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Der Marone – Tot oder schlafend?

der-marone-drittes-buchThomas Mayne Reid
Der Marone – Drittes Buch
Siebenundvierzigstes Kapitel

Tot oder schlafend?

Als Herbert Vaughan den toten Körper seiner Cousine zuerst erblickte, machte sich sein ungeheurer Schmerz in einem wilden Schrei Luft, dem die peinlichen Töne der Seelenangst folgten. Er schleuderte seine Flinte auf den Felsen, kniete neben dem Körper der heiß geliebten Verblichenen nieder, erhob ihr lockiges Haupt etwas vom Felsen, blickte im Übermaß seines Grams mit starren Augen auf das holde sowohl im Tod als auch im Leben schöne und sanfte Antlitz und küsste dann die regungslosen Lippen, küsste sie wiederholt und immer wieder von Neuem mit der ganzen Inbrunst einer leidenschaftlichen jugendlichen Liebe, gleich, als hoffe er, durch seine Liebesglut die Huldgestalt der Verklärten wieder dem Leben zuzuführen. Einige Zeit dauerten solche, sich manchmal fast zum Wahnsinn steigernde Ergüsse der leidenschaftlichen Liebe wie des schmerzlichen, sein ganzes Lebensglück vernichtenden Grams. Jeder der Umstehenden ehrte die Heiligkeit seines Schmerzes durch tiefes Stillschweigen. Kein Wort, kein Laut störte die allgemein empfundene tiefe Trauer. Cubina schluchzte und stöhnte freilich laut, denn er hatte Grund genug, tief von dem Hinscheiden der noch nicht einmal wirklich gewonnenen Schwester ergriffen zu sein. Allein seine Seufzer wurden nicht gehört, sie wurden von einer stärkeren, gewaltigeren Stimme übertönt, dem melancholischen und eintönigen Rauschen, des schon seit Erschaffung der Welt ununterbrochen klagenden Wasserfalls.

Jetzt war die von Cubina gehaltene Fackel fast niedergebrannt, während Herbert noch immer seine leidenschaftlichen, von den bleichen Lippen unerwiderten Küsse fortsetzte. Allein dass er das flackernde verglimmende Licht bemerkte, erhob er sich, machte den Umstehenden ein stummes Zeichen und deutete feierlich auf den Ausgang der Höhle. Er wurde auch verstanden und seinem Wink sofort Folge geleistet, denn seinem außerordentlichen Schmerz gemäß wurde er von allen als Hauptleidtragender zu solchen Anordnungen vollkommen berechtigt anerkannt.

Die Maronen kreuzten deshalb ihre Arme unter der leblosen Gestalt, hoben sie vom Felsen auf und trugen sie mit ernstem feierlichen Schweigen, indem sie dem vorangehenden Herbert folgten, in die Hütte, wo sie die holde Leiche sanft auf die Rohrbettstelle hinlegten. Nachdem sie dies getan hatten, zogen sich alle aus ursprünglichem Zartgefühl sofort zurück und ließen Cubina und Herbert mit der Entseelten allein.

Abermals verging einige Zeit, bevor einer von ihnen zu reden vermochte, denn beide waren durch den tiefen plötzlichen Schmerz sowohl der Sprache als auch des sicheren Nachdenkens beraubt. Cubina brach jedoch zuerst das düstere Schweigen.

»Bei Gott!«, sagte er leise mit vom Schmerz erstickter Stimme, »ich kann eigentlich gar nicht begreifen, woran sie gestorben ist. Wenn sie nicht Chakras Anblick getötet hat, der freilich dazu wohl genügend ist.«

Auf diese zu einem Gespräch und einer weiteren Nachforschung auffordernden Worte erfolgte keine andere Antwort, als ein vom tiefen Kummer zeugendes Ächzen.

»Wenn das Ungeheuer«, fuhr der Marone fort, »wirklich Gewalt gebraucht hat, so kann ich doch keine Spur davon finden. Es ist keine Wunde da, noch sonst irgendetwas zu sehen, was den Tod herbeigeführt haben könnte. Das arme Geschöpf! In ihrem Mund ist etwas Dunkles, aber Blut ist es nicht.«

»O Gott!«, rief Herbert, den Maronen durch einen neuen Ausbruch seines leidenschaftlichen Schmerzes unterbrechend. »Zwei Leichen aus demselben Haus, Vater und Tochter, fast am selben Tag gestorben und beide die Opfer der schändlichen Niederträchtigkeit. O Gott!«

»Beide die Opfer des nämlichen Schurken, wie ich sicher glaube«, erwiderte Cubina. »Dieselbe Hand, die den Kustos hingestreckte, hat auch, wenn ich mich nicht gänzlich täusche, bei diesem schrecklichen Verbrechen mitgewirkt. Chakra ist nur das Werkzeug, ein ganz anderer hat den eigentlichen Streich versetzt. Sie werden wohl wissen, wen ich meine, Herr Vaughan?«

Herbert wurde an der Antwort gehindert. Eine in der Tür erscheinende dunkle Gestalt zog die Aufmerksamkeit beider von diesem Gegenstand des Gesprächs ab.

