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Die Tage des Teufels

Alfred Meißner
Die Tage des Teufels
Eine Kriminalnovelle von aus Westermanns Monatshefte Nummer 12, 1857

In den Gebirgen der Steiermark gegen die Grenze Ungarns hin herrscht bei den Bewohnern der Dörfer ein seltsamer und eigentlich furchtbar zu nennender Aberglaube. Drei Tage im Jahr tritt Gott von der Regierung der Erde ab und übergibt sie dem Teufel, darin zu walten nach Herzenslust.

Freundschaften, die ein Vierteljahrhundert gedauert und die schärfsten Proben bestanden haben, brechen da an einem kaum übel gemeinten Wort. Das beste nachbarliche Einvernehmen gerät durch den kleinlichsten Anlass in Verwirrung und artet fort an in Hader und Händel aus. Treue Liebschaften werden gebrochen und neue leichtsinnig und widersinnig zum Unheil beider Teile geknüpft. Ein Streit, in dieser Zeit begonnen, der sonst gütlich beigelegt werden könnte, führt zum schlimmsten, nicht selten zum tragischen Ausgang. Das Geflüster eines Verleumders, das sonst als abgeschmackte Lüge angehört worden wäre, findet Glauben. Eifersucht befällt die Menschen, Lust zu Gewalttaten taucht in Gemütern auf, die bis dahin nichts Arges dachten, verlockende Träume reißen zu unheilvollen Handlungen hin, Betörung, gewaltsame Wendungen der Gesinnung nehmen in diesen Tagen ihren unheimlichen Anfang. Wenn so der Arglose unter schädlichen Einflüssen leidet, so fühlt sich der Streitsüchtige und Gewalttätige desto mächtiger zu Untaten getrieben. Der Bösewicht fasst nicht bloß in dieser Zeit seine Pläne zur Beschädigung und Vernichtung anderer, sondern führt sie auch aus. Und dabei ist das Entmutigendste, dass Sünde und Verbrechen unentdeckt bleiben und straffrei ausgehen.

Wie den Menschen trifft auch die Tiere der Fluch dieser Tage, wie denn überhaupt die ganze Natur zu erkranken und in Wut zu geraten scheint. Durch die Lüfte weht ein Hauch, der Krankheiten, Schwermut, Wahnsinn bringt. Plötzliches Tauwetter überschwemmt die Wohnungen der Menschen, große Schneestürme verwehen Dörfer und Straßen. Ein Feuer, das ein Ruchloser anstiftet, löscht keine menschliche Hilfe. Es versteht sich von selbst, dass in den drei Tagen Hexenkünste unumschränkt wirken und dem Teufel mit dessen Beistand in die Hand arbeiten.

Um sich in diesen Tagen, die kurz nach Lichtmess fallen, nach Möglichkeit zu schützen und dem waltenden Unheil vorzubeugen, strömt schon lange zuvor alles zur Kirche. Man weiht Kerzen, man spendet Almosen. Die drei Tage selbst werden in Sorgen verbracht: Die Leute leben unruhig, wie die Menschen zur Zeit der ägyptischen Plagen, als der Würgengel umherging, die Erstgeburt zu töten.

Dieser antireligiöse, echt mittelalterliche Aberglaube verdankt seinen Ursprung eigentlich der Verzweiflung des Menschen, der den Weltlauf beobachtet und wahrnimmt, wie die ärgsten Untaten und Bedrückungen anderer so oft straffrei ausgehen oder zu spät bestraft werden, und wie sogar die besten Absichten und die edelsten Handlungen an den Verhältnissen scheitern und nicht selten in ein entsetzliches Gegenteil umschlagen. Man sieht nicht nur das Laster über die Tugend triumphieren, sondern auch, was noch mehr erschreckt und das Gemüt zurückwirft, man sieht, wie nicht selten das Gute und Edle auf seinem Weg zum Bösen ausartet und die Tugend mit dem Laster gleichsam Brüderschaft schließt. Bei der Betrachtung dieses Schauspiels muss der einfache, beschränkte Menschenverstand den Faden der Beurteilung verlieren, lichtlos umhertappen und wieder bei dem unverlöschlichen Drang, sich Aufklärung zu verschaffen, die Zuflucht zu Annahmen nehmen, die auf den ersten oberflächlichen Blick hin blödsinnig erscheinen und wie sehr sie es sind, doch dem verzagten, bedrückten Gemüt aufhelfen.

