen, ob er da ist.«

»Was wollen diese Scheißkerle in meiner Wohnung?«

Der Mann drückte sie fester gegen die Wand. »Wir suchen Paul Symmes.«

»Der ist bestimmt nicht in meiner Wohnung, Sie Dreckskerl. Mr. Symmes wohnt im oberen Stockwerk.«

Der Mann ließ sie los und lief zu der schmalen Holztreppe, welche in den oberen Stock hinaufführte. Die vier anderen Männer folgten ihm.

Das Poltern ihrer Schritte endete mit einem lauten Krach, als sie oben die Tür eintraten.

Roswitha löste sich von der Wand und trat mit einer Mischung aus Furcht und Neugierde an den Treppenabsatz. Sie vernahm aufgeregte Rufe. Möbel kippten um. Wenige Augenblicke später kamen die fünf Männer die Stufen wieder herunter.

Erneut packte sie der Anführer am Kragen. »Wo ist er?«

»Ich hab keine Ahnung. So lang der Kerl seine Miete bezahlt, kann er tun und lassen, was er will.«

»Da oben wohnt niemand!« Der Mann ließ sie los und gab seinen Leuten mit einem kurzen Nicken zu verstehen, dass sie hier ihren Auftrag erledigt hatten.

Kaum hatten diese fünf sonderbaren Typen ihr Haus wieder verlassen, sackte Roswitha kraftlos auf die unterste Stufe. Was in Dreiteufelsnamen war das denn gewesen? Auf einmal kam ihr jener letzte Satz wieder in den Sinn: Da oben wohnt niemand.

Verflucht, hatten die keine Augen im Kopf? Natürlich wohnte da oben jemand. Sie hatte Paul Symmes doch erst gestern Abend gesehen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Standen diese Typen unter Drogen?

Roswitha umfasste das Geländer und stützte sich daran ab, während sie aufstand. Mit einem seltsamen Gefühl im Magen schaute sie die Treppe hinauf. »Mr. Symmes? Sind Sie hier?«

Keine Antwort.

Ächzend machte sie sich daran, die Stufen zu erklimmen. Als sie oben ankam, fiel ihr als Erstes die aufgebrochene Tür auf, die nur mehr an einer Angel hing. »Mr. Symmes?«

Sie betrat seine Wohnung.

Das Licht der Morgensonne drang durch die Fenster des Wohnzimmers. »Hallo? Mr. Symmes?«

Sie schaute sich um.

Wie war das möglich? Was um alles in der Welt hatte das zu bedeuten? Außer einem umgekippten Regal und einem umgeschmissenen Schreibtisch war die Wohnung leer.

Dieser Typ hatte recht gehabt.

Hier oben wohnte tatsächlich niemand.

Teil 1

Kambodscha, August 2009

1

Frederic Tubb wäre nie von selbst auf die Idee gekommen, freiwillig nach Kambodscha zu reisen. Er hasste tropisches Klima. Diese elende Hitze brachte einem manchmal fast um den Verstand. Aber genau in diesem Augenblick befand sich Tubb in einem Helikopter über dem Dschungel dieses noch immer vom Bürgerkrieg gezeichneten Landes. Tubbs Armbanduhr zeigte fünf Minuten nach acht. Die morgendliche Sonne kämpfte sich durch einen diesigen Himmel. Vor einer Stunde hatte er es gerade noch geschafft, eine Tasse Kaffe zu trinken. Der Zeitunterschied hatte seinen Appetit nicht gerade gefördert. Erst gestern war er mit einer Maschine der British Airways aus London am Flughafen von Phnom Penh angekommen. Mit Zwischenstopp in Bangkok. Direktflüge gab es nicht.

Während der Pilot den Helikopter über die Baumwipfel des kambodschanischen Dschungels steuerte, betrachtete Tubb mit müden Augen den aufsteigenden Dunst, der die ganze Landschaft wie ein gespenstisches Leinentuch umgab.

Tubb arbeitete zurzeit als Gastprofessor an der Universität von London. Sein Spezialgebiet betraf rätselhafte Phänomene und Artefakte. Egal, ob es sich um Frösche handelte, die vom Himmel regneten, mysteriöse Hufspuren auf Fensterbrettern im dritten Stock eines Hochhauses in Glasgow oder um sonderbare Kunstwerke und seltsame Gebäude. Frederic Tubb gehörte zu denjenigen, die bei solchen Entdeckungen und Ereignissen als Erstes gerufen wurden. Er hatte bereits unzählige Artikel über diese Thematik veröffentlicht, die in Expertenkreisen viel zitiert und nicht selten gelobt wurden, zum Missfallen von Wissenschaftlern, welche den Grenzwissenschaften skeptisch gegenüberstanden und seine Arbeiten als lächerlich abtaten. Tubb ließ sich von seinen Kritikern jedoch nicht unter den Tisch ziehen. Als Grenzwissenschaftler musste er es nun einmal hinnehmen, dass Vertreter der so genannten »kritischen« Wissenschaft für außergewöhnliche Fälle nichts anderes als Spott und Hohn übrig hatten.

Als Teilnehmer von Kongressen reiste Tubb ständig um die Welt, um interessierten Studenten und Kollegen von seiner Arbeit und seinen neuesten Forschungsergebnissen zu berichten.