Quaco hatte die traurigen Nachrichten erfahren und war, nachdem er bei der Bewachung des Nachens abgelöst worden war, zur Hütte geeilt. Er war es, der jetzt in der offenen Tür stand und sie mit seiner Riesengestalt fast gänzlich ausfüllte. Nach einem kurzen Verweilen trat er in die Hütte selbst und betrachtete das holde starre Antlitz der Entseelten sowohl mit Aufmerksamkeit als auch mit großer Rührung. Merkwürdigerweise schien jedoch dies Gefühl der Trauer und der Rührung aus seinem Gesicht einem ganz anderen Platz zu machen, denn es nahm nach und nach einen unverkennbar fröhlichen Ausdruck an, und zwar so entschieden, dass dieser trotz des heftigen, sie ganz in Anspruch nehmenden Grams dennoch die Aufmerksamkeit der beiden Trauernden erregte. Beide bemerkten Quacos frohe Miene zu gleicher Zeit und bei beiden brachte sie bitteren Unwillen über seinen gänzlichen Mangel an Gefühl sowie über seine Rücksichtslosigkeit hervor.

»Quaco!«, sagte Cubina mit vorwurfsvollem Ton, »hier ist gewiss nicht die Zeit und der Ort, um munter und froh zu sein. Was in aller Welt mag dich hier zum Lächeln reizen, während andere neben dir von tiefer Trauer überwältigt sind?«

»Wie denn, Hauptmann?«, erwiderte Quaco, »ich sehe nicht ein, was hier zu trauern ist, denn die Trauer über den Kustos ist ja doch wohl schon zu Ende?«

Diese seltsame und dabei in heiterer Weise erteilte Antwort musste die beiden in große Verwunderung setzen. War Quaco auf einmal verrückt geworden?

»Hier in der Gegenwart des Todes«, sagte der junge Maronenhauptmann und warf einen höchst strengen Blick auf seinen Leutnant, »wünschte ich doch, du legst deine gewöhnliche lustige und spaßhafte Stimmung zur Seite. Es steht dir schlecht an …«

»Tot, sagt Ihr, Hauptmann! Tot?«, unterbrach Quaco ihn. »Wer ist hier tot?«

Auf diese sonderbare Frage erfolgte keine Antwort. Diejenigen, an welche sie gerichtet schien, waren tatsächlich zu erstaunt und verwundert, um irgendeine Antwort finden zu können.

»Wenn Ihr etwa die junge Herrin da meint, das junge Fräulein Vaughan«, fuhr Quaco ruhig fort, »dann seid Ihr von einem großen Irrtum befallen. Das Fräulein ist nichts weniger als tot, so wahr ich Quaco heiße! Tot? – Wirklich! Unsinn das! Sie schläft nur!«

Herbert und Cubina sprangen von ihren Sitzen auf und jeder stieß einen lebhaften Schrei der Verwunderung aus, in dem sich auch offenbar einige Hoffnung kundgab.

»Wer hat ein Stückchen Spiegelglas?«, fuhr Quaco fort und warf einen forschenden Blick in der Hütte umher. »Ganz gut!«, rief er dann mit Zufriedenheit aus, als er, ein Stückchen eines zerbrochenen Spiegels fand. »Hier ist schon so etwas.«

»Nun seht mal zu«, sagte er, während er ein Stückchen Spiegelglas nahm und es mit einem baumwollenen Läppchen klar rieb. »Ihr seht, es ist jetzt kein Fleckchen darauf.«

Die anderen, noch immer in großer Verwunderung, bejahten dies durch ein Kopfnicken.

»Nun wohl«, fuhr Quaco fort, »Wartet nur einen Augenblick!«

Dann hielt er die glatte Seite des Spiegelglases der vermeintlich Toten einige Minuten lang dicht vor die Lippen, drehte das Spiegelglas um und brachte es dicht an das Licht der Lampe.

»Seht Ihr!«, rief er triumphierend und deutete auf einen leichten weißen Hauch, der den Glanz des Spiegels verdunkelte. »Das ist ihr Atem! Sie ist nicht tot, wie sollte sie sonst Luft holen?«

Zu einer eigentlichen Antwort waren die beiden, dieselbe Beobachtung Machenden zu aufgeregt, sie vermochten die Wahrheit von Quacos Beweisen nur durch verworrene Ausrufungen zu bestätigen.

»Haha!«, rief Quaco aus, ließ das Stückchen Spiegel plötzlich fallen und griff nach einem auf dem Boden liegenden Fläschchen, das jetzt erst bemerkt worden war.

»Was ist denn das«, fuhr er fort, zog den Pfropfen mit den Zähnen raus und hielt den Hals des Fläschchens an die Nase. »Ein Schlaftrunk! Ich dachte es mir gleich! Das ist also der Zauber, der die junge Dame da in den Scheintod gebracht hat. Nun, es gibt etwas anderes, das wird sie wieder aufwecken, wenn ich es hier bloß finden kann. Vorhanden muss es hier sein, das ist gewiss; und wenn ich es nur finden kann, so soll das junge Geschöpf in weniger als zehn Minuten mit Euch reden, wie ich jetzt mit Euch rede.«

Dabei begann der riesenhafte Schwarze aufmerksam in der Hütte umherzusuchen und sah in all die zahlreichen Ritzen und Spalten hinein, die sich in den Mauern sowie im Dach befanden.

Von hoher Verwunderung und von hoffnungsfroher Erwartung ergriffen, wagte weder Herbert noch Cubina die zuversichtlichen Vorbereitungen Quacos zu unterbrechen. Schweigend und staunend saßen beide da und sahen seiner ihnen noch immer rätselhafter Tätigkeit zu.

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