Eine solche Annahme ist die von den Tagen des Teufels. Sie sucht sich das Bild eines allsehenden gütig waltenden Gottes in seiner Reinheit zu erhalten und nimmt an, dass er selbst zuweilen von dem Bösen, das auf dieser Welt beinahe notwendig geschehen muss, nichts wissen wolle. Vermöchte eine solche trügerische Erfindung zu beruhigen, dann müsste aller Wahrheit zum Trotz gesagt werden, dass sie wohltätig wirkt und zu dulden sei. Aber mit Recht wird sie als Aberglaube gebrandmarkt, weil der Grundsatz, der auf Irrtum beruht, nur augenblickliche zufällige Hilfe bietet und in seinem Gefolge eine ganze Saat von Verkehrtheiten und endlich unausbleibliches Verderben führt.

 

Die nachfolgende Erzählung hat einen wirklichen Vorfall aus der dortigen Gebirgsgegend zur Grundlage. Es ereignete sich in den als verhängnisvoll bezeichneten Tagen und es wird von den Leuten auf ihn, als auf eine Bestätigung ihres Glaubens, mit lebendiger Warnung hingewiesen, obwohl schon mehr als anderthalb Jahrzehnten über ihn dahin gegangen sind. Es mochte allerdings Verwunderung verdienen, dass zwei Nachbarhöfe, die seit dreißig Jahren in einem leidlichen Auskommen nebeneinander standen, binnen drei Tagen aus den kleinsten Anlässen in Verwicklung gerieten und zum Schauplatz dicht aufeinanderfolgender Katastrophen wurden. Der ungebildete Verstand sieht in dem scheinbaren Missverhältnis von Ursache und Wirkung gern das Spiel eines übernatürlichen Einflusses, und doch ist es nicht so selten in dieser Welt, dass eine gute Absicht sich ins Gegenteil verkehrt und ein tragischer Ausgang einen alltäglichen, oft humoristischen Beginn hat! Was den Teufel betrifft, der in dieser Geschichte mitspielt, so hat er seine Rollen nur den handelnden Personen zu verdanken, deren Fantasie er mit seiner berückenden Vorstellung erfüllt und verdunkelt.

 

*

 

Der Wettergrund in der Steiermark ist eine hoch gelegene Talgegend, in welcher ein Häuflein zerstreuter Hütten steht. Zwei mächtige Gebirgszüge umziehen sie im Halbkreis. Ganz zuhinterst auf bedeutender Höhe stehen zwei Bauernhöfe, der Ringhof und der Althof. Die Besitzer sind die wohlhabendsten Bauern weit und breit, aber es gibt auch nicht zwei erbittertere Nachbarn, wie diese beiden. Unnachgiebige, rechthaberische Menschen von Natur, haben sie einen Hass gegeneinander groß gezogen, an welchem jede Vermittlung scheitert. Seit fünfzehn Jahren führen sie einen Prozess wegen einer Weide, deren Wert nicht soviel beträgt, wie die Stempelgebühren der Klageschriften bereits gekostet haben. Sie sehen das beide ein, aber der Streit ist ihnen willkommen, sie zahlen gern, um nur einen Gegenstand zu haben, an dem sie sich zausen können.

Einige Tage vor Lichtmess saß der alte Ringhofer auf der Ofenbank und schmauchte seine Pfeife, als ein Bote eintrat und ihm die Rechnung des Advokaten vom vorigen Jahr überbrachte.

»Gut, gut!«, sagte der Ringhofer gemütlich, die Rechnung nehmend und hineinsehend. »Zweiunddreißig Gulden neunzehn Kreuzer.«

Nachdem er eine Weile die Spezialisierung der einzelnen Arbeiten seines Advokaten, die ebenso viel Schikanen gegen den Althofer waren, schadenfroh lächelnd durchgesehen hatte, sagte er zu seinem Sohn, einem schönen jungen Menschen von etwa zweiundzwanzig Jahren: »Geh Michael, mach die Geldlade auf und bezahle den Boten.«

Michael tat es, und der Bote ging.