Diese Tätigkeit hatte ihn letztendlich in einen Helikopter geführt, der soeben den Dschungel von Kambodscha überflog.

Schuld daran waren ein Telegramm und ein darauf folgendes, nur wenige Sekunden dauerndes Telefonat gewesen. Ansonsten hätte sich Tubb in das von ihm ungeliebte feuchtheiße Klima Südostasiens nicht noch einmal vorgewagt. Seinen letzten Aufenthalt in Bangkok vor drei Jahren hatte er mehr auf der Toilette als im Hörsaal verbracht.

Das Telegramm hatte nur aus zwei Worten bestanden: Sensationelle Entdeckung. Es stammte von Jung Kyo Park, einem mit ihm befreundeten Archäologen aus Südkorea, der gerade Forschungsarbeiten in Kambodscha leitete. Tubb hatte ihn auf der Stelle angerufen. Der koreanische Wissenschaftler hatte euphorisch in den Hörer gebrüllt: »Komm sofort her! Ein irrsinniger Fund!«

Tubb kannte Jung Kyo Park schon seit Langem, sodass er wusste, dass diesen eigentlich so gut wie gar nichts aus dem Häuschen bringen konnte. Ganz im Gegenteil, Parks stoische Ruhe war es, die Tubb selbst manchmal außer Rand und Band brachte. Ein vor Begeisterung und Aufregung brüllender Jung Kyo Park bedeutete, dass es hier in der Tat um eine Sensation ging. Tubb hatte sofort einen Flug gebucht. Seine beiden Mitarbeiter Maki Asakawa und Hans Schmeißer begleiteten ihn.

Als sich vor ihnen eine weite Lichtung auftat, bereitete der Pilot den Helikopter für die Landung vor.

»Was soll hier sein?«, fragte Hans, der auf einem der beiden hinteren Sitze saß. Er beugte sich vor, um besser durch das Cockpitfenster sehen zu können. Er hatte kurze, blonde Haare und wirkte recht schwerfällig. Aber das täuschte. Seit mehreren Jahren trainierte er in zwei Vereinen Boxen und Kung-Fu. »Jung Kyo Park hat eine Lichtung im kambodschanischen Dschungel entdeckt und teilt dir das als Sensation mit?«

Tubb grinste. Hans gehörte wahrscheinlich zu den ungeduldigsten Menschen, die es auf der Welt gab. Wenn er etwas nicht sofort nachvollziehen konnte, glaubte er als Erstes, hinters Licht geführt worden zu sein. Seine ungestüme Art hatte ihn bereits mehrmals in scharfe Konflikte mit anderen Wissenschaftlern gebracht. Nur mit größter Mühe hatte Tubb die Wogen jedes Mal glätten können.

»Jung Kyo Park hat auf der Lichtung sein Basislager aufgebaut«, erklärte Maki, die neben Hans saß. Vor zwei Jahren hätte sie beinahe die Wahl zur Miss Tokyo gewonnen. Sie wollte nie damit herausrücken, wie es überhaupt dazu gekommen war. Wahrscheinlich hätte niemand sie auf Anhieb für eine Wissenschaftlerin gehalten. Sie hätte genauso gut auf der Titelseite eines Modemagazins erscheinen können. Ihre sanften Gesichtszüge, ihr langes, schwarzes Haar sowie ihre stets körperbetonte Kleidung ließen die Herzen der Studenten sowie Professoren höher schlagen.

Hans war auf jeden eifersüchtig, der Maki zu nahe kommen wollte. Und das waren nicht wenige. In ihre Sprechstunde kamen auch Studenten, die nicht einmal ihr Fach studierten. In ihrem Postfach fanden sich öfters mehr Verehrerbriefe als wissenschaftliche Unterlagen. Maki aber nahm alles mit einer gewissen Gelassenheit. »Seine Entdeckung befindet sich ein paar Kilometer weiter im Dschungel«, fügte sie hinzu.

»Tubb, sag mir bitte, dass das nicht wahr ist«, wandte sich Hans an den Professor. »Nicht in den Dschungel. Lichtung ist in Ordnung. Aber nicht in den Dschungel.«

»Was ist daran so schlimm?«, fragte Tubb.

»Als Kind hab ich mal eine Tiersendung gesehen, in der gezeigt wurde, wie riesige Spinnen ganze Netzstraßen zwischen den Bäumen gebaut haben. Seitdem habe ich mir eines geschworen: nie einen Dschungel zu betreten.«


Die vollständige Story steht als PDF-Download zur Verfügung.

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2 Kommentare zu Prähuman – Band 1

  • Wieso lässt sich Band 1 nicht herunterladen ? Würde gerne in die Serie von Anfang an einsteigen.

    Gruß
    Jürgen Becker

    • W. Brandt sagt:

      Hallo Jürgen,
      der Fehler ist beseitigt, sodass der Band 1 wieder heruntergeladen werden kann.
      Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass die Serie “Prähuman” nur noch bis Monatsende auf dem Geisterspiegel zu finden sein wird. Im Einvernehmen mit dem Autor werden wir sie offline setzen. Die Serie wird von Max Pechmann überarbeitet und durch ihn selbst vermarktet.

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