Der Ringhofer sagte darauf zu seinem Sohn: »Ich höre, dass der Nachbar drüben einen Advokaten hat, der den Leuten die Haut vom Leib zieht. Das ist mir eben recht, er ist eine Kanaille.«

»Ach Vater«, erwiderte Michael, »mir gefällt die ganze Geschichte nicht. Wir könnten das alles ersparen und die besten Nachbarn sein, doch darüber haben wir so oft gesprochen. Wir wollen nicht wieder leeres Stroh dreschen.«

»Auch ich wäre von Herzen froh«, sprach der Alte, »wenn ich einen guten Nachbarn hätte. Der Kerl dort ist aber keiner. Ich muss mich an ihm herumreiben, schon um ihm zu zeigen, dass ich ihn nicht fürchte. Sonst wäre ja nicht auszukommen. Der Kerl ist wie ein Wiesel, wenn er einen anhaucht, schwillt das ganze Gesicht an.«

»Ihr seid im Grunde kein besserer Nachbar«, versetzte Michael. »Doch sei es, wie es sei – der Gescheitere gibt nach.«

»Nachgeben?«, rief der Alte aufspringend, »Du bist toll! Du kennst den alten Drachenkopf nicht! Nachgeben wäre ihm wie zum Kreuze kriechen – da lieber sich herumbalgen, dass die Haare in der Nachbarschaft herumfliegen!«

»Nun, wie Ihr wollt!«, meinte Michael. Ein gar trüber Zug verfinsterte sein schönes, offenes Gesicht.

»Ich glaube gar«, sagte der Vater, ihn ansehend, »es tut dir leid um den Althofer?«

»Ihr wisst nichts«, warf Michael mit Schmerz gedämpfter Stimme hin, ohne sich zu regen.

»Was gibt’s? Was gibt es?«, fragte der Alte. »Du wirst doch nicht, aber rede, rede!«

»Reden hilft nichts!«, sagte Michael. »Besser ich fahre in den Wald und hole das Holz.«

Er wollte hinausgehen.

»Du bleibst!«, rief der Ringhofer, indem er seinen Sohn festhielt. »Ich glaube gar, die Thekla …«

»Ja, die Thekla!«, seufzte Michael, warf sich auf den Stuhl und hielt beide Hände vor das Gesicht, um die hervorbrechenden Tränen zu verbergen.

Ringhofer, über diese Entdeckung bestürzt, sagte ganz zaghaft, wie gewärtig, das bestätigen zu hören, was er fürchtete: »Du hast doch keine Liebschaft mit der Thekla?«

»Schon seit Langem liebe ich sie!«, wimmerte Michael, während seine Tränen fortströmten.

»Hinter meinem Rücken?«, rief der Alte. »Daraus kann nie und nimmer mehr etwas werden!«, setzte er mit Entschiedenheit hinzu.

»Ich weiß es«, sagte Michael sanftmütig, indem er sich aufrichtete. »Darum will ich auch in die weite Welt gehen.«

»Du willst mich verlassen!«, klagte der Alte. »Ach, wenn das deine tote Mutter hörte! So recht! Verlass den, der für dich alles getan hat, um eines einfältigen Mädchens willen! Weiß der Althofer davon?«

»So wenig, wie Ihr es gewusst habt, Vater!«, war die Antwort.

»Der würde vor Freude bis zur Decke springen!«, rief Ringhofer, »bloß darum, weil er nun einem von uns wehtun zu können glaubt.«

»Thekla«, erwiderte Michael, »würde es sich gar nicht getrauen, es ihm zu sagen. Es ist wie bei Euch. Wozu würde es auch führen? Wenn Ihr einmal Nein sagt, sagt es der Althofer zehnmal hintereinander.«

»Gut, dass du es nur einsiehst«, sagte Ringhofer etwas beruhigter. »Thekla ist wohl ein braves und liebes Mädchen, das einmal eine hübsche Sache mitbekommt, aber solche findest du noch viele.«

»Ich bedanke mich!«, antwortete Michael. »Die muss ich kriegen!«

»Wie denn, Narr?«, fragte der Alte.

»Ich warte, bis der Nachbar stirbt«, war die Antwort, »und sollte ich darüber so grau werden wie Ihr!«

Er eilte zur Tür hinaus.


Die vollständige Story steht als PDF, EPUB, MOBI und AZW3 zur Verfügung.

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